GiehenerZamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (952 Hreitag, den l9. August Nummer 64 Sommer im Tessin. Von Siegfried von Vegesack. Amselruf und Glockenschlag, Sonnenstrahl durch Rosenlaube. Unter grünem Blätterdach reift die blaue Traube. Hinter krummem Rebenstock, grauer Feldstein-Mauer lugt ein bärtiger Ziegenbock: Pan sicht auf der Lauer. Alle Dinge sind entrückt, ohne Last und Härte. An der Mauer, starr-verzückt, sonnt sich die Lazerte. getroffen war. Abends, fällt di« Dämmerung ein, schwingt ein Klang: Ave Maria. Dunkel blutet roter Wein in der Dfterm. Da fehle sie sich auf einen Stein und hielt die Han> vor die Augen. Das tierr klovite und die Gedanken waren vor Angst ganz wild. D^ ZäuK'hatte keine Ruhe, solange still zu. sitzen b.-^sieWieder klar und gefaßt war, sondern ging gleich wieder weiter n den Wald hinein um nack dem reckten Wege zu suchen. Sie dachte nicht mehr daran, iyre Als sie lange umhergewandert war und keine wo sie sich befand, wurde es auf einmal hell um sie. Der Wald h«": e Ende. Sie kam in eine offene Lichtung, und vor ihr lag em großer. Geschichte aus Värmland. Ein Märchen von S e l m a L a g « r l ö f. Copyright 1932 by I. L. A. Wien. Immer, wenn ich von Värmland und denen, die dort, Hausen, erzählen soll, fällt mir ein altes Geschichtchen em von einer Bäuerin die eines Morgens in den Hag ging, ihre Kühe melken. Aber da sie die Tiere nicht an der gewöhnlichen Stelle fand, wo sie sonst standen und aus sie warteten, mußte sie tiefer in den Wald hineingehen, um nach ihnen zu suchen, “"^e^äueri^war6schon, ehe sie von daheim wegging schlechter Laune gewesen und als sie die Kühe nicht fand, wurde es damit nicht besser. Sie halt« ihren Mann ja gerne, aber sie sah doch daß er anf.ng a und abgearbeitet zu werden, gerade wie sie. Auch den Hof mochte sw gerne, aber sie tonnte die Augen nicht davor verfließen daß er^doch reckt klein und unansehnlich aussah. Was aber das Gesinde anbetraf sie wollte sie ja nicht geradezu der Unehrlichkeit beschuldigen, aber faul und -W>ii. mw. gaben gar zu wenig Milch, und die Felder waren hart und 0efr°- ren, und der Wald, wo bas Vieh den ganzen Sommer weiden sollte war ganz unwegsam, so groß und dunkel daß sie nie Hine,ngi g, h den Tag zu denken, wo sie sich hier noch einmal verirren wurde. .. Plötzlich sah sie auf, und da war es chr klar, daß gerade das.-wovor sie sich schon seit ihrer frühesten Jugend immer gefürchtet hatte, letzt n- PtaSaum h^tt^sie^ihn erblickt, als sie ganz erschrocken stehen^büebDenn sie wußte ia daß es in dieser Gegend keinen andern Bauernhof als oen hren gab'Was sie jetzt sah, konnte nichts anderes fern als eine Luft- »liZÄi. !•> »I »i< I" £”„i,QrS’r gesehen. Das Wohnhaus war wohl alt, aber festMd r g f g , die Scheunen und Vorratskammern waren so zahlreich daß sie fr ^e^ ganzes Dorf gelangt hätten. Dennoch konnte sie sich ., sie all die Ernten bergen sollte, die diesen Sommer ^gebracht wurbm. „Dabei ist es hier nicht einmal so ganz andersi als bei uns bah , dachte sie, „nur hundertmal größer und schöner. Wenn wch^very^ wäre, wenn ich meine Augen richtig gebrauchen kon, , 2{meifen= der ganzen Herrlichkeit wohl nicht (ooiel übrig bleiben w Haufen/' Sie sah Leute ihren Verrichtungen nachgehen, aber es tarn ihr nicht in den Sinn, auf sie zuzugehen und sie nach dem Weg zu fragen. Rein, denn dann Hütte man sie genötigt, von Speis' und Trank der Kobolde zu kosten, und damit wäre sie nie, nie wieder aus ihrer Gewalt gekommen. Sie ging wieder in den Wald zurück. Sie ging wie auf dem Grunde eines grünen Sees, und sie dachte: hier muh ich gehen und gehen, bis die grünen Wogen über mir zusammenschlagen und mich verschlingen. Aber wie sie so ging, fügte es sich plötzlich, daß sie abermals an den Waldessaum kam und da sah sie wieder denselben stattlichen Hof. Sie war ihm diesmal so nahe, daß sie sehen konnte, wie ordentlich alles gehalten war. Je länger sie all dies betrachtete, desto mehr Gefallen fand sie daran. „Ach, wenn dieser Hof doch mein wäre", dachte sie. „Wie gerne wäre ich da. Ich sehe ja, daß er ein bißchen einsam liegt, aber dafür ist er so schön, mit dem See davor und dem Berg dahinter." „Der Mann dort, der jetzt in den Hag geht, um die Pferde zu holen", dachte sie, „ist wohl der Bauer. Mein Lebtag habe ich keinen gesehen, der so stattlich und kräftig ausgesehen hätte." Aber die allergrößte Freude hatte fie an einer Schar Kühe, die eben aus dem Walde kam und vor dem Zaune stehen blieb. „Das sind Hexenkühe, das sieht man gleich", sagte sie, „lange Leiber und pralle Euter und alle brandig in der Farbe. Eine solche Kuh zu melken, müßte eine Freude sein. Wieviel die wohl geben kann?" Alles, was fie sah, lockte und zog sie mit solcher Gewalt, daß sie rasch wieder in den dunklen Wald eilen mußte. Als sie wieder unter den Bäumen einhergißg, konnte sie es nicht lassen, zu meinen, weil sie so verzaubert und verhext war, daß sie sich in ihrem eigenen Wald nicht zurecht finden konnte, den fie doch schon von Kind auf kannte. „Das ist die Strafe, weil ich mit dem Heim, das ich habe, nicht zufrieden war",sagte sie sich. „Darum haben die Kobolde Gewalt über mich bekommen." Sie meinte und fie ging. Immer heißer und fchrnindliger wurde ihr. Wovor fie sich jetzt am meisten hütete, mar, nur ja nicht mehr in die Nähe des verzauberten Hofes zu kommen. Sie dachte mehr daran, sich ihm fernzuhalten, als zu ihrem eigenen Heim zurückzufinden. Aber es kam, roie sie mußte, daß es kommen mußte. Plötzlich stand fie abermals am Waldessaum und sah darauf hinunter. Alles mar noch mie zuvor. Wieder fühlt« sie dieselbe Lockung mie zuvor, näher zu treten und die verhexten Kühe zu melken und zu sehen, mie alles in einem so prächtigen Hofe geordnet und eingerichtet mar. Sie fühlte, daß sie nicht länger dagegen ankämpfen konnte, und ging auf den verzauberten Hof zu. Als fie zu dem Zaun kam, vor dem die großen, mächtigen Kühe lagen, standen sie auf und brüllten ihr freundlich entgegen. Nun konnte fie nicht umhin, zu sehen, daß dies ihre eigenen Kühe wären, sie erkannte sie rnieder, sie konnte den Namen einer jeden sagen. Im selben Augenblick öffnete sich die Haustüre, und ein kleines Mädchen kam herausgefprungen. Sie hatte langes, blondes Haar, ein blau- gemustertes Kattunkleidchen und bloße Füße. Das war ihr eigenes Mädek- chen, das sah fie. Sie stieß die Zauntüre auf, nahm das Kind in ihre Arme und drückte es an sich. „Du bist doch mein eigenes kleines Mädel", sagte sie, „aber mie kannst du hier fein?" „Ich bin doch da, wo ich fein soll", sagte das Kind. Die Bäuerin stand ganz wirr und ratlos da und konnte nichts verstellen. Unterdessen begann die Kleine, die fie in den Armen hielt, ihr Haar mit ber Hanb zu glätten. Dann versuchte sie, das Kopftuch hinaufzuziehen, das in den Nacken gesunken war. Sie fand wohl, daß die Mutter nicht so schmuck aussah wie sonst. Aber der Knoten löste sich, so daß ihr das Tuch in der Hand blieb. „Warte ein bißchen", sagte die Mutter. „Drehe das Tuch auf die andere Seite, bevor du es mir wieder umknüpfst." Das Mittel half gegen die Verwirrung, wie es schon so »ft vorher geholfen hatte. Jetzt sah die Arme plötzlich, wo sie sich befand. Sie stand auf ihrem eigenen Hose, da, wo sie geboren und aufbegreift, was es wert ist/ (Deutsch von Marie Franzos.) gewachsen war. Sie blieb mit dem Kind auf dem Arm stehen und sah sich um. Nein, daß dieser Hof so schön und stattlich sein konnte, wenn man ihn mit fremden Augen ansah! Jetzt wußte sie, daß es in der ganzen Umgegend nicht seinesgleichen gab —, und den hatte sie verlassen wollen; dessen war fie überdrüssig geworden. Sie mußte zum Manne hingehen und ihm alles erzählen. ,Das war wenigstens kein böser Zauber, der sein Spiel mit ihr getrieben hat" sagte ber Mann. „Seht ihr, ihr wißt eben nicht, was ihr an eurem Heim habt. Ihr müßt erst in bie Welt hinausziehen unb viele Male irre gehen, bis ihr es mit solchen Augen ansehen könnt, daß ihr Oer Totentanz. Von I. äß. von Goethe. Der Turnier, der schaut zu Mitten der Nacht Hinab auf die Graber in Lage; Der Mond, der hat alles ins Helle gebracht, Der Kirchhof, er liegt wie am Tage. Da regt sich ein Grab und ein anderes dann: Sie kommen hervor, ein Weib da, ein Mann, In weißen und schleppenden Hemden. Das reckt nun, es will sich ergötzen sogleich, Die Knöchel zur Runde, zum Kranze, So arm und so jung und so alt und so reich; Doch hindern die Schleppen am Tanze. Und weil hier die Scham nun nicht weiter gebeut, So schütteln sich alle, da liegen zerstreut Die Hemdelcin über den Hügeln. Nun hebt sich der Schenkel, nun wackelt das Bein, Gebärden da gibt es vertrackte; Dann klippert's und klappert's mitunter hinein. Als schlüg man die Hölzlein zum Takte. Das kommt nun dem Türmer so lächerlich vor; Da raunt ihm der Schalk, der Versucher, ins Ohr: „Geh! hole dir einen der Laken!" Getan wie gedacht! und er flüchtet sich schnell Nun hinter geheiligte Türen. Der Mond, und noch immer er scheinet so hell Zum Tanz, den sie schauderlich führen. Doch endlich verlieret sich dieser und der, Schleicht eins nach dem andern gekleidet einher, Und husch! ist es unter dem Rasen. Nur einer, der trippelt und stolpert zuletzt Und tappet und grapst an den Grüften, Doch hat kein Geselle so schwer ihn verletzt, Er wittert das Tuch in den Lüften. Er rüttelt die Turmtür, sie schlägt ihn zurück. Geziert und gesegnet, dem Türmer zum Glück; Sie blinkt von metallenen Kreuzen. Das Hemd muß er haben, da rastet er nicht, Da gilt auch kein langes Besinnen, Den gotischen Zierat ergreift nun der Wicht Und klettert von Zinne zu Zinnen. Nun ist's um den armen, den Türmer, getan! Es ruckt sich von Schnörkel zu Schnörkel hinan. Langbeinigen Spinnen vergleichbar. Der Türmer erbleichet, der Türmer erbebt, Gern gäb er ihn wieder, den Laken. Da häkelt — jetzt hat er am längsten gelebt — Den Zipfel ein eiserner Zacken. Schon trübet der Mond sich verschwindenden Scheins, Die Glocke, sie donnert ein mächtiges Eins, Und unten zerschellt das Gerippe. Oie Entdeckung -er deutschen Landschaftsschönheit. Von Dr. Paul Landau. Merkwürdig lange waren die deutschen Augen verschlossen für die besonderen Reize der einzelnen deutschen Gaue. Zu der Entdeckung, daß überall unsere Heimat schön ist, zu dieser Offenbarung, die uns heute immer mehr in Fleisch und Blut übergehst hat eigentlich erst die Romantik den Weg gebahnt. Das „Fernweh" im Gegensatz zum „Heimweh" ist ja stets eine Eigenschaft des Deutschen gewesen. So zog es ihn nach dem Süden, so nach den Tropen, und erst in der phantastischen Fülle fremder wundersamer Eindrücke hat er sich den Blick für die bescheideneren und intimeren heimischen Reize geschult. Wenn Goethe in Italien die ideale Naturschönheit fand, die er ersehnte, so ist er dadurch für die nordische „Nacht- und Nebelwelt" doch nicht unempfindlich geworden. Durch seine Studien der feinsten Licht-, Lust- und Farbenstimmungen, der Wolken- forinen, der dampfenden Nebel aus Wiesen und Tälern, durch seine von Anschauung gesättigten Beschreibungen der Rhein- und Maingegenden wurde er der Vorbereiter der romantischen Naturschilderung. Bezeichnend für diese Abkehr vom Fremden und Einkehr in der Heimat ist die ergreifende Erzählung Ludwig Richters, der von seiner geradezu krankhaften Schwärmerei für die Landschaft Italiens auf einer Elbewanderung zwischen Aussig und Lobositz geheilt wurde: Plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen; die Schönheit der deutschen Natur packte ihn mit Macht, und seitdem wurde er ein ebenso bescheidener wie liebenswürdiger Schilderer seiner lieblichen Umwelt, ein Verherrlicher der heimischen Schönheit, mochte es nun das Elbtal ober die Sächsische Schweiz, der Harz oder das Riesengebirge sein. In der Entdeckung der deutschen Landschaftsschönheit sind die Maler vorangcgangen; dem großen Caspar David Friedrich wird man die entscheidende Tat zuschreiben müssen. Nicht daß er Gebirge und Meer, den Winterwald und die sonnige Ebene, die Dünen und Täler, den einsam ragenden Riesenbaum und die aufgetürmten Findlinge mit einem neuen Leben beseelte, ist das wichtigste, sondern daß er überhaupt die ernste Größe, die feierliche Erhabenheit, die unendlich nüaneenreiche Farbenskala, das zarte Spiel von Licht und Schatten in der nordischen Landschaft offenbarte, das stellt sein Schaffen an den Eingang eines ganz neuen Kapitels in der Geschichte des deutschen Naturgefühls. Dadurch, daß er das Grundgefühl für das Verständnis der spezifisch deutschen Natur erweckte, die kosmische und religiöse Verbundenheit der deutschen Seele mit der heimischen Erde enthüllte, schuf er für feine Mitstrebenden und Nachfolger die Möglichkeit, die einzelnen Landschaften zu erleben und ihre Schön, heilen darzustellen. Sein ganzes Werk ist ein einziger Lobgesang auf die Schönheit der deutschen Landschaft, in der er die Größe und Weite, die Farbenfülle und Mannigfaltigkeit, die gewaltigen Eindrücke und die zarten Feinheiten erschaute, die das deutsche Auge bis dahin zumeist anderwärts gesucht hatte. Sehr vieles hatte freilich schon vor ihm die große deutsche Dichtung geosfenbart, in erster Linie Goethe und Jean Paul. Goethe hatte vor der italienischen Reise und als Greis im Wett- eifer mit den Romantikern vielfach die Poesie der deutschen Landschaft, so Thüringen, das Lahn- und Rheintal, den Harz, geschildert; er hat unzählige Einzelheiten der heimischen Natur verklärt und der Allgemeinheit in ihrer Schönheit zum Bewußtsein gebracht. Deutsches Gebirge und deutscher Wald leben durch die Zauberkraft seines Werkes; den Glanz der morgendlichen Frühe, den Frieden der abendlichen Dämmerung, den Gesang der brausenden Wasser, das Weben der wallenden Nebel und unzählige andere Dinge hat er erschlossen. Aber wohl noch größer ist der Einfluß Jean Pauls aus die Vertiefung und Steigerung des deutschen Naturgefllhls. Dieser so fest in der deutschen Natur verwurzelte Seher, dem nie die Schwärmerei für fremde Fernen den Blick für die Heimat trübte, vermag nicht so scharf und klar seine Landschaftsbilder zu umreißen wie der stets dem Gesetzmäßigen nachspürende klassische Geist, aber seine feurige Phantasie, seine kühne visionäre Gestaltung hat die erstaunlichsten Schönheitswunder aus Gegenden heraufbeschworen, die, wie das Fichtelgebirge, nur Langweiliges und Häßliches zu enthalten schienen. Durch die Entdeckungstat solcher Seher war plötzlich die ganze Fülle verborgener Reize in den deutschen Gauen einem neuen ausnahmefreudigen Geschlecht aufgetan. Bezeichnend für diese neue Schau ist die „Erdleben-Bildkunst", die der Schüler und Freund von C. D. Friedrich, der Arzt, Natursorscher und Maler C a r u s, in seinen Naturschilderungen und Gemälden pflegte. Er findet, daß der einfachste Rosenhügel, vom Himmel Überblaut, der stille Waldwinkel, vom Licht durchspielt, die höchste Naturschönheit bieten kann, und er hat unermüdlich das in seiner Beleuchtung und Luftstimmung ewig wechselnde Antlitz der Landschaft beschrieben. Nachdem man so gelernt hatte, unzählige Schönheiten der heimatlichen Erde zu beobachten, ist allmählich aus diesem romantischen Naturgesühl heraus die Schönheit der ganzen deutschen Erde entdeckt worden. Der Reisende I. G. Keyhler, der um 1730 eine viel gerühmte Reisebeschreibung herausgab, bemerkt, daß man in Italien die schönen Gegenden so gewohnt werde, daß man sie nicht mehr sehr beachte. „Ich bin aber versichert", so fährt er fort, „daß derjenige, so $. 33. im gebirgigen Tirol oder Salzburg, im Harz, desgleichen in den Wäldern von Thüringen und Pommern, in den sandigen Gegenden der Markgrafschast von Brandenburg und Mecklenburg, in den Heiden von Lüneburg ober Westfalen ober in anderen unschönen Landstrichen erzogen worden, in Italien ganz ungemeine Regungen und Vergnügungen empfinden würde." Tirol und der Harz werde also hier mit berJDtnrt Brandenburg und der Lüneburger Heide an Häßlichkeit auf eine Stufe gestellt. Nachdem man sich in Gebirgsschönheit so eingelebt hatte, dauerte es noch sehr lange, bevor man erkannte^ daß eine arme, wenig fruchtbare Gegend eine ganz besondere Schönheit haben kann. Der Nützlichkeitsstandpunkt wirkte nach lange nach. So ist das Rheinland wohl zuerst unter allen deutschen Landen gepriesen worden, aber nur wegen seiner Fruchtbarkeit, und noch in der Rheinpoesie des 18. Jahrhunderts überwiegt der Preis des Weines. Es war der Romantiker Friedrich Schlegel, der auf seiner Reise nach Paris 1802 in dem Rhein und seiner Natur eine Offenbarung deutschen Wesens und deutscher Schönheit fand und die nationale Note anschlug, die zu der Rheinbegeisterung der Romantik führte und noch heute sort- klingt. „Der Anblick dieses königlichen Stromes", schreibt er, „muß jedes deutsche Herz mit Wehmut erfüllen. Wie er durch Felsen mit Riesenkraft und ungeheurem Sturz herabsällt, dann mächtig seine breiten Wogen durch die sruchtreichsten Niederungen wälzt, um sich endlich ins flache Land zu verlieren, so ist er das nur zu treue Bild unseres Vaterlandes und unseres Charakters." Mit den Augen ischlegels haben die späteren Romantiker den „deutschesten Strom" geschaut und die Herrlichkeiten seiner User, seiner Städte, seiner Berge und Burgen besungen, bis B yr o n in den berühmten Strophen des „Ritter Harold" der ganzen Welt verkündete, daß sich hier eine der schönsten Landschaften der ganzen Welt ausbreite. Ebenso entdeckten die Schwaben Uh land, Kerner und vor allem der bedeutendste unter ihnen, Mörike die Reize ihrer lieblichen Heimat; E i ch e n d o r f f besang Schlesiens Wälder und Auen, Immer mann Westfalens ernste Jdpllik, und die von ihm begründete Gattung der „Dorfgeschichte" siedelte sich nun in jeder Provinz an und beschrieb ihre Eigenart. Annette von D r o st e - H ii l s h o f f hat die blühende Einsamkeit der Heide in ihrer verwirrenden Fülle des Lebens jo eindringlich geschildert, daß diese Landschaft seitdem zum Liebling bfr Deutschen wurde, und die Lüneburger Heide, in der P l a t e n nur Oede und Heidschnucken sand, gilt heute als ein Naturjuwel. Aehnlich ging es mit der Mark Brandenburg. Als „des Deutschen Reiches Streusandbüchse" war sie verachtet, bis Willibald Alexis ihren dämonischen Zauber und ihre reichgegliederte Szenerie in seinen Romanen heraufbeschwor und Theodor Fontane in feinen prächtigen „Wanderungen" „das eingewurzelte Vorurteil von der hier sich auf alle Dinge erstreckenden Armut und Elendigkeit" entkräftete. Heute erfreuen sich Hunderttausende an den märkischen Wäldern und Seen, und das gleiche gilt von anderen Gegenden, die noch bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts für häßlich galten, (o von Pommern und Ostpreußen, wo man das unvergleichliche Naturwunder der Kurischen Nehrung und die so eigenartige „buckllche Welt" Masurens eigentlich erst im Kriege entdeckt hat. Einer der feinsten Kenner deutscher Schönheit, Friedrich Ratzel, hat einmal das Wandern die hohe Schule des Naturgefühls genannt, weil es fortgesetzte Anregung zum vergleichenden Sehen und Beobachten, gum innigen Vertrautwerden mit der Eigenart jeder Gegend biete. Nun, in diese Schule geht ja unser Volk jetzt glücklicherweise mit immer wachsendem Eifer, und so wird der Sinn für die so langsam und oft so spät entdeckten Schönheiten der deutschen Erde immer tiefer in ihm Wurzeln schlagen. c ®hm bif 1b 3ean im äßefb ■onbfdjaft, ; er [Ugemein. ®ebitj( •en ®lanj rang, btn lebel unb ier ist bei deutschen te Cehei, e Sjeimot umreißei iber (eine Mlichsten s Fichted Durch bie rborgenet Geschlecht stldtunst', ursorschee in pflegte, ilaut, bei leit bieten LuststiW dem man zu brob eraus bie l'ft Ä A--'" 9orcf. Von Friedrich Reck-Ma Ileczewen. Es scheint gemeinsames Geschick all der großen preußischen Soldaten ewefen zu sein, daß aus ihre Jünglingsjahre kein Strahl der königlichen önadenfonne gefallen ist. Der Leutnant Leberecht von Blücher wird von dem großen Friedlich mit schlichtem Abschied und dem Bescheid sortgeschickt, daß „er sich ■um Teufel scheren solle". Worauf er sich nicht gerade zum Teufel, sondern in. dänische Dienste schert und erst später der Krone Preußens diesen und t-nen Dienst zu leisten Gelegenheit hat. Jener schlanke und feine Edel- inabe, der im Jahre 1820 als überzähliger Portepee-Fähnrich hinter Einern Zug an dem späteren Kaiser Wilhelm dem Ersten vorbeidefiliert, jinbet wegen seiner schmächtigen Gestalt nicht sonderlich viel Beifall bei (en damaligen Prinzen. Obwohl es ihm, Hans Helmuth von M o l t k e ieschieden ist, fünfzig Jahre später um die Feldzeichen seines königlichen tzerrn Lorbeeren zu schlingen, wie die Geschichte sie nur noch den ali- lömischen Legionen zuerkennt. Und als endlich aus dem bayrischen Erb- lolgekrieg der Hauptmann von Naurath vom Füsilierregiment Luck nit einer Altavdecke zurückkehrt, die nach dem Urteil des Offizierkorps im abgekürzten Verfuhren der Plünderung erworben ist, da kehrt bei der «sten Parade, die dieser Hauptmann anführt, der Leutnant Hans Ludwig Zavid von Yorck statt der vorgeschriebenen Ehrenbezeugung trotzig den Spontan zur Erde. Weil man vor einem Diebe nicht salutiert... Der Leutnant Yorck wird von Friedrich kassiert, weil „geplündert noch richt gestohlen ist". Kehrt trotzig der Armee den Rücken, nimmt hollan- iische Dienste in Indien und Afrika, kehrt erst nach fünf Jahren zuruck. Es war damals nicht vorauszufehen, daß in der Hand, die diesem Kapitän Naurath den vorgeschriebenen Waffengruß verweigert hatte, in einer [alten Dezembernacht des Jahres 1812 nicht nur die Geschicke des Hauses Preußen, sondern auch die Europas liegen würden... gerühmte e schöne» chte. „A gebirgige» von Thü lgrossch-st bürg ober mrben, i» n mürbe.' g und btt ibem nwi >hr lang«, eine P"! iktte iN deutsche» unb noch 5 Weitui Reife n«l|l beutfcht" anfchlH [eilte fcrl' muh feb-i Hiefcnfml1 ,n ffiagen ins f* aterlanies , jpäteren •rfjeflfeiW ngen, 1,1 er ,er 9«*1 gern" leige ib,(t inb»; legrunb" , an u”1 f t“1 ll= es 2* rs •Ä *e$ »Ä Tu gjlafn"1' Die große Tat der tauroggener Konvention, über die die Deutschen ron heute sich sehr tiefe Gedanken zu machen allerlei Anlaß haben liefe Tat, auf die ich noch zurückkommen werde, fetzte den Mann und ; trabe diesen Mann voraus. Er war, was nach meinen Erfahrungen doch allerlei sagen will, so [iemlich der gröbste Mann der preußischen Armeegeschichte. „Scharf und iantig, wie gehacktes Eisen" ... sarkastisch, spröde, einsam, unnahbar, von inem geradezu herrischen Stolz und Eigensinn: ein böser alter Jsegrimm, kr zu beißen verstand. „Nie", so schreibt von ihm einer, der in seiner [iahe diente, „buhlte er um die Gunst der Truppe. Selten fand er ein lusmunterndes, noch seltener ein anerkennendes Wort, unb immer war lie Höchstleistung gerade die alltägliche Norm." Als Yorck Oberst ist, zieht liner seiner Majore aus, um den überstrengen und gehaßten Regiments- bmmanbeur zu erschießen. Als Yorck mit seinem Jägerregiment >n dem [rachtvoll geleiteten Gefecht von Altenzaun zwölf Tage nach Jena zum irften Male wieder ein Fleckchen reinwäscht von der unermeßlichen Schande der Armee, da ruft er nach der Kampshandlung die Truppe miammen und sagt ihr ins Gesicht, daß er wegen feiner strenge von rjr eigentlich ja wohl die Übliche Kugel von hinten, aus den eigenen leihen, erwartet habe und daß er sich nun von „ehrenhaften Serien mgenehm enttäuscht sähe. Als, ein paar Tage vor Jena, das Armee- bmmanbo ihm unb seinen Jägern als Quartier ein Dorf zuweist, bas Sie ireußischen Karten wohl noch verzeichnen, das aber bereits im breiBig= [ihrigen Krieg verschwunden ist, da fallen Über den dssdenfoheschen e- eralstabsches Massenbach und all die „gelehrten Militärs Worte lie in keinem Dienstreglement vorgesehen sind. Und als rr, ebenfalls kurz ’or Jena, auf das in kavalleriftifch schlechter Haltung noruberbummeinbe Regiment „Ruborff-Husaren" stieß, da wurde bas verwohnte Berlner Offizierskorps von dem böfen Alten in einer Werfe zufammengestaucht 3ie es, innerhalb dieser letzten Rokoko-Armee, einfach unerhört wa^ Als ler Schauspieler Jffland mit ihm zusammen den Roten Adlerorden ^halten hat, da defiliert bei der Dankesaubienz Yorck beim König mck iinem Gesicht vorüber, als habe er Kröten verspeist: well er „mit einem wrbammten Seiltänzer" (Jffland) zusammen die gleiche Dekoration erhal- ii-n habe, und mit Mühe verhindert es die AbiutanturbaßberGeneralauf lie Majestät loswettert. Lieft man seine Jnimebiatberichte a Fr edrich Lilhelm III., so hört man immer die Bremsen oer f°W°tischen und monarchischen Form knirschen auf Triebwerk göttlicher Grobheit und ®er gar (eine ganz unbeschreiblich zeitgemäße Lektüre!) ferne Denkschrift -egen bas verhaßte Steinsche Reformwerk liest, der erlebt baf) bie »re - Sn sich lösen unb bie Räber bes Sarkasmus unb bes Haffes auf aller- liöchsten Touren laufen. — m * Unb boch glaube ich nicht, baß, wer nur d'-fen volkstümlichen Yorck tennt, bis zum Kern bes Mannes vorgebrungen iftßief man w> er, tont, verwilbert unb verbittert aus dem Heldzug 18M ^mikehre b, von eigenen Familie nicht anerkannt roirb und wie nur em SElich von Dm geliebtes Vögelchen ihn erkennt unb iubelnd zuflattert unb tot m ■dfig liegen bleibt so kann man nachbenklich werden. Liest man gar.ote l"nunebiateingabe, in der er vom König die Erlaubnis er’ c'< tenen Sohn in die Heimat überführen zu dürfen, ließ. man, manche^miyl i5röffentlichte unb auch der Oeffentlichkeit wohl bcssgtidit iramilienbokumente, so stößt man auf einen ganj nnderen h . rar auf einen Mann von ungewöhnlicher Bildung und Geistigkeiü son^ $rn auf einen zarten und gütigen unb wahrscheinlich g J DerrtettCn «brochenen Mann. So zart, bah er, um rmrten ä“ b7n, raußte hinter der Maske bes Grobjchmiebes. Ob es . eute * es etwas anberes war: etwas muß da gewese I , grieb= 'n ben allergröbsten Umrissen nur ahnen Tonnen. fipihenfiaur jenes | such. Genau wie bei mancher unbekannt gebliebe H Erkenntnis «rrlichen Heeres, beffen Offizierkorps Yorck, in SJunbioMter Erk nn^ deutschen Solbatensenbung, einen und muß stündlich mit ran aber ein Mann sich große Ziele gesteckt hat und muB n dem Teufel der eigenen Unzulänglichkeit ringen: glaubt ihr da etwa, es bliebe diesem Mann noch Kraft unb Zeit, um strahlenb unb liebenswert zu fein? Unb wenn — um mit diesem Spartaner bes von ihm [o eifernd und zornig geliebten unb heute so geschmähten Staates zu benken — wenn also eine alte Frau ihr Leben lang gearbeitet hat für bie Ihren und ist todmüde: glaubt ihr ästhetisierenden Salzknaben denn etwa, diese alte Frau könne euch zuliebe nun auch noch schön sein wie eine Kokotte? Die zeitgenössische Welt mag ihren Traum vom irdischen Paradies zu Ende träumen dis zum Gericht des Erwachens. So wird sie denn eine sauere Suppe essen und zu spät erkennen müssen, daß es in unseren Breiten nur ein Glück gibt: nie mit der lässig hingestreckten Hand, sondern immer mit der geballten Faust zu leben und im Tode getan zu haben, was man tun sollte. Und auf feinem Schilde zu liegen. * So war der Mann. Stoisch. Alt-Römifch. — Wie jener MoUke, dessen wirkliche Geschichte bis heute nicht geschrieben ist. Was aber Yorcks Werk ... eben jene tauroggener Konvention anbetrifft, so glaube man ja nicht, daß dieser Mann söbelrasselnd und unbeschwert, ein Schlagetot aus dem Bilderbuch, zum Feinde übergegangen wäre. Schon in der eigenen Brust, in dem umbüfterten Gemüt, das ihn, wie bie ganze, schwer deutbare Rasse der Ostpreußen beseelt, schlummert ihm der Feind. „Er war", schreibt einer seiner Adjutanten, „nicht leichten Gemüts. In der Mitte der Gefahren kalt und sicher, war er, solange sie nur drohten, voll finsterer Bilder. Jede Möglichkeit in leidenschaftticher Anschaulichkeit voraussehend, durchlebte er alle Qualen ihrer Auswirkung. Nach dem Spiele der Wolken schauend, sah er bann beginnenbes Getümmel, roilben Kamps und Niederlage." Man wird zugeben, daß eine solche Hamletnatur schwer sich burch- ringt zur raschen Entscheidung, deren Schnelligkeit, wie Wallensteins Katastrophe lehrt, in solchen Fällen alles bedeutet. Stellt der oberflächliche Betrachter jener kritischen Dezembertage die Sachlage sich etwa so vor, daß Napoleon (Macdonalds Korps!) wehrlos war und daß dann dieser Yorck aus sicherem und warmem Schlupfwinkel über ihn herfiel und zu den Russen lief: bann irrt man allerbings gröblich. Ungeheuer war in der eigenen Truppe der Widerstand soldatischer Treue ... gleichgültig, ob dieser französische Bundesgenosse verhaßt war oder nicht. Als Yorck wenige Stunden vor der entfdjeibenben Verhandlung mit dem (in russischer Uniform steckenden!) Clausewitz zusammen eben einen Eskadronsstall der westpreußischen Württemberg-Dragoner betritt, findet er dort den Rittmeister von Manstein auf den Knien vor und belauscht dieses Gebet: „Lieber Galt, ich aller Sünder hab's ja wahrhaftig nicht verdient, daß ich gefunden Leibes heimkehre zu Weib und Kind, und ich will ja schon ganz zufrieden sein, wenn ich einen Arm oder beide Beine verliere und meine Kinder mich auf einem Wägelchen herumfahren. Wenn du, lieber Gott, mich aber in Schande und Untreue schickst und ich Verrat mitmachen [oll, dann..." Und das Mansteinsche Gebet endet „für den Fall des Falles" in einem fürchterlichen Fluch. Glaubt man etwa, man könne das Ehrgefühl und die Treue solcher Männer verschieben wie eine Schachfigur? Zudem soll man nicht vergessen, daß die Kampfkraft des X. französischen Korps (Macdonalds noch ungebrochen und die französische Festungs-Reserve von Danzig in bedrohlicher Nähe war ... daß beide über Yorck herfallen konnten, wenn er nicht rasch handelte und bie Russen nicht sofort sich In »setzten. Clausewitz aber, ber in entscheibenber Stunbe als russi- eneral mit Yorck verhandelte, kann mit dem abverlangten Ehren- ivort wohl den guten russischen Willen, nicht aber die russische Tat verbürgen. Ein letztes Mal überlegt Yorck, fühlt den in Ehren ergrauten Kopf unsicher auf den Schultern sitzen. Denkt an den vergötterten Staat unb unterschreibt. Tut ben Schritt ins Ungewisse. Hält vierundzwanzig Stunden später Europas Schicksal in der alte Hand. Jeder der Großes will, muß über den Bodensee reiten. Und nie — zum zweiten Male schreibe ichs hier auf — steigt ein Mann höher, als wenn er nicht weiß, wohin er geht. Oie Brüder vom guten Vollmondgesicht. Flämische Legende von Charles de Coster. (Schluß.) Und wie sie plötzlich aufstanden, bemerkten sie, wie ein schöner und heller Stern vom Himmel zur Erde fuhr, ganz nahe von ihnen und dieses war gewißlich ein Engel des lieben Gottes, der sich also vom Paradies herniederfallen lieh und nahe bei ihnen war, ihnen besier zu helfen. Wie sie dieses günstige Vorzeichen wahrnahmen, faßten die Frauen einen festeren Mut, und Wantje redete wieder und sprach: Die heilige Jungfrau will uns erhören, dessen bin ich guter Hoffnung: laßt uns jetzt zum Dorfeingang gehen, in der Nahe der Kirche und unseres Herren, der darinnen weilt (hier bekreuzigten sich alle), in Tapferkeit den Eisenzahn und feine Genossen zu erwarten. Und wann wir sie nahen sehen, dann müssen wir, ohne zu sprechen und uns zu rühren, aus sie schießen. Die heilige Jungfrau wird unsere Pfeile lenken. Das heiße ich gut gesprochen, wackeres Mägdlein", sprach Meister Bredael, „auf, laßt uns gehen. Ich sehe es an deinen Augen d.e durch die Nacht glänzen: ber Geist Gottes, ber dorn Feuer gleicht, glüht in beinern jungfräulichen Herzen. Ihr müßt auf sie Horen, ihr wackeren Frauen." „Wohl, wohl", erwiderten sie. Und die weibliche Schar stellte sich auf dem Wege hinter der Kirche auf. Unb boch warteten sie, verwirrt unb ängstlich, unb sie hörten Geräusche von Schritten unb Stimmen, die allmählich sich steigerten, wie von Leuten, die sich nähern. verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Vermag: Brühl'sche Universitäts-Duch. und Steindruckerei, R. Lange, Gieße"- Unb Wanlse sagte: „Heilige Jungfrau, sie nahen; habt Mitleid ml! •uns!" Da tauchte ein großer Trupp Männer vor ihnen auf mit Lampen in den Händen. Und sie vernahmen eine schreckliche und heisere Teusels- stimme, die da rief: „Drauf, ihr Freunde. Schafft Beute dem Eisenzahn!" Aber da schossen plötzlich alle diese wackeren Frauen ahn' Hast ihre Pfeile ab, denn die Schufte wurden durch ihre Lampen beleuchtet und waren deutlich wie am lichten Tage zu sehen, währen die Frauen in der Dunkelheit blieben. Zweihundert fielen, die einen hatten den Pfeil im Kopfe, andere im Halse, und viele im Serbe. Der Eisenzahn war der erste, den die wackeren Frauen mit großem Lärm fallen hörten, denn Wautje hatte auf ihn geschossen, und der Pfeil war ihm gerade ins Auge gedrungen. Einige blieben unverwundet, jedoch sie hatten ein böses Gewissen, denn beim Anblick aller dieser weißen Gewänder dachten ste, dies seien die Seelen der von ihnen Getöteten, die mit Gottes Erlaubnis sich.an ihnen rächen wollten. Sie warfen sich zur Erde nieder, halbtot vor Furcht, und riefen kläglich: „Gnade, o Herr, laßt diese Seelen in das Reich der Toten zurückkehren." Wie sie aber die wackeren Frauen auf sich zukommen sahen, gab ihnen die Furcht Kraft in die Beine, und sie flohen mit eiligen Schritten hinweg. XII. Nachdem diese Niederlage vollendet war, kehrten die Frauen auf den Platz vor dem Gemeindehause zurück, nicht ruhmredig, sondern betrübt, daß sie in dieser Gefahr Christenblut hatten vergießen müssen, Und siehe, sie dankten mit großer Inbrunst unsrer lieben Frau und Jesus, unferm Herrn, daß diese sie hatten siegen lassen. Und sie vergaßen auch nicht des freundlichen Engels, der ihnen beigestanden hatte in der Gestalt eines klaren Sterns. Und sie sangen aufs lieblichste schöne Hymnen und Litaneien. Inzwischen erwachten in der Runde auf dem Lande alle Hähne und schmetterten aus ihren Trompeten den lichten Tag, der zu grauen begann. Dadurch wachten die Zecher von ihrem Schlafe auf und traten vor die Tür, zu hören, woher diese süße Weisen kämen. Und Frau Sonne lachte am Himmel. Und die wackeren Männer kamen auf den Platz; einige aber wollten ihre Frauen schlagen, die sie in der Versammlung, erkannten, well sie während der Nacht das eheliche Haus verlassen, aber Andreas Bredaei verhinderte solches und erzählte ihnen das Ereignis, worüber sie in Staunen, Scham und Reue gerieten, wie sie sahen, daß die wackeren Schürzenträger so für sie die Arbeit verrichtet hatten. Pieter Gans, Blaes- kaek und N. Claefsens, der Dekan zu Uccle war, ein gar heiliger Mann, waren auch auf den Platz gekommen. Wie Meister Bredaei diese große Menge erblickte, sprach er also: „Gesellen, versteht ihr, wie ihr jetzt die Luft des lieben Gottes nur von wegen der Tapferkeit eurer Frauen und Mädchen einatmet. Daher müßt ihr hier versprechen und schwören, nicht mehr zu trinken, es sei denn mit ihrem Einvernehmen." „Nur ruhig, Meister Bredael", sagte einer der Bürger, „es ist mitnichten das Trinken, das so schweren Schlaf bewirkt. Ich kann als erfahrener Mann sprechen, ich, der den Wein sein ganzes Leben lang getrunken hat, und ich hoffe es noch lustig weiter zu tun. Ein ander Ding ist noch dabei, Teufelei und Spitzbubenwerk, vermute ich. Kommt doch her, Pieter Gans, kommt her und plaudert ein wenig, bas Dunkel zu lichten, so Ihr etwas wißt." „Weh, weh", sagte Pieter Gans unb wackelte mit bem Kopfe und klapperte mit den Zähnen (denn er hatte Furcht, der gute Mann), , weh, weh, ich weiß von nichts, meine lieben Freunde." „Mitnichten", sagte der Bürger, „du bist nicht so ganz unwissend, denn ich sehe, wie du mit dem Kopse wackelst und mit den Zähnen klapperst." Da trat plötzlich der Dekan Claefsens vor Gans hin und sagte: — „Du Ketzer! Ich sehe es wohl, daß du Umgang mit dem Teufel hast, zum großen Schaden dieser wackeren Männer. Beichte demütiglich deine Fehler, und wir werden zusehen, Gnade walten zu lassen, so du es aber ableugnen willst, sollst du durch siedendes Del bestraft werden!" - ia9*e Pieter Gans unter Tränen, „ich hatte es wohl vor- ousgefagt, daß ich wurde gesotten werden, lieber Herrgott, Blaeskaek, wo bift bu, mein Gevatter, gib mir einen Rat, weh, weh!" Aber Blaeskaek rvar behend entflohen aus Furcht vor dem Geistlichen. 9, .G - G?ie Pieter Gans, „sehet den Verräter, welcher mich im Augenblicke der Gefahr verläßt." ’ — „Sprich", sagte U.H. Claefsens. — „3a, Herr Dekan", sagte Pieter Gans unter Weinen unb Schluch- len' ™er6e ®ud> alles erzählen und nichts auslaffen. — Gnädiger gerr! fugte er hinzu, als er feine Ausführungen beendet hatte „wenn Ihr Mich nicht allzusehr bestrafen wollt, so werde ich meine armseligen öuloen als ewige Rente der Kirche vermachen. Ich bin wahrer Christ ich versichere es und mitnichten ein Ketzer. Erwäget auch, daß ich nicht ver- sche,den mochte, ohne genügende Zeit zur langen Reue gehabt zu haben. Laßt mich daher nicht in siedendes Del werfen, ich flehe Euch an." — „Äir werden schon sehen", versetzte der Dekan; „führe uns jetzt Zur Stelle, wo dieser Teufel steht." Als sie vor die Kirche kamen, ging Pieter hinein, Weihwasser zu holen, daraufhin alle Manner, Frauen und Kinder der Gemeinde, und sie zogen zur Trompete. 1 0 M Dort erfragte der Dekan, wo der fei, der Unglück über f»viele wackere Manner gebracht habe; und Pieter Gans zeigte ihm gar demütiglich den Fausback, der da lächelte und in feiner Hand den mit Weinranken und Trauben gezierten Stab hielt, und die Frauen sagten nach längerer Betrachtung, daß er für einen Teufel gar hübsch sei. Der Priester bekreuzigte sich unb tauchte feine Hand in bas WeihwalfeM bestrich die Stirn, den Leib unb das Herz der Statue, welche durch d»-,. große Gnade Gottes unverzüglich in Staub zerfiel, und man vernahm eit» klägliche Stimme, die da rief: „Oi, moi, 6 phös tethneka!1 Und diese Worte des Teufels wurden vom Priester erklärt, denn fi, jf bedeuten in griechischer Sprache: „Weh! Hilfe, o Licht, ich fterbe!" XIII. Währenddessen sandte die Gemeinde zwei wackere Männer zum Herpj unb hieß sie, in gebührender Weise dem Fürsten zu vermelden, was fit), ereignet. Diese trafen ihn, wie er gerade auf dem Wege gen Uccle roat,™ denn er hatte durch seine Kundschafter den Plan des Eisenzahn vernomme^ unb er wanderte in großer Elle mit einer starken Reiterschar ihm entgegen Sobald die wackeren Männer ihn erblickten, warfen sie sich ihm z» Füßen, aber der gütige Herr wollte es nicht dulden, hob sie auf und fies sie an seiner Seite gehen. Plötzlich tarnen sie alle zur Stelle, wo die Räuber geschlagen roorikilt waren. Als der Herzog alle die Leichen liegen sah, hielt er oerwunieit t und voll Freude an: „Wer hat denn diese Schufte getötet?" fragte er. — „Unsere Frauen", sagte einer der wackeren Bürger. — „Willst du mich äffen, Bürger?" sagte der Herzog unb runzlli . die Stirn. — „Gott behüte uns, gnädigster Herr", fügte der andere hinzu, „ich will | Euch bas Ereignis erzählen", und solches tat er denn auch. — „Sieh da", sagte der Herzog, „hätte man solches von den Fram geglaubt? 3ch will sie belohnen." Und er ließ aufheben und forttragen den Helm des Eisenzahn, der fangt unter den Waffen unseres gnädigen Herrn Karl zu sehen war, denn ti war von ihn anbefohlen worden, ihn mit großer Sorgfalt aufzubewahrtn. XIV. Wie sie in Uccle eingezogen waren, sah der Herzog eine große Mengt Volks kommen, und unter ihnen einen Mann, der kläglich rief: „D, Hcn, liebster Herr Pfarrer, laßt mich nicht fieben." Worauf ihm erwidert roucbt: „Wir werden schon zusehen." — „Woher kommt dieser Lärm?" fragte der Herzog. Aber sobald Pieter Gans ihn bemerkte, eilte er auf ihn zu, umfing | die Knie seines Pferdes und rief: „Gnädigster Herr, gnädigster Hak I Herzog, duldet nicht, daß man mich siede." — „Und warum soll man denn mir einen der wackeren Männer r« j Uccle sieden?" fragte der Herzog. Da trat sogleich U. H. Claessens vor, berichtete ihm den Sachverhalt iit großem Zorn, während Pieter Gans gar erbäumlich klagte; dies alkt unter großer Verwirrung, da der eine wimmerte unb greinte, ber anbtit berichtete unb folgerte, unb beibe also heftig, daß der gute Herzog nicht mehr wußte, auf welchen der beiden er hören sollte. Wantje trat plötzlich aus der Menge, die mit Pieter (Bans: „Gn«d! und Mitleid" rief. „Gnädigster Herr", sprach das Mädchen, „dieser da hat viel gesündigt wider (Bott, aber aus Einfalt des Herzens und aus natürlicher Feigh-il. Der Teufel hat ihn erschreckt; er hat sich dem Teufel unterworfen. Verzeiht ihm, gnädigster Herr, um unsertwillen." „Mädchen", sagte der Herzog, „du hast recht geredet, und ich will «r( | sie ausftatten, so es eine Jungfrau ist, unb wirb ihr eine Abwehr oMj Not sein, so sie verheiratet ist." So warb bie Schwesternschaft ber Schützenfrauen zu Uccle gestiftet, b' | gleich Männern an jebem Sonntag ben Bogen spannen unter bem Schmal ber heiligen Jungfrau.