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Der „Klub der Glühwürmchen" ist in keinem offiziellen Adreßbuch von Denver (Col.) zu finden. Wäre er aber doch zu finden, müßte seine Legende folgendermaßen lauten: „Klub der Glühwürmchen: Bereinigung gewisser lichtscheuer Individuen, die aus den Taschen fremder Leute leben. Der Klub umfaßt nach den letzten Aufzeichnungen zwanzig „Glühwürmchen" (Mitglieder), die sich hauptsächlich auf den sog. Taxameter-Trick spezialisiert haben und ausschließlich nach Anbruch der Dunkelheit arbeiten. Daher der Name (siehe oben). Sitz des Klubs: unbekannt. Randbemerkung: Auf die Aushebung dieser Vereinigung wurde von der Metropolitanpolizei Denver (Dol.) eine Belohnung von 5000 Dollars ausgesetzt." Zu den wenigen Leuten, denen der Sitz der „Glühwürmchen nicht unbekannt war, gehörte Big Ben Hollaway. . Big Ben Hollaway drückte sogar eben in diesem Augenblick aus die in weitgehendem Maße unoffizielle Hauptklingel des Klubs in dem schäbigen, halb verfallenen Vorstadthaus. „Well?" fragte eine Stimme aus dem Dunkel. ,^wsi mal zwei ist fünf. Es lebe die Gerechtigkeit. Die Tür öffnete sich sofort und lautlos, als hätte Big Ben Hollaway die Chiffre eines Vexierschlosses eingestellt, lieble Dünste schlugen Ben entgegen: Spelunkengeruch. Das mit „Millefleurs" diskret getränkte Seidentüchlein an die Nase gepreßt, eilte Big Ben durch einen dunklen Korridor, klappte ein paar lautlos sich in den Angeln drehende Türen auf und zu, bis er plötzlich in einem kleinen Lift stand. Als der Lift im zweiten Stockwerk hielt, war von dem Slum-Geruch nichts mehr zu merken. Ein goldbetreßter Page öffnete -das Schachtgitter, Big Ben stand in dem elegantesten Grillroom, den ganz Denver aufzuweisen hatte. t . ra Bei seinem Eintritt verebbte plötzlich das leise Summen des Gespräches, nur das verborgene Grammophon spielte weiter einen sentimentalen argentinischen Tango. , , , , _ . ... , „Tag, Boys!" sagte Big Ben und ließ sich in einen Fauteuil fallen. „Einen Cocktail!" . ... „Neuigkeiten?" fragte Jim, die Krähe, lakonisch. Big Ben zündete sich bedächtig eine schwere Havanna an, blies einen Rauchring in die Lust und sah ihm gedankenvoll nach. „Schon von einem Mann namens Simon Ashley gehört?" fragte er dann. „Niemals. Was los mit ihm?" . ™ . „Soll der größte Spezialist im Taxameter-Trick sem. Neuyorker Praxis. Klasse!" » Jim, die Krähe, zuckte gelangweilt die Achseln. . .Dieser Jim Ashley", fuhr Big Ben unbekümmert fort, „ist m Denver! Well, Jim, in Denver. Und nicht, um seine ^°"te zu besuchen- Fünf Gesichter wandten sich Den zu. „Guter Gott — Konkurrenz. „Konkurrenz!" "Bei den weiten!" bestätigte Big Ben. „Heute erst sind Copper- Mine-Aktien Jeder um zwei Punkte »°^^n Ganz Colorado hat m Copper-Mine spekuliert. Was soll aus uns Taschendieben werden,. wenn die Menschen mit leeren Brieftaschen herumlaufen? Die Regierung müßte etwas zur Behebung der Krise tun! „Schöne Bescherung", bemerkte, Jim, die Krähe, trocken. „Wie hast du das von diesem Ashley erfahren?",, „Wie man eben Dinge erfährt." J^J^Krähe, die noch in keiner Lage ihren Gleichmut verloren chatte, erholte sich zuerst von dem Schlag. „Unsinn! Wahrend Ben, der Waschlappen, sich aus Hiobsbotschaften spezialisiert, ^ben shrliche Arbeitstiere wie ich, ganz andere Informationen gesammelt. Hort den Wort laut dieses Telegramms, Boys: ,Mehlsack Littletown 5.40 aufgegeben stop ankommt Denver 11.30 -nachts!' Was sagt Ihr setzt?" „Mehlsack?" fragte Big Ben zerstreut. „Was geht mich ein Mehlsack an?!" „Das heißt, daß Queenly, der Getreide'mann, heute nacht hier ankommt. Laßt diese Chance nicht aus, Boys! Jetzt schon gar nicht! Wir werden dem Neuyorker Jungen schon zeigen, was wir können! Aushungern werden wir -ihn! Nichts soll für ihn übrigbleiben! Ben hat heute Außendienst, Ben wird diese Sache biegen. Gemacht?" „Gemacht!" Hyppolite Queenly, Roggen, Hafer, Weizen (nur) en gros, entstieg punkt 11.30 Uhr dem Transkontinentalexpreß. Vor dem Bahnhof trat ein Chauffeur aus ihn zu. „Wohin darf ich Sie fahren, Sir?" „Carlton-Hotel!" Hyppolite Queenly bestieg das Coupe -des Taxameters. Er hatte die Tür kaum geschlossen, als der Wagen so rasch anfuhr, daß Hyppolite augenblicklich mit dem Gesicht nach vorn in den Rücksitz flog und einige Sekunden hilflos in dieser wenig dekorativen Stellung verweilte. Als er wieder ausblickte, sah er direkt in die Mündung eines Revolvers. „Setzen Sie sich anständig hin", sagte Big Ben Holloway. „Ihr Anblick ist -eine Herausforderung für dezente Leute." Hyppolite Queenly, Roggen, Hafer, Weizen en gros, starrte den unerwarteten Fahrtgenossen mit offenem Munde an. Sein Blick glitt von der dunklen Gestatt in der Ecke des Wagens zur drohenden Mündung des Revolvers und wieder zurück. Einen Augenblick suchten Qu-eenlys Augen nach der Tür ... dann schien er sich eines Besseren zu besinnen. „Was wünschen Sie?" fragte er gefaßt. „Vor allem, daß Sie sich ganz ruhig verhalten. In diesem Falle garantiere ich Ihnen, -daß Sie heule noch ins Carlton kommen werden. Andernfalls kann -ich nicht dafür garantieren. Delikat ausgedrückt. Ich -denke, Sie verstehen?" „Ich verstehe. Was wünschen Sie noch?" „Wie geschäftlich Sie sind!" sagte Big Ben Holloway, der eine Schwäche für delikate Umgangsformen hatte, vorwurfsvoll. „Ich hatte da letztens einen peinlichen Verlust in Copper-Mine, Sie verstehen ... eklige Zeiten jetzt ... ich möchte diesen Verlust ausgleichen ... Sie haben gewiß eine hübsche, fette Brieftasche bei sich, nicht? ... Eine goldene Uhr, vielleicht, eine Tabatiere ... aus Schecks würde ich übrigens lieber verzichten. Das Inkasso ist so umständlich." Hyppolite Queenly griff wortlos in seinen Reisemantel, zog Brieftasche, Uhr, Tabatiere und reichte sie Holloway. „Erledigt?" „Einen Augenblick, Sir!" Holloway klappte die Brieftasche auf, sah prächtige Tausender, prüfte die Uhr und Tabatiere im Schein vorüberhuschender Lichter. .^Zufrieden?" fragte Queenly lakonisch. „Vollkommen! — Sie gestatten noch eine kleine Formalität?" Big Ben Holloway? geschulte Finger tasteten sekundenlang Qu-eenlys Taschen ab. „Danke!" sagte er bann. „Wünschen Sie mir noch weiter Gesellschaft zu leisten, oder ziehen Sie es vor, ins Carlton zu fahren?" „Letzteres wäre mir lieber." Big Ben klopfte an die Scheiben. Der Wagen hielt. „Etwas einsam, diese Gegend hier, aber Sie finden in der dritten Straße links einen Polizeiposten. Er wird Ihnen den Weg weisen. Gute Nacht!" Eine halbe Stunde später hielt der Wagen vor Hollaways Klub. Die „Glühwürmchen" waren noch alle beisammen, das Grammophon spielte, zwei befrackte Kellner servierten exquisite Cocktails. Die „Glühwürmchen" bildeten sofort erwartungsvoll um Big Ben Holloway einen Kreis. Den griff lächelnd in seine Brusttasche. Plötzlich hörte er zu lächeln auf. Seine Finger durchwühlten alle Taschen. Schließlich kehrte er das leere Futter heraus. Keine Brieftasche. Keine goldene Uhr. Keine Tabatiere. Nur in Big Bens eigener, vollkommen entleerter Geldbörse eine Visitenkarte mit em paar flüchtig hingekritzelten Worten: „Freut mich, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben! Simon Ashley P. D. Q." ♦ „I am so happy . . ." quakte das Grammophon. „I am sooo ha-a-appy ...!" Der fünfgliedrige Vorstand der „Glühwürmchen" saß, unter einer Rauchwolke vergraben, in weichen Klubsauteuils. Einen Augenblick herrschte beklommenes Schweigen. In dieses Schweigen fiel das leise Surren des Lifts. „Mr. Simon Ashley!" kündigte der goldbetreßte Page mit unbewegter Miene an. Der Diener reichte Ehesinspektor Derrmg eine Visitenkarte. „Simon Ashley, P. D. D.", tos der Inspektor. „Lassen Sie den Mann kommen!" ...... „ £ s. Ashley hatte mit dem Inspektor eine einstundige Unterredung. Also, morgen bei der Generalversammlung", sagte er abschließend. Sie können sie alle aus einen Schlag fassen ... so viel mir bekannt ist, wurde auch für die Aushebung des ,Micks der Glühwürmchen eine Belohnung von 5000 Dollars ausgesetzt; ich denke, es steht außer Frage, ^^„Sttißer Frage! Uebrigens, Mr. Ashley, roas haben diese drei Buchstaben hinter Ihrem Namen zu bedeuten: P.D.O.?" „Private Detective Office ... wenn ich ganz offen fein soll, besteht von ' meinem Privatdetektivinstitut vorläufig nur diese Visitenkarte. Ich brauchte zur Einrichtung des Büros 5000 Dollars. Ich glaube, ich habe sie mir ehrlich verdient." Die Stille wurde unheimlich. Man hätte eine fallende Stecknadel hören ^Simon Ashley ließ sich in einen Fauteuil sinken und musterte neugierig den fünfgliedrigen Dorstand der „Glühwürmchen . „Die Spitzen der Unterwelt von Denver, schätze ich?" Fünffaches kühles Kopfnicken. , Well, meine Herren, Ihr Bote hat mich erreicht. Die wollten mich sprechen. Hier bin ich. Was wünschen Sie von mir?'' Wir hatten da neulich eine nette Probe Ihres Könnens ... begann Jim, die Krähe, sehr formell und hüstelte. Denke wir arbeiten künftighin zusammen? unterbrach ihn Simon Ashley mit verblüffender Offenheit, und der fünfgliedrige Vorstand der „Glühwürmchen" atmete erleichtert auf., „Das war auch unser Vorschlag ..." „Gemacht! Was biegen wir also in nächster Seit? Simon Ashley erwies sich als Mann von Initiative und erstaunlichem Ideenreichtum. Binnen kurzem war ein Arbeitsprogramm für die nächsten Wochen ausgearbeitet. Die „Glühwürmchen" strahlten. , Und daß Sie morgen bestimmt kommen", beschwor man Ashley zum Abschied. „Wir werden eine Generalversammlung einberufen. Alle Glühwürmchen sollen Sie kennenlernen." „Sie können sich auf mich verlassen." Walfänger. Von Hans Friedrich Blunck. Unter alten Angehörigen erzählt man sich noch oft die Geschichte vom großen Jauberwal, den ein Verwandler von mir bei Spitzbergen gesichtet und harpuniert hat. Er hätte darüber beinahe -den Weltuntergang ver- I schlafen, und das ist so gekommen. t , Es mag um die zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts gewesen I sein, als in unferm Land ein geistlicher Redner aufstand, der Gesichte I hohen wollte und im Eifer um das Seelenheil seines Völkchens wieder I einmal den großen Weltuntergang wahrsagte — ganz genau auf einen bestimmten Tag im Herbst voraussagte. Es war eine ärgerliche Geschichte für die Glückstädter Walfänger, die damals eine große Flotte von zwanzig Schiffen hatten und damit just nach Spitzbergen segeln wollten, nun aber von ihren Frauen zu hören bekamen, daß es besser sei, den Sommer mit Büßen und Beten zu verbringen. Nun, daß alte Schiffer sich da gegen allen geistlichen Rat entscheiden, bedarf kaum der Erörterung. Aber jener Künder des Untergangs muß doch ein gewaltiger Kanzelredner gewesen sein und die Menschen recht- chasfen erschreckt haben. Biele Leute gingen in sich, die ärgsten Lieder- ahne übten die Einkehr und auch die Walfahrer bestiegen bedächtiger als | : onsk ihre Boote. Und sie strichen sich voll Unbehagens den Tag im Kalender an und versprachen ihren Frauen, sie würden ihn für alle Fälle nicht ohne ein gutes Gebet verbringen, um des Seelenheils sicher zu sein. Es scheint ein guter Sommer für die Walfahrer gewesen zu sein, sie machten reichliche Fänge, sie hatten auch Frischwasser und Branntwein genug an Bord und kreuzten lange unter der grönländischen Küste und am Rand des Packeises hin und her. Gegen Herbst segelten die Gluckstädter noch einmal in die sog. Hamburger Bucht auf Spitzbergen, weil die Wale sich um die Zeit östlich unter Land drängen, vielleicht auch, weil man dort auch Schisse aus Emden und Bremen anzutreffen hoffte, die vielleicht schon mehr über den bezeichneten Weltuntergang gehört hatten. Denn auch .die anderen Walfänger wußten davon, und wenn der jüngste Speckkoch grohmaulte, 6er liebe Gott würde sich, mit dem geistlichen Herrn allein begnügen, überdachte doch dieser und jener nicht ohne Sorge seine bisherige" Lebensführung. Dabei geschah es — wie oft ein großes Unglück von einem kleinen Unheil angekündigt wird — daß ein früher Herbststurm einen Gürtel von Packeis vor die Hamburger Ducht schob und die meisten Schisser zu unfreiwilliger Ruhe und müßigen lieber- legungen zwang. ,,, . ,, Nur Walfänger, die der Sturm noch vor der Bucht überrascht hatte, blieben im offenen Fahrwasser. Sie hielten sich nahe der Eisbarre, um, wie es im Nordmeer Gesetz ist, die Mannschaft von den eingeschlosfenen Schiffen zu übernehmen, wenn es ihnen nicht mehr gelingen sollte, vor Einbruch ins freie Wasser durchzubrechen. Auch die „Goodefahrt" auf der mein Vorfahr, Utwey, angeheuert war, hatte das Glück, in offener See zu liegen. Die Mannschaft benutzte die Zeit, um zum letzten Male und ohne Mißgunst anderer auf Wale auszuschauen. , . Nun wurde gerade in jenen Tagen auf der „Goodefahrt einer der Harpunierer krank und Utwey, der von großer Leibeskraft gewesen sein muh, wurde mit dem Wurfspieß an di« Spitze einer Schaluppe gestellt. Die Walschiffe jagen nämlich nicht selbst, sie schicken ihre „Slupen" aus; auf jeder dieser Slupen ist ein Harpunier, der den Kamps mit dem Wal aufnimmt — damals war es noch ein Ringen zwischen Riefen und Menschen, was heut« nichts als ein Abschlachten mit Sprenggeschossen geworden ist. Nu jener Jett war der mächttge König Wal auch noch mit hundert Sagen umwoben; da waren di« wilden Schwestern, lüstern« Lustweiber, die di« wackeren Walfänger vom Fang abzulenken suchten, da waren di« Bannhunder, die übers Meer liefen, da war zumal der König Zauberwal, den man ungeschoren lassen soll, ein riesiges uraltes Tier, moosgrün überborkt, mit hundert Spiren zerbrochener Harpunen auf dem Leck, Jeichen früherer Siege über den Menschen. Ein wenig spät, erst rund eine Woche norm Weltuntergang war es, daß Deert Utwey Harpunier geworden war; nun lauert« er um so hartnäckiger auf den ersten Wurf. Und wenn er auch nicht so bald Gluck haben sollte — eines Abends, als er schon zu seinem Schiff h^imkehren wollte, das wie eine kleine Mott« unterm Packeis lag — spat abends geschah es, daß auf Wurfweite norm Doot das M««r sich hol' und ein ungeheurer Kopf wafferfpeiend auftaucht«. Und so sehr die Matrosen dem Harpunier zuschrlen, er solle das Eisen sitzen lassen — wer anders als der Walkönig käme ohne Atem so weit durch die Tiefe — überkam lenen Deert Utwey der Jagdeifer so unbändig: er schleuderte die Harpune zum ersten Mal. • Sie traf den Wal dicht hinter dem Btosloch, es war ein Meisterwurf. Im nächsten Augenblick sank das Tier nieder, di« Lein« spulte sich rauchend über die Rolle, schon knotete 'der Bormann das zweite Tau und hielt über Wasser Ausschau, ob Hilfe in der Nahe sei. Aber die andern Schaluppen hatten den Tag schon verloren gegeben und waren auf halbem Heimweg zur „Goodefahrt". Es war bald erkenntlich, wen Utwey in seinem Ungestüm angenommen hatte; so machtvoll er mit der zweiten Harpune bereit stand, dieser Wal brauchte keinen Atem wie andere Tiere, die zweite und auch di« dritte und letzte Leine flidderten über den Bootsrand, ohne daß der Necke wieder auftauchte. Und dann kam ein Ruck, der Wal ^haite das Doot im Schlepp und jagte den schaumenden Bug wild durch das Wasser auf die Disbarre zu. Das war gefährlich; Utwey muhte die Harpune in di« Link« nehmen, er nahm 'bas Beil in die rechte Hand. Aber er konnte sich bis zuletzt nicht zum Kappen entschließen — eine schöne Heimkehr, wenn er dem Schiff ohne Fang drei verlorene Seinen hätte melden müssen! Inzwischen kam das Eis näher, und einige Ruderer drohten: wenn der Weltuntergang kam, so wollten sie dabei sein und nicht einen Tag vorher in I bi« kalte See hinunter. Da ließ di« Sein« nach, ein Zeichen, daß der Wal hochkam. Die Harpune in der Faust stand Utwey bereit und wartet«. Er könnt« die Wasfe gerade noch einmal niedertreiben; dicht vonn Boot kam der Riese hoch. Im nächsten Augenblick aber, als sie f^on gegen die Ciskante schrägten, bekam die Schaluppe einen fürchterlichen Schlag, zerbrach wie Reisig, und es ist ein Wunder, daß die Männer sich zumeist ohne gebrochen« Glieder auf das Eis retten konnten, Harpunier und acht Matrosen. — Es war Spätabend geworden; das war um so schlimmer, als sie die Lichter der Schiffe verloren hatten. Aber sie konnten sich doch für tue erste Nacht aus den Bootstrümmern ein Notfeuer anzünden, das war gut. In der Frühe berieten sie über den Aufbruch. Die Lust war dunstig, bas Eis flippig und rissig und schlecht zu begehen. Einige der Manner I hatten den Mut auch schon verloren und meinten, es sei unnutz, sich noch I ums Leben zu kümmern, wo doch in wenigen Tagen ine himmlische Ge- I rechtigkett an brach. ..... Andere aber sagten, es sei die Rache des Walkomgs am Harpunier, I bah sie hier auf dem Eis verloren liegen müßten. Und sie redeten so I drohend, daß jener Deert Utwey sich schließlich erbot, allein den Weg zum Schiss zu versuchen. Vielleicht glaubt« er auch, er müsse es darauf an- I kommen lassen und sich dem noch einmal stellen, den ihm das «chicksal I entgegengeschickt hatte. Und der Tag ging, und die Nacht fiel ein, und der Mann ist wie irr und wirr über das Eis geklommen; jedes Ausruhen wär« gewisser Tod gewesen. Am Morgen hob sich die Lust ein wenig, er konnte die I Richtung aufnehmen, und ist mit blutenden Gliedern und schon in halbem I Wahn noch einen Tag und eine Nacht von Eis zu Eis geklommen, mit- I unter ab gedrängt durch Spalten und Brüche, aber doch mit allen Ge- I danken ans Leben verhaftet, das er nicht loslief}. , Als am dritten Tag die Dämmerung fiel, hat Utwey die „Goodefahrt gesichtet. Es ist ihm noch gelungen, das Schiff anzurufen; es lag m Lee des Windes und hatte den Anker auf das Eis ausgeworfen. Er hat auch, an Bord gekommen, noch befehlen können, mit Schaluppen und Fackeln die Eiskante abzufahren, um nach feinen Leuten zu suchen, und wirklich sind di« Geretteten jener Bootsmannschaft durch ihn am Leben erhalten. I Dann aber ist der Eiswanderer in einen Schlaf von sieben Tagen I und sieben Nächten verfallen, so erzählt man sich. Ja, di« Leut« haben sich I sogar am Tag des Weltuntergangs vergeblich Mühe gegeben, Deen Utwey zu wecken und ihn zu einem einzigen Gebet zu bewegen — es | rogren fromme Leute an Bord, die sich und ihren Freunden die Seligteil Kern und, wenn man schon sterben mußte, auch drüben mit der alten mnschaft beisammen bleiben wollten. Aber so viel Sorgen sie sich ge- I macht haben, niemand hat Deert Utwey zu wecken vermocht, er hat den Tag des Weltuntergangs verschlafen und wäre, wenn wirklich damals I das jüngste Gericht eingebrochen wäre, ohne ein letztes Vaterunser hm- I über gefahren. Es ist gut, daß sich die döse Ahnung jenes Weltuntergangspredigers nicht erfüllt hat; wo wären wir heute, was wäre mit Deert Utwey geschehen? Man erzählt sich noch, daß er den ganzen Winter über einen I Tag wach gewesen ist und danach immer sieben Tage geschlafen hat. Aber schon im nächsten Frühling wird er wieder auf Walfang ge- I meldet und ist ein berühmter Harpunier und später auch Kaplton ge* I worden. Wie er es weiterhin mit dem Schlaf gehalten hat, weiß ich mcy. I Ich vermute, daß die lange Winterruhe daheim ausgereicht hot, um i) I zu kurieren; es wäre ja auch ärgerlich, hätte er von seinen londerva I Eigenschaften auf die Hausfrauen und Männer, die von ihm abjtamm , I vererbt. Oer Herbst im deutschen Gedicht. Von Dr. Eberhard Meckel. Herbstlich alle Fluren rings verwildern, und unkenntlich wird die Welt. Dieses Scheidens Schmerzen sich zu mildern, wenn die Zauberei zerfällt, sinnt der Dichter, treulich abzuschildern »en versunknen Glanz der Welt, selig Herze, das in kühnen Bildern ewig sich die Schönheit hält! Diese Verse von Eichendorfs enthalten wohl am ehesten eine Aussage üoer jenes Gefühl, das für den dichterischen Menschen den Antrieb petzen kann, den Herbst und alles, was mit diesem innerlich und äußerlich zusmmnenhangt, lebendig werden zu lassen im Gedicht. Der Herbst — uraltes Thema der Lyrik, gerade der deutschen, deren Wesen sich besonders mit dem der Jahreszeit und ihren Aeußerungen verwandt empfindet. Unzählig der Reichtum der Gedichte feit dem Mittelalter bis auf unsere Zeit; unmöglich, hier alles zu nennen, was in ewiger Abwandlung in Versen um den Herbst kreist. Aber vielleicht gibt eine Beschränkung aus einzelnes oder auf Abschnitte mehr von dem, was die Dichter je um diese Jahreszeit gewollt und geschrieben haben: ein Bild des Herbstes. In der Lyrik des Barock, aus der Düsterheit und Zerrissenheit der Zeit geboren, ist der Herbst besonders ost besungen worden; er geht hier, wie bei den meisten Barockdichtern, in Trauer, Vergänglichkeits- jtimmung, Todesahnung über. Die erst« Strophe von Heinrich Alberts Trauerlied (1648): Der rauhe Herbst kömpt wiederl Jetzt stimm ich meine Lieder In ihren Trauerton: Die Sommerlust vergehet. Nichts auf der Welt bestehet, Der Mensch muh selbst davon. In den Gedichten des unglücklichen genialen Christian Günther, in denen von Klopstock, Bürger, Claudius, H ö l t y ist atmosphärisch viel vom Herbst und seiner Stimmung enthalten, auch ohne daß er ausgesprochen als Thema diente. In der Mai- und Liebesdichtung steht ahnungsvoll int Hintergrund, was aus den Versen von Claudius erkennbar ist: Ach, es ist so dunkel in des Todes Kammer, tönt so traurig, wenn er sich bewegt und nun aushcht seinen schweren Hammer und di« Stunde schlägt. Berühmt ist Goethes .Herbstgefühl", das den ganzen Herbst in sich faßt: Fetter grüne, du Laub Am Rebengeländer Hier mein Fenster heraus! Gedrängter quellet Zwillingsbeeren, und reiset schneller und glänzend voller! Mit und das Ihr und gelben Birnen hänget voll mit wilden Rosen Land in den See, holden Schwäne, trunken von Küssen taucht ihr das Haupt ins heilignüchtern« Wasser. Weh mir, wo nehm ich, wenn es Winter ist, die Blumen und den Sonnenschein und Schatten der Erde? Die Mauern stehn sprachlos und kalt, im Winde klirren die Fahnen. . Don den Schweizer Dichtern hat Co nradFe rdum n § Y^r chänsten deutschsprachigen Herbstgedicht« geschneben sem Gedicht „guue ft der unmittelbarste Ausdruck herbstlichen Retsegesuhls. Euch brütet der Mutter Sonne Scheideblick, euch umsäuselt des holden Himmels fruchtende Fülle; Euch kühlet freundlicher Zauberhauch, und euch betauen, ach, aus diesen Augen der ewig belebenden Liebe vollschwellende Tränen. Morike kostet in dem „Septembermorgen" die ganze zauberische Schönheit einer Herbstfrühe aus: Im Nebel ruhet noch di« Welt, noch träumen Wald und Wiesen; Bald siehst du, wenn der Schleier fallt, den blauen Himmel unverstellt, herbstkrästig die gedämpfte Welt in warmem Golde fließen. Auch Hebbel fühlt trotz aller Schwermut das Schöne und Freudige heraus: ,, , . ... Dies ist ein Herbsttag, rote ich kernen sah! Die Luft ist still, als atmet« man kaum, und dennoch sollen raschelnd, s«rn und nah, die schönsten Früchte ab von jedem Baum. Hölderlin hat vielleicht das schönste herbstlich« Gedicht geschn«- oen, das die deutsche Lyrik nufzuweisen hat: Genug ist nicht genug! Gepriesen werde der Herbst! Kein Ast, der seiner Frucht entbehrte! Tief beugt sich mancher allzureich beschwerte. Der Apfel fällt mit dumpfem Laut zur Erde. Neben Meyer, als norddeutscher Gegentypus, steht Theodor Storm; nur ein Gedicht aus seinen vielen: lieber die Heide hallet mein Schritt dumpf aus der Erde wandert es mit. Herbst ist gekommen, Frühling so weit — Gab es denn einmal selige Zeit? Brauende Nebel geiften umher; Schwarz ist das Kraut und der Himmel so feer. Wär ich hier nur nicht gegangen im Mail Leben und Liebe — wie flog es vorbei! Ein« tiefe, melancholische Einsamkeit ist der Herbst in Nietzsche» Gedichten, was schon wenige Zeilen auszudrücken vermögen: Die Krähen schreien und ziehen schwirren Flugs zur Stadt Bald wird es schnei n — wohl dem, der jetzt noch Heimat hat! Auch Liliencron, der an der Schwelle Mr neuem Lyrik steht, hat dem Gefühl für Trauer und Nähe der Toten eindringlichen Ausdruck gegeben: Der Tag ging regenschwer und sturmbewegt, ich war an manch vergeßnem Grab gewesen, verwittert Stein und Kreuz, die Kränze alt, die Namen überwachsen, kaum M lesen. Der Tag ging sturmbewegt und regenschwer, auf allen Gräbern fror das Wort: Gewesen. Wie fturmestot die Särge schlummerten, auf allen Gräbern taute still: Genesen. Ebenso gehört Rainer Maria Rilke hierher mit einem wundervolle» Gedicht: Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und aus den Fluren laß die Winde los. Befiehl den letzten Früchten voll zu sein; gib ihnen noch zwei südlichere Tage, dränge sie zur Vollendung hin und jage die letzte Süße in den schweren Wein. Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es fange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben, und wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben. Hofmannsthal, George, Dehmel, Dauthendey^ Falke, auch Flaischlen, der manches schöne Bild in seinen Gedichten hat, sie all« könnt« man hier anführen. Und von den jüngeren Dichtern muß Georg Trakl genannt werden mit seinem Gedicht „Verklärter Herbst": Gewaltig endet so das Jahr Mit goldnem Wein und Frucht der Gärten. Rund schweigen Wälder wunderbar Und sind des Einsamen Gefährten. Da sagt der Landmann: Es ist gut. Ihr Abendglocken lang und leise, gebt noch zum Ende frohen Mut. Ein Vogelzug grüßt auf der Reise. Erschütternden Ausdruck verlieh der früh verstorbene Georg Heym in seinem „Allerseelen" der Schwermut der Jahreszeit; nur wenige Verse: Diele sind über di« Steige gegangen, Ihre Schatten sind ferne M sehen. Und sie tragen die Kreuze und Stangen, Rote Fackeln, die wandern und wehen. Unter den jüngsten Lyrikern kann Richard Dillinger mit einem kleinen Herbstgedicht genannt werden: Im Walde starb di« Nachttgall. Die letzte Beere kam M Fall. Di« Wies ist wund von Huf und Zeh. Die Kuh tut schon den Würzlein weh. Charakteristisch für den Sttl der jungen mag ein Herbstgedicht von Peter Hüchel sein, dessen letzt« Strophe lautet: Oktober, und den Bastkorb voll und pfündig die Magd in Spind und Kammer trägt, der Garten, nur von ihrem Pflücken windig, hat sich ins müde Laub gelegt, und was noch zuckt im weihen Spinnenzwirn«, es flöge gern zurück ins Licht, das sich vom Ast die letzt« Birne, den süßen Gröps des Herbstes bricht. So lebt er in der deutschen Lyrik, immer sich erneuernd im. Wort, alle Empfindungen durchlaufend von der düstersten Schwermut bis zur höchsten Freude, ein bunter, schöner Kranz: Der Herbst. Oer Knegskomnüffar tec Königs. Roman von Friedrich F r c ja. Copyright 1931 by August Scherl, G. m. b. H„ Berlin. (Fortsetzung.) Ein altgedienter Unteroffizier, der das Schreiben und Lesen wohl ’ verstand, wurde dem alten Dorffchulmeister zur Seite gestellt, weil der die । Jungen nicht mehr recht zur Räson bringen konnte Run war es freilich > anders; denn während vorn der Herr Dorfschulmeister an der Tafel mit - der Kreide schrieb oder die Jungen und Mädchen belehrte, stand hinten der einbeinige Unteroffizier mit dem Stock und paßte auf. Da gab es kein Gewisper mehr, sondern nur Disziplin. Die Jungen aber nannten ihn unter sich nur leise ,;ben alten Stock" und hofften, es würde der kalte Brand in sein abgeschossenes Bein fahren und sie so von ihm erlöst werden. Aber der Stelzfuß ward nicht krank; er heiratete die ältliche Tochter des Dorfschulmeisters, und damit erhielt er Anwartschaft auf die Stell«. Ein dritter Invalide, der heimgekommen war, diente den Kindern als Spaß und Ergötzung; denn er war ein armer Branntweinsäuser und hielt dann komische und feierliche Reden. Der Herr Pfarrer freilich nannte es einen Jammer; aber auch für diesen Menschen wußte er Rat. Der Invalide aß die Reihe herum in den dreißig wohlhabendsten Hausern jeden Mittag und hatte dafür klein« Dienste und Handreichungen zu leisten. Er war ein sonderbarer Mensch, dieser Blandowski. Sein Vater war als Pfarrer im Dorf verstorben, und daher genoß er Heimatrecht. Der Vater sollte sogar den polnischen Adel gehabt haben und der Sohn sich darum in einem Dragonerregiment gemeldet haben, um Offizier zu werden; aber das Sausen hatte ihn um die Charge gebracht. Er könnt«, wenn er nüchtern war, gar schön erzählen; denn er hatte ein abenteuerliches Leben geführt und den verschiedensten Potentaten gedient. Als Panduren-Unteroffizier war er in türkische Gefangenschaft geraten, und dort hatten sie ihm ein Ohr abgeschnitten. Das Erzählen war sein Verderben; denn wenn er erzählt«, ward ihm Branntwein eingeschenkt, und bann geriet er in Fahrt — bald so sehr, daß er Tollheiten schwatzte und endlich in irgendeinem Graben nisderfiel, um seinen Rausch ausznfchlafen. Friedrich Wilhelm konnte nicht genug hören von dem, was Blandowski erzählte. , _, , Aber ball war bie Rot der Jett so groß, daß di« Leute nicht Schrecken, draußen geschehen waren, anzuhören brauchten. Die Ernte war mißraten, und nicht die Hälfte der Frucht, die erwartet wurde, wurde eing-ebracht. In Wutzow selbst ging es noch leidlich; denn das Land war besonders gut, und daher gab es fast nur wohlhabende Bauern dort. Aber von den anderen Dörfern erzählten sich die Leut« schaudernd schreckliche Dinge. Die Leute kochten sich Suppen von Gras und Baumblättern — nur, um den Leib auszustopfen; und sie aßen alles, Ratten, Mäuse, Vögel, Eichhörnchen und was es an Waldtieren gab. Die Kinder sollten von den Schrecknissen der Hungersnot bald selbst . ein Bild erhalten. Unter Friedrich Wilhelms Führung streiften sie in der Umgegend umher, sobald di« Wege wieder gangbar wurden. Eines Tages meldete Theodor: „Auf bem Schindanger draußen, beim Paetzow-Walde, haben sie ein großes Feuer angezündet und singen und schreien!" Das mußten die Kinder sehen und schlichen heran. Sie kletterten auf die Randbäume und schauten auf die Wiese herab. In der Mitte.lagen, grausig anzuschauen, eine gefallene Kuh und ein Pferd, das dies« Horde Hungriger wieder aus der Erde gegraben. Von dem blauschwarzen Fleisch der gehäuteten Tiere lederten sie lange Streifen ab, steckten sie auf Zweig« Und Aaste und hielten sie über das Feuer. Ein Weib erblickte die Kinder von ungefähr und rief höhnisch hinauf: „Wollt ihr auch gebraten werden? Das Mädchen schmeckt vielleicht ganz gut! Es sieht fett aus!" — Da glitten die Kinder eilig die Bäume herunter, ergriffen die Flucht und erzählten atemlos zu Haufe ihr Abenteuer. Der Pfarrer schüttelte den Kopf, allein er alarmiert« sofort bi« Männer, denn von solchen Rotten konnte man sich nichts Gutes versprechen; waren doch schon in der Umgegend ein paar Außenhöfe überfallen, ausgeraubt und niedergebrannt worden. Da er ja selbst das Soldatenhandwerk gelernt hatte, teilte er die Männer des Dorfes in drei Wachen, und jede der Wachen in Rotten, die die Ausgänge besetzen mußten. Bewaffnet waren sie mit Knütteln, Heugabeln, Sensen, und einzeln« besahen auch Schießgewehre und Pistolen. Und es war gut so; denn die Horde, die sich Mut angefressen hatte, wollte nach der Mitternachtsstunde in -bas Dorf -einbrechen. Einige Kugeln genügten, um ihnen Beine zu machen. Bald danach kam die Nachricht, daß diese selbe Rotte einen Angriff aus das Gutshaus unternommen hatte, doch hatten die Gutsleute diesen Angriff abgeschlagen. Freilich war es den Hungernden gelungen, eine Milchkuh mitzunehmen, deren Knochenreste von den Jägern später im Walde gefunden wurden. Der Pfarrer Fritfche predigte nun am Sonntag danach von den Werken der Barmherzigkeit, und in feiner Predigt erklärte er den wohlhabenden Besitzern: Wer da habe, der müsse geben; der Hunger sei ein reihend Tier, und wenn bie Armen rebellierten, dann würde das Dorf nicht sicher sein, daß von außen bie Bettler tarnen und es niederbrennten. Das leuchtete nun freilich ein, und, durch bi« bewegliche Rede des Pfarrers bewogen, gaben die Reichen von ihrem Ueberfluß an Kohl, Rüben, Kleie und Mehl, Butter, Schmalz und Milch. Und auch der Pfarrer gab seinen Anteil; ja, er verkaufte sogar feine silbernen Schuh- schnallen, damit in der Waschküche des Pfarrhofes ein großer Kessel ein- gemauert würde, um darin aus Kohl, Rüben, Kleie und Mehl nebst etwas Schmalz jeden Tag eine Suppe zu kochen. Diese Arbeit besorgten zwei alte Weib lein, die sonst sicherlich verhungert wären. Und nun erhielten die Armen des Dorfes jeden Tag ihr Deputat, daß sie übers Frühjahr wenigstens hinwegkämen. Und die fremden Bettler, di« sich täglich Jn Scharen einfanden, durften auch einmal in der Woche ihr« Portion holen. Der Herr Pfarrer, der unablässig nachdachte, kam auf den Einfall, ein paar alte, halb verhungerte Kühe zu kaufen und zu schlachten. Er ließ das Fleisch abschälen und die Knochen entzwei schlagen und alles in den großen Kessel werfen und so lange kochen, bis es dicke Gallerte ergab und von diesen Gallerten wurden täglich einige große Kellen in die Suppe hineingeworfen, die dadurch Kraft und Wohlgeschmack erhielt. Diese Erfindung der Knochenbouillon wurde bald in ganz Pommern bekannt und die Rittergutsbesitzer machten sie zur Grundlage der Gesinde- kost. So machte die Not erfinderisch: Nahrungsmittel, die srüher als nutzlos fortgeworfen wurden, fanden «ine nützliche Berwertüng. Damit die Armen, die nichts zu tun hatten, in Atem gehalten würden und auch ein paar Pfennige verdienten, wurden sechzehn von ihnen ausgewählt, die am besten angesehen waren. Die mußten im Schulhaus als Wachtmannschaft dienen. Immer war die Halste von ihnen auf den Wegen um das Dorf vor Raubanfällen und Einbrüchen zu sichern, lieber diese Wachtmannschaft führte der Herr Pfarrer den Oberbefehl, während der Schulmeister-Korporal und zwei andere ausgediente Soldaten die einzelnen Abteilungen führten. Hauptaufgabe der Wachtmannschaft war, des Abends alle Bettler, die ins Dorf kamen, zu sammeln und in eine Scheune einzusperren, in der Stroh zum Nachtlager ausgeschüttet war. Diese Kerle erhielten einen Teller Suppe zum Abendbrot und mußten alle in die Scheune hinein, die mit einem festen Schloß versehen war. So war man im Dorfe sicher, daß biefes Bettelvolk wenigstens nachts keinen Unfug anrichtete. Von diesen Landsstrolchen waren eines Abends über drei Dutzend in der Scheune, und der Pfarrer hatte die Bewachung verstärkt, weil er in großer Besorgnis war ob der übermäßigen Zahl. Er blieb bie Nacht über wach, und das ganze Pfarrhaus war in Unruhe. Die Mutter wollte auch nicht schlafen, und die Kinder krochen zueinander in die Betten und erzählten sich von -dem, was sie gesehen und gehört. Da meldete sich plötzlich ein Hirt beim Dorfeingang an der Stolberger Straße und rief: „Pfarrer, hilf! Sie ziehen in großen Rotten gegen das Gut!" Der Pfarrer war -alsbald auf den Beinen, rief drei Viertel der Bauern auf und rückte ab. Ein Feuerschein in der Gegend -des Gutes schien alles zu bestätigen. Aber kaum war eine Stunde vergangen, als es auf der anderen Seit« des Dorfes zu wimmeln begann. Eine große Rotte von Volk kam heran und brüllte, es sollte Nahrung gegeben werden, und zu gleicher Zeit wurden bie -in der Scheune Eingeschlossenen mobil. Die Bauern im Ort verloren den Kopf und schrien: „Alles ist verloren!" Und ber Dorfinvalide, der die Führung nach -dem Pfarrer hatte, erfand sich als betrunken, da die Bauern ihn hervorholten, daß er das Kommando ergriffe. In dieser Verwirrung lief bie Pfarrerin, mit einem Pistol in der Linken und einem Säbel in der Rechten, auf den Marktplatz und rief: „Seid ihr Kerls und Mannsbilder, .dann folgt mir!" Alsbald -lief sie gegen bie Scheune, wo -die Cingefchloffenen waren und schrie mit schrecklicher Stimme: „Es -ist Feuer angelegt, und wenn ihr -euch muckt, wird die Scheune abgebrannt! Vorn stehen vier uno schießen!" Und um es zu bekräftigen, hieß sie vor ber Scheune einen Holzstoß anzünden. Darauf gaben die drinnen fürs erste Ruhe. Sie selbst aber lief gegen den Strahenausgang, wo die marodierenden Bettler schimpften, während die Bauern hinter der Verschanzung standen und bebten. „Wartet nur!" schrie sie. „Die Husaren kommen! Und gebt -ihr nicht Ruhe, so lass' ich feuern!" Daraufhin zogen die draußen sich vom Eingang zurück. Die Pastorin hieß Pechkränze, bie fertiggemacht waren, nach -außen auf bie Straß« schleudern und befahl, auf ihr Kommando scharf zu schießen, wenn bie Marodebrüder wieder herankämen; aber sie seufzte dabei, denn es war ihr nicht wohl zumut. Draußen waren wohl an die zweihundert, und in der Scheune hatten sie an die vierzig; und das, was zurückgeblieben war an Bauern, konnte unmöglich den ganzen Ort halten. Sie schrie nun, daß bie Kinder und Frauen zus-ammenkämen und sich in die Kirche begäben, als letzten Zufluchtsort; ebenso sollte das Vieh her- ausgenommen und in die Umfriedung des Hauptplatzes getrieben werden. Wie sie so hin und her eilte, rief sie: „Wo ist Heinrich geblieben?" Aber feiner wußte, wo der Junge steckte. Sie kümmerte es im Augenblick nicht weiter, hatte sie doch mehr zu tun. Die Horde kam näher, und sie hieß zwei Musketen abbrennen. Darauf zogen sich die -draußen wieder zurück. Aber -die in ber Scheune begannen zu brüllen, und man hörte sie gegen -die Tür hämmern. „Feuer! schrie sie und suchte nun durch Befehle die drinnen zu erschrecken. Es wäre wohl nicht gut ab gelaufen, wenn nicht plötzlich draußen etn Hurraschrei erschollen wäre und ein: „Halt! Steht! Wer flieht, wird erschossen!" Es war der Pfarrer, -der mit feiner Mannschaft zurückgekommen war, und die marodierenden Bettler sahen wohl ein, daß sie nichts mehr zu bestellen hatten. Vi-el-e zwar flohen rechts und links in den Wald, aber bi« Mehrzahl ward von den Bauern ins Dorf getrieben, gebunden und «> -die Sakristei -ber Kirche gelegt, eng aneinander wie Heringe. Heinrich hatte in dem Durcheinander und in Angst um die Mutter sogleich an den Baier gedacht. Er war hinausgeschlüpft und dem Häufen nachgejagt, ber ausgezogen war, das Schloß zu befreien. Das hatte sich als Finte erwiesen; -denn der Brand — das sah die oorausgeschickt« Patrouille — war vorgetäuscht durch ein paar Holzstöße, in bie Fackeln hin-eingestoßen waren. Di«' Bettler hatten gedacht, Vieh zu rauben uno bas Dorf in Verwirrung zu setzen. Nun waren sie alle gefangen: sowohl die in ber Scheune als auch die anderen, die versucht hatten, von außen zu stürmen, lieber zweihundert Personen wurden nach drei Tagen von Husaren abgeholt und nach Solberg gebracht. (Fortsetzung folgt.) ^-"-antwortlich: vr. HansThyriot. — Druck undD erlag:Drühl'scheUniv er jitäts-Duch» undSteindru ckerei. L. Lange,Gießen.