GiehenerZamilieiibMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (952 Mantag, den 19. Dezember Nummer 99 Weihnachtszeit. Bon Gertrud A u l i ch. Schwere Wunder rauschen in mich nieder, Goldne Flügel, weit aus Urwelttagen, Da tm Wehen weicher Liebeslieder Meine Mutter mich ans Licht getragen. Meuschenwerdung ewigem Geschlechte! Seid gesegnet, heilge Nächte! D wie schön ist diese Welt im Lichte, Sonnenbrausen und die Sternenstille, Und ein Mensch von meinem Angesichte, Meine Himmelssehnsucht und mein Erdenwille: Denn ein Kind steht tief im Glück und lacht. Sei gesegnet, heilge Nacht! Greller Dag und dunkle Abendstunden, Leid des Lebens, Tod der Kreaturen. Aber Liebe schreitet Freudenrunden Durch die Welt auf eines Traumes Spuren. Und ein Leben hat sich dargebracht Meinen Einsamkeiten. Heilge Nacht! Goldne Wunder rieseln leis« nieder: Sternenstille und Gebraus der Meere, Dunkle Glocken, helle Kinderlieber, Sommerrwnsch und weiße Winterschwere. Mitten unter uns wacht Ewigkeit Ohne Anbeginn. O Weihnachiszzst! sie mit Sibirische Weihnacht. Von Edwin Erich Dwinger. Wir entnehmen diesen Abschnitt dem im Verlage Eugen Diederichs in Jena erschienenen Buche „Wir rufen Deutschland", mit dem E. E. Dwinger den Berichten seiner beiden Sibirienbücher die abschließende Deutung gibt. kacheln. Die hohen Wände waren von Schüssen aufgerißen an mancyen Stellen sah man noch Helle Plätze, dort hatten einst des Aaren lebensgroße Blldnifse gehangen. , Am frühen Morgen sollte unser Aug nach Süden kommen, wir hatten also fast zehn Stunden Erholungszeit. So rauchten wir denn eine Zigarette nach der andern, sprachen jedoch nichts, um keinem de vielen lauernden Spione aufzufallen. Daß auch mein Kamerad an Weiy- nacht dachte, wußte ich auch ohne jede Frage. Plötzlich wurde die Tür ausgestoßen, zwanzig Matrosen kanntenin den Saal, suchten vergeblich einen freien Platz. Wie — alles voll „Platz für den Kommandanten!" schrie ein großer Blonder trat mit einem Sprung zum Nachbartisch, knallte krachend Een ^-chuß z Decke, so daß der Nachbartisch im nächsten Augenblick verlassen war. Wir fühlten beide, daß wir an diesem Orte nicht mehr lange weilen durften, daß uns irgendwie Gefahren nahten... Da trat der Kommandant herein. „r,,... Ich zog die pelzige Kosakenmütze noch tiefer »karrte aus gesenkten Augen heimlich zu ihm hinüber. Es war em großer, schlanker schwarzer Mann, mit einem auffällig seinen Gesicht. Zwei schwere Revol^r staken in seinem Gürte«, ein breiter Säbel hing an seinem Koppel' -» n neraurte liefen kreuzweis über seine Brust Er gmg mck w°' ^ weichen Schritten, in den Kniegelenken unmerklich federnd — menwiw gie« Es war 1919, erzählte er mir, am Heilig «nab end. Wir waren seit dreißig Tagen auf der Flucht, aus dem östlichsten Transbaikalien her. Hier und dort lagen auf freier Strecke umgestürzte Züge, aus deren Trümmern sich die Wölfe die Gebeine zerrten, denn überall tobte der Kampf zwischen Kosakenhetmans und Bolschewiken. Wir fuhren schon 18 Stunden auf dem Trittbrett, dabei herrschte seit Wochen dreißig Grad Kält«. Unsere Leiber zerstach der Windzug wie mit Nadeln, unsere um das Gestänge geklammerten Hände erstorben langsam. Endlich erglänzten in der Ferne Bahnhofslampen: „Tula ... Tula!" schrie man im Waggon. Kaum hielt der Zug, als fünfzig schwerbewaffnete Matrosen in die Wagen sprangen, jeden mit aufgehobenen Pistolen kontrollierten. Da wir von hier aus «inen andern Aug benutzen mußten, drängten wir uns eilig durch die grauen Massen zum Bahnhof. Der Leutnant Gerhart ging voraus, ich schleppte mich ihm mühsam nach. Der Wartesaal fürs Volk war leer und kalt, der Warteraum der ersten Klasse aber vollgestopft. Mit Glück und Mühe kamen wir hinein, fingen wir uns zwei Plätze am Büfett. Ein Dutzend Rotgardisten zerschlug mit Kolben die Schnitzereien der Wandbekleidnng, andere schoben ■ spöttischem Gelächter in den Ofen aus taubengrauen Seiden- Die hohen Wände waren von Schüssen aufgerissen, an’ manchen . , ' ' . . _ „l z.; M.f* Sic tjnx'oTt I»honens seinen Augen stand, er schritt durch teere Gassen, wohin er sich ackch wenden mochte. Nachdem er sich an den freien Tisch gesetzt, brachte ihm ein Adjutant ein Glas Tee. Ein zweiter legte ihm Gebäck dazu, ein dritter tat ihm Zucker ins Glas. Er dankte keinem. ,^>abt ihr den Deserteur gerichtet?" fragte er plötzlich. Er hatte eine schwingende Stimme, ich saß so nabe, daß ich jedes Wort verstand. „Soeben, Kommandant!^ Der Adjutant lachte. „Die Ordonnanzen bannt" Er warf den Kopf zurück, sah sich prüfend um — und traf meinen Blick. Ich bebte auf... Er sah mich lange an. Im ersten Atem war sein Blick stählern wie ein Messer, hart wie das geschliffene Auge eine» Vogels. Mit einem Male aber begann er zu schimmern, sich mit einem samtenen Schleier zu bedecken. Ganz weich und gütig... Die Ordonnanzen traten an den Tisch, empfingen schneidende Befehle, schwirrten an die Tür zurück. In allen Zwischenzeiten aber sah er zu mir hin — ruhten seine Augen seltsam und fragend in den meinen. „Der Kommandant hat uns erkannt!' flüsterte ich dem Leutnant un- merklich zu, lachte jedoch gleich darauf wie über einen Scherz. „Es ist Gefahr im Anzug — komme in kurzem unauffällig nach — zum rechtet» Wasserturm!" Er wurde blaß, ich ginghinaus. Ein Ruf jetzt! dachte ich zitternd — und alles ist zu Ende! Mein Herzschlag setzte aus ... sechs, sieben Schritte, immer näher kam die Tür — dann hielt ich den Griff, öffnete ich sie... Niemand hatte mich zurllckgerufen. niemand hatte mich auf- gchalten. Es sind nur meine Nerven, es ist nur Einbildung, weil die Kraft zu Ende geht... Draußen war Nacht. Mich packt« jene klirrende Kält«, die durch die besten Pelze geht. Zu Hanse brennt man fetzt den Weihnachtsbaum an! dachte ich bitter. Niemand ivar ringsherum zu sehen, hier und dort Slwelte eine trübe Lampe, auf der Kohlenstelle keuchten zwei Maschinen, ch schritt stampfend dem Wasserturm zu, der sich am Ende wie ein Felsen in den Himmel hob. Ich hatte thn jedoch noch nicht erreicht, als hinter meinem Rücken ein weiter, rascher, federnder Schritt erklang. .Das ist des Leutnants Schritt nicht!' durchschoß es mich. Ich fuhr herum... Es war der Kommandant! Er sprach kein Wort, sah mich nur an. Sah tief und warm in meinen starren Blick — und lächelte. „Sie sind ein deutscher Offizier, mein Freund!" sagte er dann in deutscher Sprache. Ich schüttelte hilflos den Kopf, machte eine Gebärde des Nichtoer- stehenkönnens. „Ne ponimaju...“, sagte ich schließlich. „Kommen Sie", sagte er nur, ging fünfzig «schritte weiter, hielt an einer Stelle im Schatten an, an der uns niemand gewahren konnte. „Ich habe Sie im Saal gesehen", begann er bann, „auch Ihren Kameraden. Sie sind auf der Flucht, warten auf den Zug nach Süden. Gut... Ich wollte Ihnen nur dieses sagen: es geht kein Zug mehr nach dem Süden. Ein weißer General hat unser« Bahn gesprengt, wird in den nächsten Tagen auf Tula marschieren. Sie können nicht mehr fort..." Ich schwieg hartnäckig. „Ich möchte Ihnen helfen, Kamerad!" sagte er plötzlich. „Ich bin kein Deutscher!" stieß ich auf russisch aus. Er öffnete ein schwarzes Matrosenhemd. „Sehen Sie her", sagte er nur, „sehen Sie her..." Zwei Hände voller Perlenketten, an starke» Schnüren aufgezogene Ringe, ein Dutzend großer Brillantenorden — da» flimmerte auf feiner nackten Brust. „Es ist der ganze Schmuck des Hauses Beljajeff, mein Freund!" sagte er langsam. „Ich nahm ihn an mich, als die Roten unser Schloß stürmten. Und da ich nicht mehr aus dem Lande konnte, floh ich in die Festung Kronstadt, machte mich dort durch einen Handstreich zum Kommandanten. Ais roter Truppenführer erreichte ich es, daß ich an einen südlicheren Platz besohlen wurde. Mein Regiment vergöttert mich, ich führe sie von Sieg zu Sieg, von Beut« zu Beut« — im stillen aber immer näher jener Grenze zu, bi« mir wie Ihnen eines Nachts di« Freiheit bringen soll!" Er schwieg und wartete. Ich sah ihn spähend an. „Mein Name, Freund, ist Ilja von Beljajeff", sagte er schwer. Ich hob den Kopf als ob ich träumte. Nein, es ist eine Falle! dachte ich immer och, hob abwehrend bi« Hänbe. „Ach, glauben Sie mir noch nicht?" fragte er endlich. Seine weiche Stimme hatte jählings «inen schmerzlichen Unterton. ,Lch kann nicht mehr tun, Freund, als mich so in Ihre Hände geben — wie ich's tat!" „Ja", flüsterte ich hilflos — in deutscher Sprache. „Enblichl" rief er da. „Ach, endlich... Oh, ich liebe dieses Deutschland!" fuhr er schwärmerisch fort, lächelte mich dankbar an. „Ich liebe Deutschland, ja — und liebe vor allem diesen Abend! Oh, ich war lange dort, feierte ihn oft, den hellen Baum! Und als ich Sie am Teich sah, griff mich die Sehnsucht danach übermächtig ... und ... und .. / „Es war dos hentsche Auge, was mich rief!" fetzte er hinzu. Ich griff noch feinen Händen, gab fie nicht mehr frei. „Ich dank« Ihnen!" sagte ich erstickt. ,,'Jhin aber sagen Sie — haben Sie noch Gerd. Ict) sah auf meine Fiitze. „Nein, fast nichts mehr... Ich bitte. Freund", fugte er rasch und griff in seine Tascl-e, druckte mir ein Päckchen Noten in die Hände. „Vielleicht", setzte er mit bitterem Unter Hang hinzu, kann ich es einst in Deutschland wieder brauchen! „Ach, sagen Sie nur dieses", rief ich überwältigt, „ich ... fremd ... nie — nie gesehen..." ,Zch sah Ihr Auge!" sagte er nur. „Und da es feit Monaten das einzige menschliche Auge unter Tieren war, darum... Doch auch, well meine Hände so voll Älut geworden sind — daß sie zuweilen grell nach Güte schreien!" .. , , Da fiel am Bahngebäude ein Schuß. „Kommandant! schrie eine wilde Stimme. , _ , , , „Man ruft mich!" sagte er rasch. „Nur eines noch: Ich habe Ihnen zwei Papiere ausgestellt für meinen Zug — es ist der letzte nach Süden. Nehmen Sie das — Sie werden sicher bis zum Grenzbezirk damit gelangen. Leben Sie wohl — und: Auf Wiedersehen in einem freien öanb-e!" Er ging davon. Leicht, weich und wiegend schritt er ins Licht zurück. Und gleich darauf schwang feine Stimme fchon wieder schneidend über die Geleise. _ „ . Eine Weile später kam der Leutnant. Bei seinem Kommen standen Tränen in meinen Augen. „Was ist?" fragte er erschrocken. Ich sagte nur: „Mir ist in diesem Land ein Mensch begegnet — und: Christus in ^"schulenburg schwieg lange. „Ja", sagte er dann. „Das erlebte er. Am Heiligen Abenh. Im Jahre 1919." Oer Fremde von Si. Johann. Eine Weihnachtsgeschichte von Ernst Keienburg. Am Heiligen Abend, ein Jahr nach dem großen Kriege, kam der fremde alle Mann in das weltferne Eifeldorf. Holzfäller brachten ihn, er hatte am Wege gelegen im dicken Schnee, nicht anders als ein Bündel Lumpen, da lasen sie ihn auf unter dem Muttergottesbild, rieben seinen starren, mageren Körper und betteten ihn oben auf ihren Wagen zwischen die Jungtannen. Als sie am Bahnwärterhäuschen vorbeikamen, stand der Peter Zürn vor seinem Winterholz mit seinem feldgrauen Soldatenmantel und fragte, was sie da hätten. Da erzählten sie, wie sie den Alten gesunden hätten und trugen ihn in die Hütte auf die Ofenbank. Maria, des Weichenstellers junge Frau wusch das Gesicht des Fremden mit Essigwafser, öffnete ihm das härene Wanderkleid über der eingesunkenen Brust und flößte ihm einiges von dem herben Feiertagswein zwischen die Lippen. Der Pitler stand am Ofen und kratzte sich das Ohr. Eine schöne Bescherung für den Heiligenabend wäre das, sagte er und murrte etwas von Vagabund und Spital. Da fuhr ihn die junge Frau nicht schlecht an, er solle lieber die Ziegen melken und die Brote aus dem Ofen holen, anstatt sich hier vor dem lieben Gott zu versündigen. Und da vollends die kleine Anna, der beiden Kind, aus dem Winkel trat, von wo es scheu den silberbärtigen Mann betrachtet hatte und einfältig fragte, ob dies der heilige Josef wäre, da tat die resche Eisen- bahnerin ein Gelübde bei sich, daß sie den Fremden behalten wolle, bis er wieder gesund und bei Kräften wäre. Die Bauern und Holzfäller in diefem entlegenen Bergdorfe, das von der Welt nicht mehr sah, als die Schnellzüge, die zweimal am Tage gellend vorbeiklirren wie schwarze Teusel in die weißen Berge, hatten erst zu munkeln und spotten über den närrischen Gast, der ihnen so ungebeten hineingeschneit war, doch da es nicht auf ihren Geldbeutel tarn und der Pfarrer das gute Werk der jungen Weichenstellersleute von der Kanzel herab pries, so fielen sie bald in die Stumpfheit zurück, zu der das Leben in der Einsamkeit sie verdammte. Ja, sie sahen es nicht ungern, daß ihre Kinder sich um den Fremden scharten, der sie in vielem unterwies, was ihnen die Schule des Nachbardorfes, unerreichbar hinter langen Ketten von Schneewehen, bis an Ostern hinan versagte. Vielleicht, daß sie den Alten gar in ihre Gemeinschaft hineingezogen hätten, doch es war da vieles, was ihnen nicht besagte: fein stilles bein- farbenes Gesicht mit den fernen Augen unter den fchlohweißen Brauen; [ein in sich gekehrtes müdes, doch stets gütiges und hoheitsvolles Wesen, das irgendwie ihren Zorn erregte, da es feiner nackten Armut offenbar nicht zukam; und der Umstand schließlich, daß er durch nichts zu bewegen war, ihr Kirchlein zu betreten, das unter den drei Fichten auf dem Hügel stand. Vielleicht daß der Pfarrer des Ortes, ein ergrauter und milder Diener der Kirche, etwas von der Verfprengtheit dieser Seele ahnte, denn er begegnete dem „Ahasverus", wie er ihn im Stillen nannte, stets mit Freundlichkeit und hatte auch nichts idawider, als sich der wunderliche Alte mit der Zeit ein Gärtchen unterhalb des Gottesackers am Hange des Hiigels anlegte. Das war Im Frühling, der die Schneelasten in gurgelnden Bachen von den Bergen stürzte und über den Binnen die jungen Wiesen ergrünen ließ, Heller wurde jetzt der Gesang der Mädchen, tiefer unb reifer das Licht des Abendsterns, raufchhafter das Blühen über der rissigen Erde Silbern aber und über die Maßen wundervoll schossen die Blumen in dem Gärtchen des Alten auf, kein Mensch in St. Johann hatte je dergleichen strahlende Kerzen gesehen, dicht standen sie beieinander, keusch und steil, mit porzellanenen gleichsam von innen erleuchteten Kelchen, in deren Grund es golden schimmerte. Ein holdes Wunder schien es, eine Versammlung reiner Seelen, auf diese sterbliche Erde oerpslanzt. Scheu betrachteten die Bauern, wenn sie von den Feldern heimkehrten unter dem Geläut der Abendglockern den Alien, der in seinem Garten kniete und mit den Händen die schwarze Erdkrume glättete. Uralt und schnee- häuptig 'ah er aus mit feinem weißen Haar, das fein Gesicht umwallte. Auch Maria stand am Zaun und betrachtete ihn schweigend, vor ihrer frommen Einbildung wurde der Alte zu einem jener Heiligen, die ihr Gesangbuch schmückten unb di« ihr kindlicher Glaube unantastbar durchs Leben trug. Der tiefen, glanzvollen Winlernächte war sie eingedenk, wo der greife Findling fiebernd in feiner Kammer lag und fein Stöhnen, bas wie wildes Beten klang, durch bas dünne Haus drang ... und jene Stunde trat wieder vor ihre Seele, da der Alte, schon fast an der Schwelle des Todes, nach der kleinen Anna verlangt«, wie dann der Todesengel wich und eine reine niegeschaute Seligkeit sich aus dem Gesicht des Kranken verbreitete, als er die schmale Hand des Kindes m der [einigen verspürte. Niemand hätte vermocht die beiden zu trennen, von dieser Stunde an. Oftmals sah man den Greis In die Berge ziehen, um seltene Steine zu suchen, aus denen er Anna Tempelchen und Garten baute, mit einer seinen Kunst, die niemand verstand in diesem Tale. Oder man sah die beiden gebückt über die Schiefertafel, den zarten Blondkopf der Kleinen neben dem mächtigen Haupt des Fremden. Mählich wurde es Sommer, ein trüber schwüler Sommer, der in mißmutigen Wolken die Täler überlagerte und in weithin rollenden Gewittern seinen Unmut bekundet«. Die Menschen selbst waren nicht froher als der Himmel. Die Regengüsse hatten das Heu hinweggeschwemmt, die Wild büche ihre kargen Gärten bis auf die Felsen blankgespült. Da gab es wenig zu beißen für Mensch und Tier, und ein Notgespenst für den Winter obendrein. Es erhob sich «in Murren unter ihnen, die Verzweiflung machte fie ungerecht. Der Landjäger Bartel hatte den Fremden mitternächtig um die Kirche geistern sehen, stöhnend unb mit gerungenen Händen, wie einen, der von einer großen Schuld umhergetrieben wird. Das konnte dieses jein und das, die Zungen zischelten und die Augen schoffen schräge Blicke, wenn er einmal durch das Dorf schritt mit feiner Kiepe unb seinem gebleichten Gesicht. Wie kam es, baß der Regentod just sein Gärtlein verschont hatte mit den seltsamen fremden Blumen, die niemand zu berühren wagte: etwas Unheimliches war an diesem nächtlichen Herumtreiber, ein Fluch vor Gott und ein Bunidnis mit dem Bösen — wer weiß. Wieder flogen ihm die Blicke nach und es fehlte nicht viel, fo wären es ebenso viele Steine gewesen. Es wurde Herbst; schwarzer Krähenzug über den Bergen und neblige Tage, trächtig von Krankheit, da kam bas große Sterben in bas Ta der Armen. 'Man wußte nicht, was es war. Grippe nannten es wohl manche. Wer was nützten auch NamenI Wie ein Würger war sie plötzlich da, lautlos unb fieberheiß hockte sie in diesem Hause im Grunde, t»o längst der Dach über das tote Mühlrad rauschte, und dann wurden nachts die Fenster in den Bergen hell, in jeder Hütte der Holzfäller fast glimmerte ein wächsernes Licht und da saß gewiß ein schwerer Mann ober eine weinende Frau am Bette unb sahen auf das blaffe Gesichtchen ihres sterbenden Kindes. Wie Lichtleln loschen sie aus, di« Kinder im Tale, unb es reihten sich di« Kreuze auf dem Friedhofe. Und so nun em kleines Wesen der Erde übergeben war, ein Mägdlein oder ein Knabe, da geschah das Unfaßbar« ... es dauerte nur wenige Tage, da sproßte aus jedem Grab eine Hlume mit strahlendem Kelch, so wie sie der Fremde in seinem Garten hegte. Da schäumte der blinde Zorn des gepeinigten Volkes. Die Manner brüllten auf und die Augen der Mütter, die eben noch blind vom Weinen um ihre Kinder, wurden dunkel vor Haß. Der Alt« hatte ihnen die Seelen der Kinder gestohlen, hieß es, er sei ein Werwolf und Würger. Unsinnig brannte die Erregung in diesen dumpfen Hirnen, was Hof es daß der Pfarrer mit feinem funkelnden Zorn, der ihn aus der Mildheit der Gewöhnung jäh in einen hitzigen Eifelbauern zuruckoerwaadelte, gegen den Irrwahn in feiner Gemeinde anikämpfte. Sie gingen doch eines Abends hin, eine gärende Rotte von Männern und Weibern und riffen den Alten aus feinem Verschlag, in dem er kniete mit Mantel unö Stab, wie einer der weiß, daß sie ihn holen. Es half auch nichts, daß Mana für ihn bat unb auf das totenbleiche Kind hinwies, bas seine Kni« umklammert hielt, sie fielen über ihn her mit Knüppeln und Steinen unb schlugen ihn aus dem Dorfe, mit dem Tod« jeden bedrohend, der es mögen sollte, dem Flüchtigen, der über die Felder davonwankte, zu Hilfe zu eilen. * Es ist nun wieder Winter und es ist genau «in Jahr her, daß sie den ritten ins Dors brachten. Wieder kommt der Heiligeabend ins Tal, schweigend ziehen die Rotten der Holzsäller von den Bergen, die Aext« geschultert. Sie sprechen nicht und scherzen nicht wie ehedem, wenn ine Christtagvorsreude ihnen die Herzen wärmte. Es ist kein Funk« mehr in diesen Menschen. Di« Freude ist gestorben in St. Johann. Not und Schuld haben sie vertrieben, wie sie den Fremden verstoßen haben in die Wild- nis. Wie eine Rotte am Friedhvs vorübertrottet, gucken nur die Spitze ber Kreuze aus der weihen Hülle, so hoch liegt der Schnee und wie sie an der Bahnwärterbude ein Tannenbäumchen von dem ungefügen Schiit- ten zerren, kommt nur die Maria heraus und sagt, daß ihr Mann krank ist und die klein« Anna auch. Da schlagen sie die blaugefrorenen Hande in die Achfeln und ftanipfen weiter nach kurzem Gruß. Vielleicht, daß daheim eine heiße Supp« auf sie wartet oder ein Kornfchnaps. ♦ Maria geht durch das Zimmer, unruhig und gequält, es flüstert In allen Winkeln, es flackert vor ihren Augen, daß sie sich die Schlafen halten muß. Es schnarrt die Uhr mit knackenden Gelenken, es faucht im Kamin unter den Stößen des Windes und wirft lange rote Blitze in die halbdunkle Stube. Maria fühlt sich elend und gliedermatt. Vielleicht hat auch fie das Sieber gefaßt, ober was ist mit ihr. Sie zündet di« Lampe an und stellt sie auf das Wachstuch des Küchenttfches. Schräg fallt der Schein auf das schiefe Feldbett am Ofen. In dem liegt die kleine Anna mit willenlosen Händen auf dem geblümten Tuch unb mit zuruckgeboge- nem Köpfchen. Im Nebenzimmer hüstelt der Mann und [lüften mit feiner bedeckten Stimme vor sich hin. Maria geht hinaus mit der Laterne, den Dienst an der Weiche zu versehen. Sie hat das schwarze Tuch umgeschlagen und die Zipfel unter dem Kinn verknotet. Es saust in den Telegraphendrähten, über dem Scbienenstrang baumelt die Stationslaterne wie ein trüber Mond. Jetzt mutz sie über den Graben, doch der Steg ist vom Schnee ausgeloscht. So faßt sie die Laterne fest und springt ... und schreit und wirst bi« Arme Biete Ansichtskarten waren an „Biota bei Frau Kindermädchen Morgenschlag" abgegangen und hatten die einmalige, aber durchaus beruhigende Antwort eingetragen: „Olga jetzt es )ut". Den Frau Kindermädchen Morgenschlag kürzte Viola um eine toilbe, da sie meinte, „Vieh" brauche man nicht extra dabei zu sagen, das könne man sowieso sehen. — „Wenn Viola zu Weihnachten kommt, dann sahre ich ihn in meinem neuen Puppenwagen aus", sagte Eva. „Aber du hast ja den Puppenwagen noch gar nicht" meinte Harro bedenklich. „Ich setz'n lieber in mein Auto, oder ich bind n ihn auf dem neuen Rappen fest an ..." „Etsch, das hast du ja auch alles noch nicht!" Nora beteiligte sich nicht an diesen imaginären Sorgen! sie sah, die Zeigefinger In den Ohren, und dichtete am letzten Vers des neuen Gedichtes „Wiedersehen mit dem Verbannten", in Klammern „Viola". — Und nun war Weihnachten selbst da, ganz da. 3m Herrenzimmer stand der geschmückte Christbaum, und wenn der Papa sich nach Tisch auf den Diwan legte, zitterten alle Schokoladenkringei und Watteschneemänner, ja sogar der Engel mit den ockergelben Locken. Am meisten jedoch zitterte der Papa selbst, aus Angst, daß er den Baum umwersen könne. Und dann war es plötzlich heiliger Abend, heiliger Abend mit Vorfreuden und Bangigkeit vor nicht erfüllten Wünschen, mit Ueberraschungs- fieber und Aufregungsbäckchen. Mit Kuchen-, Tannen- und Wachskerzen- duft. — Und das Glöckchen klingelte. — Oh, alles alles war da! Und alles war herrlich. Nie war soviel Marzipan am Baum gewesen! Und die Zwillinge hatten ganz richtige krumme Beine, Körners sämtliche Werke wiesen Goldschnitt auf, wenigstens an der oberen Schnittfläche, und das Auto roch sogar wirklich echt nach Benzin. Ja, alles war wunder-, wunderschön! Das Allerfchönste aber kam noch. Die Mama hatte in der Weihnachtswoche plötzlich ein weiches Herz bekommen. Und so hatte sie an ihr altes Kindermädchen geschrieben, daß sie sich diesmal ihr Weihnachtsgeschenk selbst abholen solle, das Reisegeld für sie und Viola liege bei, denn der Hund dürfe mitkornrnen. Nun, nach der Bescherung wurde die Mama etwas ungeduldig, hoffentlich war der alten Frau nichts zugeftohen. Da kam Marie. „Gnä Frau, draußen ist eine Frau, die..." „Gut, ich komme." Die Mama verschwand, und als sie wieder hereinkam, lag ein merkwürdiger Ausdruck In ihrem Gesicht. „Harro, mach mal die Tür auf", sagte sie. Harro öffnete. „Bluff! erklang es. Die Kinder starrten auf das Geschöpf, das dort im Türrahmen stand, breitbeinig, mit vorgestrecktem Kops. Es hatte die Gestalt eines kleinen Bullen, Ohren lang wie Eselsohren, und eine vorgeschobene Schweineschnauze. Schwarz und weiß und zottelig war fein Fell. Harro zog sich vorsichtig zurück. „Es ist ein ... Hund, glaube ich", sagte er zögernd. „Das ist Viola!" , Nora stolz auf ihr Ahnungsvermögen, ging mutig auf ihn zu. „happ! machte der Bulle. . „Beißen deckst he", sagte Frau Kindermädchen, die stch hinter ihm ins Zimmer schob. „Aber he is'n guten Rattenfänger." ...... Und ich habe ein Gedicht auf ihn gemacht! Nora suhlte fich beleidigt. — 'Za, und einmal war er ganz klein und ganz süß!' seufzte Eva in wehmütiger Erinnerung — > c. Es ist aber doch nett, daß er da ist , meinte Harro, „nur gut, baß du mitgekommen bist, Frau Kindermädchen, allein hätte den das Christkind nicht tragen können." .. , Uni» der kleine Harro streichelte das ausgewachsene Wollknauel mit Vorsicht und Dankbarkeit. ' Und wir hatten ihn so schrecklich heb!" ... seufzte Eva wieder. Eine Träne lief über das heiße Weihnachtsdackchen „Das macht nix, daß er nu groß und dick is, das is Papa auch, und den haben wir deshalb doch auch lieb, nid)? „ , Und der kleine Harro versuchte seinen umfangreichen, lachenden Vater zu umarmen, was ihm aber nur zum Viertel gelang. — „3a aber der beißt auch nicht", sagte Bora, immer noch pikiert Und der Papa lachte, der Baum wackelte, und die Kinder wußten nicht recht, woran sie waren. Die Mama aber mit ihrem weichen Herzen, nahm einen ganzen halben Lebkuchen, gab ihn Mola, der ihn sosoit v.. schlang, streichelte das struppige Fell und meinte: „Treue Augen hat er, unb wenn wir lieb zu ihm sind, dann ist er es sicher auch zu uns. 3a, natürlich, sonst hätte ihn ja das Christkind nictz gebracht, rie, Harro 'strahlend. „Denn das will doch keine kaputen Binger zu Weihnachten oder zerbissene Kleider. Das will doch Frieden auf Erden, nicht. ©er Kriegskommifsar des Königs. Roman von Friedrich F r e k s a. Copyright 1931 by August Scherl. G. m. b. H., Berlin. (Schluß.) Und als er bann die Arme feiner Frau um seinen Hn's fichlte, als sie feinen Kopf herunterzog und ihm anvertraute, daß Vie Wiege n G mehr leer stehen würde, die die Mutter nach der Hochzeit .vorsorglich beim Schreiner bestellt hatte, ba dachte er zurück an den Vater und an die Stunden die er als Büblein zu besten Füßen gespielt, wenn er bie Sonntagspredigt beim Behagen einer großen Tabakspfeife bedachte und memorierte 3a ein Heim, eine junge Frau unb eine gute Mutter - und dann Kinder, kleine Kinder. Das war der Frieden sur den der »önia von Vreußen den harten und heißen Krieg geführt hatte. Für Heinrich kamen noch lange Wochen der Arbeit. Das Heerward herabaefeht aus Friedensfuß; verrechnet mußte werden nut den Guts- unb Landbesitzern, was sie an Lasten aufgebracht, denn der König ga Entschädigung aus dem Pserdebestand der Armee, aus den Heeresvieh- berden und den Korn- und Getreidevorraten. . . Dji, Ritterichaft des Herzogtums Pommern machte eine Gingabe in Bersin und eWte den Kriegskommissar zum Vertreter ihrer Forderun- hoch und sinkt ein, schultertief unb weich. Ehe ihr die Sinne schwinden, glaubt sie die glühenden Augen des Schnellzuges zu sehen, der durch stäubende Schneewolken aus dem Rachen des Berges hervorpoltert. Maria schlagt die Augen auf und blickt um sich Es Ist warm und Itill. Eine Uhr geht, deutlich hört fie das tiefe Dingdong des Stürben» chlages unb sie weiß, daß es die Stimme ihrer Uhr sein muß. Sie »ockt stch auf die Ofenbank unb macht das Fenster auf. Da liegt das verschneite Öanb, der Wind ist eingefdjlafen, die Stationslampe schwebt wie ein guter Mond über den Gleisen unb nichts ist ba von Zerstörung ober Zusammenstoß. Nichts, nichts. So hat sie denn ein Spuk genarrt, das Fieber ... aber bie Laterne tft weg und ihre Keiber sind steif unb feucht. Dort drüben schläft ihr Mann, seine Atemzüge sind tief unb ruhig wie bie eines Genesenden. Die Lampe ist angebrannt, so steckt Maria die Kerzen an. Ein wunderlicher Strom von Glauben unb Erschütterung ift in ihrem Herzen. Sie möchte meinen und lachen, es erscheint ihr alles unfaßlich und neu- geschenkt. Da im Bettchen atmet ihr Kind, es hat den Kopf auf den Arm gelegt und lächelt im Schlaf. Die Mutter hebt es aus den Kisten, nun kann sie wirklich meinen. Die Kleine, vom Traum hold verwirrt, beginnt zu plaudern: sie lag unb schlief auf einer goldenen Wiese da trat der alte Mann zu ihr und nahm sie auf die Knie, so wie er ehedem tat, ein Heller Schein stand um fein Haar wie eine Krone aus Licht unb alle Engel neigten sich vor ihm wie er sie vor allen bei der Hand nahm mit ihrem schlechten Röckchen auf der Himmelswiese. Das ÜJtobel sagt noch dies und das, wie es zuletzt erwacht fei und der alte Mann an ihrem Bett gestanden habe und durch die Tür entwichen sei wie ein ^Da^durchzuckt es Maria wie heiliger Schrecken, sie gcht in bie Kammer ihres Mannes unb fragt, ob er etwas gesehen ober gehört habe. „Nichts anderes als dich",/sagte der Bitter verwundert, „wie du zurück- gekommen bist von der Weiche." Maria entgegnete nichts aber ihre Hande beben unb sie weih nun, wer ihr Netter gewesen tft. Sie mutz zu ihm, ihm zu danken mit ihrem Letzten. Sie bettet hastig das Kind und wendet sich zur Tür, da tritt ihr der Pfarrer auf der «chwelle entgegen und sagt, daß sie den Alten tot aufgefunden haben an den Stufen ber Kirche. Der Organist hätte ihn zuerst gesehen, als er aus der Kirche rat von der Weihnachtsmette. Sein Antlitz habe ausgesehen wie das eines Lauschenden, der eine überirdische Melodie vernommen hat und seine Hände waren geöffnet wie bei einem, der empfangen will. Weihnachisbesuch. Von 3 o s e f a Metz. Die Kurmusik spielte, die Leute tranken ihren Brunnen spazierten aus unb ab, schwatzten und lachten. Mitten in dem Getriebe, lässig gegen einen Baum gelehnt, stand ein Mann. 3n der Hand hielt er ein winziges Etwas das sich selbständig bewegte: Hunde, Ansätze zu Hunden denn sie waren' so klein, daß sie wie Scherzartikel wirkten. Ob ste,k)ubsch waren oder häßlich rassig oder rasselos, jedenfalls waren sie „jutz - Das sagten besonders die Kinder, die immer recht schnell von den Erwachsenen am Hundemann vorbeigeschoben wurden. Und ganz besonders sagten es drei Kinder Nora, Eva und Harro. Sie sagten es jeden Morgen aufs neue. Endlich wurde es der Mama zuviel, sie sagte: „Gut, kauft euch einen . Das war grausam denn die Mama mutzte ganz genau, daß so ein Wow krchuel^dreitzig Mark kostete, und welches ihrer Kinder besah dreißig ^An einem schönen Morgen winselte es draußen vor der Stubentür und herein schob sich etwas Winziges, ischwarzweißes bas piotz ich zu laufen anftng, als wenn es ausgezogen wäre. Hmter 'hm erhobs ch. bas ÄÄÄteWÄÄ L »!’ ÄÄ»- ÄÜMSK! «. -S4LLL -** * ÄSSSHFU. «Mn«. .M MM. i»n Us° MeSr!l?d,nä.Wlm« »««« »'« k >»' Un»-" * —* bie für mitbadende Hunde keine .ieigung Z gr Kindermädchen der Viola kam zu einer alten 5rau 6,e trui) Kindermädchen" ge- Mama gewesen war und von den Kindern Luft hatte unb nanut wurde. Sie wohnte auf bem ßanbe ®o er g sich auslaufen konnte, wie ^'e Mama st G ( ^schrleben, Weihnachten kam. 2eden Tag wurden n-u blieb unver- immer neue, immer anbere BBunfdje 7fu(h tommen!" Sogar Nora änderlich: „Viola soll Weihnachten zum > Werken" stehen. hatte diesen Wunsch unter „Korners sämtlichen Werren i Da konnte nun Heinrich seine Bitte anbringen, zurückkehren zu dürfen in feinen Beruf als Anhänger der Humaniora. „Könnte Ihn in meinen Heeresdiensten weiter brauchen, und sollte Ihm an Avancement nicht fehlen!" sagte der König. „Aber da Er das Lateinisch dem Preußischen vorzuziehen scheint, mag Er seinen Willen haben, und Er soll an meinem Gymnasium zu Stettin eine Stelle erhalten, so Ihm zukommt!" — So sah das Weihnachtsfest des Jahres 1764 die Mitglieder der Familie Fritsche, soweit sie in Deutschland waren, vereinigt in dem hübschen Hause das sich Heinrich mit Unterstützung des Königs hatte kaufen können. Die Mutter freute sich über die hellen, hohen, schön geweißten Zimmer. Eine Lichterpyramide mit der Krippe brannte auf dem Tisch, aber in der Wiege lag ein lebendiges Christkindchen, das zur rechten Zeit angekommen war'. Friedrich Wilhelm nahm Abschied. Er wollte in der nordamerikanksch- englischen Kolonie sein Heil versuchen und folgte dem Rufe des Lords Keith. So war dies schöne Weihnachtssost ein Abschiedsfest zugleich. Die Mutter wäre nur froh gewesen, hätte sie Nachricht auch erhalten von ihren anderen Kindern. Das aber sollte sich auch bald erfüllen. Es war ein kalter Winter, und ein paar Seitenarme der Oder, in denen das Wasser stiller ging, waren fest zugefroren, so daß alle Welt sich Im Schlittschuhlaufen und Schlittenfahren nach der Weise der Holländer erhöhte. Heinrich hatte seine Mutter, die sich im Winter immer schlecht bewegen konnte, in einen Stuhlschlitten gesetzt, unter ihre Flitze eine Wärmflasche gelegt und sie schön warm zugedeckt. Dann hatten er und Dorothee den Schlitten durch den weichen Schnee der Stadt geschoben. Sie waren im schönsten Sonnenschein zu dem Altwasser gelangt, legten die Schlittschuhe an und vergnügten sich mit der andern frohen Menge. Als es dunkelte und sie heimkamen, lief ihnen aufgeregt das Mädchen entgegen und meldete: „Ein großer, hagerer Mann mit einem braunen Gesicht wie ein Feldarbeiter ist gekommen. Aber er war keiner vom Lande: denn er hat eine weiße Perücke angehabt und einen braunen Samtrock mit goldenen Knöpfen und an der Selle einen Degen. Vielleicht ist es dex, Böse gewesen? Denn hinter dem Herrn ist ein Kerl gegangen mit einem ganz schwarzen Gesicht, wie ein Schornsteinfeger. Seine Augen — hu — die haben gefunkelt! Und dieser schwarze Kerl war ganz in scharlachrotes Tuch gekleidet, und die Straßenjungen sind hinterhergelaufen und haben gejohlt!" Fragte nun Heinrich, was dieser seltsame Herr gewollt habe. Ja, da geriet das Mädchen in Schrecken. Sein Deutsch habe so seltsam geklungen: sie habe es nicht recht verstanden. „Und er hat auf ein kleines Papier etwas ausgeschrieben, und ich sollt's dem Herrn gleich geben. Aber ich mußte doch nach der Kuh im Stall sehen, um Milch zu holen für das Kind. Da ist nun der Zettel ins Feuer gefallen und halb verbrannt." Daraus konnte sich Heinrich schwer einen Vers machen. Aber da er io viel aus dem Mädchen noch herausgebraeht hatte, daß der Herr am Markte wohnte, zog er seinen Roquelaure noch einmal an und hohe Stiefel, band den Haarbeutel fest und ging fori, um gebührend feine Aufwartung zu machen. Natürlich mußte der Fremde In dem großen Gasthaus am Markt ab gestiegen sein, das alle Fremden von Distinktion aufnahm. Im Flur redeten eifrig Menschen miteinander: mitten unter ihnen der dicke Wirt, dessen rote Pontgcnase noch dunkler als gewöhnlich glühte: Als er Heinrich erblickte, tarn er auf ihn zugestürzt und schrie: „Nein — dieses Glück! Wissen der Herr Prorektor schon? Aber natürlich können Sie sich's denken, wer in meinem Hause abgestiegen und schon in Ihrer Wohnung gewesen ist!" „Nichts weiß ich! Meine dumme Magd hat den Zettel verbrennen lassen. Ich bin nur hergekommen, um höflich nachzufragen, wer mich mit solcher Dringlichkeit ausgesucht hat." „Ja, das ist's ja eben, Herr Prorektor: Auch ich weiß den Namen des Fremden noch nicht. Aber es muß ein schrecklich vornehmer und reicher Herr sein! Darum hab' ich vor lauter Respekt bisher noch nicht gewagt, ihn nach seinem Namen zu fragen. Er kam mit einem schönen, eigenen Reise wagen mit vier Pferden Extrapost hier an. Auf dem Bock saß ein weißer Diener — der spricht aber ein solches Deutsch, daß kein ehrlicher Mensch in Pommern es deutlich verstehen kann. Und hintendrauf hat er einen schwarzen Mohren oder Türken, aber wer weiß, wo der Kerl her sein mag! Und der fremde Herr hat die besten Zimmer in meinem Hause gemietet und mir befohlen, zum Abendbrot zu braten und zu kochen, was nur Gutes und teures sich findet, und den besten Wein zu bringen. Und dem Postillon, der ihn gefahren hat, hat er einen blauten Dukaten als Trinkgeld geschenkt. Den hat der dumme Klaas gar nicht nehmen wollen, weil er ihn für einen Kupferdreier gehalten hat, bis ich ihm das Stück in blankes Silbergeld gewechselt habe. Da hat der Klaas gejauchzt: .Der Herr mit dem schwarzen Teufel hintendrauf gibt ein noch besseres Trinkgeld als selbst der Prinz Heinrich, den ich einmal gefahren!'" So schwatzte der dicke, kleine Wirt, dessen Gesicht vor Freude und Rotwein glühte, weil er einen so gewinnbringenden Gast in seinem Hause hatte. Heinrichs Spannung war aufs höchste gestiegen. Er ließ sich nickst mehr sellhalten, obwohl ihn der Wirt am Rockzipfel ergriff. Er flieg die Treppe hinauf und sand auf dem Vorplatz der ersten Etage den weißen Diener, der einen Rock säuberte und mit tiefer, ehrerbietiger Verbeugung auf französisch fragte, ob's der Herr Professor sei, nach dem sein Herr so dringend verlangt habe. Als Heinrich es bejahte, ward die Tür des Zimmers geöffnet, und er trat ein. Ein großer, hagerer Mann in. einem langen Schlafrock von kostbarem geblümten^ Seidenstoff, auf dem Kopf eine bunte Kaschmirmütze, erhob sich vom Sofa und rief laut: „Heinrich, kennst du mich nicht mehr? Ich bin dein Bruder Theodor!" vut, vor |o vieren oayren yeimitch in Kotberg zu Schiss ging! jju es hell Im Zimmer war, sechs Wachskerzen brannten, erkannte er Im Gesicht des Fremden die Züge seines seligen Vaters, mit dem Theodor schon als Knabe stets eine besondere Aehnlichkell gehabt hatte. Dabei hatte der aus der Fremde zurückgekehrke Bruder etwas Steifes, Abgemessenes in seinem ganzen Wesen an sich. Heinrich spürte, daß er sich als eln großer Herr fühlte, und so fielen sie sich nicht um den Hals, sondern begnügten sich mit einigen warmen Händedrücken. Endlich fand Heinrich ein Wort. „Dem Anschein nach mußt du dich ja in großem Wohlstände befinden! Dazu wünscht ich dir mein Glück von Herzen! Wie ist es dir ergangen? Ach, wenn das die Mutter wüßte, daß du es selbst bist!" „Was?" rief Theodor, und alle Steifheit schwand. „Die Mutter ist hier in Stettin?" Und er rief nach den Dienern, legte Stiefel und Pelz an, gab Befehle und eilte nun, daß er die Mutter sähe. Der Wirt fragte, was aus der großen Tafel würde, die gerüstet sek. „Geben Sie es armen Invaliden, daß sie einen freudigen Tag haben, und auch die Flaschen dazu! Ich sehe schon: Meinen Freunden hier muß ich morgen ein ander Festmahl geben!" Dann hasteten sie durch die Stadt, und Theodor lief voraus: kaum konnte ihm Heinrich folgen. Hinterher keuchten der weiße und der schwarze Diener mit ihren Lasten. „Wo ist die Mutter?" rief Theodor. ,/5le schläft!" antwortete Dorothee. Wie erschrocken war Dorothee, als der fremde Herr eintrat! Da klang die dünne Stimme der Mutter hinter der Tür: „Wer ist gekommen, Dorchen?" Da Heß sich Theodor nicht halten, sprang durch die Tür, kniete am Bette der Mutter nieder und küßte sie. Die aber meinte und sagte: „Herr, nun lässest du deine Dienerin in Frieden fahren, denn meine Augen haben meinen lieben Sohn Benjamin gesehen!" Das war eine Freude, war ein Entzücken. Theodor erzählte, daß er eine große Kaffeeplantage in Surinam besäße und wohl als reich gelten könne nach den Begriffen in Preußen. Drunten habe er eine Frau und drei Kinder gelassen, aber es hätte ihn getrieben, noch einmal seine Mutter zu sehen. Nachrichten, die er ausgesandt, hätten keinen großen Erfolg gehabt; nur das wüßte er, daß fein Bruder Friedrich Wilhelm Offizier gewesen in preußischen Diensten und wohl ja auch Heinrich. Das gab ein Erzählen und Feiern. Ja: Theodor hatte sich den Weltwind um die Nase wehen lassen. In Amsterdam war er seinem Schiffer durchgebrannt und hatte sich verdingt als Schiffsmaler auf einem Holländer Segler. Dann war er in Fort Dranien in Westafrika Schreiber geworden und hatte Handelsgeschäfte gemacht mit den Negern und auch einen Ueberfall des Forts erlebt. Von da war er mit einem Freund nach der Kapkolonie c'gangen, hatte wilde Tiere gejagt und Elfenbein getauscht. Dann wieder, als mehr Geld vorhanden war, fuhr er mit dem Kameraden hinüber nach Indien und pachtete die Plantage Amalien- bosch. Drüben hatte er auch geheiratet und war nun ein Mann geworden, der ein Wort im holländischen Kaffeehandel mitzusprechen hatte; und deswegen, um die Interessen der Plantagenbesitzer zu vertreten, war er in Amsterdam gewesen. In Paris hatte er die Fürstin Gagarin getroffen. Er hatte es nicht glauben können, daß sie seine Schwester war; und sie es nicht, daß der reiche Holländer, mit dem der 'französische Finanzminister viel zu besprechen hatte, ihr Bruder. „Ist sie glücklich?" fragte die Mutter. Theodor schüttelte den Kopf. „Sie ist schön! Die Menschen schauen ihr nach! Aber alle wissen, daß sie bürgerlicher Geburt ist. Wer kann in ihr Herz schauen? Sie wollte nach Rom und dort bleiben!" „Und wo ist der Fürst? fragte Dorothee. „Der Fürst ist in diplomatischen Diensten der Kaiserin Katharina. Er mußte nach Rußland zurück, und unsere Schwester behauptet, sie vertrüge das Klima dort nicht — sie brauchte die warme Lust des Südens." Oie Mutter seufzte. „Unser Vater hat doch recht gehabt: Es ist nicht gut, wenn ein Mensch aus seinem Stand heraustritt!" Theodor schüttelte den Kops. „Wir, die wir draußen (eben und nicht die engen Grenzen Europas kennen, wir denken darüber anders. Gottes Segen muß in uns fein, sonst finden wir keinen Frieden in dieser Welt!" „Gebe Gott, daß Friedrich Wilhelm ihn findet, wenn er draußen tft in der nordamerikanischen Kolonie!" „Schlaf für heute wohl, Mutter!" sagte Theodor. „Der Erhalter und Vernichter, wie ihn die Inder nennen, weiß alles, was in uns ist und was uns noch kommen wird!" Sie ließen die Mutter, die mit seligen Augen, aber müde in ihrem Bett blieb, allein, Theodor begehrte Heinrichs Kindchen zu sehen. Vorsichtig beleuchtete Dorothee mit der Wachskerze die Wiege. Der große braune Mann faltete die Hände und betete still. Und jetzt erst erkannte Heinrich feinen lieben Bruder wieder. Ihre Blicke begegneten sich. Theodor hob seine Hände, und nun umarmten sich die Brüder von ganzem Herzen. Während sie das Zimmer verließen, sagte der Heimgekehrte: „Eh wir ■ uns ganz wieder zurückfinden zu unfern Lieben, tut es not, daß wir nicht nur kaufend Meilen über Meer und Land zurücklegen; es tut auch not, daß wir rütfreifen können über die Zeit in die Erinnerung!" (Der Roman „Der Kriegskommissar des Königs" von Friedrich I r e t f a ist im Verlag August Scherl G.m.b.H., Berlin, als Buch erschienen.) verantwortlich: Dr. Hans Thyrtvt. — Druck und Verlag: Brühl'sche Untversttäts-Duch» und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.