Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1952 Montag, den 19. September Nummer 75 Ki«^'! Ich bin allein auf meinem Felsenriff Und ich empfinde, daß Galt bei mir sei. tiefes Schweigen unb ein steter Schall, Wind, ein Strom, ein Atem, ein Gebet! neben mir des Murmeltieres Pfiff, über mir des Geiers heisrer Schrei; Oie Geschwister. Van Franz Gras. Nur Nur Dorfe van ihre Tage längst ge- Ein Ein Himmelsnähe. Van Conrad Ferdinand Meyer. In meiner Firne feierlichem Kreis Lagr' ich am schmalen Felsengrate hier. Aus einem grünerstarrten Meer von Eis Erhobt die Silberzacke sich vor mir. Der Schnee, der am Geklüft« hing zerstreut. In hundert Rinnen rieselt er davon Und aus der schwarzen Feuchte schimmert heut Der Soldanelle zarte Glocke schon. Bald nahe tost, bald fern der Wasserfall, Er stäubt und stürzt, nun rechts, nun links verweht Werten ()k war i|tn sp'ä« * scheinst, * vkiM n alles? i i Sonnte mmr Zi- es dreiH ebe für fe .tat teil . Di« W t, da W e, bu tog 's Volt i MeMlj eslrrmr n, und iffl 6eü« fc M sch» «uf n«^: Bährenb j ! I im vePO S 'hm« stehen, du rer Mos W ahr« mif Auge >- sagend! t- «tlichrt erguiieki« hr goH* soll ich« , du w6 lich« W ireiben, *1 der Ni ringt« H Aber *1 N" ’t; iir NJ WH leer ? igen, ü* 1 Iliitz- •tffl nH deist^l wrW ir lost'L NB-G rt j «inpich^i iS er In Arbeit unb Stille lebte Katharina, gemeiniglich im odermann ob ihrer Wohlhabenheit bie Talerkätt geheißen, tatjin. Sie war nun vierzig Jahre alt. Ihre Eltern waren _ lorben. Sie besorgte ihrem lebigen Bruder bas Haus, sah auch in den stallen nach dem Rechten, unb Knecht unb Magd achteten sie als die Herrin. Hinaus aus dem Gut! Und: ..Ich muß 'enaus, ich muß ’enaus" schrie sie durchs Haus und den Hof. Selbst zur Nachtzeit noch hörte man ihren Klageruf. Der Knecht und die Magd pifpelten zusammen unb zweifelten an ihrem Verstand. Dem Bruder aber wurde es angst und bange. Schon stiegen Zweifel in ihm auf, ob er feinen Versprach halten solle. Aber seine hachige Zukünftige und der Makler, dem es um seinen Lohn zu tun war, wuschen ihm gehörig den Kopf, als er sich zurückziehen wollte, drohten ihm sogar mit Schadensersatzansprüchen. An diesen lag dem Bruder nichts. Aber er schämte sich vor dem Leutegeschwätz. Deshalb wurde er nicht wieder Herr über sich selbst. Im ersten Gerichtstermin wurden die Geschwister nicht einig. Kätt heulte auch so, daß ein Protokoll schon deshalb nicht zustande kommen konnte. ■ Drei Tage vor Der Hochzeit mußten Bruder und Schwester noch einmal am Amte erscheinen. Sie gingen jedoch nicht zusammen! Dazu war di« Kätt nicht zu bewegen. Kein Mensch durste sie begleiten. Von allem, was ihr die Zukunft bringen sollte, wußte sie nur das eine: Sie mußte aus ihrem Elternhause hinaus, das ihr Obdach, Ruhe, Heimat und alles war. Sie sollte aus dem Erbe scheiden, das ihr bisher wie ihr alleinig Eigen gehört«, das sie niemals mit einer Fremden teilen konnte. Einen — armseligen — Einsitz wollte sie sich nicht verschreiben lassen. Bauernstolz sitzt auch in Weiberköpfen. Hatte sie hier bisher nicht über Vieh, Schiff und Geschirr mitverfügen dürfen? Und es begann in ihrem Kopfe zu toben: „Ich muß nicht hinaus, ich will hinaus!" „Ich muß net —ich will!" — schrie es in ihr auf! Und als nun die Kätt, der die Leute durchs Fenster nachguckten, weil der rote Friedrich, den sie im Torfe bie Neugier hießen, im Wirtshause heimlich dem Gerichtsboten in die Ladungen geguckt und danach die Karten verraten hatte, ja als Kätt aufrecht unb stolz in ihrem schwarzen Mieder, in faltigen Stumpröcken, in schwarzen Strümpfen unb ben festen Schnallenschuhen ihrer guten alten Bauerntracht zur Amtsstabt ging, ba gab's nur noch den einen Gedanken in ihrem Kopse, auf dem die schwarzbunte Kitzelhaube so fest saß als ob sie ihm aufgeschmiedet sei: „Ich will 'enaus!" Die Teilung wurde schriftlich verbrieft. Die Talerkatt verlangt« nur Kapital. Und mit ihrer Unterschrift schrieb sie sich los vom Hause, in dem sie jeden Winkel kannte, in dem sie jung gewesen war. Sie schrieb sich auch los von den Elternstuben und ihrer Bettstatt, von Scheune und Stall und dabei lag ihr nichts am Gelbe, das an die Stelle des Erbgutes treten sollte. Den Einsitz wollte sie nicht. Denn künftigen Zank und Weiberstreit sah sie vor Augen. Deshalb: Sie schrieb sich los — los — los. Mit überwältigendem Ingrimm im Herzen. Beim letzten Buchstaben ihres Namens stieg ihr eine heiße Welle zu Kopf, bie ihr ben Atem zu rauben schien und ben Sinn verwirrte. Rote Flecken ber Aufregung traten ihr auf Hals unb Wangen. Es fauste und brauste ihr in ben Ohren. „Ich will 'enaus" — schrie sie gettenb auf, packte zugleich ihren Hanb- korb und den Schirm, riß die Türe auf und schlug sie blitzschnell hinter sich zu. Der Schlag schallte durchs ganze Haus. In dem fremden Amtsgebäude, das von ihren Schreien widerhallte, wußte sie nicht aus und ein. Sie riß die erste beste Tür« auf, in der bei grauen Aktenbündeln etliche Menschen hockten. ,^Ich will ’enaus" schrie sie in den Raum. Die, die da drinnen saßen, lachten auf, als sie so plötzlich das verstörte Weib zwischen Tür und Angel stehen sal>en. An der zweiten und dritten Türe erging es Kätt ebenso. Die Aktenmenschen verstanden Kätt nimmermehr und schüttelten nur die Köpfe. Ja, was wußten denn auch dies« ihr so Fremden, von ihrem Weh, ihrem Groll, ihrem Herzeleid und ihrem Protokoll? Laut heulte Kätt noch einmal auf: Ich will 'enaus! Der Bruder hörte in ber Amtsstube, bie er zu verlassen sich scheute, die gellenden Schreie. Wie festgebannt blieb er noch eine Zeitlang auf seinem Platz« sitzen. „Ihr kennt meine Schwester net, Herr Richter, fie hat ein’ strack« Kopf. Wenn ich alles noch einmal zu machen hält' — ich müßt', was ich tät. Den Makler soll das Gewitter oerzehr'n." Der Richter wiegt« nur leicht den Kopf hin und her. „Ja, das ist eine seltsame Sache", sprach er. Vom Amt ging der Bruder ins nahe Wirtshaus. Dem Wirt, der ihn aushorchen wollte, gab er ausweichende Antworten, so daß er nicht klüger wurde. Langsam aß er ein Stück Brot, das er sich geben ließ und ein mitgebrachtes Stück Wurst. Die Bissen wollten ihm die Kehle nicht hinunter gehen. Hastig aber stürzte er die Schoppen hinab. Erst als es zu dunkeln begann, faßte er ben Mut, nach Haus« zu manbern. Er schlug ben Weg zu seinem Dorfe ein. Es war Neumond und kein Stern stand am Himmel. Aber er sand sich auch auf dem Feldweg zurecht — er scheute sich, auf ber Landstraße einem Menschen zu begegnen. ft Ä d-M Da wurden dem Bruder, der etliche Jahre älter war als sie, noch späte Heiratsgedanken in den Kops gesetzt. Ein Vermittler hatte ihm eine reiche kinderlose Wittsrau aufgeschwatzt — in aller Heimlichkeit, als er an einem schönen Sonntagmorgen nach lern Kirchgänge draußen auf dem Felde den Saatenstand besichtigte, wie urch auch ihren Besitz mehren wollte, bereits vor dem Notar in der Stabt einen guten Acker für ben Fall versprochen hatte, baß er Erfolg tobe und die Ehe zustande brächte. Endlich hatte der Junggeselle nach- jt'geben und sich zur Heirat entschlossen. Die Schwester vernahm sein Vorhaben mit Schrecken. Durch Dritte. Denn er selbst besaß nicht den Mut, ihr zu sagen, wie die Sache stand. Kaum aber, daß er sich in des Maklers Gegenwart mit der Wittib ausgesprochen hatte, dämmert« es ihm schon, daß die beiden Frauen im - Mufe nicht in Frieden miteinander leben könnten. , Deshalb schwieg sich der Bruder der Schwester gegenüber aus, obwohl R die Dorfspatzen bereits auf den Dächern die Geschichte von seinem lierspruch mit ber Wittib zuschilpten. Kätt war nur um des Bruders willen lebig geblieben, hatte anfehn- : liche Freier von gutem Vermögen abgewiesen. Und nun tarnen ihm noch fsiratspossen, wie sie sagte, in den Kopf. Sie aber spürt«, was ihr mit dorn Einzug einer Schwägerin bevor- fhnb — jedenfalls nichts Gutes. . Noch hatten die Geschwister bas ererbte Werk nicht geteilt. Keines von ! 'Inen hatte bisher daran gedacht, und den Herren von der Steuer war dis nach dem Tobe ber Eltern gleich, wenn nur bie Steuerzettel richtig «.Zahlt wurden. Und das geschah stets pünktlich. Die Eltern waren auch Md) bahingestorben unb hatten nichts Schriftliches hinterlassen. I Nun begehrte der Bruder vor ber Hochzeit die Erbteilung auf ber iittib Geheiß, bie schon alsbalb nach dem Versprach klare Verhältnisse 01 «langte. . Deshalb hatte ihr Verlobter am Amt fast wider Willen und mit i'imerem Widerstreben die Auseinandersetzung des elterlichen Erbgutes d'vntragt. , Kätt bekam von dem Gerichtsboten die Ladung, die sie hinnahm, ohne Wort zu sagen. Sie beherrschte sich vor ihm. Als er aber draußen war, schlug sie mit der Faust auf den Tisch und fi tfaten Tränen in ihre Augen. $ »Ich muß ’enaus, ich muß ’enaus", so hämmerte es plötzlich in chrem Werke wich er aus, indem er meinte, Bücher mit schon dadurch unsterblich und entzögen sich jedem m - . bibliotheken, die damals auskamen, riß man sich die Bande aus der Hand. In England verdiente dieser Hexenmeister ein Mlllionenvermogen und konnte es auf sich nehmen, nach einem durch grandseigneuralen Leichtsinn verursachten Bankrott Verpflichtungen von 120 000 Pfund mit seiner Feder abzuarbeiten; in Frankreich wurden seine Bücher in \A Millionen Banden verbreitet; in Deutschland schossen die Uebersetzungcn und Nachahmungen wie Pilze hervor. Die durch die Einkerkerung des großen Unruhestifters auf St. Helena zur Untätigkeit verdammte Rcstaurationsepoche berauschte sich an den bunten Wunderbildern einer fernen Vergangenheit, die in der Laterna magica der Dichtung vorüberzogen. Scott hat erst 1827 das Geheimnis, mit dem er seine Verfasserschaft umgeben hatte, offiziell enthüllt; aber schon vorher wußte man, daß der geniale Anonymus kein anderer sei als der schottische Dichter, der bereits durch gelungene Balladen und Epen aus Schottlands Sage und Geschichte •Sr«n sollte, brannte nirgends ein Licht. Nur der alte Hofhund kam ihm w». n«rui»9 warf er sich die Nacht hindurch in seiner »ettstatt hin und her. Am anderen Morgen wurde die Schwester vernicht. A„f.,nh,on Sie wurde gesucht und von der Magd aus dem.3)a4J2.^n auf dem sie sich kurz vor dem Abendläuten an einem Querbalken er- erreiche Talerkätt hing an einem billigen Stricke, den sie beim Seiler gekauft hatte, als sie die Freitreppe des Amtshauses hinab ge- ft°1P3d)mroQiU ’enaus", hatte sie noch beim Abschied zum Seiler gesagt. Und sie hatte nunmehr damit den Gang aus dem Leben gemeint. „Ich will '«naus" murmelte sie noch, als sie ihren armen, verwirrten Kopf in die Schlinge legte. . Die Hochzeit des Bruders wurde abgesagt — für immer. In der Frühe des folgenden Freitags schlug ihm em lunger Rappe den er kurz zuvor gekauft hatte und deshalb noch nicht kannte, wider d Leib und beim zweiten Schlage vor die Stirne. Das Tier hatte aus Angst geschlagen — sein Herr aber mußte sterben. Und als nun der neue Schreckensfall der Feuerfophle mrtgeteilt wurde, die deshalb so hieß, weil sie sich einst "^junges Mädchen aus Unvorsichtigkeit schwer am Herdfeuer verbrannt hatte und nun halb blöd und gebrechlich im Armenhaus hockte, da meinte die Alte, in dein langen Pferde habe der Teufel gesessen. Das wisse sie ganz genau. Und die reiche Talerkätt sei ihm auch verschrieben gewesen. Der Bruder wurde neben der Schwester begraben. Den Rappen kaufte um ein Spotdgeld ein Handelsmanm Gab es doch viele im Sqjf, die der Feuersophie die Kenntnis geheimer Dinge zutrauten. Der Schöpfer des historischen Romans. Zum 100. Todestage von Walter Scott: 21. September. Von Dr. Paul Landau. in die Tiefen und Untiefen des Daseins; bei aller Natürlichkeit >st >er doch konventionell, mehr ein Sohn der Aufklärung als der Romantik. Ei _ glückliche Harmonie lag in feinem Wesen, und sie kommt auch in jem Komposition zum Ausdruck, die, so willkürlich und ungezwungen sie auch erscheint doch eine feste Verknüpfung der Themen und eine konsequere Durchführung der ganzen Anlage zeigt. Otto L u d w i g dieser t. s- bohrende Ergründet der dichterischen Formprobleme, hat sich Scott sui- seine epischen Studien fast ebenso zum Muster genommen wie Shake- < sveare für seine dramatischen. _ H P Scott hat den historischen Roman aus dem Nichts geschaffen. Er steh« auf den Schultern der genialen englischen Erzähler des 18 Jahrhunderts, eines F i e l d i n g und S m o l l e t t. Die Anregung für ferne Be chafti 1 qunq mit der Geschichte und der Volksdichtung empfing er °om deut Sturm und Drang. Mit Ueberfeßungen des „Götz" und der Burgerfche« Gedichte begann er seine Laufbahn, und man hat Nicht mit Unreqi betont, daß die Elemente der Scottschen Romane in Goethes „Gotz bereits im Keim enthalten sind, die Zusammenstimmung von Natur un° Handlung die historische Verklärung wie die Zlgeunerromantik unb o Ausmalung des kulturhistorischen Details. Aus diesen Anregungen heraus schus er eine neue Kunstform, die die ganze Weltliteratur befruchtet. gibt keinen historischen Roman, der nicht Scott etwas verdankt. Um 3 Schluß noch diese gewaltige Nachwirkung kurz zu streifen werfen wm einen Blick auf feine Nachahmer. Manzo nis Verlobte" sind wohl d->- größte Kunstwerk, das in feinem Geiste geschaffen wurde, aber au® , historischen Meisterromane d e Vignys, Balzacs Hugos ' rimees, und Überhaupt die ganze französische Romantik sind ohne nicht denkbar. In Amerika waren seine frühesten Schuler C o o p e r u sein größter H a w t h o r n e; in England B u I w e r und T $ » < * * “Jj In Rußland lernten Puschkin und G o g o l von 'hm. In Deutsch an! trat Willibald Alexis, der „Walter Scott der Mark Mltdem ,,WaU ° moor" zuerst in seiner Maske auf, und Hau f fs Liechtenstein ihm die Popularität streitig. Die ganze Blütezeit des deustchen Rom von T i e ck und F o u q u ä Über Spin dl er und Heinrich K o n > g zu Freytag und Fontane benutzt die Scottsche Technik. Ebeni die Geschichtsschreibung von ihm angeregt worden. Wird Scott noch gelesen? Diese Frage beschäftigt die Engländer da sie sich rüsten, den 100. Todestag des schottischen Nationaldichters m Gedächtnisfeiern, Ausstellungen, Neuausgaben semer Werke uswzu begehen. Die Stimmung ist etwa ähnlich der bei uns am .100. Todestage Schillers, da man auch Zweifel an der wirklichen Papumritat unseres Klassikers äußerte. Die Gründe sind ebenfalls verwandt. Bei Scott wie bei Schiller wird die Schullektüre verantwortlich gemacht die so manchem den Genuß dieser Poesie schon in der Jugend »verekelt Dazu komnll die Unzeitgemäßheit" dieser Großen. Weder der historische Roman noch das "heroische Jamben-Drama gehören heute Pir ''0aV,9^" Deshalb gesteht ein so großer Verehrer der „Waverley -Romane und seiner Beurteiler wie der zeitgenössische englische Dichter Hugh W a lpo le offen ein, daß es unmöglich sei, die jüngere Generation an Scott heran-, zubringen. Aber die Begeisterung der älteren ist unerschuttert denn sie empfinden die ewigen unvergänglichen Werte dieses epischen Riestuwerkes, da/ zu den gewaltigen Leistungen der Weltliteratur gehört. „Kem Film kann unsere Herzen höher schlagen lassen als ein Roman von Scott , meint einer seiner Verehrer, und in literarisch einwandfreierer Wertung schreibt Walpole: „Es ist die Ausgabe des Erzählers, «me Welt zu schaffen, esssg I STsSSiStSE-iH hinaus — eine solche Welt schuf, deren Menschen leben in ihrer eigenen Welt, ist er einer der wenigen großen Erzähler und Charakterschopfer Man durste ihn nicht nur als historischen Romandichter aufsassen. Ueber seine qoti chen Schlösser und klirrenden Ritterrüstungen, über das Kostüm und den Feudalismus, die uns heute Hekuba sind, triumphiert das ewig ^°Äuch^>e/un" wird^Scott wohl kaum noch viel gelesen, obgleich jeder, her eine gesunde, spannende und lehrreiche Unterhaltung sucht in seinen Büchern Ueberraschungen sinden könnte. Aber seine geschichtliche Bedeutung, das Einmalige seiner Persönlichkeit und seiner Wirkung sichet ihm die Teilnahme jedes Literaturfreundes. Wir können gar manches in unserem Schrifttum nicht verstehen, wenn mir nicht Scott ennen Jhc wieder hat ein Autor das europäische Publikum in eine solche Raserei des Lese iebers, in einen solchen Taumel des Entzückens gerissen w.e der „große Unbekannte", der seit 1814 als „Verfasser der Waverley-Romane hervortrat Lord Byron, der andere britische Dichter, der damals die Gemüter leidenschaftlich beschäftigte, wirkte doch nur auf einen erlesenen Kreis Der „schottische Zauberer" aber drang mit feinen spannenden Erzählungen in alle Schichten. Goethe berichtet 1823 aus Karlsbad daß er dort von nichts anderem habe sprechen hören, und einer Kritik dieser «nwxiA nv- Aila er mpitlfp. 9^ÜdlCt Bitt fOluJCTU (frfOlQ Urteil. In den Leih- bekannk geworden war. Seitdem ist Scott der Klassiker des historischen Romans, den er geschaffen hat. Seine lyrisch-epischen Dichtungen, die ebenfalls Muster für unzählige derartige Schöpfungen in den modernen Literaturen wurden, sind verblaßt. Aber unsterblich sind nur einige seiner etwa sechzig Romane, in denen das kräftige von der lebendigsten Anschauung heimischer Zustände und Sitten genährte Talent Scotts erst zur vollen Entfaltung kam. Am populärsten wurden nicht die künstlerisch besten dieser Werke die noch aus erlebter Tradition eine nahe Vergangenheit darstellen, roie'bcr erste Meisterwurf „W a v e r l e y", der großartige Sittenroman „Guy Manner in g", der humorvolle „Antiquar oder „Robin der Rote" und „D a s H e r z v o n M > d l o t h , a n , sondern am meisten gelesen wurden die stofflich mtereffanteften, wie ,Jvanho e", „Kenilworth", „Quentin Sur u a r b e r Talisman". Immerhin sinb bie Unterschiebe nicht allzugroß, beim Scotts Vorzüge beleben auch bie Bücher, bie in ber Komposition weniger gelungen sinb, unb selten hat einer ber Vielschreiber ber Weltliteratur so wenig Nieten zu verzeichnen. Der Mensch Scott diese Mischung von Naturbursche unb Patriarch, ist ein Wunder für fuf) .ebenfo ein non märchenhaften Erfolgen erfülltes und doch im aufreibenden Daseinskampf auskllnqenbes Leben Nirgends ist sein Wesen besser geschildert, als m einer gelegentlichen Bemerkung F o n t a n e s : „Er hat ganz den Stempel I des Genies, unb zwar nicht in bem einen ober anberen, fonbern in allem. Immer jung bis zu dem Moment, wo Unglück und Krankheit ihn meber- ! warfen von immer gleicher Kraft unb Frische. Ein Sonnenschein war um ihn her. Der ganze Mann leuchtete. Um fein eigenes Wort zu gebrauchen: „he did the honors kor all Scotland“, er war ber eigentliche Beherrscher seines Lanbesweit mehr al» I Georg IV. mit seinen Brummeis unb seinem weibgestickten Jabot und I wie es in einem schottischen Sprichwort heißt: „A Kings face sh all give o-race“ (Eines Königs Blick bringt Glück), so beglückte unb begnabete auch Sir Walter, wohin er sah. Sein ganzes Leben war ein unausgesetztes Wohltun; er trug ein Füllhorn, unerschöpflich, weil seine Liebe, feine I reiche Begabung unb bas Glück, bas mit ben ®uten.unb> Weiteren tf, I es immer aufs neue füllten. Sein Herz für Schottland und seine Werke I für bie Welt, so ist er burch bie Zeitlichkeit gegangen, wie em großer I Beglücker, Segen auf allen seinen Spuren." Seine Kunst erwuchs ihm notmenbig unb zwanglos aus diesem Leben I und dieser Persönlichkeit, natürlich, gesund, unproblematisch Viel weniger hat er feine Anschauung der Geschichte aus gelehrten Studien geschoprt, als aus dem Heimatboden, ben er als eifriger Jager, Reiter, Fischer burchstreiste, beffen Menschen er als Rechtsanwalt unb Gutsbesitzer kennen- lernte. Er sammelte Sagen unb Lieder aus bem Munbe ber Hirten und Bauern er schlief in jeher Schäferhütte unb kroch in lebe Ruine Diwürzige Luft ber schottischen Hochlanbe weht burch seine Bucher,.unb> ber ewige Schlag bes Menschenherzens pocht bei ihm unter jebem historischen Kostüm. Mit einer fabelhaften Phantasie, bie ihn mühelos m ferne unD nahe Vergangenheit versetzt, verdinbet sich ein erstaun iches Gebachtnis, bem antiquarische Beschreibungen, Einzelheiten des täglichen Lebens, Nuancen bes historischen Kolorits sofort gegenwärtig sinb Der spannenben Hanblung mit ihren wechselnden und reichbelebten Szenen, die den geborenen Erzähler verraten, steht eine wundervolle ©eftaltenfuUe zu "I Seite Die Galerie von Charakteren, die hier voruberzieht, umsaht all- Volksklassen, tragische unb phantastische, humoristische unb groteste n Figuren; aber am schönsten hat er boch bte schlichten Naturen bie Kinder ', des Volkes, geschildert, denn er hatte ein Herz fürs Volk und em hebe 1 volles Auge für (eine Sorgen unb kleinen Genüsse. Der ruhige, episch- Gang unb bie breite Einzelmalerei wird bisweilen von bramatifdjer Spannung unb Bewegung verdrängt. Doch ist stets mit malerischer Romanti eine kühle Verstanbesklarheit gepaart, bie bte Grenze (einer Begabung Frauen als Bezwingerinnen der Berge. Von Dr. Herbert SchmiLt-Lamberg. Es soll hier nicht davon gesprochen werden, wieviel Frauen jährlich in den Alpen, in den Anden und in den geheimnisvollen Gebirgen Afrikas und Indiens solche Bergpartien unternehmen, die früher schon von anderen begangen wurden. Die Frau als Hochgebirgstouristin ist heute eine allgemein bekannte Erscheinung geworden. Aber weniger bekannt ist die Tatsache, daß die Frau schon seit Jahrhunderten auch als Führerin solcher Gebirgsexpeditionen sich ausgezeichnet hat, die in un- ersorschte und unbekannte Gebiete der Gebirgswelt führten. Als Entdeckerin neuer Bergeswege, als Bezwingerin der Gefahren und Tücken der Hochgebirgswelt hat die Frau auf die Anerkennung der Welt Anrecht. In Europa war es schon im Jahre 1786 die einfache Hausangestellte Maria Paradis, die in Gemeinschaft mit Bergführern einen A n - griff aus den Montblanc unternahm. Das war zu jener Zeit, obgleich der eigentliche Gipfel bereits erstiegen worden war, eine geradezu unglaubliche Leistung, an die sich nur wenige gewagt hatten. Die Paradis hatte schon mehrfach Hochgebirgstouren unternommen, und als sie nun in Gesellschaft der Bergführer die Besteigung antrat, kamen ihr allerhand Gedanken, wie man den Aufstieg von einer anderen Stelle aus wesentlich einfacher vornehmen könnte. Sie ist es demnach gewesen, die die neuen, seit jener Zeit bekannten Aufstiegswege gewiesen hat, ihr Name gehört in das Buch der größten Alpinisten aller Zeiten. Der Montblanc hat dann noch zweimal Frauen als seine Bezwingerinnen erkennen müssen, die auf eigenen Wegen den Aufstieg unternahmen: im Jahre 1838 die über 45jährige Mme. A n g e v i l l e, ine auch in bezug auf die Schnelligkeit der Expedition einen Rekord für die damalige Zeit aufstellte, und die doch um ein Haar hätte ihr Leben in den Bergen lassen müssen: sie kam schwer krank, aber nach gelungener Tat wieder unten an. Und wenige Jahre später ging Miß Betty Stratton daran, als erste eine Besteigung des Montblanc im Winter vorzunehmen, was für damalige Zeiten als völlige Unmöglichkeit angesehen wurde. Auch sie gelangte bis aus den Gipfel und verweilte mehr als sechs Stunden in der winterstarrenden Hochgebirgswelt. Sie ist di« erste Pionierin des Winterhochgebirgstourismus anzusehen. Den 6600-Meter-Gipsel des Sorata in den bolivianischen Kordilleren hat im Jahre 1911 eine Frau mit einer Expedition zuerst bestiegen, und zwar Mlle. Adrienne P a u x. Obwohl Adrienne Paux zu den ersten Bergsteigerinnen ihrer savoyardischen Heimat gehört, hat sie doch nicht weniger als vierzehn vergebliche Versuche gemacht, um die Besteigung des Sorata unter Leitung einer Frau zu einem Denkmal für weiblichen Mut und weibliche Energie zu gestalten. Sie hat auch vierzehnmal die Expedition selbst zusammengestellt, sie ausgerüstet, die Mittel dazu hergegeben und stets mit besonderen Einrichtungen versucht, die Bergsteiger in die Lage zu versetzen, die Besteigung mit möglichst wenig Mühsalen und Beschwerden zu erreichen. Einige ihrer Erfindungen, die sie zu diesem Zwecke gemacht hat, darunter einen unzerreißbaren Haltestrick, sind Gegenstand einer neuen Industrie in den Gebirgsgegenden geworden. Vor wenigen Jahren erst ist es dann wieder in Südamerika, in Brasilien, eine Frau gewesen, Rositta Cevarno, die vom Gebirgsvorland am Matto Grosso aus eine ganze Reihe mehr oder weniger hoher Dergesgipfel bezwang und sie überhaupt erst geographisch richtig eintragen ließ. Im Gebiet des Matto Grosso gibt es westlich und nordwestlich von Diamantino noch immer weite Gebiete, die vollkommen unerschlossen sind, selbst das Quellgebirge des Paraguay gehört zum großen Teil dazu. Rositta Cevarno ist es nun zu verdanken, daß in den Jahren 1920 bis 1928 eine ganze Reihe von Gebirgsgipfeln und ihr gesamtes Vor- und Hinterland geographisch ersaßt und registriert werden konnten: ihr zu Ehren wurde ein 4200-Meter-Gipfel als „Monte Cevarno" amtlich bezeichnet. t Solange weiße Menschen in die Gebirgswelt um den Mount Everest vorgedrungen waren, solange besteht ihr Wunsch, den höchsten Gipfel zu besteigen. Die Namen der zahlreichen Expeditionen sind rühmlichst bekannt geworden, leider hat man vergessen zu erwähnen, daß drei Frauen bisher die tausenderlei Gefahren einer solchen Besteigung geteilt haben, darunter eine Deutsche, die mit dem englischen Forscher Carter verheiratete Katharina Wild, die um 1892 bereits bis zu einer Höhe von 6500 Meter mit ihrem Gatten und vier Mann der Begleitung, vordrang und hier das heute noch benutzte Recreation-Lager auf dem Nordwestabhang anlegte. Frau Carter ist des weiteren mit ihrem Gatten, mehrfach aber auch allein, in den nachfolgenden Jahren in das Innere des Tibetanischen Gebirgslandes vorgedrungen, wo ie auch schließlich durch einen Absturz im Jahre 1902 ihr Leben embuhte. Ihr Gatte verheiratete sich im Jahre 1905 wieder mit einer bekannten Alpinistin, Miß Evelyne Madson, mit der er m die geliebte Bergwelt Tibets zurückkehrte. Und zum zweiten Male ereilte ihn das entsetzliche Geschick, seine Frau durch einen Absturz zu verlieren: sie ist der ersten Gattin Carters fast an der gleichen Stelle nachgefolgt, wo diese ihr Sehen verlor. Carter selbst hat noch bis zum Jahr« 1917 d«n verschiedensten Mount-Everest-Expeditionen angehört. Als Dritte im Bund« bei der Ersteigung der bisher «"eichten Hohen des Mount Everest ist eine Inderin zu erwähnen, die "rau eines v«. güterten Edlen aus dem Rajahrat Srinagar, Atava Somaka. Diese kühne Exotin ist im Jahr« 1928 nur in Begleitung zweier englischer Bergsteier auf dem Südgelände des Everest-Plateaus bis m «ne Hohe von fast 6900 Metern vorgedrungen und hat damit den höchsten Punkt Überhaupt erreicht, den ein« Frau in dieser Gegend der Welt lemals bestiegen hat. Atava Somaka ist hier gänzlich unbekannten W g 8 folgt, und auch sie darf deswegen als die eigentliche Bezwinsenndes Süd-Aufstieaes bis zu der vorgenannten Grenze betrachtet werden. Am übrigen9 fjat sich Atava Somaka .fotzt «iner Expedition angeschlossen die die Kraterwelt der Kordilleren erforschen will, und auch hier hat s stch schon wieder nach englischen Berichten ^er diese U^ernehEnger besonder« Verdienst« durch Kühnheit und Unerschrockenheit erw Einer der bekantesten Expeditionsleiter und Bergsteiger, Joe Shackleton, ein Verwandter des Südpolar-Forschers, hat einmal über seine Erfahrungen mit Frauen bei tollkühnen Bergexpeditionen sich folgermaßen geäußert: „Die Frau ist in allen Lagen, die eine Bergexpedition in Gefahr und Ungelegenheiten versetzen kann, dadurch besonders wertvoll, daß ■ sie nach Ueberwindung des ersten Schreckens meistens äußerst praktisch zu denken beginnt. Die Einrichtung von behelfsmäßigen Maßnahmen, die Ueberlegung, wie man sich aus gefährlichen Situationen am besten herausfinden könnte, das find di« Hauptgebiete, auf denen die Frau bei einer Bergexpedition für ihre Gefährten von großem Werte [ein kann. Frauen, die hasenherzig sind und leicht außer sich geraten, werden nämlich gar nicht erst so weit Vordringen, daß sie bei wirklichen Gefahren eine Erschwerung der Hilfsmaßnahmen bedeuten könnten." Man kann es daher verstehen, daß in letzter Zeit die Mitnahme weiblicher Teilnehmer gerade bei solchen Touren stark zugenvmmen hat, die mit mancherlei Gefahren und Beschwerden verbunden sind. Und fast in keinem Falle hat man erfahren, daß di« Frau etwa im letzten Augenblick umgekehrt und zurückgeschreckt wäre. Sie besitzt auch jene Gabe in überwiegendem Maße, di« gerade für die Bezwingung der Berge so dringend notwednig ist: Ausdauer und Zähigkeit, sowie Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst. Haben also schon di« letzten 150 Jahr« viel« Frauen auf den Gipfeln der höchsten und schwer zugänglichsten Berg« gesehen, so dürfen wir von dem sportlich geschulten und gestählten Frauengeschlecht der Gegenwart noch hervorragendere Leistungen in der Alpinistik erwarten. Phantasien im Bremer Ratskeller. Von Wilhelm Hauff. (Fortsetzung.) Ich möchte ein Tambour sein und vor ihrem Haus meinen Schmerz auslassen und tromemln, und fährt sie dann erschrocken mit dem Köpfchen durchs Fenster, so will ich gerade das Gegenteil russischer Fellraßler machen und vom Fortissimo abwärts trommeln und piano und im leisen Adagiowirbel ihr zuflüstern: „Ich liebe dich." Ein berühmter Mensch möchte ich sein, nur daß sie von mir hörte und stolz zu sich sagte: „Der hat dich einst geliebt"; aber leider reden di« Leut« nicht von mir, höchstens wird man ihr morgen sagen: „Gestern nacht ist er auch wieder bis Mitternacht im Weinkeller gelegen!" und wenn ich vollends ein Schuster oder Schneider wäre! Doch dies ist «in gemeiner Gedanke und deiner unwürdig, Adelgunde I Jetzt wacht wohl keiner mehr, als der Höchste und Niedrigste dieser Stadt, nämlich der Turmwächter hoch oben auf der Domkirche und ich tief unten im Ratskeller. Wär' ich doch der auf dem TurmeI in jeder Stunde wollte ich das Sprachrohr ansetzen und dir ein Lied ^nabfingen ins Schlafkämmerlein; doch nein! das würde ja den süßen Engel aus seinem Schlummer wecken, aus seinen holden, lieblichen Träumen. Doch hier unten hört mich niemand, da will ich eines singen. Seele! komme ich mir denn nicht gerade vor wie ein Soldat auf dem Posten, dem das Heimweh recht schwer und tief im Herzen liegt? Und hat nicht einer meiner Freunde dies Lied gedichtet? „Steh' ich in finstrer Mitternacht So einsam auf der fernen Wacht, Dann denk' ich an mein fernes Lieb, Ob es mir treu und hold verblieb. Als ich zur Fahne fort gemüht, Hat sie so herzlich mich geküßt, - Mit Bändern meinen Hut geschmückt Und weinend mich ans Herz gedrückt. Sie liebt mich noch, sie ist mir gut, Drum bin ich froh und wohlgemut, Mein Herz schlägt warm in kalter Nacht, Wenn ich ans ferne Lieb gedacht. Jetzt bei der Lampe mildem Schein, Gehst du wohl in dein Kämmerlein, Und schickst dein Nachtgebet zum Herrn Auch für den Liebsten in der Fern'. Doch wenn du traurig bist und weinst. Mich von Gefahr umrungen meinst: Sei ruhig; steh' in Gottes Hut, Er liebt ein treu Soldatenblut. . Die Glocke schlägt, bald naht di« Rund' Und löst mich ab zu di«s«r Stund': Schlaf' wohl im f«me'n Kämmerlein Und denk' in deinen Träumen mein!" Unb denkt sie auch wohl meiner in ihren Träumen? Die Glocken summten dumpf auf den Türmen, sie begleiteten meinen Gesang. Schon Mitternacht? Diese Stunde trägt eigenen, geheimnisvollen Schauer in sich- es ist als zittere die Erde leise, wenn sich die schlummernden Men- che'n unter ihr auf die andere Seite legen, die schwere Decke schütteln und den Nachbar im Kämmerlein nebenan fragen: „Jst's noch nicht Morgen? Wie so ganz anders zittert der Ton dieser Mitternachtsglocke zu mir hernieder, als wenn er am Mittag durch die hellen, klaren Lüste schallt. Horch! ging da nicht im Keller eine Ture? Sonderbar; wenn ich nicht so ganz allein hier unten wäre, wenn ich nicht wüßte, daß die Menschen nur oben wandeln, ich würde glauben, es tönen Schritte durch diese Hollen — Ha! es ist so; es kömmt nähere es tastet an der Türe hin und her es faßt und schüttelt die Klinge; doch die Türe ist verschlossen und mit Riegeln verhängt; mich stört heute nacht kein Sterblicher mehr. Ha, was ist das? die Türe springt auf! Entsetzen! * Vor der Türe standen zwei Männer und machten gegenseitig Komplimente über den Vortritt; der eine war ein langer, hagerer Mann, trug eine große, schwarze Lockenperücke, einen dunkelroten Rock nach altfränkischem Schritt, überall mit goldenen Tressen und goldgesponnenen Knöpfen besetzt; seine ungeheuer langen und dünnen Beine staken in engen Beinkleidern von schwarzem Samt mit goldenen Schnallen am Knie; daran schlossen sich rote Strümpfe, und auf den Schuhen trug er goldene Schnallen. Den Degen mit einem Griff von Porzellan hatte er durch die Hosentasche gesteckt; er schwenkte, wenn er ein Kompliment machte, einen dreispitzigen, kleinen Hut von Seide, und die Lockenschwänze seiner Perücke rauschten dann wie Wasserfälle über die Schultern herab. Der Mann hatte ein bleiches, abgehärmtes Gesicht, tiefliegende Augen und eine große, feuerrote Nase. Ganz anders war der kleinere Geselle anzuschauen, dem jener den Vortritt gönnen wollte. Seine Haare waren fest an den Kopf geklebt mit Eiweiß, und nur an den Seiten waren sie in zwei Rollen gleich Pistolenhalstern gewickelt; ein ellenlanger Zopf schlängelte sich über seinen Rücken; er trug ein stahlgraues Röcklein, rot aufgeschlagen, stak unten in großen Reiterstiefeln und oben in einer reichgestickten Bratenweste, die über sein wohlgenährtes Bäuchlein bis auf die Knie herabfiel, und hatte einen ungeheuren Raufdegen umgeschnallt. Er hatte etwas Gutmütiges in feinem feisten Gesichte, besonders in den Aeuglein, die ihm wie einem Hummer hervorstanden. Seine Manövers führte er mit einem Ungeheuern Filzhut aus, der auf zwei Seiten aufgeklappt war. Ich hatte, nachdem ich mich von dem ersten Schrecken erholt, Zeit genug, diese Bemerkungen zu machen, denn die beiden Herren machten wohl mehrere Minuten lang vor der Schwelle die zierlichsten Pas. Endlich riß der Lange auch den zweiten Flügel der Türe auf, nahm den Kleinen unter dem Arm und führte ihn in mein Gemach. Sie hingen ihre Hüte an die Wand, schnallten die Degen ab und setzten sich, ohne mich zu beachten, stillschweigend an den Tisch. „Ist denn heute Fastnacht in Bremen?" sprach ich zu mir, indem ich über die sonderbaren Gäste nachdachte; und doch kam mir ihre ganze Erscheinung so unheimlich vor, besonders wußte ich mich in ihre starren Blicke, in ihr Schweigen nicht zu finden; ich wollte mir eben ein Herz fassen und sie anreden, als ein neues Geräusch im Keller entstand. Schritte tönten näher, die Türe ging auf, und vier andere Herren, nach derselben alten Mode wie die ersten gekleidet, traten ein. Mir fiel besonders der eine auf, der wie ein Jäger gekleidet war, denn er trug Hetzpeitsche und Jagdhorn und schaute ungemein fröhlich um sich. „Gott grüß' euch, ihr Herren vom Rheine!" sprach der Lange im roten Rocke im tiefen Baß, indem er aufstand und sich verbeugte. „Gott grüß' Euch", quiekte der Kleine dazu, „haben uns lange nicht gesehen, Herr Jakobus!" „Frisch auf! holla und guten Morgen, Herr Matthäus", rief der Jäger dem Kleinen zu, „und auch Euch guten Morgen, Herr Judas! Aber was ist das? Wo find die Römer, wo Pfeifen und Tabak? Ist der alte Maueresel noch nicht wach aus seinem Sündenschlas?" „Die Schlafmütze!" erwiderte der Kleine, „der schläserige Bengel, droben liegt er noch in Unser Lieben Frauenkirchhof, aber das Donnerwetter, ich will ihn herausschellen!" Dabei ergriff er eine große Glocke, die auf dem Disch stand, und klingelte und lachte in grellen, schneidenden Tönen. Auch die drei andern Herren hatten Hüte, Stock und Degen in die Ecken gestellt, sich gegenseitig gegrüßt und an den Disch gesetzt. Zwischen dem Jäger und dem roten Judas saß einer, den sie Andreas nannten. Es war ein überaus zierlicher und feiner Herr, auf feinen schönen, noch jugendlichen Zügen lag ein wehmütiger Ernst, und um die zarten Lippen schwebte ein mildes Lächeln; er trug eine blonde Perücke mit vielen Locken, was mit seinen großen braunen Augen einen aus- fallenden, aber angenehmen Kontrast bildete. Dem Jäger gegenüber faß ein großer, wohlgemästeter Mann mit rotausgeschlagenem Gesicht und einer Purpurnast. Er hatte bie 'Unterlippe weit herab hängen und trommelte mit den Fingern auf seinem dicken Bauch, sie hießen ihn Philippus. Ein starkknochiger Mann, fast wie ein Krieger anzuschauen, saß neben ihm; ein mutiges Feuer brannte in seinen dunkeln Augen, ein kräftiges Rot schmückte seine Wangen, und ein dichter Bart umschattete den Mund. Er hieß Herr Petrus. Wie unter echten alten Trinkern, so wollte unter diesen Gästen das Gespräch nicht recht fortgehen ohne Wein; da erschien eine neue Gestalt in der Türe. Es war «in kleines, altes Männchen mit schlotternden Beinen und grauem Haar; fein Kopf sah aus wie ein Tolenkopf, über den man eine dünne Haut gespannt, und seine Augen lagen trübe in den tiefen Höhlen; er schleppte keuchend einen großen Korb herbei nyib grüßte die Gäste demütig. „Hah! siehe da, der alte Kellermeister Balthasar", riefen die Gäste «hm entgegen; „frisch heran, Alter, setz' die Römer auf und bring' uns Pfeifen! Wo steckst du nur so lang', es ist längst Zwölf vorüber." . Der alle Mann gähnte einigemal etwas unanständig und sah überhaupt aus wie einer, der zu lange geschlafen. „Hätte beinahe den ersten September verschlafen", krächzte er, „ich schlief so hart, und seitdem sie den Kirchhof gepflastert haben, höre ich auch ziemlich schlecht. Wo sind denn aber die andern Herren?" fuhr er fort, indem er Pokale von wunderlicher Form und ansehnlicher Größe aus dem Korb nahm und auf den Tisch setzte, „wo sind denn die andern? Ihr seid erst eurer sechs, und die alte Rose fohlt auch noch." „Setze nur die Flaschen her", rief Judas, „daß wir endlich was zu trinken bekommen; und dann gehe hinüber, sie liegen noch im Faß, poch' an mit deinen dürren Knochen und heiße sie ausstehen, sage, wir sitzen schon alle hier." Aber kaum hatte Herr Judas also gesprochen, als ein großes Geräusch und Gelächter vor der Türe entstand. „Jungfer Rose hoch, hussa, hoch! und ihr Schatz^ der Bacchus, hoch!" hörte man von mehreren Stimmen rufen; die Türe flog auf, die gespenstigen Gesellen am Tische sprangen in die Höhe und schrien: „Sie ist's, sie ist's, Jungfer Rose und Bacchus und die andern, holla! jetzt geht das Freudenleben erst recht an", und dabei stießen sie die Römer zusammen, lachten, und der Dicke schlug sich auf den Bauch, und der blasse Kellermeister warf die Mütze geschickt zwischen den Beinen durch an die Decke und stimmte ein in das Jucheifa, heisa he! daß mir die Ohren gellten. Welch ein Anblick! Der hölzerne Bacchus, so auf dem Faß im Keller geritten, war herabge- ftiegen, nackt, wie er war; mit feinem breiten, freundlichen Gesicht, mit den klaren Aeuglein grüßte er das Volk und trippelte auf kleinen Füßchen in das Zimmer; an feiner Hand führte er ganz ehrbarlich, wie feine Braut, eine alte Matrone von hoher Gestalt und weidlicher Dicke. Noch weiß ich nicht bis dato, wie es möglich war, daß dies alles so geschehen, aber damals war es mir sogleich klar, daß diese Dame niemand anders sei, als die alte Rose, das ungeheure Faß im Rosenkeller. Und wie hatte sie sich köstlich ausgeputzt, die alte Rheinländerin! Sie mußte in der Jugend einmal recht schön gewesen sein, denn wenn auch die Zeit einige Runzeln um Stirne und Mund gelegt hatte, wenn auch das frische Rot der Jugend von ihren Wangen verschwunden war, zwei Jahrhunderte konnten die edlen Züge des feinen Gesichtes nicht völlig verwischen. Ihre Augbraunen waren grau geworden, und einige un- ziemliche graue Barthaare wuchsen auf ihrem spitzigen Kinn, aber die Haare, die um die Stirne schön geglättet tagen, waren nußbraun und nur etwas weniges mit Silbergrau gemischt. Auf dem Kopf trug sie eine schwarze Samtmütze, die sich enge an die Schläfe anschloß; dazu hatte sie ein Wams vom feinsten schwarzen Tuche an, und das Mieder von rotem Samt, das darunter hervorschaute, war mit silbernen Haken und Ketten geschnürt. Um den Hals trug sie ein breites Halsband von blitzenden Granaten, woran eine goldene Schaumünze befestigt; ein weiter, faltenreicher Rock von braunem Tuch fiel um ihre wohlbeleibte Gestalt, und ein kleines, weißes Schllrzchen, mit feinen Spitzen besetzt, wollte sich recht schalkhaft ausnehmen. An der einen Seite hing ihr eine große lederne Tasche von Leder, an der andern ein Bündel gewaltiger Schlüssel — kurz, sie war eine jo ehrbare Frau, als je eine Anna 1618 in Köln ober Mainz über die Straße ging. Aber hinter der Frau Rose tarnen noch sechs jubelnde Gesellen, die Dreispitzenhüte schwingend, die Perücken schief auf den Kopf gesetzt, mit weitschößigen Röcken und langen, reichgestickten Westen angetan. Ehrbarlich und sittsam führte unter dem allgemeinen Jubel Bacchus seine Rose oben an die Tafel; sie verbeugte sich mit großem Anstand gegen die Gesellschaft und ließ sich nieder, an ihrer Seite nahm der hölzerne Bacchus Platz, und Balthasar, der Kellermeister, hatte ihm ein tüchtiges Polster untergeschoben, weil er sonst gar klein und niedrig da- gefeffen hätte. Auch die andern sechs Gesellen nahmen Platz, und ich merkte jetzt, daß es wohl die zwölf Apostel vom Rhein seien, die hier um die Tafel saßen, sonst aber im Apostelkeller in Bremen liegen. „Da wären wir ja", sagte Petrus, nachdem der Jubel etwas nachgelassen, „da wären wir ja, wir junges, munteres Volk von 1700, und alle wohlbehalten wie sonst. Nun auf gutes Wohlsein, Jungfer Rose, auch Sie hat gar nicht gealtert und ist noch so stattlich und hübsch wie vor fünfzig Jahren, gutes Wohlsein, Sie soll leben und Ihr Liebster, Herr ' Bacchus, daneben." „Soll (eben, die alte Rose soll leben!" riefen sie und stießen an und tranken; Herr Bacchus aber, der aus einem großen silbernen Humpen tränt, schluckte zwei Maß rheinisch ohne viele Beschwerden hinunter, und er ward zusehends dicker davon und größer wie eine Schweinsblase, die man mit Luft füllt. „Mich gehorsamst zu bebauten, wertgeschätzte Herrn Apostel und Settern", antwortete Frau Rosalie, indem sie sich freundlich verneigte; „seid Ihr noch immer solch ein loser Schäter, Herr Petrus? Ich weiß von keinem Schatz nicht, und Ihr müht ein sittsamMägdlein nicht so in Verlegenheit setzen." Sie schlug die Augen nieder, als sie dies sagte, und trank ein mächtiges Paßglas aus. „Schatz", erwiderte ihr Bacchus, indem er sie aus feinen Aeuglein zärtlich anblickte und ihre Hand faßte, „Schatz, ziere dich doch nicht so; du weiht ja wohl, daß dir mein Herz zu getan schon feit zweihundert Herbsten, und daß ich dich karessiere vor allen andern. „Ach, Ihr loser Schalk", antwortete die alte Jungfrau und wandte sich errötend von ihm ab. „Man kann ja nicht neben Euch sitzen eine Viertelstunde, ohne daß Ihr anfanget mit Euren Karessen. Und ein ehrbares Mädchen muß sich ja schämen, wenn man Euch nur ansieht. Was laufet Ihr denn fast nackt im Keller? Hättet wohl ein Paar Beinkleider ent-- lehen können auf heute. Da Balthasar", rief sie, indem sie ihre weihe Schürze abband, „lege dem Herrn diese Schürze um, es ist gar ZU unanständig!" „Wenn du mir einen Kuß gibst, Röschen", rief Bacchus in verliebter Laune, „so laß ich mir den Fetzen um den Leib binden, obgleich es ein schlimmer Verstoß gegen mein Kostüm ist; aber was läßt man sich nicht gefallen schöner Frauen wegen?" (Fortsetzung folgt.) verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Berlag: Brühl'sche Universitäts-Buch» und Steindruckerei, Lange, Gießen.