SieheimZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Hummer 55 Montag, den 18. Juli Jahrgang 1932 platz geführt. Da schwimmt es heiter und zierlich, wartet auf mich und schaut nach mir aus. Ich kehre zu ihm zurück und klettere triefend und erfrischt über Bard, ziehe die Ruder ein und lege mich der Länge nach auf den Boden. Nackt in der Sommersonne zu liegen ist immer eine Wanne; es ist schön, wenn man es auf einer Wies« ober im Sand am Ufer oder auf der Dachterrasse eines Hauses tut, aber nirgends ist es so schön wie auf einem großen Wasserspiegel im Boot, das wie ein Kelch die Wärme empfängt und hält. Da geht der Sonnenbrand durch Haut und Fleisch bis ins Mark und wenn es zuviel wird, braucht man nur einen raschen Sprung zu tun und liegt sogleich im tiefen klaren Wasser. Zu Anfang des Som- mers, wenn der Leib noch weiß und kleidergewohnt ist, gibt es kleine Beschwerden, da brennt die Haut und rötet sich und schält sich ab. Dann aber wird sie fest und braun und sonnensicher, und bann kommt bie Zeit, ba ber Leib seiner selbst froh wirb unb in animalischem Wohlsein atmet und gedeiht unb Sonne, Wasser unb Lust als seinesgleichen fühlt. Dann hört auch bie Empfinbung ber Einheit von Leib unb Seele auf, ein peinliches Abhängigkeitsgefühl zu fein. Denn wie ber Körper sich frei unb wohl unb sicher fühlt, so legt bie Seele das Kleid der Gewohnheit unb Alltäglichkeit von sich, atmet erstaunt unb frei, kehrt zu heimatlichen Quellen zurück, wirb dankbares Kind ber Erde unb Sonne, fühlt Ver- waiidt chaft mit allem Lebenben unb lernt bie Sprache ber Mutter Erbe rmeber verstehen. Sie wirb Kinb, Welle, Wolke, Lieb, sie singt unb träumt, sie erlebt Sagen unb Wunder. Wie alle Dichtung Erinnerung ist, so sinb'die seltsamen Regungen und phantastischen Träume, die in solchen Sonnenstunden in uns spielen, Erinnerungen an fernstes Ehemals, an Schöpfung und Urzeit, an den „Geist über den Wassern ... Ein leiser Luftzug weckt mich auf. Der See beginnt sich in unendlich feinen zarten Linien zu träufeln, die Wolken über dem Gebirge haben sich vereinigt und wachsen mit stummer Eile himmelan, werden dunkel und drohend. Bald wird es Donner und Wind geben, vielleicht Sturm. Wie bas im Luftreich arbeitet, strebt unb brütet! In Eile werfe ich die Das ersehnte Gewitter. Von Friebrich Theobor Vischer. Es glüht das Land, es lechzet Die ausgebrannte Au, Jedwedes Wesen ächzet Nach einem Tropfen Tau. D Himmel, brich! Erschließe Dies Blau aus sprödem Stahl, Nur Regen, Regen gieße Herab ins schwüle Tal! Er hört. Im Westen webet Und spinnt ein grauer Flor; Er ballt sich, schwillt und schwebet Als Wolkenberg empor. Jetzt mit den Feuerzügeln Fährt auf der jähe Blitz, Und auf den luft’gen Hügeln Löst er fein Feldgeschütz. Heut hat man baß geladen. Es zuckt wie gestern nicht In fahlen Schwefelschwaden Ein stumm verglühend Licht. Wild schießt ber Strahl, ber grelle, Aus dichter Wolkenwand, Rings lodert Geisterhelle, Der Himmel steht in Brand. Es kracht. In Ketten wandern Die dumpfen Donner fort. Von einer Wacht zur andern Rollt hin das Schlachtenwort. Was atmet, rauscht und sauset? Frischauf! Der Sturmwind naht, Der Wald erbebt und brauset. In Wogen geht die Saat. Schon dampft ein Meer von Würzen Aus der behauchten Welt, Und satte Wetter stürzen Auf das geborftne Feld. die ich besitze, ist es das einzige, das fern von fern von den Geschäften des Alltags draußen .... — -------- wie ein Stück Natur, wie ein Baum oder ein Tier. Es ist vielleicht auch von allen Dingen, die ich besitze, das einzige, an welchem nur schöne, reine, liebe Erinnerungen hängen. Mein Boot hat mich wohl schon traurig, nachdenklich ober mübe gesehen, aber es sah mich nie verdrießlich, ängstlich, mißmutig, hastig unb zornig. Es ist mir auf ungezählten Fahrten lieb unb vertraut geworben, ich kenne alle seine Fähigkeiten unb Vorzüge, auch seine wenigen kleinen Fehler, es hat mir hunbertmal genügt unb mich hunbertmal erfreut unb vergnügt, unb ich habe es geschönt unb gepflegt, mit Teer verdichtet, mit schönen Farben bemalt und jedesmal am Strande zu einem sicheren, sandigen unb guten Lande- Unbegreifliche Vergangenheit! Alexander der Große und der Perser- könig Darius sind mir nicht ferner und merkwürdiger und Unverstand- sicher, als es ber heutige Morgen unb ber gestrige Abend ist. Was tat ich? Ich weiß nicht mchr; vielleicht Briefe schreiben, vielleicht Bücher lesen Warum tat ich es? War es notwendig? War es gut? War es unnütz und schädlich? Ich weiß es nicht. Ich weiß aber, daß jetzt in dieser gegenwärtigen herrlich schönen Stunde bie Mittagssonne mir bie Arme unb das Gesicht noch brauner macht, daß auf der weiten Wasserfläche unerhörte, fabelhafte Farben spielen und inbrünstig glühen, daß aus der glühenden, strahlenden Höhe Gott herabschaut in dies Tal unb Gebirge unb diesen See und seine Ufer samt Dörfern, Klöstern, Hosen und närrischen Menschen mit Wohlgefallen unb Güte betrachtet. Unb ich weiß auch, daß alles, was ich in biefer Stunde, sehe unb lebe unb tue, gut unb notroenbig unb köstlich ist. _ ... Denn jetzt sehe ich Gott in bie Augen; jetzt redet der Geist der Erde und der Geist ber Höhe, ber See unb bas weithingeftreckte Gebirge mit mir Jetzt bin ich kein einzelner, keine Persönlichkeit, kein ängstlich abgetrenntes unb untergebenes Wesen mehr, sonbern einfach ein Kind ber Erbe, bas keine eigenen Gebanken unb Wünsche unb Sorgen hat und hingegeben dem größeren, reichen Leben ber Stifte unb Wasser, Wolken unb Wellen zuschaut. . Unb nun habe ich unvermerkt bie Seemitte erreicht. Dorf unb Kirche des verlassenen Ufers sind ferngerüctt und klein geworden, die Gebüsche am Strande fließen ineinander, und über bie Hiigelhöhe hinweg, bie nock vor einer Weite bie höchste war und scharf im Blauen stand, sehe ich jetzt ferne Berge ragen, Berge mit dunklen, weichen Waldrticken und andere mit steilen Felshängen. Weit um mein Boot her glänzt ber unbewegte Wasserspiegel, unb nach wenigen Augenblicken bin ich ber Kleiber lebig, habe ben köstlichen Sprung ins Kühle getan unb schwimme ziellos in dem weichen, burchsichtig reinen Wasser bahin, in Bögen unb Kreisen, balb heftig schlagend und plätschernd, bald unhörbar, leise und heimlich. Mein weißes Boot ruht leicht und schwebend auf der Fläche und spiegelt seine lichten, besonnten Flanken wie ein schöner, Sommer — Sommer! Von Hermann H e s f e. Still löse ich bie rostige Kette vom alten Baumstamm, schiebe mein leichtes Ruberboot ins Wasser, knie hinten aus unb stoße vom Strande ab. Der See liegt weit hinaus spiegelglatt und flimmert 9™n . Die Sonne brennt in voller Mittagskraft herunter und der eifte tige Seerand spiegelt einen blauen, leuchtenden, von feftgeballten schneeweißen Sommerwolken durchzogenen Himmel. Hinter mir entweicht das schattige Wiesenufer mit hohen Pappeln und breiten, alten, tiefhängenden Weiden, und mit dem Ufer sticht ch bas zurück, was mir dort am Lande Arbeit unb Freuden, Sorge macht. Es wirb fern unb unkenntlich versiert an Wichtigkeit unb Wert, unb je weiter ich in ben blenbenben Brand derFarbenunb Stifte hineinfahre, befto frember, älter, unbegreiflicher wirb bas kaum '^Ät alles, wie ich es liegen sieh. D° «egen Bnef« auf bie ich antworten soll, und Rechnungen, die ich bezahlen "nd Einladungen, denen ich folgen soll, angefangene Arbeiten und aufgeschlagene Bucher Alle diese Dinge cheinen mir, indes ich lang am feemar s rubere, ura unb wesenlos, töricht unb unnötig einer, ionberbar entarteten Äelt zugehörig, ber ich entronnen bin unb bie ich Nicht weh L - ; . Kohlenhänbier will Gelb von mir, weil ich vorigen ®inter mit fetne Kohlen eingeheizt habe. Ein Verlagsbuchhanbler will ich f märe. der ein neues Buch schreiben — als ob das ein Sommerv 9 9 » ein Freunb verlangt Auskunft über dl« hiesigen W°hn- und Steuer Verhältnisse. Ist das nicht alles lumpig, lächerlich und wertlos. Ueb blaut in ungeheurer Weite unb Glut ber uwsimist. d, h g • Wolkm schreiten ihren uralt heiligen Reigen stille Berge stehen kühn unö unveränberlich — wie ist es möglich, bah danede Men'chen- komische Bagatcllenkram ber kleinlichen Menschengesch s mi« alles forgen besteht! Rein, er besteht nimmer; er ist uuterllegangen e aU - Lächerliche untergeht, ist zu Sage, Traum unb unbegreiflicher Vergangen heft geworben. schwimmenber Vogel. Wie habe ich bas kleine, schmucke Fahrzeug lieb! Von allen Dingen, bas einzige, bas fern von Haus und Zimmer und ften des Alltags draußen lebt und meiner wartet Kleider um fege bk Ruber aus unb trete bk Heirnsahrt an. Das Sce- oekräukl wird zum Wellenschlag, doch sind die Wellen noch klein und rund und geben wenig Widerstand. Mein gutes Boot sahrt rasch darüber hin, und ehe noch die ersten Regentropfen sollen und das Wasser am User zu branden beginnt, sind wir im Hafen. Heimkehrend finde ich Bücher, Briefe und Rechnungen auf meinem Tische liegen, fange ungern zu arbeiten an und werfe nach cmer Drertel- stunde das ganze Zeug wieder von mir. Das Verständnis für die Notwendigkeit dieser törichten Dinge ist mir noch nicht wiedergekehrt. Draußen ist ein wütender Gewitterregen ausgebrochen, die Dorfgasse ist em gelber Bach, und die Dächer glitzern weih von den aufprallenden Güssen. Drüben iiberm See blitzt es und donnert prächtig, und mich faßt wie in ftnabeiv zeit bei diesem Toben ein übermütiges Frohgefühl. Pfeifend ziehe ich hohe Stiefel und eine Lodenjacke an, drücke den Filz auf den Kopf und wandere ohne Ziel in das laute, herrlich zürnende Gewitter hinaus. Max Liebermann. Zum 85. Geburtstage des berühmten Malers. Von Dr. Paul Landau. Max Liebermann hat jetzt jenes tizianische Alter erreicht, das die Natur 'nur ganz selten einem ihrer Lieblinge beschert, und wie dem Größten der venezianischen Malerei ist es auch ihm vergönnt, seine Kunst zu immer höheren, immer reiferen Leistungen zu steigern. So ist sein Bildnis des Chirurgen Sauerbruch, das jetzt auf der vorn Verein Berliner Künstler veranstalteten gewählten Ueberschau seiner Portratschöpfungen zu sehen ist, in gewisser Hinsicht eine Krönung seines Werkes, denn der Fünfundachtzigjährige hat hier im psychologischen Ausdruck wie in der farbigen Behandlung ein Meisterwerk vollendet, das den Gipfel seines wundervollen Alters-Stils darstellen dürfte. Wenn man auf dieser Ausstellung die Entwicklung seiner Menschengestaltung von dem großartigen Jugendbildnis der Eltern durch vier Jahrzehnte verfolgt, so wird einem die ungeheure Leistung dieser Persönlichkeit so recht klar. Während bei andern großen Malern der Charakter und der Mensch hinter der bunten Welt der Schöpfungen zurücktritt, gehört Liebermann zu jenen seltenen Naturen, deren stetes inneres Formen an sich selbst, deren scharfe Selbstkritik und unablässige Arbeit an der eigenen Entwicklung das Gesamtwerk beherrschen, das sie dem spröden Gehalt ihrer Seele abzuringen, ja abzutrotzen wissen. Man darf ihn in diesem „Geschäft des allmählichen Sichläuterns und Emporbildens mit Schiller vergleichen, denn die klare Verstandeshelle des Schaffens, der nie ermattende Fleiß, die bewußte Begrenzung und Konzentrierung des Weltbildes lassen Liebermann diesem Meister der beherrschten Schöpferkraft verwandt erscheinen. Liebermann hat in unserer Zeit die schwere Kunst vollbracht, durch vollkommene und weise Ausnutzung aller Kräfte seinem starken Talente Werke abzugewinnen, die die Größe und Ruhe des Genies haben. Indem er nichts von seiner ursprünglichen Begabung verschwendete oder verlor, sondern alle Einflüsse und Eindrücke ins Persönliche, ihm Eigentümliche zu wenden vermochte, schuf er eine innere Kristallisation, spitzte die Pyram'he seiner Entwicklung — um ein Wort Goethes zu gebrau- ■ chen — zu einer Höhe, in die kein Mitschafsender ihm nachfolgte. Als ein Meisterstück geistiger Oekonomie und künstlerischer Formung wird sein Lcbe.i kommenden Generationen zum Vorbild und Muster dienen. Früh hatte der junge Maler erreicht, worum andere sich lange mühen und was sie dann vollkommen besriedigt und ausfüllt: eine tüchtige Technik, eine schöne Harmonie. In jenen siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts, die uns heute als eine besondere Glanzzeit der malerischen Kultur erscheinen, wuchs er erstaunlich schnell heran. Die Werke des Zwanzigjährigen sind bereits wahre Wunder des Könnens und die „G ä n fern p'f e r i n n e n" von 1872 gehören in der Sicherheit der Zeichnung, der Schärf» der Charakterisierung zu den besten Arbeiten jener Epoche. Aber diese Jugendentfaltung war nur der Auftakt, gleichsam das Vorspiel seines reichen Künstlerlebens. Liebermann war das nicht genug, womit andere ihr Leben lang zusrieden gewesen wären. Seine Lehrjahre begannen erst. Er lernt bei den Meistern von Barbizon, lebt sich in die Anmut Corots hinein, wird von C o u r b e t s Wucht ergriffen und fühlt sich unbezwinglich zu der großlinigen Ruhe Millets hingezogen. Die Toten und tue Lebendigen mußten ihm Hilfe und Rat leihen, auch in Holland, dem Malerparcidies, in das er dann immer wieder zurück- gekehrt ist. Rembrandts Radierungen, die ihm eine Welt des Raumgefühls erschlossen, Frans H a l s' Impressionen, an denen er mit dem Geist und der Seele malen lernte, die innige weiche Art Meister Israels' fingen ihn in ihren Bann. Und.er hatte zum Schwersten den Mut, sich selbst aufzugeben, um sein höheres Ich zu finden. So hat dieses geistreiche, von sunkelnden Gedanken durchsprühte, nervöse Temperament gegen die eigenen Neigungen gekämpft, im bescheidenen Sichhingeben an andere die Tiefe der eigenen Natur entdeckt. Ursprünglich lebt in Lieb ermann eine Sucht nach blendenden Apercus, nach witzigen Einfällen, wie sie manche frühen Bilder, z. B. der „Christus im Tempel", zeigen. Er hätte ein zweiter Menzel werden können, aber er wurde ein andächtiger Schilderen der stillen, großen Natur. Verleugnet er so kurze Zeit seine Individualität, um von fremden Meistern zu lernen, so ringt sich doch allmählich sein eigenes Wesen durch. Da lockt ihn in dem Bild der „K a r t o f f e 11 e f e n b e n Bauern" die Weite des Raumes, in dem die gebückten Gestalten mit Wald unb Feld der reichgegliederten Landschaft sich zusammenschließen; ein Jahr später stellt er nur noch eine Gestalt ins weite Feld gegen den dunklen Baum- ftreifen, die ganze schwere Stimmung groß zusammenfassend. Die Kunst Millets hat in ihm den bewußt stilisierenden Künstler entbunden, aber er steigert nicht seine Bauern zu Propheten und Heroen wie der Maler des „Angelus'ft er bleibt einfach und schlicht, wenn er die lebensprühende, kraftdurchwogte Gestalt seiner „N e tz f 1 i ck e r i n" gegth jagende Wolken, in den sausenden Sturm stellt, wenn er in der „Frau mit Ziegen" die Menschennatur sich aufrichten läßt, ohne allen Schwung, doch zäh und hart gegen die engen Linien der Düne, oder wenn er Öen „alten Mann" müde hinsinken läßt, umfangen von der Heimaterde, der er entsprossen ist unb zu ber er zurückkehren wirb. Es ist nichts von ber grandiosen Geste des Franzosen in diesen machtvoll reifen Werken, aber etwas Inniges, Stilles, ein Zusammenstimmen von Natur und Mensch in einer ekrlich.'n pantheistischen Harmonie. Nach dieser schwer errungenen Höhe ist Liebermann in seiner Kunst unbeirrt mit seinem zähen Willen und seinen Geschmack weitergeschritten. Er hat sich mit M a n e t und D e g a s auseinandergesetzt, fand in jenem Stil, den man impressionistisch genannt hat, sein persönlichstes Mittel, eine eigenste Technik. Seine geistvoll nervöse, von schnellen Einfallen ,elebte, in Skizzen und Studien unerschöpfliche Natur, die er zurück- gedrängt hatte, trat mehr in einer freien beseelten Form hervor. Der Zeichner ber aus wirren Strichen und Wischern mit scharfem Auge und Gedächtnis eine Welt von Szenen und Stimmungen auf dem Papier hervorzaubert, feiert nun seine Triumphe, und der Maler umhullt seine Gestalten mit dem leichten Spiel der Lichter, dem Hellen Tanz der Sonnenslecken, dem duftigen Schleier der Schatten. Luft und Leben chliehen die Massen und Formen zur höheren Einheit zusammen. Seine erst mehr schwere und dunkle Palette ist nun aufgelichtet und entfaltet einen bunten, dlumenhaften Reichtum: immer größer wird die bezwingende Allgewalt seiner Pinselführung, die Feinheit seiner ganz unmateriell erscheinenden Technik. Und wieder wird ein Höhepunkt erreicht um die Jahrhundertwende, eine neue Blüte seines Schaffens, die sich ankundigt in dem reichbewegten Bild der „Badenden Knaben" in den „N e i t e r n a m S t r a n d e", die so leicht, so frei aus Meer und Himmel, Wolken und Wind hervorwachsen. Im 20. Jahrhundert hat ber Meister sein Höchstes im Porträt und in der Landschaft geleistet. Seine Kunst, mit den einfachsten Mitteln, in scharfer Sink und mit einem Nichts von Farbe einen Menschen hinzustellen, wird immer reifer und sicherer. Diese großartige Portratgalerie bedeutender Menschen, die unvergängliche Chronik einer ganzen Epoche, beginnt etwa mit den Bildnissen von Wilhelm von Bode und Alfred v o n B e r g e r und geht durch alle Jahre fort bis zu den letzten Schöpfungen in der neuen Ausstellung. Wie gelingt es ihm, das Charakteristische und Individuelle des Einzelnen festzuhatten und doch stets ein geschloßenes Kunstwerk zu schaffen! Die Größe von Liebermanns Menfchengeftaltung offenbart sich besonders in der langen Reihe seiner Selb ft portrats. Er hat sicb immer gern selbst gemalt, in jugendlicher draufgängerischer Frische in ernstem Mannesalter, aber niemals vorher reicht seine Kunst so ins Ewige wie in den Selbstbildnissen seines Alters, in denen er ganz reif geworden ist und ganz ruhig, ganz schlicht und ganz innerlich. Es find Werke von einer so warmen Menschlichkeit und so strömenden Fülle des Gesühls, wie man sie von diesem zurückhaltenden Geiste nicht erwartet hätte Und eine Beruhigung der Formen, eine Verinnerlichung der Farbe bringen auch die Landschaften, die der Unermüdliche in den letzten Jahrzehnten geschaffen hat. Er hatte sich während des Krieges und nachher immer mehr auf feinen Garten und auf die Umgebung seiner Villa in Wannsee beschränkt. An die Stelle nervösen Lebens, sprühender Lichter tritt nun ruhig sich breitender Sonnenschein, manchmal angehaucht von einem kühlen, herbstlichen Ton. Statt der weiten Fernen, der kühnen Raumwirkung nunmehr die idyllische Nähe stillen Betrachtens, der Reiz stillebenhafter Farbenbuketts, die zärtliche Behutsamkeit des Greises, die uns an den Spätstil Manets gemahnt. Wie hier in den Bäumen und Beeten sich die Schönheit Ser Erde so rein und klar spiegelt, das führt zurück auf jenen Grundton, der letzten Endes das ganze Lebenswerk Liebermanns beseelt, der in feinen wundervollen Aquarellen und Pastellen, den Radierungen und zahllosen Zeich-, nungen lebt; cs ist bas Sicheinssühlen mit der Natur; der seelische Zusammenklang mit dem All, wie er seinen großen Lehrmeister Rembrandt und dessen Landsmann Spinoza, wie er Goethe durchpulst. Zu diesem pantheistischen Weltempfinden hat er sich selbst einmal in einem „Credo bekannt wenn er jagt: „Nur wer den Odern Gottes in der Natur spurt, wird in' Wirklichkeit lebendig gestalten können, nur der Pantheist; und darin schein! mir der Grund für die unbegrenzte Verehrung zu liegen, die Goethe Zeit seines Ledens für Spinoza empfunden hat. Der Künstler erfaßt die Wirklichkeit als Werdendes, nicht als Gewordenes. Gefühl ist alles: seine Gefühle auf Begriffe bringen, macht den Philosophen, seine Gefühle gestalten, den Künstler." Am amerikanischen Nil. Von Joses Ponten. Der Nil ist die große Oase Nordafrikas, eine Flußoase. Er wird genährt von den abessinischen Gebirgen. Ihm entspricht in Amerika der R i o Grande del Norte, gespeist aus dem südlichen Felsengebirge. Beide Ströme sind in ihrem Unterlauf ohne Nebenflüsse. Sie unterscheiden sich dadurch, daß die Fruchtbarkeit der Niloase nicht nur auf dem schwellenden Wasser der Schneeschmelze, sondern auch auf dem mit« geführten unb im überschwemmten Lande niedergeschlagenen Schlamm beruht, während die der Rio-Grande-Landschast nur dem ziemlich stetigen, durch Abzapfung und Ableitung genutzten Wasser gedankt wird. Im wesentlichen aber sind Nil und Rio ähnlich: beide sind auch in den Trockenzeiten ausdauernde Flüsse in Durftlänbern. Da die zwei Haupt- fultoren ber Fruchtbarkeit Feuchtigkeit unb Wärme sind, so ist im allgemeinen die Wüste, die Wasser hat (fließendes Wasier, denn stetiges oer- dampst zu Salz), wider alles Laienerwarten sehr fruchtbar. Eine Schwärmerei hat der Wiiftenreisende für den Oasenfluß; sie braucht nicht begründet zu werden. Nach tage- und wochenlangem Anblick von braunen, gelben und roten Sanden ober grauen Krautsteppen erfrischt der bloße Anblick von fließendem Wasser das Gemüt, man wird es nachfühlen. Wir kamen an den Rio Grande bei Norte nach langer Kraftwagenfahrt durch die Steppen von Texas bei dem ordentlichen Städtchen Del Rio und gingen über ihn ins Mexikanische hinüber in ein malerisches Nest, wo wir scharfgewürzte mexikanische Fischgerichte In Teig- oder Blätterumhüllung aßen und wieder einmal Wein tränten. Dunkle Manner unter riesigen Filzhüten gingen an der offenen Schenke vorüber. ®s war Frühnacht, und wir hörten vom Fluh mehr denn wir sahen, als wir -renzen. Fenster auf! Denn diese waren alle geschlossen worden, um mit hohlem Wugeninnern dem Wind keinen Hebepunkt zu bieten. Der Schweiß 30g 8äche über die sandbedeckten Stirnen. Das Innere des Wagens war so mit Sand bedeckt, daß, als über einem unbeobachteten Loch der Wagen iinen Hopser machte, eine Wolke von Sand aus den Polstern aufrauchte. wund, Argen, Ohren voll Sand. Die Uhren in der Tasche hatte ein- ’.tbrungener Sand zum Stehen gebracht. Die photographischen Apparate •i ihren Kasten, die Kleider in den Koffern, wie sich nachher heraus- Mte — in allem war Sand. . .. Und die Fußbremse versagte. Der mehlfeine Sand war auch in die Bremsgeftänge eingedrungen und hatte die Schmierbüchsen oersiopst. Da '"eß es mit dem Del freigebig sein. . . . , Man wird mir die Genugtuung glauben, die wir empfanden, als wir :>n die Flußoase kamen. Kamen? Aber der Verkehr wurde, eines Strecken- aus wegen, für eine Meile durch die Wüste umgeleitet Bald saßen nur 1,1 den Sandschanzen fest. Erster Gang und Vollgas — doch die Maschine iiab einige erbärmliche Töne von sich, die Hinterräder drehten sich im Leeren — im Sand. Noch einmal der Versuch, und wieder, das Getriebe 5"9 sich hoch — der Wagen stand. Hinaus und mit den Händen den Bädern Bahn gegraben. Der Sand war heiß von der Reckung der Rader m -hm — umsonst. Vor uns steckte ein Omnibus in der Wehe, und hinter »5 war bald eine Kolonne von anderen Wagen aufgefahren. Und alle Maschinen sangen. Und alle Hände gruben. Wir sind erst losgekommen, als wir dornige Trockengewächfe der Halb- ^ppe herausrissen und sie in die tiefen Spuren vor den Radern stopsten. y°r uns wackelte der Omnibus durch die Hügel der Hartgewachse. Schuetz- ch brachte die brave Maschine uns hinaus auf das Harte der »traBe. Die Oase! Oase ist eines der kostbarsten Worte des Menschen..Da war '» Rio abgeleitet, in breiten Kanälen floß das starke Wafser entlang den Listen des Tales und netzte durch wohlregulierte Auslasse den Tnlgrund. Land war rot. Und Grün stand darauf, Grün von einer Farbkrast man sie sich nicht denken kann. Und Pfirsichbaume und Pappeln. Uns _ „Der ° Paß"' van Mexiko. Eine eintönige, ordentliche, amerikanische Madt, ihre Ordentlichkeit hat sogar auf das über dem Rio liegende ^exikanifche Juurez abgefärbt. Eisenbahnzuge einer uns nur zu gut oe- innten Art rollen hereini der erste Teil der Züge bestand aus Personen' »°gen mit Männern in Khaki an den Fenstern, der zweite aus offenen ' oren mit Kanonen darauf, der dritte aus geschlossenen Loren a^ den Schiebefenstern steckten durstige Pferde die Kopfe. Denn drüben in Mexiko *Qr Bürgerkrieg, und die Union schützt ihre Grenzen. Aber die Holzbrücke ins Amerikanische zurückgingen. Dann mußten wir oon neuem in Steppen, Prärien und Wüsten hinein, wir kreuzten trockne bunte Canontäler und auch das nasse des Nebenflusses des Rio Grande, Vas des Rio Pecos. Ihn überschritt nach Westen, heißt es, einstens einmal der Bison auf seinen Jahreszügen durch die Prärien — als das heilige Tier der Indianer noch nicht der furchtbareu Dämonie des Schießgewehres der Weißen erlegen war. Wir kamen in phantastische Landschaften des Trockenklimas, bunt von Farbe und abenteuerlich oon Form. Die meist schwarzen und fast immer jarten Stoffe eines späten Vulkanismus lagen über den hellen Sanden und Mergeln eines Binnenmeervermächtnisses. Sonnenauf- und -Untergänge überfärbten das farbenreiche Land. Aber an den grellen Mittagen und ersten Nachmittagsstunden mit einförmigem und ertönendem Licht war das Steuern für den Führer eine nur halbe Luft, die zur Augenqual wurde, wenn die Westfahrt genau in die gleißende Sonne hineinging. Man schützte sich mit grünem Stirnschirm aus Zelluloid und gelben Augengläsern; aber es kam wohl vor, daß gehalten werden muhte und der Fahrer um zehn Minuten Ruhe bat und, das Gesicht in den dunklen Wagen gekehrt, sofort in einen kurzen erregten Schlaf fiel. Doch das Licht war nicht allein die Mittagsqual. Um Mittag erhebt ich, wie meist in heißen trockenen Ländern, der Wind. Die durch Boden- irahlung erhitzte Luft steigt auf und rührt sich durcheinander. Sand- jofen stehen in der Wüste auf, im sonnenklaren, weiten, grenzenlosen Üanbe ziehen sie wirbelnd ihre Straße, und es ist oftmals nicht durch wngsamer oder schneller Fahren zu vermeiden, daß der Wagen in den n seinem Gang nicht berechenbaren Wirbel hineingerät. Dann wird es einen Augenblick kühl, der Sand reibt auf Haubenblech und Scheibe, knirscht auch bald zwischen den Zähnen und wird aus den Augenwinkeln gerieben. Früher, als die Lackfarbe des Wagens noch nicht gebrannt wurde, ereignete cs sich, daß Kraftwagen aus einem solchen Sturm, durch bas Sandgebläse nackt gemocht, in der reinen Aluminium- oder Blech- jiirbe des Aufbaus herauskamen. Immer sieht man in der Stunde der hohen Sonne die gelben Sand- iojen durch die Landschaft tanzen, und öfter erblickt man auch Sand- äürme, breite, dunkle, gewitterbahnähnliche Gebilde, wie sie über die »lauen fernen Randgebirge herauf- und fernabziehen. Ziehen sie nicht iitrnou und fürchtet man ihr Herüberkommen, so sucht man wohl einen Unterstand. Aber wo finden? Meilen um Meilen entfernt liegen die Siedlungen, man fährt wohl zehn, auch zwanzig Meilen nach der Karte, »uf der ein „Ort" eingetragen ist, und findet vielleicht eine einsame ■ Lenzinstation. Einmal stieg die dunkle Sandwand gerade vor uns auf, der nächste 3rt vor uns, ob auch weit entfernt, war näher als der nächste hinter 1 uns In jedem Falle würden wir in den Sandsturm hineingeraten — iso hindurch! Die Temperatur fiel. Die Sonne verschwand. Die Luft wurde undurchsichtig. Die Nähe verhüllte sich tief. Und dann kam der Sturm. Er überschüttete uns mit Sand. Es war so unsichtig vor den l Augen, daß ich nur wenige Meter über den Kühler hinausschauen konnte mb aufs Gratewohl und auf gut Glück fuhr. Es war mir bekannt, daß m diesem Amerika, in dem der Wind im Durchschnitt und allgemeinen ie doppelte Stärke des Windes in Europa hat, Kraftwagen vom Sturm vohl aus der Bahn gehoben, fortgeschleudert und auch zertrümmert wer- en. Aber dieser Sturm war nur schwach... Die Wand war bald durch- ühren, die Sonne erschien wieder, eine rote Scheibe in der Sandlust, die Atmosphäre beruhigte sich, Sand und Sturm waren hinter uns. Am anderen Tag fahren wir im Riotal nach Norden. Ja, das ist der Nil! Eine langgestreckte rote Oase mit dem intensivsten Grün der Pflanzungen und so breit ober schmal, wie das Wasser zugeführt werden kann. Darüber hinaus Wüste, beschlossen von schonen, kahlen Bergen mit spanischen Heiligennamen. Die Dörfer gesund und stattlich, die kubischen Häuser wie in Aegypten aus Lehm, der an der Sonne steinhart wird, erbaut, die Männer in riesigen Sombreros, die Frauen in bunten Seidenschals, denn es ist Sonntag. Auch die Kirchen aus Lehm, die Mauern geböscht wie die der ägyptischen Steintempel, denn diese für den Sseinbau unnötige Böschungsformen ist in Aegypten Ueberlieferung aus dem Lehmbau. Die Pfirsichbäume blühen zartrot, die Pappeln, cottonwood, Baum- wcllbaum, geheißen wegen der flockigen Blüten, führen mit zarten Grün den Blick weit hinauf, wo man den Rio nicht mehr steht, als Begleiter des Flusses. Der graue Baum mit der rissigen Rinde ist der Charakterbaum dieser Wüsten; er steht immer dort, wo offenes Wasser ist. Es ist ohne Frage derselbe Baum, den Hedin aus den Wüsten in Turkestan und den Tarim entlang abgebildet hat. Die Straße, dem Wohlstand und dem Verkehr der dicht besiedelten Gegend entsprechend, ist in gutem, ja in bestem Stand. Auf der Zementdecke dahingleitend, die Morgenso'nne im blauen Gezeit über uns — und Sonntagsstimmung und die Genugtuung über die Oase nach der Wüstenfahrt in uns — es war eine herrliche Fahrt! Die Maschine hatte ihre Anstrengung von gestern und vorgestern vergessen, wie wir. Aber es kam wieder der Mittag und sein ödes Licht, die Landschaft wurde von Bewohnern leer, die Menschen gingen in die Kühle ihrer fast fensterlosen Häuser, Sandhosen standen wieder am Rande der Wüste auf und wagten sich auch in die Fruchtgelände, wo sie, ungenährt, bald zu- sammenbrachen, die schonen, farbenfrohen Vogel Amerikas, „redwinged blackbirds“ — schwarz mit roten Streifen auf den Flügeln gleich Ehrenlegionsbändern auf Fräcken — „bluebirds“, taubengroße Vögel vorn herrlichsten schimmernden Blau, suchten den Baumschatten; aber wir Reisenden mußten fahren. Der Abend ist das Herrlichste in der Wüste. Es ist, als ob die Natur durch Kühle der Luft und Entfaltung von Farben um Vergebung bitten wollte für das, was sie am Tage dem Auge und Gemüt des Reifenden auszustehen gegeben hat. Den Fluß mit den zarten Farben feiner Vegetation mußten wir verlasfen, denn Terrassen, die er in diesen stofflichen Niederschlägen eines tertiären, einst zwischen den Randbergen stehenden Binnenmeeres ausmodelliert hat, schoben sich heran, und es ging hinauf und hinab durch die trockenen Täler der Zuflüsse der Regenzeit auf nicht ungefährlichen Wegen. Die Hupe tönte unaufhörlich von den riesigen Nasen der Krümmungen. Aber die am gänzlich wolkenlosen Himmel in Gelb und Gold untergehende Sonne zauberte ein Blau und dann ein Violett über die Berge, wie wir es wahrlich niemals gesehen haben. Reste von Veilchen waren die Berge. Bald aber flieg im Osten über dem tiefen Bergblau das kalte, leere, leichte Blau des Schattens herauf, den der Ball der Erde wirft, der kosmische, flachrunde Schatten stieg in dem Maß, in dem im Westen die Sonne unter den Horizont tief und tiefer versank, im Osten hoch und hoher, und die Sterne der erlösenden Nacht blinkten herein und immer stärker herein. Als sie spitzen und „Nun zur Zur „Wald- und Wafferfreude". Novelle von Theodor Storm. (Fortsetzung.) mit der Sonate fertig waren, hob Kätti sich auf den Fuß- langte über dem Klaviere ihre Guitarre von der Wand. Belohnung!" sagte sie, lächelnd auf ehren Spielgenossen blickend, und dieser, als ob er nun das Höchste leisten müsse, drehte emsig an den Stimmwirbeln, klimperte und strich und drückte fast das Ohr an seine Geige. „Strittet — Strafet!" rief wiederum die junge Stimme; da kletterte er eilig von feinem Thron herab, und bald wanderten trie beiden nebeneinander im Saale auf und ab; sie leicht dahinschreitend und mit ihrer lichten Sopranstimme singend, daß es von den leeren Wänden schallte; er mit seinem lahmen Fuße stets nach einer Seite wippend und zu ihrer Gitarre begeistert feine Geige streichen di Was hatten sie nicht alles schon gefungen, den „Jäger aus Kurpfalz" nicht weniger als „So viel Stern' am Himmel stehen". Plötzlich mitten in einem Schelmliedchen brach sie ab; „Sträkelstrakel!" rief sie, indem sie stehenblieb. Er war in seinem Perpendikelgange schon um ein paar Schritte weiter; als er Posto gefaßt hatte, wandte er sich um, und -das schlichte, staubfarbene Haar von seiner mageren Nase streichend, erwartete er ehrerbietig das Orakel aus ihrem jungen Munde. . „Peter Jensen!" sagte Kätti feierlich und nannte ihn bei seinem vollen Tausnahmen; „was kann Er geigen!" „O, aber Mamsellchen!" Und ist Er auch noch niemals draußen in der Welt gewesen?" "Draußen in der Welt? — Was sollt' ich da, Mamsellchen?" "Ja " jagte sie träumerisch und heftete die Augen auf das arme Körperchen des Musikanten, als wolle sie selbst das Wunder nun vollbringen; „wenn er doch jung und hübsch wär', Sträkelstrakel!" Er nickte nachdenklich, als ob ihm das schon wohl gefallen mochte. „Was bann, Mamsellchen?" frug er schüchtern. . „Dann — aber das versteht Er nicht, bann wollten wir beide mtt- oinander in die Welt hinaus!" Ex fugte nichts; er kniff die dünnen Lippen zusammen und sah sie halb anbetend und halb traurig an. Nun?" frug sie endlich. Der arme kleine Musikant hatte sie wirklich nicht verstanden, er fand es hier im Dorfe setzt so schön wie niemals noch zuvor bei seinen bald rterkia Jahren „Warum denn in die weite Welt, Mamsellchen?" Warum?" — Wer sie blieb selbst die Antwort schuldig; der Anfang eines Liedes tauchte plötzlich in ihr auf, -dessen Worte sie kaum jemals recht gefaßt hatte Wsi tastend griff sie einen Akkort und hob mit halber Stimme an: in »i «« * ti Ur ®ei 5re Ä dki Sei 5o( «ki $» Sei »i * «et Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — ®rud und Verlag: Drühl'lche Univerfitäts-Duch» und Steindruckerei, R. Lange, Gießer Geiger und einer --------- ....... , sich schauend, aber, gleich dem ansehnlicheren Bruder, von geschmeidigem Wüchse. Neben ihnen war noch eine Gitarrespielerin, ein blondes, bk- mögliches Ding, mit zwei blauen verliebten Augen; sie lief sogleich dnich. Hof und Haus und machte sich überall zu schassen. Ms draußen tet Mond am Himmel stand, schob sie ihren Arm in Kättis Arm und M diese mit sich in den Garten. „Komm," sagte sie, „ich muß meinen Mu11) einmal wieder laufen lassen; da drinnen die Gundel und ihr Brudn könnten einen schier zu Tode schweigen!" einanderfaltete, in der offenbaren Absicht, seinen Inhalt vorzutrage». Fräulein", sagte er demütig, „Sie werden mich nicht verkennen!" Gewiß nicht, Herr Petersen," erwiderte Kätti, indem sie das Bür neben ihm auf den Tisch stellte; der Unterlehrer erschien ihr noch wunde,, licher als ihr Vater. Herr Petersen räusperte sich und begann hierauf zu lesen; aber schm nach den ersten Versen — denn Verse waren es —, di« von der Seligleit des Himmels handelten, geriet er ins Stocken und wurde von irgetti« einer ihn bestürmenden Erregung so kirschbraun im Gesicht, bafj Kiuti sich im Ernst um ihn zu ängstigen begann. „Lesen Sie doch weiter, Herr Petersen," bat fie; „es klingt g«q hübsch; haben Sie das selbst gemacht?" Wer er wagte keinen weiteren Versuch; noch einmal, wie in getaut- samer Ermutigung, sah er sie mit ausgerissenen Augen an; dann drückte er hastig das Papier in ihre Hand, und Bier und Müße auf dem Tish im Stiche lassend, stolperte er auf seinen Plattfüßen eiligst die Steige nach dem Fluß hinab. Kätti sah ihm ziemlich gleichgültig nach; als sie jedoch in dem an »et« trauten Schriftwerk weiterlas, schlug eine flammende Röte ihr ins Ti< gesicht, auf dem großen Papierbogen in schulgemäßer Schrift und zwisch-a ausgelöschten Dleistiftlinien stand hinter der Seligkeit des Himmels ei ne unverkennbar irdische Liebeserklärung, der ein gut bürgerlicher Heirat»« antrag folgte. Ihre Hand ließ das Papier zur Erde fallen, und fast zuckle eins iw flinken Füßchen danach hin; aber es kam nicht weiter: Kätti schüttelte sich nur ein wenig; dann hob sie das verachtete Schriftstück auf und trug ,5 sorgsam in die Küche, wo eben ein einsames Feuer unter dem groben Jin mit in Srt ! ■OQt h 3ou M kn, Ein Vöglein singt so süße Vor mir von Ort $u Ort; D meine müden Füße! Das Vöglein singt so süße; Ich wandre immer fort. Sträkelstrakel hatte sich selig lauschend gegen die Wand g^nt, Geige ttnö Bogen müßig in der herab hä ng enden Hand. „Geht es nicht weiter r frug er leise, als Kätti nach dieser ersten Strophe schwieg. „O doch! Wer ich weiß nur noch das Ende! Dann griff sie wieder in die Saiten und fang aufs neue: Wo ist nun hin das Singen? Schon sank das Abendrot — Die Nacht hat es verstecket, Hat alles zugedeckei; Wem klag' ich meine Not? Kein Sternlein blinkt im Walde, Weiß weder Weg noch Ort; Die Blumen an der Halde, Die Blumen in dem Walde, Die blühn im Dunkeln fort. Von der offenen Veranda her erscholl ein lautes Händeklatschen: „Bravo, bravissin,o!" — Herr Zippel war während der letzten Strophe ein ungesehener Zuhörer gewesen und jetzt im besten Ansatz, seiner Begeisterung Lust zu machen. Wer Kätti hatte wohl diesmal kein« Neigung gehabt, den Reden ihres Baiers ftandzuhalten; als er in den Saal trat, fand er nur noch den kleinen Musikanten, der sich mit seinem blau- karierten Taschentuch die Augen wischte. * Das Einweihungsfest und noch verschiedene andere Feste, Wald- und Wasjerfahrten, waren unter lebhafter Beteiligung vorübergegangen; als dann der Winter seine dunkle Eisdecke über den Fluß breitete, standen Herrn Zippels fröhlich bewimpelte Zelte auf derselben, und aus der an der Flußmündung belegenen Nachbarstadt flogen Schlitten und Schlittschuhläufer ab und zu. Der hagere, milzsüchtige Pastor, der die neue Wirtschaft nie anders als „Zipperleins Wald- und Wasserleiden" nannte, hatte in seiner Sonntagspredigt schon die deutlichsten Anspielungen auf Sodom und Gomorra fallen lassen. Dann aber kam die trübe Zeit, wo alles in Tau- und Schlackerwetter untergeht, und dann der Frühling und der neue Sommer. Die goldene Inschrift über der Veranda hatte nun schon fast ein volles Jahr Glut und Winterungemach bestehen müssen, sie leuchtete nicht mehr so lustig wie im vorigen Sommer, und vielleicht mochte es damit zusammen- häng.'n, daß jetzt selbst an Sonntagen die Zahl der Gäste nur eine dürftige war, ja daß man allerlei unbillige und bedenkliche Vergleiche zwischen dem neuen und dein alten bäuerlichen Wirte anzustellen begann. Soviel war gewiß, Kätti hatte eine Menge Zeit und wußte nicht recht, wohin damit. Sie musizierte wohl noch an einzelnen Abenden mit Sträkelstrakel in dem leeren Saale, sie sang und spielte auch wohl einmal, wenn Gäste unter der Veranda saßen; aber sie tat 'das eine mehr, um die schüchtern fragenden Augen des kleinen Musikanten zu befriedigen, das andere nach dem Willen ihres Vaters, dem sie nicht entgehen konnte. Mit den Töchtern der Bauern wußte sie nichts zu reden und diese nichts mit ihr; nur der junge Unterlehrer, ein gutmütiger Mensch, mit Plattfüßen und gelbblonden Haaren, saß oft stundenlang neben ihr am Klavier und blickte, gleich Sträkelstrakel, in stummer Anbetung zu ihr auf. Aber was kümmerten sie eigentlich diese beiden Menschen! Manchmal nahm sie das kleinste der beiden weiß und grü-n gestrichenen Boote und ruderte den Fluß hinauf, bis wo am Ufer entlang sich große Binsenfelder streckten. Durch einige führte eine Wasserstraße wieder auf die Flußbreite hinaus; in anderen gelangte sie nach einer schmalen Oesfnung, durch welche das Boot, nur mit eingezogenen Rudern hindurchglitt, auf «inen stillen, rings umschlossenen Wasserspiegel. Hier an schwülen Sommernachmittagen, legte sie gern ihr Fahrzeug in den Schatten einer hohen Binsenwand; auf dem Boden des Bootes hingestreckt, 'die schmalen Hände über dem schwarzen Haar gefaltet, kannte sie ganze Stunden hier Derb ringen. Die Abgeschiedenheit des Ortes, das leise Rauschen der Binsen, über denen das lautlose Gaukeln der Libellen spielte, versenkte sie in einen Zustand der Geborgenheit vor jener doch so nahen Welt ihres Vaterhauses, in der sie immer weniger sich zurechtzufinden wußte. Da sie nach einer solchen Ausflucht eines Nachmittags durch den Garten ging, sah sie in einer der Lauben den Unterlehrer vor einem teeren Bierglas sitzen. Bei ihrer Annäherung stand er schüchtern auf. „O bitte, Fräulein," jagte er, „ich habe Ihrer lange hier gewartet." Da sie aber frug, was er denn von ihr begehre, stammelte er etwas und bat sie endlich, ihm ein Seidel Bier zu bringen. Kätti ging mit dem Glase in das Haus; als sie in die leere Gaststube trat, sah sie ihren Vater vor einem Papiere sitzen, auf dem er lebhaft mit einem Bleistift hin und wieder arbeitete. „Unauslählich!" murmelte er. „Unausläßlich! das reine Wald- unb Wiesenwasser! Daß einem das nicht schon im vorigen Sommer eingefallen ist!" „Was denn, Vater?" frug Kätti. Wer er beachtete sie gar nicht; sein schon recht grau gewordenes Haar mit allen Fingern in die Höhe ziehend, fuhr er fort zu murmeln und zu stricheln. Kätti zapste das Bier ei ' und ging mit ihrem vollen Seidel fort. Als sie im (Barten zu der Laube kam, stand dort der Unterlehrer und hatte gleichfalls einen beschriebenen Bogen in der Hand, den er eben aus« Kessel lohte. Noch einen Augenblick, und die Flammen hatten di« ungelegene Ito« beserklärung ergriffen; und Kätti schaute sorgsam zu, bis auch das letzt! Wort davon vernichtet war. --Am Wend dieses Tages hatte ein Bruchteil von einer w- sprengten Sängerbande sich ins Dorf verschlagen, und Herr Zippel Dir- säumte nicht, mit derselben für den folgenden Tag eine jener Festivität!! zu veranstalten, die so wenig den Beifall seines Seelenhirten fanden. Die Gesellschaft bestand zunächst aus einem Geschwisterpaar«, einen Harfenspielerin; letztere wenig hübsch und mürrisch mir, „Was schauen Sie mich denn so an?" fuhr sie fort, als Kätti ijjt< dunkeln Augen auf dem hübschen lachenden Antlitz rul>en ließ. „Meme Schwester hätten Sie sehen sollen; ach, war die schön! Nur gut, daß 4 nicht mehr neben der zu fingen brauche; sie hat einen reichen Mm» geheiratet; o, es heiraten viele von uns sehr reiche Männer!" „So?" sagte Kätti. „Wo wohnt denn Ihre Schwester?" „In Wien in einem sehr schönen Hause; ihr Mann ist ein berühnM Uhrenhändler." „In Wien?" Kättis Aufmerksamkeit wurde jetzt doch rege. „Komm«« Sie so weit herum?" — „So weit? Wir kommen allenthalben. Aber Sie singen um spielen ja auch; Sie sollten mit uns kommen; was wollen Sie hier lang" auf dem Dorfe sitzen! Ich freilich muß noch morgen von den ander«« i fort; ich muh zu meinem schwedischen Grasen, der erwartet mich!" „Ein Graf!" wiederholte Kätti voll Verwunderung. „Werden Sie p mit dem verheiraten?" „Weshalb denn nicht? Erst reisen wir zusammen auf ein paar Moe«« nach Baden-Baden." ,1 Kätti kannte den Ort aus ihren Geographiestunden. „Nicht toatHJ sagte Sie, „da, wo die vornehmen Leute Hinreisen und ihr Geld M1 spielen?" Die andere nickt. „Ich bin schon einmal dort gewesen; das 1oW| Sie sehen, die schönen Menschen, die großen Feuerwerke, als ab auf ew mal alle Sterne vom Himmel herunterfallen; wie in einem Märchrk sagt mein Graf." Noch lange gingen Kätti und die Gitarrespielerin Arm in Arm auf®' mondhellen Gartensteigen; der hübsche Plaudermund des fahrenden Mo» chens wußte immer Neues zu erzählen; vor Kättis Augen stiegen « Zauder der Ferne auf. Ein Vöglein singt so süße Vor mir von Ort zu Ort; sie wußte nicht, warum die Melodie ihr immer vor den Ohren summte j Etwa vier Wochen später und etwa zwanzig Meilen weiter südlich P deutsche Land hinein geschah es, daß eines Vormittags Wulf Fedders, »s einstige Primaner, jetzt doctor juris utriusque, in einer mittelgroßen StiU' l aus einem Wochenwagen stieg. Eine Weile sah er die Straße hinauf, eben Jahrmarkt war, wars noch einen Blick auf das Schild „Zum b.aifc' Löwen", unter dem der Wagen hielt, und trat dann ins Haus, um P. zur Weiterreise auf der von hier nach Norden hin beginnenden EisenvM' 1 zu stärken. In der Tür zur Gaststube ging ein etwas bleicher, aber stattlich sehender Herr an ihm vorüber, der sich sein weißes Schnupftuch gegen ' eine Wange drückte. Der junge Doktor sah das; aber er achtete nicht uw darauf, sondern setzte sich an einen Tisch und ließ sich auftragen. (Fortsetzung folgt.)