GietzeimZamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Lietzener Anzeiger IrhrgangI932 Freitag, den 22. Januar Nummer b Winter-Melancholie. Von Bruno G e r s b a ch. Wenn des Schnees silberne Wolke hemiederschwebt, Muh ich still von verdämmernden Nächten (innen. Von allem, das uferlos sich in uns verlebt, Um ohne Grenze und Halt zu verwehn, zu verrinnen. Ich denke gewesener Tage: ein Wald, ein Wind, Eine Blume am Bachgrund, ein spielendes Kind, Sonne auf Feldern, eine klingende Nacht, Alles, was einen Sommer beglückend macht... Freuden, die voll eines zarten Glanzes Und sühen Duftes das Herz betören. Welche jetzt auch Im Traume nichts Ganzes Mehr sind und den schwermüden Schlaf uns stören. — Aber niemand weiß, was die Sehnsucht spinnt Und wo aus Schwermut das seltsam welche Ewigkeitsferne und erdengleiche Jubelnde Lied des Glücks beginnt. Denn: irgendwo ist es, daß Mandeln blühn, Dah Vogelflügel durch Goldlüfte ziehn Und südliche Meere sich wiegen im zärtlichen Wind. Mit 6 Zylindern in den Winter. Von Norbert Jacques. Cornelia war nach Chur gefahren. Ich hatte sie nachts im Wagen nach St. Margarethen gebracht, und Karl und ich trösteten uns in einem ländlichen Gasthaus, im Oesterreichischen, in der Nähe von Bregenz, das uns zu jeder Stunde der Nacht öffnete und uns zu esien und zu trinken gab. Denn wer mochte allein [ein und schlafen gehn, wenn Cornelia nicht mehr bei uns war. Es war eine Dezembernacht. Die Luft war unter dem Mondschein Heu und in einer trockenen, spröden Kälte stahlhart gefügt, und mir kam auf einmal, nachdem wir schon Stunden drinnen gesessen, und uns über das Fortsein Cornelias hinwegzutrinken versucht hatten, das Bedenken, der Kühler möchte einsrieren Der Wagen stand im Hof. Ich verließ Karl und die Wirtin, die einsam mit uns sah, und ging hinaus. Aber der Motor sprang gleich an. Schnurrend lief er eine Weile. Die Kälte des Himmels und der stählerne Glast des vereisten Mondlichtes fielen zu mir in den offenen Wagen, der unter dem Eifer des Motors tat, als ob er davonraste, und doch stehenblieb. Der Wagen stand im Hof und hielt die Schnauze mit dem bellenden Motor aus das Sträßlein gerichtet, das draußen vorbei und In die Richtung des Rheintals zog. Es schimmerte in der Nachthelligkeit, wie ein leise und heimlich» davonlaufendes Band. Da kam mir die Frage: . r . „ o Weshalb sitzen wir hier und Cornelia ist in Chur? Denn ich sah auf der Uhr am Schaltbrett, daß es auf drei Uhr zugmg. Also war sie schon dort. Die Frage brachte wohl der Wein in mein Blut. Als ich wieder drinnen bei den beiden saß, sagte ich zu Karl: „Ist es nicht über alle menschliche Vorstellung dumm, daß wir hier sind, wo wir ebensogut bei ihr in Chur sein könnten? ... Der Augenblick des Abschieds tauchte in dem vom Rauch der Zigarren verwehten Halblicht der Stube und dem Geruch von Wein aus der Erinnerung: Ich hab' meinen Mund auf ihre Hand gelegt, rasch noch, allzu fluchtig. Ich sagte in der Verwirrung der letzten Minute des Abschieds eines jener gleichgültigen, gedankenlos immer bei der Hand liegenden Wörter ... Ihr Zug fahrt ins Rheintal südwärts. Ich sitze am Steuer, lasse den Motor an, setze einen Gang ein und wechsle gleich »um großen ub^ unb fahre in der anderen Richtung davon. Ist es vorstellbar? Es hat sich eine unsichtbare Kraft zwischen uns gestohlen. Wir haben nicht einmal versucht, ihrer Meister zu werden. Da sage ich zu Karl: S^LstehEabPich^he aus seinen freudig fragenden Augen, ^„J ck/h abgenug”'*/ jag ich noch. „Es ist zu grenzenlos dumm, komm, “’ÄÄer’ Wirtin für die vier Stunden, die sie unserer Einsam- feit half, und saßen bald in den Mänteln und der begehrlich meber- b?e* gute und^grabe Straße ins Rheintal hin. Cs lag in dem Jahr im Dezember noch kein Schnee am Boben ee. Dre- Uhr schlugen bie Kirchtürme von Bregenz. Wir &ngen bie Schlage nut. Es war eine Herrlichkeit über uns gekommen. Verliebt drucke ich die Kreisung des den Dreh und tomifle wieder heraus. Rasch auf die Straße nach Lichtenstein! Die Lust ist vuf einmal wärmer Die Straße steigt in einsamem Wald. Da liegt Schnee. Die Fahrbahn ist noch dunkel und frei von ihm. Aber als die Wiesen wieder kamen waren sie weiß. Auf bie Schutzscheibe prallen mit heftigem Ungestüm aber bann lautlos zerplatzenb Schneeflocken. Die Kegel ber Scheinwerfer wirbeln voll von ihnen. Es ist, als ob wir sie in unsere Fahrt einfaugten. Wenn sie nun auch schon einen Teppich auf die Straße vor uns legen so drückt sie der Wagen mühelos ein. Es gibt Aufenthalt an der Grenze, beim österreichischen Zollhäuschen und drauf bei dem repra- [entabferen Schweizer. Wohin fahren Sie? , , , , . .. „ Was für eine Frage! Ich muß sieghaft lachen! Wohin anders sollen wir fahren, als nach Chur! War das nicht sattsam ausgemacht und bekannt? Aber es machte sonderbarerweise keinen Eindruck auf den Zöllner. ... ., Doch wie wir weitersteuerten, ging es wie in eine von weißem treibendem Flaum zugeschüttete Höhle hinein. Von dem Berg mit dem menschlich anzüglichen Namen „Drei Schwestern , an dessen Fuß wir uns weiterzumachen hatten, kam ein Märchen aus vergangener Zeit Steuerrads, als sei es Cornelias Hand. Der ganze Wagen war umschnurrt von dem plötzlichen Aufsturm von Gefühlen, die sich aus Erlösung, Zärtlichkeit, Sehnsucht, Erfüllungsnähe, Verliebtheit zusammenbrauten. Vor ihm her stürmten die Scheinwerfer wie ein glühender Ruf nach Cornelia durch das stahlschöne weißkalte Mondlicht ... wie um die Wette mit meinem Herzen, wer das Mädchen zuerst erreichte! ... „Fahr' doch nicht so schnell", mahnte Karl. „Ach, Cornelia wartet in Chur!" rief ich zurück. Links gingen die Berge nahe mit. Sie waren bis auf Kirchturmhöhe herab schon mit Schnee eingedacht. Auf der Westseite des Rheintals bauten sich bie Appenzeller Alpen hin und standen wie Wächter-Riesen an unserm Weg zu dem geliebten Mädchen, an dem Weg, den unser Schnelligkeitszorn von der Entzündung des Herzens geführt wurde. „Schau , sagte ich zu dem guten Karl, „kann man sich jetzt vorstellen, daß es kein Auto gibt? Ein Zug könnte uns erst morgen nach Chur bringen. Wir mühten platzen vor Ungeduld und der Unmöglichkeit, gegen die Zeit und bie Entfernung anzukommen." „Ja, aber doch", bremste Karl, „fahr lieber nicht so rasch!" „Ja, aber doch", bremste Karl, „fahr lieber nicht so rasch!" „Karl, was sinb diese 90 Kilometer, die der Wagen läuft, gegen die 9000, die mein Herz nach Chur rastl" „Ach, du bist ja verrückt!" Karl sprach immer so gemessen. Er hatte eine Sanduhr mit all ihrer rieselnden abgezirkelten Geduld in den Stimmbändern. Man konnte nach seiner Sprechweise selbst in einer so heißen Lage wie der, die uns nachts um drei Uhr durch den Wintertag auf die Fahrt nach Chur geworfen hatte, wachsweiche Eier kochen. Der Anprall der Nachtkälte und des stahlweißen Mondscheins stieß an unsere Backenknochen. Die Gewölbe der Augen waren bald wie mit einer hauchdünnen Eisschicht überzogen. Aber sie verzauberte nur stärker den gläsernen, das Herz hinwirbelnden Spuk des plötzlichen Erlebnisses dieser Nacht, dessen Pulsschlag das verhaltene leidenschaftliche Brausen der rast- losen sechs Zylinder zu sein schien. Ein Dorf mit gewundener Straße fällt an uns ab. Auf das nächste zu! Es ist überstiegen von einem wilden, ungeheuren unb ganz glatten Felsen! Grade die Kirche steht unter ihm unb ber Hahn ihres Turmes reicht noch lange nicht bis an bie Kante des Felsens. Aber über biefe Kante leuchtet schon eine dicke Pelzverbrämung von Schnee. Die Wächter-Riesen in ber Schweiz drüben haben dicke weiße Pelzmäntel an, die bis zu ihren Füßen reichen. In Feldkirch, das ein verliebtes altes Städtchen ist, wenn man durch feine nächtliche Einsamkeit fährt, neigt sich ein Erker mitten im Gesicht eines Hauses vor und schaut neugierig zu uns in den Wagen. Ich werfe im Fahren, von einer stürmischen Ausgelassenheit umarmt, meinen Hut zu ihm hinauf und jauchze: Cornelia! Ich wußte nicht, ob ich vor lauter Zärtlichkeit nicht dem Erker diesen Namen gab, weil er so viel Anteil an unserer Reise zu nehmen schien. ..... Karl stieg aus, um meinen Hut zuruckzuholen. Derweil verfuhrt von der knabenhaften Romantik unseres Unternehmens, glückselig an dem jugendlichen Ungestüm meines Herzens, mache ich Unsinn und fahre in den Laubengang hinein, und trotz der Größe des Wagens in Bogen- linien um bie Pfeiler, bald auf bie Straße, halb roieber in den Laubengang. Unb nun sitze ich fest unb komme nicht mehr weiter. Gasthof „Zum Löwen^ steht über ber Tür, auf bie ber Kühler sich gerichtet hält. Ein Glöcklein in einem nahen Turm wimmert fromme Leute aus ben Betten. Ein Mütterlein kommt bie Straße her, wohl noch im Schlaf halb gefangen, stößt auf ben unter ber Laube festgeklemmten Wagen, schlägt ein Kreuz mit einem kleinen Schrei unb humpelt hastig vor bem Gottseibeiuns davon. Das war wie ein Zeichen, ben Bann zu heben. Denn nun kriege ich cs nachdem grabe herunter Die alte Frau Holle schüttelte ihre Federbetten über uns und di« neue Maschine, mit der wir aus ihrem Weg waren. HopplaI Die Hinterräder lassen es sich nicht mehr gefallen und wollen auch einmal nach vorn. Ich reihe rechtzeitig das Steuer und bringe den Wagen wieder in gerade Bahn. . .Fahr nicht so schnell!" lagt Karl mit der eindrucksvollen Langsamkeit. Ich' antworte mit einem Fluch, denn der Wagen rutscht unter Karls Mahnung diesmal bis an den Grabenrand Und als wir vorsichtig in Vaduz einfahren, machte er ganz herum einen Sprung und stand mit einemmal still in d°r Richtung, aus der wir kamen. Ich war etwas betroffen über diese entschlossene Eigenwilligkeit. „Ohne Schneeketten ..." begann Karl. „D Karl, halt's Maul, ich hab ja keine da! Und dann", fuhr Karl fort, „weiht du denn, wo sie in Chur wohnt? Ach starre ihn an. Als ich mich gesaht habe, begehre ich auf: „Hättest du das nicht schon in Bregenz fragen können? Nein, ich weih nicht, wo sie in Chur wohnt." . , ,. Da fühlten wir, wie inmitten einer großen Traurigkeit ein ebensolcher Hunger kam. Der Wagen stand schon in der paffenden Richtung zur Rückfahrt und dazu vor der Tür eines Bäckers, aus der vollendeten Werk des Backofens duftete. Edouard Manet. Zum 100. Geburtslage des Malers. Von Dr. Paul Landau. Auf der Ausstellung französischer Kunst, die jetzt das Ereignis der Londoner Saison ist, bilden die Werke Manets einen Höhepunkt. Einige seiner berühmtesten, nicht seiner schönsten Bilder — das frühe Porträt seiner Eltern, der „Bon Bock“, das große Stilleben, das die „Brioche“ genannt wird, fein Spätwerk „Die Bar in den Folies Ber- otzres" — schlagen die Brücke von dem Stil der Romantiker und Realisten zu der Freilicht- und Freiluft-Malerei des Impressionismus. Kommt man von der stolzen Leidenschaft eines Delacroix, der beseelten Klarheit eines Ingres, der wuchtigen Kraft eines Courbet zu diefen Schöpfungen, so steht man vor etwas ganz Neuem, einem Evangelium der Schönheit, dessen Kühnheit man nur aus dem Rückblick auf das Vergangene ahnen kann. Den» für uns ist Manet heute so gut ein Klassiker wie feine großen Vorgänger. Seine Gemälde strömen jenen Zauber, jenen Wohllaut aus, der nur den höchsten Leistungen der Kunst eigen ist, und ihre selige Harmonie ist dieselbe wie die der Giorgione und Raffael, der Frans Hals und Vermeer, der Rubens und Watteau. Und doch haben vor diesen fünften und zarten Offenbarungen der reinsten Farbigkeit, der vollendeten Formen bei ihrem Eintritt in diese reiche Welt Stürme getobt, waren sie von den Regenschirmen einer wütenden Menge bedroht, die sich in ihren heiligsten Gefühlen sür das Alte und Bewährte verletzt sah, die in diesen „Klecksereien" eine Verhöhnung ihres Geschmackes, ihrer Weltanschauung erblickte. An was allem, das wir heute gar nicht mehr fehen, hat man sich nicht auf Manets Bildern gestoßen! An feinen Stoffen: daß er einen Absinth-Trinker malte, eine nackte Frau neben angekleideten Herren, Ruderer und kleine Gri- fctten, den banalen Alltag' der Straße. An Einzelheiten: einer Katze, einem Papagei, einem Hund. Immer wieder sind feine Werke von den Ausstellungen zurückgewiefen worden. Er war verachtet, geschmäht wie ein Verbrecher. Wie alle Propheten, die eine neue Wahrheit verkünden, wurde er zum Märtyrer, bis ein späteres Geschlecht bas anbetete, was man vorher »erbammt hatte ... Das uns so unbegreifliche Schicksal von Manets Werk bei seinen Lebzeiten hat nur ben tieferen Sinn, baß es feine Entbeckertat ins helle Licht setzt. Der Revolutionär von gestern ist ber Klassiker von heute. Was er zuerst empfunben, geschaut, gestaltet, bas ist felbftuerftänblid) geworden, und die Nachwelt ahnt kaum noch, mit wessen Augen sie sieht, wer ihr Weltbild so unendlich bereichert. Um aber die Größe seiner Leistung zu begreifen, müssen wir uns darüber klarmachen, worin bas Neue und Unerhörte besteht, das dieser Genius der abwehrenden Menschheit schenkte und bas längst, von unzähligen Nachahmern ausgenommen, zum Gemeingut geworben ist. Manet selbst, ber sonst ber Regel folgte: „Bilbe, Künstler, rcbe nicht!", hat einmal gesagt: „Alles, was ben Geist des Zeitgenössischen und der Menschheit zeigt, hat Wert. Alles, was ihn nicht zeigt, ist Nichts". Das klingt banal, aber es verkündet die ewige Wahrheit, daß jeder echte Künstler nur aus feiner Gegenwart die tiefsten Impulse seines Schassens gewinnen kann und bah er sie fv steigern, so verklären muß, baß sie allgemeingültig, ewig werben. Der gewöhnliche Sterbliche aber ahnt nichts von bem Ewigen und Wunberbaren, das in seiner Umwelt steckt: er sucht seine Ideale im Vergangenen, vielleicht im Zukünstigen und kann es nicht begreifen, wenn ein begnadetes Ackge da die Wonnen und Wunde» des Schönen entdeckt, wo ihn das gewöhnliche und uninteressante Gesicht des Alltags angrinft. Manet war eins dieser Sonntags- kindcr, die mit unbefangenem, mit schöpferischem Blick aus der Natur herausreißen, was an bisher verborgenem Glanz in ihr steckt, die nicht in ben Traum, nicht in bas Unwirkliche zu stüchten brauchen, (onbern bie funkelnde Pracht ber Farbe, ben juwelenhaften Glanz des Lichtes, bie buntle Glut bes Schattens, bas bunte Spiel der bewegten Luft überall finden und vermöge einer ihnen innewohnenden Kraft festzuhalten wissen. Ihm war die Weit, wie bem Goetheschen Erbgeist, ein wechselnb Weden, ein glühenb Geben, und aus bem Gewirr von Farben unb Lichtern vermochte er „ber Gottheit lebenbiges Kleib" zu wirken. Alles, was er ansah unb malte, war neu, — neu bas blühenbe Grau eines Beinkleibes gegen das leuchtende Schwarz eines Rockes gesetzt, neu der koloristische Zusammenklang in dem Besatz einer weiblichen Toilette, neu bas belichtete Grün ber Blätter ober bas sunkelnbe Feuerwerk eines Blumenstraußes. . Er selbst erstrebte nichts anberes als bie Wahrheit; „ehrliche Silber" wollte er malen, bie Dinge in natürlichem Licht, in natürlicher Farbe, keine Pose, nichts Gestelltes. Darin war er sich einig mit ben gleichzeitigen Dichtern, die bie Natürlichkeit auf ihr Panier geschrieben hatten, unb in seinen Bildern ist dieselbe junge frische, derselbe frühlingshafte Dust, di« gleiche unmittelbare Eindringlichkeit, wie in den Schilderungen seines nächsten Verwandten in der Wartkunst, Flaubert. Nur mit Sätzen der „Madame Bovary“ ober der „Education sentimentale ließe sich annähernd die Stimmung eines Manetschen Bildes beschreiben. Aber ebenso wie Flaubert in magischer Weise fein« Beobachtungen durch die Macht seines Stils ins Unvergängliche erhob, so hat auch Manet durch die höchste Verfeinerung und Intensität des Sehens das einfache Natur- motio verklärt, ihm Schönheiten und Reize entlockt d,e niemand vor ihm erblickt. In dem Sohne einer alten französischen Burgerfamilie hatte sich die glückliche Begabung dieses Volkes, fein erlesener Geschmack, feine Steigerung aller Sinnesempfindungen, zu einer nie erreichten Hohe aus- gespeichert; dieser cingesleischte Pariser fp-iegelte in sich und seiner Kunst mit einzigartiger Innigkeit bie weiche und fchmelzende Farbenpracht der Seine-Stadt, von der man nicht mit Unrecht gesagt hast daß sich über ihr der schönste Himmel spanne. In ihm lebte eine Musik der 3 ganzunzu- innntirhp Malckine ohne die heute die Braunkohleninbustrie, eine der wichtigsten Deutschlands, gar nicht bestehen könnte. Auch sonst stnbenJul) unblretee Aufsätze über die Veredlung der Kohle, so ist die umiieuiing der Kokereien aus Nebenprobuktengewinnung, eine Deutschlands Wohlstand entscheidende Wendung (hierbei fielen den Chemikern du Teersarbenstofse in die Hände)'., in einigen Aufsätzen in den Jahren 1884 und 1885 geschildert. Gleichzeitig damit wurden bie Gaswerke vervollkommnet unb ausgebaut. . . . ift uniuöalirf) selbst im flüchtigsten Umriß zu erwähnen, imeviele für bie beutsche Technik unb Jnbustrie grunblegenben Neuerungen in den Lpallen be? BDJ Zeikschrist bas Licht, der Welt erblidt Jaben JietJ« nur noch an das Bessemerverfahren erinnert, das schon im ersten Cayr gange der Zeitschrisk nuftgucht. Es bient zur Stahlherstellung unb gestaltete zum ersten Mche grabe bie deutschen Eisenerze mit ihrer eigenartigen chemischen Zusammenstellung wirklich auszunutzen. B,s dahin wurde.bie Stablfabritation von Verfahren beherrscht, wie bem Pubbeiverfahren und bem in der Kruppschen Fabrik zu hoher Vollkommenheit entwickelten Tieaelstahlguß bie mehr zur Herstellung kleinerer Mengen sich eigneten ober, wu> der Tiegelstcihlguß, ein äußerst bon £5trnm Aii Dcrmortb^in, ben man bis bofyin nur in iicit n tmb zu sehr hohen Kosten in galvanischen Elementen zu erzeugen gewußt hntie Nock wenige Jahre vorher hatte sich eine Pariser Bank, die Feuersicherheit wegen eine elektrische Beleuchtungsanlage haben wollte, zu dem Zwecke eine riesige Batterie von Chrom,äureelementen aufgestellt. Siemens’ Erfindung machte erst die industrielle Erzeugung unb . buna bes Stromes möglich. Schon zwei Jahre spater stellte bie Zeitschrift fest 0bafi „ber Fortschritt auf bem bezüglichen Gebiete '"ausgezeichneter KÄÄ.fÄÄ ES tz werbe burch bie Konstruktion brauchbarer unb billiger Kleinmotoren PM pankraz, der Schmoller. Novelle von Oottfrieb Keller. (Fortsetzung.) Als enblich auch dieser Auszug wieder verschwunden unb es wieder still geworden indem die aufgeregten Nachbarn fi* mit l«lnem Gefolge ebenfalls aus dem Staube gemacht, um da oder dort zu einem iiveno- schöppchen unterzukommen, sagte Estherchen: „Mir ist " nun zu Mute als ob Pankraz ganz gewiß heute noch kommen wurde, da schon so viele unerwartete Dinge geschehen unb solche Kamele, Assen und Baren baqeroefen sinbl" Die Mutter warb böse barüder, daß sie Öen ormei Pankraz mit biefen Bestien.sozusagen rusammenzahlte unb auslachte und hieß sie schweigen, nicht inne werdend, bah sie ia selbst Das gieiaje getan in ihren Gedanken. Dann sagte sie seufzend: „Ich werde es nicht erleben, daß er wiederkommt!" ....... .. , cjubcm sie dies sagte, begab sich bie größte Merkwürdigkeit dieses laaes unb ein offener Reisewagen mit einem Extrapostillon fuhr m Wadit' auf bas stille Plätzchen, bas von ber Abendsonne noch halb bestreift war In bem Wagen sah ein Wann, ber eine Mütze trug wie bie sranzo- fifdien Offiziere sie tragen, unb ebenso trug er einen ed)mnr= und Klnn- bart unb ein gänzlich gebräuntes unb ausgebörrtes Gesicht zur Schau, bas überbies einige Spuren von Kugeln unb Sabe hieben zeig e. Auch mar er in einen Burnus gehüllt, alles dies, wie es französische Militärs aus Afrika mitzubringen pflegen, unb bie Füße stemmte er gegen ein kolossale Löwenhaut, welche auf bem Boben bes Wagens lag; auf bem Rücksitze vor ihm lag ein Säbel unb eine halblange arabische Pfeife nebi anberen fremdartigen Oegenftänben. Dieser Mann sperrte ungeachtet bes ernsten Gesichtes, das et die Augen weit auf und suchte mit denselben rings auf dem 1^6 ein Lus wie einer, ber aus einem schweren Traume erwacht. Beinah taumelnd Ivrana er aus bem Wagen, ber von ungefähr auf ber Mitte des Plätzchens stillhielt; boch ergriff er bie Löwenhaut und feinen ®abel unb g ng sogleich sicheren Schrittes in bas Häuschen ber Witwe, als ob u ° U „or einer Stunbe aus bemfelben gegangen wäre. Die Mutter und Estherchen sahen dies voll Verwunderung und Neugierde und horch- t nllf nu der Fremde bie Treppe herauf käme; benn obgleich sie kaum n7ck von PaLrazius gesprochen hatten sie in diesem Augenblick keine Äbnunq"baß"er es sein konnte, unb ihre Gedanken waren von ber über, röteten' Neugierbe himmelweit von ihm weggefuhrtz Dochurplotzich p n 11 ber Art wie er die obersten Stufen übersprang 2“ j,„ SU« •«« f"U Me S«nte ber Stuben. üäitiÄ Ernste eines fremden Kriegsmannes, nur zuckte --ihm seltsam um die ,.y ' inSnffon hin Wntfpr erbitterte bet feinem 2Inblicf unb fiel) ni")t ^“helfen wußte und selbst Estherchen zum ersten Male gänzlich verblüsst J «A niAt 3U regen wagte. Doch alles dies bauerte nur einen ata« ntet alte Soldatengesicht und ließ schneeweiße Zahne sehen, als er auf sie schon0 roi'e mit einem Zauberschlage berührt hatten. Denn noch ehe ba. Bürschchen sieben Jahre alt gewesen, hatte es schon angefangen, sich ihren Liebkosungen zu entziehen und seither hatte Pankraz in bitterer Sprödigkeit und Verstockung sich gehütet, seine Mutter auch nur mit der Hand zu berühren, abgesehen davon, daß er unzählige Male schmollend zu Bett gegangen war, ohne Gutenacht zu sagen. Daher bedünkte es sie nun ein unbegreiflicher und wundersamer Augenblick, in welchem ein ganzes Leben lag, als sie jetzt nach wohl dreißig Jahren sozusagen zum ersten Male sich von dem Sohne umfangen sah. Aber auch Estherchen bedünkte dieses veränderte Wesen so ernsthaft und wichtig, daß sie, die den Schmollenden tausendmal ausgelacht hatte, jetzt nicht im mindesten den bekehrten Freundlichen anzulachen vermochte, sondern mit klaren Tränen in den Augen nach ihrem Sesselchen ging und den Bruder unverwandt anblickte. Pankraz war der erste, der sich nach mehreren Minuten wieder zusammennahm und als ein guter Soldat einen Uebergang und Ausweg dadurch bewerkstelligte, daß er fein Gepäck heraufbeförderte. Die Mutter i wollte mit Estherchen helfen; aber er führte sie äußerst holdselig zu ihrem Sitze zurück und duldete nur, daß Estherchen zum Wagen herunterkam und sich mit einigen leichten Sachen belud. Den weiteren Verlauf führte indessen Estherchen herbei, welche bald ihren guten Humor wiedergewann und nicht länger unterlassen konnte, die Löwenhaut an dem langen gewaltigen Schwänze zu packen und auf dem Boden herumzuziehen, | indem sie sich krank lachen wollte und einmal über das andere rief: „Was , ist dies nur für ein Pelz? Was ist dies für ein Ungeheuer?" j „Dies ist", sagte Pankraz, seinen Fuß auf das Fell stoßend, „vor drei Monaten noch ein lebendiger Löwe gewesen, den ich getötet habe. Dieser Bursche war mein Lehrer und Bekehrer und hat mir zwölf Stunden lang so eindringlich gepredigt, daß ich armer Kerl endlich von allem Schmollen und Böslein für immer geheilt wurde. Zum Andenken soll seine Haut nicht mehr aus meiner Hand kommen. Das war eine schöne Geschichte!" setzte er mit einem Seufzer hinzu. In der Voraussicht, daß seine Leutchen, im Fall er sie noch lebendig anträfe, jedenfalls nicht viel Kostbares im Hause hätten, hatte er in der letzten größeren Stadt, wo er durchgereift, einen Korb guten Weines , eingekauft, sowie einen Korb mit verschiedenen guten Speisen, damit in Seldwyla kein Gelaufe entstehen sollte und er in aller Stille mit der Mutter und der Schwester ein Abendbrot einnehmen konnte. So brauchte die Mutter nur den Tisch zu decken und Pankraz trug auf, einige gebratene Hühner, eine herrliche Sülzpastete und ein Paket feiner kleiner Kuchen; ja noch mehr! Auf dem Wege hatte er bedacht, wie dunkel einst das armselige Tranlämpchen gebrannt und wie oft er sich über die kümmerliche Beleuchtung geärgert, wobei er kaum feine müßigen Siebensachen handhaben gekonnt, ungeachtet die Mutier, die doch ältere Augen hatte, ihm immer das Lämpchen vor die Nase geschoben, wiederum zum großen Ergötzen Estherchens, die bei jeder Gelegenheit ihm die Leuchte wieder wegzupraktizieren verstanden. Ach, einmal hatte er sie zornig weinend ausgelölcht, und als die Mutier sie bekümmert wieder angezündet, blies sie Estherchen lachend wieder aus, worauf er zerrissenen Herzens ins Bett gerannt. Dies und noch anderes war ihm auf dem Wege eingefallen, und indem er schmerzlich und bang kaum erleben mochte, ob er die Verlassenen Wiedersehen würde, hatte er auch noch einige Wachskerzen eingeEauft, und zündete jetzo zwei derselben an, so daß die Frauensleute sich nicht zu lassen wußten vor Verwunderung ob all der Herrlichkeit. Dergestalt ging es wie aus einer kleinen Hochzeit in dem Häuschen der Witwe, nur viel stiller, und Pankraz benutzte das helle Licht der Kerzen, die gealterten Gesichter feiner Mutter und Schwester zu sehen, und dies Sehen rührte ihn stärker, als alle Gefahren, denen er ins Gesicht geschaut. Er verfiel in ein tiefes trauriges Sinnen über die menschliche Art und bas menschliche Leben, und wie gerade unsere kleineren Eigenschaften, eine freundliche ober herbe Gemütsart, nicht nur unser Schicksal unb Glück machen, [onbern auch basjenige ber uns Umgebenben und uns zu diesen in ein strenges Schuldverhältnis zu bringen vermögen, ohne daß wir wissen, wie es zugegangen, da wir uns ja unser Gemüt nicht selbst gegeben. In diesen Betrachtungen ward er jedoch gestört durch die Nachbarn, welche jetzt ihre Neugierde nicht länger unterdrücken konnten und einer nach dem andern in die Stube drangen, um das Wundertier , zu sehen, da sich schon in der ganzen Stadt das Gerücht verbreitet hatte, | der verschollene Pankrazius sei erschienen, und zwar als ein französischer General in einem vierspännigen Wagen. Dies war nun ein höchst verwickelter Fall für die in ihren Vergnügungslokalen versammelten Seldwyler, sowohl für die Jungen als । wie für die Alten, und sie kratzten sich verdutzt hinter den Ohren. Denn dies war gänzlich wider die Ordnung und wider den Strich zu Seldwyl, daß da einer wie vom Himmel geschneit als ein gemachter Mann und General Herkommen sollte gerade in dem Alter, wo man zu Seldwyl sonst fertig war. Was wollte der den nun beginnen? Wollte er wirklich , am Orte bleiben, ohne ein Herabgekommener zu fein die übrige Zeit feines Lebens hindurch, besonders wenn er etwa alt würde? Und wie i hotte er cs angefangen? Was zum Teufel hatte der unbeachtete und unscheinbare junge Mensch betrieben die lange Jugend hindurch, ohne sich aufzubrauchen? Das war die Frage, die alle Gemüter bewegte, und sie fanden durchaus keinen Schlüße!, das Rätsel zu (Öfen, weil ihre Menschen- ober Seelenkunbe zu klein war, um zu wißen, baß gerabe bie herbe unb bittere Gemütsart, welche ihm unb feinen Angehörigen so bittere Schmerzen bereitet, fein Wesen im übrigen wohlkonserviert, wie ber scharfe Essig ein Stück Schöpsenfleisch, und ihm über das gefährliche Seldwyler Glanz- alter hinweggeholfen hatte. Um bie Frage zu losen, stellte man überhaupt bie Wahrheit bes Ereignisses in Frage unb bestritt besten Möglichkeit, unb um biese Auffassung zu bestätigen, würben verschiebene alte Leute »ach dem Plätzchen abgefanbt, so daß Pankraz, dessen schon versammelte Nachbarn ohnehin diesem Stande angehörten, sich von einer ganzen Versammlung neugieriger und gemütlicher Menschen umgeben sah, wie ein alter Heros in der Unterwelt von den herbeieilenden Schatten. Er zündete nun feine türkische Pfeife an unb erfüllte das Zimmer mit dem fremden Wohlgeruch des morgenlänbischen Tabaks; die Schatten witterten immer neugieriger in den blauen Duftwolken umher, und Efther- chen und die Mutter bestaunten unaufhörlich die Leutseligkeit und Geschicklichkeit des Pankraz, mit welcher er die Leute unterhielt, und zuletzt die freundliche, aber sichere Gewandtheit, mit welcher er die Versammlung endlich entließ, als es ihm Zeit dazu schien. Da aber die Freuden, welche auf dem Familienglück und auf frohen Ereignissen unter Blutsverwandten beruhen, auch nach den längsten Leiden die Beteiligten plötzlich immer jung und munter machen, statt sie zu erschöpfen, wie die Aufregungen der weitem Welt es tun, so verspürte bie alte Mutter noch nicht bie geringste Mübigkeit unb Schlafluft, so wenig als ihre Kinber, und von dem guten Weine erwärmt, den sie mit Zufriedenheit genoffen, verlangte sie endlich mit ihrer noch viel ungeduldigeren Tochter etwas Näheres von Pankrazens Schicksal zu wissen. „Ausführlich", erwiderte dieser, „kann ich jetzt meine trübselige Geschichte nicht mehr beginnen, und es findet sich wohl die Zeit, wo ich euch nach und nach meine Erlebnisse im einzelnen vorsagen werde. Für heute will ich euch aber nur einige Umrisse angeben, so viel als nötig ist, um auf den Schluß zu kommen, nämlich auf meine Wiederkehr und die Art, wie diese veranlaßt wurde, da sie eigentlich das rechte Seitenstück bildet zu meiner ehemaligen Flucht unb aus dem gleichen Grundtone geht. Als ich damals auf so schnöde Weise entwich, war ich von einem unoertilgbaren Groll und Weh erfüllt; doch nicht gegen euch, sondern gegen mich selbst, gegen diese Gegend hier, diese unnütze Stadt, gegen meine ganze Jugend. Dies ist mir seither erst deutlich geworden. Wenn ich hauptsächlich immer des Essens wegen bös wurde und schmollte, so war der geheime Grund hiervon das nagende Gefühl, daß ich mein Essen nicht verdiente, weil ich nichts lernte und nichts tat, ja well mich gar nichts reizte zu irgendeiner Beschäftigung und also keine Hoffnung war, daß es je anders würde; denn alles, was ich andere tun sah, tarn mir erbärmlich unb albern vor; selbst euer ewiges Spinnen war mir unerträglich und machte mir Kopfweh, obgleich es mich Müßigen erhielt. So rannte ich davon in einer Nacht in der bittersten Herzensgua! und lief bis zum Morgen, wohl sieben Stunden weit von hier. Wie die Sonne aufging, sah ich Leute, die auf einer großen Wiese Heu machten; ohne ein Work zu sagen ober zu fragen, legte ich mein Bünbel an ben Rand, ergriff einen Rechen ober eine Heugabel unb arbeitete wie ein Besessener mit ben Leuten unb mit ber größten Geschicklichkeit; denn ich hatte mir während meines Herumlungerns hier alle H-nbgriffe unb Hebungen ber» jenigen, welche arbeiteten, wohl gemerkt, sogar öfter babei gedacht, wie sie dies unb jenes ungeschickt in die Hand nähmen und wie man eigentlich die Hände ganz anders müßte fliegen lasten, wenn man erst einmal ein Arbeiter heißen wolle. Die Leute sahen mir erstaunt zu, und niemand hinderte mich an meiner Arbeit; als sie das Morgenbrot aßen, wurde ich dazu eingelaben; dieses hatte ich bezweckt, und so arbeitete ich weiter, bis das Mittagessen tarn, welches ich ebenfalls mit großem Appetit verzehrte. Doch nun erstaunten die Bauersleute noch viel mehr ui. sandten mir ein verdutztes Gelächter nach, als ich, anstatt die Heugabel wieder zu ergreifen, plötzlich den Mund wischte, mein Bündelchen wieder aufgriff unb ohne ein Wort weiter zu verlieren, meines Weges weiterzog. In einem bichten kühlen Buchenwäldchen legte ich mich hin und schlief bis zur Abenddämmerung; bann sprang ich auf, ging aus bem Wälbchen hervor unb guckte am Himmel hin und her, an welchem die Sterne hervorzutreten begannen. Die Stellung der Sterne gehörte auch zu den wenigen Dingen, die ich während meines Müßigganges gemerkt, und da ich darin eine große Ordnung und Pünktlichkeit gefunden, fo hatte sie mir immer Wohlgefallen, und zwar um fo mehr, als diese glänzenden Geschöpfe solche Pünktlichkeit nicht um Taglohn und um eine Porston Kartofselsuppe zu üben schienen, sondern damit nur taten, was sie nicht lassen konnten, wie zu ihrem Vergnügen, und babei wohl bestauben. Da ich nun burch bas allmähliche Auswenbiglernen unseres Geographiebuches, so einfach bieses war, auch auf dem Erbboben Bescheib wußte, so verstaub ich meine Richtung wohl zu nehmen, und beschloß in diesem Augenblick, nordwärts durch ganz Deutschland zu laufen, bis ich das Meer erreichte. Also lief ich die Nacht hindurch wieder acht gute Stunden und kam mit ber Morgeusoune an eine wilbe unb entlegene Stelle am Rhein, wo eben vor meinen Augen ein mit Kornsäcken belabenes Schiff an einer Untiefe aufstieß, inbeffen boch bas Wasser über einen Teil ber Labung wegströmte. Da sich nur brei Männer bei bem Schiffe befanben unb weit unb breit in dieser Frühe und in dieser Wildnis niemand zu ersehen war, so kam ich sehr willkommen, als ich sogleich Hand ankgte und ben Schiffern bie schwere Labung ans Ufer bringen unb bas Fahrzeug roieber flott machen half. Was von bem Korne naß geworden, schütteten wir auf Bretter, die wir an die Sonne legten, und wandten es fleißig um, unb zuletzt bcluben wir das Schiff roieber. Doch nahm dies alles den größten Teil des Tages weg, und ich fand dabei Gelegenheit, mit den Schiffsleuten unterschiedliche tüchtige Mahlzeiten zu teilen; ja, als wir fertig waren, gaben sie mir sogar etwas Geld und setzten mich auf mein Verlangen an das andere Ufer über mittelst des kleinen Kähnchens, das sie hinter dem großen Kahne angebunden hatten. Drüben befand ich mich in einem großen Bergwald und schlief sofort bis es nacht wurde, worauf ich mich abermals auf die Füße machte und bis zum Tagesanbruch lief. Mik wenig Worten zu sagen: auf diese nämliche Art gelangte ich in wenig mehr als zwei Monaten nach Hamburg, indem ich, ohne je viel mit den Leuten zu sprechen, überall des Tages zugriff, wo sich eine Arbeit zeigte, und davon ging, sobald ich gesättigt war, um die Nacht hindurch wiederum zu wandern. Meine Art überraschte die Leute immer, so daß ich niemals einen Widerspruch fand, und bis sie sich etwa widerhaarig oder neugierig zeigen wollten, war ich schon wieder weg. (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: Or. Hans Thyriot. — Druck und Derlag: Brühl'sche Universitäts-^Buch» und Steindruckerei, R. Lange,Gießen.