SlehMrZamilienMtter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (952 Montag, den 21 Marz Nummer 25 An meine Mutter. Von 3. $ß. von Goethe. Obgleich kein Gruß, obgleich kein Brief von mir so lang dir kommt, laß keinen Zweifel doch ins Herz, als wär' die Zärtlichkeit des Sohns, die ich dir schuldig bin, aus meiner Brust entwichen. — Nein, so wenig als der Fels, der tief im Fluß vor ew'gem Anker liegt, aus seiner Stätte weicht, obgleich die Flut mit stürm'schen Wellen bald, mit sanften bald darüber fließt und ihn dem Äug' entreißt — So wenig weicht die Zärtlichkeit für dich aus meiner Brust, obgleich des Lebens Strom, vom Schmerz gepeitscht, bald stürmend drüber fließt und, von der Freude bald gestreichelt, still sie deckt und sie verhindert, daß sie nicht ihr Haupt der Sonne zeigt und ringsumher zurückgeworfene Strahlen trägt und dir bei jedem Blicke zeigt, wie dich dein Sohn verehrt. Goethe der Deutsche. Zu seinem 100. Todestage: 22. März. Von Dr. Flodoard Freiherrn von Biedermann. Deutschland und mit ihm die ganze Welt feiern, von Ehrfurcht ergriffen, den Tag, an dem einer der größten Geister der Menschheit die Augen für immer schloß, diese Augen, deren wunderbarer Glanz alle, die dem edlen Manne nahten, in seinen Bann zog, diese Augen, von denen man mit des Dichters eigenen Worten hätte sagen dürfen: „Was je ihr gesehen, es sei wie es wolle, es war doch so schön!" Man darf aber aus diesem Dichterworte nicht schließen, daß Goethes Leben besonders vom Glück begünstigt gewesen sei. Man kann das allenfalls auf das äußere Leben beziehen. Wohl mag man den glücklich preisen, den: es vergönnt war, in einem 83jährigen Leben sich in Dichtungen, Schriften und Forscherarbeiten so auszuschöpfen, wie es Goethes Werke bezeugen. Wer jedoch tiefer in dieses Leben hineinschaut, wird eine Tragik nicht übersehen, die mit dem Wirken des Genies verbunden zu sein scheint, wird gewahr werden, daß das, was wir in vollendeter Schönheit genießen, gar oft aus schmerzlichsten Erfahrungen heraus geboren mar. Dem Künstler war es gegeben, das in Worte zu fassen, was andere in stummer Qual verbergen müssen, er schrieb sich damit manche Last vom Herzen, aber die ihm innewohnende Leidenschaftlichkeit bracht« ihn vor neue Zwiespalte, denen er durch Aufwendung großer sittlicher Kraft zu begegnen wußte. Diese höhere Sittlichkeit, die sich oft. zu religiöser Hingebung steigerte, kennzeichnete schon den Jüngling. . Es war nicht, wie bei manchen andern, em« fromme Maske: öie Wahrhaftigkeit war Goethes vornehinste Tugend. Er lehrte jeden, selbst die Verantwortung für sein Tun zu übernehmen, was nur durch die,e Wahrhaftigkeit, die zumal dem Dichter eigen sein muß, möglich wird. Daher läßt er auch in dem als .Zueignung" seinen Werken vorgefetzten Gedichte, sich „der Dichtung Schleier aus der Hand der Wahrheit reichen. Das heißt aber nicht, daß der Dichter das Recht oder die Pflicht habe, alle Geschehnisse mit der Genauigkeit der Photographie darzuft eilen. Das Dichten ist nicht Dersemachen: Goethe ist Künstler, sieht also die Wirklichkeit durch das Mittel der Kunst und gibt davon einen höheren Begriff, als wir ihn aus dem platten Erlebnis empfangen können. Er schafft damit etwas Neues und hat uns in einer solchen Schöpfungskraft die unvergleichlichen Gestalten eines Götz von Berlichingen und Egmont als Frei- heitshelden, einer Iphigeni« als Priesterin der Wahrheit und Vaterlandsliebe gebildet, in Hermann und Dorothea die kernigen Gestalten deutschen Bürgertums, in seinen Romanen die mannigfaltigsten Erscheinungen des Lebens feiner Zeit gezeichnet. , . ... Ihm blieb kein« menschliche Regung fremd, und er hat sich auch nicht gescheut, in alle Winkel des menschlichen Fühlens und Tuns hineinzuleuchten und von den empfangenen Eindrücken durch dichterische Gestaltung sich zu befreien. Davon sind Zeugnis die Gedichte der Liebe ebenso wie die gedanklichen Dichtungen, wie sie in Fülle in allen Lebensaltern ihm entströmten. Es gab da fruchtbare Zeiten, und es gab Zeiten, in denen fein Quell sparsamer floß, Zeiten, in denen seine 'Aemter oder wissenschaftliche Beschäftigungen ihn mehr in Anspruch nahmen. Bei der Verwaltung seiner Aemter bewährte sich sein Wahrheitsdrang in der Gewissenhaftigkeit, die ihn über seine eigentlichen Amtspflichten weil hinausführte. Wi« oft ist er in aller Eile zu Pferde gestiegen, um bet Feuersbrünsten zu helfen, mit welcher Peinlichkeit brachte er Ordnung in das Finanzwesen des Weimarifchen Staates, lenkte er feinen oft wild stürmenden Fürsten zur Mäßigung, mit welcher Sorgfalt pflegte er di« Anstalten für Kunst und Wissenschaft, die seiner besonderen Obhut anvertraut waren. Und bei alledem war er selbst den Wissenschaften ergeben, besonders den Naturwissenschaften, machte wichtige Untersuchungen und Entdeckungen in der Botanik, der Physik, der Anatomie, der Gesteinsund Erdkunde. Und für all dies hatte er einen Antrieb: die Liebe. Als Jüngling schon hatte er den Wahlspruch: „Alles um Liebel" Als Dichter hatte er ein zartes Gemüt, daher auch seine Neigung zu zarten und seelisch vornehmen Frauengestalten. Die Frauenliebe aber war e» nicht, die sein Leben ausfüllte: seine Liebe umspannte mehr, umspannte die Menschen, die Natur, das Göttliche, das Unerforschliche. Der Ernst von Goethes Wesen, der hinter all der oft gezeigten Laune als Grundlage zu erkennen ist, wurde nur dadurch erworben, daß er das Leben ernst nahm. Goethes Wahrheitsliebe war zugleich ein Drang nach Erkenntnis, wie «r es in feiner größten Dichtung, dem „Fausts, zur Darstellung gebracht hat, indem er das eigene Leben in höchster Form dichterisch verklärte. Wie der Held des Dramas hat auch Goethe selbst allezeit „sich strebend bemüht" und darf nach allen Irrungen mit einem Gefühl der Erlösung von seinem Lebenswerk sagen: „Es kann die Spur von meinen Erdetagen Nicht in Aeonen untergehn." Goethe hat im „Faust" sich zugleich als den deutschesten Dichter bekannt. Obwohl ihn seine Neigung zum Altertum, zu der reinen Kunst der Griechen hinzog, hat er doch sich immer wieder zu deutschem Wesen zurück- gesunden, das deutsche Volkslied neu belebt, deutsche Balladen gedichtet und schließlich im „Faust" eine deutsche Sage umgestaltet zu dem Hohelied des deutschen Geistes, zur Verherrlichung eines rastlos strebenden Menschen, der nach vielem Umherschweifen in der Arbeit für andere fein Heil erblickt und zu der Erkenntnis kommt, es sei das wünschenswerteste, „auf freiem Grund mit freiem Volk zu stehen." Mit solchem Bekenntnis ragt Goethe in unsere Zeit hinein, die noch viel von dem Dichter und Denker, dem Weisen, Forscher und Seher zu lernen haben^ wird, um seine ganze Größe zu erkennen. Wer mag sie erschöpfen? ^tolz dürfen wir als Deutsche sein, ihn unser zu nennen, und wie bei Goethes Tod der Philosoph Schelling sagte: „Deutschland war nicht verwaist, nicht verarmt, es war in aller Schwäche und innerer Zerrüttung groß, reich und mächtig vom Geist, solange Goethe lebte", so tönen mir aus der heutigen Not uns auch im Geist nur erheben, wenn wir Goethes Andenken und Werk, seine Lehren und seine Meinungen hochhalten, wenn wir sagen können: Goethe lebt! Goethe stirbt. Von Wilhelm Schäfer. Dumpfes Gerücht und totes Licht lag über dem Land der neblichten Wälder, als Goethe in Weimar die göttlichen Augen zumachte. Er hatte den Korsen gesehen und hatte Blücher die rühmende Grabschrift geschrieben: Erhebung der Völker und Undank der Fürsten waren vor seinem Geist wie Wolken am 2lbend gewesen. Er sah in die Zeit, wie ein Vogel aus seliger Bläue über die Dächer und Gassen, über die Wiesen und ihre Silbergewässer, über die Bergwälder, tief in die Wolkengebilde blinkender Seespiegel sieht. Er sah die lastende Schwere und sah den blutroten Glast, aber fein Herz wartete gläubig der Sterne. Ihm war fein Volk nur ein Blatt im Kranz der Völker auf Erden; er liebte das Blatt als das seine, aber er flocht an dem Kranz mit unermüdlichen Händen. Ihm hatte Prometheus das Feuer gebracht, und er hielt es dem Menschengeist wach; nicht wie Schiller die Fackel der Freiheit zu tragen, stürmte er hin: dem Herdfeuer der Menschheit diente er treu und geduldig wie der Priester dem Opferaltar. Als er die göttlichen Augen zumachte, stand seine Flamme steil in der Stille und war nur noch ein fernes Licht für sein Volk. Sie hatten den Wertherjüngling vergessen, und den greisen Faust kannten sie nicht; so fiel keine Trauer über das Land und keine Furcht in die Herzen. Nur wo ein Kerzenlicht brannte, wo einer Seele die Kammer weit wurde, weil die Gestalten lies Dichters durch ihre Einsamkeit gingen, zuckte die Flamme in den gewaltigen Schatten. Der Zaubermeister von Weimar war tot, der all dem blühenden Leben, der Weisheit und Schönheit der Worte, der Wahrheit und Hoheit ihrer Gebärden Gottvater war. Die Schöpfung stand still, die. aus dem Sechstagewerk kam mit anderen Bergen und Bäumen, anderen Nächten und anderen Sternen und anderen Menschen, als sie die Täglichkeit kannte. Der Menschengeist hatte sein Angesicht gläubig und stark gegen die Gärten der Götter erhoben, er hatte sich selber auf die verlassenen Throne gesetzt: nun ging er schlafen, weil seinem übermenschlichen Tun die Müdigkeit kam. die wir au1 ... Und als der Chor noch fortklang, stieg der Sarg mitsamt dem Boden, der ihn trug, allmählich versinkend in die Unterwelt hinab, das Grabtuch aber überschleierte weit ausgebreitet die verborgene Mündung, und auf der Erde blieb der ird'sche Schmuck zurück, dem Nicderfahrenden nicht solgend — doch aus den Seraphsflügeln des Gesangs schwang die befreite Seele sich nach oben den Himmel suchend und den Schoß der Gnade, Vertiester plastischer ist die Gestaltung, die Goethes Stadthaus und ein Gartenhaus vom Dichtergeist empfing. Die Stille und Einsamkeit^der Beschauung, der Arbeit, des Formens und Festhaltens alles fluchtigen, bewegten Lebens, des genießenden Einatmens allen Daseins, des forschenden Durchdringens und Sammelns der Erscheinungen, des vertrauten geistigen Verkehrs mit wenig Erlesenen und der Wille zur höchsten Herr- schastlichsten Form der äußeren Lebenshaltung, die kein Fürst an Mannig- altiqkeit an innerer Graßheit, an würdiger Schönheit des geselligen Umgangs überbieten kann, keiner an seelischer Fistle je erreicht hat all das ist aus dem Geist des größten deutschen Dichters geboren, ,st ,n diesen beiden Hausern Körper geworden: in dem eingebauten Trcppen- l,au-i in der Anordnung und Einrichtung der Zimmer, des Gartens m den Sammlungen und dem Schmuck der Wände, Darum betreten w,r diese Häuser mit derselben Ehrsurcht wie den Ulmer Dom oder das Oktogon tti Aachen, obschon hier nicht Baumeisters Grohgewalt uns umwirkt. Spielend fast und sein ganzes Leben in Erinnerungen wiederholend, stellte Goethe die Stilzeichen seiner reifenden Wandlung, seines dichterischen Umfassens aller Kulturen als Phantasiebauten in den Park: in der Naturbrücke über die umgriinte Ilm, im Borkenhauschen schaut der Klassiker der Geniussäule und des Römischen Hauses auf den ,ungen Idylliker zurück in der künstlichen Ruine sammelt sich das romantische Element des Balladendichters, und am Tempelherrenhaus, wie an einem gemalten Prospekt, geht der unsterbliche Dichter der „Geheimnisse vorüber, In die Natur, die ewig junge, grünende tritt wie im Geiste dieses Mannes der Stil, sich unlöslich mit ihr verbindend, E>n Hauch seines dichterischen Lebenswerkes weht uns von diesen Zeichen an, so schlicht und an den beschränkten Formenausdruck seiner Zeck sie gebunden sind. Gerade das ist das Rührende, das bei diesen Symbolen nur an den Dichter als Anreger und Schöpser denken laßt: daß sie zeitgebunden sind, daß ihr gestalteter Ausdruck in nichts die Ebene des Könnens der Epoche überragt daß sie bildnerisch eine fast stammelnde, unbeholfene, handwerksmäßige Sprache spreche», und daß sie doch den Flug und die Kraft seines Genius in sich tragen wie ähnlich nur Werke der größten bildenden Künstler. Wielands, des nur durch die ihm folgenden Größeren verdunkelten, Einwirken ist in Weimar nur noch im Wittumspalais und in der Residenz leise zu spüren. Aber stark bann nahe bei Weimar auf seinem Gute Oßmannstedt wo ihn Kleist einst besuchte, und dort am stärksten an seinem Grabe wo er mit seiner Gattin und der früh verstorbenen Sophie Brentano ruht. Im umbuschten Ilmuser liegt das Grab. Ein dreikantiger Obelisk trägt drei goldene Symbole der Menschen, die unter ihm schlafen: eine Leier mit Stern für den Dichter, zwei verbundene Hände für die Gattin einen Schmetterling für die jung fortgeflatterte Seele: und trägt das Distichon, das ich aus dem Gedächtnis zitiere: Liebe und Freundschaft unrfchloß die verbundenen Seelen im Lebe» Und ihr Vergängliches deckt dieser gemeinsame Stein. Vor diesem Grabmal, im grünen Dunkel des Laubes, das vom Rauschen und Spülen des Flüßchens durchhallt wird, stehen die betrachtenden Stunden bei uns, in denen der alte, aus religiöser Schwärmerei zum heiteren Anakreontiker, aus fabelndem Liebesübermut zum bürgerlichen Hausvater gewordene Wieland an dos Sterben und die idyllische Ruhe langen lot,eins und körperlichen Geliebtseins von den Nachkommenden dachte: steht er selbst, wie er aus bi ff er tief und wehmütig genosfenen Und von den Gemächern und Garten ihrer Häuser aus, in denen die Dichter ihren engsten Lebensraum um sich geformt und ausgestaltet, hinüber zu den schlichten Palästen der Großen, in denen sie verkehrten, ut beneid sich ihre geistigen Verbindungen schlugen, dem Wittumspalais, in bem Anna Amalia residierte, der Residenz des Herzogs und seinen Schlössern in Belvedere, mit der entzückenden Naturbuhne, aus die Goethe i^ bes Orestes Maske h'erauszutreten scheint Ettersburg und Tiefurt, zum Alten Theater und der Bibliothek, in den Park nut feinen Lufthaufern, ja bis zur Gruft der Fürste», in der Goethe und Schiller ruhen wa tete ihre ausdruckschaffende Seele. In den Jnnenraumen wirkt,vielleicht zuerst einmal stark das Bewußtsein, daß hier die Dichter irdisch gelebt haben, daß hier aus ihrem Geist die geträumten Welten, die t'efftes ^ein bergen, in unsere Welt hineindrangen, daß hier ihr guß schritt, ihre Hand schrieb und alle Gegenstände berührte, ihr Auge mit seinem Innenlicht leuchtete. Aber bald wächst aus dieser Empfindung die Erkenntnis, die sich in einem neuen Gefühl kundgibt: daß hier, an den Lebensstil der gebunden und doch persönlich, ganz geistige Menschen Wohnhäuser der Seele geschaffen Haden. Nur die Sjäufer Schillers und des Einen find in ihrer Einrichtung erhalten oder wiederhergestellk. Roch lebt m de'" kleinen bescheidenen Staute Schillers — ähnlich etwa wie im Bach-Hauje m Eisenach öie seltsame Durchdringung des Bürgerlichen mit dem Göttlichen Genius berührt und sührt uns. Irgend etwas m d^en schlichte Raumen ist nach dem inneren Bilde in einem waltenden Geiste gestellt und gewandelt. In leisen Andeutungen spricht dieselbe Kraft zu uns, aus beren Idee — von Hände» anderer ausgesührt — d,e Gruft des Herrschergeschlechts hervorging, die wieder für alle unsere Feuerbeftattungshallm Muster und Vorbild wurde, der architektonisch bedeutungslose, dichterisch ja dramatisch ergreifende Bau, in dessen dusterem Innern sich> immer wieder wenn ein Herrscher starb, die Vision vollzieht, d.e der Dichter der „Braut von Messina" sah: gruft ist bescheiden, nüchtern. , v Und doch kann sich kein Besucher Weimars einem wachsenden, ihn immer mehr umspinnenden, geheimnisvollen Zauber, einer ganz stark werdenden Stimmung entziehen, einer Woge willenserregten und zugleich beschauende» Lebe»sgesühls, die von diesen bescheidenen Bauten, der Parkanlage, dem ganzen Stadtbild ihm überkommt. Es drängt sich dem Beschauer unabweisbar auf: hier bekundet sich der Dichtergeist, der noch etwas anderes besitzt als der Architekt, der Bildhauer, der Maler, um de» Stoff des Steins oder der pflanzenbeivachfenen Erde geistig und seelisch lebendig zu machen. Einen Augenblick mag der Betrachter vielleicht stutzen und sich fragen, ob er sich nicht einer Täuschung, einer Illusion überläßt, ob er nicht aus der ihm geschichtlich bekannten Verbindung all dieser Dinge mit den großen Dichtern, vor allem dem einen, diese Stimmung, diesen Zauber nur in die Stadt hineinlegt. Ader er mag sich beruhigt an ihr fortfreuen: ihn beseelt zuverlässig nicht die unklar-romantische Empsindung, die nur aus der geschichtliche» Tatsache schöpst, daß hier die großen Dichter gelebt haben, daß sie mii diesen Bauten und Anlagen für immer verbunden sind — sondern diese Gebäude, diese wohlerhaltenen llcberreftc eines im Stos ausgedrückten geistigen Lebens sprechen selbst mit der Seele der Dichter, die auf ihre Entstehung einwirkte». Wir haben es hier damit zu tun, daß der Dichtergeist, der mit feinem unendlichen Ausdrucksvermögen sich im allgemeinen fast stosflos in Schristzeickien mitteilt, einmal spielend und lebendig in der Stosslichkeit sichtbarer Anlagen hervortritt, sie schassend durchseelt und aus ihnen auf uns zuströmt wie ein Ouellrunnen auf feiner gemeißelten Umrahmung. kultureller Antriebe: der gewordenen Lebens- uns -LangtensDerijauiune, Handel Verkehr, politifcher Bedeutung, alfo rein praktischer, obiektiver Ausgaben einerseits und siirstlicher niachtbewuhter Baulust und Baufreude, die sich schon im Grundwesen als ein weniger stofflicher, sondern als em künstlerischer, willkürlicher Antrieb darstellt, andererseits Städte wie Hain- burg Frankfurt, die reinen Jndusirieorte, die alten Festungen, sind Bei- fpiele der ersten, Karlsruhe, Mannheim, München solche der zweiten Art. Freilich handelt' es sich, wenn wir eine einzelne Stadt betrachten, nicht mehr um ein ganz reines Vorkommen des einen ober des anderen Typus, sondern nur um jein Vorherrschen, um den geschichtlichen Entstehungs- anlaß der in der ursprünglich willkürlichen Gründung noch sichtbar bleibt, wenn sie längst vielerlei praktischen Forderungen des gewerblichen Lebens dienstbar geworden ist und ebenso seinen Charakter behalt in der künstlerisch noch so geschmückten und bereicherten Stadtanlage, die aus prak- tifchen Notwendigkeiten hervorging. In der Stadt Weimar ist keiner dieser beiden Stadttypen bedeutend genug ausgebildet, daß er ihr ein höheres Interesse verleihen konnte. So war sie recht dazu angetan, daß ihr in ihrer späteren Entwicklung eine einzigartige Physiognomie ausgeprägt werden konnte, eine Physiognomie, die zwar auch dem geistigen Willen eines klugen, ja, großen, kunstverständigen Fürsten ihre Entstehung verdankt, die aber unter dem Einfluß der Männer und geistigen Mächte, die der Fürst um sich berief die auf fein Schaffe» einwirkten und denen er eigene Schaffensfreiheii gab, etwas irgendwie Neues wurde: Dichtung mehr als bildende Kunst. Was wir fönst nur in Jnnenräumen erleben, allenfalls da und dort in der Anlage eines Gartens, feinen versteckten Laubenwinkeln, feinen erhöhten Ruheplätzen zum freien Ausblicke» über abendlich verdämmerndes Land, feinem von der Seele des Bewohners fprechenden Schmuck — das hat hier das Antlitz einer ganzen Stadt geschaffen. Rein bautünftlerifd) genommen, sind die meisten Gebäude mchi wichtig, die in Weimar stehen. Wenn wir von der Raumkraft großer Baumeister berührt werde» wollen ober gleitenb mitgeleitet von ber leichten, melodiösen Rhythmik des Schmuckkünstlers, von dem malerischen Anordner der Strahenfluchten, von all dem, was ganz der bildenden Kunst angehort, so gibt uns Weimar wenig. Sein Schloß, seine Kirchen, das Museum, bas Goethe-Schiller-Archio, seine Denkmäler — all bas ist tüchtig erfreulich — aber nicht mehr; seine Nachahmungsbauten, wie bas Tempelherrenhaus, bas Römische Haus, bie künstliche Ruine unb bie anberen Phantasiestucke, ohne unmittelbaren praktischen Zweck, bie im Park stehen, sinb für ben Betrachter ber Werke bilbenber Kunst ganz uninteressant. Die Fürsten- Gchwebender Genius über der Erdkugel. Von I. W. von Goethe. Zwischen oben, zwischen unten schweb ich hi» zu muntrer Schau, ich ergötze mich am Bunten, ich erquicke mich im Blau. Unb wenn mich am Tag bie Ferne blauer Berge sehnlich zieht, nachts das Uebermaß der Sterne prächtig mir zu Häupten glüht, alle Tag' unb alle Nächte rühm' ich so des Menschen Los; denkt er ewig sich ins Rechte, ist er ewig schön und groß. Die Dichterstadt. Von Wilhelm von Scholz. Das Erlebnis von Weimar läßt sich vielleicht so umschreiben: fomoljl der, ber Weimar flüchtig besucht, wie ber, ber '"Jahren 'V11“'" ihm verwachsen ist, fühlt, auch wenn er es sich nicht klar sagt baß biese anmutige, in einer freundlichen, ibyllisch-altvätcrischen Landschaft gelegene Residenzstadt von einer anderen Kraft ber Seele ihr bleibenbcs (Scprage bekommen hat als die meisten Städte — ober: daß eine Kraft, die an ben vielen Stabtbilbern nur nebensächlich mitwirkt, hier zur Hauptsache geworben ist unb ben Charakter bestimmt. Die Stabte bie wir bewohnen - ■ ■ Reisen besuchen, sinb vornehmlich bie Auswirkung Zweier Antriebe: ber geworbenen Lebens- unb Tätigkeitsverhaltmsse, J0U5 und . mfcit d« • I i(üd)tigen, , for|d)en' - lertrcuiei ■ sten hew : Manniss || [igen U® i lt hat 7 ren, ist 16 । i Treppe» ■ artens,» i wir dich | )ktogon d ft, I -erholet f ichierW i f: in dell schaut d-'l en j< awanW an eine® s* ■te rnden H ur °"L andenst" ?£* erdunke^ ,er SiestV sK K'ti und" >..»s etrn4 ,yii rine^'D heiteren Glanz einer unbeschwerten Zeit so stark, daß sie UNL wohl, wie etwa ein Rokokozimmer, als Zeiterscheinung unendlich beglücken, ohne daß wir aber anders als in geschichtlicher Einstellung ihnen nahen können. Das „Veilchen" 3. B. (Ein Veilchen auf der Wiese stand), ist ein entzückendes Gedicht, aber es wird keinem einsallen, die Empfindungen des Liedes als eigene wirklich selber beim Zertreten einer Blume nachzu- fühlen. Endlich empfinden wir in einer dritten Gruppe, wie etwa der „Johanna Sebus" oder „Ritler Kurts Brautfahrt , die Nahe der alten Bänkeliänqerballoden, der Volksballade, aus der ,a unsere zeitgenössische Ballade hervorwuchs, so stark, datz sie uns nicht ,0 ergreifen können wie die besten Stücke Theodor Fontanes, der Agnes Wiegel, der Annette So bleiben von den dreißig Balladen etwa ein Dutzend ädrig, deren Goldglanz noch heute leuchtet wie am ersten Tage und wohl auch noch glänzen wird, wenn Goethes Romane und Dramen d,e Patina der Jahrhunderte angesetzt haben. Denn das letzte, was von einem Achter unmittelbar nachfühlbar bleibt, ist immer das Gedicht, — Verse des Alkaus und der Sappho, Gedichte Walthers von der Vogelwe.de sind ewig schwcht- hin, sind so, als ob sie heute geschaffen wären und werden so noch in '""unbesthreiblich "herrlich der „Fisch er‘\ unerhört, gewaltig der .König von Thule", prachtvoll die Schilderungen des ..Totentänze s", meisterhaft der „Zauberlehrling ,,und dann das größte Wunderwerk: „D e r G 0 t t u n d d > e B a , a d e r e . Bei Goethe ist nicht wie bei Schiller die Handlung als solche die Hauptsache, und selten ftnoen wir bei ihm („Braut von Korinth", „Der vertriebene Gras ) °ine.leidenschaftliche Spannung, eine verblüffende Losung unlösbar scheinender Schürzung. Gerade in seinen besten Werken ist die Handlung nur wichtig als Trägerin von Gedanken und Empfindungen. Der ..F'^r — das 1 t das Verführerische, Lockende des Wassers, nicht etwa der Unglucksfall eines Ertrinkenden. Der .König von Thule" — das ist der herzzerreißende Abschied des Greises vom Allerletzten, das ihn an die Erde bindet, dem Becher der Jugendgeliebten, und damit von dieser Liede und den Seligkeiten des Lebens selber. Der „Totentanz" wäre als Vorgang allzu einfach, sein Gehalt liegt in der schaurigen Verbindung von dem Grausigen der Gerippe mit dem Lächerlichen weltlichen Tanzes, irdischer Eitelleiten. Jeder von uns kennt das, wie mitten im Grausigen das Lächerliche sich einmischt das völlig Unpassende, — wir wenden hier heute meist die Worte? das Skurrile, das Barocke an. Und dann die beiden großen Balladen, die „Braut von Korinth" und der Mahadoh, 'N denen Weltanschauungen zusammenkrachen wie begegnende S eme. Wie ost wohl I hat in den letzten anderthalb Jahrhunderten ein bitterer Mund gestöhnt. Keimt ein Glaube neu, Wird ost Lieb und Treu Wie ein böses Unkraut ausgerauft, I wie oft wohl ist als ein heiliggewordenes Sinnbild und Jnditd, ja, als I Ausdruck ganzer Gedankenverbindungen unseres tiefsten Bewußtseins der I Schluß der anderen angeführt: Unsterbliche heben verlorene Kinder Auf feurigen Armen zum Himmel empor! Goethes Balladendichtung gibt nicht wie die Schillers: Handlungsgedichte, sondern Gedankendichtungen, besser noch Gehalt-Dichtungen. I Im letzten Jahre seines Lebens schrieb er „E i n Wort für )un g t I Dichter" nieder, einen kurzen Aussatz, in welchem er verlangt, daß I ein Dichter „von innen heraus" wirken müsse, mdem^ er — gebärde er I sich wie er will —, immer nur jein Individuum zu -tage fordern wird. I Und dann folgen die wundervollen Worte: „Ich kann es meinen lungen I Sreunben nicht ernst genug empsehlen, daß sie sich selbst beobachten I müssen auf daß bei einer gewissen Fazilität des rhythmischen Ausdrucks ste doch auch immer an Gehalt mehr und mehr gewinnen Poetischer I Gehalt aber ist Gehalt des eigenen Lebens." ^std zum „Faust notierte I er einmal die Worte „Gehalt bringt die Form mit sich. Form ist nie ohne tiefer Gehalt ist es, der den Kern aller Goetheschen Balladen ausmacht So wichtig war er ihm, daß einige dieser Gedichte — ich denke an die Wandelnde Glocke" und den „Schatzgräber , — geradezu Lehrgedichte" Unterweisungen, Predigten zu werden scheinen, d.h. Gedichte, deren dichterischer Wert saft hinter ihrem Lehrwert zurucktriit. Freilich dürfen wir es uns nicht so denken, als ob etwa der Dichter ÄÄÄ »SVÄ'S ‘«Ä ~ S'ÄÄ: W» SnA ÄÄÄ UWST& «« m Zauberlehrling" schreiben, der gewiß eine lehrhafte Seite hat, und sich doch aanz spielselig, schilderungstrunken in der Darstellimg der immer aewaltiqer anschwellenden Wasser ergeht, so scheint im „Totentanz das Rippen0 und Klappern der wackelnden vertrackten Gerippe dem Dichter "''Mille« Balladen"find Gestalt, Goethes Balladen. Gehalt, Schiller fniiuh mehr an die Spannung der Moritaten auf Jahrmärkten °n, Goethe tnUrE. „Th;.“1 uralte Iirweite Dolksballade, die im Grunde wohl meist ^rkste' vom ^thos^bewegt,^ aber'"es"ift* bcT"tfjm mehr "e^Rmu/der । 065sä"wird Gm'ih7'iu"seinen Balladen ebenso wie in 'einem gesamten Werke mehr und mehr nicht nur der Dichter, sondern der Leiter, der Tröster, der Herzog unseres Volkes, der dem gequälten Herzen ooran- I ziehende Führer. ften bie ; eftaltet, 'ehrten, ’Polais, feinen Eoethk st, znni iäujern, waltete 1 it zuerst | Haden, | es Sein H ■t Hand inenüdjl nis, die der Zeit iser der ridjtung seidenen I — die rgenbein Räumen l! und ge= ts deren errscher- igshailen ichterisch, ) immer chter der 1 BÄ WÄ SS» wirkUch besprechen, - undda wachen'Pfühle" VÖWSS« SS. °m SS iXÄÄ« zu sagen, au deren «pitze ich aber dies stellen ch - . gob= diesem Erinnerungsjahr üblich ist, nur mit ... .. . an Goethe, Preisungen über Goethes Werkberichtet der ve | g s daß dem unerbittlich wahrhastigen, in der übelste 1 J ... Auswirkung, ihm das Wunder Goethe in feineren ter ■etgi Jen ^Wirrung Goethe hat in feiner Gedichtsammlung nur brech 8 uinätfift die laben bezeichnet. Von diesen falkn.für unf-r-n Geschmack ^nächst Re aus, welche in der Art kleiner Singspiele 3m fl ,p in^. Junggesellen mit einer Rose, eines Edelknaben mit etner Cutterin, emes ^ungg mit dem Mühlbach, einer Zigeunerin mit einem ^nglmg, ES^^ derers mit einer Pächterin in wundervoll leichter - Rokokko, den geben. Auch in einigen weiteren Dichtungen fühlen mir das jwtotro, I »arsiellung eine seltsame, überirdische Ruhe des Vergangenseins in feine । geaenwart und sein Leben schöpfte. Und so auch in unteres. 3n Weimar ist man mitten in der Anschauungswelt der großen Dichter nferes Klassizismus und erkennt verehrend, wie schlicht sie den Raum, las Dasein die Formen und die Symbole sahen, die doch in ihrem Wort ler Ausdruck des Höchsten und Tiefsten im Menschenleben geworden sind. An den Mond. Don I. W. von Goethe. Füllest wieder Busch und Tal Still mit Nebelglanz, Lösest endlich auch einmal Meine Seele ganz. Breitest über mein Gefild Lindernd deinen Blick, Wie des Freundes Auge mild I lieber mein Geschick. Jeden Nachklang fühlt mein Herz Froh und trüber Zeit, Wandle zwischen Freud' und Schmerz In der Einsamkeit. Fließe, fliehe, lieber Fluß! Nimmer werd' ich froh, So verrauschte Scherz und Kuß, Und die Treue so. Ich besaß es doch einmal, Was so köstlich ist! Datz man doch zu seiner Qual Nimmer es vergißt! Rausche, Fluß, das Tal entlang, Ohne Rast und Ruh, Rausche, flüftre meinen Sang Melodien zu, Wenn du in der Winternacht Wütend überschwillst, Oder um die Frühlingspracht Junger Knospen quillst. Selig, wer sich vor der Welt Ohne Haß verschließt, Einen Freund am Busen halt Und mit dem genießt, Was, von Menschen nicht gewußt Oder nicht bedacht, Durch das Labyrinth der Brust Wandelt in der Nacht. Goethe als Balladendichtek. Von Börries Freiherrn von Münchhausen. Das erste uns erhaltene Gedicht Goethes schrieb er als achtjähriger Junge"anInen .Echaben-en Grospapa", ""d da- 'etzte chr.e er wenige Tage vor seinem Tode als Einschnst in em ®uiä. «ete^„2 Ä unb ffier alter hindurch hat der, ttotz Shakespeare und Dante trotz Kant und Luther aröfcte uns bekannte Geist Reim und Tonfall („Rhythmus ) bes «eoums als'Aus'druck seines tiefsten Innenlebens nötig S-M w.e den Atem. Um im Bilde zu bleiben; Fast ebenso häufig hat er mi fernen «nnen u'n brürfe einaeatmet und darqestellt, wie er aus feinem unericyopwG.en, nie genug zu bestaunenden Inneren Gedanken a u s g e a t m e t und ich- Wandrer« Von 3. von Goethe. Der du von dem Himmel bist. Alles Leid und Schmerzen stillest, Den, der doppelt elend ist. Doppelt mit Erquickung füllest. Ach, ich bin des Treibens müde! Was soll all der Schmerz und Lust? Süßer Friede, Komm, ach komm in meine Brust! Letztes Gespräch. Goethe und Wilhelm von Humboldt. Erzählung von Ernst L i s s a u e r. Goethe — er hatte damals schon die Achtzig überschritten — empfing den Besuch Wilhelm von Humboldts. 3n seinem behaglich strengen Arbeitszimmer saßen sie beisammen: daß er ihn hier empfing, damit ehrte Goethe den Gast: „Von den guten Worten, so hoffe ich, die wir miteinander sprechen, wird etwas in der Luft zwischen den vier Wänden haften bleiben. 3d) gehe nur ungern noch aus diesem Raume fort, denn ich weiß ja nicht, ob ich ihn wieder betreten werde, und es ist noch manches zu tun." „Sie werden uns noch lange vergönnt sein, Exzellenz", erwiderte Humboldt, „jedoch ick) glaube auch, daß der Tod Sie wenn es einmal geschehen muß, jählings, mit raschem Pfeilschuß niederstrecken werde." „Worauf gründen Sie diese Hosfnung?" fragte Goethe, indem er mit der rechten Hand leise naä) dem Taschentuch griff, das in einem Korbständer zur Linken neben ihm lag, und sich ein wenig fächelte. „Sie werden gehen, es ist 3hnen nicht anders verstattet", sagte Humboldt, indem er nach seiner Art, entgegenkommend, den Oberkörper oor- beugte und das kluge Wort gleichsam mit einer Handbewegung überreichte, „wenn Sie vollendet sind. 3hr Wesen wird sich von Ihnen so leicht ablösen, wie der Duft von einer ausgeblühten Rose. Wenn der Mensch vollendet ist, so setzt der Leib dem Aufflug der Seele keinen Widerstand mehr entgegen." Goethe schwieg; er hielt den Kopf gesenkt und drückte die Hand, ohne fid) dessen bewußt zu sein, auf das Tuch im Korbe. Nach einer Weile hob er die Stirn, den Blick wie in höchster Teilnahme zwischen die Fenster auf den Spiegel gerickstet, in dessen Glase die gegenüberliegende Tür erschien, sagte er, undeutlicher raunend, als es sonst seine Art war: „Vollendet. Wer sich nicht fortsetzt, ist nicht vollendet." Anscheinend hatte Humboldts Gehör die dunklen Laute nicht ausgenommen, leidenschaftlich bestrebt, dem Freunde die überdunkelte Stunde zu erhellen und wie alle Logiker erpicht, die einmal vorgesetzte Folge der Gedanken auszutragen: „Es ist noch eins", fuhr er fort, „die Götter haben 3hnen ein leichtes Leben beschieden: wie sollten Sie anders dahin gehen, als leichten Atems in einem heiteren Sterben? — 3edoch", brach er nun plötzlich ab, indem er mit einer Handbewegung die an das Aor- stellen im gesellschaftlichen Kreise gemahnte, auf die mannigfach gehäuften Blätterbündel wies, „wir sprechen töricht vom Ende, und überall verstreut sehe ich Anfang — oder doch Mitte." Goethe erhob fid): den Leib steil aufgestellt, die Rechte zwischen dem zweiten und dritten Knopfe in der trotz der märzlichen Wärme fest verknöpften Rock geschoben, umwandelte er Besucher und Tisch: „Es will mir seltsam scheinen", begann er, „daß auch Sie mein Leben für leicht und glücklich anzusehen fid) getrieben fühlen." Humboldt hob die Rechte und in ihr leise Zeige- und Mittelfinger, als wollte er ihn unterbrechen: Goethe, der eben an ihm vorüberging, blieb stehen und deckte seine linke über Humboldts Hand, die fast berührend. Und damit war die Rede über diesen Gegenstand ausgelöscht. Nach ein paar Rundgängen sprach Goethe, es war, als ob der Fluß seiner Gedanken, der im Schweigen unterirdisch geflossen war an die Oberfläche emporträte „Dennoch werde ich eines leichten Todes sterben, mein Freund. — Wissen Sie denn noch nicht, es sollte 3hnen als, ich möchte sagen, Liebhaber des Schicksals, nicht verborgen sein daß es den Menschen — sofern etwas an ihm ist — den höheren Menschen also — eben dort trifft wo er am verwundbarsten ist." — „So rechnen Sie", lächelte Humboldt, „Achill und Siegfried gewiß zu den höheren Menschen." — „Schlagetots, ich bitte Sie", erwiderte Goethe, alle Falten um seine starken, schwarzen Augen lächelten. „Nun, ich weiß, daß Sie meine Achilleis lieben, es ist das Beste an ihr, daß ich sie nicht beendet habe" — er setzte seinen Rundgang fort — „vergeben Sie übrigens, daß ich so wie im Göpel umlaufe, aber es ist mein Brauch." „3ch weiß es", sagte Humboldt mit einer Bewegung, die einer Neigung des rechten Armes gleichkam. „Homer", sagte Goethe plötzlid) laut, es war fast wie ein Schrei, und Humboldt fuhr zusammen, „der wohl am meisten von allen Menschen gesehen hat, wurde blind." „W a r blind." Leise schlich fid) Humboldts Wort dazwischen. „Unmöglich", sprach Goethe, stehen bleibend, indem er die linke Hand leicht senkrecht hob, „es ist so viel Beobachtung in seinen Versen der Schild des Achilles allein, bedenken Sie. O nein, o nein." Er stand jetzt am Tisch und pachte mit dem Knöchel des redjten Zeigefingers auf. „Er w u r d e blind. Michel Angelo, dem wir doch wohl einiges Vollkommenste an Abbildern des Menschen verdanken, — läuft als ein abscheulich Häß- lidjer, ein Gezeichneter herum, mit zerbrochenem Nasenbein. Oder greifen verantwortlich: Dr. HanS Thhriot. — Druck und Verlag: Brühl wir in unsere Jahrzehnte. Den Kaiser, ich weiß, daß Sie ihn nickst liebten, immerhin, der weiter über den Erdball gegriffen hat, als irgendein Mensch, sperrt es auf einen Felsen von zwei englischen Meilen. Braucht es noch mehr? 3ener seltsame Neuerer, er ist nun auch schon seit ein paar Fahren dahingegangen, Beethoven meine ich. Sie kannten ihn ja auch persönlich, es ist von einer lächerlichen Fürchterlichkeit, war taub"; indem er Humboldt die Fläche der Rechten steil entgegenstreckte, verbesserte er sich: „wurde taub". Humboldt schwieg. Er preßte überlegend mit Daumen und Zeigefinger das Kinn, dann die Unterlippe zusammen. „3ch weiß, was Sie denken", sagte Goethe und setzte sich wiederum in seinen Stuhl, „Sie staunen und suchen vergeblich nach dem Punkt, wo nun das Schicksal mich getroffen habe?" „Es ist" sprach Goethe nach einer Weile, die sie durchgeschwiegen hatten, „vielleicht in solchen letzten — ich bitte Sie", unterbrach er, nach einem abwehrenden Sichverbeugen Humboldts, „in meinen Fahren ist jedes Gespräch das letzte, Und ein weiteres zu erhoffen abgeschmackt. So ist es wohl verstattet — da Sie meinem Lebensgang denn so freundschaftlich teilnehmend gefolgt sind — erkennen Sie gewiß die wirkende Kraft, die mich geführt, die diesen Weg nun also gefügt hat." „Folge, Zusammenhang", sagte Humboldt ohne Besinnen. „Dies ist es", sprach Goethe und strahlte ihn mit der vollen Schwärze seiner Augen an. „Folge", wiederholte Humboldt. „Dies ist das Wort. Die Grundformel, der Generalnenner, sozusagen eben die Kraft, die allen Ihren Schriften, nein, die Ihrem ganzen Wirken gemeinsam ist, dem dichterischen, biographischen, nicht zu vergessen: naturwissenschaftlichen, kurzum Ihrem ganzen Leben. Alles aus einem Kerne entfaltet." Er lächelte, die Hände auseinanderbreitend, als biete er dies abschließende Wort gleich einer Weihgabe auf ihnen dar, strahlte er: „Metamorphose Goethes". „Nun wohl", sagte Goethe, er blickte von Humboldt fort, nach rechts, über die kahl starrenden Sträucher hin, fest auf das gewalzte Dach des drüben in die Mauer eingebauten Gartenhauses, aber cs war offenbar, daß er es nicht sah: „Ich habe keinen Sohn." In das Schweigen sprach Goethe nach einer Weile: „Sie denken an meine Enkel, doch Sie wagen nicht, Sie mir zu nennen. Sie wissen, wie ich, sie werden keine Kinder haben. Sie werden diesen unseligen Namen nicht fortpflanzen können, aber sie werden es auch nicht wollen." Humboldt war erschrocken aufgestanden. Goethe drückte ihn an den Schultern auf den Stuhl nieder, Humboldt spürte mit ergriffenem Dank den Druck des Goetheschen Arms, er besann sich nicht, daß Goethe ihn in all den Jahrzehnten jemals angerührt habe: „Unselig ist der Name jenseits von mir. Sie waren das Glück und die Seligkeit meines Alters; aber jetzt, sie kommen nicht zurecht, der Name schwärt in ihnen, denken Sie, ich weiß das nicht? Walters Lieder, Wolfgangs Verse, wähnen Sie, ich sei ein verblendeter Großvater?" Wiederum schwieg Humboldt, die Hand über den gefettcn Augen; er hörte Goethe vom Fenster her sagen: „Es scheint, Sie haben es wirklich geglaubt wie so viele andere." Die Hände auf dem Rücken, den Blick auf das Fenster geheftet, hinter dem die Dämmerung jetzt, mit Regenwolken bezogen, fast von Sekunde zu Sekunde tiefer graute, ohne Uebergang fuhr Goethe fort: „In diesem Zimmer ist es gewesen, hier an der Tür zu meinem Schlafzimmer. Es war die Stunde zwischen Morgenschlummer und Aufwachen. Die Tür öffnete sich, eine große Gestalt trat herein, ein stattliches Frauenzimmer, eine Athene. Sie haben Corona Schröter nicht gekannt, eine Athene mit den Zügen dieser sehr kostbaren Corona Schröter, und ich wußte, sehr merkwürdig ist das, ich wußte, in meinem Traum und doch nicht Traum, da zwischen Schlaf und Wachen, es war die Göttin — es war die Göttin, nun eben: der Folge. Damals hatte mir irgendwer, ich glaube, ein Prinz von Gotha, einen großen Kranz von Lorbeer samt allerlei deutschen Garten- und Wiesenpflanzen, Astern, Dahlien und anderes Herbstliche ins Haus geschickt, und mein Diener hatte ihn dort an die Tür gehängt, außen meine ich, da wo Sie jetzt die Karten sehen. Jene sonderbare Frauengestalt, die Göttin, nahm den Kranz, ich hörte das Rascheln ganz deutlich, trat vor mein Bett, löste die eingeschlungenen Fäden, bog und dehnte ihn sacht und legte ihn behutsam langgestreckt auf mein Bett. Dann aber zerzupfte sie sanft das Gebinde. — Sie verstehen?" fragte Goethe nach einer Pause; er sah Humboldt nicht mehr. „Wie sollte ich nicht", anworteie Humboldt aus der Finsternis. „Mit einer holdseligen Trauer", hob Goethe wiederum an, es war Humboldt, als ob er von weither redete, „griff sie mit ihren'schmalen Fingern an jedes Blatt, ich sah es genau unb fühlte mich, verwundersam, nicht wahr, van dem Anblick wohlig beglückt." Ganz fern, gleichsam von jenseits des Dunkels schloß Goethe: „So zerriß sie die Folge." Plötzlich machte er ein paar rasche Schritte vom Fenster ins Zimmer und zurück; nun mit lauterem, sonderbar sachlichem Tonfall fuhr er fort: „Dies aber ist das Seltsamste, niemand weiß es, ich habe mit niemandem darüber gesprochen, und bitte auch Sie, es in sich zu bergen. Am Morgen war der Kranz tatsächlid) verschwunden." Beide verharrten ohne Regung. Für einige Augenblicke hob sich Goethes Gestalt in verworrenem Umriß gegen einen Lichtschein ab, der von einer irgendwo seitlings aufbrennenden Laterne ober Kerze herfloß und wieder auslosch. Nach einer Zeit, einen Rest von Unalauben in der Stimme, fragte Humboldt: „Ihr Diener?" „Er ist fest überzeugt, daß verwegenes Jungvolk vom Garten her eingestiegen ist, den Kranz gestohlen und die Blätter an eifervolle Vcr- ehrer ausgeteilt hat." Humboldt schwieg. Die beiden alten Männer schwiegen. Finsternis und Stille war in dem nächtlich strengen Arbeitszimmer. Sie baute sich gleich einem umfangenden Raume auf, in dem die beiden allein waren fern und getrennt von den anderen Menschen, und wissend fche Universitäts-Buch, und Steindruckerei, 2i. Lange, Gießen.