Gießener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Zreitag, den 17. Juni Zihrgang <932 Nummer 46 Rückkehr in die Heimat. Von Friedrich Hölderlin. Ihr milden Lüfte, Boten Italiens, und du mit deinen Pappeln, geliebter Strömt Ihr wogenden Gebirg'I O all’ ihr sonnigen Gipfel! So seid ihr's wieder. Du stiller Ort! In Träumen erschienst du fern, nach hoffnungslosem Tage dem Sehnenden, und du, mein Haus, und ihr Gespielen, Bäume des Hügels, ihr wohlbekannten! Wie lang ist's, o wie lange! Des Kindes Ruh' ist hin, und hin ist Jugend und Lieb' und Glück. Doch du, mein Vaterland, du heilig- duldendes, siehe, du bist geblieben! Und darum, daß sie dulden mit dir, mit dir sich freun, erziehst du, teures, die Deinen auch und mahnst in Träumen, wenn sie ferne schweifen und irren, die Ungetreuen. Und wenn im heißen Busen dem Jünglinge die eigenmächt'gen Wünsche besänftiget und stille vor dem Schicksal sind, dann gibt der Geläuterte dir sich lieber. Lebt wohl denn, Jugendtage, du Rosenpfad der Lieb' und all' ihr Pfade des Wanderers, lebt wohl! Und nimm und segne du mein Leben, o Himmel der Heimat, wieder! tgedanke. tos regnet teqe our«) eine Horizont geht das Graue ein wenig des der Kleine Reise nach Nürnberg. Von Wilhelm H a u s e n st e i n. Nördlich von München ist es beinahe die Grassteppe. Am Rande Gesichtsfeldes zieht sich ein Kiefernwald mit schwerem Dunkelgrün Kronen und mattem Rot der Stämme, deren senkrechter Gleichstand aus- fällt wie eine Absicht, wie ein Kunstgedanke. Es regnet leise durch eine laulich-kühle ßuft; aber vor uns am Horizont geht das Graue ein wenig auf; der Himmel hat ein bißchen Taggold, das verspricht; die Wolken dort glänzen. , , . ... Jetzt kommt das fruchtbare Niederbayern; man spurt, wie man die Grenze zu dieser Fruchtbarkeit überschreitet. Das Land fangt an, sich zu wellen, weithin sich zu Hügeln, mäßig und in langen Zügen sich zu senken. Hopfenstangen stehen schräg aufgerichtet, Parallelogramme in genau abgegrenzten Feldervierecken. Nun beginnt man den Fluß zu ahnen. Da geht die Donau an. der alten Stadt vorbei. Drinnen im schönen Ingolstadt wieder einmal die dunkelviolettrote Gotik der Liebsrauenkirche und tue seltsam übereck gestellten, niedrigen Türme, die aussehen wie Befestigungen — wie eine Burg des lieben Gottes. Das schöne alte Dach! Durch Aeste und Zweige Ichaut man auf das alte Kirchengemäuer..Ruhe ist umher... Der Himmei weih, warum wir uns einbilden, in Flandern zu fein. Das Land nimmt absonderliche Formen an. Das Tal der Altmühl ist von Wiesengründen, Grashängen und lichtgrauen Felsbastionen begleitet wir denken fernhin an das Tal des Doubs drüben ,m französischen Burgund — an die Landschaft des Courbet. Die alte Bischofsstadt Eich statt liegt in ihrer Ordnung, die lateinisch anmutet Em Kirchturm tragt eine Haube, die aussieht wie eine barocke Schussel. Erstaunlich und wohü tätig die provinziale Vornehmheit des Schloßes in der Stadt und der vornehmen Häuser, die es umgeben: Barock entfaltet sich wild, beschwichtigender Menschlichkeit. , InWeißenburg erst macht das Fränkische sich geltend Hauser haben angefanqen im Fachwerk zu stehen: mit dem dunkelbraunen O - bälk im kalkweißen Gemäuer. Die Häuser haben angefangem Giebel zu tragen Weißenburg ist ein köstliches altfränkisches Städtchen, °ber Ellingen? das Machen selbst. Mit aller N°i°itat e-nes a ,g n Lebens, fern von der arößeren Welt, aber auch mit der dichterische Kraft und Größe eines Daseins, das für sich l^bst Mitte werden dürft da es an menschlichem Wesen reich genug war, um das Bild eines ga z Lebens aufzubauen, vom kleinsten Bürger und Untertan bis hinauf zur Großartigkeit einer herrschaftlichen Würde, die sich mit einem phantastischen Schloß umgab, einem Schloß von tropischer Fülle der Erscheinung — so setzte Ellingen sich in diese milde, helle und leicht bewegte fränkische Landschaft: nicht anders, als wenn durch Zauber irgendwo in der Welt eine Stadt aus der freundlichen Erde steigt und fertig aus den segnenden Himmelslüften hervorkommt... Die Landschaft wandelt sich abermals — und diesmal so, als wollte sie Küstenlandschaft werden, Sandhügel, eigentümlich angebrochen und durchformt von Wind und Wetter; Ginster, Erika, Gras und Kiefern. Es ist eine. Landschaft, die nahe einem Meere liegen könnte — und wir wissen doch, daß sie nahe bei Nürnberg liegt... Das Schönste ist die Lust. Hier in weiten Vorhängen, die schier unsichtbar wären, hängt und weht sie herab, ganz blau, wässerig-blau. Hier könnte man Aquarelle malen. Das Blaue der Luft, unkörperlich und doch vollkommen sichtbar-, geht breit hernieder, legt sich über das dunkle Grün der Kiefern, in das Grün der Wiesen und an das matte gelbgrau des Sandes. Wir entsinnen uns des Dürer, der an solchen Stellen ging und malte. Er matte mit Wasserfarben, und seine Blätter gerieten ihm ins Blaue — das grüne Gras, auch die dunkelgrünen Kiefern. Das Blaue war auch um ihn; es ist der Geist dieser Landschaft. * Wir sind in der Stadt Nürnberg. Man muß sagen: Stadt; denn Nürnberg ist so stadthaft, daß man es ganz besonders verspürt. Es ist auch eine Stadt mit einer starken geheimen Ordnung, die im Wesen und in der Geschichte verbürgt liegt; man kann ja gar nicht so oder so durchlaufen. Man wird, ohne es von vornherein zu wissen, in einem ganz bestimmten Zug gesührt: gemäß dem Sinn der Stadt, der willens ist, sich dem Gast zu entfalten. Es ist wunderbar und eine der eigentlichsten Schönheiten dieser Stadt, daß sie nötigt, in den Nerven nötigt, so zu gehen und nicht anders. Bin ich erst an der Lorenzkirche, so muß ich, wollen oder nicht, hinüberbiegen zu der Fleischbrücke mit dem steinernen Ochsen; von dort, vom Scheitel dieser Brücke, muß ich die bunten Flecken der ausgehängten Wäsche sehen und darunter das Wasser der Pegnitz — dies gelbliche und etwas olive Wasser, das träge und undurchsichtig dahinflieht und -ein gefährliches Ansehen hat, gleich einem Wasser, das etwas verbergen will. Dann muß ich auf den Marktplatz laufen, der angefüllt ist mit Gemüsen und herrlich nach ihnen riecht; mein Blick muß sich teilen zwischen der Frauenkirche rechts überm weiten Platz drüben und dem verheißenden Thor von Sankt Sebald droben zur Linken. Und dann muß ich, ehe noch etwas anderes geschehen kann, zur Burg hinauflaufen. Von dort droben bestätige ich mir das unvergeßliche Bild der alten Dächer, die steil heraufstehen, steil, rötlich und schwärzlich, und aussehen wie ein geronnenes Gemenge von Wellen. Der eine der beiden Türme von Sankt Sebald ist violettgrau. Die Dächer gleichen denen in Straßburg, wenn man sie von der Plattform des einen Münsterturms anblickt: es ist die nämliche, zugleich erregte und stille Aufsicht. Zuweilen sehen sie aus wie schuppige Fischleiber, die Ziegel wie Schuppen — auch jetzt gerade, da sie vom vergangenen Regen noch die Spur der Feuchte tragen. Draußen geht um die weite innere und alte Stadt herum der rauchige, mit Schloten bestellte Ring der Industrie. Wenn ich mich wende, steht riesenhaft der schwarze Burgturm, den ich kenne, in die Höhe des Himmels hinauf. Und nun? immer leitet mitgehend die Stadt selbst mich weiter, die Stadtperfon, wie sie muß und wie es recht ist; da bleiben von Mal zu Mal nur wenige Variationen, und es geschieht ganz von selbst, daß ich niemals auch nur eine einzige der Schönheiten versäumen kann,' die dieser Stadt eigen sind: ob ich nun im Winter komme und nachts, wenn der weiße Schnee die Schönheiten der Stadt ins Unwahr- jcheinliche hebt, oder wenn ein Frühling die ersten gelben und grünen Knospen auf die Schwärze uralter Mauern malt. Nichts kann versäumt werden — weder der Henkersteg noch die spielzeughaste Binnenstadt des Trödelmarktes, noch die Hopfenhalle mit ihrem anreizenden Duft, ober ber weite Platz mit Sankt Egibien. Ich habe diese Stadt nie mit dem Plan betreten; alles hat sich immer von selbst vor mich gestellt; die Füße gehorchten hier je und je dem Magnetismus des Notwendigen, mit dem diese Stadt auf eine angenehme und freilich auch höchst unheimliche Weise ausgerüstet ist. # Die alten Häuser haben die violettrote und nachgedunkelte Farbe des Weins. Manchmal sind sie auch rosa, manchmal auch grau — hellgrau ober bunteigrau. Am nachhaltigsten bleibt ber Einbruck von ber Rotwsin- farbe, bie bem alten roten Sandstein gehört. Am weinigen Steinrot sitzt warmbraun mit Delfarbe bemalt, der hölzerne Erker; oft find sie im Geschmack des Barock ober bes Rokoko nachher an rote Steinhäuser von weitzurückreichendem, mittelalterlichem Alter angehängt; da hängen sie Es ist Abend. Der Wagen geht an der schwarzen Stadtmauer hin. Auf der anderen Seite steigt, mit Mennige gestrichen, das Eisengerüst eines Krans in einen unendbch süßen Himmel, auf dem ein Veilchenblau mit einer sanft gehenden Räte streitet und zusarnrnenschmilzt. Ich müßte lügen, wenn ich sagen wollte, der Anblick habe mich verstimmt; er hat die schwärmende und gefügte Freiheit einer Dichtung. . E ift Rächt Laternenfchein schlägt an den Spitzbogen eines mürben klei: städtischw Stadttors. Der herabgesunkene Sternhimmel drunten im ‘.irf -n-t' -fj n Tal — das sind die Lichter von E chstätt. An der Landet rf 'n laublos im Licht unseres Scheinwerfers! fast weih, a n, die in leidenschaftlicher Streckung erstarrt scheinen. Man meint, man wüßte, was Nürnberg ist; man hat Sympathien für diese Stadt und vielleicht auch gewisse Abneigungen und Vorbehalte für sie und man hat beide gegeneinander ausgespielt; man glaubt die Künste der StadtNürnberg zu besitzen. So oft man aber wieder hin- tommt, überraschen Umsang und Nachdruck der Kunstgerechtigkeit, in der diese Stadt sich mit Stärke und mit bürgerlichem Stolz auf sich selbst besonnen hat — in der diese Stadt ihrer selbst am meisten bewußt geworden ist. Und wenn man je gemeint hat, diese Stadt habe des Kunsthasten zuviel getan (wie man es zum Beispiel von der Renaissance und im einzelnen etwa von einem Benvenuto Cellini gemeint hat): man braucht nur vor detti Pellerhaus zu stehen oder am Tugendbrunnen, oder vor den entzückenden Bronzebübchen aus den Röhren des Schönen Brunnens, oder gar vor dem ebenso wesenhasten als formvollendeten Sebalds- farko'phag, um all dies kunsthaft bis zum letzten Betonte dankbar und beschämt wieder hinzunehmen. Es ist der Kunstgeist einer kräftigen Zeit und einer kräftigen ethischen wie gesellschaftlichen Rasse; er hat die überzeugende Vollmacht des begabten, von sich selbst, von eigener Fülle bedrängten Lebens... Und welches überzeugend schlichte Schweigen in jenem nürnbergischen Künstlerleben, das uns mit dem Hause Dürers erhalten blieb: wer so gelebt hat, in der bescheidenen Würde dieses Rahmens, der hat gedient; der war ein reiner Arbeiter; der hat im Bereich des Notwendigen gelebt. Messen wir unseren Abstand von dieser Welt: wahrscheinlich gibt cs heute Kunst, die müßig ist; dort aber und damals war sie das wirkende Leben selbst. nun nrit der Intimität eines Mobiliars, das sozusagen nach außen gekehrt i M i bürgeil.chen Chorlein, sino wie Kommoden die man in die Luft' der Straße hinaurgeschoben hätte Dies ist Nürnbergs Dies und die kappenartiqen Speicheigehäuse, die droben an den Dächern herausgebaut M und mit ihren Mützenschildern in die Straßen her- vorragen. ,.. Vielleicht haben wir alle von Nürnberg die Erinnerung an burgeAiche Lebensengen des Mittelalters? Nicht ohne Grund Aber wie herrlich) ift bic Weiträumigkeit der Plätze, und wie befreit blickt man aus der Wecke der Platzräume auf das Ganze! Wahrhaftig, es 'st nicht anders: mitten aus der Stadt, von ihren weiten Plätzen her, von den Deltas, m benen die Gassen zusammenmünden, erblickt man das Ganze der Stadt. Man sieht Dächer hoch droben irgendwo ins Freie auesahren>en'arterTurm chießt souverän in die Luft, und um ihn herum >st wirklich nicht nur die trotzig-bürgerliche Sicherheit, sondern auch die Freiheck selbst! So kann man sich inmitten der Stabt an bestimmter umschloßener Stell boch immer auf bas Ganze ber Stabt besinnen unb eine Unbeschranktheck des Blicks genießen, bic man sonst nur gewinnt, wenn man droben auf ber Burg steht oder draußen vor Toren, Mauern und Graben. SanktLorenz ist nicht kathedralisch; Sankt Lorenz ist eine bürgerliche Kirche begrenzt in Maß und Ausdruck. Gleichwohl: diese Dichtheit diese innere' Weite des Chors — diese köstlichen Durchsichten, die dem Gedanken der Freiheit Spielraum lassen, während sie das Gemüt einfassen und versichern... Man hat die Schönheiten tm einzelnen langst vor dem Bewußtsein verantwortet; nun ist man m den angenehmen Zustand angekommen, wo man sich erlauben mag, das Ganze und Ungefähre hinzynehmen — und da bleibt als das Schönste der Zauber der Tone, das aschgrau geworbene Rot bes Steins in ber Kirche brinnen, berührt vom anemonfarbenem Licht, bas burch bie weißen, em wenig Milchigen unb leise opalisierenben Scheiben mit ben bleiernen JRanbern berein- qesiltert wirb. Die schönen Stanbbilber an ben Bündelpfeilern sind mit ihrem grauen Ton ins Ganze gebunden, und es ist ein gleichsam beseeck- gendes Gefühl, sie aus dem Gemäuer nicht mehr mit unterscheidendem Auge lösen zu brauchen: sie drinnen lassen zu dürfen im Zauberbann des Tons. .. Draußen wundert man sich mit stillem Gefühl über den Wechsel der Lichter und Töne, der an der grauen Ruhe des Gesteins geschehen kann. Je noch der Stunde nimmt das Gemäuer von Sankt Lorenz das Weim satzrot der umgebenden Häuser an oder einen unwahrscheinlichen Anhauch von Lila oder ein abendlich kaltes Grau, und über den Steinen verfärbt sich zugleich, doch unmerklicher, bie lichtgrüne Patrna ber -türm« Pyramiden. Wie groß ist immer wieder das Erstaunen darüber, daß in diesem Nürnberg das als ein Inbegriff des Gotischen und der Renaissance in uns verwahrt liegt, das Barock eine feiner kühnsten Erfindungen gewagt hat! Durch die romanische Gestalt der Euchariuskapelle just am wenigsten vorbereitet, erschrickt man immer aufs Neue über das kühn geformte Theater der angeschlossenen Egidiuskirche: über bie Ränge, bie eher einer Oper ober einem Schauspielhause, als einer Kirche zu gehören scheinen unb bie Erinnerung an bas lagenmähige Innere ber Dresbener Frauenkirche herbeirufen. Man weih sich nicht zu fassen unb staunt verlegen zu dem Waschblau bes barocken Deckenmebaillons hinauf, bas droben in das gipfig-trübe Weih der Kirche eingemalt ist und erst dem einläßlichen Zusehen ein Bild mit Gestalten entwickelt. Zwischenspiel um Bowewittche. Aus dem Nachlaß von Carl Busse. Wolf und Packan heulten vor Vergnügen denn nun sollte es bergab gehen. Es war ein schöner breiter Fahrweg. Eine ganze Seit lief er eben unb vernünftig hin, mit einem Male bekam er ben Hochmutsteufel, als ro0Uf er's seiner großen Schwester, ber Brennerstraße, gleichtun, unb Heiterte gewaltig empor. Man rounberte sich orbenthd) rote il)m bas gelang. Tckr feurigste Gaul fiel ganz von selbst in Schritt. Aber urplötzlich ging ihm ber Atem aus, unb er purzelte roieber hinunter. 9 Die Leute waren nicht befonbers auf ben unvernünftigen Teil ihres Weges zu sprechen unb machten ein finsteres Gesicht. Nur »oroeroittfje lachte Aber es fiel niemandem weiter auf, benn immer ober war nachbenklich fröhlich. Kam er an bie Hohe, so stieg er von seinem kleinen Hanbwagen unb freute sich auf ^as HeruMerfahren Jetzt sollte es nun wirklich bergab gehen, beshalb Kulten am Anfang dieser Geschichte Wolf unb Packan vor Vergnügen. Bowewittche versicherte sich noch einmal, baß bas Kleinholz, bas er geloben ihm nicht ins Genick rutschen konnte, bann nahm er fernen Platz em, knallte luftig mit ber Peitsche, unb heibi ging es los! 9, Plötzlich stieß er einen kurzen Schnalzer aus: feine scharfen Augen hatten rechts etwas blitzen sehen. „Glück, Glück, Äluck , stimmte es ih in ben Ohren, aber jetzt kannte er ben Wagen nicht Sum Stehen bringen. Doch als er unten war, zog er bie Seine, banb bas Wägelchen fest unb fing an, zurückzugehen. Warum sollte er nicht feftftellen, was bas $Il(£ln schnurriger Kauz, wie ber ba behaglich suchte! Ganz merkwurbig klein von Figur; es fehlte nicht viel, so hätte man von einem verkümmerten Menschlein geredet. Deshalb war feit vielen Jahren fern ehrlicher Name Witt zum Spottnamen „Bowewittche verdreht w^den. Aber was andere gekränkt hätte, freute ihn. Bef man macht den Leuten Spaß als Schmerz. Aber er war keine komische Figur. Er arbeitete unb ernährte sich reblich. Seine Baracke war baufällig. „Jeder hat kein eigenes Haus", sagte er und betrachtete das windschiefe Gemäuer, das ihm ^Bowewittche suchte also jetzt — in feinem langen Mantel und ber über die Ohren gezogenen Mütze — irgend etwas Blitzendes Er hatte es bald und drückte es entzückt hin und her. Es war em einfaches, übrigens merkwürdig fdjmales Hufeisen. Im ersten Loch steckte noch em Nagel. Glück Gluck Glück — wie das summte. Der liebe Gott meinte es gut mit ihm. Hundert sind daran vorbeigegangen — er steht unb findet es. Da sollte man nicht doppelt zufrieden fein! Bowewittche steckte das Hufeisen in die Tasche und trottete zu feinem Wägelchen zuruck. Der Pfarrer hatte die fünf Hufeifen vor der Schwelle Bowewittches oft gezählt und des Langen und Breiten darüber gesprochen als über ein schlecht und heidnisch Sinnbild. Der aber, dem die Schwelle gehörte, hatte mit freundlicher Achtung gelauscht. Was wollte der eifrige Pfarrer machen? Er mahnte, es fei kein gottgefällig Ding und wurde noch zum Unseqen austolagen. Aber wenn er Bowewittches Augen sah. „Ihnen hat der liebe Gott ein fröhliches Herz gegeben!" mußte er lagen. Das war recht. Vielleicht hab ichs gekriegt wegen der Gestalt, dachte der kleine Fuhrmann. Die war wunderlich und nicht schön. Weil er barm zu kurz gekommen, hatte es ber Himmel eben an anberer Stelle — innerlich — roieber gut gemacht. So glich sich bas, alles in allem, roieber aus. Wolf unb Packan hatten sich ruhig verhalten, bis ihr Herr wieder ba war. Er zeigte ihnen feinen Funb, setzte sich auf, unb fyurtig ging s vorwärts. So erreichte man die Stadt. Lachend ober mitleibig schauten bie Kutscher, bie glänzenbe, gut gefütterte Pferbe lenkten, auf bie Hunbe., Aber Bowewittche lachte auch. War' das nicht komisch gewesen — er, der Zwerg, und so ein Riefenpferd!? Es war schon Herbst, aber der Tag war sonnig. Das erste Gluck, dachte Bowewittche. Die Fahrt war glücklich zu Ende — bas zweite! Und bas- Hufeisen bas war bas britte unb beste! Er griff danach und wollte es aus der'Tasche holen, doch im selben Augenblick zuckte die Hand zurück. ; Er hatte sich an dem schräg hervorstehenbem Nagel, ber im ersten Loch saß, ben Finger blutig gerissen. , . o . Bravo" sagte er, „nun gibt mir der Tag noch eine Lehre. W» Spitzen vorstehen, muß man langsam greifen." Er wischte das Blut ab, spannte die Hunde aus, gab ihnen Futter und schnitt sich dann selbst eut kräftiges Stück Brot ab. Da kam die Prüsung. Der kleine Fuhrmanii hatte zuviel Sonnenschein im Herzen. Es muß auch mal Schatten und dunkel werden. Warum mußte der Schatten gerade vom Blitzenden kommen ... vom Hufeisen? Der Nagel und das Hufeisen, in dem er steckte — sie waren beide rostig. Und der Nagel hatte den Finger zu kräftig verletzt, die Lehre sollte gewiß eindringlich sein. So lief der Finger an, die Schwellung wurde größer, Fieber kochte darin, die Schmerzen stiegen. — „Das i|t nicht richtig", sagte Bowewittche bekümmert. Er war stets bekümmert, wenn er nicht entdecken konnte, wozu etwas gut sein und nützen solle. Weshalb er gerab’ jetzt, an bem Glückstag, zugleich mit dem sechsten Hufeisen den bösen Finger bekam — nein, ba versagte er. Immer böser sah ber Finger aus. Er ergriff bie Hanb. Da tarn ber Pfarrer bes Wegs unb trat bei seinem Pfarrkinb ein. Redete bies und bas. Ob ber kleine Fuhrmann morgen eine größere Arbeit übernehmen.wolle^ „Hochwürben Herr Pastor, Arbeit schmeckt süß, aber Freitag fang' nicht an. Setz' fort, aber beginn’ nicht!" Eben rüstete sich ber geistliche Herr mit weltlichen unb kirchlichen Waffen — ba sah er ben Finger. „Mann — um Gottes willen!" „Ja", sagte Bowewittche, „schlimm! Doch ich hab' bas sechste Hufeisen^ Nichts für ungut!" Er erzählte. Aber der Pfarrer: „Hier hilft nur noch der Arzt. Er allein wird jetzt noch wissen, ob Sie ohne Operation davon- i kommen. Wir wollen hoffen, daß es noch nicht zu spät ist!" Der Pfarrer nahm Bowewittche zum Sanitätsrat, und der warf nur , einen Blick hin: „So, so ... schöne Sachen! Wieviel Hufeifen haben Sie. I Fünf ohne das neue? Wenn jedes einen Finger kostet, sind Sie Linkpoi^ I Mahlzeit, das wär' mir zu teuer! Lieder sollt' mal ein böser Geist in -1?in Haus!" Jetzt würgte es den kleinen Fuhrmann doch. „Die Hand iliun ro.g ." D du Gruni^gütiger! Und womit aufladen, womit Wolf und Mckan halten, wenn sie mal im Laufen waren? Im Krankenhaus wurde am Abend noch zur Operation geschritten. Vowewittche ward dabehalten. Er jammerte nach feinen Hunden. Fiebernd laq er nachts im Bett. Oft hob er die rechte Hand empor, daß sie gegen Las hellere Fenster stand. Aber er mochte zählen, wie viel er wollte: er war schon wieder zu kurz gekommen. Denn nur vier Finger waren da. Es war schlimm, aber es war zu ertragen. Wenn es nun die ganze Hand gewesen wäre! Nur über eins kam der kleine Fuhrmann nicht hinweg. Trogen die Bräuche seiner Jugend? War dies die Strafe Gottes? War das Hufeisen wirklich ein heidnisches Zeichen? Das ganze Männlein war in Verwirrung geraten. . Als Bowewittche aus dem Krankenhaus kam, war er noch immer -verwirrt Es gärte in ihm, und er wunderte sich weiter Tag für Tag, und ,alles war fremd und neu. — Aber da riefen die Straßenjungen: Bowe- wittche' — in der Stadt war er Herr Witt gewesen — und das war cheimatslaut. Ein zages Lächeln. Da stand sein Haus, windschief, doch seines eben, und nicht jeder konnte Besitzer sein. Jetzt ward das Lächeln schon kräftiger. Und da: „Wolf ... Packan!" Heber das ganze Gesicht ,flinq das Strahlen und die beiden Getreuen stürzten ihm entgegen. Auch das Hufeisen liegt noch auf dem Fensterbrett. Der böse Nagel steckt noch immer drin, und alles wird licht, die Verwirrung weicht. Es war doch «in Glück: wer weiß, ohne das Hufeisen — Er schlenkerte die rechte Hand j)in und her. Der Nagel wollte den Tod. Aber das Huseisen hat dies böse Wollen durchkreuzt, es hat gerettet, was zu retten war und so blieb nur ein Finger dem Nagel verfallen! Und ohne die fünf da draußen auf der Schwelle wär' der Pfarrer schwerlich eingetreten. Dann hätt' es kein Krankenhaus gegeben, keine Operation — aber auch jetzt die Freude nicht, sondern statt dessen vielleicht den Tod. Bowewittche wirft die Beine, als ob er tanzen wollte. Im Nu ist er draußen. Grad weht der rechte Weg den Pfarrer her, der den Gesundeten besuchen will. Er sieht ihn an der Schwelle schassen. „Bravo ... das ist rechte Arbeit", ruft er schon von weitem. Er freut sich,"daß das Teufelszeug beseitigt werden soll. Bowewittche dreht sich strahlend um: „Weil ich noch leb' ... jetzt ist das sechste auch fest! Nichts für ungut, Herr Pastor!" Kling, kling, trifft der Hammer den Nagelkopf, und ein schmales Hufeisen sitzt seitdem auf der Schwelle neben seinen fünf größeren Brudern. Katzen und Hu de. Von vr. E. F e i g e. Sie leben wie Hund und Katze. Diese gegensätzliche Einstellung yov scheu den beiden „menschlichsten" Haustieren ist kein Zufall hat doch das Geschlecht der Haushunde weit ältere Ansprüche an die Alleinherrschaft im menschlichen Wohnraum als die Katze, dieser verhinderte Lowe. Denn in der Tat stellt sich unsere brave Hauskatze als eine Art verhinderter Löwe in der menschlichen Kultur vor, sie bildet als Abkömmling der nubischen Falbkatze ein Löwensurrogat. Denn >hr großer Vetter aus dem Katzengeschlecht hat sicherlich manche Untugenden, di seiner Heilighaltung durch das ägyptische Priestertum gewisse ©djmier g- leiten bereiteten. Diese Herren sanden auch einen Ausweg, indem sie die etwa ums Jahr 2000 v.Chr. Geburt im eigentlichen Aegypten bekanntgewordene Katze an die Stelle ihres großen Vetters setzten. Die ursprünglich löwenköpfige Göttin Bastet wurde in eine katzenkopflge verwandelt, und die Priesterschaft eröffnete eine anscheinend sehr ausgedehute Katzenzucht bei den Tempeln, wie die von der neugierigen Nachwe t ausgegrabenen Katzenfriedhöfe beweisen. Damals hatte ? gyp lange Zeit hindurch offenbar auch ein Monopol für die Katzenzucht, erst mit dem endgültigen Niedergang der ägyptischen Macht ge g , die sorgsam gehegten Tiere auch nach dem Abendlande zu bring . freilich ^reizte nicht so sehr der fromme Geruch, den b'e >m ^'enst der Ahnenverehrung stehende Katze in ihrer e »erbreitete, a ein profaner Zweck: sie sollte die diebischen Mause vertilgen. Oo sie dieser Ausgabe mit großem Erfolg nachgekommen ist, geht aus den'Berichte der Chronisten nicht hervon Jedenfalls haben sie dl- vorher beliebt gewesenen Mäusejäger aus dem Mardergeschlecht gründlich verdrai gk Vielleicht hätte man sich nicht so sehr aus die profaneni ® elüfte der Katze verlassen, wäre schon damals im Abendlande die Rattenplage verbreitet gewesen. Denn die Katze ist konservativ geblieben, sie behauptet noch heute ihre Stellung als echtes Haus- und Nachttier, . e Lj . n. noch ihren alten Nahrungegewohnheiten. Obwohl sie 'dre Raubtiereigenschaft mit dem Hunde teilt, kann sie doch .ihre abweichende Lebens- gestaltung mäst verleugnen, sie ist kem Hetziager der ff . . t[og sondern der schleichenden Lauer- und Baumjager, der die - Im Vergleich zu dem Hundegeschlecht haben die Katzen^eme ganz andere Rolle in der Natur zu übernehmen gehabt und wanche^alt^ Gewohnheit ist auch unserer Hauskatze erhalten gebl eb ■ würdiges Ueberbleibsel dieser uralten Lebensgewohnhelten der Katze ist die beim Hunde mehr platonische Vorliebe für die gefie Es mag müßig sein, Heberlegungen darüber anzustcllen W Krallen hat, um Bäum- zu ersteigen °der °b s'e B°um erste gt, weil sie Krallen hat. Jedenfalls ist aber eine besondere Vorliebe Der s sur gefiederte Nahrung festzustcllen, die sich auch im ^J19 sinne kaum unterdrücken läßt, wenn von einem solchen >m engere ® Überhaupt gesprochen werden tonn; es gibt m br g 3 V Löwen und Tiger als gezähmte Hauskatzen Und noch» eine,and S sawkeit hat unsere kleine Hauskatze bewahrst das ist ihre geftre ft« A w nung, die dem Hunde bereits fehlt. Dadurch beweist unsere kleine k?tz- ihre Verbindung mit so manchem primitiven . 1 ‘ . (önqft Schleichkatzen Afrikas und Südasiens^ S.e stehen, noch nut den ^langlt °u gestorbenen Stammformen aller Saugetiere > Erdzeitaltern Ja aber auch mit den Ahnen unserer Hunde in sruheren Cr z selbst mit manchen Halbnffen und nvt den Huftieren etwa unseren Pferden und Rindern, s-hl-n uurd) tuji., ulmuii.gs etwas weit zurückliegende, Verwandtschaft die Beziehungen Nicht. Die Hauskatze ist wie jene Formen ein Kind der alten, warmen Tertiärlandschast der Erde, wie wir sie uns heute noch aus den warmen Gefilden des äquatorialen Afrikas vorstellen können, wo Giraffen, Zebras, Antilopen und Nashorn auch etwas von der verklungenen Herrlichkeit Mitteleuropas überliefern, nicht zu vergessen die Menschenaffen. Die Katze als solche hat somit sicherlich eine ältere Geschichte als der Mensch selbst in seiner heutigen Form, sie hat sogar ihre Unabhängigkeit von dem Laufe der Ereignisse stärker ausrechterhalten. In mancher Hinsicht ist sie demnach aristokratischer geblieben. Freilich ganz unberührt ist unser Hauskatzengeschlecht von der menschlichen Freundschaft nicht geblieben. Sie hat manchmal ihr altes natürliches Gewand aufgeben müssen, sie hat Farbenrassen genau wie der Mensch gebildet; man kennt ja die schwarzen, weißen und selbst schwarz- weißroten Katzen, die langhaarigen Angorakatzen und andere, die dem Abwechslungstrieb und der Vorliebe für seltsame Erscheinungen weit entgegenkommen. Die Katze als Haustier ist in dieser Hinsicht allerdings von unserem Hunde weit in den Schatten gestellt worden, ein Beweis dafür, daß sie nie so populär geworden ist wie der 5)unb und auch in der Wirtschaft unserer menschlichen Vorfahren nie eine so große Rolle gespielt hat. Obwohl die Hunde im naturgeschichtlichen Sinne erst später entstanden sind als die Katze, haben sie doch als Begleiter des Menschen eine weit ältere Geschichte. Der älteste Haushund, eine ziemlich große Form, ist aus Ablagerungen im nördlichen Ostseegebiet bekanntgeworden, die etwa ins 7. Jahrtausend v. Ehr. Geburt zurückzudatieren sind, und hat im Norden Europas und Asiens noch ziemlich unveränderte Nachkommen hinterlassen Zweifellos sind alle unsere Hunde Nachkommen von Wolfen, die in verschiedener Größe ja über fast die ganze Welt verbreitet waren. Merkwürdig ist im Gegensatz zu den Katzen aber der Umstand, daß die Menschheit in allen möglichen Gebieten die Wölfe oder ihre in Hunde verwandelte Nachkommen in ihr Gefolge gezogen hat. Dabei kann man bei den primitivsten Formen der Hundehaltung nicht einmal von „Haus - Hunden sprechen; erst unsere Heberzivilisation hat solche echten Houb- hunde von teilweise zwerghafter Gestalt geschaffen. Es ist ganz auffällig, daß sich der älteste Haushundfund auf das Ostseegebiet bezieht, wo wir in den frühesten Zeiten Fischer- und Jägerstämme zu vermuten haben. Ein Gegenstück dazu bildet der ursprüngliche amerikanische „Haus -Hund, der noch heute primitive Küsten- und Fischerstämme begleitet, wie auch di- nordischen Renntiernomaden und Fischervölker ziemlich unveränderte Nachkommen jener ältesten Zahmhunde mit sich führen. Ihnen dient der Hund ja nicht nur als Gefährte, sondern auch als Nahrungstier. Außerordentlich früh muß der Hund somit in die mensch'iche Gemeinschaft hineingewachsen sein, konnte er sich doch sogar in dem sonst ganz abge- jchlossenen Australien als einziges Säugetier verbreiten und dort inmitten der Beuteltierwelt lange Zeit ein Rätsel bilden. Diese Erscheinung ist aber nicht mehr so auffällig, seit wir den Hund als ältesten gezähmten Begleiter des Menschen kennengelernt haben, und zwar nicht nur — wie etwa die Katze — als Begleiter eines örtlich beschränkten Menschenstammes sondern fast aller Menschenstämme, der Nordländer sowohl wider Malaien, der Neger ober der eingeborenen Amerikaner, die europäische Haustiere erst nach dem Eindringen der Spanier kennenlernten und doch schon zahme Hunde besaßen. Zu einem schmerzlichen Erlebnis wurde den alten amerikanischen Kulturstaaten der Hund erst durch den unerbittlichen spanischen Kriegshund, dem zusammen mit dem Pferde und der Feuerwaffe der Sieg über die weit gräheren Fnkayeere zuzu- schreiben a[f0 zweifellos weit ältere Anrechte auf die menschliche Gefolgschaft als die Katze, und es ist darum nicht wunderbar daß er sie als lästigen Eindringling empfindet und sich mit ihrem Dafein noch keineswegs so abgefunden hat, wie mit den anderen Haustieren. Aber noch etwas anderes lehrt uns der Hund. Seine Verbreitung bei allen Völkern der Erde, scheinbar ohne jeden Zusammenhang untereinander, deutet auf eine altererbte Bekanntschaft hin. Bei fast jeder anderen Haustierart weisen die Völker Abwandlungen je nach ihrer neuen Heimat aus. Der Hund allein findet sich im australischen Gebiet sowohl wie ,n Amerika und Afrika, bei dem Nordländer sowohl wie bei dem Südländer. Damit weist er auf das frühe gemeinsame Erlebnis des Menschengeschlechts hin und zeugt für die ursprüngliche Einheit des spater kaum weniger als das Hundegeschlecht aufgespalteten Menschentums. Oie pariser. Roman von Alfred Bock. (Forlietzung.i Den Abend draus geht mein Ellerknenn über ben Teufelsgrunb. Hnd kommt ein schwarzer Kerl auf ihn zu. Hnd hält ihm ein dick Buch unter b'e Du hMtnbqcfternt meine Kunst gebraucht, hier schreib' deinen Namen herein.' Der Ellerknenn ritzt sich ben Arm auf unb schreibt: .Jesus Christus der da war, ber da ist und fein wird in alle Ewigkeit, 2Iuf einmal tut ber Deubel — bann bas war ber schwarz Kerl — em Krisch unb fliegt in bie Luft. Das Buch hatf er vergessen. Da standen nu all bie Leut drin, bie sich ihm verschrieben hatten. Die mehrsten hat mir mein Ellerknenn genennt. Wo ber Deubel sich emal beige,djmiert hak da hält bie Freunbschast in ber Regel bie Prob' bis auf Kinber unb Krn- bestinber. Unb bie fein alleweil noch im Ort." Die Pariser begehrten bie Namen zu wissen. Der Schiwwerkäsper aber ertlärte, er werbe sich hüten, aus ber Schule zu schwatzen. Da fei ihm fein Ducke! viel zu lieb In Paris" sagte ber Buschur erheitert, „war in unferm Haus eilt Schneider nartiens Blanc. Dem seine Sag' war, er tat’ nur an em Deubel glauben. Das wär' seine Frau. Das war em bitterbos Stuck. Und ging als auf den Mann los, daß er sich vor lauter Angst unter den Tisch verkroch." Vie Pariser schüttelten sich vor Lachen. „’s gedenkt mir", sprach der Schrni. tsroier, „ich hab' sellemal in Paris aufm Weihnachtsmarkt ein’ Deubel für mein’ Bub gekauft. Der hatt’ eine greuliche Wisistch*. Und könnt' mit dem Kopf wackeln. Und hat nur ein Sou gekost." „Ueberhaupk war das Spielzeug in Paris merkwürdig billig mischte sich der Bornschorsch ins Gespräch. „Und dadebei verdienten die Budiker Geld wie Heu." , Gegen uns erüber", erzählte der Stoffel, „war ein Weißbinder. Der tat nur vom April bis September schaffen. Weihnachten hielt seine Frau aufm Bastilleplatz Spielzeug feil. He lag derweil auf der faulen Haut." „Mein Patron", erinnerte sich der Hinkelsfauler, „halt' ein’ in Miet', 's war ein ältlicher Mann. Der hatt' in feinem Leben schon viel probiert. Und kam aus kein' grünen Zweig. So schlecht ging's ihm, daß ich ihm als emal was lehnen** tat. Eines Tages schleppt' er ein’ Haufen alte Blechbüchsen zusammen. Und schnitt Soldaten dadraus. Die strich er sein an. Und bracht' sie auf den Weihnachtsmarkt. Und würd' sie los. Und könnt' net genug devon liefern. Und war aus der Bredullje eraus. Und gab mir mein Geld wieder." „Wie der Blechfabrikant", äußerte der Stoffel, „is das ganz Volk. Bald oben, bald unten. Zugrund gehn tut’s net. Das sieht man alleweil wieder nach'm Krieg." „Ich stell' mir das Paris so vor, wie den Gallmärt in Grimmig*** , sagte der Schiwwerkäsper. „Was mir jahrs nur einmal sehen, habt ihr alle Tag’ gehabt. Das kann euch feine mehr nehmen. Aber ich schätz', das Straßenkehren war doch ein schlecht Geschäft. Ihr habt halt den Franzosen den Dreck eweg gemacht. Weiter nix." „Halt dein Maul!" fertigte ihn der Bornschorsch ab. „Wann eins immer aus'm vollen Beutel gegriffen hat wie du, kann's von bene Schose-f net mitschwätzen. Wer Hunger leid', dem is nix zu meschant-ff. Der Dreck, den wir in Paris weggefegt haben, war unser Brot. Wodevon tut dann unser Schornstein rauchen? Bloß von dem Dreck. Die Franzosen sprechen: Einen guten Arbeiter kann man net genug bezahlen. Und wann sie die ganze Welt verkreischt, ich halt' sie hoch!" Der Gesprächsstoff war unerschöpflich, Paris, das ihnen eine Zuflucht gewährt und ihren Wohlstand' begründet hatte, lebte in dem Gedächtnis der Bauern fort als ein Koloß, zu dem sie voll Ehrfurcht in die Höhe schauten. Daran ändert auch die Tatsache nichts, daß sich dieser Kploh den Deutschen im Krieg ergeben hatte. Paris mit seinem Häusergewirr, mit seinem ewig flutenden Verkehr, mit seinen weißen Nächten blieb ihnen das größte Wunder der Welt. XIII. Der Beschwerde der Wallenfelsianer Folge gebend, hatte der Kreis- ausfchuß entschieden, daß die Wahl des Karl Specht zum Bürgermeister aufzuheben fei. Dieses Urteil, gegen das der Vertreter der Gegenpartei Berufung einlegte, war vom Provinzialausfchuß bestätigt worden. In der Begründung hieß es, durch die Zeugenaussagen fei unzweifelhaft bargetan, daß Spenden mannigfacher Art eine Reihe von Wählern bei Abgabe ihrer Stimme für den Karl Specht zu Unrecht beeinflußt hätten. Ende Januar war dann die zweite Wahlschlacht geschlagen worden, nicht minder heftig wie die erste und mit dem Ergebnis, das der Altbürgermeister vorausgefehen hatte: wiederum war sein Gegner als Sieger aus der Urne hervorgegangen. Am selben Tag, da der Spechtskarl in fein Amt eingeführt wurde, verkündete der Kreisrat, daß die Regierung mit Rücksicht auf die mißliche Vermögenslage der Gemeinde und'im Hinblick darauf, daß der Neubau des Schulhaufes keinen Aufschub erleiden dürfe, ihre Genehmigung zur Abholzung des Röderkopfes erteile. Somit waren die Bemühungen des Altbürgermeisters um den Fortbestand des Waldes vergeblich gewesen. Auch jetzt ließ der Melchior Wallenfels die Fahne nicht finken. Nachdem ihm sein Rechtsbeistand darüber belehrt hatte, daß sein Sohn auf dem Prozeßwege gegen die Gemeinde nichts erreichen werde, war seine nächste Ueberlegung, welchen Weg man einschlagen solle, das Sägewerk von der durch den Abtrieb des Röderkopfs gefährdeten Wasserkraft unabhängig zu machen. Den Feinden zum Trotz mußte man die Mühle halten. Mochte es kosten, was es wollte. Zuerst war er willens, den Betrieb selbst in die Hand zu nehmen, später bedachte er sich anders. Einmal verstand er von kaufmännischen Geschäften noch weniger als fein Sohn, dann durste man den der Leute wegen nicht beiseite schieben. In einer Unterredung mit dem Philipp empfahl dieser, den Zivilingenieur Heilmann zu Rate zu ziehen, der ein gescheiter und erfahrener Mann sei. Der Sachverständige kam und gab seine Meinung dahin ab, die einzige Möglichkeit, die bevorstehenden Schwierigkeiten zu überwinden, sei die, daß man den Betrieb in eine Darnpfschneidemühle umwandle. Er selbst habe die Vertretung einer westfälischen Maschinenfabrik und könne zu müßigem Preise eine Kraftmaschine liefern. Sich an den Altbürgermeister wendend, fügte er hinzu: „Herr Wallenfels, an Ihrer guten Absicht zweifle ich nicht. Sie haben aber da Ihrem Sohn ein Krämchen eingerichtet, das ihn nicht vorwärts bringen konnte. Wenn man wie Sie die Mittel hat, ein Geschäft in größerem Umfange zu betreiben, ist es unverzeihlich, den alten Schlendrian zu gehen. Ohne Kraftmaschine wären Sie auf die Dauer gar nicht durchgekommen. Haben Sie die erst, wird sich die Leistungsfähigkeit des Werkes um das Zehn-, ja Zwanzigfache erhöhen. Ihr Sohn steht dann in feiner Branche ganz anders da. Er ist in der Sage, der Konkurrenz die Spitze zu bieten und andere lohnende Absatzgebiete aufzusuchen, die ihm * visage. ** leihen. *** Gallusmarkt in Grünberg, t Sachen. tt gering. setzt verschlossen sind. Wer arbeitet, will auch einen Erfolg sehen. Der war hier von vorneherein fraglich. Ich kann mir vorstellen, daß ein ' Mensch, der etwas in sich hat, in diesen engen Verhältnissen keine Befriedigung findet. Der Gemeinderat will Ihnen einen Streich spielen. Wenn Sie die Zeit nutzen, tut er’s zu Ihrem Glück." Das Gutachten des Ingenieurs schloß einen Vorwurf für den Melchior Wallenfels ein. Dem lag ein hartes Wort auf der Zunge, doch hielt er sich zurück. Er hatte wahrhaftig Geld genug in die Mühle gesteckt. Warf & nichts ab, war's nicht feine Schuld. Freilich durfte man nicht in den ind schlagen, was der Ingenieur gesprochen hatte. Die Anschaffung der Dampfmaschine war unerläßlich. Das war klar. Und der Philipp? Junger Wein, sagte man, mußte sich austoben, wenn etwas Rechtes daraus werden sollte. Der Bub hatte das redlich besorgt. Denkbar war's, daß er, vor eine größere Aufgabe gestellt, das Vertrauen rechtfertigte, das der Herr da in ihn fetzte. Die Zukunft würde es lehren. Der Altbürgermeister dankte dem Ingenieur für seinen guten Rot und erklärte sich mit der Umwandlung des Sägewerks in eine Dampf-. fchneidemühle einverstanden. Heilmann zog die Preisliste feiner Fabrik hervor, worin die verschiedensten Maschinen abgebildet waren. Sobald er feinen Auftrag in der Tasche hatte, kehrte er den höflichen Mann heraus. „Herr Bürgermeister", sprach er, „wir gehen jetzt dem Frühjahr zu.s Da haben Sie vollauf mit Ihrer Landwirtschaft zu tun. Ich werde die Mühle nicht aus den Augen lassen. Das verspreche ich Ihnen. Ich habe Verbindungen überall hin und kann Ihrem Sohn etwas nützen." Einige Wochen danach wurde der Hesselbach abgestellt. Die alte Berwel, die der Hantierung der Arbeiter zusah, hörte, wie das Schaufelrad seufzte: „Lieber Gott, hels mir doch, Daß ich noch mal herumkomm." Aber der liebe Gott half nicht, das Schaufelrad stand still, still für alle Zeiten. Vier starke Gäule schleppten die Kraftmaschine herbei. Sie war von neuester Bauart und kostete nahezu fünftausend Mark. Der Philipp legte seinem Vater die Wirkung der einzelnen Teile dar, erklärte ihm das Manometer und redete wie ein Professor. „Dum is he net", sprach der Melchior bei sich. „Wann he etz acht paßt, kann's doch noch geraten." Die Fabrik hatte ihre Leute mitgeschickt. Nachdem die Verbindung zwischen Kraft- und Arbeitsmaschine hergestellt war, ließ der Wärter, den der Philipp angestellt hatte, die Dampfpfeife ertönen, und die Maschine kam in Gang. Aus dem Dorf waren viele Neugierige herbeigeeilt. Auch Freunds des jungen Sägemüllers hatten sich eingefunden und feierten bei fröhlichem Zechgelage bis spät in die Nacht hinein das neue Unternehmen. — Was niemand vermutet hatte, wurde zur Tat. Der Philipp widmete sich auf einmal mit regem Eifer feinem Geschäft. Er war zur rechten Zeit auf dem Posten und schränkte seine Ausflüge in die Kreisstadt ein. Den Bauhandwerkern, die ihre Hölzer von ihm bezogen hatten, kündigte er die Freundschaft und sah sich nach größeren Abnehmern um. Der Ingenieur Heilmann riet ihm, sich um die Lieferung von Eisenbahnschwellen zu bewerben, die eine Kleinbahngesellschaft im Hinterland öffentlich ausgeschrieben hatte. Er machte daraufhin sein Angebot, das als das niedrigste alle übrigen aus dem Felde schlug. Die Freude darüber wich bald dem Verdruß. Da die vorhandenen Holzvorräte sich als unzureichend erwiesen, war es nötig, sie durch neue Einkäufe zu ergänzen. Doch waren die Holzpreise dermaßen gestiegen, daß die Berechnung, die dem abgeschlossenen Vertrag zugrunde lag, über den Haufen geworfen wurde und die Schwellenlieferung mit einem großen Verlust ihre Abwicklung sand. Die Scharte auszuwetzen, ließ sich der Philipp in andere, gewagte Unternehmen ein. Schlappe folgte auf Schlappe. Die Kundigen sahen’s, er trieb dem Abgrund zu. Nicht, daß er jetzt zu seinem alten, liederlichen Leben zurückgekehrt wäre. Er mied im Gegenteil Wein und Weiber und setzte Segel um Segel auf, das lecke Schiff über Wasser zn halten. Die alte Berwel legte sich die Lage auf ihre Weife zurecht. „Erst sein ich aus die Dampsmaschin' net gut zu sprechen gewest", babbelte sie im Dorf, „alleweil seh’ ich, ich hab’ ihr Unrecht getan. Seit die Schnurrern dem Philipp pfeift, is he auf die Aerwed* gerab’ wie behext. Meinem Verstand nach bringt he das Werk in die Höh'. Gebt emal acht, der wird noch reich!" — Die hohen Holzpreife, die dem Sägemüller zum Nachteil gereichten, füllten den Gemeindesäckel. Es war eine der ersten Amtshandlungen des neuen Bürgermeisters, daß er nach vorausgegangener Abschätzung den Bestand des Röderkopfs an eine Holzhandlung in Alsfeld verkaufte. Der Erlös war so bedeutend, daß er alle Erwartungen überstieg und, von dem Schulbau abgesehen, die Aussicht eröffnete, das Gemeindewesen in mancherlei Hinsicht zu heben. Der Spechtskarl trat auch mit einem förmlichen Programm vor den Gemeinderat. Er plante die Anlage einer Molkerei, gedachte die Wüstungen mit Dbftbäumen zu bepflanzen und aus dem Totenmannsbruch Säulenbasalt zu gewinnen, vor allem arbeitete er auf eine Eisenbahnhaltestelle hin, die das Dorf on die Verkehrsadern anschließen und den Absatz aller Erzeugnisse erleichtern würde. Von seiner Aufgabe völlig durchdrungen, war in ihm der feste Wille, sich aller Gedanken zu enkschlagen, die ihn an das gemahnten, was hinter ihm lag. Wohl stand etwas Dunkles, Häßliches in seinem Leben, das er gern getilgt gesehen hätte. Aber es war nun einmal da. Und er durfte nicht darüber grätschen und grübeln. Denn er gehörte sich nicht mehr selbst- Er gehörte seinem Amt. Dessen mit Treue und Fleiß zu warten, brauchte es einen ganzen Mann. — (Fortsetzung folgt.) * Arbeit. Schristl^ittma: L 03. Dr. Fr. W. Lange, Gießen. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange in Gießen.