Nummer 5 Montag, den 18. Januar Jahrgang 1952 Gießener Aimlienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger dreimal so lange in das geaenüberstehende glänzende Goldblatt, in welchem sich die Sonn« brach. Im übrigen war es ein eigensinniger und zum Schmollen geneigter Junge, welcher nie lachte und auf Gottes lieber Welt nichts tat oder lernte. Seine Schwester war zwölf Jahre alt und ein bildschönes Kind mit langem und dickem braunen Haar, großen braunen Augen und der aller- weißestea Hautfarbe. Dies Mädchen war sanft und still, ließ sich vieles gefallen und murrte weit seltener als sein Bruder. Es besaß eine helle Stimme und sang gleich einer Nachtigall; doch obgleich es mit alle diesem freundlicher und lieblicher war, als der Knabe, so gab die Mutter doch diesem scheinbar den Vorzug und begünstigte ihn in seinem Wesen, weil sie Erbarmen mit ihm hatte, da er nichts lernen und es ihm wahrschein- licherweise einmal recht schlecht ergehen konnte, während nach ihrer Ansicht das Mädchen nicht viel brauchte und schon deshalb unterkommen würde. , < • s. u Dieses mußte daher unaufhörlich spinnen, damit das Sohnlem desto mehr zu essen bekäme und recht mit Muße sein einstiges Unheil erwarten könne. Der Junge nahm dies ohne weiteres an und gebärdete sich,wie ein kleiner Indianer, der die Weiber arbeiten läßt, und auch seine Schwester empfand hiervon keinen Verdruß und glaubte, das müsse so sein. Die einzige Entschädigung und Rache nahm sie durch eine allerdings arge Unzukömmlichkeit, welche sie sich beim Essen mit List oder Gewalt immer wieder ertaubte. Sie Mutter tocfyte nämlich jeben Mittag einen dicken Kartoffelbrei, über welchen sie eine fette Milch oder eine Brühe von schöner brauner Butter goß. Diesen Kartoffelbrei aßen sie alle zusammen aus der Schüssel mit ihren Blechlöffeln, indem seder vor sich eine Vertiefung in das feste Kartoffelgebirge hineingrub. Das Sohnlem, welches bei aller Seltsamkeit in Eßangelegenheitcn einen strengen Äinn für militärische Regelmäßigkeit beurkundete und streng daraus hielt, daß jeder nicht mehr noch weniger nahm, als was ihm zukomme, sah stets darauf, daß die Milch oder die gelbe Butter welche am Rande der Schüssel umherfloß, gleichmäßig in die ab geteilten Gruden laufe, das Schwesterchen hingegen, welches viel harmloser war, suchte, sobald hre Quellen versiegt waren, durch allerhand künstliche Stollen und Abzugsgräben die wohlschmeckenden Bächlein auf ihre Seite 3U toten, und wie febr sich auch der Bruder dem widersetzte und ebenso künstliche Dämme aufbaute und überall verstopfte, wo sich ein verdächtiges Loch »eigen wollte so wußte sie doch immer wieder eine geheime Ader des Breies zu eröffnen oder langte kurzweg in offenem Friedensbruch mit ihrem Löffel und mit lachenden Augen in des Bruders gefüllte Grube Alsdann warf er den Löffel weg, lamentierte und schmollte, bis die gute Mutter die Schüssel zur Seite neigte und ihre eigene Brühe voll m das Labyrinth der Kanäle und Dämme ihrer Kinder strömen ließ. So lebte die kleine Familie einen Tag wie den anbern, und indem dies immer so blieb, während doch di« Kinder sich auswuchsen ohn« daß sich eine günstige Gelegenheit zeigte, die Welt zu erfassen und irgend etwas zu werden fühlten sich alle immer unbehaglicher und kümmerlicher tn ihrem Zusammensein. Pankraz, der Sohn, tat und lernte fortwährend nichts als ein« sehr ausgebildete und künstliche Art zu schmollen, mit welcher er seine Mutter, seine Schwester und sich selbst quälte. Es ward dies eine ordentliche und interessante Beschäftigung für ihn, bet welcher er die müßigen Seelenkräste fleißig übte im Erfinden von hundert kleinen häuslichen Trauerspielen, die er veranlaßte und in welchen e, behende und meisterlich den steten Unrechtleider zu spielen wußte Esthe^ chen die Schwester, wurde dadurch zu reichlichem Weinen gebracht, durch welches aber die Sonne ihrer Heiterkeit schnell wieder hervorstrahlt«. Diese Oberflächlichkeit ärgerte und kränkte dann den Pankraz so, daß er immer längere Zeiträume hindurch schmollte und aus selbstgeschasfenem 21C Doch^nah m6 er ‘ T i Tief er Lebensart merklich zu an Gesundheit und Kräften und als er diese in seinen Gliedern anwachsen suhlte, erweiterte er seinen Wirkungskreis und strich mit einer tüchtigen Baumwurzel oder einem Besenstiel in der Hand durch Feld und Wald, um zu sehen, wie er irgendwo ein tüchtiges Unrecht auftreiben und erleiden könne. Sobald ckck ein solches zur Rot dargestellt und entwickelt, prügelte er unverweilt feine Widersacher auf das jämmerlichste durch, und er erwarb sich und bewies in dieser seltsamen Tätigkeit eine solche Gewandtheit, Energie und feine Taktik, sowohl im Ausspüren und Aufbringen des Feindes, als im Kampfe, daß er sowohl einzelne ihm an Starke weck überlegene Jünglinge als ganze Trupps derselben entweder besiegte, oder wenigstens “iLÄÄ'Ä«« fo schmeckte ihm das Essen doppelt gut, und tu« ©einigen erfreuten sich dann einer heiteren Stimmung. Eines Tages war es ihm doch beaeanet daß er, statt welche auszuteilen, beträchtliche Schlage selbst geerntet'hatte, und als er voll Scham, Verdruß und Wut nach Hause kam hatte Estherchen, welches den ganzen Tag gesponnen, dem Gelüste nicht widerstehen können und sich noch einmal über das für Pankraz Abendgefühl. Don Friedrich Hebbel. Friedlich bekämpfen Nacht sich und Tag. Wie das zu dämpfen. Wie das zu lösen vermag! Der mich bedrückte, Schläfst du schon, Schmerz? Was mich beglückte, Sage, was war's doch, mein Herz? Freude wie Kummer, Fühl' ich, zerrann. Aber den Schlummer Führten sie leise heran. Und im Entschweben, Immer empor. Kommt mir das Leben Ganz wie ein Schlummerlied vor. pankraz, der Schmotter. Novelle von Gottfried Keller. Aus einem stillen Seitenplätzchen, nahe an der Stadtmauer, lebte die Witwe eines Seldwylers*, der schon lange fertig geworden und unter dem Boden lag. Dieser war keiner von den schlimmsten gewesen vielmehr fühlte er eine so starke Sehnsucht, ein ordentlicher und fester Mann zu sein daß ihn der herrschende Ton, dem er als junger Mensch nicht entgehen konnte, angriff; und als seine Glanzzeit vorübergegangen und er der Sitte gemäß abtreten mußte von dem Schauplatz« der Taten, da erschien ihm alles wie ein wüster Traum und rote ein Betrug um das Leben, und er bekam davon die Auszehrung und starb unverweilt. Er hinterließ einer Witwe ein kleines, baufälliges Häuschen, einen Kartoffelacker vor dem Tore und zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Mit dem Spinnrocken verdiente sie Milchund butter um die Kartoffeln zu kochen, di« sie pflanzte, und em kleiner Witwengehalt, ben der Armenpfleger jährlich auszahlte, nachdem er ihn jedesmal einige Wochen über den Termin hinaus in feinem Geschäfte benutzt, reichte gerabe zu dem Kleiderbedarf und einigen anderen kleinen Ausgaben hin. DiZes Geld wurde immer mit Schmerzen erwartet, indem die ärmlichen Ge- wänder der Kinder gerade um jene verlängerten Wachst zu früh gan3hd) schadhaft waren und der Buttertopf überall seinen Grund durchblicken ließ. Dieses Durchblicken des grünen Topfbodens war eine (o regelmäßige jährliche Erscheinung, wie irgendeine am Himrneh und oerroanbelte ebenfo regelmäßig «ine Zeitlang die kühle, kümmerlich-stille Zufriedenheit der Familie in eine wirkliche Unzufriedenheit. Die Kinder plagten die Mutter um besseres und reichlicheres Essen; denn sie hs°"en sie m ihrem Unverstände für mächtig genug dazu, weil sie ihr ein und alles, ihr einzige Schutz und ihre einzige Oberbehörde war. Die Mutter war unzufrieden, daß die Kinder nicht entweder mehr Verstand, oder mehr zu essen, od Eigcnjchaslcn. -Xr S.hn ein unansehnlicher Knabe von vie^ehn Jahren, mit grauen und ernsthaften Gesichtszügen, welcher des Morgens lang >m Sette lag, ban menia in einem zerrißenen Gerichts- oder Geographiebuche las, und alle Abend, Sommers wie Winters, auf den Berg dem Sonnenuntergang beizuwohnen, welches die einzige glanzende und pomphafte Begebenheit war, welche sich für ihn zutrug. Sie schien für ihn etwa das zu ton was für di« Kaufleute der Mittag auf der Börse; wenigstens kam er mit ebenso abwechselnder Stimmung von diesem ^°^°ng zurück und menn es recht rotes oder gelbes Gewölk gegeben, welches gleich qroßen Schlachtheeren in Blut und Feuer gestanden und majestätisch manövriert hatte, so war er «igentlich vergnügt zu nennen. snn„i,r mit Dann und wann, jedoch nur selten, beschrieb er em Blatt Pap^r m fpftiampn Listen und Zahlen, welches er dann zu einem kleinen Bunoei Lqte das durch ein Endchen alte Goldtresse zusammengehalten wurde. In diesem BÜÜdelchen stak hauptsächlich em kleines wfammengefalteten Bogen Goldpapier gefertigt, dessen weitze Biiaienen mck^llerto Linien, Figuren und ausgereihten Punkten, dazwischen Rauchwolken und fliegende Bomben, gefüllt und beschrieben waren. Dies Buchton betrachte e er oft mit größer Befriedigung und brachte neue Ze ch- nunqen barin an, meiftens um die Zeit, wenn das Kartostelfeid in voller Blicke stand. Er lag bann im blühenben Kraut unter dem blauen Himmel, und wenn er eine weiße beschriebene Seite betrachtet hatte, so schau * Seldwnla bedeutet nach der älteren Sprache einen monnigen und sonnigkn K und so ist auch in der Tat bi« kleine Stabt b.eses Namen- gelegen irgendwo in bet Schweiz. aufgehobene Essen hergemacht und davon einen Teil gegessen, und zwar, wie es ihm vorkam, den besten. Traurig und wehmütig, mit kaum verhaltenen Tränen in den Augen, besah er das unansehnliche, kalt gewordene Nestchen, während die schlimme Schwester, welche schon wieder am Spinnrädchen saß, unmäßig lachte. m , rj . Das war zu viel und nun mußte etwas Gründliches geschehen. Ohne zu essen ging Pankraz hungrig in seine Kammer, und als ihn am Morgen seine Mutter wecken wollte, daß er doch zum Frühstück käme, war er verschwunden und nirgends zu finden. Der Tag verging, ohne daß er kam, und ebenso der zweite und dritte Tag. Die Mutter und Estherchen gerieten in große Angst und Not; sie sahen wohl, daß er vorsätzlich davongegangen, indem er seine Habseligkeiten mitgenommen. Sie weinten und klagten unaufhörlich, wenn alle Bemühungen fruchtlos blieben, eine Spur von ihm zu entdecken, und als nach Verlauf eines halben Jahres Pankrazius verschwunden war und blieb, ergaben sie sich mit trauriger Seele in ihr Schicksal, das ihnen nun doppelt einsam und arm erschien. Wie lang wird nicht eine Woche, ja nur ein Tag, wenn man nicht weiß, wo diejenigen, die man liebt, jetzt stehn und gehn, wenn eine solche Stille darüber durch die Welt herrscht, daß allnirgends auch nur der leiseste Hauch von ihrem Namen ergeht, und man weih doch, sie sind da und atmen irgendwo. So erging es der Mutter und dem Estherlein fünf Jahre, zehn Jahre und fünfzehn Jahre, einen Tag wie den andern, und sie wußten nicht, ob ihr Pankrazius tot oder lebendig sei. Das war ein langes und gründliches Schmollen, und Estherchen, welches eine schöne Jungfrau geworden, wurde darüber zu einer hübschen und seinen alten Jungfer, welche nicht nur aus Kindestreue bei der alternden Mutter blieb, sondern ebensowohl aus Neugierde, um ja in dem Augenblicke da zu sein, wo der Bruder sich endlich zeigen würde, um zu sehen, wie die Sache eigentlich verlaufe. Denn sie war guter Dinge und glaubte fest, daß er eines Tages wieder- käme und daß es dann etwas Rechtes auszulachen gäbe. Uebrigens fiel es ihr nicht schwer, ledig zu bleiben, da sie klug war und wohl sah, wie bei den Seldwylern nicht viel dahintersteckte an dauerhaftem Lebensglücke und sie dagegen mit ihrer Mutter unveränderlich in einem kleinen Wohlständchen lebte, ruhig und ohne Sorgen; denn sie hatten ja einen tüchtigen Esser weniger und brauchten für sich fast gar nichts. Da war es einst ein Heller schöner Sommernachmittag, mitten in der Woche, wo man so an gar nichts denkt und die Leute in den kleinen Städten fleißig arbeiten. Der Glanz von Seldwyla befand sich sämtlich mit dem Sonnenschein auf den übergrünten Kegelbahnen vor dem Tore oder auch in kühlen Schenkstuben in der Stadt. Die Alten aber hämmerten, näheten, schusterten, klebten, schnitzelten und bastelten gar emsig darauf los, um den langen Tag zu benutzen und einen vergnügten Abend zu erwerben, den sie nunmehr zu würdigen verstanden. Auf dem kleinen Platze, wo die Witwe wohnte, war nichts als die stille Sommersonne auf dem begrasten Pflaster zu sehen; an den offenen Fenstern aber arbeiteten ringsum die alten Leute und spielten die Kinder. Hinter einem blühenden Rosmaringärtchen auf einem Brette saß die Witwe und spann und ihr gegenüber Estherchen und nähete. Es waren schon einige Stunden seit dem Essen verstossen und noch hatte niemand eine Zwiesprache gehalten von der ganzen Nachbarschaft. Da sand der Schuhmacher wahrscheinlich, daß es Zeit sei, eine kleine Erholungspause zu eröffnen, und nieste so laut und mutwillig: Hupschi! daß alle Fenster zitterten und der Buchbinder gegenüber, der eigentlich fein Buchbinder war, sondern nur io aus dem Stegreif allerhand Pappkästchen zusammenleimte und an der Türe ein verwittertes Glaskästchen hängen hatte, in welchem eine Stange Siegellack an der Sonne krumm wurde, dieser Buchbinder rief: „Zur Gesundheit!" und alle Nachbarsleute lachten. Einer nach dem andern steckte den Kopf durch das Fenster, einige traten sogar vor die Türe und gaben sich Prisen, und so war das Zeichen gegeben zu einer kleinen Nachmittagsunterhaltung und zu einem fröhlichen Gelächter während des Vesperkaffees, der schon aus allen Häusern duftete und zichorierte. Diese hatten endlich gelernt, sich aus wenigem einen Spaß zu machen. Da kam in dies Vergnügen herein ein fremder Leiermann mit einem schön polierten Orgelkasten, was in der Schweiz eine ziemliche Seltenheit ist, da sie keine eingeborene Leiermänner besitzt. Er spielte ein sehnsüchtiges Lied von der Ferne und ihren Dingen, welches die Leute über die Maßen schön dünkte und besonders der Witwe Tränen entlockte, da sie ihres Pankräzchens gedachte, das nun schon viele Jahre verschwunden war. Der Schuhmacher gab dem Manne einen Kreuzer, er zog ab und das Plätzchen wurde wieder still. Aber nicht lange nachher kam ein anderer Herumtreiber mit einem großen, fremden Vogel in einem Käfig, den er unaufhörlich zwischen dem Gitter durch mit einem Stäbchen anstach und erklärte, so daß der traurige Vogel keine Ruhe hatte. Es war ein Adler aus Amerika; und die fernen, blauesten Länder, über denen er in feiner Freiheit geschwebt, kamen der Witwe in den Sinn und machten sie um so trauriger, als sie gar nicht wußte, was das für Länder wären, noch wo ihr Söhnchen fei. Um den Vogel zu sehen, hatten die Nachbarn auf das Plätzchen hinaustreten müssen, und als er nun fort war, bildeten sie eine Gruppe, steckten die Nasen in die Lust und lauerten auf noch mehr Merkwürdigkeiten, da sie nun doch die Lust ankam, den übrigen Tag zu vertrödeln. Diese Lust wurde denn auch erfüllt und es dauerte nicht lange, bis das allergrößte Spektakel sich mit großem Lärm näherte unter dem Zu- kauf aller Kinder des Städtchens. Denn ein mächtiges Kamel schwankte auf den Platz, von mehreren Assen bewohnt; ein großer Bär wurde an seinem Nasenringe herbeigeführt; zwei ober drei Männer waren dabei, kurz ein ganzer Bärentanz führte sich auf und der Bär tanzte und machte seine possierlichen Künste, indem er von Zeit zu Zeit unwirsch brummte, daß die friedlichen Leute sich fürchteten und in scheuer Entfernung dem wilden Wesen zuschauten. Estherchen lachte und freute sich unbändig über den Bären, wie er so zierlich umherwatschelte mit seinem Stecken, über das Kamel mit feinem selbstvergnügten Gesicht und über die Assen. Die Mutter dagegen mußte fortwährend meinen; denn der böse Bär erbarmte sie, und sie mußte wiederum ihres verschollenen Sohnes gedenken. (Fortsetzung folgt.) Deutsche Indianer. Von Josef Ponten. Das Volk der roten Leute Nordamerikas ist wie kein anderes primitives Volk der Erde literarischer Gegenstand geworden. Wer hat nicht in seiner Jugend Jndianerbücher gelesen? Aber diese aus manchen Gründen anzuzweiselnde Literatur war auch im großen ganzen eine ungeheure Fälschung, denn sie entwarf höchst einseitige Bilder vom Indianer. Obgleich der' normale Leser von keinem Naturvolke soviel gelesen hat wie vom Indianer, so weiß er doch von ihm sehr wenig Richtiges und Wahres. Wer weiß, daß es unter den Indianern auch Deutsche gibt? Die Indianer bewohnten vor der Ankunft des weißen Mannes die ungeheuren Räume Nordamerikas in geringer Zahl. Sprechen wir nur von den Räumen der Union, so ist es sicher, daß auf einer Fläche, auf der heute 100 Millionen Menschen weißer, schwarzer und roter Hautfarbe wohnen können, nicht eine Million Indianer wohnte ja, vielleicht nicht einmal eine halbe. Die Schätzungen der Ethnologie (affen einen großen Spielraum. Die Indianer, meistens Jäger, brauchten naturgemäß großen Raum. Die Zersplitterung ja Atomisierung ihrer Lebensverbände war der Menschenauffüllung der Räume nicht günstig, und die ewig bestehende und in Sitte, Kult und allgemeines Denken übergegangene Fehbebereit- fchaft war ihr seindlich. Die natürliche Vermehrung scheint nicht stark gewesen zu sein. So war man bei geringer Menschenerzeugung und großem Menschenverbrauch daraus angewiesen, die Menschenzahl durch Adoptierung zu vermehren. Die Indianer waren durchaus nicht einzig darauf aus, ihre Feinde zu töten, sondern auch. Gefangene zu machen. Und dies nicht etwa nur, um sie am Marterpfahl zu verbrennen (der Laie hort vom Furchtbaren der Indianer mehr als vom Zarten, Edlen und Bewundernswerten), sondern auch, um sie womöglich in den Stamm aufzunehmen. Namentlich die Mutter, die einen Sohn im Kriege verloren hatte, war darauf bedacht, ihn durch Adoption eines Gefangenen zu ersetzen, ja, nahm den Töter ihres Sohnes als Adoptivsohn an. Mit Vorliebe natürlich nahm man Kinder in den Stamm und die Familien auf, sie gewohnten sich schnell und verhältnismäßig schmerzlos an das neue Leben. Die Kinder entführte man aus den überfallenen Farmen des Grenzerlandes. Sie lebten sich oft fo in die indianische Gemeinschaft ein, daß sie, nachdem sie die indianische Sprache gelernt und oft nur die indianische Sprache gelernt, ihre europäische Sprache noch nicht beherrscht oder auch vergessen hatten, Indianer blieben, auch wenn sie durch Krieg ober Vertrag zu den Weißen zurückkamen. Wir wissen von weißen erwachsenen Mädchen, die, nach langer indianischer Gefangenschaft zu den Weißen zurückgekehrt, den Weißen entliefen aus Heimweh nach den Indianern und zu diesen zurückflohen. Unter solchen Adoptionsindianern sind ohne Zweifel viele Deutsche gewesen, denn wir wissen heute, daß gerade die Deutschen im Raume der Staaten Neuyvrk, Pennsylvania, Virginia und Nord-Carolina in den gefährlichen Grenzenden des Appalachengebirges fiedelten und daß die dort bald übervölkerten Mutterkvlonien Tochterkolonien in die Räume hinter den bewaldeten Bergen, in die Räume der „Hinterwäldler" (Backwoodsmen) auswarfen: Ohio, Kentucky, Tennessee. Mancher Franz Reinhardt, Peter Schmitz oder Josef Schuhmacher (diese frühen Amerikaansiedler waren meist Rheinländer) wird unter dem Namen „die rote Wolke" ober „Schläfriges Auge" ober „Er schießt nach ber Tulpenbaumspitze" sein Freiluftleben beenbet haben. Es sind auch Namen verbürgt, naturgemäß besonders von solchen, bie nach kürzerem ober längerem Inbianersein zu ben Weißen zurückkehrten, also nur eine Zeitlang „beuksche Jnbianer" waren, z. B. ein Mäbchen Hartmann, bie Jnbianerin eines Stammes in ber Ohiogegenb, ober Johann Selling, ber ein Cherokeeinbianer geworben war unb ben Jnbicmernamen Nenou, bas ist „ber Schweigsame", trug. Die Jnbianer waren nicht wählerisch im Adoptieren, unb ber Aboptierte genoß jebes Recht bes Vollinbianers, also konnte er, wenn er sich so auszeichnete, wie es bafür erforberlich war, auch Häuptling werben. Viele Neger, Entlaufene aus ben Sklavenhalterstaaten bes Südens,- finb Jnbianer geworben, unb ich weiß von einem, ber Häuptling wurde. Da verwundert es uns wenig, folgendes zu hören: Das Regiment Waldeck, eines von jenen Regimentern, welche gute „Landesväter" von deutschen Fürsten in englische Kriegsdienste nach Amerika verkauften, traf am Golf von Mexiko einen Jndianerstamm, dessen Häuptling ein Weißer war: sieh da, er war sogar der aus dem Regiment desertierte Soldat Brandenstein! — Wir lebten eine Woche lang im Gebiete des Dglalaftammes ber Siouxinbianer im westlichen Süb-Dakvta. Da, im Indian trading post bes Ortes Porkupine (Stachelschwein) — wer rebet mich ba beutsch an? Der Jnbianer John Rock .Er ist freilich auch von Geburt ein Jnbianer, unb mit seinem Deutsch ist nicht sehr viel Staat zu machen, aber sein armes Deutsch unb sein etwas reicheres Englisch setzen ihn in ben Stanb, mir seine Geschichte zu erzählen. Er ist in Deutschland gewesen, jawohl, er, John Rock aus ber Sioux-Reservation Pine ridge in South Dakota! Zwei Jahre, jawohl! Unb hat viel von Deutschlanb gesehen! Er war nämlich Mitglieb der „Jndianerschau" eines deutschen Zirkus, er ist begeistert von Deutschland, er möchte, ach ja, im Jndianerkriegsschmuck sich wieder dem deutschen Publikum (namentlich ben beutschen Frauen) zeigen, wenn ihn einer ber beutschen Zirkusse (vielleicht könne ich bas ermöglichen! Ach ja! Bitte!), etwa ber Zirkus Krone übers große Wasser kommen lassen wolle, ihn unb seine Freunbe, benn ganz „Stachelschwein" mochte nach Deutschlanb reifen unb sich Deutschlanb zeigen. Ich verspreche ihm, seine Wünsche unb bie von ganz Stachelschwein übers große Wasser weiterzugeben. Ader ich höre bann, baß zwanzig Meilen entfernt, im Orte „Manbel", eine Jnbianerin lebt, burch Heirat Jnbianerin geworben, bie richtige Frau bes Jnbianers „Der stehenbe Bär", bie eine Deutsche war unb sogar noch jenseits bes großen Wassers geboren ist. Es geht schon gegen Abenb, unb ber Weg ist sehr schlecht, aber bas Auto muh es noch schaffen! Frau „Stehender Bär" müssen wir sehen! Wir kommen auf armen Spurenwegen über bas Schlachtfeld von 1890 „Wounded Knee“ (Verwundetes Knie), wo bie Solbaten ber Union ben letzten Befreiungsversuch ber Jnbianer orhnrmnnasfos niederschlugen. (Noch, schien mir, in einer Gesellschaft von af/ ftummen ebemS "chiefs“, Teilnehmern'jener Schlacht oder jenes Schlachtens zittert die ohnmächtige Wut nach.) Im Abendschein ragen mcific Felsen der „Badlands“ (schlechte Lande ist der weltb^annte Name dieser den Siouxindianern zugewiesenen Striche) über der Graslandschaft aut Werden von zahllosen Pferden weiden hier und da — man kann für wci Dollar von den Indianern ein Pferd kaufen —, wir sinken in ein Bachtal und durch ein Gewirr von Auenwald und Anpflanzungen fommen wir endlich vor das Holzhaus des Indianers „Der stehende Bar . Er ist ein stattlicher und schöner Mann noch in seinen alten Tagen — unb das [ei eine Squaw sagt er. Sie kommt aus dem sehr ordentlichen, mit Blumen auf den 'Fensterbrettern geschmückten Hause heraus — aber rote erstaunt horcht sie aus, als ich sie mit einem deutschen „Guten Abend, Frau Stehender Bär" begrüße! Sie ist verwirrt, sie sucht zunächst nach Worten, sie erinnert sich allmählich der Sprache ihrer Jugend und nach einigen wbn Minuten kann sie erzählen (und wo das Deutsche nicht mehr ausreicht, flickt sie Englisch hinein): Ja, sie, ®ret(„ Hopfengarten, ist vor 39 Jahren aus Wien mit dem „Stehenden Bär , der ihr in einer Jn- bianerfcbau ach so sehr gefallen hatte, davongegangen. Sie war zwanzig Jahre alt. Als sie herüberkam, war gerade das Gemetzel am „SBerwunbeten Knie" gewesen — Sie wissen, nicht wahr? unb sie (ernte tue Erbitterung der Indianer kennen und mit ihnen fühlen. Aber sie lebte glücklichl nut dem „Stehenden Bär" unb gebiet) tn diesem (Äonen Sale, und es kamen die Kinder. Und sie zeigte uns ihre vier ober Hmf Kinber, Gemisch aus Jnbianisch unb Deutsch —, man muß sagen, kein schlechtes Gemisch. Sie redet den Kindern aus indianisch zu, uns zu begrüßen, aber bte Ätnber fmb scheu wie alle Indianer, auch die erwachsenen Indianer — Ob sie ,ema s Sehnsucht nach Deutschland und Wien gehabt habe? — 'Rein nie, niemals never! Sie denke nicht mehr an Deutschland, sie lebe glücklich hier mit ihrem Manne unb ihren Kinbern unb werbe hier auch sterben. Aber sie schaut uns boch freundlich lächelnd, sehr aufmerksam unb ein wenig forschen!) an, benn wir finb boch ein ferner Anruf aus ihrer deutschen Juqenb nicht wahr, unb es muh sehr merkwurbig sein nicht wahr wenn da plötzlich eines Wenbs in ein lat, wo eine alte ferau lebt, Fremde kommen, sie in der schon vergessenen Sprache ihrer jungen Jahre anreben und nach einer halben Stunde schon - benn Der Abend \mtfyrab junb bie Fremben hatten noch hunbert Meilen bis zu ihrem Schlafplatz zu fahren — sich eilig entfernen. Leben Sie wohl! — Good bye! —Das Geräusch des Autos verlor sich in der Ferne, unb bie alte Jnbianenn aus bcm 16. Bezirk in Wien war roieber allein im Siouxlande ... Oie Silhouette der Krau. Eine koskümgeschichtliche Plauderei. Von vr. Kurt Haack. Wird sie steigen? Wird sie sinken? Diese Frage nach der Höhe unb der stärkeren ober schwächeren Betonung ber Taillenlime beschäftigt zu Beginn jeber Saison bie Frauenwelt nicht minber als ben Bankier bas (Steigen ober Fallen ber Kurswerte. Spielt sie boch fett jeher tn ber Geschichte ber Mode die wichtigste Rolle, und eben erst haben wir nach einer Zeit ihrer völligen Unterdrückung den Neubeginn ihrer Herrschaft erlebt. Wer in dem launischsten und scheinbar regellosesten Gebiet der Kultur- geschichte, der Mode, nach Gesetzen suchen wollte, wirb auch hier lenes allgemeinste Prinzip geschichtlichen Geschehens ro,ederf.nden das sich m Thesis unb Antithesis, in der Erscheinung unb ihrem Gegensatz äußert In Kontrasten vollzieht sich bie Entwicklung bes Kostüms, unb fo erscheint denn bie Taille halb unförmig breit, bald unendlich dünn, bald ganz kurz, bald unnatürlich lang; sie bläht sich in Reifrock und Krmolme zur monströsen Ungestalt, wird in ber Wespentaille zerbrechlich chlcmk, rutscht Ms unter bie Aermel hinauf und geht bis tief unter die Hüften herab. Freilich ist man gewöhnt diese Willkür des Kleides, bie sich nicht an bie natürlichen Verhältnisse bes Körpers anschlieht erst am Ausgang bes Mittelalters anheben zu lassen; boch sind Antike und frühes> Mittelalter nur scheinbar frei von diesen Extravaganzen ber Mobe Freilich bie Blütezeit hellenischer Kultur blieb von ber Einschnürung deö Körpers unb ber Herrschaft bes Korsetts verschont; doch hat Evans in Kreta Frauendarstel- lunaen ausgegraben, bei denen eine deutliche Wespentaille em panzer- artiges Korsett und glockenförmiger, mit Volants besetzter Rock die wichtigsten Elemente bes Kostüms sind; und eine noch stärkere Emschnurung des Oberkörpers bei weiter Ausbauschung des Rocks weisen die pikanten weiblichen Figuren auf die G a y e t in Antmoe gefunden hat. Jedenfalls war die römische Kaiserzeit mit allen Geheimnissen des Korsetts wohl vertraut nur haben sich diese orientalischen unb raffinierten Emslusse gegenüber bem strengen Ernst ber römischen Tracht me ganz durchzusetzen vermocht. Die primitiven Völker aber, bie in bem aerfaUenben Weltreich die Herrschaft erlangten, hatten eine einfach natürliche Kleidung, unb so beftanb benn bie Frauentracht des Mittelalters bis ms ^Jahrhundert aus einem über dem Hemd getragenen, vom Hals bis zu den Futzen herabreichenden Rock, der durch einen Gürtel zusammengehalten wurde. Dieser die Hüften umschließende Gürtel markierte zunächst nur ganz leicht die Taille, aber hier war ein Anlaß gegeben, die Limen bes Körpers immer stärker hervorzukehren. . So gürten benn schon bie Damen ber Ritterzeit bie Taille immer fester um ben faltig herabrauschenben Stoffmassen bes Rockes einen schöneren Fall unb einen stärkeren Sontraft gegen bie strasse Strenge des Oberkörpers zu geben. Und in der Hochgotik entartet btefe Tracht zu einer merkwürdigen Verwirrung der naturüchen ^orperoer., hältnisse. Die von dem damaligen Anstandskodex vorgeschriebene Haltung der Frau, bei der der Leib möglichst weit vorgestreckt wurde unterstützte die Hochschiebung ber Taille. Der Oberkörper würbe durch fest geschlossene Knopfreihen oder noch besser durch die Schnürbänder d«e damals aufkamen, ganz schmal unb eckig zusammengepreht Jetzt begegnen wir in den Kleiderordnungen zum erstenmal dem Verbot bes Schnürens, unb die Sittenprediger eifern gegen das Anlegen von Leibchen, bie man üb« dem Hemde trug. Der Unterkörper aber wirb im Gegensatz dazu durch Unterröcke unb bie gewaltigen Stoffmassen bes Oberrocks unförmig auf- geschwellt. Die gotische Freube am Eckigen, am Krausen, Gefalteten lebt sich aus in biefen gerafften, in schweren Knittern unb dicken Wulsten herabfallenben Röcken, in benen bie Dame des 15. Jahrhundert sehr steif und würdig einhertritt. Diese in merkwürdigen Ecken und Bogen verlaufende unruhig wirre Silhouette des Kostüms muh in der Renaissance wieder einem freieren, gemäßigteren Fall des Kleides Platz machen. Doch sind bie phantastisch-antikisierenben Gewänber, wie sie ein Botticelli erfanb niemals Mode geworben. Aber eine große Neuerung brachte bie Frührenaissance: sie trennte bas Leibchen vom Rock unb zerlegte so das bisher aus einem Stück gefertigte Kleid in zwei Teile. Damit war ber ent« scheibenbe Schritt zu jenem Prinzip ber Frauentracht getan bas auch bei uns noch herrscht. Auf bem berühmten Fresko Ghirlandaios zu St. Maria Novella in Florenz, bas bie Geburt Johannes bes Täufers darstellt, sehen wir so recht biese Scheibung ber neuen von ber alten Tracht. Die Matronen tragen hier noch ben langen Kleiberrock aus einem Stuck; die jüngeren Frauen prangen in beutlich voneinander abgehobenem Mieber und Rock. In Deutschland bequemte man sich spater zu dieser Trennung; bie gotische Linie hielt sich länger, boch auf den Trachtenbilbern Holbeins d. I. hat sich bas Dbertleib gegenüber bem tn faltiger Schleppe roogenben Rock fein Recht erobert, unb in einem harnionisch stolzen Fluß ber Linien offenbart sich jenes maßvoll verständige Gefühl weiblicher Körperschönheit, wie es im deutschen Gretchenkostum zum Ausdruck kam. Mit der Gegenresormation weicht dies freiere Gewand der Renaissance einer neuen Verunstaltung ber Taille. Durch ben immer stärkeren Einfluß, den Spanien auf bie Geschicke Europas gewinnt, beginnt auch eine spanische Modeersindung ihren Siegeslauf burch die Lander: der Reisrortz der wohl zuerst am spanischen Hofe getragen wurde Um 1600 tft er im Lande des Cervantes fo eingebürgert, daß bes Sancho Panfa unsterbliche Ehehälfte in ihrem Dorf durchaus „einen hübschen breiten unb großen Reifrock" aus Mabrib ober Tolebo tragen will. Die Infantinnen bes Velasguez erfctjeinen bann in biefen ovalen, bie Hüften grotesk per« breiternben Gestellen aus Draht, Fischbein unb Eisenreifen, bie spater burch Unterlagen von Kissen an den Hüften noch unförmiger gemacht wurden Dieser ironisch „Veriugade" oder Tugendwachter genannte Rock bat in seiner faltenlos ausgespannten starren Glatte etwas von dem düsteren Schematismus der damaligen spanischen Kultur; an die eng- geschnürte Taille setzte er unvermittelt wie eine Scheibe horizontal sich an unb fällt streng-eintönig herunter. Die halb ausgeb,(beten Glocken- unb Tonnensormen der magere Besatz mit Samt und Goldstoff konnten bas Ungetüm nicht" schöner machen, unb baß bie Damen mit Vorliebe ihre Arme darauf ruhen ließen, war für sie bequem, aber nicht anmutig. Trotzdem hat sich der Reifrock in verschiedenen Formen und mit einzelnen Unterbrechungen bis zur französischen Revolution in der Mode erhalten. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts bildet sich allmählich aus dem mit Fischbein und Eisenstäben versehenen Leibchen als selbständiges Kleidungsstück das Korsett heraus; das wird nun nut einer Anzahl Unterröcken, die dem Kleid größere Fülle geben getragen. Aus diesen Elementen bildet sich die prächtig-steife Tracht am Hofe Ludwigs XIV., die überall aufgenommen wird Der Oberkörper erscheint majestätisch und pompos in dem gewaltigen Panzer des stählernen Korsetts; in wallenden wuchtigen Massen fällt die schwere Robe nieder und endet in einer riesigen Schleppe. Die Taille wird möglichst verlängert und läuft in einer spitzen Schnebbe aus- das Korsett mit dem langen Blankscheit geht so weit herab,^aß es über den ganzen Unterleib reicht. Leichtere graziöse Formen versucht man wieder gegen Ende des 17. Jahrhunderts elnzufuhren; aber Watteaus locker geschürzte, faltenreiche Roben halten sich nicht. Aus ben wulstigen, um bie Hüften brapierten „Bouffanten" wirb tm Rokoko ein korbartiges Gestell, der Panier; er erweitert s'ch allmählich aur fialbtuael die mit einer Fülle von Spitzen, Girlanden und Volants belebt ist. Zahlreiche Lobredner erstanden dem „Reiffen-Rock , auf ben klugen Erfinber stimmte ein „galantes unb gelehrtes Frauenzimmer 1714 einen Hnmnus an: „Er hat allerbings oerbient, daß er von ben ebelften unseres Geschlechts mit billigen Panegyricis (Lodgesangen) be Lebenszeit bis in Himmel erhoben, bei feinem Absterben aber wie einstens Mons Frauenlob, zu Grade getragen worden wäre. Obwohl R o u s f e a u s Kampf gegen Reifrock und Schnürbrust einen gewissen Emsluh gewann in Deutschland ber Anatom Sömmering „ben deutschen Weibern, bie noch echt beutschen Charakter haben", bas Korsett verbot, unb man eine „deutsche Frau7n-Resorm-Nationalkleidung" einfuhren wollte obwohl m England wirklich anmutig freie Gewänder aufkamen, so ist doch der Panier erst auf der Guillotine vernichtet worben, als der Henker ben Reiftock der Hingerichteten Dubarry unter allgemeiner Entrüstung unb roilbem Hohn verächtlich emporschwenkte. Im 19. Jahrhundert hat sich die bisher geschilderte Geschichte der Taille in ber Mobe in zusammengebrängter unb an Kontrasten reicher Form noch einmal wiederholt. Nachbem bie Taille in ber Tracht bes D.retto.res ganz verschwunden war, erschien sie im Empire zunächst >n ganz kurzer Form fast unter den Armen beginnend, und sank dann langsam und allmählich herab. Etwa 1820 erscheint wieder bie normale Taille um die Hüsten unb bas vertriebene Korsett gewinnt wieder Geltung. Die Taille wird immer spitzer und dünner, bis sie als Wespentaille erscheint, ber Rock immer länger unb breiter aussallenb. Um 1840 ist bie Ärmohne ba, die nun in stets stärkerer Ausbehnung unb in immer reicherer Garnierung bes Rocks durch zahllose Volants etwa 20 Jahre die Herrschaft behauptet. Die Krinoline rutscht in der Halbkrinoline bis zu den Kmen herab, und bann wirb ber Rock so eng, baß man sich in ihm nicht bewegen kann. Die spitze Schnebbe, bie rückwärts bauschende Tournure werden getragen, unb lange Seit hindurch fand kein Einspruch der Aesthettker und Aerzte gegen das Korsett Gehör. Dann hebt ein neues Weiterwerben der Rocke an unb in tollem Wechsel ging unb geht es fort durch die Jahrzehnte und Jahrhunderte ... „Ja, Leo." „Und du wirst nun bei mir bleiben?" „Ja, Leo." „Auch wenn ich wieder gesund bin?" , Ja, Leo." Er schloß die Augen, legte den Kopf zurück. Sein Gesicht war ganz heiter Sie sah dies Gesicht an; sie hatte es in all den Krankheitstagen gc ehen: erst matt, zerfaltet, bann langsam sich glättend, Farbe bekommend, das Krampfhafte war von ihm gewichen, die Ruhe war auf es zurückgekehrt, es hatte wieder lächeln gelernt, wie es letzt leise lächelte. Sie dachte: „Wie fremd war mir doch früher dies Gesicht, obwohl ich es kannte, wie vertraut ist es mir jetzt. Es wird nun ein Leben lang neben mir sein." Und der Gedanke war ihr ganz nah, ganz selbstverständlich. War ihr vertraut wie das Gesicht. Leo wandte den Kopf. „Isa", sagte er, „ich danke dir. Ich weiß, du hast alles überdacht in diesen Tagen hier an meinem Bett. Das Schicksal braucht ost sonderbare Wege. Aber es führt uns richtig, Isa. Ich habe lange um dich geworben, vielleicht unwürdig lange. Viele Menschen haben es mit angesehen und nicht verstanden. Vielleicht, well sie nicht wissen, was Liebe ist, oder weil sie nicht wissen, was Trabt« tionsgefühl ist. Du warst auf einem Irrweg, Isa. Wärst bu ihn gegangen, es wäre bein Unglück geworben. Menschen wie bu unb ich sind mit Ueberlieserungen verwachsen. Auch in Fragen des Blutes und der Liebe, was wohl oft dasselbe ist. Wir können und dürfen nicht aus unserer vorgeschriebenen Reihe hinaus, wir sind gebunden an ein ungeschriebenes Gesetz des Fühlens. Glaub' es mir, Isa." Sie war langsam neben seinem Bett auf die Knie gesunken. Ihre Hände lagen auf der Decke neben seinem Körper. Ihr Blick war auf sein Gesicht gerichtet. „Ich glaube dir, Leo." Er fuhr fort: „Ich weiß, bu liebst mich noch nicht, Isa ..." Sie rief: „Doch, Leo!" Er schüttelte ben Kopf. „Nein, Isa. Betrüge bich in bieser Stunbe nicht selbst. Aber ich hoffe, nein, ich weih: Du wirft mich lieben lernen. Weil ich bich liebe." Ihr Kopf sank nach vorn, sie beugte ihn ganz tief. Da lag seine Hand, lang, schmal, blaß. Sie küßte sie. Unb es war ein anberer Kuß als ber, ben vor Wochen Büchners Hand getroffen hatte. Zwei wollen zum Theater. Roman von Hans-Caspar von Zabeltitz. Copyright 1930 by Carl Duncker-Verlag, Berlin. (Nachdruck verboten.) (Schluß.) Am Treppenfenster verharrte sie einen Augenblick, sah über den Borgarten auf die Straße. Da gingen Peter unb (Bertie: er stampfte sie schritt leichtfüßig. Das Herz würbe Isa warm vor Liebe zu diesen beiden Menschen. War es nicht merkwürdig? Da liebte nun em Mann em Mädchen unb gröbste sie an. Unb das Mädchen, das auch liebte, lachte dazu, strahlte und blühte, weil es fühlte, daß unter der Grobheit sich die dies Glück auch zu ihr kommen wurde. . Sie verhielt nicht vor der Tür, durch die sie in den letzten Tagen so ost eingetreten. Schnell und gern drückte sie die Klinke herab. Leo lag allein. Er wandte den Blick zu ihr, klar, hell. „Bist du wieder i)a, Isa?" ßicbc vcrftecftc Strahlen, blühen. Es war wie bei den Pflanzen im Wechsel von Sonnenschein und Regen. Die beiden dort unten verschwanden in ber Häuserzeile. Da roanbte sich auch Isa ab unb ging ihren Weg weiter, mit festen Schritten unb ganz sicher. Nicht zögernb, wie sie einst über den langen Flur ber Keithstraßenwohnung von ihrem Zimmerchen zu Buchner geschritten, wankend in den Knien, schwer in den Gliedern, sondern innerlich ruhig und ausgeglichen. . Jetzt glaubte sie, daß es noch ein Gluck auf der Welt gäbe und daß L‘..s Glück auch zu ihr kommen würde. Gertie und Peter strebten zum Bahnhof. Der Weg ging durch die ganze Stadt. Gertie hatte ihren Kopf zusammen: Sie sah nach der Uhr, es war noch reichlich Zeit. Als sie zehn Minuten gelaufen waren, wurde Peter im Tempo langsamer, er nahm die Tasche von der rechten in die linke Hand. Diese Pause benutzte Gertie. „Ausgemault, Peter?" Er sah weiter geradeaus. ,,3d) maule nicht", stieß er heraus. „Wie nennst bu sonst bein Benehmen?" „Ich weiß nicht, woher Sie bas Recht nehmen, „Du" zu mir zu sagen." Sie lachte frei unb froh. „Ach, Peter, was bist bu doch noch für ein bummer Junge, ein bummer, lieber Junge. Muß ich bir einmal roieber bie Wahrheit sagen? Siehst bu, Peter, bu maulst, weil ich bich nicht im Krankenhaus besucht habe." Sie hielt ihn am Aermel fest. „Lauf nicht so, sonst kann ich nicht sprechen. — Hast immer bagetegen und gewartet: „Kommt sie denn nicht?" Hast nach ber Tür gestarrt. Bis bich bie Wut packte." Kurz brehte er sich zu ihr, blieb stehen. „Unb warum bist bu nicht gekommen?" Wieber lachte sie: „Kannst bu jetzt auch „Du" sagen, Peterlein? Warum ich nicht gekommen bin? Weil bu nur bummes Zeug qerebet hättest." Er trotzte auf. „Gar kein bummes Zeug. Sehr vernünftiges sogar. Sehr ernstes. Ich hätte bich gefragt ..." Sie zog ihn roieber am Aermel. „Geh weiter, Peter, sonst versäumen wir den Zug. Unb das wollen wir doch nicht. Immer hübsch pünktlich fein." Sie machte eine kleine Pause, holte einmal tief Atem und fuhr bann fort: „Siehst du, ich weiß, was du mich gefragt hättest: ob ich deine Frau werben wollte. Sofort, gleich, möglichst morgen. Jawohl, bas wäre es gewesen. Unb siehst bu, Peter, wenn bu ba so im Bett gelegen hättest, bie Kompresse auf bem Kopf unb elend und blaß, bann hätte ich vielleicht „Ja" gesagt. Weil bu mir leib getan hättest. Unb beshalb bin ich nicht gekommen. Ich habe bich nämlich lieb, Peter." Ein paar Schritte war er roieber vorwärts getrottet, immer noch mit bösem, verbissenem Gesicht. Jetzt blieb er von neuem stehen. „Also weil bu mich lieb hast, bist bu nicht gekommen; weil bu mich lieb hast, willst bu nicht meine Frau werben. Deine Logik ist fabelhaft. Die richtige Frauenlogik." Gertie schob Peter wieber vorwärts. „Du mußt wirklich gehen." Unb als er in Bewegung war, fuhr sie fort: „Frauenlogik ist oft besser als Männerlogik Weil sie nämlich eine Logik bes Herzens ist unb nicht bes Kopfes. Höre, Peter, wenn mir nun heiraten würden, würdest du mit deiner Männerlogik verlangen, daß ich nicht mehr auftreten sollte. Widersprich doch nicht, es wäre so. Und weil ich dich eben liebe, würde ich wahrscheinlich nachgeben unb bann ginge ich gleich mit einem Knacks in bie Ehe, denn ich liebe meine Bühne. Wer einmal die große Angst und bann ben großen Erfolg erlebt hat, ber ist ihr verfallen. Ich kann und will nicht mehr von ihr lassen." „Das heißt: Du liebst bie Bühne mehr als mich?" „Das geht bich boch gar nichts an, Peter, ba wir uns ja doch nicht heiraten. Aber deine Frage beweist mir, daß ich recht halte, denn bu fängst jetzt schon an, eifersüchtig auf meinen Beruf zu fein." Peter wollte sich nicht so schnell geschlagen geben. „Du bentft eben nur an bich", sagte er vorwurfsvoll. Sie waren bicht vor bem Bahnhof angekommen, unb nun blieb Gertie stehen. „Ein bißchen Zeit haben wir noch, Peter. Nun mache mal beine Ohren ganz weit auf. Du mußt bir ein für allemal aus bem Kopf schlagen, daß ich egoistisch hanbele: Im Gegenteil: ich bente sehr stark an bich. Was hast bu bisher erreicht? Einen besseren Schreiberposten. Das ist schon allerhanb in ber kurzen Zeit, unb ich glaube, ich bin fast stolzer barauf, als bu selbst, denn ich habe bich in die Arbeit hineingeschubst. Was willst du erreichen? Fabrikdirektor! Das hast du mir wenigstens gesagt. Das ist aber noch ein langer Weg, und auf dem wäre dir eine Frau nur ein Klotz am Bein. Vor allem eine reiche Frau. Nicht widersprechen, Peter! Wenn wir heiraten würden, gäbe uns Vater eine dicke Zulage und Mutter würde uns ein Haus einrichten, schon um neue Chippendale-Möbel und neues Porzellan kaufen zu können. Du würdest im warmen Nest sitzen und sehr bald wieder der alte Peter fein. Der alte Peter, ben ich nicht geliebt habe, der faule Peter. Denn an solchen warmen Nestern, die euch bie Eltern ober bie Schwiegereltern immer bereitet haben, seib ihr so schlapp unb weich geworden. Durch Generationen hindurch. Alle eure guten Anlagen, alle eure Kräfte sind ungenützt geblieben, weil ihr nicht zu arbeiten brauchtet. Wenn du wieder faul wärst, hätte bie Ehe ihren zweiten Knacks. Unb eine mit zwei Schüben — das geht nicht, Peter." Ruhig hatte er zugehört. Er stand vor ihr, einen Kops größer als sie, und sah aus sie herab, hinein in dies liebe Gamingesicht, dessen Wangen sich im lebhaften Sprechen gerötet hatten, in bem bie Augen blitzten. Ihm war traurig zumut. „Du liebst mich eben nicht." Ganz leise sagte er es. Da lachte sie. „Oh, Peter, bist bu bumm, bist bu jung." Und plötzlich war ein ganz Helles Leuchten in ihren Augen. „Du wirst schon merken, baß ich bich lieb habe, Peter, sehr lieb habe." Eine neue Röte flutete in ihr Gesicht. Er sah bas Leuchten, sah bie Röte. Er ließ seine kleine Tasche zu Boden fallen und wollte Gertie packen. Aber ba gab sie ihm einen kräftigen Stoß. „Hol' beine Fahrkarte, Tolpatsch." Dann ftanben sie auf bem Bahnsteig. Der Zug nach Jena war schon eingefahren, bie Abteiltüren waren noch offen. Peters Tasche lag auf der Holzbank am Fenster. Sie ftanben da unb sagten nichts, weil sie sich noch zu viel zu sagen hatten. Dinge, die sich schwer aussprechen lassen. Sie sahen sich nur an. Der Schaffner rief: „Ginfteigen!" Plötzlich hob Gertie ihre Arme unb schlang sie um Peters Hals. Seinen Kopf zog sie zu sich herab unb küßte feinen Munb, feine Augen, feine Backen. Unb bazwischen stammelte sie: „Sei fleißig, Peter, bleib tüchtig. Freue bich deiner Arbeit. Werde etwas." Die Türen klappten. Sie ließ ihn los, drängte ihn in den Zug, schloß die Tür hinter ihm, fest, energisch. Er zerrte das Fenster herab. Da ruckte der Zug schon an. Seine Hand streckte er aus, unb sie ergriff sie, ging noch ein paar Schritte neben bem fahrenben Wagen her. „Cs ist ja nicht weit. Peter, von Jena nach Weimar." Unb bann: „Auf Wiebersehen, Peter!" Sie mußte bie Hanb toslaffen. Nun winkte sie. Zögerte, rief bann boch: „Samstag, Peter." Ihr Herz klopfte. Er winkte zurück. Jetzt leuchtete sein Gesicht auch. Der Zug fuhr in die Kurve ein. Peters winkende Hand verschwand. Da sank ©erlies Arm herab. Schlaff hing er nun, müde. Sie rührte sich nicht; nur ihre Augen folgten bem Zugenbe, ben brci bunten Schlußscheiben am letzten Wagen. Bis auch sie verschwunden waren. Langsam wandte sie sich um und ging. Aus ihrem seidenen Beutel nahm sie ihr Taschentuch. Es saßen wohl ein paar Tränen in ihren Augenwinkeln. Weil es doch weh tat, das Abschiednehmen. Bis zur großen Bahnhofstür waren ihre Schritte noch gemessen, war ihr Herz nachdenklich. Dann trat sie ins Freie. Vor ih» lag Weimar. Die Stadt Goethes. Die Stadt Schillers. Kunst, Arbeit an ber Kunst. Frisch warf sie ben Kopf herum, sah zurück nach der großen Uhr am Bahnhofsgebäude. Jetzt mußte sie eilen: die Probe im Goethe-Theater rief: Ihre Arbeit. Ihre Zukunft. verantwortlich: Or. Hans Thvriot. — Druck und Der lag: Drühl'scheUniverfitätS^Duch» und Lteindruckerei.R. Lange, Gießen.