Gießener ZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang <932 Freitag, den lb.Dezember Nummer 98 Weihnachtslied. Von Theodor Montane. Noch ist Herbst nicht ganz entfloh... Aber als Knecht Ruprecht schon Kommt der Winter hergeschritten. Und alsbald aus Schnees Mitten Klingt des Schlittenglückleins Ton. Und was jüngst noch fern und nah Bunt auf uns herniedersah. Weiß sind Türme, Dächer, Zweige, Und das Jahr geht auf die Neige, Und das schönste Fest ist da. Tag du der Geburt des Herrn, Heute bist du uns noch fern. Aber Tannen, Engel, Fahnen, Lassen uns den Tag schon ahnen. Und wir sehen schon den Stern. Das Stistskind. Eine Weihnachtsgeschichte von Wilhelm Scharrelmann. Es war bereits spät am Weihnachtsabend, und die Nacht war dunkler als je eine Nacht am Ende des Jahres. Der Wind stieß wie ein Raubvogel vor die Fenster der Häuser und ließ die Gasflammen in den Straßenlaternen wie geängstigte kleine Vögel in ihren gläsernen Bauern flattern, daß sie jeden Augenblick zu verlöschen drohten. Aber während das Wetter draußen stürmte und die Dunkelheit sich dichter und dichter über die Stadt legte, begann hier und dort schon in den Häusern dos festlichste Licht des Jahres zu erstrahlen, und in das Saufen des Sturmwinds mrschte sich der Welhnachtsiubel frohlockender Kinderstimmen. Dicht an der Ufermauer des Flusses, wo der Sturm die Eisschollen knirschend aneinanderpreßte und sie vor den Pfeilern der nahen Brücke mit dumpfem Rauschen sich stauen ließ, stand das St. Annenheim. Die zwölf alleinstehenden und unbescholtenen Jungfern, di« es beherbergte, hatten während des Nachmittags in ihren Stuben hinter den Fenstern mit den kleinen weißen Gardinen gesessen und über die Straße auf den Fluß hinuntergefehen, der schwer unter der Last seines Eises an der Stadt vorbeizog. Mit Anbruch des Abends aber hatten sie ihren Sonntagsstaat angezogen, ihre besten Hauben aufgesetzt und waren langsam, eine nach der andern, in das große Zimmer hinübergegangen, das hinten im Haufe mit der Aussicht nach dem Hose hin, lag. Es war das Staatsund Ehrenzimmer im Haufe und wurde nur sehr selten benutzt: wenn die Zinsenverteilung an die Stistsinsassen durch den verwaltenden Rechnungsführer erfolgte, und am Weihnachtsabend. Alte, stark nachgedunkelte Oelporträte, die ehemaligen Stifter des Hauses darstellend, hingen hier in verblichenen Rahmen an den Wänden. Eins von ihnen zeigte einen gemütlich drei istchauenden alten Herrn, dessen rundes, fleischiges Gesicht über der steifen Halskrause wie ein dicker Apfel auf einem weißen Teller wirkte. Unter der Decke hing «in alter, schmiedeeiserner Kronleuchter, und auch die Stühle an den Wänden stammten noch aus alter Zeit. Sie waren aus Mahagoniholz mit schadhaften Damastbezügen und standen an den Wänden ausgerichtet, feierlich, ernst, einer stets neben dem andern, während in der Mitte des Zimmers, das die Insassen des Stifts den Saal nannten, ein langer, 'chwerer Tisch stand, der heute den geschmückten Baum für di« gemeinschaftliche Weihnachtsfeier trug. Feierlich brannten die Kerzen in der stillen Luft des alten Raumes, der mit seinen hohen Fenstern und den kleinen bleigefaßten Scheiben darin das Sausen des Windes im Hose deutlich vernehmen ließ, in das sich, aus welken, zitternden Mündern erklingend, die testen Melodien der alten Weihnachtslieder seltsam mischten. Nach dem Absingen der Lieder schritt die Vorsteherin, Fräulein Türeisen, an die Verteilung der Gaben, die in winterlichen Kleidungsstücken, gestrickten Jacken, warmen Filzschuhen, weißen Hauben und baumwollenen Schürzen bestanden. Mit prüfenden Augen und Händen waren clle zwölf beschäftigt, ihre Geschenke durchzumustern, zu deren Anschaffung dem Stift vor einigen Jahren ein besonderer Fonds von einer verstorbenen Gönnerin der Anstalt -vermacht worden war, als plötzlich die Haus- iürglocke mit solcher Wucht und Dringlichkeit gezogen wurde, daß ihr Gebimmel in den weiten Gängen des Hauses mit heiserem Klang widerhallte. , . Unwillig über die unerwartete Störung ging u raut ein de Boer, a.s iie Jüngste der Zwölf, um nachzusehen. Sie schritt über den Flur, der ton einer Petroleumlampe matt erhellt war, und öffnete die Haustur, die stets unter Verschluß gehalten wurde, da man vor unberufenen Eindringlingen geschützt sein wollte. Kaum war die Tür geöffnet, so stieß der Wind mit solcher Gewalt ins Haus daß die Flurlampe hoch ausleuchtete und im nächsten Augenblick erlosch, während eine offen stehende Stubentür im Obergeschoß mit lautem Knall zugeworfen wurde. Pfeifend lag die Stimme des Windes in dem alten Haufe, und Fräu- tein de Boer konnte kaum verstehen, was der Unbekannte, der vor der Tur stand, murmelte. Sie begriff nur, daß er etwas abzugeben habe und 6aö sie es recht vorsichtig tragen möge, dann schlug die Tür wieder zu, und Fraulein de Boer stand mit einer Art Wäschekorb im Arm da, ohne recht zu wissen, wie sie dazu gekommen war und wem sie eigentlich den Korb abgeben sollte. Borsichtig riegelte sie die Tür wieder ab und kehrte, den Korb vor sich hertragend, in den Saal zurück, wo ihre Stiftsfreundinnen sie mit verwunderten Augen empfingen. ..Nun?" fragte Fräulein Türesten. „Ja, ich weiß nicht, was darin ist", antwortete Fräulein de Boer, noch etwas atemlos vom Tragen und Treppensteigen. „Weiß auch nicht, von wem es kommt. Es war jemand da, der ihn als Christgefchenk für das Stift abgegeben hat!" Neugierig umdrängten alle den Kord, den Fräulein Türeifen vorsichtig auszupacken begann, bis sie plötzlich, nachdem die erste Hülle entfernt war, einen Schrei ausstoßend, die weiße Decke, die sie hatte ab- heben wollen, wieder fallen ließ — und vor plötzlichem Schreck in den nächsten Stuhl sank. In dem Korbe lag — ein lebendiges Kind. Alle waren betreten, verwundert, beleidigt, empört! „Das grenzt denn doch an Unverschämtheit!" sagte Fräulein Schmitz, und die übrigen nickten und sagten: „Nein, es ist nicht zu glauben! So etwas! Da muß man die Polizei benachrichtigen!" Fräulein Lammers oder rief: „Himmel und Vater — nein!", was sie immer sagte, wenn sie sich wunderte. Bestürzt und fassungslos standen die alten Fräulein im Kreise um den Korb, schüttelten die greifen Köpfe und sahen mit großen Augen auf das kleine Wesen, das nackend und frierend vor ihnen lag. Allmählich und langsam aber begann der Aerger über die Verhöhnung, die man in dem merkwürdigen Geschenk sah, von Mitleid mit dem armen elternlosen Kinde abgelöst zu werden. Fräulein Klockgeter war die erste, di« zugriff. Sie hob das Kind vorsichtig aus dem Korb« heraus, setzte sich damit auf einen Stuhl und Jing an, dem armen, halb erstarrten Wesen Brust und Rücken zu reinen, wickelte es dann kurz entschlossen in ihre Schürze und bedeckte es mit dem wollenen Tuch, das sie gerade über den Schultern trug. „So — sosiso — so — o!" summte sie leise, den Säugling, der zu weinen begonnen hatte, auf ihrem Schoß« wiegend, und wie mit einem Zauberschlage war mit dieser Gebärde auch in allen anderen, bi« niemals das Glück der Mutterschaft erfahren hatten, ein Hauch von Zärtlichkeit und Liebe zu dem armen, mutterlosen Kinde erwacht. „Wir könnten etwas Milch anwärmen!" begann Fräulein Schmitz. „Und ein paar Decken müßten am Ofen gewärmt werden!" rief Fräulein Klenke. ,Zch hole ein paar Kissen aus meinem Bett!" entschloß sich Fräulein Mahlmann, die stark an der Gicht litt und nun in ihr Zimmer humpelte, um die Pfühle zu bringen. „Wenn wir nur eine Flasche und einen Gummisauger besäßen!" meinte Fräulein de Boer. „Das arme Ding wird ja hungrig fein!" Fräulein Schmitz entschloß sich, einen Versuch zu machen, ob sie im nächsten Laden das Notwendig« bekommen werde. Fräulein Trinkler schürte das Feuer im Ofen, und Fräulein Kreidler ging in die Küche, um eine Wärmflasche zu bereiten. Selbst Fräulein Türeisen hielt es nicht länger. Sie schüttelte die Bett- stücke auf, die Fräulein Mah'.mann aus ihrem Bett herbeigetragen hatte, legte sie in den Korb und machte dem Kinde ein Bett, wie es sauberer und netter nicht sein konnte. Niemals hatten die Wände des Stifts und die alten Bilder an den Wänden so viele Unruhe und Geschäftigkeit im Stift gesehen wie an diesem Abend, nur die Kerzen am Baume brannten still und ruhig in festlich heiterem Glanze. Aber man hatte kein Auge mehr für sie. Als nun Flasche, Gummisauger und Milch zur Stelle waren, entstanden lebhafte Meinungsverschiedenheiten. Einige meinten, die Milch müsse bei einem so kleinen Kinde einen starken Zusatz von Wasser Haden, andere wollten wenig Wasser zugesetzt haben, und Fräulein Schmitz bestand daraus, daß ein so ausgehungertes Weien reine Milch trinken müsse. Mit atemloser Spannung beobachteten dann alle lächelnd, rote das Kind trank. Wie es mit zarten Fingern schon kräftig den Sauger umspannte! Wie gierig es schluckte und den kleinen Mund beim Saugen drollig verzog, wobei es ein Paar großer blauer Augen auffchlug. Nachdem es sich satt getrunken hatte, schlief es, wohlig matt von der Wärme der Kissen, in feinem Korbe ein. Auf den Spuren Amundsens. Lin Iahrtbericht von Professor Samoilowilsch. Mitgeteilt von Dr Petroff. Prosessor Samoilowilsch, der berühmte Leiter der russischen „Krassin"-Expedition, erzählt von der Fahrt, die er aus dem Eisbrecher „Russanosf" während des Polarjahres unternommen hat. Professor Samojlowitsch ist zur Zeit beschäftigt, die wissenschaftlichen Resultate der von ihm unternommenen Expedition zu veröffentlichen. Es gelang mir, den Gelehrten während seines Aufenthalts in Berlin perfön- (ich ju sprechen und aus seinem Munde eine lebendige Schilderung leiner aufschlußreichen Forschungsreise zu vernehmen. „Es war mir eine besondere Freude", erzählte der berühmte Polarforscher", „die Expedition aus dem Schiss, das den Namen Nuss an off trägt, zu unternehmen. Dieser Name erinnert mich nämlich an einen Jugendfreund, mit dem ich vor etwa 20 Jahren eine Polarreise unternommen habe. Ingenieur Äufsanoss, einer der kühnsten Polarforscher, ist Die nun alles aus Zehenspitzen durch das Zimmer ging Nur Im Flüstertöne unterhielt man sich und hatte nun erst Zeit, ausführlich auf den Fall zurückzukommen, was bei der Sorge um das Kind bisher unmöglich gewesen war. , . „„ ... Fräulein Schmitz hatte den ganzen Tag schon so eine Ahnung gehabt, daß etwas passieren werd«, Fräulein Mahlmann hatte es den ganzen Morgen in der linken großen Zehe gezuckt, und das hatte noch immer etwas zu bedeuten gehabt. Fräulein de Boer endlich behauptete, wenn des Morgens die Funken unter dem Kessel liefen, so könne man sicher sein, etwas Besonderes zu erleben. Und heute hätten sie das getan, jedesmal, wenn sie den Kessel vom Feuer genommen. lieber all dem erhob sich die eine große Frage, was mit dem Kinde roet^e meisten meinten, man wüste unbedingt der Polizei Nachricht geben. Die werde das Kind dann schon irgendwie unterbringen. Aber andere wollten von dieser Art der Fürsorge durchaus nichts wissen. Es sei nicht unmöglich, daß der arme Wurm irgendeiner Zieh- mutter übergeben würde, und unter denen sollte es >a wahre Naben- Ms man"'noch leise hin und her stritt, meinte Fräulein Klockgeter plötzlich, die selbst das schlafende Kind noch nicht aus den Augen lassen konnte wie es denn wäre, wenn man das Kind Im Stift behielte? Das St. Annenheim wäre doch reich genug, um neben den zwölf Insassen so einen Wurm grohzumachen. Sie wenigstens habe keine Angst, daß es ihr einmal das Brot schmälern würde... Und die Arbeit wolle sie gern auf sich nehmen. Sie hätte in ihrer Jugend schon ein Kleines ausziehen müssen, ihre Schwester Dorothee, die vor ein paar Jahren an der Schwindsucht gestorben sei, und darum wisse sie wohl, wie so kleine Wesen ver- handhabt werden müßten... Der Gedanke, das Kind im Stift zu behalten, war allen so neu, daß sich nur ein zaghafter Widerspruch dagegen erhob. „Ja, ich weiß mcht recht, ob wir —I Wenn die Verwaltung keinen Widerspruch erhebt! Es ist ja vielleicht doch ein wenig sonderbar, daß wir ein Kind hier im Stift —I" Aber es ließ sich bei näherem Zusehen doch so wenig dagegen sagen, daß nach und nach alle überzeugt waren, daß das der beste Weg sei, den man aus jeden Fall versuchen solle. , .Wenn man es recht überlegt", sagte das alte Fraulein Türeisen, „so liegt doch ganz gewiß ein Wink des Schicksals darin, daß uns ein Kind gewissermaßen unter den Wechnachtsbaum gelegt wird. Nicht wahr? Nicht wahr?" sagten alle, nickten mit den Köpfen und schauten voll Zärtlichkeit nach dem Körbchen, wo der Säugling, unbekümmert um die Sorgen, die in den -erzen seiner Hüterinnen umgingen, schlief und zuweilen die Lippen zu einem kaum merklichen Lächeln Wr J&an müßte einmal mit den Herren von der Verwaltung reden!" meinte Fräulein Schmitz etwas vorlaut, worauf Fräulein Türeisen mit der gebührenden Würde erklärt«, daß sie nicht verfehlen werde, das zu tun. Di« Derwaltung werde dann auch die übrigen Schritte zu tun wissen, die nötig seien. „Daß wir plötzlich ein Kind hier zu verpflegen haben, ist eigentlich — nun ich weih nicht, wie ich mich ausdrücken soll, wie ein MärchenI fuhr Fräulein Türeisen fort. „Mir wenigstens ist es so!" „Mir auch!" sagte Fräulein Klenke, die leicht gerührt war. und wischte ,Wenn"alles so kommt, wie wir denken", nahm Fräulein Türeisen nach der'kleinen Unterbrechung ihre Rede wieder auf, „so wird das Kind hier langsam heranwachsen, größer und stärker werden, mit seinen Fußen das Stift durchmessen, von einer Stube zur andern trippeln und uns unsere Tage verschönen/ ....... , , . „Manche von uns werden vielleicht darüber hinsterben, aber einige werden es auch einmal groß und erwachsen sehen. Aber das find so Aussichten!" setzte sie trübe lächelnd hinzu und schwieg, an den Tod denkend, der ihr von allen am nächsten stand. Wir werden das Kind — das uns namenlos übergeben wurde — taufen lassen", fuhr sie nach einer Pause fort, „und ich denke, mir werden es Christine nennen, zur Erinnerung an den heutigen Christabend. Einen Zunamen müßte man noch finden. Allerhand Vorschläge wurden laut. Dann einigte man sich aus den Namen Christine Annenheim, womit dem Anteil des Stiftes an der zukünftigen Erziehung des Kindes gleich gebührend Erwähnung getan war. Leise rückten dann alle an den Tisch zum Abendbrot und wahrend sie ihren Tee schlürften, schlief das Kind in seinem Korbe und lieh durch ferne Gegenwart die Quellen der Liebe stärker und stärker sprudeln, die es in den welken fierten der Alten geweckt hatte, an denen das Leben einst achtlos und grausam vorübergegangen war. während einer Forschungsreise spurlos verschwunden Sein Andenken ist '"^Am^srühen Morgen des 31. Juli vertieh „Russanofi" die Ducht des Nordduna und stach in See. Aus dem Schiss befanden sich 93 Mann Be- satzung und wissenschaftliche Mitarbeiter. „Ruffanoff" gilt als einer der besten Eisbrecher der sowietrussischen Flotte. Er verdrängt 2000 Tonnen und hat eine Maschine von 2100 PS. Obwohl „Russanosf fünfmal schwacher ist als der „Krassin", hat er seine glänzenden Eigenschaften als Eisbrecher öfters bewiesen. Die Expedition durchquerte das Barentsrneer und hielt Richtung auf die Meerenge von Matotschkin Schar, die Nowasa Semlja in zwei Inseln teilt." , Ziel der Expedition", erklärte der berühmte Polarforscher weiter, „war die Schaffung einer Basis für wissenschaftliche Forschung sowie einer Rundsunkstation am nördlichen Ende des asiatischen Kontinents^ am Kap Tscheljuskin Ablösung der Gruppe von Ueberrointerern auf der Seroernuja Semlja, foroie zahlreiche wissenschaftliche Forschungen unterwegs und an den Haltestellen. Um die ganze riesige Strecke von etwa 3000 Meilen zurückzulegen, waren Maximalvorräte von Kohlen notwendig. Deshalb begab sich „Russanoft" von Murmansk, der ersten Station der Expedition, zur In et Dickson, die am Eingang der Jenissei-Bucht liegt. Der Weg führt« weiter über das Karische Meer, bas noch vor kurzem als unerreichbar galt. Heute hat die Tätigkeit der sowjetrustischen Rundfunkstation, sowie das Vorhandensein von Wasserflugzeugen den Weg fahrbar gemacht. Zahlreiche Handelsschifte versehen die Verbindung zwischen den Mundungen der großen sibirischen Flüsse — Ob und Jenissei — und Europa. Unfreundlich empfing uns Nowaja Semlja — das neue Land. Dichter Nebel, der über der Meerenge hing, zwang das Schiff, Anker zu werfen und 36 Stunden kostbarer Zeit zu verlieren. Nachdem der Nebel sich geteilt hatte, segelte „Russanosf" weiter, wurde aber im Karischen Meer vom treibenden Eis angehalten. Das Eis wurde dennoch bekämpft, wonach „Russanosf" sich bald in einem reinen Fahrwasser befand. Am 6. August war di« Dickson-Bucht erreicht. Hydrologische Arbeiten führten die Expedition in der Richtung der Swerdrup-Jnsel, di« 10 Meilen nördlich von Dickfon gelegen ist. Die Swerdrup-Jnsel ist ein großartiges Jagdgebiet. Unzählige Mengen von Eisbären, Blaufüchsen und Renntieren hatten sich dort auf. Hier erlebte ein Mitglied der Expedition, der Geolog« Ahlers, ein Abenteuer, das für ihn beinahe einen tragischen Ausgang gehabt hätte. In seine geologischen Arbeiten versunken, bemerkte Ahlers nicht, daß ein Eisbär sich ihm näherte. Als der Gelehrte sich zufällig umdrehte, sah er einen riesigen Bären kaum einige Meter von sich entfernt. Ahlers griff nach feinem Gewehr und wollte fchiehen. Die Waste versagt« dreimal hintereinander. Inzwischen war das Ungeheuer in Greifweite. Der Forscher versetzte ihm einen Kolbenschlag auf den Kopf und ergriff dann die Flucht. Glücklicherweise eilte ihm ein Käme- rad, Fokidow, zu Hilfe- Durch einen wohlgezietten Schuß konnte Fok'idow den Bären erlegen. Die ganze aufregende Szene wurde vom Schiff aus beobachtet. Der Dberfteuermann behauptet, daß Ahlers zweifellos den Weltrekord im Laufen erreicht hat — bei feiner Flucht. .Aus der Swerdrup-Jnsel",. fuhr der Gelehrte fort, „wurde die sow- jetrusfische Flagge ausgepflanzt. Nach Beendigung der Arbeiten kehrte Ruffanoff" zur Dickson-Jnfel zurück, nahm noch 200 Tonnen Kohlen und begab sich mit einem Vorrat von 700 Tonnen nach der Sewerna,a Semlja. Südlich von der sogenannten „Insel der Einsamkeit' wurde eine Gruppe unbekannter Inseln gestreift. Da andere eilige Aufgaben vorlagen, konnte ich mich zu meinem größten Bedauern nicht entschließen, auf diesen Inseln zu landen. Arn 14. August war die Karnenew-Jnsel der Sewernaja-Semlja-Gruppe erreicht. Ein Motorboot mit ben lieber* rointerern kam dem Schiff, das sehnsüchtig erwartet wurde entgegen. Die kühnen Polarforscher, die auf der Karnenew-Jnsel einen Winter ver- bracht haben, können aus eine bedeutende wissenschaftliche Arbeit zurück- blicken. Alle vier Inseln der Gruppe find auf eine Karte eingetragen und geologisch genau erforscht. Die Arbeit der kühnen Manner unter den denkbar schwierigsten Bedingungen muh als musterhaft bezeichnet werden. Zwei Tage dauerte die Abladung von Lebensrnitteln, Apparaten und Brennstoff für die neuen Polarforscher, an deren Spitze — wohl zum erstenmal in der Geschichte der Erschließung der Arktis — eine Frau steht, Frau D e m m e. Nach einem herzlichen Abschied verlieh das Schiss die Karnenew-Jnsel und nahm Kurs aus die Schokalsky-Meerenge Es mutete sonderbar an, dieselbe Küste, dieselben Gletscher und bieieiben dunklen Felsen zwischen ihnen zu beobachten, die ich unter ganz anderen Umständen aus 1000 Meter Höhe vom „G r a f Z e p p e I i n aus gesehen । hatte. Jetzt sahen die Berge ganz anders aus. Die kleinen Hügel hatten sich in riesige Bergmassive verwandelt. An der Nordküste, am Kap Swerdlow, wurde ein neues Haus für Ueberrointerer gebaut. Im Hause wurde ein großer Vorrat von Lebensrnitteln und Brennstost hinterlegt. Der Expedition gelang es dann, das Kap Tscheljuskin zu erreichen, und zwar das Denkmal in der Form einer steinernen Pyramide das seinerzeit von Amundsen und Swerdrup errichtet worden ist. In einer Messingkugel, die auf der Spitze der Pyramide befestigt ist, sind zwei bisher unbekannte Briefe gesunden worden, ein eigenhändiger Brief Amundsens und ein Bries Swerdrups. Amundsen berichtet in seinem Bries, der aussieht, als ob er gestern geschrieben wäre, daß er die e Stelle am 5. September 1918 erreicht hat und bereits am 9. September 40 Meilen südöstlich von der Pyramide von Eis gezwungen war, ein Winterquartier auszuschlagen. Der Brief Swerdrups enthalt eine Nachschrift des Matrosen T e s f e m , daß er zusammen mit seinem Kameraden Knudsen die Pyramide erbaut hat. Testern ist der Matrole, der das Winterquartier Amundsens verlassen hat, um zu Fuß die Insel Dickson zu erreichen und unterwegs an Entkrästung gestorben ist. Sem Grab auf der Insel Dickson wurde von mir ausgesucht und mit einigen bleichen Tundrablumen geschmückt. Im Laufe von dreizehn Tagen wurden am Kap Tfcheliuskin eine Radiostation, ein Winterhaus, eine Badestube und ein Anwesen im schnellsten Tempo erbaut. Die Arbeiter, die den Bau aussuhrten, rrmrden oft von Seelöwen angegriffen. Die Seelöwen übersielen mehrfach Boote, die zwischen dem Schift und der Küste unterwegs waren. Seelowen sind noch von Die Die Der Und Der Die wäre tot« Schlimm Weihnachten. Von Max Dauthendey. eisige Straße mit Schienengeleifen, Hausermasse in steinernen Reih n, Schnee in Hausen, geisterweißen, der Tag, der blasse, mit kurzem Schein. zimmer, wo er die Mutter vermutete. Er klopft« an, trat in dos halb« dunkle Gemach und hörte der Mutter Stimme: „Friedrich Wilhelm, du bist also gekommen?" Kirchtüre Flügel sich stumm bewegen, Menschen wie Schatten zur Türspalte gehn; Bekreuzen die Brust, kaum daß sie sich regen, Ms grüßten sie jemand, den sie nur sehn. krank vor Liebe." Heinrich stand aus. „Sie dars den Fürsten nicht heiraten! genug, baß sie schon aus unserm Stand herausgetreten ist! Aber was soll aus ihr werden, wenn sie in diesem hochadligen Kreise sich bewegt? Keiner wird sie für ernst nehmen." Die Mutter richtete sich aus. „Heinrich, ich glaube, das Mädchen kommt um vor Liebe. Ich will nur, daß Friedrich Wilhelm da ist; er, als Kapitän, stellt dem Fürsten gegenüber noch etwas anderes dar als du, wenn du auch Kriegskommissar bist und Ansehen beim König genießest. Heinrich legte die Hand aus den Rücken und schritt aus und nieder. Er dachte an seinen Vater, dem es nicht recht gewesen, daß Christine zu den Wedells gebracht wurde. Was würde der Vater jetzt sagen? Aber auch der Gedanke an Klara sratz in ihm weiter. Er wachte erst auf, als sich die Tür auftat und Dorchen hereinkam. Sie flog ihm an den Hals, und er schämte sich, daß er vergessen hatte, wenn auch aus kurze Zett, daß er eine Frau besaß- , . ., . . ,, ~ . „Was sagst du, Dorchen?" fragte Heinrich, als der erst« Freudenausbruch feines jungen Weibes verströmt war. , Ach" jagte Dorothee, „bürgerlich, wie wir, kann sie nimmer werden! Soll sie herumfahren in der Welt mit irgendeiner vornehmen Frau, die sie schikaniert und sekkiert? Ihr bleibt nur der Ausweg: Sie heiratet dort hinein, wo sie groß geworden ist um da zu beiden. Wenn es der Fürst will und sie doch todkrank ist, weil sie ihn liebt, warum soll es „Und der Fürst Gagarin?" . ,^Hat hier Quartier genommen. Er war ganz untröstlich, ist hier bei mir gewesen und hat mir erklärt, er schösse sich eine Kugel vor den Kopf, wenn das Mädchen ihn nicht erhöre. Darum hab' ich an Friedrich Wilhelm geschrieben. Wenn den der Fürst sieht in seiner Länge und Breite, wird er Angst kriegen!" „Aber, Mutter", sagte Heinrich, „was will der Fürst jetzt ihr, wo sie die hunderttausend ihm abgeschlagen?" „Jetzt will er sie zu feiner rechtmäßigen Frau machen!" „Und Christine?" „Unser Seelsorger, der würdige Pastor Hayme, meint, sie nicht fein?" . Aber vergissest du ganz, was er Klara angetan hatk ^Willst du mich beleidigen, Heinrich?" Sie war doch meine Braut!" Emma war deine Braut; dir war die andere wahrlich aufgedrungen mit'ßift, wie die Mutter fagt. Wäre sie ein aufrechtes Mädchen gewesen, sie wäre dem Fürsten nicht nachgelaufen wie wir wissen. Und jetzt will er Christine heiraten! Ist das nicht eine Schmach? "Wenn er's aufrichtig meint, ift's keine Schmach. Und Christine stirbt noiu”br SS'fÄÄ Wm »ter 5d.d* "Das ist schon recht!" sagte Dorothee. „Einer muß doch da sein, der darauf achtet, daß nicht Lug und Trug entsteht. Ich habe mit der ftrau nnn Wedell aesprochen. Nun, sie will alles zum besten lenken. Der Fürst mag ^ÜnderttLnd Rubel, sagt sie, auf die Lübecker Banklegen mtt der Bedingnis, daß ihre Mutter die Zinsen hat und das Geld spater an seine Frau zurllckfällt; und er mag dann betraten in Danzig und die weiten hunderttausend als Mitgift ihr selbst verschreiben Frau von Wedell ist bereit, mit hinüberzufahren, und« es wäre natürlich gut, wenn Friedrich Wilhelm der zweite Zeuge wäre. Die Mutter empfing ihn aufrecht im Bett sitzend. „Ach — du bist es!" sagte sie. „3d) erwarte Friedrich Wilhelm — ich hatte ihm mit Eilpost geschrieben und Nachricht erhalten, er würde bald hier sein!" Heinrich fühlte sich betroffen. „Bist du tränt?'* fragte er. „Geht es dir nicht gut?" „Nur das alte Reißmichtüchtig; das muß ja wohl fein, wenn Winter ist und Schnee fällt! Aber komm her und fetz dich nieder! Etwas Ernsthaftes ist geschehen, und dazu brauch' ich meinen ältesten Sohn." Mit dem Zeigeifinger wies sie zur Hecke. „Dort oben liegt Christin«, und Dorchen pflegt sie!" „Was ist mit Christine?" forschte Heinrich und fühlte, daß das Herz ihm in der Brust schlug. „Frau van Wedell hat sie hergeschickt vor zwei Monaten. Der Fürst Gagarin wurde ausgeheilt, wie du weißt, und ging mit dem Friedens- ichluß nach Petersburg zurück. Frau von Wedell war sehr froh darüber, saß «r sich an unsere Christine attackierte, zumal als ihre Tochter Luise den jungen Rittmeister Bülow geheiratet hat. Sie mochte das Mädchen nicht entbehren, da sie so ganz allein war auf dem Gut Nun kam der Fürst Gagarin zurück und bracht« viele und kostbare Geschenke mit, so daß sie ihm verpflichtet war. Er hatte Briese überbracht nach Berlin und blieb. Mitt« Dezember hat er plötzlich mit Christine gesprochen." „f)at er sie zur Frau begehrt?" „Schlimmer als das! Er forderte Christina auf, mit ihm nach Rußland zu gehen, und wollte aus ein« Lübecker Bank für mich hunderttausend Rubel legen und ihr in Petersburg für fi« selbst weitere hunderttausend auszahlen." „Kausen wollte er sie?" schrie Heinrich. „Wie er Klara gekauft hat?" Die Mutter schüttelte den Kops. „Was mußt du an Klara denken? Ich habe sie nie gekannt; aber ich denke, daß sie ein leichtfertiges Geschöpf war ... Nein!" Und sie hob di« Hand. „Keine unklaren Gefühle! Einzig und allein handelt es sich um das Wohl deiner Schwester!" „Aber der Fürst wollt« sie kaufen!" „So darstt du es nicht nennen! Er liebt sie wirklich, uni) der Jammer ist: Sie liebt ihn! Aber, Gott fei Dank, hat sie den Kopf nicht verloren und es ihrer alten, mütterlichen Freundin erzählt. Die hat sie sofort in den Schlitten gepackt und herfahren lassen. Um Weihnachten kam sie an, war totenblaß, hatte Fieber und liegt nun schon die vier Wochen krank im Bett." Ktet. Nach der Beendigung der Arbeiten «m Kap Tscheljuskin wurde Wilkitzky-Meerenge erforscht. Der Weg lag weiter in der Richtung der Insel der Einsamkeit. Das Fehlen von Nachrichten zwang jedoch die Expedition noch einmal, die Karnenew-Insel aufzusuchen. Es stellte sich heraus, daß stark« Winde die Rundsunkanlage beschädigt hatten, außerdem war ein Teil des Brennstoffes vom Sturm ins Meer gefegt. Nachdem der Schaden beseitigt war, verließ „Russanofl" die Insel und kehrte zurück nach Nowaja Semlja. Hier, im sogenannten „russischen Hafen", fing eine außerordentlich interessante Arbeit einer Forschergruppe an. Unter der Leitung von M. Jermolajew werden hier sechs Forscher überwintern, darunter der deutsche Gelehrte Dr. Wölken. Sie werden den Winter in einem Zelt »erbringen, das in der Höhe von 100 Meter errichtet ist. Die Ausgabe der Gruppe ist, mittels neuer Sprengungsmethoden die Dichte der Eisdecke feftzuftellen. Der Gruppe stehen zu Transportzwecken nicht nur Hunde, sondern auch sogenannte Flugschlitten zur Verfügung — eine neue Verkehrsart, auf die man große Hoffnungen setzt. Nach Beendigung dieser Arbeiten und nach der Errichtung einer Radiostation, die am 17. September ihre Tätigkeit anfangen konnte, begab sich „Russanoff" aus die Rückreise. Am 24. September war Archangelsk erreicht. Die Expeditionsreise hatte 55 Tage gedauert, wobei 4000 Seemeilen zurückgelegt worden sind. Die Expedition hat hydrologische, hydrobiologische, geologische und geomagnetische Arbeiten von außerordentlicher Bedeutung ausgesllhrt." Ein Kindlein aus Wachs, auf Moos und Watten, Umgeben von Mutter und Hirten und Stall, Umgeben vom Kommen und Gehen der Schatten, Liegt da wie im Mittelpunkte des All. Und Puppen als Könige, aus goldenen Papieren, Und Mohren bei Palmen, aus Federn gedreht. Sie tarnen auf kleinen und hölzernen Tieren, Knien taufend und tausend Jahr im Gebet. Sie neigen sich vor den brennenden Kerzen; Als ob im Arm jedem ein Kindlein schlief, Siehst du sie atmen mit behutsamen Herzen Und lauschen, ob das Kind sie beim Namen rief. im Wasser außerordentlich gefährlich. Nicht umsonst kautet ein im Norden s deckte «s zu. Dann trat er von hinten Ins Haus und ging zum Schlaf- Rußlands verbreitetes Sprichwort: .Fürchte den Eisbären auf dem Land ----— “ 1‘!" e nur bejondere Meriten haben. Er kann sich nachher bei meinem Wyntonten meiden. Er l„ll für A Deserteur und die Nachricht dreihundert Dukaten erhalten und ür feine Leute sechzig, daß sie sich was für den Dürft kaufen können!' Smei Tage blieb Heinrich mit dem Bruder zusammen. Dann trennten sie sich Heinrich gab das Lazarett an einen bestellten Kommissar ab, eine Landrät von Caldern, und übernahm sein altes Amt droben in Pommern. Ms er zu Kolberq ins Tor einritt, kam der Schr-.-ber heraus grüßte militärisch und «fragte: „Herr Kriegskommiffar, wird s dieses Jahr nun br'^Das^weißd der liebe Gott und vielleicht der König!" gab er zur Torschreiber nickte. „Aber Gerüchte gehen um, und nicht wahr, der Herr Kriegskommissar haben auch davon gehört/ Di« Menschen sprechen allerlei", erwiderte Heinrich, „aber mit der Hoffnung soll man kein« Narretei treiben; und im übrigen wollen NKf" L-°L"L «»'7- md««- l«t. u°d WZMS-LW-SW M- M,»Ich»< »X- Im r Heinrich sträubte sich. „Die Russen sind in ihrer Mehrzahl halbwilde Menschen, und une weit ist di« Entfernung bis nach Petersburg oder gar nach Moskau! Heiratet sie hinunter ins Reich — ich will sogar sagen: nach Frankreich oder selbst Polen — so könnten wir hinsahren und ihr helfen. Aber in das weite Rußland hinein? Da geht sie verloren wie eine Nadel in der Streu." Heinrich ging mit sich zu Rate. Da er gehört hatte, der Fürst lebe im Möllerschen Hause am Markt, zog er sich an und ging hinüber, um sich den Herrn Fürsten einmal anzusehen, von dem er soviel gehört. Er wurde von einem Diener in verschnürtem Rock und langem schwarzem Bart empfangen, der seine Kart« nahm und in den ersten Stock ging zu seinem Herrn. Eine große Gestalt erschien, in einem grünen, pelzverbrämten Samtrock und soldatisch knapper Perücke, oben auf ,6er Treppe, breitete die Arme aus und rief französisch: „Ich heiße Sie willkommen! Ich hab« viel von Ihnen gehört, als einem der tapfersten Manner Solbergs!* Und übersprudelnd gebot dieser Mann mit wohltönender Stimme etwas auf russisch. Alsbald fand sich Heinrich wieder in einem Gemach, das wohlausgestattet war mit fremdartigen Teppichen und Pelzen. Ehe er sich's versah, wurden herbeigebracht große Platten mit kalten Speisen, Schinken, Räucherfischen, fremdartigen Gerichten. Der schwarzbärtige Diener im verschnürten Rock schenkt« schäumenden Champagnerwein ein. Der Wirt sprach übersprudelnd und fragte schließlich nach dem Befinden der schönen Demoiselle. Heinrich wurde ernst und gab nun dem Fürsten zu verstehen, daß er doch seine Mutter und die Schwester sehr beleidigt hätte durch das Angebot mit den zweihunderttausend Rubeln. Der Fürst ließ die Lippe hängen. Seine großen dunkelblauen Augen traten weit hervor. Er sah aus wie ein bestürzter Knabe. Dann ward er lebhaft. „Sehen Sie", sagte er, „eine Heirat ist ein schweres Ding! Sind zwei zusammengeschmiedet, reißt man sie schwer auseinander. Ich sagte ihr, sie solle kommen und sehen, und heiraten könnten wir immer noch!" „Aber ein Mädchen hat nur eine Ehre!" erwiderte Heinrich. Der Fürst nickte. „Ich begreife: Wir find hier in Preußen, und Ihre Schwester ist eine Preußin... So hat's mir auch meine Cousine, die lieb«, alte Baronin, erklärt. Und darum möchte ich alles gutmachen. Will sie es versuchen nur mit der Heirat, so soll sie heiraten! Aber ich muß sie sehen — ohne sie bin ich nicht glücklich... Was nützt es mir, Fürst zu fein, wenn ich nicht kriege, was ich mag? Eine lebendige schöne Frau, die ich liebe, ist das Höchste, was mir das Leben geben kann! Erhalte ich sie nicht — pscht, blase ich das Leben hinweg..'. So-- cra'hez!“ Und er schmetterte die Kristallschale, die er in der Hand hatte, zu Boden und trat mit den Füßen daraus. Heinrich verließ den Fürsten, der ihn bis an die Tür begleitete, und ging nach Hause. Was für ein einfacher, natürlicher Mensch war doch dieser Moskowiter! Ein Kind — trotz seines Reichtums, seiner Macht und seiner französischen Bildung. Wie anders sah er jetzt Klara neben diesem Fürsten Gagarin! Als er das Hans der Mutter betrat, ließ die Schwester chn durch Dorchen rufen. Christine lag auf dem Bett in einem rosigen, modischen Gewand, gut zugedeckt die Füße mit Decken. „Wie sieht der Fürst aus?" fragte sie. Da wußte Heinrich genug. Er brauchte nicht mehr zu fragen. Dieser Mann war ihre ganze Sehnsucht. Doch wandte er ein: „Hast du dir überlegt, Christine, daß du unsere gute lutherische Konfession ablegen und übertreten mußt zur russisch-katholischen Kirche?" Christine richtete sich auf und wurde totenblaß. „Muß das fein?* fragte sie. „Ja", erwiderte Heinrich, „das muh sein." Da schloß sie die Augen, streckte die Arme aus und rief: „Es gibt nur einen Kott und feinen Sohn Christus, der am Kreuz gestorben ist für die Menschheit. Zu ihnen werde ich auch beten können, wenn ich dem Glauben meines Gatten an hängen muß. Ist das nicht so?" Da, war es für Heinrich entschieden. Er kannte die Well aus Leben und Schrift. Ein Mädchen, das einen Mann will, ist nicht zu halten! Er war darum von Herzen froh, daß Friedrich Wilhelm kam. Vor dem Notar wurde ein Vertrag geschlossen. Frau von Wedell und Friedrich Wilhelm empfingen vom Fürsten ihr Reisegeld in Gold. Christine nahm unter vielen Tränen Abschied von der Mutter, warf sich Heinrich stürmisch an die Brust. Der große Reisewagen des Fürsten nahm sie und Friedrich Wilhelm auf. Sie fuhren hinaus in den Winter, um in Danzig, wo ein russischer Pope war, die Trauung zu vollziehen. Der Dienst rief Heinrich wieder nach Stettin zurück. Neue Ausschreibungen für den Sommerfeldzug 1763 mußten erfolgen. Ueberall, wo der Kriegskommiffar vorsprach, wurde er mit der Frage empfangen: „Jst's denn noch nötig? Nimmt der Graus noch nicht ein Ende?" — Doch Dienst ist Dienst, und Pflicht ist Pflicht. Preußisch sorgfältig wurden die Vorbereitungen getroffen. Da geschah es eines Nachts, daß Heinrich aus dem Schlaf geweckt wurde, weil die Glocke seines Hauses anschlug. Er fuhr in seine Hosen und griff nach dem Rock, well er glaubte, er würde noch schnell aufs Gouvernement gesprengt. Er ward darin bestärkt, als die Tür sich auftat und in den Schein feiner Nachtkerze ein Herr in Uniform trat, ein Rittmeister, mit dem ihn Kriegskameradschaft verband. Er stand atemlos in der Mitte des Zimmers, warf den regennassen Mantel zurück, breitete die Arme aus und rief: „Freund, es ist zu Hubertucburg der Friede geschlossen! Die Nachricht ist sicher! Der Gouverneur hat sie soeben erhalten!" Heinrich warf sich, wie er war, mit den bloßen Seinen, mit flatterndem Rock nieder auf den Boden, faltete die Hände und sprach, wie es ihm der Sinn eingab ein heißes Dankgebet zu Gott, der es ihm erlaubte, diese "stund« zu erleben. Und der Rittmeister, etn benarbter, kriegerischer Mann, der noch unter den Folgen eine» Kartätschenschusses, den er bei Reichenbach empfangen, litt, kniete «eben ihm nieder, warf den Hut ab und betete still mit. Danach zog sich Heinrich schnell fertig an und eilte mit dem Freund finaus auf die Straße, um auch anderen Bekannten und Freunden die reudige Botschaft zu bringen. Mit Zaubersschnelle hatte sich die Nachricht trotz der frühen Nachtstunde in ganz Stettin verbreitet. Die Menschen stellten freiwillig Lichter an die Fenster, um die mangetnbe Straßenbeleuchtung zu ersetzen. Die Haustüren taten sich auf; Männer und Frauen, mit schnell übergeworfenen Mänteln oder Decken, liefen hinaus in die regenfeuchte Straße, um mehr zu erfahren. Heinrich und der Drcrgonerrlltmeister traten in den Ratskeller. Da fanden sie Offiziere, Herren vom Adel und Bürger vereint. Die Gläser waren gefüllt. Gesänge ertönten: Es waren Choräle. Am anderen Morgen um Me achte Stunde wurde Heinrich aus dem Dämmer, der nach dem Freudenrausch eingetreten war, aufgerissen durch die hellen Klänge von Posthörnern. Durch di« Straße ritt der Erste 2ß>« jutant des Gouverneurs, gefolgt von fünf Dragonern. Voraus ritten zwölf Postillone und bliesen. Alles Volk lief den langsam Reitenden nach und versammelte sich auf den Hauptplätzen der Stadt. Hier ward halt- gemacht, und der Adjutant verlaß die Kundgebung des Königs zum Frieden. Nun wollte des Rubels und Lachens kein Ende werden. Den ganzen Tag ward gelungen und gefeiert. Am Abend gab es keinen, der nicht fein Fenster auch mit dem bescheidensten Lämpchen erleuchtet hätte, um mit dem Licht Zeugnis abzulegen für feinen Jubel. Am nächsten Sonntag fand allgemeiner Friedensbankgottesdienst statt. Alle Kirchen waren gefüllt. Taufende mußten wieder umkehren, und die Geistlichen entschlossen sich, die Ansprache zu wiederholen; drängte es doch mit unwiderstehlicher Gewalt die Menschen in die Gotteshäuser, um dem Schöpfer aus vollem Herzen ihren Dank darzubringen, daß dieser furchtbare, blutig« Krieg jetzt endlich seinen Schluß gefunden hatte, Stolz erfüllte das Preußenvolk. Kein Dorf war verloren. Gegen die größten Reiche war gestritten worden; alle hatten sie sich vor den preußischen Fahnen beugen müssen, auf denen geschrieben stand: Pour gloire et pour patrie! Für Ruhm und Vaterland! Diese Worte, die der junge König als Ziel seines Lebens gefetzt hatte, waren erfüllt mit dem Sinn des Geschehens; der Ruhm war erfochten, und alle Provinzen fühlten sich fortan als Preußen, die vorher noch sich geschieden hatten als Brandenburger, Pommern, Westfalen und Preußen. Die Bürger Stettins überließen sich ganz der Freude. Es war seltsam, wie plötzlich die Preise der Lebensmittel fielen und Vorräte zutage kamen, an die kein Mensch gedacht hatte. Aber der Herr Kriegskommiffar Heinrich Fritsche saß schon am zweiten Tag nach der Friedensnachricht wieder in seinem Büro, um die Einhaltsbefehle für Lieferungen auszuarbeiten, Bestände aufzunehmen, den Verbrauch zu regeln. Während er feinem Schreiber diktierte, meldete der diensttuende Husar, eine Dame in einer Reisekutsche wäre gekommen. Heinrich konnte sich nicht denken, wer das fein könne, und beschied die Dame in das Audienzzimmer. Er diktierte nur noch den letzten Erlaß fertig und begab sich bann, nachdem er den Rock gewechselt, über den Gang, um die Fremde zu begrüßen. Da er die Tür auftat, kam ihm die Gestalt bekannt vor. Die Dame breitete die Arme aus. Es war seine junge Eheliebste, Frau Dorothee! Nachdem er sich von der ersten Freude erholt, fragte er vorwurfsvoll: „Wie konntest du die Mutter allein lassen?" „Sie hat es ja gewollt, Heinrich! Denk doch an: Friede ist! Wir können doch nicht immer und ewig dort drunten in Solberg bleiben! Wir wollen wisfen, was du vorhast, und dir helfen! Ich denke, wir müssen hier fürs erste eine Wohnung suchen, damit wir wieder alle beieinander find. Oder g'aubst du etwa, ich will in Kolderg meiterleben wie eine Jungfer und wissen, daß ich einen Herrn Hagestolz-Gemahl drüben in Stettin zu sitzen habe?" Mit solcher Festigkeit^und Wärme redete die junge Frau, baß Heinrich überrascht ein paar Schritte zurücktrat und sie anstaunte. Ja — was war aus dem schüchternen jungen Mädchen geworden, bas bewundernd zu ihm aufgeblickt und sich an ihn geschmiegt hatte? Er schloß die Augen. Wie lange war es her gewesen, daß da ein kleines blondes Wesen gekommen war und Angst' hatte, er würde ihr ein Loch in das Köpflein schlagen und mit dem Nürnberger Trichter die Weisheit einträufeln! „Nun, mein Herr Ehgemahi, wie werden fotane Ehefrau und Mutter beschieden? Sollen immer zwei Postrersetage zwischen uns eingelegt bleiben? Dann zöge ich's vor, im Kriege zu verharren, wenn's nicht eine Sünde wär' gegen Gott und den König!" Heinrich ließ sich auf einen Stuhl nieder. Er stützte den Kopf in die Hand und schaute dies Wunder feiner jungen Frau an. Ja, daran hatte er nicht zu denken gewagt, daß das Frieden heißen würde: ein Heim, eine junge Frau und die Mutter bei sich... Und alle Sehnsucht erwachte in ihm, nichts mehr zu tun zu haben mit Akten, Aushebungsbefehlen, Bestellen von Vieh und Fuhren. Nein, wieder arbeiten und leben zu können in den klassischen Schriften und junge Menschen begeistern für das Wundergewebe der lateinischen Sprache das war der Friede und fein Werk! Daran zu denken wagte der Mensch noch nicht recht, der sieben Jahre verstrickt war in diesen heißen, gewaltigen Krteg „Bist du mir böse, daß ich gekommen bin?* fragte Dorothee, und er fühlte ein Zittern in ihrer Stimme. Da stand er auf und breitete die Arme aus: „Nein, mein Herz — froh bin ich! Aber sieh an: Es ist zuviel Glück, das der Mensch nicht gleich fassen kann, wenn er aus der Dumpfheit des Kriegsgeschehens erwacht! Zuviel Glück!" (Schluß folgt.) "Verantwortlich: Or. Hans Thyriot. — Druck und Derlag: Brübl'sche Univ er sitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lana«, Gießen.