Gießener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger________ ridraana isrr Sir-tta,. den I«. Mruar Uummrr,, Wiegenlied. Bon Matthias Claudiu». So schlafe nun, du Kleins! Was weinest du? Sanft ist im Mondenschein, Und süß die Ruh' Auch kommt der Schlaf geschwinder Und sonder Müh'; Der Mond freut sich der Kinder Und liebet sie. Er liebt zwar auch die Knaben, Doch Mädchen mehr, Gießt freundlich schöne Gaben Bon oben her Auf sie aus, wenn sie saugen, Recht wunderbar; Schenkt ihnen blaue Augen Und blondes Haar. Alt ist er wie ein Rabe, Sieht manches Land; Mein Vater hat als Knabe Ihn schon gekannt. Und bald nach ihren Wochen Hat Mutter 'mal Mit ihm von mir gesprochen: Sie saß im Tal. Sie sah mich an, für Freude Ein Tränchen lief. Der Mond beschien uns beide. Ich lag und schlief; Da sprach sie: „Mond, oh! scheine, Ich hab' sie lieb, Schein' Glück für meine Kleine! Ihr Auge blieb Roch lang am Monde kleben Und flehte mehr. Der Mond fing an zu beben, Als hörte er. Und denkt nun immer wieder An diesen Blick, Und scheint von hoch hernieder Mir lauter Glück. Er schien mir unterm Kranze Ins Brautgesicht Und bei dem Ehrentanze; Du warst noch nicht. Heimat. der den trüben Dämmerschein des arktischen um nach den Fallen zu sehen und Fleisch zu Von Elisabeth Goldsmith. Als im Leben des Eskimoknaben Natatak zum siebentenmal die lange Nacht'begann, erhielt er sieben Geschenke: einen SpeereinMeßer eine Knockenart einen Schlitten, eine neue Kapuze, eine Schwester und Vit. Doch während die Waffen und der Schlitten vom Vater, dem großen Jäger kamen, hatte Natatak für die letzten drei Gaben mit der Mutter und der Hündin Schu-Schu seine Nase zu reiben. S'e kauerten be.de auf dem weichen Lager aus Fellen und waren stolz. Denn Schu-Schv-hoüb’ dem jungen Wolf das Genick durchgebissen, aus dessen Balg die Mutter kunstvoll die Kapuze fertigte, und die Mutter hätschelte ihre kleine Tochter Jinna und Schu-Schu das Wollknäuel Jik, aus dem spater einmal ein rechtschaffener Schlittenhund werden sollte. So warteten sie auf d'e Heimkehr des großen Jägers, der den trüben Dammerschem des arktischen Wintertages genützt hatte, um nach den fallen zu ,eyen uno o« machen Sonst begleitete ihn Natatak. Aber heute war er in der warmen Schneehütte geblieben, beschützte die Mutter undplauschlle ihren wohlver- trauten Geschichten vom Vater, den kein anderer Jager ubertressen konnte weder an Tapferkeit noch an Kraft noch an Weisheit Denn et l)n e mit dem hungrigen Bären gctämpft und ihn mit den Händen erwürgt, und er war zweimal a.n Ende der Welt gewesen m Fori Juk°n wo die weißen Riesen mit den vielen Haaren im Gesicht wohnen und hatte e nen Zauberer gesehen, der die Stimme eines Dämons m ,cin?r./ cui.nfnna uns Die Tranlampe flatterte, die Mutter sprach !?/eisern Singsang und Natatak schlief ein und schlummerte lange und tief, bis ihn die Mutter n wollte, utter sprang an der Schulter rüttelte und sagte: „Der große Jager ist nicht zuruck- qekehrt. Wir müssen zu den Fallen gehen und ihn suchen! 3” ityren schwarzen, guten, ein wenig schiefstehenden Augen glanzte die Angst. Ja", rief Natatak und sprang auf, „wir werden den Vater suchen! Und ich will meinen Speer, das Messer und die Axt nehmen und wir werden Schu-Schu vor meinen Schlitten spannen, weil der Vater das große Gespann mitgenommen hat." Die Mutter wickelte die Herne dicke Jinna in ein weiches Fell und tat sie sich in die Kapuze, und Natatak tat dasselbe mit dem wolligen Jik. Sie schoben den mit etlichen Streifen getrockneten Fleisches und einigen Felldecken beladenen Schlitten durrh die enge Eingangsöffnung ins Freie, krochen nach und banden sich die Schneeschuhe an die Füße. Schu-Schu, nur im Rudel zu gehen gewohnt knurrte und schnappte um sich. Doch als Natatak vorausstef, folgte sie willig, denn fie' witterte ihr Junges in seiner Kapuze. Wie eine ungeheure Glocke aus dunklem Glas lag der Himmel über der weißen Ebene. Die Sterne glitzerten kalt unb fern, und nur ein fahler Schein am Rande der Erde verkündete das Nahen jener kurzen Dämmerung die in diesen Breiten eine Winternacht von der andern scheidet. Schnelle Stöße eines schneidenden Nordwindes bohrten flache Trickter in den Pulverschnee und warfen Eisnadeln in den Rucken der kleinen Karawane, die, in Wolken ihres Atems gehüllt, eilig gegen Süden strebte wo sich das Land zu sanften Wellen erhob. Von Zeit zu Zeit blieb die Mutter stehen und gellte den Jagdschrei des großen Jagers in die Urweltstille. Zum siebenten Male erlebte Natatak das lichtlose Schweigen des Nordwinters, das sich mit keinem andern Schweigen auf Erden vergleichen läßt. Aber in dieser Stunde sah er zum erste,unal sein großes, leeres furchtbares Gesicht, das tapfere Männer im Wahnsinn lachen macht' und sie zwingt, ohne Ziel in die weiße Wüste hinauszuwandern, bi« sie, immer lachend, zu Boden sinken und sterben. Emen Atemzug lang sah Natatak dieses Gesicht, bann flüchtete er zu ber Mutter unb umschlang fie. Als er bie Wärme ihres Körpers burch bas Pelzgewcmd fühlte, war bas Grauen verfchwunben. Die Windstöße hatten aufgehört und bie Sterne glitzerten nicht mehr. Doch es tarn kein Tag. Weihlichgraue Wolkenfetzen rasten hoch oben in den Lüften bem Süden zu. „Natatak" sagte, die Mutter ™ « hier warten, bis ber Schneesturm vorüber ist. Und sie begann mit Axt unb Messer hinter einer kleinen Bobenwelle eine seichte Grube in den Schnee zu graben, in die sie ein Fell breitete. Hieraus nahm sie die Kapuze mit der schlafenden Jinna vom Rücken und gab das SUnb in Natataks Arme, während sie Schu-Schu vom Schlitten befreite. Als Natatak unb Jinna unb Schu-Schu unb Jik unb bie Waffen unb ber Fleisch-. Vorrat unb bie Fellbecken in der Grube untergebracht waren, und die Mutter zu ihnen schlüpfen und den Schlitten über sich ftutpei klang in ber Ferne des großen Jägers Jagdgeschrei. Die Mutt« .. auf unb antwortete mit bem gleichen Ruf. Er war bas Letzte, was Natatak in biefem Leben von seinen Eltern hörte. Dann brach bic tobenbe ten flog über bas breite, lachelnve toejiajt oes geioen »luiiiie». „v-.u Milchkinb ohne Mutter", sagte er langsam, es kann nufjt leben., Wir werden ihm eine kleine Schneehütte bauen. Darin soll es schlafen. Der weiße Mann, ein Riese mit vielen gelben Haaren tm Gesicht, wandte sahen einander an unb Jinna in ihrer Kapuze, weiße Hölle herein. ., Tage- wochen-, monatelang kann der Jager durch bas weite weiße Land des Schreckens und der Freiheit streifen, ohne einem andern Jager zu begegnen. Aber ein Zufall lieft den weißen Mann mst seinem gelben Begleiter hinter der gleichen Bodenwelle den gesuchten Schutz finden, und auch Natatak mit seinen Gefährten, obwohl sie ihn nicht gesucht hatten. Wo ist die Mutter?" fragte Natatak, als er aus feiner Betäubung erwachte. „Unb wo ist ber Vater, ber große Jäger?" Es war eine Frage an den Schneesturm, der vorbeigebraust war und schwieg. Die Manner 1 schüttelten den Kops. Da erwachte auch die kleine ia in ihrer Kapuze, fühlte Hunger und begann 3u »einen. Ein Schot- f(oq über bas breite, lächelnbe Gesicht des gelben Mannes. „Em or fnnnfnm pej fnnn nicht leben Die kleine Schneehütte war fertig. Natatak hockte schreckgelahmt am Boden Die Welt hielt den Atem an. Da ertönte aus Natataks Kapuze das Winseln des wolligen Jik und brachte Schu-Schu in lärmende Raserei. -g,k hak Hunger" flüsterte Natatak und nahm das Junge aus feinem Versteck. Als er es zu der Hündin setzte, stieß er einen Schrei aus. Dann rjst er auch Jinna aus ihrer Kapuze und legte das Kind neben Jik. Seite an Seite sogen Jik und Jinna den Trank des Lebens aus der mütterlichen Schu-Schu dichtem Fell. „Hol s der Teufel , rief der weiße Riese mit seltsam überlauter Stimme, „wir nehmen beide Kinder nut, Kusiak" Und wenn sie bis zum Frühling leben, dann soll sie der fromme Pater in Fort Jukon lehren, wie Menschen zu leben! Fünfundzwanzig Jahre später war ich m Neuyork zu dem Achchiebs- fest geladen, das der Pelzhändler Nat-Alaska und feine Schwester die Aerztin Dr. Jinna, ihren Freunden gaben. Er halte lern Geschäft, sein ' aroßes Haus seine Automobile, seine wertvollen G-malde unb Kunst- gegenstände verkauft unb reifte fort für immer, unb feine Schwester be- Bekanntlich unterhielten Friedrich der Große und Voltaire lange Jahre vor der Uebersicdlung des letzteren nach Berlin und Potsdam eine rege Korrespondenz, und es füllt uns dabei wiederholt auf, daß Voltaire damals schon auf die Wirkung der technischen Hilfsmittel für den Erfolg einer guten Schauspielvorstellung aufmerksam macht. Da heißt es beispielsweise in einem Bries von 26. Mai 1742, daß man „ein Stück in noch so guter Sprache schreiben kann, und doch immer Gefahr laufen müsse, durch falschen Gebrauch der Ratschen und der Spagniolen um die besteii Effekte gebracht zu werden". Die hier von Voltaire erwähnten Ratschen stellen sich bei näherer Nachforschung als die damals bekannten Wind m a f ch i n c n heraus, die besonders in den Heldenstücken dieser Epoche eine gewichtige Rolle zur Unterstreichung der Tapferkeit und Unerschrockenheit spielten. Diese Windmaschinen waren keineswegs mit Erbsen gefüllt und wurden auch nicht gedreht, wie man das schon fünfzig Jahre später (bei der französisch-italienischen Wandertruppe Latour- Tamarini) in Straßburg, Mainz und Köln kenncnlerte, sondern diese Ratschen bestanden aus trockenen Rohfellen, die mit Ruten gepeitscht wurden nachdem man sie über vier Spannhölzer gezogen hatte. Es war klar, daß eine große Geschicklichkeit dazu gehörte, mit diesen Leder-Ratschen hintereinander den gewollten und anhaltenden Effekt zu erzielen, und chon der berühmte französische Schauspieler Lekain, der um 1760 herum • einen ähnlichen Ruhm in Europa wie Kainz oder Matkowsky erworben * > . , i'«. s. ____ „m. SU1t Sah nti h’öfrAonfnJ nnm 1 7 rillt!i i(in die Heimat", wie er mit einem Leuchten in seinen lchwarzeiß guten, ein wenig schiefgestellten Äugen sagt. „Vielleicht können wir ein bißchen Helsen. Dazu bin ich reich geworden! Ein Gast des Festes hatte mit mir den gleichen^ Heimweg. „Ich bin auch in dieser Hölle gewesen, die sie Alaska heißen , erzählte er. »Drei ^abre voll Hunger Schmutz, Wahnsinn und Verzweiflung in dieser bar- barischen Wüstendes Schwelgens und der heulenden Sturme in deren ---rost oje Lunge erfriert, daß man sie in Stückchen aushustet, unter einem Vol von Tieren das den Säugling tötet, wenn die Mutter ftirbt, weil er sonst verhungern müßte. Und zu denken, daß es einen Menschen gib , der solches Elend freiwillig seine Heimat nennt, um derentwillen er die Herrlichkeit und den Zauber der durchwärmten Zivilisation verlaßt ... Nein — Eskimo bleibt Eskimo und stumpfsinnig! . Seither find wieder Jahre vergangen, und id) lebe in meiner Heimat, einem schönen milden, gesegneten Lande, mit schonen, milden, gesegneten Menschen. Aber wenn ich lese oder höre, daß es unter ihnen da und dort Leute gibt die ihre wunderbare Heimat schmähen, oder die dazu reich geworden ind, um ihr Geld hinaus-, anstatt helfend hereinzutragen dann muß ick) immer an den Eskimo Natatak und seine Schwester I,nna denken. (Berechtigte Uebertragung von R. U rb a n.) Dschengiskhan. Von Friedrich H i e l s ch e r. Wir schreiben das Jahr 1227. Das Lebenswerk des Dschengiskhans ist vollendet. Niemand ahnt heute mehr, was es der damaligen Welk bedeuten mußte, daß da ein Reich entstanden war, großer als irgendeines bis zum heutigen Tage, und inmitten einer Welt, die in kleinen und kleinsten Umkreisen dachte und sich bewegte, einer Welt, der die gegenwärtigen Riesenmaße und Riesenräume fremd waren, und die nun im tiefsten erregt vor einer Macht stand, vor der die heutigen Reiche verblassen müssen. . .... „ Was war geschehen? Der jugendliche Führer einer mongolischen,Ro- madenhorde hatte sich gegen tausend Anfeindungen an der Spitze seines Stammes durchgesetzt. Dann kam ein Bries des Kaisers von China. Temudschin — so lautete der wirkliche Name des DschengisklMns — möge ihm den schuldigen Tribut entrichten, der seit alters üblich und angemessen sei. Temudschin antwortete kurz, er fordere seinerseits den Sohn des Himmels auf, sich ihm schleunigst zu unterwerfen, widrigenfalls er Jen- King das heutige Peking, niederbrennen werde. In Jen-Kingi war man sprachlos. China beherrschte halb Asien, und dieser lächerliche Kmrps nut feinen paar Nomaden roagte es ..., ach was, der war nicht ganz normal, dem mußte man einfach ein paar Soldaten auf den 5)als fd)icfen, dann war der Fall erledigt. Die paar Soldaten wurden ausgeschickt und kehrten nicht wieder. Regimenter wurden aufgeboten und kehrten nicht heim. Der Gouverneur von Nordchina rückte persönlich ins Feld und würbe oer« nichkend geschlagen. 1215 stand der Dschengiskhan als Herr ganz Chinas in Jen-King. Als der Mongolenkhan 1227 fein Ende nahen fühlte, war er Herr über ganz Nordasien, Nordchina, China, Vorderasien und das europäische Rußland. Es gab keinen Gegner, der ihm widerstehen konnte. An seinem Hofe in Karakorum trafen sich Gesandte des Papstes, europäischer und asiatischer Fürsten, Händler aus Samarkand und Venedig, aus Schanghai und dem Ural. Es gab kein Bekenntnis und keine Religion, die am Hofe des großen Khans, im Herzen der Mongolei, nicht vertreten ge- Bald nach dieser Krönung seiner Arbeit geschah jene völlig über- raidienbe Aussprache, in der dem Dschengiskhan die Priesteischaft fast aller Religionen der Erde gegenüberstand und auf einmal Nicht mehr im Angriff wrn, sondern dein Angriff einer einzigen schlichten Frage stand- 3Ul,6ienfa6enemieber im Zelte Ternudschins, sie verneigten sich würdevoll bei jedem Wort und hielten die Beine gekreuzt unter dem Körper, sie bildeten ein niedriges Halbrund um den erhöht sitzenden großen Khan, sie sprachen langsam und bedächtig und redeten über öen Sinn des menschlichen Lebens. Da öffnet« der Khan den Mund zu der ersten Srng?, die sie jemals von ihm gehört hatten und hören sollten. Sie waren so überrascht und so erschüttert, daß die Nachwelt von dem Wortlaut die er ftraae gut unterrichtet ist, obwohl sonst die Berichte über den Dschengis- kban bie gerade angesichts der Bedeutung feiner Persönlichkeit und seines Werkes wünschenswerte Genauigkeit und Ausführlichkeit vermissen lassen. Der Dschengiskhan fängt an, von der Herrlichkeit feiner Schätze und Länder zu berichten; er spricht von der Macht seiner Heere und d^ Unbesiegbarkeit seines Volkes; er schildert, wie sein Schwert lebe ®ren3e zerschlagen und jeden Widerstand vernichtet hat. Das alles sagt er ganz einfach, ganz ruhig, ohne die Spur irgendeines Geltungsbedürfnisse wie sollte er das auch nötig haben? —, er stellt einfach fest, es ist so^ Und dann auf einmal bricht es heraus aus ihm, und er Wirst der foffung losen Geistlichkeit, welche nach dieser Einleitung alles °^ereerwartethat, nur nicht das, was wirklich kommt, die Frage ms Gesicht. „Und wozu ^^n^cm großen Zelt herrscht ein furchtbares Schweigern Wo sonst tue Rede wild durcheinanderwogt, wo sonst die Getreuen und Heerführer, die Freunde und Söhne des Khans freien Zutritt und offenes Wort haben, wo der fröhliche Lärm nächtlichen Umtrunkes ober bas eintönige @e= murmel fieqessicherer Gebete lebt, herrscht löbliches Schweigen. Der Blick des Khans sucht jeden einzelnen der Priester und Magier, und keiner hält dem Blicke stand. Niemand wagt zu antworten; denn niemand weih, was er von dieser Frage halten soll, und wie sie gemeint ist. Man versteht einfach nicht, was der Khan will. In diese Stille hinein fragt er zum anderen Male: „Wozu das alles? Da werden die Geister wach, da merken die Nestorianer unb bie $ub« dhisten, die Konfuzianer unb die Muslime, baß ber Khan sich nicf)t ub sie lustig macht, daß er es ernst meint, bah er nach ihren vielen Gebeten und Verkündigungen von ihnen erwartet, sie würden in dem einzigen Augenblick Antwort wissen, wo er keine Antwort weif); imb fi(’ lpuren zugleich, daß hinter ber Frage ber Zweifel an ihrer Weisheit hockt, daß diese Frage zugleich ein Fehdehandschuh ist, daß es nun daraus ankommt, daß es aus jedes einzelne Wort ankommt, wie niemals vorher beim Zusammensein im Zelt. Nun reden sie alle auf einmal, nun will keiner dem anderen die rechte Antwort gönnen. Aber wiederum sieht der Kh°." jeden einzelnen, der antworten will, mit lenem ruhigen und unergründlichen Blick an, der mehr als 50 Jahre hindurch Unzählige in Schrecken oder Begeisterung versetzt hat. Und w?n ber Blick trifft, ber gerat ms Stottern ber verfängt sich in (einer Rede, der wird unsicher, und schließlich starren ihn aller Augen in beinahe angsterfüllter Gegenfrage an. worauf willst du eigentlich hinaus? Da spricht der Khan zum dritten Male. Und er zeigt ihnen mehr von seinem Wesen, als er jemals irgendeinem, als er jemals aua) nur sich Liber gezeigt hat. Seine Offenheit ist von erschütternder Große Er sagt mit derselben Nüchternheit unb Ruhe, mit der er immer spricht. „Ich habe Tausende verbrannt und totgeschlagen. Ich habe Hunderttausende verbrennen und totschlagen lassen. Warum habe ich das ge an? Da gibt es im ganzen Zelt keinen mehr, der den Herrscher auch nur anzusehen wagte. Da sind sie alle verwirrt; gerade jetzt, wo er ganz osten gewesen ist, begreifen sie nichts mehr. Niemand spricht Durch dieses Schweigen hindurch geht der Khan zur Tur und verlaßt das Zelt. Er sieht daß sie so wenig wissen, wer er ist, wie er selber es weiß. Er weiß es wirklich nicht; und wirklich, sie wissen es auch nicht. Nach wenigen Monaten ist er tot. Sein Reich wachst und kämpft drei Jahrhunderte ’ lang. Im vierten Jahrhundert nach seinem Tode zerfällt es ... ___________________ Bühnen-Geränsche vor 200 Jahren. Von Dr. Herbert Schmidt-Lamberg. weien wäre. ,, . . ... Die Priester dieser verschiedenen Glaubenswelten waren einander nicht freundlich gesinnt; und einig waren sie sich eigentlich nur darin, daß der unerhörte Anspruch Ternudschins, Herr der ganzen Welt zu sein, zuruck- gewiefen werben müsse zugunsten ... ja zugunsten wessen eigentlich. Da hörte die Einigkeit Ikon auf. Es gab buddhistische Priester m Jtaratorum, eigentümlich bleiche unb stille Köpfe, es gab nestonamsche Christen, Vertreter einer in Europa seit Jahrhunberten verschollenen christlichen Kirche, die aber in Asien ungebrochen blühte und wuchs, es gab Schintopriester mit ihrem seltsamen Kopfputz, Teufelsbeschwörer aus Tibet und Fakire aus Indien, islamische Derwische und Ulemas aus Arabien weise Anhänger des Konfuzius aus China. Das wimmelte durcheinander, und zu allen war Temudschin gleich höflich, gleich zuvorkommend und — gleich ablehnend. Er stellte (ich über sie alle, unb sie standen alle gegen ihn in der Zurückweisung dieses feines Verhaltens. Er fchnitt niemandem das Wort ab, wenn in nächtlichen Gesprächen die Rede aus diese Dinge kam, aber er fragte niemals. Draußen vor dem Zelt, in dem sich die Kopse erhitzten, standen im kühlen Nachtwind ber mongolischen Steppe unb im stillen Atem ber nahen Bergriesen feine Krieger, unb bas genügte ihm. Was gab es ba zu fragen? Die Welt gehörte ihm, und wenn er wollte, so bedurfte es nur eines Winkes, unb biefe alle, bie ba im großen Zel! um ihn herum faßen, waren nicht mehr. Bis eines Tages das Unerhörte geschah, daß der Khan den Mund öffnete. Das war nicht lange nach dem großen Reichstag, den der Khan nach seinem letzten gewaltigen Eroberungszuge einberufen hatte. Die Großen feines Reiches standen an ber Spitze ihrer Reiterheere tief inmitten Europas, inmitten Vorberafiens, inmitten Sübafiens, und ber alte Khan faß allein in feiner Heimat, endlose Wegstunden von feinen Getreuen entfernt, eine reglos gewordene Spinne inmitten eines ungeheuren Netzes von Heerstraßen, Befehlsstafetten, bewaffneten Plätzen, niedergebrannten Städten und bedingungslos gehorfamen Stammesverbändeii. Da holte er bie Großen, ba befahl er feine Getreuen zu sich, um bie Gewalt vor ihren Augen unb Ohren einzuteilen, um ben würdigsten feiner Söhne zum Nachfolger zu ernennen, und dafür zu sorgen, daß seine übrigen Söhne nicht eifersüchtig auf bie Macht bes Ernannten würben, um ihm alle Macht bes Reiches recht und richtig zu übergeben. Das war eine schwere Ausgabe und wurde bie vielleicht größte Leistung Temu- dschins überhaupt ber nun, am Enbe seines unerhörten Lebens, niji)t ' hatte, sagt dazu in einem Brief an den Grasen d Argental vom 17. I mit der Gewalt der Waffen, sondern allein mit der feines Herzens um 1761: „Man mußte eigentlich nur Leute an die Jlpparate bmter ber bie Zukunft seines Lebenswerkes kämpfte unb sie tatsächlich zu sichern Bühne lassen, die selbst einmal unsere Rollen gespielt haben. Grst gestsr vermochte ' ist es mir in der Tragödie „Maximien" (von Lachaufsee) zugestohen, daß unübertrefflich preisen. „Ah, Wanda", vagen Der x»itroe «piueuui sah nach der.Tellskapelle'. oh«"' so begrüßte sie jetzt die Freundin, „das is nett, daß pünktlich." _ über, t (oft w im stand- bcooll ‘t, sie Khan, i des $rage, ■en jo dieser engis- [cincs lassen, e und T ÜN- ' Zrenze ' ganz ses - ist lo. ilungs- et hat, wozu ust die er, die haben, je ®e- r Blick keiner > weih, in ver- alles?' ! Bud< ;t über Gebeten inzigen spüren 1t, daß kommt, r beim ; keiner r Khan -gründ- chrecken rat ins schließ- ige am Gtine. Roman von Theodor Fontane. (Fortlegung.) ehr von nur sich Er sagt >ti „Ich sausende uch nur nz osseu h dieses .. >§ lütlp' ,pst dw ode zsr Immer dieselbe", sagte Sarastro. „Richt wahr, Fräule.n Wanda? Diese stimmte zu, schon einfach, weil sie wußte, begann aber doch an ibrer Rose ZU zupfen zum Zeichen, daß sie nicht hergekommen se., sich vor den Triumphwagen der Witwe Pittelkow zu spannen. Dann lehnte primitiven und manchmal komisch anmutenden technischen Apparate des Theaters vor 200 Jahren als echte Ahnen der modernen Einrichtungen anzuerkennen sind. Denn sehr viele Eigenschaften der heut gen Vorkehrungen zur Geräuscherzeugung auf der Bühne und im Film zeigen ihre Herkunft aus dem Charakter jener veralteten Maschinen. Und was besonders wichtig ift: jene alten Borrichtungen haben in einer Zeit ihre Aufgabe getan, als das Theater in ganz Mittel- und Westeuropa einen Höhepunkt erreicht hatte, als Dichter lebten und arbeiteten, deren Werke mir heute noch als unübertrefflich preisen. ,e longo >om ei.n® Soling n MS es b«; Stü-k lt laufe.” Kie'n n fünfjW 5*5 NS wurde rot. „Hat Borchardt geschickt?" „Versteht sich, hat er ..." „Run, dann bitt ich also ..." Der ungewöhnliche Bestimmtheitston, in dem das alles von feiten Sarastros gesagt wurde, verschnupste die Pittelkow nicht wenig, sie hielt es aber für angemessen, ihren Aerger darüber auf andere Seit SU ver- taaen und ging mit Stine hinaus, um den schon vorher «»deckten Tisch aus dem Hinterzimmer in das Vorderzimmer zu tragen. Inzwilchen war der alte Graf der sehr feine Nerven hatte, durch die Jeuerlilien und ihren Geruch heftig inkommodiert worden; er nahm sie darum 0^n^.“Küe» res aus dem Bukett, öffnete das Fenster und warf fl« hinaus. „Ein Mir unerträglicher Geruch; halb Kirchhof, halb Pfarrgarten. Und von beiden 1 Ekrn fünf Minuten um waren, war die Taftlrunde geschloffen. Alle saßen an einem ovalen Tisch: obenan der alte Graf, neben ihm Wanda und Stine dann Papageno und Waldemar, zu unterst aber, also dem alten Grasen gegenüber, seine Freundin Pauline. Sie faß fo, daß sw bei iedem Aufblick in den Trumeau sehen muhte, was den alten Grasen, als er es merlte, zu dem halb scherzhaften, halb huldigenden Zuruf: „Ehre dem Ehre gebührt," veranlaßte. Die P'"°"ow aber ges el sch heut Ablehnung solcher Huldigungen und sagte. „Jott, Ehre! Mir M nicyis sräßlicher, als immer meine Visage sehn. „Dann bitt ich meine, schöne Freundin, ihren Augenausschiag etwas niedriger zu richten; sie sieht dann mich. Das erheiterte sie. „Da bin ich doch lieber fürs Gewesene. Da bin ich doch noch lieber für mich." Sarastro und Papageno waren entzückt und tranken ihrer schwarzen Einer Vorstellung unsers Freundes Papageno veoars es muy, « des Vorzuges, allen Anwesenden bekannt zu sein. In der Art, wie diese Vorstellung von den drei Damen ausgenommen wurde zeigte sich durchaus die Verschiedenheit ihrer Charaktere: Wanda sand alles in der Ordnung, Pauline brummte was von Unsinn und Asserei vor sich hin" und nur Stine, da- Verletzende der Komod.e herausfuhlend. sie sich zurück und sah nach der ,-ieUsrapeue. Davageno trug dieser Stimmung Rechnung und kam der Künstlerin, die durchaus versöhnt werden mußte, mit einem Kunstgesprach entgegen, was lick um fo eher tun ließ, als auch der alte «ras an allem Theaterklatsch einen ehrlichen Anteil nahm und keinen Unterschied machte gleich- v°el ob sich- um die Lucca oder Patti oder um ine letzte Chor.st.n m der „Fledermaus" handelte. „Meine Gnädigste", begann Papageno, „w°s surfen w,r demnächst an Neuigkeiten aus Ihrem Kunstinstitut erwarten. „Unser Alter", erwiderte Wanda, „will es mit einem Ausstattungsstück versuchen. Er meint, es sei noch das einzige ... du da bist, immer ,--------, „Ja, liebe Pauline, das is so bei uns, das lernen nur mie ine toolbaten. Wenns Stichwort fällt, müffen wir vor, und wenns das Leben kostet. Die Pittelkow lachte herzlich, was sie jedoch nicht abhielt, Wanda mit einer gewissen Feierlichkeit in den rechten Sofaplatz hmeinzilkornplimen- Ueren Ststne" die sehr gut ausfah und auf Wunsch der Schwester ihr getüpfeltes „Perlhuhnkleid" anhatte, sollte sich neben Wanda setzen, bestand aber barinäckiq auf ihrem Willen und nahm einen Lehnstuhl, der Schau- pielerin gegenüber. Zwischen beiden stand ein Riesenbukett, das im Jn- validenhausgarten für diesen Festabend geschnitten worden war: ein Dugend Rosen, aus deren 90?Ute hohe Feuerlilien auswuchseu. Wanda, die ^riechen wollte, bückte sich zu tief hinein und machte ich dadurch »men gelben Bart, was Pauline ungemein amüsierte. Sogar Olga wurde herbei- aerufen Sieh Olga, sieh, Tante Wanda hat neu Schnurrbart. Un was ür einen! Ihr'sollt mal sehn, Kinder, der junge Graf hat gar keinen! In diesem Augenblick wurde die Klingel gezogen, und die Pittelkow ging, um in Person zu öffnen. Stine folgte, weil sie nicht sitzen bleiben und großartig die Dame spielen wollte. Wanda dagegen, sw ^allgefuh dellen was ffc sich und der Kunst schuldig sei, rührte sich nicht vom Fleck und thronte weiter. Erst als der Besuch eintrat, erhob sie sich und erwiderte leichthin den Gruß der beiden älteren Herren, während sie vor dem jungen Grasen einen Hofknicks machte. Dars ich die Herrschaften miteinander bekannt machen? fragte letzt Sarastro verbindlich und mit anscheinend ernstester Miene. „Mein^Mesfe Waldemar (dieser verbeugte sich), Frau Pauline Pittelkow, geborene Rehbein Fräulein Ernestine Rehbein, Fräulein Wanda Grutzmacher. Einer Vorstellung unsers Freundes Papageno bedarf es nicht; er genieß des Vorzuges, allen Anwesenden bekannt zu sein. ran mir Splitter und allerlei harte Fragmente auf den Kopf warf, I erabe als ich meinen großen Dialog halten sollte. Diese Dinge dienten - am, das Geräusch des Regens vor dem Palast zu erzeugen. Man hatte um diese Zeit noch keine eigentliche R e g e n m a s ch i n e, ober sie war doch bereits erfunden, denn im Jahre 1731 Horen wir durch ; oe , nnn pinem ^ßaHerapparat, der durch tRotcihon einer gelöcherten Außenwand um einen wassergefüllten Behälter, der durch eine Reißschnur Effne“ werben konnte, in der Tat einen strichweisen und tropfenweisen legen auf die Bühne sandte. Man hat diesen Regen aber w't Rücksicht out die meist recht stark aufgeputzten Schauspieler niemals auf offener Lienc uerroenbet Dieser Apparat, von einem Arzt Dr. Jerome Macombe -Hunden, diente dann in den Jahren von 1735 b,s 1765 etwa als ^chutz- Niittel gegen auftretenbe Bränbe auf den Buhnen der damaligen Z • Durch den Briefwechsel Voltaires mit dem oben erwähnten Schau- ipieler Lekaiu erhalten wir im übrigen eine ganze Reihe mtere Jonter Informationen über die technischen Einrichtungen ber bamaligen Bu^en. liach Potsdam berichtet Lekoin einmal über die katastrophale Wirkung rines Apparates, den wir heute nicht mehr kennen und zwar einen Generateur larmoyante". Das war ein richtiger „K l a g e - A p p a r a i , ber damals von englischen und französischen Buhnen angewendet wurde ind in den großen Rührstücken und Heldentragodlen als Erreger der Klagen des vor den Palästen und Schlößern harrenden, betrübten Volkes angeroenbet. Voltaire hat über diesen Klage-Apparat >w. übrigen einen feiner beißenden Scherze gemacht, und zwar zu einem Stuck °"n Charles Pineau zu dem er in scharfem Gegensatz stand. Er schrieb damals. „Jetzt Lust ^rd sich der Mateur larmoyante als wirklich segensreich erwesi n, denn das enttäuschte Publikum wird nicht mehr allem über sem weggeworfenes Geld soviel jammern müssen. Man stelle bet seinen Stucken den Generateur in den Zuschauerraum." ®ine besondere Sorge bereiteten die damaligen technischen Buynen- Hilssmittel auch dem englischen Schauspieldichter Harvey, der im Jahre 1728 deswegen eigens ein großes Buch in Amsterdam herausgab, in b > ’r nndnuroeifen versuchte, welche Hilfsmittel jetzt noch bem Theater fehlten. Er oedangte vor allen Dingen „eine Person die ^"ter der Buhne stehench die nichtige Vermittlung zwischen Szenenfolge und Ein etzen der künstlich herooraerufenen Bühnengerausche garantierte und die selbst in her x.age fei gewisse Geräusche, etwa Tierstimmen, mit dem Mund oder anderen Gliedmaßen möglichst genau zu kopieren". Dieser Harvey stellte: sich a -ine Art Infvizienten vor, der gleichzeitig auch Stimmen-Jmitator sein sollte eine Verbindung, die man heute immerhin beim ganz modernen Tonsilm manchmal bereits findet. Diese zweihundert Jahre alte Ford - rung Hai also doch noch Erfolg gesunden. „ . ngepreßt wurde, mäbrenb man die Röhren selbst zwischen den Kuli fen aufgehangt hatte. Durch den ausströmenden Windzug aus den Blasebalgen wurde »u gleicher ■-leit an beiden Enden der Röhren ein Schwengel bewegt, der gegen oer- L den abgestimmte, nstt Tüchern auf dumpfe Laute abgebundene Gongs auf chlug und io Blitz und Donner in einen ursäckstichen und zeitlichen Sufammenbana zu bringen schien. Damit wurden in den Stucken Ca- pacellis, Marmontels und ühnlicher fraiizöslscher Dramatiker eHtiene bie damaligen Zeiten furchtbar-realistischen.W-r ungen der Raub u b Brandszenen unter Begünstigung von Unwetter ub Gewitter er^lt o damals in aller Welt ehrfürchtig als größter Yar schritt der ^heatertechn^ bestaunt wurden. Dieses Instrument hieß --Danner sw ■ zösischen Fachwelt „tonneur“, und in ber englischen Theatergeschichte ist es als „Flaming-glasses“ bekannt. Hm Jahre 1740 schrieb Hume aus Lonbon an Rousseau, baß „man berjett Sger baraTbenten solle neue Stücke zu chr^ben als etwa i»«As"-Mu?" W-L'Ä 'S'«™?; ,» rrKLZÄi Ä7-""L-'S",ch.u Auf — L Sage kl. Slutürli» »alle IJutaW » «n großen Theater betrachten, bann werden w.i I . Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen. Fünftes Kapitel, Die im Herzen der Witwe Pittelkow sich regende Verstimmung wurde sich bei der vorherrschenden Tafelheiterkeit unter allen Umständen rasch wieder verzogen haben, der alte Graf aber, der die beispiellose Heftigkeit seiner „Königin der Nacht" nur zu gut kannte, hielt es nichtsdestoweniger für angezeigt, auch der bloßen Möglichkeit eines Sturmes vorzubeugen. „Ich denke", sagte er, „wir sorgen für etwas frische Luft und nehmen im Nebenzimmer den Kaffee." , „Geht nid)", erwiderte die Pittelkow. „Alle Gardinen ab; alles wie Kraut und Rüben ..." , , , . m „Gut denn, so bleiben wir. Auch eng und warm hat seine Vorzüge... Darf ich bitten ..." Und damit nahm er, die Tafel aufhebend, Wandas Arm und geleitete sie bis an den Sofaplatz, den sie beim Erscheinen der Herren innegehabt hatte. Der junge Graf führte Stine, während der mit der Sitte solcher Pittelkow-Abende längst vertraute Baron ohne weiteres einen eleganten Likörkasten und eine Zigarrenkiste vom Bufett her auf den Sofatisch setzte. Der alte Graf nickte zustimmend, strich ein Phosphorholz an der Sohle seines Lackstiesels und zündete sich eine sorgfältig gewählte Havanna an. Als er den ersten Zug getan und die Wolke weg- gebtasen hatte, wandte er sich kavalierhaft verbindlich an Wanda und Stine und sagte: „Die Damen erlauben doch?" Frau Pauline hatte sich gleich von Tisch in die Küche begeben und kam schon nach wenigen Minuten mit dem Kaffee zurück, eine Schnelligkeit, die sich nur daraus erklärte, daß sich Olga der ihr gewordenen Doppelaufgabe: das Kind ruhig und das Wasser im Kochen zu erhalten, mit einer durch Furcht und Hoffnung gleichmäßig geschärften Gewissenhaftigkeit unterzogen hatte. Der Kaffee wurde präsentiert, auch der alte Baron nahm aus dem Zigarrenkistchen, und einen Augenblick später kräuselten sich die Rauchwolken von zwei Seiten her durch die Luft. „In der ganzen Welt gibt es keine zweite solche Zigarre", versicherte Papageno. . _ „Zugestanden", erwiderte der Graf. „Und zudem eine Zigarre hier, im Hause meiner Freundin, ist mir immer wie Opiumrauchen, das glücklich macht, und bei jedem neuen Zuge seh ich die Gefilde der Seligen ober, was dasselbe sagen will, die Huris im Paradiese." „Na, na!" sagte die Pittelkow, die, wenn sie nicht schon da waren, neue Verhöhnungen fürchten mochte. Der alte Graf aber ließ sich durch diesen Zuruf nicht stören und fuhr seinerseits fort: „Ueberhaupt alles wundervoll, und ich vermisse nur eins, die Liköre. Papageno hat freilich für den Kasten gesorgt (dafür ist er Papageno), aber nicht für den Schlüssel... Ah, sieh da, Fräulein Stine bringt ihn schon. Ich glaube, sie hat überhaupt den Schlüssel und schließt uns jedes Glück auf, vorausgesetzt, daß sie will... Und nun überlassen Sie mir die Wahl, meine Damen. Ich wette, daß ichs für jede von Ihnen treffe." „Das wäre", sagte Wanda, „da bin ich doch neugierig. „Es ist leichter, als Sie denken. Jedem sind seine Neigungen von der Stirn zu lesen: hier, meine Freundin ist für Euraxao (die Pittelkow nickte), der früher unter dem Namen .Pomeranzen' eine nicht verächtliche Karriere machte, Fräulein Stine ist natürlich für Anisett und Fräulein Wanda für einen Benediktiner oder zwei. Kosten Sie, meine Gnädigste! Wie denken Sie über über solche Mönche? Nicht wahr, nicht übet?" Es wurde nun immer belebter, und je mehr sich eine narkotische Wolke durch das Zimmer verbreitete, desto mysteriöser wurde auch die Sprache. Der alte Graf übernahm dabei die Führung, während Baron Papageno sekundierte. Beider Intimitäten aber richteten sich ausschließlich an Wanda, weil sie vor den beiden Schwestern eine gewisse Scheu hatten, vor der älteren um ihres unberechenbaren Temperaments, vor der jüngeren um ihrer Unschuld willen. Wanda, die die momentane Vernachlässigung zu Beginn der Tafel längst vergessen hatte, sah in diesem beständigen Sich- wenden an ihre Person selbstverständlich nichts als einen ihr zustehenden Triumph und berauschte sich in der Fülle der ihr immer eindringlicher zuteil werdenden Huldigungen. Und was die Huldigungen nicht taten, das tat der Benediktiner. Alle Grandezza war längst abgestreift, und als sie mit einigen Kulissengeheimnissen debütiert und namentlich den alten Direktor in seiner eigeittlichsten Sphäre, der des Serails, gekennzeichnet hatte, war sie vorgeschritten genug, dem Wunsche des alten Grasen, der nach Proben ihrer Kunst verlangte, nachzugeben. Ein paar auch jetzt noch verbleibende Bedenken wurden durch Baron Papageno beseitigt, der im rechten Momente erzählte, „die Rachel habe, mit nichts als einem Spitzenschleier drapiert, auf der Pfaueninsel die Phädra gespielt und den Kaiser Nikolaus zur Bewunderung hingerissen: er bezweifle nicht, daß Wanda dasselbe könne, gleichviel nun, ob sie den .Ritter Toggenburg' ober ben .Gang nach dem Eisenhammer' ober auch bloß ben .Handschuh' betlamicre. Aber einer müsse Himer ihr stehen und die Gesten machen; ohne Gesten sei der Erfolg nur halb." Diese Frage wurde weiter ausge- sponnen, und nachdem man die verschiedensten Formen und Zusätze durchgenommen hatte, durch deren Anfügung die Schillersche Ballade zu höherer Wirkung gelangen sollte, tarn man schließlich überein, da doch alles aus den dramatischen Effekt hinausliefe, lieber die Deklamation ganz fallen zu lassen und statt dessen ein Stück auszuführen: ein Schattenspiel ober am liebsten eine Kartofselkomöbie. Dieses Wort, kaum gefallen, würbe mit Begeisterung ausgenommen, und Wanba, nadjbem sie die noch vor ihr stehende kleine Tasse geleert, erhob sich von ihrem Sofasitze, zum Zeichen, daß sie nunmehr bereit sei, mit einer dramatischen Aufführung zu beginnen. „Aber was? was? ... Lustspiel ober Trauerspiel?" „Natürlich Trauerspiel .. so klang es durcheinander, und selbst der junge Graf und etine, die sich bis dahin zurückgehalten hatten, wurden lebendig. Wando selbst aber verbeugte sich und sagte nicht ohne Anflug von Humor: „Ein verehrungswürdiges Publikum wird seinerzeit über Inhalt und Titel des näheren verständigt werden." „Bravo! Bravo!" (Fortsetzung folgt.) ,JDa hat er recht. Ist es eine Reife nach dem Mond ober kn de» ^ ^Hoffentlich^ bas letztere", warf ber alte Graf ein. „Ich bin für Wanda lächelte. Das Eis war gebrochen, und es wurde ihr von diesem Augenblick an einigermaßen schwer, in einem oben, weil wemgstens zunächst noch unpersönlich verbleibenden Kunstgesprach weiter sortzufahren. Sie bezwang sich aber und sagte, während sie nur bann unb wann ben alten Grafen verständnisvoll streifte: „Wegen Beschaffung eines ~e$tes hat sich der Alte natürlich kein graues Haar wachsen lassen. Er bleibt bei seiner Abneigung, für Dinge zu zahlen, die man umsonst haben kann, und glaubt, wie mein Kollege Poltrig sagt, ber übrigens stubiert hat anftanbslos in bas Gebiet der Dichtung übergreisen zu können. Unser Alter ist überhaupt der Mann ber Uebergriffe, woran ich immer nur mit Unwillen denken kann." , f . „Empörenb", sagte ber alte Graf. „Uebrigens ahn ich bereits, an welche Tür er geklopft haben wirb. Wohl zu verstehen, an welche Dichtertür. Ich wette zehn gegen eins: Shakespeare ..." Der Herr Graf treffen immer ins Schwarze. Ja, das ,Wintermärchen', und mir ist die Hauptrolle zugefallen, die der Hermione, von ber ich vorläufig nur weiß, baß ich eine ganze Szene lang auf einem Postamente siehe, ganz schmucklos, aber doch was Weißes um. Sarastro lächelte. „Diese Besetzung ber Rolle kann niemand überraschen, unb Sie, mein gnäbigftes Fräulein, wenn Sie nicht blind gegen Ihr« so deutlich hervortretenden Gaben unb Vorzüge sind, am wenigsten. Die Natur hat Sie zu glücklich ausgestattet, als daß das Marmorbrautliche das hier beinahe ausschließlich in Frage kommt, an Ihnen vorubergehen konnte. Wenn ich mir Sie so denke, ganz Stein, und mit einem Male durchdringt Sie bas warme, pulsierenbe Leben, alles wogt, und kn rott kicher Beleuchtung steigen Sie vom Sockel hemieber, um wieder Mensch unter Menschen zu sein, ein erhabener Gebanke ..." Der Herr Graf schmeicheln. Es ist eine Rolle, die durchaus Iiigend fordert, ja mehr als Jugend, ich möchte sagen dürfen, Jugend und Zartt ^„Eigenschaften, die Sie sich in übergroßer Bescheidenheit,'nur absprechen, um unsers heftigsten Widerspruchs sicher zu sein. Herrmüne, soviel mir vorfchwebt, ist schon zu Beginn des Stücks Gattin und Mutter, zudem auf Untreue verklagt, Ereignisse, die doch nur ausnahmsweise vor das vierzehnte Lebensjahr fallen. Ich bitte Sie, was heißt MNg, und vor allem, was heißt zart. Es wird mit diesem Worte ,zart' ein beständiger Mißbrauch getrieben, und alles, was bleich ober schwinbsüchtig ist, bas ist sicher, als zart bezeichnet zu werden. Eine der vielen Verirrungen unsers mobernen Geschmacks. Zart, zart; zart ist etwas Innerliches, Seelisches, das auch innerhalb einer vollsten Formengebung existieren kann. Fragen Sie meinen Ressen! Er reist seit fünf Jahren in Italien umher, namentlich in Kirchen, und kennt, schlecht gerechnet, sünftausend Heilige weiblichen Geschlechts. Unb was heilig ist, muß doch auch zart fein. Unb nun oll er uns Rebe stehen über den Begriff ber Zartheit. Ich will feinem bessern Urteile nicht vorgreifen, aber ich wage vorweg bte Behauptung, alles, was er von heiligen Eäcilien und Barbaras und selbstverstanblich auch von Genovevas, die immer die Hauptsache bleiben, gesehn hat — alle waren Damen von Ihrer Konstitution, meine Gnädigste, Damen, denen alles Mondscheinene fehlte, Damen in schwarzem Samt unb roter Rose. Waldemar, ich bitte dich dringend, unterstütze mich in einer, Sache, die meinem Herzen und meinem Kunstgefühl gleich viel bedeutet." Er stieß mit Wanda an und hatte die Freude, daß Waldemar auf ben angeftimmten Ton einging unb unter verbinblichem Lächeln versicherte: „Der Onkel hab« recht; alle Heiligen seien wohlproportioniert, unb auch bas Zarteste könne sich noch innerhalb der Wellenlinie .. • „Brav, brav!" unterbrach hier ber Graf. „Unb so bitt ich denn, die Gläser zu füllen, um auf bas Wohl Hermiönes zu trinken, — eine von Fräulein Wanda bevorzugte Akzentverschiebung, die mir eine ganz neue Auffassung verspricht. Denn die Akzente machens im fieben und in ber Kunst. Es lebe die Kunst, «s lebe das Zarte, es lebe die Wellenlinie, vor allem, es lebe Hermiöne-Hermiüne, es lebe Fräulein Wanda, es lebe die rote Rose!" Wanda verneigte sich und überreichte dem alten Grafen die rote Rose, die so sinnig beit Schluß seiner Rebe gebilbet hatte. Der alte Baron aber stieß von ber anbern Seite her mit beiben an. Es folgte nun Toast auf Toast, Papageno ließ Stine leben, unb nack>- bem auch noch Walbemar, ebenfalls an Stine sich wenbenb, ein paar Worte gesprochen, sprach Wanda, wie herkömmlich, in Riappreimen, die sie sich übrigens auf die einfachste Weise, indem sie „Liebe" statt „Freundschaft" fetzte, für Gelegenheiten mi.e die heutige aus einem alten Stamm- buchvers zurechtgemacht hatte. Zuletzt ergriff ber alte Graf noch einmal bas Wort, um seine Freunbin Pauline leben zu lassen. Er verschwieg aber ihren Namen dabei, sprach nur ganz allgemein über ben Zauber unb die Vorzüge ber Witwenschaft unb schloß mit dem Ausruf: „Es lebe meine Mohrenkönigin, meine Königin ber Nacht!" Alles erhob sich, unb Baron Papageno versicherte, baß das ein echter Zarastro-Toast gewesen sei und baß die Reihe ber Trinksprüche nicht mürbiger hätte schließen können. Alle stimmten zu, nur nicht die. ber der Trinkspruch gegolten hatte. Das Drastische darin mochte gehen (verhöhnte sie doch selber alles, was sie „sich zieren" nannte), ber Spott aber, ber burchklang, unb ein behagliches Sich-Ergehen in Witzeleien, bie sie nur halb verstaub unb die gerade deshalb ihr schlimmer erschienen, als sie waren — das verdarb ihr die Stimmung, unb so sagte sie, während sie sich verfärbte: „Na, Graf, bloß nid) so, bloß nid) übermütig! Das lieb ich »ich. IIn so vor alle! Was sollen denn der junge Herr Graf davon denken?" „Immer das Beste!" „Na, das Jute wäre mir lieber." Und während sie sich Wasser ein- chenkte, wiederholte sie: „Königin der Nacht. Is nid) zu glauben."