GiehenerZaimlienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Nummer 47 Montag, den 20. Juni Jahrgang <932 Mit aufrichtigem Dank schon jetzt Mit besten Grüßen Ihr ergebener Alexander Lanz. Ihre ergebene Elsie W. Ihr Götter der Frühe .... Von Christian Morgen st er n. Ihr Götter der Frühe, schenket mir gute Gedanken! Küßt mir die Helle Stirne mit lächelnden Lippen! Aufatmend tret ich hinaus auf die Altane ... Von leichten Winden gerührt, schwanken die Büsche, und, holdanwogend, grüßt der glitzernde See die treuen Ufer. Fernher kommen fleißige Segel gezogen, — ihr Unsichtbaren, tragen sie ehre Geschenke? Aber was frag ich! Von euerer Nähe Odem schauern Himmel und Erde ... Eurem Odem selber im Busen, tret ich, überbegnadet, fromm, zurück ins Zimmer ... Moniea strich sich fassungslos eine dunkle Haarsträhne aus der Stirn. Stimmübungen? Eine Rolle? In ihrem ganzen Leben hatte sie nie daran gedacht, zur Bühne zu gehen. . . In diesem Moment erklang aus dem Badezimmer em hohes, klägliches Määäh. Eine Erleuchtung blitzte in ihr auf. Das Lamm Elfenbein war an allem schuld. Diese jämmerliche Tierstimme hatte ein nervöser Dichter für ihr Organ gehalten. , Sie öffnete die Tür zum Bad. Das Lamm sprang ihr harmlos ausgelassen entgegen. Monica hockte sich auf den Boden: Da bist du ja, du junges Talent. Der Dichter da drüben will dir eine schöne Rolle schreiben. Aber nur, wenn du von jetzt an den Mund ^at©ie ging schnell zum Schreibtisch und nahm einen Briefbogen: Sehr geehrter Herr! Ich kann gar nicht sagen, wie sehr mich Ihre ermunternden Worte in meinem künstlerischen Streben bestärken. Selbstverständlich werde ich auf Ihre Arbeitsstunden die allergrößte Rücksicht nehmen. Da mir sehr daran liegt, daß Sie den richtigen Eindruck von meiner Persönlichkeit bekommen, würde ich Ihnen gern etwas vorsprechen. Darf ich mir erlauben, Sie heute nachmittag um vier Uhr aufzusuchen? Monica und das junge Lamm. Don Doris v. Sch önthan. Rosig und feucht lag das zarte Maul des jungen Lammes auf dem Aermel von Monicas hellblauem Jerseykleid. Sie beugte sich herab und strich, liebevoll über den wolligen lierrüd’en; ihr Gesicht schimmerte bräunlich gegen das schneeige Weih des Fells. „Wie aufgeregt es atmet", sagte Monica zu der alten Bäuerin die das kleine Schaf im Arm hielt. Dann zärtlich zu dem Lamm. „Aas machst du denn schon so früh am Morgen auf der Landstraße, du winziges h n 9 n „Wir haben's eilig. Bis neun Uhr muß ich s beim Schlächter abliefern." . . , . -. Monicas liebkosende Hand krallte sich erschrocken m den lockeren Tierpelz. Es überkam sie ein Gefühl von Schwäche und Schwindel, wie sie es seit blutarmen Backfischzeiten nicht mehr gekannt hatte. Hastig wandte sie sich um und lief davon. In ihrem Kopf drehte sich em Karussell. Ihr fielen die Holzschäschen auf dem Weihnachtsmarkt ein, bie Osterlämmer aus Zucker, bläulichweiß wie von Porzellan. .. Uber d ! Lamm hier war kein Kinderspielzeug, und fern Symbol. Dieses Lamm lebte, war aus Fleisch und Blut — jung und lebendig wie sie iewst. Die Bäuerin war mit dem Schäfchen in entgegengesetzter Richtung davongetapst. Aus der Entfernung kam ein leises Blöken er,tauni “"ffliönkaftrainierte lange Beine hatten die Frau schnell eingeholt „Was zahlt Ihnen der Schlächter für so ein Tier? Sie bemühte sich, ruhig und geschäftlich zu erscheinen. „Acht Mark zum wenigsten." . h„- Rasch überdachte Monica ihre finanzielle Lage. Es war Mitte des Monats und sie befaß nicht mehr ganz hundert MarL Dabei hatte e die Miete für ihre Berliner Junggcsellenwohnung noch nicht bezahlt, es drohte eine Schneiderrechnung... Und das Hotel hier: -1 war ohnehin nicht zu denken. Snr:„f„n Aus einem parfümierten Wirrwarr von Puderdose, S'garetkn Briefe und Lippenstift, fischte sie einen zerknitterten Zehnmarkschein heraus. Die Bauernfrau legte das Tier dieser sonderbaren jungen Stadtdame in den Arm und kehrte kopfschüttelnd und leise brummend um. Monica stellte das Schaf behutsam auf feine dünnen Be,ne los e den Hellen Ledergürtel von ihrem Kleid und legte ihn .. Schlinge um den Hals des Tierchens. So gedachte sie das Schaf durch die blühende Landschaft zu führen — an der Leine, wie sie m Berlin m^ 'hrem Skyterrier Jim spazieren ging. Das Lamm °ber ch der Hunderolle einverstanden zu sein. Es hupfte nach rechts, ’ . zurück, scheute vor einem Spatz, der über den Weg hupfte, dazwycy knabberte es genießerisch an ein paar zarten Wiesendlui. Monica ließ alle pädagogischen Künste spielen. „Komm doch mem Süßes, Kleines! Laß die ordinären Blumen davon bekommst du Bauchweh!" Dann in strengem Ton „Schumsk du dich denn ) bist ja noch ungezogener als Jim!" Jetzt wieder sanft: „Komm doch, mein kleines Elfenbeinweihes. Oder find deine Elfenbeine noch zu schwach?" Alles vergeblich. Es blieb nichts übrig als das Tier auf den Arm zu nehmen. So schritt sie mit dem Lamm durch den goldenen Morgen — eine heilige Agnes unserer Tage. Im Hoteleingang lehnte der grauhaarige Portier, der immer beinahe väterlich um sie besorgt war; er hatte für Monicas überraschende Absichten und Handlungen dasselbe sanft-mißbilligende Lächeln, wie einst ihre Kinderfrau. Ueberhaupt besaß er die wichtigste Eigenschaft eines Hotelportiers: Er zeigte niemals und über niemanden das geringste Erstaunen. „Schauen Sie mal was ich hier bringe. Ist es nicht zauberhaft? Und gehört jetzt mir. Ich will es Elfenbein nennen. Ein hübscher Name, nicht wahr?" „Wenn nur da unsere Direktion keine Schwierigkeiten macht. In den Hotelstatuten steht, daß das Halten von Tieren in den Zimmern.. „Das wird sich schon alles finden. Vor allem, wo ist der Kellner? Ich muß meinem Elfenbein rasch etwas zu essen bestellen." „Äber nur nichts von der Speisekarte, gnädiges Fräulein. Das muß Milch bekommen und die aus der Flasche. Aber da kann ich aushelfen. Von meinem ßinerl ist noch alles da. Ich lasse es gleich herüberholen." So lernte das junge Schaf eine Hotelhalle, eine Fahrt im Lift, lange helle Korridore und das anmutige Durcheinander im Zimmer einer jungen Dame kennen. Mit Rücksicht auf den Velourbelag des Fußbodens führte Monica Elfenbein auf die Steinfliesen des Badezimmers. Gleich darauf erschien der Portier mit einer gummibepfropften Säuglingsflasche. Es bedurfte vieler Geduld und guten Zuredens bis Elfenbein sich zu diesem Ammenersatz entschloß. Nach der Mahlzeit breitete Monica ihr schottisches Plaid auf die Fliesen und legte das junge Tier daraus, das dann auch sofort einschlief. Rasch nahm Monica eine kalte Dusche, zog sich um und lief eilig davon. Sie war ja um 10 Uhr zum Tennis verabredet. Als sie zwei Stunden später zurückkam, lag in ihrem Postfach ein Brief. In ihrem Zimmer warf sie Racket und Bälle beiseite und öffnete den Umschlag: Sehr geehrtes, gnädiges Fräulein! Zwei Stunden lang habe ich versucht, mich durch Ihre Stimmübungen nicht stören zu lassen. Es ist vollkommen unmöglich. Meine Nerven halten es nicht länger aus! Seit Jahren ist der Vormittag meine beste Arbeitszeit. Ich darf keine Stunde mehr verlieren. In zwei Wochen muß ich mit meiner neuen Komödie fertig fein! Ein Wohnungswechsel ist völlig ausgeschlossen! Es braucht Tage, bis ich imstande bin, in einer neuen Umgebung zu arbeiten. Als Künstlerin werden Sie für diese vielleicht krankhafte Nervenverfassung Verständnis haben. Wäre es Ihnen nicht möglich, Ihre Sprachstudien auf den Nachmittag zu verlegen? Ich würde Ihnen für diese Rücksichtnahme von " ganzem Herzen dankbar sein. . In meinem Stück sind verschiedene wirkungsvolle kleine Frauenrollen, und ich könnte es bestimmt beim Regisseur durchsetzen, daß er sie eine davon spielen läßt. Seit halb vier Uhr war Alexander mit den Vorbereitungen beschäftigt, die ein junger Dichter zu treffen hat, wenn eine junge Schauspielerin das erste Mal in sein Haus kommt. In den Vasen standen Blumen, auf der kleinen Veranda war ein einladender Teetisch gedeckt. Als Alexander dabei war, die vierte Kravatte zu probieren, klopfte es draußen. Eilig stürzte er zur Tür und öffnete. Vor ihm stand em schneeweißes Lamm, einsam und verlegen blökend. Eine Stunde verging ohne daß Elfenbein zurückkehrte. Da entschloß sich Monica nach dem Tier zu schauen. — Auf der kleinen Wiese hinter dem Hause des Dichters fand sie das unbekümmert grasende Elfenbein. Gegen die Mauer gelehnt stand ein junger Mann in grauem Flanellanzug. Eine Zigarette im Mund, war er mit zärtlich belustigtem Ausdruck in Elfenbeins Anblick versunken. Monica ging auf ihn zu und reichte ihm die Hand: „Guten Tag. Nun, gefällt sie Ihnen, die junge Künstlerin?" „ „So gut, daß ich sie am liebsten überhaupt hier behalten möchte." „Um Ihnen Elfenbein anzuvertrauen, kenne ich Sie aber noch zu wenig." . „Dann müssen wir dasür sorgen, daß Sie mich rascher kennenlernen. Deshalb sollten wir jetzt zum Beispiel zusammen Tee trinken." Diesem Nachmittag folgte eine Reihe von Tagen, in denen Elfenbein an Größe und jugendlicher Heiterkeit zunahm, aber an Wichtigkeit für Monica und Alexander sehr verlor. An einem frühen Morgen brachten Alexander und Elfenbein, in einem kleinen Auto, Monica zum Bahnhof. Das Mädchen hielt das Lamm auf dem Schoß. Alexander schaute flüchtig zur Seite, um sich Monicas Profil mit der stumpten Nase und den gebogenen Augenwimpern noch- einmal besonders einzuprägen. Mit schmerzlichem Zucken um die Stirn saß sie über das Tier geneigt. Eine einsame Träne tropfte auf das lockige Fell. „Monica, Liebes, glauben Sie mir, Elfenbein wird der Abschied genau so schwer wie Ihnen. Und von mir wollen wir schon gar nicht reden. Müssen Sie denn wirklich abreisen? Könnten wir drei nicht immer zusammenbleiben?" Wahrscheinlich hätte Alexander jetzt eine lange, wohlkomponierte Werbung vorgebracht. Aber seine scharfen Augen erblickten auf einem entgegenkommenden Leiterwagen ein Dutzend rosiger junger Ferkel. Er stoppte den Motor, wandte sich zur Seite und gab Monica einen- ersten Kuß. Lang und zärtlich. In ihm war die Befürchtung aufgestiegen, Monica würde die Schweinchen bemerken und verlangen, daß sie, außer dem jungen Lamm auch noch zwölf Ferkelchen mit in ihr neues Leben nehmen sollten. Die vergeffene Natur. Eine Betrachtung im Goethe-Jahr. Von Hans N a t o n e k. Unbeachtet und ungefeiert blieben in Weimar die persönliche Atmosphäre über der Stadt, der Fluß vor ihren Toren, die nicht mehr da sind, die Landschaft, die unwandelbare, mit ihren Aeckern und umbuschten Bodenwellen, in die sich das Städtchen schmiegt, wie der Kopf eines Vogels in jein Gefieder; und übersehen wurden vor allem die Frauen, und unter den Frauen die Gefährtin, die ihn achtundzwanzig Jahre begleitete, bald angeschmiegt und bald entfernt. Wiederum, auch sie, ein Stück Natur in der gepflegten Umgebung des Geistes, der Bildung, der Hofgesellschaft. * Fünfzig Jahre hat Goethe in diesem Landstädtchen gelebt. Man ermesse, was das bedeutet. Zwischen dem würdigen Bürger- und dem idyllischen Gartenhaus, zwischen Schloßgesellschasten, die gleichgültig, und Einsamkeiten, die schmerzlich waren? Zwischen Schreibpult und Sammlungen; und nur ab und zu eine Reise. Jeder andere, der nicht eine Welt in sich trug, wäre in sie aus- gebrochen. Heutige Schriststeller von einiger Geltung brauchen nicht mehr und nicht weniger als die ganze Welt, um sie als Postament zu benützen. Amerika, Indien, Weltstädte, Weltgenüsse, Allerweltsgesellschaft, Bewegung, um der Bewegung willen. Und sie bilden sich vielleicht gar noch ein, daß ihr Verkehrs-Trieb und ihr Nichtoerweilen faustisch sei. Wie unvorstellbar eng, wie eintönig war die äußere Umwelt Goethes. Ueber die Sternbrücke an die Ilm, ober durch die große Allee aufs Belvedere. Die Stille von damals ist auch heute noch. Der kleine Fluß, ein grünlicher Bach, schleicht lautlos am fahlen Vorjahrslaub entlang. Hier ist nichts als der karge Schauplatz der Jahreszeiten, mit ersten Veilchen, mit dem leuchtend satten Sommerlaub der alten Bäume, mit den traurigen Hxrbstnebeln und der Winterfreude am warmen Ofen. Aber die Fülle der Welt ist in dieser 'Beschränktheit. Hier ward aus Zusall, der einen Menschen aus einer bunteren Umwelt hierherwehte, Schicksal, Nötigung, Pflicht, Aufgabe, Verzicht. « Im Gartenhaus, das wirklich nicht „übermütig aussieht", wird die kleine, schmale Bettstatt Goethes gezeigt, eine eigene Konstruktion des Dichters, die, zusammengelegt, zugleich als Reisekofser auf die Kutsche gepackt werden konnte. So könnte man sagen, daß Goethe in der Stille des Gartenhäuschens auf oder in seinem Reisekofser schlief und träumte ... Ein Sinnbild feiner heimlichen Sehnsucht. Und es war schön und dennoch zugleich schmerzlich, wenn endlich die Staubwolke unter den Rädern seiner Reisekutsche ausftieg und hinter dem welligen Hügel der Schloßturm versank... Schmerzlich war es und dennoch schön, wenn bei der Heimkehr hinter der Bodenwelle die vertraute Form der Turmspitze austauchte. * Spät kommt der Frühling und früh der Herbst, kurz ist der Sommer, und die Luft geht rauh. Eng sind die Gassen und spärlich das Licht der kleinen Fenster. Am Main und Rhein war olles weiter und heller und näher dem Süden. Die Orangerie des Großherzogs — nun ja: ein schwacher Versuch, die südliche Natur einzufangen. Hier steht der Lorbeer, aber nicht hoch und nur in Kübeln, und die Goldorange wird nur wallnußgroß Die thüringischen Menschen sind ernst und würdig; sie lachen wenig, sprechen von Geschäften und sitzen beim Schoppen am Stammtisch. Was sollen sie auch lachen?! Sie plagen sich mit ihrem harten Acker oder an den Webstühlen in Apolda. Und kurz ist so ein Dorfsonntag in der Schenke. Die Mädchen, blond und fest, sind noch das beste. Gott gab ihnen braune Wangen und die Wärme der südlichen Kreatur. So damals und so heute. Die meisten Dinge ändern sich im Kern nicht Ein tüchtiger, braver Menschenschlag. Aber „Kunscht", das ist nichts für sie; so unbescheiden sind sie nicht. Das ist etwas für die feinen Leute in den seinen Salons. Damals für die geschlossenen Zirkel des Hofes, heut« für die der Goethe-Gesellschaft. Da mischen sie sich nicht drein, die einfachen Leute. Der eingefessene, kleine Weimaraner redet nicht von Goethe», Er sieht nur wohlwollend und bescheiden zu. Er spielt sich nicht auf den Kenner auf; er schwätzt nicht eitel mit, um dabei zu sein. Er ist schlich! und natürlich, wie die Christiane Vulpius war, ein echtes thüringisches Kind, das trotz einem mit Goethe verbrachten Leben ihrer Einfalt treu und völlig „kunscht"-fern blieb. Aber was wissen wir, ob Goethe nicht in einem halben Jahrhunderi kleinstädtischen Lebens dann und wann von einer bangen Fkage gepack! wurde: Wie anders hättest du dich in Rom, in Paris entwickeln können! Welche Befeurung durch den Glanz der Weltstadt, welche Anregung durch den Wechsel der Erscheinungen, welche Fülle wissenschaftlicher und literarischer Möglichkeiten im Umgang mit den Größten der Zeit? Reue? Ein ungoethisches Gefühl. Eher Verzicht. Weimar als Schicksal. Eher: Ertragen des Notwendigen. Eher: aus dem (Begegebenen das Beste machen. Und das hat et getan. Die Christiane Vulpius ist das intime eheliche Weimar Goethes;, beschränkt, aber lieblich; unseierlich, aber echt; im Frühjahr ein Veilchen, im Winter ein guter Ofen. Achtundzwanzig Jahre nahm sie auf die natürliche Weise an seinem Leben Teil. Aber sie war nur eine Arbeiterin in einer Kunstblumen- Manusaktur — dies ihre einzige Beziehung zur Kunst — und sie roar siebzehn Jahre nur die Haushälterin eines Geheimrats. So etwas leb! im Unterbewußtsein der Gesellschaft weiter. Sie war das Stück Natur zwischen dem hochbürgerlichen grauenpinn und dem adeligen Schloß. Sie hatte braune Wangen und dunkle Locken wie eine Römerin. Und Goethe kam eben aus Rom zurück... Und wie mit Weimar roar «es auch mit Christiane: aus Zufall wurde Fügung und Notwendigkeit. Die Natur-Notwendigkeit Christiane hat man Übersehen. In dieser Stummheit steckt Konsequenz. Ja, wenn der Traualtar, die Bildung, eine alte Familie und Besitz hinter Ihr stünden! Aber von all dem besaß sie nichts. Sie ist wie ein Baum, den Goethe gepflanzt hat. Und wer beachtet schon einen Baum, wenn Worte fallen wie: Univerfalismus, Humanität, Olympier. (Und doch sind die Bäume, die Goethe gepflanzt hat, wertvoller uls das alles. Aber was macht man aus Bäumen? Papier!) Ihr Grab ist seitab der Fürstengruft, so wie Gretchens Grab es wäre, wenn sie auf dem Friedhof Faustens ruhte. Aber wenn ihre Lippen gelöst wären, würde sie sagen: „Laßt nur — ich weih ja, ich bin nicht fein genug, um mitzusprechen über die hohen ewigen Dinge; das ist was für die überkandidelte Charlotte, aber dafür weih ich besser, was dem Wolfgang gut tut. Ich kenne mich nicht aus mit die Efijenige (Iphigenie), es ist alles so schwer auszusprechen, aber etwas muh doch an mir sein, daß er so lange bei mir blieb. Mein Gott ja, ich konnte kaum lesen und schreiben; lacht nur, daß ich aus Bibliothek eine Bibldäck machte und Literatur als Linderadur schrieb — weil mir „Linde" vertraut ist, wie alles, was man greifen und sehen kann. Scharmuzieren und repräsentieren roar nicht meine Sache, aber ich stand mit den Füßen auf der Erde und das mochte mein Geheimrat gern, und den Kopf in den Wolken hatte er selbst. Dazn brauchte er mich nicht. Aber sein .gleines Nadurroäsen' (kleines Natur- rocfen) brauchte er. Und das roar ich." Weltreisende im Tramp. Von Annie France-Harra r. Es kommt mitunter vor, daß Frachtschiffe, die von Afrika ober Australien kommen, wirklich nur einen einzigen Passagier nach Europa bringen. Der gehört dann auf Wochen und Monate gewissermaßen zur Besatzung des Schiffes mit dazu, teilt das Leben der Offiziere, ißt mit ihnen, läßt sich von ihren Frauen und Kindern erzählen, die diese betlagensroertem Menfchen zumeist nur Tage und Wochen während eines ganzen Jahres sehen. Er kennt die Sorgen des Kochs, ob der frische Salat bis zunr nächsten Hafen ausreichen wird und ob Melonen oder Papayafrllchte ati Bord kommen. Auch die Erwägungen, welcher von den beiden mitgenommenen Ochsen zu schlachten besser wäre, bleiben ihm nicht unbekannt. Ec sieht zu, wie der Herr Oberingenieur sich einen vierzackigen Haken für den Fang eines Haifisches schmieden läßt oder wie die beiden schadhaften Kabinenschlösser nachgenietet werden. Wenn er will, kann er tiefsinnige Betrachtungen darüber anstellen, daß die weißen Leinenschuhe des jüngsten Leutnants einer dringenden Erneuerung bedürfen und daß der Zah!° meister ein ordentlicher und sparsamer 'Mensch sein muß, denn er läßt durch den chinesischen Steward seine eingemotteten Europakleider schost zum zweitenmal lüsten. Er weiß, was die Matrosen auf ihren Tisch bekommen und kann dem malayischen Bäcker zuschauen, der mit bronze- gelben Armen Teig knetet und am Backofen rumort. Das ganze Kleinleben des Schiffes bewegt sich unverhüllt um ihn, und alles, was sich an Freundschaft und Feindseligkeit in dieser oft viele Tage lang von der Außenwelt ganz abgeschlossenen Gemeinschaft von 70 bis 100 Menschen vollzieht. Aber umgekehrt gibt es auch die sonderbarsten Passagiere, die solch eine Fahrtgelegenheit benützen. Man lernt sie kennen, auch wenn man nicht eben Lust dazu hat. Wir haben auf unserer letzten Reife 70 Tage ®oeil)t<; i Mdjtii, an (einem tiftblunw ,b sie« etwas Ml b es mli ppeu nicht I«> st was ff dem» Ngeniel,^ r (ein, W und I» , ßiter* alles, * i wae W das m* elbft. » S 51*' tauenplit itle Seien . Und toit igung uni In dich dang, ei« i besaß st« er beacht rjunwniÄ wertooller d-r,J * rt<» [eii| Hjty en Weniü 8j; r °dee m 9 in d,, ®o« w kern nid)), nichts (ii Leute in 'fes, Ijeut! , die eh > Soelfyt 't auf h ist schlich iringildjii nsalt ti« auf einem solchen Frachtschiff zugebracht, das aus der Südfee nach Europa fuhr. Und wenn ich nicht annehmen will, daß gerade dieser Dampfer mit Sonderlingen gesegnet war, so findet sich wohl aus jeder solchen langen Reise der eine oder andere ungewöhnliche Passagier ein. Jener, der mir vor allen anderen als erstaunlich im Gedächtnis blieb, reiste eigentlich dem Fahrpreis nach im Zwischendeck. Aber weil es kein Zwischendeck gab, so hatte man ihm und noch ein paar anderen ein finsteres Loch im Hinterschiff neben einer Frachtraumlucke eingeräumt. Die Kopra dunstete mit ihrem ranzigen Geruch herüber. Eine elektrische Lampe ohne Schirm war an einer langen Schnur an die Wand gehängt. Bettzeug und Decken lagen in offenen, rostigen Gestellen. Ein Lager war sogar nur auf zwei Brettern aufgerichtet. Es gab ein altes Ernailwasch- becten, einen verbeulten Eimer. Sonst waren nur noch die Koffer und Kisten' der Reisenden vorhanden, hier zum Range von Tisch und Stuhl erhoben. Aber ein richtiges Tischchen und ein paar Schemel davon stauben draußen auf dem Berdeck unter einem Zipfel aufgespannten Segeltuches. neben dem Hühnerstall und der langsam wandernden, schenkeldicken Kette für die Stuermaschine, die ständig leise knarrte. In dieser Welt hauste „L’homme statue“. Seinen richtigen Namen habe ich nie erfahren. Einer der französischen Mitreisenden hatte ihn scherzhaft so genannt. „L’homme statue“ •— der Statuenmann. Denn immer stand oder saß er unbeweglich, sprach kein Wort, las nie, beschäftigte sich mit nichts. Er war ein Zwerg, schon an der Grenze des Greisenalters. Nie habe ich etwas Armseligeres gesehen, als sein verschossenes, einst grün gewesenes Leinenröcklein, seinen schmierigen Tropenhelm, die einmal weiß gewesenen Schuhe, aus deren geplatzter Spitze entsetzlich schmutzige Zehen lugten. Es ging die Sage über ihn, er habe in langen Jahren Dienst als französischer Kolonialbeamter Schätze gesammelt, aber (ein unerhörter Geiz ließe es nicht zu, daß er erster Klasse nach Europa zurückreise. Als wir von der verschollenen Südseeinsel aus der Gruppe der Neuen Hebriden, wo er an Bord kam, abfuhren, sagte ihm kein Weißer Lebewohl. Nur ein paar kupferrote Insulaner drückten ihm bie Hand. Einen umarmte er. Schicksal? Er sprach nicht. Und als er mit einem lächerlichen Gerümpel von Kisten und zusammengebundenen Schachteln in Marseille ausftieg, tauchte er Unter wie ein lichtscheues Tier. Keiner von uns hat ihm wieder begegnet. Oder da war sein Mitpassagier, auch aus dem Zwischendeck, ein eleganter Herr, in Lackschuhen und Seidenhemd, mit guten Manieren, der sich am liebsten in drei Sprachen auf einmal zu unterhalten pflegte und dein Steuermann lange Geschichten erzählte. Tagsüber saß er stundenlang vor seiner gepflegten Reiseschreibmaschine, die er auf den Knien balancierte, wohl, weil er fönst keinen Raum dafür fand. Endlos beklopfte er Setten fchönen, weihen Kanzleipapieres, und abends lag er in seiner schwarzen Höhle, die unbefdjirmte grelle Birne über sich und las, was er geschrieben hatte. Was war es? Wozu sollte es ihm verhelfen? Ich weiß es so roentg, wie feinen Namen und seinen Beruf. Oder da gab es einen ganz armen Teufel, sehr jung, sehr schlank, mit den geschmeidigen Bewegungen einer Eidechse. Seine goldene Haut leuchtete aus den Rissen des verschlissenen Hemdes. Sie war wirklich golden, von einem ganz unwahrscheinlichen Ton, mit merkwürdigen Bronze- refleren. Da er mit den Matrosen arbeitete, so hat er wohl für feine Ueberfahrt nur ganz wenig oder gar nichts bezahlt. Er trug ihnen die Schüsseln mit Essen zu, er half die turmhohen Ventilatoren je nach der Windrichtung drehen, er scheuerte das Verdeck, und als auf der Strecke über den Atlantik das ganze Schiff neu gestrichen wurde, strich er tapfer mit. Später erzählte man uns, er fei Halbblut, der Sohn eines weihen Mannes und einer tahitanifchen Frau, der es unter den Eingeborenen vom Stamm feiner Mutter nicht habe aushalten können. Die Sehnsucht, nach Europa zu kommen, habe ihn fast verzehrt. Er könne weder lesen noch schreiben, aber Französisch und Chinesisch von den vielen ch>nesi)ck,en Kaufleuten Tahitis. Und er besitze eine geheimnisvolle Empfehlung, die er beständig bei sich trage. Als die Lust vor Gibraltar für uns <,ropen= verwöhnte Ichon unangenehm kalt wurde, sah ich ihn zuweilen ganz vorne am Bug stehen, mehrere alte Röcke übereinander gezogen, fröstelnd, uno mit großen schwarzen, erwartungsvollen Augen auf die Wolkenwand blickend, hinter der die Küste von Spanien verborgen lag. ®as erroarte er sich? Wie fremd war diese Welt für ihn, rote fremd er selber, bassen weißes Blut ihn aus dem Südseeparadies forttneb unb der von dort nichts mitbrachte, als ein Bündel Bananen, eme geflochtene Palmblatttasche unb bas ungeheure Kieferpaar eines Haifisches, aufgesperrt mit hunderten von dolchscharfen Zähnen. Und dann hatte sich noch ein Schicksal eingefunben, an das ich mckst ohne Rührung zu benten vermag. Eigentlich waren es zwei, ein Mann und eine Frau, aber wir waren uns alle darüber einig daß von diesem Ehepaar I durchaus nur Frau I unser Interesse verdiene Sie waren unsere einzigen Mitpassagiere in der ersten Kasse, als wir da. unten im Korallenmeer von Insel zu Insel unb von Riff zu Riff steueren Sie war sehr schön — gewesen, von einer leisen unb traurigen Angewelktheit des Gemütes, bie ihr etwas Hilf- unb Hostnungsloses gab- ® ne btejer blutarmen Tropenschönheiten, der, so oft die Rede aift «ft konische °der chinesische Kolonien kam, ein schmerzlich wissendesLächeln um ben ganz blauroten, zarten Mund ging. Der Mann etn ruhmrediger Rüpel, von einer unverschämten, offen zur Schau gestellten Käuflichkeit f nung, wurde eigentlich nur ihretwegen geduldet, obgleich er sichtlich leöer mann auf die Nerven fiel. Madame war es, die diese Reise bezahlt hatte^ Ober richtiger nicht ganz bezahlt, denn he kam mit zmei Geldes unb® bat K V übrige 3u ftunben. Sie wolle es fpate b m Agenten bringen. Man ftunbete es ihr nicht, man ^l'-ß es Ein Passagi mehr ober weniger auf biesem Coprairamp, was tat es. S emer seinen Bescheibenheib wie eine große Dame Vielleich war se wirklich diese große Dame gewesen. Obgleich sie letzt von Kolomalstabt z Kolonialstabt Hüte garnierte, Gelegenheits chnelberm wur, Kinder un richtete, billige Europaware verkaufte. Sie, nur sie atte n. Der ffllann rührte keinen Finger. Er betrachtete bie schone Frau als ein «apital, »o dem er Zinsen abschnitt. Unb er mußte schon sehr viele Zmsenverbrauch haben! Nicht, baß er eifersüchtig gewesen wäre! Im Gegenteil, -too 6er*' a br* (BefC ■Ä „w* Itlitrtl afc I btiltltl ' den Augen ber Offiziere jener verräterische Schimmer bes Wohlgefallens aufglimmte, ba feuerte er ihn an. Kam immer roieber auf bie Karriere zu sprechen, die ein hübsches Weib einem Mann vermitteln könnte. Sie schwieg bei solchen Anpreisungen. Sie errötete nicht einmal mehr. Aber ihre Augen waren so voll Scham unb Verzweiflung, daß bie Männer, bie wochenlang keine Frau außer ihr gesehen hatten, bie so offen gebotene Chance zögernb vorbeigehen ließen. Herr 1" verstaub auch bies zu nützen. Am letzten Tag seiner Fahrt machte er Kollekte. Diesmal ging er selber. Er sprach von ber Grünbung eines neuen Heims. Wir wußten, daß er log. Aber wir gabeg. Sie bedankte sich nicht. Sie sagte nur wie beiläufig: „Welches Glück, ich werde jetzt bald wieder etwas verdienen können." Nachts saßen wir alle auf dem Verdeck. Die Luft war wie weiche, feuchte Selbe. Der Kanopus, ber prachtvoll blaue Tropenstern, hing wie ein Saphir zwischen ben Antennen unserer Robiostation. Der Sirius blitzte in biamantenem Feuer. Wir fuhren wie auf einem fremben Gestirn. Das Grammophon sang flötenb: „Talking to the moon" unb wir wußten, auf erbteilgroße Entfernung war bies ber einzige Kutturlaut. Manchmal knarrte ein Stuhl, eine schwere Welle strich mit Rauschen vorbei. Wir ahnten nichts von einanber, würben nie etwas wissen. Aber ber Tramp trug bas Bünbel Schicksale gebulbig dahin. So weit getrennt unserö Lebensziele auch in Wahrheit sein mochten, die große Einsamkeit des Meeres vereinigte sie zu einem einzigen Stück schwimmendes Men- schenland. Und alles übrige? Eine Hand dreht ben Hebel bes Grammophons. Die Nabel knirscht, setzt schwirrenb ein. Traumverloren hören wir zu. Das übrige? ... Talking to the moon... Oie pariser. Roman von Alfred Bock. (Fortsetzung.) Heute hatte sich ber- Schulvorstanb im Bürgermeisterhaus versammelt. Ein langjähriger Streit war enblich zum Austrag gelangt. Es hanbelte sich um ein paar Slepfelbäume, bie der Vorgänger des Lehrers Molden- Hauer vor das Schulhaus gesetzt und deren Eigentumsrecht der Altbürgermeister dem gegenwärtigen Leiter der Schule bestritten hatte. Die Sache war nun zu Gunsten des letzteren entschieden roorben... Nach ber Sitzung verweilte ber Lehrer noch ein Viertelstünbchen bei bem Spechtskarl, besten Wahlsieg ihn mit all ben Unbilben, bie er erfahren, ausgeföhnt hatte. „Bürgermeister", sprach er in seiner geroinnenben Art, „ich wollte Ihnen noch etwas mitteilen. Ich hatte mich von hier fortgemelbet. Der Kreisschulinspektor hatte mir auch zugesichert, ich sollte an erster Stelle berücksichtigt werben. Nun habe ich mein Gesuch rückgängig gemacht. Ich bleibe!" Der Karl reichte ihm bie Hanb. „Das freut mich, Herr Lehrer." „Was ich unter bem Wallenfels feiner Zwangsherrschaft ausgeftanben habe", fuhr Moldenhauer fort, „müßte von Rechts wegen in ben Ka- lenber. Der Melcher ist einer von ben Menschen, bie nur bie Lasten ber Schule sehen unb nicht ihren Nutzen. Unb barin hat er ja leider auf bem ßanb noch viele Gesinnungsgenossen. Aber von bieser Kurzsichtigkeit ganz zu schweigen, hatte er seinen Kopf braus gesetzt, mir überall Wiberwärtig- teiten zu bereiten. Möglich, wenn ich vor ihm gekatzbuckelt unb Mich untertänigft für bie Brosamen bebantt hätte, bie für unfereinen vom Tisch ber reichen Bauern abfallen, daß er dann andere Saiten aufgezogen hätte. Da war er bei mir an den Unrechten gekommen. Wir Lehrer haben allen Grund, auf Standesehre zu halten. Was wollen wir denn? Brauchbare Menschen erziehen. Das klingt so einfach. Nicht wahr? Und doch gehört dazu eine große Portion Selbstverleugnung unb Willenskraft. Und nun soll man mit einem Despoten Zusammenarbeiten, ber’s förmlich darauf abgesehen hat, einem bie Freube am Beruf zu nehmen. Ohne biese Freube gibt es für uns kein ersprießliches Wirken. Sie können mir's glauben, 's ist mir manchmal furchtbar schwer geworben, meine Pflicht zu erfüllen. Ich war krank, schwerkrank wie meine Frau, freilich in anberer Art. Unb wenn ber Lehrer krank ist, sinb's bie Schüler, bie barunter leiben. Das soll nun anbers werben, Bürgermeister. Vollkommen ist niemanb, bas wissen wir zwei. Unb eine Höhe ist vor uns aufgerichtet, bie keiner bezwingt. Aber ben Weg hinauf müssen wir suchen, jeber nach .Ich du seiner Kraft!"-- . . Als der Lehrer sich entfernt hatte, trat die Spechtsmarie in die Stube. „Der Mappeler war ba", begann sie. „He fragt, roie’s mit bem Aus- zugshäusi werben sollte'." „ „Ich schätz', bu brauchst's net", versetzte ber Karl. „Du bleibst bet mir. "ga, aber wie lang? Du nimmst dir doch eine Frau." "Da weißt du mehr wie ich." . „'s kost' dich nur ein Wort, und die Sach mit dem Uhl seinem Sannche is in der Reih'." „Ich heirat net." „Etz tu ich ein Lach." Die Röte stieg ihm ins Gesicht. ...... „So gewiß, als ich gesund hier steh, ich heirat net. Sie hob bie Hanb. . „ Ich glaub’ als, die Wallenfelssche steckt dir noch IM Kopp. "Schwei still" lieh er sie grob an. „Ich geb’ dir den guten Rat, wann dich net mit mir verkrämern willst, lass’ mich das nefwieder hären! Bedrückt chlich sie hinaus. Früher — dessen hatte sie sich oft gerufjmt — war ber Karl unter ihren Hänben gewesen wie Wachs. Seitbem er bas Bürgermeisteramt betleibete, war er von einer Unnahbarkeit, einer Festigkeit an ber ihr Wort zerbrach wie Glas. — XIV. lieber bem Talgebreite, bas die leuchtenden Farben des Frühlings trögt blaut ein wolkenloser Himmel. Hoch in den Lüften wird ein Schwarm von Zugvögeln sichtbar, die gen Norden ziehen. In ben Wälbern läßt der Starmatz sein Schnalzen Horen, von ihrem Nistplatz in der Ackerfurche steigt tirilierend die Lerche empor. * Martin. Zchriftle'.tung: i. V. Dr. Fr. W. Lange, Gießen. — Druck und Vertag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange in Gießet nicht stören. Der Tod deckt alles zu. Sein Entschluß ist gefaßt. Mag btt1 Schuldenlast noch so groß sein, die auf der Mühle ruht, er ist für ie| Lebenden eingetreten, er wird auch für den Toten haften.--- In aller Stille — so will's der Altbürgermeister — soll sein Schi begraben werden. Trotzdem hat sich am Tag der Beisetzung ein fleixi Trauergefolge von Städtern und Dörflern eingefunden. Auch der Pfan« ist erschienen und spricht am Grab ein Gebet. Kaum, daß sich der Hügel über dem jungen Sägemüller geschlose« hat, rücken die Gläubiger bei dem Melcher an. Der verweist sie an (eirsn Rechtsbeistand. Ein paar Wochen verstreichen, bis auf der Mühle sowohl als auch sei dem Altbürgermeister alles gründlich ausgenommen und festgelegt ist Dann gibt der Advokat sein Urteil ab. „Herr Bürgermeister", spricht er, „die Sache liegt so. Wenn üler das Sägewerk der Konkurs verhängt wird, gehen die Gläubiger leer ms. Da, wo Sie mündliche Bürgschaft geleistet haben, brauchen Sie für nichz aufzukommen. Wollen Sie etwas tun, so will ich's versuchen, einen auß>v gerichtlichen Vergleich zustande zu bringen." „Wie is dann, wann ich mein' Hof hergeb'?" fragt der Melchir. Seine Stimme bebt und hat einen eigenen Klang. „Dann würden die Gläubiger voll befriedigt", versetzt der Advolit „Aber für Sie würde nicht mehr viel übrig bleiben." „Das verschlägt mir nix, Herr Advokat." „Auch wenn Sie's wollten, Herr Bürgermeister, darf Ihnen Irin Unrecht geschehen. Sie haben Ihrem Sohn, weiß Gott, genug geopfert Es ist jetzt ihre Pflicht, an sich und ihre Familie zu denken." Der Melcher hebt die Fäuste, seine Kraft zu zeigen. „Ich sein gesund und stark, Herr Advokat. Ich und meine Leut, mit leiden keine Not. Dadrauf können Sie sich verlassen. Was is da langjn dischkerieren? 's is bei mir abgemacht, ich geb' mein' Hof her. Das müh! ein schlechter Vogel sein, der sein Nest beschmutzen läßt!" Vergebens, daß ihn der Anwalt warnt, der Melcher bleibt fest. Keim darf an feinem Sohn einen Batzen verlieren, er bietet den Gläubigen all seine Habe dar. Der Advokat ist baß erstaunt. Er drückt dem Alten die Hand. Biejin starken Familiensinn hat er hinter dem Melchior Wallenfels nicht gesucht Nicht lange danach saß der Altbürgermeister abends in seiner Stube. Eben hatte der Postkreudcr das Kreisblatt gebracht. Darin hatte iJtr Advokat eine Ankündigung erlassen, wonach das gesamte lebende und ieft Inventar des Landwirts Melchior Wallenfels öffentlich meistbietend tw steigert werden sollte. Wie der Melcher die Anzeige las, spürte er einen Stich durch u.ni durch. Hundert Jahre hatten die Wallenselse auf dem Hof gewirtschasitri. Der Hof war wie ein lebendiges Wesen, mit dem man sich eng wer; bunden fühlte. Ihn verlassen zu müssen tat doch gar weh. Die Vergangen heit trat vor ihn hin. Aber es waren keine lichten Bilder, die an ihm vorüberzogen. Er erinnerte sich noch seines Großvaters. Dem hatte Ellermutter bei der Metzelsuppe einmal zugerufen: „Mette*, du kanrsl net lachen. Das is schlimm." Selbigmal war er, der Melcher, ein Bursch chen von zehn Jahren gewesen, aber die Worte hatten sich ihm eingeprö Viel von des Großvaters schwerblütiger Art war auf ihn übergegangsn Sich herzhaft über etwas zu freuen, lag nicht in seiner Natur. Von feinem Vater hatte er kein Aederchen. Der muhte sich im Dorf den Unnanrn „steifer Hannjer" gefallen lassen. Und war ein Hannebambel, der tun allen ausgcnutzt wurde und den Hof herunterkommen ließ. Er, der 3M' cher, war schon als Bursch in allerlei Händel verwickelt worden, wn er nicht dulden wollte, daß sein Vater den Leuten zum Stichblatt bien 'e. Dann hatte er das Werk übernommen. Von Anfang an war in ihm te« Wille zur Macht gewesen. Wer die Macht hatte, hatte auch das Re® ! Immer war er sich selbst Gesetz, immer war er daraus ausgegangen, siiq ' rücksichtslos durchzusetzen. Daß er die Menschen mit Füßen trat, sich vi-tl ' sach Uebergrisfe erlaubte, nicht Maß und Ziel kannte in seinem Ad beutertum/vermochte er nicht als Schuld zu empfinden, als ein echH-t Tyrann, der mit unbeschränkter Willkür herrschte. Nun hatte ihn tosr Hammer des Schicksals getroffen. Und doch war sein Mut nicht gebroch» Die Pariser hatten ein Spottlied aus ihn gemacht, und der Buschur fangt 1 in allen Gassen: - ' „Das ist der Protzenbauer, Der hat das meiste Geld Und hat die meisten Aecker, Ja, ihm gehört die Welt. Und geht er durch die Straßen, Da rust's aus jedem Haus: ,Das ist der Protzenbauer, Der Protzenbauer ist drauß.'" Die Verhöhnung war billig. Was scherte der Löwe sich um Mückenstiche Sie dachten ihm die Mähne zu stutzen, dachten ihn an die Kette zu leg» Oha! Sie machten die Rechnung ohne den Wirt. Bei all seinem Ungebeugte er vor niemand den Nacken. Schon trug er sich mit neuen Plan» Zunächst würde er sich auf den Schafhandel werfen. Da war etwts herauszuzipseln. Und es gab noch viele andere Möglichkeiten, wieder Geld und Gut zu kommen. Kotzblitz! Er hatte den Kopf dazu ihm die Kraft! Die' Annegret trat herein. In der Wohnstube war das Abendesftk bereit. Der Melcher steckte das Kreisblatt in die Tasche und stand