Jahrgang (932 Montag, den 2|. November des ganju Stadt brachte: sie warf chn zu Boden und trat auf ihn: sie wollt« den da- Er alten haben, sie war treu... Der Herr im gelben Ulster blieb stehen. Ja, so war es gewesen, mals vor dreißig Jahren. Hanne — was war aus ihr geworden? teil wettet feinen G nit fieinrit den fiorntil den jungen zum ZW : „Der hm lachen, hm sprach bi* el (BraWil, itte nm W 8erbini,j! cr'e9tn unj- bet -«liinKrtta n mit mtn Kunden < 'M u« bebt» rloffen. inriti); bem »n pdierti» n barbatiH " für Sei. i> mit ihm e allein ft chw! er M mb Sllnger । Dragon« SorffeOiitj te, wer fein klärte: „H fiuiliften M der jjaitpi, job und tu m PreuP, ltlich bienen, zu sitzen, |i der Kurier- Lauf her Welt. Bcm I. W. von Goethe. Als -ich ein junger Geselle war. Luftig unb guter Dinge, Da hielten die Maler offenbar Mein Gesicht für viel zu geringe; Dafür war mir manch schönes Kind Dazumal von Herzen treu gesinnt. Nun -ich hier als Altmeister sitz, Rusen sie mich aus auf Straßen und Gassen, Zu haben bin -ich, wie der alte Fritz, Auf Pfeifenköpsen und Tassen. Doch die schönen Kinder, -die bleiben fern; O Traum -der Jugend! -o -goldner Stern- Nummer 9( Wie? <5; (an* (häufig oif en Truppt» en W ** von einer pt* des Satt* -int N* militönsP -en. ien Ardilf [ eine la11!1 le, blieb,1' te füll. mübe: Gefühl l1'- t fein« seldmarf*' -chwen^f st w>e * hrlich >*«" Hütte es so etwas wie eine Warnung sein können. Aber damals, wo et erst sieben Jahre alt war, lag es ihm fern, das zu verstehen. * Sieben Jahre war er alt, und feine Eltern lebten noch auf -ihrem Gut in der Provinz. Er hatte seinen Hauslehrer und die alt« Französin und mußte schon mancherlei lernen. Aber dennoch war er ein verspieltes Kind, und seine liebste Gefährtin war ihm, dem Einzigen seiner Eltern, ein kleines Mädelchen von fünf Jahren, die Tochter des Kutschers und der Köchin; Hanne hieß sie. Er liebte Hanne. Er fragt« nicht nach Standesunterschied, Bildung und Aufnahmefähigkeit — er liebte sie halt. Sie war seine erste Liebe. Ja, er hatte früh begönnest. Er war ein« Liebesnatur. Sein Blick zündete, wohin er fiel, da er selbst immer to Flammen stand. Hanne durfte über alles verfügen, was er besaß. Aber sie machte sich nicht viel daraus. Ihre armselige Puppe war -ihr lieber. Kna-ben- spielzeug behagte ihr nicht. Aber zu ihrem klugen und seinen Freunde war sie lieb und gut, so schön sie es auch verstand, ihn sich hingebend unterwürfig zu halten. Sie war entschieden di« Stärker« und lieber« legener«, weil sie weniger liebte. Das ist immer die ungerechte Strafe der Liebe, daß sie erniedrigt. Dec kleine Junge war des Mädchens Sklave. An einem allerschönsten Sonntage eilte er, lernfrei, durch den Gutshof nach den Ställen hinüber und rief Hanne. Sie sollte mit ihm an den Teich und Angeln auswerfen. Aber Hanne antwortete nicht. Er rief und schrie. Alles still. In Wut aufflammend, warf er seine Angelschnüre fort und suchte die kleine Freundin. Sie saß hinter den Ställen im Grase, hatt-> Lappen und Flicken um sich verstreut, bereitete in einer Zigarrenschachtel ein schwellendes Bett aus Rosenblättern, um da einen kleinen Schokolabensoldaten, der in ihrem Schoße lag, hineinzubetten. Ganz war sie diesem Spiel hingegeben. Kaum, daß sie sich Zeit nahm, zu antworten. Bon einer Fahrt in die Stadt hatte ihr Vater ihr den kleinen süßen Mann mitgebracht, und er entzückte sie so, daß sie alles für ihn aufgab. Von -diesem Tage an kannte sie ihren lebendigen Freund nicht mehr, der tote hatte ihr Herz geweckt. Wie ein Miniaturfrauchen -lächelte sie sanft ironisch, wenn der Knabe sich ihr näherte. Sie drückte den Soldaten an ihr treuloses Herz und sagte kalt: „Ich brauche dich nicht mehr". Sie sah den Jungen an und küßte den Soldaten. Sie verstand sich mit fünf Jahren aus alle Grausamkeiten der Koketterie. Aber zu ihrer Ehre sei gesagt, daß sie den Soldaten wahrhaft lieble. Dieses fremde, seltsam süße Wesen ohne Laune und Sprache, das ihr treuer war als ihr Hund, das nur durch sie lebte. Sie war für ihren bisherigen Freund kaum noch zu finden. Immer steckte sie irgendwo in einem Winkel und liebkoste den Soldaten. Sie kleidete -ihn in Seide und Samt, bettete ihn in Nelken und Reseden,.erhöhte ihn zum Prinzen und Kaiser, erzählte ihm alle Märchen. Der unglückliche kleine Junge lief hinter der Treulosen her. Sein Herz, sein junger Verstand waren ganz verstört. Er begriff es nicht. Allzufrüh nahm ihn die Liebe in ihre Schule; und sie begann gleich mit den Strafen, ehe er noch gesündigt hatte. An einem strahlenden Mittage fand er die kleine Hanne im Garten, wo sie im Lindenschatten ihren Soldaten umschmeichelte. Sie war gnädig -heute. „Komm", sagte sie, „du darfst ihn küssen". Und damit hielt sie dem Knaben den kleinen schwarzen Kerl hin. Er wollte sich umdrehen, wollte ihn ihr aus der Hand schlagen; aber ein geheimnisvoller Zwang zog ihn gewaltsam zu dem Schokoladen-soldaten, der langsam schmelzend in des Mädchens Hand lag. Er wußte nicht, wie ihm geschah, er bückte sich und küßte das Unwesen ... und da begriff er das Geheimnis: wie wunderfüß war dieses Soldaten Kuß! Mehr aber als Schokolade war -in dem Kuß der unbewußte Gedanke, daß dieser Kuß tödlich war, denn an vielen Küssen mußte der Soldat sich auflösen. Da rief eine laute Stimme nach Hanne. Sie legte ihren Soldaten hin und sagte: „Warte, ich komme bald wieder", und lief fort. Und da geschah das Ungeheuerliche. Liebe, Haß und Eifersucht loderten zugleich in des Knaben Brust empor. Er hob den Schokoladensoldaten auf. Er liebte ihn, auch er! Er haßte ihn! Er küßte ihn lange und inbrünstig. Und plötzlich biß er in ihn hinein, so stark und fest, daß er die Holzstange mit im Leibe zerbiß, er zermalmte ihn mitsamt dem Holz zwischen feinen jungen Zähnen; er aß ihn mit Haut und Haaren auf. Als Hanne zurückkam, sagte er lächelnd: „Er ist fort. Ich hab« ihn aufgegeffen. Jetzt brauchst du mich wieder." Aber der kleine Bub kannte das Frauenherz nicht. Und wenn es auch ft als W nft-b W® rb< df"Ä' # 'Ä Kleiner Soldat. Erzählung von Kurt Münzer. Au «-in-em kalten Herbsttage verließ ein nicht mehr ganz junger Herr -In rundem braunen Hut und gelbem Flausch-Ulster sein Haus in einer kleinen westlichen Straße von Berlin, und erst als er -ins Freie trat, sah -er, daß es längst Nacht war. So hatte er -also über seinen altitalienischen Novellisten die Zeit und das Abendessen vergessen. Und er spürte auch jetzt noch keinen Hunger, nur Lust, durch die Nachtstille zu wandern, im -Bann« seiner eigenen Schritte, ziellos und gedankenvoll. Wie immer, wie fast jede Nacht, erreichte er den Kurfürstendamm, blefe breite Straße, die er vor allen liebte, die aus dem neuen Herzen der Stadt mit Pa-lastreihen und Alleen -ins Freie führte, in den Wald hinaus, hinweg über Brücken und Seen, an Gärten vorbei. Um dies« Nachtstunde war die Straße still. Noch sahen die Genießer in den glanzvollen Lokalen; das Leben war -drinnen in den Bars unb Cafes. Draußen gingen nur ein paar junge Herren, lächelnde Mädchen, Diener mit Hunden. Der einsame Spaziergänger, schnell an das bißchen Frost gewöhnt, schlenderte langsam die Straße hinab. Ein Dutzend Novellen im Kops, Stille -um sich, Sterne über sich, wurde er selbst ein wenig Poet. Langsam kam -ihm «ine Sehnsucht nach einem kleinen zarten Abenteuer, einer unverhofft holden Begegnung oder auch nur nach einem bescheidenen Blick, schnell und tief gewechselt mit einer schönen Frau, die an eines anderen Arm vorübergeht, ein Blick Sehnsucht, Liebe, Anbetung, der glücklich unb unglücklich macht ... denn immer ist das Glück des einen ! im Besitz des anderen. So ging er denn -dahin, sah bald nach den Sternän, bald nach den 1 Steinen, -bald nach den Vorübergehenden. Aber es wurde Immer stiller um ihn, nur die Straßenbahnen rollten hin und wieder, die Autobusse ratterten; Autos -glitten lautlos; Fenster waren nur selten erhellt. Und wie er so -die Vorgartengitter streifte, hinter denen die armseligen Gärtchen froren, sah er plötzlich -auf der SDlauer-einfaffung des einen gerade I getroffen vom Hellen Licht einer Bogenlampe, ein Figürchen stehen, em Meines dunkles Püppchen. Er trat hinzu, bückte sich und hielt eine kleine Schokoladenfigur -in der Hand, einen Soldaten, wie man ihn für ein Paar Pfennige bei jedem Zuckerbäcker kaufte, wo -er neben ebenso kleinen unb schwarzen Schornsteinfegern und unschuldigen ^chokoladenweibchen -m Fenster sieht. . , . . . Er stand da und hielt den Schokoladensoldaten in der Hand und betrachtete ihn. Und plötzlich rührt« etwas -an sein Herz. Warme über« Hütete es, Siebe und Glück, eine Welle Leben ging darüber. Ihm war s, tls hätte ihn ein Engel gestreift, ein freundlicher Geist. Und zugleich wußte -er, woher diese Regung kam. Ja er erinnerte sich ... Ein ganz itnb längst vergessenes Kindererl-ebnis erstand da s-o plötzlich, |o lebendig, tls hätte es an diesem Tage sich abgespielt. Er ging weiter, den lieblos ausgesetzten Schokoladensoldaten -in der Hand. Wie kam -der daher? Welches Kind hatte -ihn 'ch Spiel auf das -Näuerchen gestellt und dann vergessen und weinte vielleicht noch jetzt »ach ihm? Er segnete dieses Kind. Lieber, kleiner süßer Soldat, w,e »ährte er sein Herz! Als wäre er -ein richtiger lebendiger Mensch Und iabei war er klein und schwarz und ungelenk und hatte em dunkles, ausdrucksloses Gesicht und wußte von nichts, denn er hatte ,a kein Herz, »Ur «in« Holzstange im Leib«. , Ja, er erinnerte ihn an etwas, -das wie fein erstes EAebniS war. itnb zugleich war es so eine Art Verbrechen aus Liebe, aus Esterfucht. Hin Symbol war dieses Erlebnis. Wäre er damals schon klug gewesen, erst fünfjährig ist, frauenhaft empfindet es doch. Hanne weinte unb schrie maßlos um ihren Soldaten. Sie schlug Ihren Freund, kratzte und biß ihn. Es half nichts, daß er ihr am anderen Tage einen neuen aus der Siefjenet^flinilienblättet Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger «ntfann sich nicht. Er war bald nach jenem Austritt verreist mit fernem Erzieher und als er zurückkehrte, war ein neuer Kutscher da; und Mit dem alten war auch das klein« Mädchen sortgezvgen. Er hatte wohl gar nicht nach ihr gefragt. Wo mochte sie sein? Später war es ihm umgekehrt widerfahren; da hatten andere ihm sein Liebstes sortgenommen. Aber das wirklich Liebste war es wohl nie gewesen. Er entsann sich nicht, jemals sein Herz so warm und lebendig aesvürt zu haben wie jetzt, wo er den kleinen Soldaten in der Hand hielt. Und wie er nun weiterging, dachte er plötzlich, das alles müßte wohl einen tieferen Sinn haben. Daß der Schokoladensoldat da für chn gestanden hatte, sollte das nicht ein Zeichen sein? Ihm war vielleicht nun alles vergeben. Ihm waren Jugend, Glück, Leben, Liebe wiedergeschenkt. Das unruhevolle Suchen würde zu Ende sein, der Ring geschlossen und sein Dasein von nun an eine stille Harmonie und ein unerschütterlicher Friede. Denn daß er es sich nur gestand: bis zu dieser Stunde war er durchaus kein glücklicher Mann gewesen. Bei allen Wechselfällen seiner Existenz war die nie gestillte Sehnsucht seines Herzens, seiner Traume 'Angst und seines Wachens Unrast gewesen. Nun gab ihm der kleine Schokoladensoldat all« Seligkeit des Geborgenseins aus einmal ins Gemüt. Es war schon sehr spät. Und der Herr rief ein vorüberratterndes Auto an und stieg mit seinem Schokoladensoldaten ein. Der duftete beinahe in dem geschlossenen warmen Kasten. Draußen flogen Häuser, Bäume vorbei, Licht und Schatten wechselten. Es war so traulich im Wagen. Und da konnte der Herr nicht widerstehen, und wie damals ikußte er feinen Soldaten. Wie wundersüß und geheimnisvoll war dieser zarte Kuß' Mer schon hielt das Auto. Er steckte den Soldaten schnell in seine Tasche, sprang hinaus, zahlte und eilte in seine Wohnung hinauf, ungeduldig, den-kleinen Schokoladensoldaten auf seinen Schreibtisch zu stellen, wo er nun unter Bronzen und Marmor das Allerschönste und Bedeutungsvollste sein sollte. Aber wie er in die Tasche fährt, ist sie leer .. In feiner Tasche hat er den Soldaten. Er hat ihn wohl i>aneben= gleiten und im Auto liegen lassen. Er eilt ans Fenster, aber da rattert der Wagen um die Ecke. Und er steht da, unglücklich, leidend, erschüttert, tief verzweifelt, als hätte er nun erst endgültig Jugend, Gluck, Leben und Liebe verloren ... Claude Lorrain, ein Maler des Lichts. Zu seinem 250. Todestage: 23. November. Bon Dr. Friedrich Spreen. Die Wunder des Lichts sind von der Kunst erst spät entdeckt worden. Lange Zeit sah man es mehr an die Farbe gebunden, vernachlässigte fein Eigenleben. Man hat die Kunst des Impressionismus mit dem Iubel- ruf: „Es werde Licht!" begrüßt, aber die ersten eigentlichen Lichtmaler traten im 17. Jahrhundert auf. Während jedoch die Rubens, Rembrandt, Poussin mehr die dramatischen Kämpfe der Lichtstrome mit Wolken und Maden ihr grelles und unruhiges Heberfluten von Landschaften und Menschengruppen darstellten, war es einem stillen Landschafter beschieden, der Entdecker der alltäglichen Licht-Schönheit zu werden, jenes zarten, die Dinge umspielenden Leuchtens, das als reinste Gabe des Himmels die Seele der Landschaft bedeutet, diese zu einer harmonischen Einheit zusammenschließt. Claude Lorrain, von dem sein Freund Sandrart rühmte, daß er „der Farben harte Art zu brechen" wußte, wurde so zum Künder einer Natur-Offenbarung, die seitdem zum Glück unendlich Bieler beigetragen hat. Mit seinen Augen hat die Menschheit das Wunder der Lichtwirkung in seiner unendlichen Melodik geschaut und immer tiefer begriffen. So ist er zu einem Wohltäter geworden, dem die größten Naturfreunde am meisten gedankt haben. Grade die Zeit Claudes war reif geworden für die Gestaltung des immateriellsten und geheimnisvollsten Clements der Landschaft. Die neue Naturwisfenschaft hatte den forschenden Blick schärfer auf den Himmel gerichtet als irgend eine Epoche vorher; mit dem Fernrohr ergründete man feine Geheimnisse. Huygens und Newton erklärten die Natur des Lichtes, und die Anschauung von der Unendlichkeit des Kosmos, von dem Sonnenboten aus dieser Unendlichkeit der den begrenzten Raum erst formt und mit seinem Strahl alles Irdische gleichmäßig umfängt, erfüllte das grandiose pantheiftifche Weltbild, das Gior- dano Bruno und Spinoza schufen. Bon all dem wußte der einfache Maler nichts, aber das Allgemeingefühl durchdrang unbewußt fein ganzes Schaffen, so daß er künstlerisch sichtbar machte, was damals die schärfsten Köpfe bewegte. Als Sohn armer Leute war Claude ® e t (6 e 1600 in dem kleinen Dorf Chamagne geboren, das zur Diözese Toul und zum Herzogtum Lothringen gehört. Infolgedessen erhielt er in der Fremde den Beinamen „der Lothringer" und als „Lorrain" erlangte er Weltruhm. Inwieweit dem Sproß dieses Grenzlandes deutsches Blut eigen war, läßt sich schwer bestimmen. Mit gutem Recht hat aber sein Biograph Walter Friedländer hervorgehoben, daß sein Schaffen im Gegensatz zu der vernunftgemäßen Klarheit seines größten Nebenbuhlers und zeitweiligen Nachbars Poussin sich mehr dem germanischen Kunstempfinden nähert, das ihm durch die Kunst Eisheimers nahegbracht worden war. Sein äußeres Leben verlief ohne aufregende Ereignisse, wie es feinem schüchternen, zurückgezogenen Wesen entsprach. Nachdem er „in der Schreib-Schul wenig und schier nichts zugenommen", kam er zu einem Pasteten-Bäcker in die Lehre und zog nach Rom, nicht um künstlerischen Ruhm zu erwerben, sondern weil es das Ziel vieler lothringischer Köche war. Unter den Monumenten der ewigen Stadt brach nun seine Begabung durch, er lernte malen, kam aber zunächst auf keinen grünen Zweig, sondern kehrte 1625 in die Heimat zurück. Zwei Jahre später ist er schon wieder in Rom und hat hier als bescheidener Junggeselle, umhegt von der Familie eines Verwandten, sein langes Leben verbracht, bis zu feinem Tode am 23. November 1682. Bald wurden feine Bilder sehr gejucht und hoch bezahlt; er erhielt Bestellungen von Fürsten und anderen Hohen Herren; ein glänzender Schülerkreis versammelte sich um ihn. Er aber blieb der kindliche lothringische Träumer, der am liebsten in der urtümlichen weiten Einöde der Campagna oder im Albaner- und Sabinergebirge umherstreiste, im Verkehr mit den Hirten und ihren Herden, deren Leben ihm die Viston eines fernen „goldenen" Zeitalters heraufbeschwor. Es ist die Zeit, da die Mode der „Schäferei" den von wilden Erschütterungen geängstigten Menschen ein besonders ehnsüchtig gewünschtes Land bukolischer Jdyllik vorgaukelte. Tasso- „Aminta", Guarinis „Schäfer Fido" hatten die Vorbilder geschaffen. Der weiche zärtliche Klang der Hirtenflöte tönt auch durch viele Bilder Claudes und wiegt sich auf den sanften Lichtwogen, die feine Land- chasten durchzittern. Aber es ist mehr ein Zugeständnis an den Zeitgeschmack, und dasselbe ist der Fall bei den prächtigen Architekturen, den barocken Palästen und antiken Ruinen, die feinen Werken einen feierlich-erhabenen, bisweilen aber auch etwas pomphaft-steifen Unterton verleihen. Die Vorliebe für die gestaltete, vom Menschen „veredelte" Natur, für Mythologie und Klassik, die di« Epoche beherrschte, zwang ihn zu solchen Zutaten, die mit dem Kern seiner Kunst wenig zu tun hatten. Auch der Mensch stand ihm fern, ferner als das Tier, das er in Zeichnungen bisweilen liebevoll wiedergab. So wenig wollte ihm di« Bevölkerung feiner Szenerien gelingen, daß er später die nun einmal vom Besteller verlangten Figuren von fremder Hand auf seinen Bildern -anbringen ließ. Doch sind Menschen und Tiere stets so organisch in die Landschaft eingefügt, wirken als Elemente der Natur, daß ihr Platz in der Komposition sicherlich von Claude bestimmt wurde. Menschen und Tier interessierten ihn eben nur als Teil alles Geschaffenen. Er war nichts als Landschafter. Selten ist eine Begabung so rein und ausschließlich gewesen. Der Inhalt der Gemälde Claude Lorrains ist trotz der hochtönenden mythologischen, oder biblischen Bezeichnungen vieler Werke gleichgültig, Der Stoff dient als Vorwand für die Komposition zeremoniös-feierlicher ) Hafenbilder, auf denen das Licht über die Fluten hinspielt und Schiffe wie Bauten und Menschen umglänzt, von Flußbildern mit einer Bruck« oder Furt und von weiten Ebenen mit fernen, silbrig schimmernden Höhenzügen. Eine große Rolle in diesen aufs feinste ausgewogenen Gestaltungen spielen Baumgruppen und Cinzelbäume, die in der Gloriole ; des Lichtes, das sie umschimmert, wie die eigentlichen Helden dieser heroisch-idllischen Natur erscheinen. Auch das ist etwas Nordisches, wie diese Bäume in die südlichen Formen hineingesetzt sind, und die Verwertung des Baumes in der Gartenkunst des ^deutschen Klassizismus hat von Claude wichtige Anregung erfahren. Es sind nur wenige Melodien, die dieser Meister in seinem reichen Werk anschlägt, aber sie sind von hinreißender und einzigartiger Schönheit des Tones. Das gilt auch von feinen etwa 30 Radierungen, in denen die feine Lichtführung ein« besonders zarte Verklärung des Natureindrucks hervorbringt, und vielleicht am stärksten von feinen Zeichnungen. Während der Maler in feinen großen Gemälden eine monumentale Stilisierung der Wirklich'! feit bietet, sind die hervorragendsten dieser Blätter «ine direkt« Wiedergabe der Natur von erstaunlicher Echtheit und Kraft. Hier ist ein Impressionismus erreicht, der die atmosphärischen Nüancen mühelos bewältigt: das Dumpfe, Feucht«, Weiche der sumpfigen Tiber-Stimmungs die von Mondlicht durchtränkt« wolkige Nachtluft wie den flimmernden Dunst der Morgendämmerung. ,/Den größten Zauber erreicht Claud« mit der Natur-Studie, die keiner künstlichen Kulisse bedarf", sagt Meier- Graefe in der Einführung zu der schönen Mappe der Marges-Gesell- ' schäft, die Zeichnungen Claud« Lorrains bringt. „Dies ist der Glaube, der zu Corot und über Corot hinaus führt. Ein zuweilen erftaunlit) moderner Mensch, der Land, Wasser, Gebirge in großen Massen sieht und sich nicht fürchtet, die sicher gebauten Pläne des Raumes mit Hieroglyphenhaften Strichen zu bevölkern." Am wenigsten von dieser Unmittelbarkeit hat sein berühmter „Liber veritatis", das „Buch der Wahrheit", ein Oeuvre-Katalog in Zeichnungen, in dem er angeblich fein« fertigen Bilder mit allen Einzelheiten abgezeichnet haben soll, damit dm vielfach auftauchenden Fälschungen danach erkannt werden könnten, der aber wohl mehr als Erinnerung an seine fortgegebenen Werke gedacht war. So einförmig Claudes Werk erscheint — es entbehrt doch nid) t einer inneren Entwicklung. Von den Lichtexperimenten der Frühzeit gelangt er zu einer mehr gleichmäßigen Beleuchtung, die die Atmosphäre vergeistigt und eine strahlend« Ruhe über alles verbreitet. Heber dm leichte Jdyllik erhebt sich der reife Stil seines Alters zu einer erhabenen Melancholie, einer abgeklärten Weite und Größe, die nur in der Klarheit des Südens, in der Stimmung der römischen Landschaft entstehen konnte. So ist er besonders für die Deutschen, di« den Süden und dm Klassik mit der Seele suchten, zum Ideal geworden. Goethe hat kaum einen anderen Maler mehr geliebt als den Claude, den er „den ersten aller Landschaftsmaler" nennt und von dein er sagt: „In Claude Lorrain erklärt sich di« Natur für ewig". In ein« Aeußerung zu Eckermann nennt er ihn „einen vollkommenen Meeschen, in dessen Gemüt eine Welt lag, wie man sie nicht leicht irgendwo draußen antrifft. Die Bilder haben die höchste Wahrheit, aber kein« Spur von Wirklichkeit." Jakob Burckhardt schließt feinen „C'tt von«" mit dem Bekenntnis, daß Claude in ihm das Heimweh nach dein unvergeßlichen Rom erweck«, und preist ihn „als reingeftimmte Seele, die in der Natur die Stimme vernimmt die vorzugsweise den Menschen zu trösten bestimmt ist und ihre Worte nachspricht." Der modernen Lied« zu diesem Lyriker der Naturschönheit hat aber vor allem Nietzsch« Ausdruck verliehen, für den sich in feinen Bildern die höchste Form des „Südglllcks" offenbart. Hier fand er di« vollendete Gestaltung einer tlal, Kn Stimmung, in der sich Musikalisches und Klassisches, Antikes un ernes vermählt. Glucks „Armida" nennt er einen „Claude Lorrain in Tönen", und das herbstliche Glück der Seele, das er sich erobert spiegelt sich in dieser Kunst wieder: „Der herrliche Baumwuchs in gw)ene dem Gelb, Himmel und der große Fluß zart blau, die Luft von höchste Reinheit — ein Claude Lorrain, wie ich ihn nie geträumt hatte zu sehen ..." So ist dieser Maler ein Element deutscher Sehnsucht na<5 dem Süden geworden. « Obtr im “tn Jjiritii ■Änej- »bqwltrti' 1 Monbets r.*h mti« Sil),, m 8* "den 3eij, rchaettnre- rniihelas I» r-StimM' «immer* reicht LI- ss bet LMd. in erftunj* Msten I» es mit WJ n bM » d) bet * L m®'1 ;! könnte»^! Berte« irf doch FriiW eWI t U<6eLal «K hast fl Üben^ ' “n? >1 *« Äl »| M M, M A>'! Altnordisches Leben. Don Karl-Theodor Strayer. Seine früher fchon bei der Hanseatischen Derlagsanstatt Hamburg erschienenen Werke „Wikinger und Normannen" und „Sachsen und Angelsachsen" rundet Karl-Theodor S t r a s- ser mit einem neuen Buche „Die N or dge rm an« n" zu einer Trilogie ab, di« rein geschichtlich und kulturhistorisch ungemein interessant, den gesamten altgermanischen Lebens- • raum umfaßt. Dem neuen Werk entnehmen wir die folgende Darstellung: Der nordische Handel war schon in der Steinzeit lebhaft. Schwedisches Heimgut der Bronzezeit, in Finnland entdeckt, beweist uns, daß die schwedische Besiedlung dieser Landschaft bereits um 2000 v. Chr. begann — nicht anders ist es mit Nordwestrußland. Und ebenso stark sind die Spuren nordischen Westmeerhandels: fand man doch in Upland srüh- bronzezeitliches Beding aus Albion und in Dänemark irländischen Gold- schmuck des Bronzealters. Eine Felsenzeichnung aus Bohuslän zeigt sogar einen Mann mit bronzenem Schild aus Britannien. Eigentümlich ist auch, daß sich di« westeuropäischen Steinkisten mit großem ovalen oder runden Loch in dem einen Grabkammergiebel nur in Mittel-, niemals in Sud- schweden Jütland, Dänemark, nie an den Nord- und Ostseeküsten finden. Hier scheint ein Kultureinsluß nicht küstenentlang, sondern quer über die Nord ee gewirkt zu haben. Die friedlichen Kaufleute trugen den neuen Gedanken von selbst nach Nordosten. Und umgekehrt wanderten die Sklaven und Mädchen, Büffelhörner und Pelze, Bernstein und Falken, vor allem auch Sinnbilder wie vier- und achtspeichlges Rad Sonnensinnbilder, Hakenkreuz und Dreifuß, sodann die Axt Thors mit der schon der ältere Lichtgott auf den Felsritzungen von Bohuslän die >ad)te der Finsternis bezwang, nach Süden. Dahin wehte auch so manche Sage, so manche Rune und manches GeheimnisuberSchissbau und H° z- zimmerung — es kamen vielleicht auch nordische Pferde nach dem Mit- ‘^etm au&er den uralten Wüstenwegen, die schon früh Norden und Süden verbanden, führen ein ganzes Bündel binnenlandischer Stromwege nordwärts der Alpen von der Riviera und Adrm ins Nord-Ostgebiet. Man fuhr von der Rhone in die Saone und Seme, von Kurland an der preußischen Bernsteinkuste entlang 'N die Schlei und über Haithabu ins Sachsenmeer, von da in den Rhein. Man ^Etzte Weichsel und Donau mit kürzerer Landverbindung oder den uralten reichen Sachs-Elf (die Elbe), auch die Verbindung von der Jnnmundung zur Saale und Elbe oder umgekehrt die Linie von der Elbe bis zum 8berN der Moldau und weiter bis zur Donau über 2nn-S.ll- Brenner-Eisack ins Tal der Etsch. Im Osten aber wimmelten die Boote durch Düna und Dnsepr ins^Sch w DerHau Funde führt sogar über den Brenner, der schon 1772 d. Chr. als ijaO große (und vorher bereits zu Fuß oder Maultier) benutzt wurde, weiterhin "auer durch Mitteldeutschland, nicht etwa zur Niederelbe , sondein durchs Westbrandenburg und Mecklenburg an die Gestade derOstfte erst seit 500 v. Ehr. bog er zur Niederweichsel um — der «trotze Der ^^“"L^ng^X^eiten kannten freilich bei der Wegarmutund chrüLkeünur Schneckenschritt. Boot und zwei- mit ü'ierfpC'irbi'Q'Cn R^dkrünZen, Augochje wnb 3 9PI > motnHenpn * —* - gleichen Verkehrsmittel damals etwa zwei Monde. Q(tAum von Upsala, das weltbeschirmte Insel — er kennt das ur Berichterstatter muß zur Haupt der Heiligtumsgemeinschaft ^reys. . ,e(b®n Stätte gestanden Zeit des größten Festes und> Hauptmarkt öbn(i(i) Helden- haben. wo heute und schon damals Me d ^^ngeboules Heiligtum hugel emporragen — in Damla Upsala wo^ Priesteroberkönigs und göttersaulengeschmtzte Konigshalle rs . bezeichneten, jene Stätte, wo letzt ine sie . ten segellosen Boot« Genauer beschreibt «r ihre überlegen «zimmerM Sorber, mit den beweglichen Ruderdollen und inten Schiffen von und Achtersteven. Dieser Schlag hat sich bis ^i« Nydam ÄVÄ'BÄ 14TJW«»- - "t* M. W« *., MÄ Ä Ä".Ä?n merkt, ist anfechtbar, doch scheint somo . m g> v un& Blut die zeit jeder Mann seine Waffen abgab, , .. des Spatens Tage des Gottes entweihe. Wir ^„uchen Häuptlings wieder Waffen, Kleider und Schmuck eines n 9 na^®ollftoffe mit Rautenerschlossen — die dänischen Torfmoore J>a,. 11 q,rüm und Ledersandrellmuster, Rock und riemengehaltene H'^jrfe( Scheren und Span- * **■* ** heutigen auf den Hebriden, hat man gefunden und mancherlei Hausgerät wie gläsern« Spielsteine, knöcherne Würfel, hölzerne Spielbretter, Zaum» zeuge, bronzebeschlagene Trinkhörner, harzgedichtete Holzschachteln und piralumschlungene Tongefäße. Daneben aber bergen die Sümpfe jene gepfählten oder weidichtbe- schwerten Moorleichen und manche Graber jener Tage die künstlich durchlochten (trepanierten) Schädeldecken. Das Fundbereich her Moorleichen deckt sich nicht mit dem Verbreitungsgebiet der Moore und beschränkt sich im ganzen auf Altsachsen, Jütland, Fünen und Falster. Beigaben weisen in die Zeit um 300 n. Ehr., doch hielt sich der Rechtsbrauch bis ins Mittelalter. Tacitus kennt die Strafe der Versenkung ins Moor für Feigheit, Fahnenflucht und widernatürliche Unzucht. Im dritten Gudrunlied wird Herkja, die Magd Atlis, wegen Verleumdung im Morast ertränkt. In der Jomswikingersaga läßt Harald Blauzahn (936 bis 986) die norwegische Königin Gunnhild in ein jütisches Moor werfen. In der Halsssage heißt es, daß ein Thing wegen ihres Verrats die gleiche Strafe an der Königin Aesa vollzog. sisThat doemdhi landssolkit, at Aesu vaeri i myri.") Diese Strafen deuten nicht auf ein mildes Zeitalter. So scheint denn auch die Religion von Alt-Upsala im Lichte römischer Quellen auf dem nachtschwarzen Grunde erbarmungsloser Göttergewalt erbaut. Einige ihrer Angaben sind vorgeschichtlich gestützt. Das geringste mag noch fein, daß viele Verwahrfunde im ganzen Norden mit ihren absichtlich verbogenen Schwertern, ihren zertrümmerten Panzern, ihren zerbrochenen Kleinoden lückenlos den Bericht des Orofius über die Kimbern bestätigen, demzufolge fie nach ihrem Siege bei Araufio die ganze Beute unter entsetzlichen Flüchen zerstörten, die Kleider zerrissen, die Panzer zerhieben, die Geschirre zerbrachen, alles Gerät zur Weihe dem Kriegsgott in den Fluß warfen (meistens aber nur in feuchtes Gelände) und die Gefangenen an Bäumen aufhängten. Weit mehr erschrecken noch die Menschenopfer von Gamla-Upsalal Nach der Nnglingasaga wurden sie zur Abwendung von Mißwachs, zur Gnädigstimmung der sonst rachesinnenden Götter dargebracht, lieber- Haupt kann nach uralter Anschauung der eigene Tod durch den Tod eines anderen gebannt werden. Man hat das Menschenopfer bei den Germanen neuerdings leugnen wollen, allein es ist zu oft und gut bezeugt. Selbst der Germanenbewunderer Tacitus kennt es. Trotzdem scheint es ehedem Ausnahme und Seltenheit. Erft die spätere Zeit berichtet vergrößernd von schaurigen und regelmäßigen Schlachtungen. Nur da, wo das Leben der Gesamtheit in Gefahr schien, trat in alter Zeit das Menschenopfer hervor: im Kriege, bei Hungersnot, zur Einlösung von Gelübden, zur Erhaltung großer Gewalthaber. Tacitus «r- zählt auch, wie die Sklaven nach dem Nerthus-Umzug auf der ingroäoni- fchen Waldinsel im See ertränkt werden. Strabo berichtet sodann, wie nach der Schlacht von Araufio bekränzte, grauhaarig-barfüßige Weiber in weiten erzgürtelumschlossenen Leinenmänteln den Kriegsgefangenen die Kehle durchschneiden und aus ihrem Blute weissagen. Einen ähnlichen Vorgang am geweihten Bronzekessel scheint «in Bildstein von Kivik in Schonen zu veranschaulichen. Gefangenenopferung ist auch sonst bezeugt, so von den Schweden im byzantinischen Reich unb vom König Cirik dem Siegreichen, der die Recken seines Neffen Styrbjörn den Göttern weihte. Nach den Berichten fehlte es dabei nicht an Grausamkeiten. Ertränken, Nackt-in-die- Dornen-wersen, Hängen, Kehlschnitt waren bekannte Tötungsarten. Vorbeugend legten Sachsen und Normannen jeden zehnten Kriegsgefangenen unter die Schiffsrollen. Die größten Menschenopfer zu Lethra und Upsala, auf der Nerthusinsel oder auch jene Baugaben für feindliche Geister waren überhaupt vorsorglicher Art, und man vollzog fie entweder an verantwortlichen Führern oder an Bersehmten, Gefangenen und Sklaven, zuweilen an Kindern. Alle diese Menschenopfer entstammen ungewöhnlich aufgewühlter Zeit. Oer Kriegslommiffar des Königs. Roman von Friedrich F r e k f a. Copyright 1931 by August Scherl. G. m. d. H., Berlin. (Fortsetzung.) Am 4 Mai gab es ein herrliches militärisches Schauspiel. Di« Armee des Feldmarschalls, fünfzigtaufend. Mann stark, ging auf mehreren Schiffbrücken über die nicht allzu breite Elbe. Nachts nahmen sie Quartier in Brandls in einem großen, altertümlichen Schloß. Es fehlte an Lichtern; in den hohen Gängen wurden in Ringe Pechfackeln Di« qualmten unb verbreiteten einen rötlichen Glanz. Die schritte hallten dumpf in den Gängen; die Sporen klirrten. Heinrich saß in einem großen Gemach am Schreibtisch unb arbeitete Briefe für den Feldmarschall aus, aber die ganze Nacht über hatte er keine Ruhe. Es klopfte; Offiziere traten ein von den Dragonern, vom Regiment Anhalt, von der Artillerie, und baten den Herrn Kameraden, einen letzten Willen aufzuzeichnen; «s fiel diesen Wackeren schwer, selbst bl< Am^Mai fanlTöor den Mauern der Festung Prag die Vereinigung mit dem Heere statt, das König Friedrich aus Sachsen selbst herausgefuhrt hatte. Druden, auf den Höhen, sah man vor Prag di« Wachtfeuer ^r österreichischen Arme« brennen, und so war denn für leben, der sehen konnte es ange,zeigt, daß vielleicht am nächsten Tag schon die große erwartet« Schlacht beginnen würde ... Am Morgen, als kaum bie Sonne aufgegangen war, lieh der Feldmarschall Heinrich rufen. UeberaU in den Gassen des Lagers ruhten die Soldaten und schliefen, eingewickelt in Decken unter niedrigen Zelten. Ein paar Troßknechte brachten Wasser; von fern her klangen die schlage einer Kirchturmuhr; die Vögel zwitscherten. Als Heinrich das Zett feines Herrn betrat, fand er ihn schon rasiert, aevudert sehr sorgfälttg frisiert, in der Uniform eines Felbmarschalls vor, auf der Brust den Stern des Schwarzen Adlerordens. Er war heiter, wie nie in dem ganzen Monat zuvor. Lufttg fast reichte er Heinrich die Hand und fugte: „Nun, heute werden Sie wahrscheinlich das Spektakel einer großen Bataille erleben! Sehen Sie, wie ich mich schon dazu geputzt habe! Der österreichische Feldmarschall Graf Braun, der uns gegenüber kommandiert, ist ein alter guter Bekannter von mir, ein sehr tapferer, umsichtiger Kriegsmann. Ein preußischer General, der gegen ihn ins Feld zieht, muß ihm zu Ehren schon seine beste Uniform und seine höchsten Orden anlegen!" Dann gab der Graf noch mehrere Befehle und verfügte, daß Heinrich sich während der Bataille mit dem Gepäck bei dem Haupttrain des Heeres, der eine starke Bedeckung erhielt, aufhalten sollte. Während dieser Reden kam der Hauptmann von Platen und meldete, die Pferde seien vorgeführt: der Herr Feldmarschall möge rasch aufsitzen — eine Husarenpatrouille hätte gemeldet, Seine Majestät der König fei in Hosterwitz angekommen. „Also, vorwärts zum Siegel" rief der Feldmarschall, ging leichten Schrittes aus dem Zelt «und schwang sich in den Sattel des großen, braunen Engländers, den er ritt. „Au revoir, mein Lieber!" wandte er sich an Heinrich. „Führen Sie aus, was ich befohlen!" Und galoppierte davon. Heinrich stand allein vor dem Zelt und fühlte sich fast wie ein Feigling, daß er als junger, kräftiger Mann diesseits der Gefahr blieb. Am liebsten hätte er eine Muskete ergriffen und sich dem ersten besten preußischen Regiment, das mit festem Schritt vorbeimarschierte, angeschlossen. Aber die Reitknechte begannen, das Zelt abzubrechen. Darum mußte er die Skripturen zusammenraffen und alles, was zum Schreibdienst gehörte, verpacken. Dann stieg er auf (ein polnisches Pferdchen und ritt auf einen Hügel, der kaum eine Viertelstunde von dem Ausstellungsplatz der Bagagewagen entfernt mar; mit ihm ritten ein Feldprediger und ein Offizier der Wache, in der Hoffnung, einen Teil der Schlacht mit ansehen zu können. Heinrich hatte eines der guten Fernrohre des Feldma-rschalls bei sich. Das Schauspiel war seltsam ergreifend: Vorwärts auf den Höhen waren die Linien der Oesterreicher deutlich zu erkennen. Die weißen Röcke ihrer Infanterie, und schweren Kavallerie schimmerten im hellen Glanz der Maisonne aus dem frischen Grün der Saatfelder, in,denen sie standen; auch waren die blanken Rohre der vielen Geschütze leicht erkenntlich. „Das ist ein hartes Stück Arbeit für unsere braven Truppen, wenn sie diese starken Positionen erstürmen sollen!" sagte der Offizier und kraute sich hinterm Ohr. — Der Feldprediger meinte: „Das, was wie Wiesen aussieht, sind doch Sümpfe, und nur die schmalen Dämme führen hindurch!" Vor dieser grünen Fläche unter den Höhen sahen sie nun, wie auf dem Exerzierplatz, die langen dunkelblauen Linien der preußischen Infanterie aufmarschierten/ Die Sonne blitzte auf den Bajonetten, und die blanken Blechmützen der Grenadiere spiegelten im Sonnenglast. Die Kavallerieregimenter ritten hm und her. Deutlich erkennbar waren die braunen Wernerschen und die weißen Puttkamerschen Husaren; sie hatten die Flanken überschwemmt und schar mützelte-n schon mit den ungarischen Husaren. Um neun Uhr morgens rollte der erste Kanonendonner durch das Tal, feierlich fast, als er im langen Echo von den Berghängen zurückkehrte. Die österreichischen Batterien antworteten. Der Kampf entbrannte nun mit voller Kraft. Bald zogen so dicke Pulverschwaden durch den Talkessel, daß das ganze Bild verhüllt war. Nun verließen die drei den Hügel, und Heinrich ritt zu dem Platz zurück, auf dem das Gepäck des Feldmarschalls aufgefahren war. Jetzt dröhnte der Kanonendonner so stark, daß die Erde unter den Füßen Zu zittern schien. Nun langten Bahren an, auf denen die ersten Opfer des blutigen Tages herangetr-agen wurden. Verwundete schleppten sich mühselig herbei, um sich auf den Verbandplätzen, die dicht neben der Bagage eingerichtet waren, in Arbeit nehmen zu lassen. Ein junger Offizier schrie: „Es ist unmöglich, die Regimenter zu entwickeln l Wir müssen in schmalen Kolonnen über Dämme, und mit Kettenkugeln reißen uns die andern nieder, wie sie mögen!" Der Tag wurde heißer und heißer. Es war nach elf Uhr morgens, als der junge Kornett, der aus einer Stirnwunde blutete, angaloppiert kam: „Oh, das Unglück! Herr Doktor, wissen Sie es noch nicht? Unser Feldmarschall ist erschossen und liegt als Leiche am Boden." m H.^urich sprang herzu, um Näheres zu erfahren, aber der junge Atensch sank vom Roß, erschöpft vom Blutverlust. Andere Verwundete kamen, und unter der Bagage verbreitete sich die Nachricht: „Unser Feldmarschall ist von fünf Kartätschenkugeln getroffen, Hauptmann von Platen an feiner Seite -schwer verwundet!" Heinrich stürzten die Tränen aus den Augen. Er schloß sich einem OfslZier, der sich hatte verbinden lassen und wieder aufs Schlachtfeld zurückkehrte,. an, um die Stelle zu finden, wo fein erschossener Herr liegen sollte. 3e weiter er nach vorn kam, desto stärker war die freudige Bewegung. „Die Feinde weichen!" schrie es. „Die Unfern dringen vor!" jubelte es. „Die «schlacht wird gewonnen!"'sang es. Die Leiche feines Herrn, des Feldmarschalls von Schwerin fand Heinrich unter einem Baum etwas abseits von der eigentlichen Schlacht- ftatte die bezeichnet war durch verlorengegangene Gegenstände Helme Gewehre und auch Gefallene. Ein Stabsarzt, mehrere Offiziere von denen einzelne leicht verwundet waren, und einige Soldaten standen in ber Runde und blickten mit starren Augen auf den Körper. Die Uniform mar von Kugeln durchlöchert, ganz mit Blut überdeckt, denn fünf Kar- tat|d)en hatten Brust und Unterleib getroffen, so, daß er auf der Stelle lautlos vom Pferde gestürzt war. Sein Gesichtsausdruck war ruhig und friedlich. 3 Heinrich vernahm, wie es vor sich gegangen war. Ein Hauptmann er« ja ölte es eintönig: „Die Bataillone der Regimenter Kreuzen, Fouque und Schwerin, zu dem ufj selbst gehöre, waren bestimmt, dort auf dem schmalen Damm durch die «Sümpfe die Stellung der Oefterreicher zu sturmen, aber die Kartätschenfalve schmetterte uns ab. Alles drängte zurück, hjnd dieses Gedränge war furchtbarer als der Angriff selbst; denn wir waren unbeweglich, Schlachtfetzen für die da oben. Das sah der Feldmarschall, der unmittelbar rechts neben dem Damm hielt. Er sprengte in die verwickelten Knäuel und rief mit lauter Stimme: ,Pfui der Schande! Seid ihr keine Preußen mehr? Wollt ihr fliehen?' — Im selben Augenblick wird der Stabskapitän von Rohr, der die Fahne von meinem zweiten Bataillon aus der Hand des gefallenen Fahnenträgers genommen hatte, schwer verwundet. Der Feldmarschall steht das, nimmt die Fahne hoch aufs Pferd, fchwingt sie, daß der Adler weithin in der Sonne blitzt, und ruft: »Vorwärts, Soldaten! Folgt mir nach!' Di« Knäuel wickeln sich auf, die Rotten parieren. Doch kaum reitet der Feldmarschall an, da treffen ihn die Kartätschen; stürzt mit der Fahne aus dem Sattel." Heinrich rief nach einer Bahre und half, den Leib des Grafen darauflegen, säuberte selbst unverzagt die Brust von -dem Blute, deckte den grauen Mantel des Toten darüber und pflückte Grün vom Saum. Während er so noch für den Toten sorgte, hieß es plötzlich: „Seme Majestät der König kommt!" Alle reckten sich gerade auf und stellten sich in Ordnung hin. Im langsamen Schritt kam der König herangeritten, neben ihm Prinz Moritz von Dessau und ungefähr fünfzig Reiter vom Regiment Gardedukorps als Deckung. Der König- -sah die Tragbahre stieg schnell von seinem Engländerschimmel und ging durch die Reihen der Offiziere, die -inzwischen ein Spalier gebildet hatten, mit leichtem Hutabnehmen: „Bon soir, Messieurs!" Er senkte den Äopf, schwieg und sagte nach einer Weile mit kräftiger Stimme: „Ser hier liegt, war ein Offizier von den größten Meriten und wohl wert, -daß alle feinen Tod aufrichtig betrauern. Meine Armee besaß keinen besseren General. Wie sein Leben allen zum Beispiel dienen konnte, so jetzt -auch sein Tod!" Der König setzte feinen Hut auf. Da gab es eine Bewegung. Ein Adjutant des Generals von Zieten kam herangesprengt und meldete: „Die Oesterreichiger fliehen in höchster Eile! Wir beharren in der Verfolgung! Die Husaren haben eine beträchtliche Menge feindlicher Geschütze, Wagen und Gefangener erbeutet. Der Feind leistet keinen Widerstand mehr!" Bei dieser Nachricht blitzte das Auge des Königs; er richtete sich aus feiner etwas vorgebeugten Haltung auf. „Die Bataille wird der Armer für alle Zeiten zum großen Ruhm -gereichen! Ich danke Ihnen allen für Ihre Hilfe und Tätigkeit dabei. Wir haben wenigstens jetzt dem Fekd- marfchall eine würdige Leichenfeier bereitet!" Alle Offiziere brachen in den dreimaligen Ruf -aus: „Es lebe Seine Majestät, unser König von Preußen!" Und ein paar helle Stimmen klangen dazwischen: „Der Sieger von der Prager Schlacht!" Und dieser Ruf pflanzte sich weiter und weiter fort. Auch Heinrich wurde davon ergriffen und schrie es mit. Seine helle Stimme hatte des Königs Aufmerksamkeit erregt, der ihn über den Platz mit barscher Stimme -anherrschte: „Wer ist der Zivilist in dem langen blauen Roguelaure?" Der Adjutant des Feldmarschalls Schwerin meldete: „Eure Majestät, es -ist -der Privatsekretär des Feldmarschalls Grafen Schwerin, ein geborener Pommer, vom Baron von Bielfeld und Generalleutnant von Winterfeldt warm -empfohlen; stand -in des Feldmarschalls Dienst feit doni Kriegsanfang — hat sich dessen Vertrauen erworben!'' Der König winkte Heinrich, heranzutreten. „Mit dem Tod Seines Herrn hat Er einen -harten Verlust erlitten! Ich gebe Ihm den Befehl, mit einem Offizier meiner Adjutantur, den ich bestimmen werde, die hinterlassenen Papiere des Feldmarschalls -durchzusehen, um -abzuson'dern, was für mich und was für die Familie -des Grafen Schwerin von Wich- tigkest ist. Aber sage Er, hab' -ich Ihn schon einmal gesehen? Die Narbe da im Gesicht irritiert mich!" Heinrich antwortete: „Eure Majestät -haben recht beobachtet: Als junger Student der Theologie durfte ich mich -im Garten von Sanssouci vorstellen!" Der König nickte: „Ja, ich erinnere mich Seiner! Aber aus dem Studium der Theologie -ist wohl nun nichts geworden? Er hat da eine Narbe -im Gesicht, die besser für einen Husarenwachtmeister als für einen Pastor auf der Kanzel paßt; damit stellt Ihn kein preußisches Konsistorium an. Aber -ich höre. Er ist bei Bielfeld in -einem guten Haus gewesen und hat sich auch jetzt bewährt. Es wird sich wohl -im Krieg und später auch -im Frieden für Ihn eine passende Stelle finden!" Mit diesen gnädigen Worten lüftete der König zum Abschied den Hut und bestieg -sein Roß. Aber -da er sich zur Straße wandte, ward -er mit einem Hurra anmarschierender Truppen begrüßt. Es war ein Bataillon Garde, das, hart mitgenommen, soeben -aus der Schlachtreihe zurückkam. Viele Soldaten bluteten — einige hatten in der Eile Not- verbände angelegt; den -meisten hingen die losgegangenen Zöpfe unordentlich im Nacken; die Gesichter mären vom Pulverdampf schwarz geroorben. Der führende Stabskapitän rapportierte dem König. Der' ritt an die Reihen heran: „Ihr habt die Eckbatterie den Oesterre-ichern genommen! Habt eure Sache wieder mal gut gemacht, Gardisten! Ich danke euch!" Das Bataillon setzte sich wieder in Marsch, als Heinrich einen baumlangen Grenadier bemerkte, dem ein Fuchsschn-auzbart über den Mund herunterhing. Der Mann schaute scharf auf. Heinrich mürbe aufmerksam, un-d es mar kein Zweifel mehr für ihn: Das war sein ältester Bruder Friedrich Wilhelm! Beide stürzten sich -in die Arme. Der Stabskapitän war ein wohlwollender Mann; als sich Heinrich iljm vorstellte, erlaubte er, daß der Bruder ihn -im Quartier aufsuchte. Heinrich hatte für einen Imbiß und eine Flasche Wein -gesorgt. Friedrich Wilhelm erzählte, daß es ihn nicht im Walde gelitten hätte; immer wollte er ja Soldat werden, und so habe er sich anwerben lassen und je! seiner Gröhe wegen zur Garde gekommen. t (Fortsetzung folgt.) erantwortltch, vr. Hans Tyyc-ot. Druck und Der lag: Brühl sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.