Gießener ZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Sietzener Anzeiger Jahrgang (932 Zreitag, den 16. September Nummer 72 Fallende Früchte. Von Werner Bock. Fallende Früchte, kein Wurm Hat euch zeitig erweicht, Weder Regen noch Sturm Machten den Flug euch leicht. Glühend im herbstlichen Traum, Satt von Sonne und rund Löst ihr euch leise vom Baum, Sanft empfängt euch der Grund. Oie Stimme. Erzählung von Liesbet Dill. „Es wird krüh Herbst", sagte die Kammerfrau, die di« blauseidenen Vorhänge im Turmzimmer zuzog, dessen Läden im Sturm klapperten. Die Prinzessin hatte das Buch im Schoß: den Kops in die Hände gestützt, sah sie hinaus in den Abend, der besonders dunkel und unruhig war. Der Wind pfiff durch den Park, rüttelte an den Bäumen, und schüttelte gegen die Fenster. — Cs fröstelte dis Prinzessin, obwohl das kleine Turmzimmer überheizt war und im Kachelofen die dicken Scheite brannten. Sie fuhr jedesmal zusammen, wenn so «ine unsichtbare Hand einen Ast oder ein paar welke Blätter gegen di« Fenster warf. „Es ist angerichtet, Durchlaucht", sagte di« alte Frau, die den zierlich gedeckten Teetisch vor das Feuer gerückt hatte, und ging hinaus. Sie sagte das jeden Abend um diese Zeit, wenn sie di« Gardinen zuzog. Die Einsamkeit wurde der Prinzessin zum Ersticken fühlbar, wenn sie die Stadt -draußen nicht mehr sehen konnte, das lachende Land zu Füßen des Schlosses, den Wald und den Fluß, der sich in zierlichen Windungen um die Burg schlängelte und sich in den dunklen Laubwäldern verlor. Einsam war es hier oben im Herbst. Der letzte Besuch war ab- ger-eist. Die Zeitung war auch ausgeblieben: die Post hatte nichts gebracht. Am Feuer dehnte sich die Angorakatze und blinzelte sie an. Meine einzige Gesellschaft, dachte sie, eine Katze und eine alte Frau. Das Telephon klingelte. Es riß die Prinzessin so plötzlich aus ihren trüben Gedanken, daß sie aufsprang und den Platz vor dem Schreibtisch einnahm. „Hallo!" Ein auswärtiges Gespräch? Ihr Oheim war auf der Jagd? Wollte der etwas? Aber nein, es kam aus der Stadt. „Wer ist dort? Sie vernahm ein« tiefe, ruhige Stimme, die von verhaltener Bewegung heiser klang. „Ich", klang die Stimme aus weiter Ferne. „Ich? Wer ist das?" „ Ihr Herz schlug heftig. Diese Stimme klang bekannt. „Kennen Sie mich denn nicht, Prinzessin?" „Mein Gott — Sie find' s?" 2He Knie^wankten ihr, sie zitterte so, daß sie eine Zeitlang nicht sprechen konnte. „, , ,, . ., ™. „Also Siel" sagte die Prinzessin, als sie sich gesammelt hatte. Wie kommen Sie so plötzlich wieder über das Meer? Oder sind Sie ichon länger in Deutschland?" , , . ... „Ich kam erst vorige Woche herüber. Ich muß einen Chirurgen aufsuchen .. Schlimm? Nein, hoffentlich nicht: aber m meinem Alter ... Das erzähle ich Ihnen alles, wenn wir uns sehen. Ich wollte nur Horen ob Sie da sind. Können Sie herüberkommen? . Wann — wann? Sagen Sie, bitte, nicht nein. Wer weih, vielleicht ist s diesmal wirklich das letzte Äal ... Nun ja, ich meine nur ... Es fahrt nur ein Zug am Tage? O Deutschland! Und der Fürst hat kein Auto mehr! Schade! Also der Wagen ist schwer zu bekommen? Diese Woche Jagd mit melen Gasten — da muß man zurücktreten, freilich. Ich verstehe! Ich verstehe alles. Sie wissen ja, daß ich sehr vernünftig bin — geworden bin. JawohC Ein Männerlachen klang aus weiter Ferne herüber. Ihr« Hand« Zeterten, ihr Herz schlug in Stößen. Sie sprachen fast gleichzeitig, immer einer den anderen übertönend. . .. — . , „Ach, kommen Sie, Prinzessin! Machen Sie mir die Freude! Einen Tag möchte ich Sie sehen und sprechen! Ich sehe Sie aus der Ferne durchs Telephon! Gewiß — ich kenne Sie wieder. Wohnen sie letzt immer auf der Burg? Auch im Winter? Wie halten Sie das aus. Das muß sehr einsam sein." w „Ich bin daran gewöhnt, Herr • ■ „ „Nun sagen Sie nur noch Exzellenz. »Ja, wie soll ich Sie denn anreden?" _„nn9 fmnnn9 „Das sage ich Ihnen, wenn wir uns sehen. Also — wann Wanm Ich bin sehr pressiert. Drüben di« Aerzte ... Nun, sie wiße 1 » stirbt lieber zu Hause ... Ich lache gar nicht, Prinzessin, aber ich nehm« das alles nicht mehr so ernst wie damals." „Das ist sehr traurig", sagte sie. „Wer weiß. Und wie geht es Ihnen, Prinzessin?" „Von mir ist nichts zu sagen. Ich bin älter geworden und habe mick zurückgezogen von allem. Früher gab es Klöster, das war sehr einfach damals, da steckte man die trotzigen Töchter hinein. Nein, ich habe mich nicht verheiratet. Man hat mich jahrelang an allen Höfen herumgeschicktz aber ich bin fest geblieben. Sie haben mich schließlich aufgegeben. Ich bin ein Outsider, gehorchte nicht und beuge mich nicht. Das ist schön? Ich weiß nicht — man ist, wenn man älter wird, über vieles anderer Ansicht geworden." „Da haben Sie recht", klang es zurück. „Und Ihr« Gesellschaft auf der Burg?" „Meine Kammerfrau und mein« Katze." „A la bonheur!" vernahm fie di« ferne Stimme. „Und die Umgebung?" „Hat sich nicht geändert. Ein neuer Flügel angebaut, ein paar Bilder in der Halle restauriert, die Wetterfahne knarrt nachts immer noch, und unter meinem Zimmer im Gewölbe, wissen Sie, dort, wo die toten Kinder liegen, behaupten die Leute immer noch, es weinte eine Frau, sobald es draußen stürmt." „Das wird wohl die Wetterfahre sein, Prinzessin!" „Und von meinem Teezimmer überschaut man das ganze Land, das früher uns gehörte, und abends sieht man die Sonne untergehen. Aber Sonnenuntergänge sind ganz altmodisch ..." Sie hielt inne und sah sich jäh um. Um Gottes willen, ihr Gespräch wurde ja drüben in der Kanzlei Wort für Wort belauscht. Sie brach ab. „Also ich komme. Ich schreibe noch, wann." „Ach, das ist reizend von Ihnen. Sie find doch gut! Ich küsse Ihnen aus der Ferne die Hand. Und dann noch etwas, was ich sagen möchte .. .* Sie lauschte, aber die Stimme brach plötzlich ab und verhallte. Sie hörte nichts mehr wie den Sturm, der draußen im Park herrscht« und Aeste knickte und brach. Sie wartete noch eine Weile, dann hängte sie an. Als die Kammerfrau um zehn Uhr den Teetisch abräumen kam, fand sie die Prinzessin in Tränen vor. „Durchlaucht! Was ist geschehen?" Die Prinzessin winkte mit der Hand ab. Die Pendeluhr ließ zehn klingende Schläge ertönen. Die alte Frau zündete die Kerzen auf dem silbernen Leuchter an. Die Prinzessin erhob sich und sie gingen hinunter in die Kapelle, wie jeden Abend um diese Stunde. Die Ahnenbilder mit ihren Allongeperücken und ordengeschmückten Uniformen, den hermelinbesetzten bunten Samtmänteln, die gepuderten Damen, in ihr« ausgeschnittenen hellen Seidentaillen eingeschnürt, die feinen Hälse von dicken Perlen und Diamanten glitzernd, schauten ihnen nach. Es war, als ob über diese Gesichter, die das tanzende Kerzenlicht erhellte, ein Lächeln glitte. Nur die gemalten toten Kinder in der kleinen Galerie vor der Kapelle, diese Knaben in eisernen Rüstungen, die Kinder im Totenhemdchen, eine Rose in der Hand, den lotentopf in der Ecke zu ihren Füßen, die fünfjährigen Damen in ihren silber-brokatenen Kri- nolinen, schauten sie mit leeren, traurigen, dunklen Augen an ... so wissend, so ernst, so ohne Hoffnung. Es war eiskalt in der kleinen Kapelle, das ewige Licht brannte vor dem Altar. Die Prinzessin kniete in ihrem Samtstuhl, sie stützte den Kopf in die Hände, der Pelz war ihr von der Schulter geglitten; sie betete lange ... aber ihre Gedanken waren nicht bei ihren Worten, sie wanderten und schweiften, ihre Hände glühten ... alles fieberte in ihr. Die ferne Stimme hatte alles wieder geweckt, was schon fast eingeschlafen war nach langen bitteren Jahren, nach vielen durchweinten Nächten ... und die erloschene Hosfnung begann sich wieder zu beleben und flackerte und brannte. Das Blut jagte durch ihren Körper — wann ... mann?! Draußen umtobte der Sturm die Kapelle, das Licht schwankte und flackerte, und aus Ihrer dunklen Ecke blickte die Muttergottes in schweigendem Mitleid auf die betende Frau. Ein Leuchten lag über dem stillen, herben, verschlossenen Frauengesicht, als sie sich endlich erhob. Mit dem festen Entschluß, diesmal ihren Willen durchzusetzen ... Aber es ging nicht. Heute nicht, und morgen erst recht nicht. Die Wagen, die sie forderte, waren immer versagt, besetzt von den Herren, die man zur Jagd abholte und zur Verfügung halten mußt«. Es waren viele hohe Herren anwesend ... Der Oheim, mit seinem feinen medisanten Gesicht, fragte fie, was sie denn plötzlich so Dringendes in der Stadt zu tun habe? -Und als fie darauf trotzig schwieg, setzte er hinzu ... „und das auswärtige Gespräch neulich abends?" Vorsicht, mahnte eine Stimme in ihr. Sie wartete ... fiebernd vor Ungeduld ... Es ging nie ... am Sonntag hätte fie fahren können, aber tta ging Ja kein Zug. „Komm, komm", riefen die Stimmen Im Wind, und der Sturm legte sich nicht; er drohte, er rüttelte an den schweren Türen des alten Schlosses, als wollte er die eisernen Riegel aufsprengen. Der ganze Park war von zerbrochenen Besten bestreut ... die Landschaft Ktraurtg aus, sterbend und kahl in ein paar Tagen ... und die tterfahn« knarrte über ihr des Nachts. Endlich hatte sie den Wagen bekommen unt> fuhr hinunter zum Bahnhof durch den Wald. Endlich faß sie in dem kleinen Zug, der sie bis zur Hauptstrecke brachte, wo man auf den Schnellzug warten mußte, und dann kam der Herangebrauft. Gegen Mittag kam sie in der Stadt an. Sie nahm einen Wagen und fuhr in ein Hotel ... Sie hatte Rosen im Schoß. In ihr war alles in Aufruhr und Unruhe, sie hatte nicht geschlafen in der Nacht ... Im Hotel, wo er abgestiegen war, wußte niemand etwas von ihm. Der Portier wurde gerufen. Doch, der Herr war vorgestern nacht heimlich ins Krankenhaus transportiert worden. Eine Operation, die rasch gemacht werden mußte ... weiter wußte er nichts ... Das Krankenhaus lag draußen vor der Stadt, der Wagen ratterte durch die Straßen; in ihrem Schoß zitterten die Rosen, vom Tau der Nacht befeuchtet ... Im Hospital empfing sie di« Oberin ernst ... Und noch ehe sie ein Wort gesprochen hatte, wußte sie alles ... es war vorbei ... Plötzlich eingetretene Schmerzen, den Arzt gerufen in der Nacht, mit dem Krankenauto hergebracht, in derselben Nacht noch operiert; die Operation war glücklich verlaufen, aber das Herz ... Trombose ... Und es war fast, als hätte er es gewußt; er sprach immer davon, daß er so gern noch einen Tag gelebt hätte ... er schien auf etwas zu warten und war sehr unruhig ... „Darf ich ihn sehen?" Man führte sie hinauf, durch kalte, stille, weiße Gänge, die nach Desinfektion rochen ... in das Zimmer, wo der Tote aufgebahrt lag ... Die beiden Frauen schwiegen. Die Prinzessin trat näher; sie hob das weiße Tuch auf und schaute noch einmal in das stille Gesicht des einzigen Mannes, den sie geliebt hatte. — Sie weinte nicht. Sie stand mit erstarrten Gliedern, versteinerten Gefühlen da, in sehr guter Haltung, und schaute ihn an. Dann beugte sie sich einen Augenblick über ihn, legte ihm die Rosen in die Hände ... und ging. Draußen regnete es sacht ... Als sie am Abend in das Schloßportal einfuhr, hatte der Sturm aufgehört — alles war still. In ihrem Turmzimmer brannte das Feuer, und der zierlich gedeckte Teetisch war vor den Ofen gerückt, die Katze erhob sich, um sie zu begrüßen ... und die Kammerfrau zog die blauen Vorhänge zu ... Die Welt dort draußen versank ... es wurde dunkel, leer und still um sie ... Aus dem Schreibtisch blinkte das Telephon ... die einzige Verbindung mit der Welt ... Kein Laut mehr da draußen zu hören, nichts ... keine Stimmen mehr ... Es schlug zehn Uhr. Die Kammerfrau zündete die Kerzen an. Sie gingen durch die hohen, kalten, stillen Gänge hinunter zur Kapelle, wie jeden Abend um diese Stunde. Und aus ihren zerbröckelten, goldenen Rahmen schauten ihnen die Augen der Ahnen nach ... aber sie lächelten nicht mehr ... Landschaftliche Gartengestaltung. Von Alfred Richard Meyer. Die Staatliche Stelle für Naturdenkmalpflege in Preußen, der Deutsche Bund Heimatschutz, die Deutsche Gesellschaft für Gartenkunst, schließlich die im Jahre 1930 durch den Grafen Adolf v. Arnim-Muskau ins Leben gerufene Fürst-Pückler-Gesellschaft finden ihre gemeinsamen Interessen in der Aufgabe der Landschaftsgestaltung und versuchen eine Verbindung mit den Landesplanungsstellen, Verwaltungs- und Baubehörden sowie vor allem mit den Großgrundbesitzern, die heute noch die Tradition ererbter Parks und großer Gärten zu wahren und zu pflegen haben. Von dieser stillen Kulturarbeit, von der man im weitesten Vaterland wenig weiß, soll hier gesprochen werden. Das große ideale Beispiel all dieser Fragen kann theoretisch wie praktisch am Park von Muskau, Ober-Lausitz abgewandelt werden, am Erbe des 1871 dahingeschiedenen Fürsten von Pückler-Muskau, der nicht nur Deutschlands genialster Gartengestalter, sondern auch ein bedeutender, selbst von Goethe anerkannter Schriftsteller, Weltreisender, außerordentlicher Mensch war und dessen eigentlichen Ruhm eine allzu bunte wie exzentrische Legende von damals wie heute zu verdunkeln trachtet. * In Muskau fand in den ersten Septembertagen dieses Jahres die zweite Jahresversammlung der Fürst-Pückler-Gesellschaft statt, deren Berliner Ortsgruppe ich zu leiten habe. In unserer zerrissenen und verzwei- selten Zeit waren das Tage innerster Besinnung und harmonischer Arbeit. Die „imposante Ruhe" des Parks, die schon vor einem Jahrhundert dem Fürsten als Lob zuerkannt werden mußte, hat bis heute nichts von ihrem Zauber verloren und ward praktisch durch eine Rundfahrt und einen Vortrag des Oberforstmeisters Bruhm dargelegt: „Heber - gang des Parkes in die Landschaft". Wenn Schopenhauer sagt, daß vom ersten Auge, das sich öffnete, das Dasein der ganzen Welt abhängig sei, woraus sich Anschauung, Erkennen, Erkenntnis von landschaftlichen Formen und Farben entwickelte, so möchte man dem Wunsche herzlichst Ausdruck geben: daß hier in Muskau wie im benachbarten Branitz bei Koitbus jeder Deutsche allmählich begreife, welche besonderen Gartengestaltungen wir vor allen anderen Ländern Europas besitzen und endlich gebührend würdigen sollten. Frankreich hat seine architektonischen Parkanlagen des 18. Jahrhunderts, von uns in Sanssouci, Herrenhausen, Würzburg, Veitshöchheim, Schwetzingen, Bruchsal u. a. übernommen. England hat seine Wiesenparks mit malerisch verteilten Bäumen und Baumgruppen. Muskau belegt des Fürsten „Andeutungen über Landschaftsgärtnerei" sowie seinen Bilderatlas mit den Lithos des Düsseldorfer Schirmer — welches selten geworden« Werk in Faksimile jetzt durch unser« Gesellschaft endlich wieder herausgegeben werden soll, da es in feinen Grundsätzen noch heute aktuell und unübertroffen ist und für eine glücklichere Zukunft wesentlich auszuwerten ist. In dem Sinne, wie es der Fürst kurz vor seinem Tode einem Freunde gegenüber als Wunsch aussprach: daß das von ihm in der Gartenkunst geschaffene System, das wahrhaft deutsche, für künftige Zeiten immer weiter verbessert und vervollkommnet fortbestehen möchte. Cs besteht fort, trotz aller fortschrei- tenden Industrialisierung des Landes. Der anwesende Kgl. Niederlan- dische Gesandte Graf v. L i mb u r g - S ti ru m empfing Arnims Dank dafür, daß der Vorbesitzer, Prinz Friedrich der Niederlande, des Fürsten Werk mit großen Mitteln so großmütig und vortrefflich vollendet habe. * Ist Muskau, das zum Naturschutzgebiet erklärt ward, eine große Park- Ballade, so kann Branitz, im Besitz des Grasen August von Pückler, di« deutsche Parkromanze genannt werden — in der freilich die Kottbuser Sonntagsspaziergänger allzu viel Butterbrotspapier abwersen und aus der neulich sogar die antike Büste des Kanzlersürsten v. Hardenberg gestohlen wurde. Von frevelhaften Händen angefeilt, wird sie jetzt im Bra- nitzer Schloß aufbewahrt. In einem kleinen See spiegelt sich die Pyramide, das Grabmal des Fürsten. Hörnerklang der Jäger: der Fürftengruh. Pücklers Wahlspruch: , Der Adler ist nicht von der Art der Taube" wird im Augenblick seltsam symbolisiert durch «inen Schwarm weißer Tauben, die über dem Tumulus ihre Schwingen ausleuchten lassen, als der Kahn zur Kranzniederlegung vom Ufer stößt. Da er mit dem jungen Grafen von Pückler und dem Baron von P a ch e l b e i - G e h a g , demGroßneffen des Für- sten zurückgekehrt, ertönt der Hörnerklang das Halali und wird Echo an der zweiten Pyramide, aus deren Gitter oben der Koranspruch steht „Gräber sind die Bergspitzen einer fernen schönern Welt", von der 1870 das letzte Feuerwerk 'anläßlich des Sedansieges abgebrannt ward und die nun langsam durch die allzu vielen Wildkaninchen-Löcher zusammen, fällt. Es bleibt im Herzen der heiße Wunsch: daß auch der Branitzer Park endlich zum Naturschutzgebiet erklärt werden möchte — denn auch hier schuf der Fürst, nachdem er 1845 Muskau verkaufen mußte, aus Sand und Einöde einen künstlerisch belebten Landschaftsgarten Vorbild- kicher Art, indem er noch einmal hier 300 000 Taler späteren Geschlechtern schenkte, die wir heute dieses romantische Kunstwerk in seiner ganzen Reife erleben dürfen und erleben wollen, die wir in ach so vielen anderen Beziehungen so elend arm geworden sind. Was Goethe zusammen mit Karl August im Park von Weimar erschuf und als Anfang der großen Epoche der deutschen Gartenkunst in seinen „Wahlverwandtschaften" und in der „Laune des Verliebten" Dichtung werden ließ, schloß Pückler ab — in Muskau, Branitz, Babelsberg, Belvedere bei Weimar, Ettersburg, Wilhelmstal, Liebenstein. Hierauf wies der Vortrag des Herrn Reichskunstwarts Dr. Redslob begeistert und begeisternd hin. Die Einheit von Natur und Kunst: „Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen, Und haben sich, eh man es denkt, gefunden ..." Aus der Vergangenheit richtet sich in diesem Sinne der Blick in die Zukunft: nach Bad Berka, wo das R e i ch s e h r e n m a l entstehen soll. Die PUckler-Gesellschaft hat in einer Eingabe ihre künstlerischen Bedenken bekanntgegeben. Zum ersten Mal in Deutschland soll Landschaftsgestaltung als Kunst, zu Ehren von zwei Millionen Gefallener, innigst zum Volke sprechen. Möge es im wegweisenden ©inne des Fürsten Pückler geschehen! Daß wir die hohen alten Bäume bei Berka als Ideal eines Landschaftsgartens empfinden wie Milton im „Verlorenen Paradies : „... nicht von Kunst In Reih'n und Schnörkel wundersam gepflanzt. Nein, von der Milde der Natur vollauf Geschüttet waren über Berg und Tal." Aus das „Ruhe" über unsere Trauer und über unser Gedächtnis komme. Daß nicht ein unorganisch in di« Landschaft gepflanzter und wenn auch noch so künstlerisch wirkender Baum aus der Welt der Natur herausspringe — „ein schlimmes Zeichen von dem weichlichen Charakter der Zeit", wie Schiller einft Deutschlands Gartenstil beklagt«. Zum ersten Mal kann ganz Deutschland in Berka betroffen und erschauernd im tiefsten Herzen verspüren, was landschaftliche Gartengestaltung im Zeichen Pücklers bedeuten muß und soll! Zum ersten Mal — es müßt« ein guter Anfang sein! Wie auch schon dieser andere: daß man sich bei den Landschasts- planungsfteUen längst daran gewöhnt hat, von „Pückler-Streifen" zu sprechen, wenn schmale Baumstreifen die Straßen durch öde Gegenden anmutiger erscheinen lassen, den Wegen Profil geben, wieder Landschaft im Sinne organischer Bedingtheit erstehen lassen. Die Autostraßen der Zukunst, vor denen allzu ästhetisch Bewegte zittern, könnten also beredt für die Landeskultur sprechen und an Stelle der Prosa neue Poesie setzen und daneben vielen Menschen nützliche Arbeit geben. Wie es einst der Fürst für Tausende tat — er, der als leichtsinniger Verschwender verschrien ward und von dem man heute noch wohl mitleidig lächelnd Jagen hört: „Ach der — mit dem Fürst-Pückler-Eis!" Die deutsche Landschlist, vielerorts als unschön bekrittelt — wie leicht wäre sie durch bedächtige Gartengestaltung zum Schönen umzuformen! Auf solche Möglichkeiten wiesen die verschiedenen Vorträge des Herrn Meyer-Jungel außen hin, der durch Deutschland reift, offene Augen hat, photographiert, um Lichtbilder zur Nachahmung oder Abschreckung zu haben, der seinen -Beruf als „Landschaftsberater" angibt — ein neuer Beruf für ein neues Deutschland, das neben allen möglichen Problemen auch das des Künstlerischen in der landschaftlichen Gartengestaltung nicht übersehen uarj. Als letzte Worte stehen in Pücklers Tagebüchern: „Kunst ist das Höchste I und Edelste im Leben, denn es ist Schaffen zum Nutzen der Menschheit. Das vergessene Nenniier. Don Dr. E. Feige. Es muh eine unangenehme Temperatur in Mitteseuropa bis nach Südfrankreich hin geherrscht haben, als neben Witdpferden, Wildrindern, Bisons und anderen eiszeitlichen Tieren das Re untrer verbreitet war; eigentlich mühte es heißen das Ren oder das Rentier, wir wollen aber bei dieser nicht ganz klar trennenden Rechtschreibung lieber eine Verwechslung mit der gleichfalls ausgestorbenen Klaffe der Geldrentiers vermeiden. Während letztere aber der Not der Zeit zum Opfer gefallen find, hat sich das Renntier vor der ihm ungemütlich werdenden Wärme und der allzu luxuriös werdenden Natur des neueren Europa nach Norden zurückgezogen. Zwar streifen die Renntierherden der europäischen Lappen und Finnen in Skandinavien noch auf europäischem Boden umher, ihre Hauptverbreitung erstreckt sich aber auf das nordasiatische Gebiet bis an den Ostrand hin, und sie erreichen dort vielfach Breiten, die bei uns der Rheinmündung entsprechen. Trotz ihres einstmals sich über das südlichere Europa erstreckenden Vorkommens haben die Renntiere in unserer Volksüberlieferung scheinbar keine Spuren hinterlassen; es müssen seit jenen Zeiten also tiefgreifende Veränderungen eingetreten sein. Zwar läßt sich nicht behaupten, daß der heutige Europäer dem Renntier völlig abweisend gegenüberstände. Vor dein Weltkriege wurde von Skandinavien aus als Leckerbissen Renntierfleisch an südlichere europäische Feinschmecker ost versandt, und allmählich scheint sich dieser Handel in bescheidenem Umfange wieder zu entwickeln. Das ist auch verständlich; gehört das Renntier doch zu der großen Familie der Hirsche, wenn bei ihm auch nicht nur das männliche Geschlecht, sondern auch das sogenannte schwächere ständig im Schmuck seines Geweihes erscheint. Die strenge Anpassung des Renntieres an nördlichere, polare Lebensverhältnisse läßt es erklärlich erscheinen, daß die gegenwärtig führende Kulturmenschheit von diesem abseits stehenden „Haus"-Tier so wenig Notiz nimmt. Das ist unrecht, steht das Renntier doch offenbar — worauf neuerdings wieder der Wiener Völkerkundler Fritz Flor hingewiesen hat — in nahen Beziehungen zu den ältesten Grundlagen unserer Kultur überhaupt. Ist man heute auch der Ansicht, daß die wirtschaftliche Nutzung des Renntieres im Sajangebirgsgebiet Zentralasiens westlich vom Baikalsee entstand und sich von dort nach beiden Richtungen hin ausbreitete, so bildet die jetzige Verbreitung der nordischen Renntiernomaden zweifellos doch nur ein Rückzugsgebiet sowohl wegen des Ausweichens der wilden oder halbgezähmten Renntiere nach den eiszeitähnlichen Nordgebieten hin -als auch wegen des undurchdringlich gewordenen Walles der europäischen Ackerbauvölker. Denn der Hauptumschwung der europäischen Wirtschasts- verfassung, der mit der sog. jüngeren Steinzeit begann und neben einem geregelten Ackerbau auch die heute noch üblichen Haustiere, Bergbau und Metallbearbeitung bald mit sich brachte, besteht eben in der Abkehr von dem unsteten Umherschweifen der Nomadenistämme. Doch anders als die asiatischen oder afrikanischen Nomaden mit ihren Rinder- oder Schafherden kann der nordische Renntiernomade seinen Besitz nicht willkürlich nach der ihm selbst passenden Stelle hinleiten, er muß mit seiner Renn- -tierherde mitwandern, er ist an ihre Lebensgemeinschaft gefesselt. Es braucht nicht betont zu werden, daß jene Samojeden, Eskimo, Lappen und ähnliche Stämme durch die Not ihrer Umwelt gezwungen sind, sich für die Lebensfristung an das einzige Herdentier ihrer Gebiete zu halten: waren das enge Nest, das uns auszog, bis wir flügge waren, und ihr» rauhen Alblust danken wir es, daß wir nicht verweichlichten. Ich komme ans fünfte Glas, ins fünfte Sekulum unseres Gebens, Ich schlürfe euch ein, lieblichen (Erinnerungen, wie ich dies Glas ebeln Rheinweins schlürfe; ihr duftet auf in herrlicher Schöne, Jahre mein» Jugend, wie das Aroma auffteigt aus dem Römer; mein Auge wirb wacker, o Seele, denn sie sind um mich, die Freunde meiner Jugend! W« soll ich dich nennen, du hohes, edles, rohes, barbarisches, liebliches, uiw harmonisches, gesangvolles, zurückstoßendes und doch jo mild erquickendes Leben der Burschenjahre? Wie soll ich euch beschreiben, ihr goldener Stunden, ihr Feierklänge der Bruderliebe? Welche Töne soll ich euch geben, um mich verständlich zu machen? Welche Farben dir, du nie begriffenes Chaos! Ich soll dich beschreiben? Nie! Deine lächerliche Außenr feite liegt offen, di« sieht der Laie, di« tonn man ihm beschreiben, aber deinen innern, lieblichen Schmelz kennt nur der Bergmann, der fingen!) mit seinen Brüdern hinabfuhr in den tiefen Schacht. Gold bringt er her auf, reines, lauteres Gold, viel oder wenig, gilt gleich viel. Aber dies iss! nicht feine ganze Ausbeute. Was er geschaut, mag er dem Laien nicht beschreiben, es wär« allzu sonderbar und doch zu köstlich für sein Ohrr. Es leben Geister in der Tiefe, die sonst kein Ohr erfaßt, kein Auge schau®. Musik ertönt in jenen Hallen, die jedem nüchternen Ohr leer und deutungslos ertönt. Doch dem, der mit gefühlt und mit gesungen, gibt fu ein« eigen« Weihe, wenn er auch über das Loch in feiner Mütze lächeln, das er als Syrnbolurn zurückgebracht. Alter Großvater! jetzt weiß ich>, was du vornahmst, wenn „der Herr seinen Schalttag feierte*. Auch be hattest bei ne trauten Gesellen seit den Tagen deiner Jugend, und dos Wasser stand dir in den grauen Wimpern, wenn du einen beisetztest ine Stammbuch. Sie leben! Wirf di« Flasche weg, Mensch, stich eine neue an zu neuer Freude Das sechste! Wer tonn dich berechnen, o Liebe? Es ging uns, wie es so manchem Erdensohn ergeht. Wir lasen vom Siebe und glaubten zu lieben. Das Wunderbarste und doch Natürlichst an der Sache war, daß die Perioden oder Grade dieser Art Siebe M nach unserer Lektüre richteten. Haben wir nicht Bergißmeinpicht uni Ranukeln gebrochen und des Doktors Tochter in G. verschämt überreidjii und uns einige Tränen ausgepreßt, weil wir lasen: „Das Schonst Kte er auf den Fluren, womit er seine Liebe schmückt" — „ans feinem jen brechen Tränen?" Haben wir nicht ä la Wilhelm Meister geliebt d. h. wir wußten nicht mehr, war es (Emmeline oder Camilla, die Zarte oder gar Ottilie? Haben nicht alle drei in zierlichen Schlafmützen hinten den Jalousien hervorgeschaut, wenn wir Ständchen brachten im Winten und di« Gitarre weidlich schlugen, obgleich uns der Frost die Fingen krumm bog? Und nachher, als es sich zeigte, wie sie alle nur schnöde Koketten seien, haben wir da nicht di« Siebe törichterweise verschworen un® uns vorgenommen, erst dann zu heiraten, wenn di« Schwaben klug werden, d. h. im vierzigsten? Wer kann dich berechnen, verschworen, o Siebe. Du tauchst nieder aus -dem Auge der (Beliebten und schlüpfst durch unser Auge verstohlen w das Herz. Und dennoch, fo kalt konntest du bleiben, wenn ich meine Lieden fang, wolltest den Blick nicht erwidern, den ich so oft nach dir ausfanbtei Ich mochte ein General sein, nur daß sie meinen Namen in der Zeitung läse, daß es ihr bange würde, wenn sie läse: „Der General Hauff hat ('“5 in der letzten Schlacht bedeutend hervorgetan und acht Kugeln ins Her«) bekommen, — woran er aber nicht gestorben." (Fortsetzung folgt.) verantwortlich: Dr. Hans Thyrtot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Aniversitäts-Vuch- und Stetndruckerei, 2L Lange, Gieberu.