Nummer 5- Freitag, den (5. Juli Jahrgang 1952 dämpft — an Ejre nicht mehr besuchen können soll, wenn mid) der -^eg führt. Wie oft habe ich einen Zu-, überschlagen, nur um en lag zu sagen, wie oft auch bin ich auf einen Nachmittag fehlte. Für ihn ten Hausstandes stundenlang darüber diskutie» i[le — und hat sich gerade um selbst war. bürgerlich geregeltem Grunde. Und — scheinbares Paradox — dabei war er ganz und gar kein Bürger. Er erreichte in feiner seelischen Strahlung gar nicht den Bürger und dessen Dunstkreis: er war, bis zur letzten Minute feines Daseins — ein unverfälschtes, großes, reichveranlagte» Kind. Das Geheimnis feiner Wirkung auf fo viele verschiedenartig« Menschen lag lediglich in diesem seinem Kind-Sein. Er war nicht ein Kind geblieben: Er konnte — bei allem Wachstum — nie etwas anderes als Kind sein. So ist die Formel zu setzen. |uluA u-n- —V er hat sich nie gequält wo er einfach Wahrgenommenes" Geben in das ihm verliehene, besonder« Wort erhob und dort festhielt. Di« besten Teile seines Werkes sind kampflos: so wie im Grunde seine undualistische und lineare Natur es Hyperions Schicksalslied. Bon Friedrich Hölderlin. Ihr wandell droben im Licht Aus weichem Boden, selige Genien! Glänzende Götterlüfte Rühren euch leicht Wie die Finger der Künstlerin Heilige Saiten. Schicksallos wie der schlafende Säugling, atmen die Himmlischen; Keusch bewahrt In bescheidener Knospe, Blühet ewig Ihnen der Geist, Und die seligen Augen Blicken in stiller. Ewiger Klarheit. Doch uns ist gegeben Auf keiner Stätte zu ruhn,^ Es schwinden, es fallen Die leidenden Menschen Blindlings von einer Stunde zur andern. Wie Wasser von Klippe Ju Klippe geworfen. Jahrlang ins Ungewisse hinab. Erinnerung an Alfred Bock. Von Albert H. Rausch. Siefftner^amilienblättcr Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Wäre der Grad der Distanzierung zwischen Herz und Ding noch um einige Akzente stärker gewesen: hätte sich der Drang zu künstlerischem Gestalten ganz auf der Linie der einfachen, berichtenden Darstellung des — mit einer außergewöhnlichen Sonder-Intuiton — „Wahrgenommenen" auswirken können: so wäre das Gebenswerk dieses Mannes einzigartig geworden. Aber das Herz war eben noch um einige Punkte zu nah: es redete noch in den Ablauf eines künstlerischen Geschehens hinein — und wurde damit der schlimmste Feind der sachlichen Formung. Hunderte Mal haben wir über diesen Schlüsselpunkt seines Schaffens gesprochen —hundert Mal habe ich versucht, ihm klarzumachen, daß strenge Kunst völlig gefühllos sein kann: er konnte es nicht begreifen. Er wollte es auch nicht begreifen. Er sah einen Mangel in einem klaren Verzicht auf jeden Appell an das Sentimentalische. Di« geheimen, lyrischen Rudimente feiner Natur sollten mitreden dürfen — und nie hätte er $ugegeben, daß sie nicht stark genug waren, um als Positiv mitreden zu können. zwischen bürgerlichem Mußberus und künstlerischer Bokatton: daß eine wundervolle Synthese bestehen könne, in der sich beide Komponenten wechselseitig förderten, schien ihm durchaus unmöglich. es hatte wohl seinem Geben etwas gefehlt, wenn er sich diesen Konflikt nicht immer wieder vorkonstruiert hätte: denn wirklich akut ist ^r nie gewesen. Als ich ihm ein anderes Mal nahelegte, doch einfach einmal die Ersah- rungen aufzuzeichnen, die er in früheren Jahren als Kaufmann auf seinen vielen Geschästsreisen gemacht habe, glaubte er, -ch rede im Scherz. Er ahnte nicht einmal, welches entzückende und aufschlußreich« Buch — welche psychologische Studie großen Stiles — er der deutschen Literatur hätte geben können. Auch daß ein Buch keine erfundene Fabel brauche, wollte ihm nicht in den Sinn. Der einfache Ablauf eines E^- f(hebens, ohne künstliche Spannung oder Hemmung, ohne sentimentalisch« Verkittung, genügte ihm nicht. Er konnte ren, ob ein Buch so oder so „ausgehen" [oL. _ , . , „ solche Fragen reichlich gequält. Aber f Ich kann es noch immer nicht recht glauben, daß ich ihn, den Freund so langer Jahre, nicht mehr besuchen können soll, wenn mich der Weg nach Gießen führt. Wie oft habe ich einen Zug überschlagen, nur um ihm rasch guten Tag zu sagen, wie oft auch bin ich auf einen Nachmittag ober einen Abend zu ihm hinübergefahren, wenn ich mich gerade in der heimatlichen Nachbarstadt aufhielt... War bies zu einer Seit, mo o Nächte lang und die Tage kurz find,. fo wußte man beim Anschretten auf sein Haus schon von weitern, ob „Sir Alfred —wie ich ihn nannte daheim war oder nicht: brannte die kleine Gampe an der niebrigen Decke seines Arbeitszimmers durch das nur mit kurzem Vorhang e- berfte Fenster in das Dunkel hinaus, so war man sicher, ihn “U fernem Schreibtisch zu finden.. Oder im Tete=ä=tete mit einer feiner .Zahlreichen Verehrerinnen.. War aber das schmale Fenster blmb. nun, brauch man deswegen den Versuch, ihn zu erreichen, noch nicht auszugeben. Vielleicht hatte er ein paar Geute um den Kaffeetisch versammelt vie leicht auch sand man ihn an seinem Flügel im Salon b .. J Couch war er nach auswärts gefahren. Vor dem Kriege war dieses ärts häufig München oder Berlin — nach dem großen Umschwung von 1918 hielt er sich eher in der Nahe, m Frankfurt o^r ^rm tadt. und in Darmstadt besonders: denn die „schule ^r,Weisheit hatte es ihm angetan. Das war - „so wie er die Singe sah..um mit dem berühmten Kriegskanzler zu reden — sehr weift von ihm. Er f das gesellschaftliche Bild und die gesellschaftliche Bewegung, welch«er liebte Er fand dort vor allem eine Reihe lrh°u°r — oder wen gsten eleganter - Frauen, mit geistigen und anderen Ambitionen Er glaubte was diese Frauen ihm über sich und ihre Seele erzählten Den"-er war ein Mensch, der immer wieder an Frauen glaubte. ®r glaubte auch, was ihm männliche „Prominente" jagten — und überprüfte es kau jemals Er war dann oft schwer verwundert, wenn ein kritischer Dritter, dem er Gehörtes berichtete, den Kopf schüttelte — und ganz emftch aus dos Konto der Eitelkeit setzte, was ihm als unberechnete Aeußeru g wirklicher Bedeutsamkeit erschienen war. Er verstand nicht daß man ge_ sellschasttichen Angelegenheiten mit äußerster Skepsis gegenuberstand mit umso größerer, als man an ihnen bis zuin Ueberdniß Anteil,genommen halte — und verwechselte manchmal gesellschaftliche u d ! ) liche Beziehungen. Für ihn galt noch das was man vor dem Kriege »bie Gesellschaft" genannt hotte, und er ahnte kaum — da er cy ve^ wußt mit den „Apparencen" begnügte — die ganze f Verfalls. Das war gut so. Denn er ertrug nurjchmer den -olia in dm Brüchige. Daß alles „richtig" und „in Ordnung «ehe, war chmilutz 1 wesentlich. Sein Schaffen, sein ganzes Geben war nur denkbar I Es wird immer unergründbar bleiben, warum ihm die letzte Auflichtung über das Besondere seiner Begabung versagt blieb. Als ich ihm einmal sagte, ob er denn nicht die zwingende Parallelität zwischen seiner Art, Kaufmann zu sein (d. h. ein Geschäft ganz sachlich um eben des Geschäftes willen zu tun) und seiner Art, dos Geben der ober- hessischen Bauern „wohrzunehmen" erkenne, schaute er mich fa£t erschrocken an und so, als ob ich mich an ihm und seiner „Berufung versündigt hätte. Ob ich denn nicht spüre, wie er unter dem „bürgerlichen" Beruf leide und wie dieser ihn hemme? Als ich daraufhin erklärte, ich sähe nur, wie sehr er ihn fördere, blieb er sprachlos. So wie immer, Wenn ihm zu der Sicht eines anderen Menschen einfach di« Brücke fehlte Für ihn — den Sprossen des bürgerlich geordneten und normier« — gehörte es sich einfach fo, daß ein Konflikt bestand chern Muhberuf und künstlerischer Vokation: daß eine Er war, wie alle Kinder, ganz in sich befangen. Er lebte in der Betrachtung und Auswertung der Aeußerungsbedürfnifs« feiner Natur. Im Horchen auf die inneren Stimmen überhörte er oft das Geräusch der feindlichen, umgebenden Welt oder hörte es nur soweit, als ihm die« nützlich erschien. Ich Hobe an ihm, solange ich chn konnte, niemals die unmittelbare Wirkung innerer oder äußerer Umstände verspürt. Di« „Ereignisse" gelangten nur auf Umwegen — und damit sehr gedämpft — an ihn. Ich habe nie ergründen können, obwohl ich viele gute Gespräche mit ihm hotte, ob er wirklich „erschütterbar" war. Ich glaub« es nicht. Denn er war durch feine Natur geschützt gegen jedes Extrem. Selbst die Gefchehnifs« seines privatesten Gebens blieben ihm peripherisch und kaleidoskopisch. Aber nicht etwa fo wie dem Stoiker, der fie aus der Dämonie feiner Erkenntnis heraus auf ihren Platz verweist und ihnen nicht mehr Anspruch beläßt als er will: sondern so wie einem Manne, dessen Herz die Ereignisse nur bis zu einer gewissen Grenzlinie heranpocht, weil sein Schlag nicht ousreicht, sie in das innerste Gehäu« zu treiben. Diese apriorische Begrenzung war fein wahres Wesen: sie allein erklärt Herkunft und Ausdruck feiner künstlerischen Geiftung, sie allein auch bestimmt das Positiv und Negativ seines Werkes. ' Cs war ein ausgezeichneter Mensch. Seine Schwächen^lagen offen: al'[o waren jie eigentlich schon nicht mehr existent. Seine Stärken lagen ebenso offen — und überwogen bei weitem. Wer ihn verstand und lieb hatte, hatte ihn in gleicher Weise um seiner Schwächen und um seiner Stärken willen lieb. Er war durchaus lauter. Er war o^ne Falschheit und ohne den leisesten Anflug einer Bosheit. Ich habe ihn niemals ein gehässiges Wort über irgentz einen Menschen sagen hören. Ich habe ihm aber oft genug vorhalten müssen, daß er Freundlichkeiten an solche verteile, die sie nicht wert seien — und daß er sich aus Gefälligkeit gegen Unwerte manchmal selbst in ein schiefes Licht fetze. Das galt besonders bei Bücherbesprechungen. Er erwies gefährliche Dienste. Sein gutes Herz ließ ihn manchmal geistige Verantwortungen vergessen. Sein gutes Herz vermengte ihn literarischen. Klüngeln. Sein Solidaritätsgefühl mit den Zünftigen trübte ost sein Urteil: gegen seinen besseren und reineren Instinkt. Er konnte schlecht eine Bitte abschlagen, obwohl er, wie er mir einmal sagte, eine ungeheure Bewunderung hatte für das kategorische Nein, das einer aussprach oder durch seine Haltung bekundete. Von diesem Punkte aus — und nur von diesem — erklärt sich auch sein sonderbares Verhältnis zu George und der Georgesichen Bewegung. Er setzte sich begeistert ein für eine bewußt abgrenzende Haltung, eben weil diese bewußte Haltung ihm fehlte — und bewies gerade dadurch, daß auch er ein unzerstörbares und unbeeinflußbares geistiges Absolutum in sich trug: mochten auch dessen Maße — an der George- scheu Weltspannung gemessen — begrenzt erscheinen. Zu dem George- scheu Werke selbst aber nahm er niemals eine differenzierte Stellung. Er setzte sich nicht Buch um Buch mit diesem gewaltigen Dichter auseinander: es genügte ihm zu wissen (und zu spüren), daß da unzweifelhafte Werte waren. Er legte das Wissen um diese Werte als Tangente an sein geistiges Leben: aber er schuf keine Beziehung, keine dauernde Wechselwirkung zwischen ihnen und sich. Jedoch vermittelte er sie vielen durch eindringlichen Hinweis — so wie er auch die Ursache dazu wurde, daß der Schreiber dieser Zeilen durch Vermittlung Wolfskehls mit George selbst und den Bedeutendsten des Kreises in Verbindung kam. Eben dieses war einer seiner schönsten Züge: das Bedürfnis, zu fördern, Möglichkeiten zu erschließen, persönliche Beziehungen zu schaffen, die vielleicht fruchtbar werden konnten. War einmal — durch seine Vermittlung — eine solche Beziehung hergestellt, so enthielt er sich jeder weiteren'Einmischung. Aber es bedrückte ihn, wenn die Dinge nicht so gingen, wie er es sich vielleicht gedacht hatte — oder wenn sie gar vollends ins Negative umschlugen. Er hielt auch in einem solchen Falle mit jedem Urteil zurück. Er ließ sich berichten, hörte Argumente, ohne Stellung zu nehmen — und ging zur Tagesordnung über: d. h. er ordnete das übermittelte Negativ sofort in jenes Grenzgebiet ein, von wo aus es fein Herz nicht mehr erreichen konnte — und sicherte sich auf diese Weise durch eine Art Selbstschutz. Manche haben ihm eine solche Haltung verübelt: es waren immer solche, die fein wahres Wesen nicht verstanden. Man konnte sich niemals bei ihm einen Rat holen. Einmal vermochte er kaum, die wirkliche Situation des Fragenden so zu erfassen, daß er „bona ticke" einen Rat hätte erteilen können — sodann aber auch hatte er eine ungeheure Scheu vor Verantwortungen, die ihn nicht selbst betrafen. Eigene Entschlüsse ließ er sich gern durch Dritte begutachten — — aber er befragte nicht einen oder zwei, die ihm kompetent erschienen: sondern er befragte ein Dutzend der verschiedenartigsten Menschen — und erntete jedesmal verstärkte Unsicherheit. Einige Jahre vor seinem Tode hatte ihm irgendein Schwätzer eingeredet, er solle das „Provinznest" Gießen verlassen und nach München oder Berlin ziehen, um endlich, auf seine alten Tage hin in einem Milieu zu leben, das seiner würdig sei. Als ich ihn damals besuchte, teilte er mir sofort diese Anregung mit und erbat sich meine Meinung. — Niemand besser, sagte er, als Sie, der säst immer draußen lebt, der auch nach dem Kriege wieder so europäisch lebt wie vor dem Kriege, kann mir raten, was ich da zu tun und zu lassen habe ... Ich sah ihn fast entsetzt an. — Welcher Narr hat sich denn unterstanden, Ihnen einen solchen Blödsinn zu unterbreiten? Er nannte keinen Namen ... Er erwiderte nur: — Es war ein hochgebildeter Mann, der mein künstlerisches Schaffen viel bedingungsloser bewertet als Sie selbst ... — Was hat denn die Bewertung eines Werkes mit einem solchen irrsinnigen Vorschlag zu schaffen? — Es ärgert diesen Mann, daß ich hier nicht so gewürdigt werde, wie er es für angebracht hält ... — Was hat denn Ihr Verwurzeltsein in Ihrer Heimatstadt zu tun mit der Bewertung oder Nichtbewertung Ihres Werkes durch die zufälligen Bewohner dieser Stadt? Er schwieg. Und sah mich an mit jenem guten und dankbaren Blick hinter den Brillengläsern, der seine lebendigste Sprache war. — Also, Sie meinen, ich solle hierbleiben? fragte er schließlich. Und nun begann eines der schönsten Gespräche, das ich jemals mit ihm geführt habe. Ein langes, lebendiges Gespräch über den Sinn und die Krast der Heimaterde, das ungefähr fo abschloß: — So verschieden, so grundverschieden Sie und ich sind, sagte ich, so sehr gleich sind wir in diesem Einen: in der schicksalsmäßigen Verbundenheit mit unserem hessischen Land. Sie haben — als erster — seine Menschen, feine Bauern verkündet, ich habe feine Erde, feine Landschaft gestaltet. Das kommt, im letzten, auf das gleiche hinaus. Denn die Erde schafft sich ihre Menschen — und diese Menschen strahlen sich wieder zurück in die mütterliche Erde. Die Entdeckung des hessischen Bauern kam Ihnen von dem langen Verharren in der hessischen Heimatlandschaft, die Entdeckung der hefsifchen Erde aber gelang mir erst nach den langen und weiten Wanderwegen durch die Welt. Hier ist der triebmäßige Unterschied unserer Naturen. Sie waren nie der Wanderer, der ich von frühester Jugend an war, sein mußte: weil mein'Blut Wanderschaft als Lebenselement forderte. Wie können Sie je daran denken, sich noch in einer späten Lebensphase zu entwurzeln, außerhalb des Bodens zu stellen, der Sie geschaffen und zur Reise getrieben hat? Wie können Sie den Ring Ihres äußeren und inneren Gebens spengen wollen anstatt ihn zu festigen? Wie können Sie Maßstäbe für Ihr eignes Leben hernehmen wollen aus beit Notwendigkeiten eines fremden — meines Lebens? Habe ich Ihnen nicht oft genug erzählt, daß mich wie ein Talisman auf allen meinen Fahrten über die Grenzen der Länder und Meere eine kleine silberne Dose begleitet, die mit der Erde meines Heimatbodens gefüllt ist? Habe ich Ihnen nicht gesagt, wie der Sinn meines Wanderns erst gegeben ist durch das Wissen um den Ort, an den ich gehöre? Glauben Sie, ich ertrüge je eine gewaltsame Verbannung von diesem Ort? Niemals! Ich müßte verkümmern, absterben wie der Bauer, den man aus seiner nährenden Erbe reißt! Meine Wälder, meine Berge, meine Wiesen, meine Ackergründe, die Konturen meiner Stadt nicht mehr sehen, nicht mehr in jedem Hauch der Luft verspüren zu dürfen: wäre es nicht gleich einem Tode bei lebendem Leib? Gewiß: Ich liebe es, in Paris zu leben, ich liebe Rom, idj liebe alles, was Mittelmeer heißt und nähre mich an ihm — ich mürbe unaussprechlich leiden, wenn Mir das alles genommen würde: aber könnte es mir jemals ersetzen den Verlust des bedingtesten heimatlichen Rahmens, in dem sich die Grundrisse meines Lebens formten? Den Verlust des „Fußbreit festen Bodens", auf dem ich ft e h e? Jedes menschliche Leben ist eine Synthese zwischen gegebenen Werten und notwendigen Ergänzungswerten. Und jedem einzelnen Dasein sind diese Ergänzungswerte in besonderen Kurven ausgezeichnet. Auch der Kamps um sie Hal sehr verschiedene Akzente. Ihre Kurve läuft anders als die meine — Ihr Kamps hat kaum jemals die offensichtlichen Formen des Kämpfens annehmen müssen! Glauben Sie ja nicht, daß sich die Ferne kampflos einem Leben einoerleiben lasse! Und glauben Sie ja nicht, daß die Form dieses Kampfes auf die Hilfe einer sorgfältig vorbereiteten und unaufhörlich abzuwandelnden Diplomatie aller Geistes- und Sinnenkräfte verzichten könne. Was wollen Sie in den Ausklang Ihres Lebens Belastungen ein- beziehen, die Ihr Leben zu feiner letzten Rundung gar nicht nötig hat? * Er hat Gießen nicht verlassen. Er ist in seinem schönen alten Haus geblieben, in seinem niedrigen Arbeitszimmer unter dem Dach, bei (einem Garten, sich selbst und seinen Freunden zur Freude. Er hat die gute Gastfreundschaft weitergeübt — und viele haben sie ihm ehrlich gedankt, und werden sie ihm über feinen Tod hinaus zwiefach danken: denn nun erst, da sie nicht wiederkehren kann, erscheint sie ganz als das Seltene, das sie war. Sie war eine Gastfreundschaft des Herzens. Sie war eine vollendete Freundlichkeit. Sie war um ihrer selbst willen da. Sie wollte nut wohltun. Sie wurde auch niemals mißbraucht — außer in einem Falle, den es sich lohnt, zu berichten. Nicht, um des unerhörten Verstoßes willen, den sich ein „Prominenter" unserer Zeit zuschulden kommen ließ, sondern um der Art willen, wie der Hausherr sich dazu verhielt. Für diesen „Prominenten" also wurde in dem alten Hause an der Marburger Straße ein Tee gegeben. Viele Gäste waren geladen — und glücklich darüber, dem berühmten Zeitgenossen in der Intimität des Salons zu begegnen. Der Herrliche erschien. Aber was tat er? Da ihn einige Sätze fesselten, die ein junger Bewunderer ihm gesagt hatte, zog er sich mit diesem zurück und verließ schließlich ohne weiteres das Haus, um auf einem Spaziergang die begonnene Aussprache in einem langen Gespräch fortzusetzen. Gastgeber und Geladene waren nicht mehr vorhanden. Nach zwei Stunden erst, als schon viele der Gäste gegangen waren, erschien der „Prominente' wieder und wurde empfangen, als ob nichts gewesen wäre. — Was halten Sie von der Geschichte? fragte Sir Alfred, als er fit mir erzählt hatte. — Daß sie Ihnen recht geschieht! Wozu brauchen Sie sich diesen „Prominenten" einzuladen, über dessen Charakter Sie doch unterrichtet waren? Wozu brauchen Sie Ihr stilles Haus zu einer Schaustellung für einen Menschen herzugeben, dem Sie gerade nur Mittel zum Zweck sind? Haben Sie es etwa nötig, sagen zu können, daß diese Koryphäe bei Ihnen zn Gaste war? — Sie führen ein bitterböses Mundwerk, lautete die etwas betroffene Anwort. — Ganz und gar nicht! Ich sage nur, was ich empfinde ... — Aber wollen Sie denn dem Genie nicht eine Ausnahmestellung zu- geftehen? — Erstens bleibt die Frage offen, ob es sich in dem vorliegenden Fallt um ein Genie handelt. Und zweitens bin ich unweigerlich der Ansicht, daß sich die berühmte sogenannte „Ausnahmestellung" des Genies unter gar keinen Umständen in solchen Flegeleien zu äußern braucht. — Flegeleien? — Jawohl! Flegeleien! Wenn es dieser „Prominente" für angemessen und mit feinem „Genie" vereinbar fand, eine Einladung zu einem sin ihn gegebenen Tee anzunehmen, fo hatte er sich auch den Gesetzen der gesellschaftlichen Gesittung zu fügen. Roheiten des Herzens — um nichts anderes handelt es sich — find immer unentschuldbar. Aber dreifach und vierfach unentschuldbar, wenn sie in unserer aufgelotferten Zeit von einem Manne begangen werden, der sich als geistiger Führer sühlt und ansprechen läßt. Es kommt auf das schöne Beispiel des gebundenen und verbundenen Geistes an, ganz und gar nicht auf den in Willkürlichkeiten entbundenen. Geist! — Aber was hätten Sic denn gemacht in meinem Falle? — Das will ich Ihnen klipp und klar sagen: Ich hätte ihm bei seiner Rückkehr Hut und Mantel reichen und bedeuten lassen, der Weg zum Bahnhof führe den Geleisen entlang ... — Was? Sie hätten es auf einen solchen Skandal ankommen lassen? — Und ob ich es darauf hätte ankommen lassen! — Aber was hätte man denn von mir gesagt, wenn ich fo etwas gewagt hätte? — Es hätten sich viele von Herzen gefreut, daß einer einmal den Mui aufgebracht hätte, der Katze die Schelle anzuhängen. Ihre ethische Valuta wäre rapid gestiegen, wenn Sie gehandelt hätten ...Im übrigen aber konnte Ihnen die Meinung der Leute völlig gleichgültig sein! Wer in diesem ungeheuerlichen Falle nicht a priori auf Ihrer Seite stand, den lohnte es sich wohl für Sie nicht gekannt zu haben ober noch weiter zu kennen Er blieb plötzlich stehen, nachdem er während der ganzen Unterhaltung ziemlich erregt im Zimmer auf- und abgegangen war und sah mich betroffen ort. — Solche Gewaltstreichc liegen mir nicht, sagte er schließlich. Was einer tut, fällt auf ihn selbst zurück. Ich erwiderte nichts mehr. Es hätte keinen Sinn gehabt ... Vielleicht hatte er recht. Eines schickt sich nicht für alle. Und seine Abneigung gegen alle Gewalt war mir ja schließlich bekannt. Ich habe oft an seine Schlußnntwort denken müssen, — und ich habe mir oft überlegt, wie er wohl mit dem Leben zurechtgekommen wäre, wenn er sich auch seine äußere Position hätte erkämpfen müssen ... Und immer bin ich zu dem gleichen Ergebnis gekommen: er wäre dann eben nicht mit dem Leben zurechtgekommen. Er hätte ja dann häufig unduldfam sein müssen: und gerade dies wäre ihm ganz unmöglich gewesen. Denn er war — von Natur aus — einer der duld- santsten und humansten Menschen, die ich kannte. Beide Worte, duldsam und human, sind heute bei vielen Deutschen verpönt als Bestandteile „liberalistischen" Denkens. Der Fanatismus politisch begrenzten Wollens begreift nicht ihre universale und ewige Geltung. Um so stärker, um so ergreifender ist ihre Wirkung durch das Medium des von ihnen ganz durchdrungenen menschlichen Bildes. — Woher soll man eigentlich das Recht nehmen, sagte er einmal zu mir, als ich ihm von meiner Abneigung gegen das mir unerträgliche Buch von Wolters: „Herrschaft und Dienst" gesprochen hatte, die Forderungen, die man im besten Falle an sich selbst stellen kann, anderen aufzuerlegen? Woher soll man das Recht nehmen: in dieser Frage war dieser ganze Mensch ... Nein, er maßte sich wirklich niemals ein Recht an. Und auch, wo er innerlich ablehnte, machte er keinen Gebrauch von dem Gegenargument. Er enthielt sich dann der Aeußerung oder Stellungnahme. Er schwieg ... Aber das hieß nicht, daß ihn das ihm Artfremde nicht in seinem Nachdenken beschäftigt hätte! Im Gegenteil! Es beschäftigte ihn außerordentlich.— und es war rührend, wenn man zuweilen erfuhr, wie er sich um Freunde sorgte, deren Tun und Lassen er sich nicht ausdcuten konnte. Duldung, welche noch das Geduldete versteht — wenigstens objektiv versteht — ist schließlich nicht allzu schwer. Duldung aber, welche das „Andere" nicht mehr erfaßt, ist eigentlich erst wahre Duldung. Und eine solche war die seine. Wer von ihr beseelt ist, muh unpathetisch sein. Seine Kraftquelle und sein Regulativ sind das große Fragezeichen: sein oberster Gott ist die Moira, der alle anderen Götter, auch die, denen er selber dient, unterworfen sind. Um dieses großen Fragezeichens willen, das über seinem geheimsten Denken stand und nur wenigen fühlbar wurde, habe ich ihn am meisten geliebt. Um dieses Nicht-Endgültigen willen, das ihn über alle notwendigen Schwächen hinaus — Schwächen, wie sie jedes menschliche Wesen haben muß — in eine „höhere Ordnung Mensch" wies. Er hatte nichts von jener gefährlichen Sucht des Abstempelns, die gerade dem Deutschen so oft verhängnisvoll wird. Er hatte das innere Lächeln, in dem mehr Wahrheit und Weisheit liegt als in aller großen Geste und allem lauten Wort. Wenn jrf) ihn im Geiste vor mir sehe, ist es immer so: Den Kopf leicht gehoben, die Augen unmittelbar in die Augen seines Gegenüber gerichtet und über den schmalen Lippen jene ganz leichte Schürzung, welche die physionornische Umschreibung des seelischen Fragezeichens ist: stärker als alle Antworten/ die ihm gegeben werden konnten. So viel er auch fragte: im Grunde brauchte er gar keine Antworten. Denn er hatte das allerletzte Wissen — wenn auch unbewußt: das Wissen, daß es in unserem Leben überhaupt keine Antworten gibt. Alte süddeutsche Gtadtwinkel. Bon Dr. Margot Rieß. Wer eine Reise durch die alten Städte Süddeutschlands unternimmt, ist in dem fast bedrückenden Bewußtsein, uralten hochwertigen Kulturboden zu betreten, oft in ähnlicher Art eingestellt wie ein Museumsbesucher: er läßt die einzelnen Kunstdenkmäler aus sich wirken, auf die er sich mit Fleiß und Mühe historisch oder kunstgeschichtlich vorbereitet hat, man strebt größtmögliche Vollständigkeit an, doch meistens nur io weit es sich eben auf die einzelnen hervorragenden Monumente bezieht. Man ist zufrieden mit sich, wenn es einem gelingt, den romanischen Kern einer Kirche aus einer komplizierten Verkleidung jüngerer Umbauftn herauszuschälen. Der oder jener berühmte „Durchblick" steht wohl aus dem Programm, den man so mitnimmt wie ein schönes Kunstwerk mehr. Aber das ist nicht die rechte Art, nicht so erschließt sich einem das Heimlich-hintergründige Wesen der alten Städte, daß man nur zu „kaltstaunendem Besuch" sie aussucht. Man muß in uni) mit ihnen gelebt haben, sich für eine Weile einmal ihrem la ng s a m -b eha b ig e n Satt ange= paßt haben, den Atem ihrer landschaftlich durchleuchteten Atmosphäre gefühlt, die schwerfälligen Glockenschläge als Zeichen für feinen eigenen Werktag vernommen haben. Denn alles, was zwischen den Zeilen dieser alten und kostbaren vor uns wie zum Lesen ausgeschlagenen Bucher steht, ist wesentlich: der Gang an Mauerwänden entlang, „deren leise Unregelmäßigkeiten man mehr fühlt als sieht. Das geschwätzige Plätschern der Brunnen, der Reiz alter Straßenbeschriftungen und z>er- voller Schilder, die sich in die Fassadenarchitektur so genau empassen wie ein Bild in die Zimmerwand. Das allenthalben spürbare heimliche Bezogensein des einen zum andern, des Kleinen zum Großen. Dies gerade hat das 19. Jahrhundert bedauerlicherweise mißachtet, als man damals, die Konsequenz aus einem mißverstandenen Individualismus ziehend, alle wichtigeren Baudenkmäler nach Möglichkeit „frellegte . Das zutraulich-nahe, wie schutzsuchende Sich-anschmiegen halbverfallener Häuser und winkliger Gäßchen an große Dome wurde tomit EUlchtet, und so mußte der eigentliche Symbolcharakter solcher Bmiformen - korengehen. So daß man mit Recht gesagt hat, die alten Städte . deutschlands hatten drei Feinde: das Feuer, die Franzosen und die Zerstörungswut der neuen Zeit. Wie überwaltigenddieWirkung an Stetten, die von solchen verfehlten Renovierungsmaßnahmen verschont geblieben sind, noch iit weih jeder, der nur einmal das gewaltige Emporragen und Herauswachsen des Straßburger Müiifters oder auch der Münchener Frauenkirche aus einem bizarren Gewirr von Dächern erlebt hat. Wieviel „Gesicht" und sprechenden Charakter hat auch so ein altes Rothenburger Burgtor, wieviel bergend Mütterliches, gütig Zuverlässiges. Nachgiebig in der Form, wirken solche sich langsam senkenden Dächer fast wie mit der Hand modelliert. Von ganz besonderer Art ist auch die ästhetische Rolle, die ein bei einer Straßenbiegung direkt vor uns aus dem Boden schießender Turm in einer Stadt als orientierender Blickpunkt und Halt spielt. Aufweckend und straffend ist die Wirkung einer so betonten Vertikale, an der man sich unwillkürlich auf« richtet und ordnet, der eines plötzlich emporfahrenden Hornruss vergleichbar. Und wieviel Heimliches und Stilles webt als unfaßbare Stimmung um einen verfallenden Mauerrand, dem anspruchsloses Gesträuch feine Hinfälligkeit und Kahlheit roegtröftet. Aber wieviel wissen auch die konzentrisch um den Kern der Anlage gelegten Mauern, die wie Jahresringe eines Baumes das allmähliche Wachstum einer alten Stadt kennzeichnen, von weit- und kulturgeschichtlichen Ereignissen zu erzählenl „Wer sie umwandelt," schreibt Ricarda Huch in ihren „Städtebildern", ,/denkt nicht, daß da brinnen einst scharf gehaßt und gekämpft wurde. Unter den lockeren Wölbungen der alten Bäume, unter den steilen Giebeln, den braunroten Dächern maltet in langen Atemzügen der Friede, der die Denkmäler ausgelebten Lebens umgibt." Sehr wesentlich ist immer das Hineinschwingen der Landschaft in die Stadt, das warm befreundete (Eingebettetfein der Häuser in bewaldete Hügel, die zitternden Spiegelungen der Formen im Wasser, besonders da, wo es wie im „Klein-Venedig" in Bamberg eine direkte Straße bildet. Immer wieder ist der Gegensatz des harten, spröden Mauerstoffes und des nachgiebigen Elementes von einer überraschenden traumähnlichen Wirkung. Vor allem aber müssen'wir die saalartige Geschlossenheit von Plätzen und Märkten bewundern, auf denen Rathaus, Kirche, Brunnen — obwohl oft in verschiedenen Jahrhunderten entstanden — in so selbstverständlicher gegenseitiger Abstimmung zueinander und zur räumlichen Proportion des Ganzen stehn, daß sie mit b?r gleichen architektonischen Notwendigkeit wirken wie die bewußt gestaltete Einrichtung eines Raumes. Denn Werke von wirklich ausgesprochenem Charakter vertragen sich, wachsen gleichsam aufeinander zu, werden sich familienähnlich, trotz verschiedenster Bildung im Einzelnen. Eindrücke solcher Art vermitteln einem vor allem Städte, deren Ursprung nicht wie bei den späten Renaissance- und Barockgründungen auf den Willensakt eines einzelnen weltlichen ober geistlichen Fürsten zurückgeht, bie vielmehr scheinbar aus eigener Kraft treibend, gleichsam schick- fallos entstanden sind, wie Rothenburg, Dinkelsbühl, Hall und andere. Daß wir eben diese Städte immer wieder aufsuchen müssen, ist nicht nur dem Interesse für ein beherrschendes Bauwerk zu danken, das zugleich durch feine besondere kulturelle Ausstrahlung die ganze Atmosphäre der Stabt bestimmt, wie etwa bie Dome von Worms und Speyer und — wenn auch nicht mehr funktionell, so doch noch stimmungsmäßig — die Schlösser von Würzburg, Karlsruhe und Stuttgart. Sondern gerade wir, die wir mehr oder weniger widerstrebend schließlich alles anzubeten gelernt haben, was nach Schematisierung, Rationalisierung, Entpersönlichung drängt, wir reagieren heute wieder ganz besonders positiv auf das ausgesprochen Unzeitgemäße, physiognomisch Betonte, das in dem behäbigen und breitspurigen Sich-darbieten, dem friedvollen Gelagertsein der Formen so eigenwillig und charakteristisch für süddeutsches Wesen uns anspricht. Gerade durch die Diktatur der neuen Sachlichkeit sind wir heute wieder besonders empfindlich für die Reize „alter Herzlichkeit" geworden, wie sie uns durch bie intime Geschlossenheit, prägnante Physiognomie und substantielle Greifbarkeit ber Formen der so alten unb uns bei jebem Besuch doch immer wieder so neuen süddeutschen Städte vermittelt werden. , Durch die verschiedene ©tammesart der Bewohner und die geographische Lage wird der Charakter der süddeutschen Städte sehr wesentlich mitbestimmt. Z. B. sind bie fränkischen Städte durchweg zierlicher unb anmutiger in Bauart unb Straßenführung als die schwäbischen oder bayrischen Städte des Alpenvorlandes. Auch macht sich die Einwirkung der großzügigeren italienischen Baukunst mit ihren Kolonnaden, pati- nierten Kuppeln und flachen Dächern an Orten, die am Ausgangspunkt italienischer Straßen liegen, schon überall bemerkbar: in Lindau, Augsburg, Passau, aber auch in den kleinsten Marktfleckchen. Zudem hat die südliche Sitte der Fassadenbemalung hier vielfach Eingang gesunden, wodurch auch dem dunkelsten Stadtbild ein lichter, liebenswürdig spielerischer Ton verliehen wird. Für die am Unken Rheinuser liegenden Städte ist wiederum bas in Frankreich geborene Mansardendach charakteristisch, für die bayerischen Orte dagegen die wuchtige überhöhte Fassade. Alle diese Unterschiede verhalten sich in ganz auffälliger Weise „konstant", so daß wir in dieser Vielfalt einmal eine wirklich sympathische Kehrseite ber viel geschmähten deutschen Eigenbröbelei lieben dürfen. * Nicht jede Zeit hat übrigens ein Organ für die oft ans Absurde grenzende „unansehnliche Schönheit" ber alten Städte Süddeutschlands gehabt. Erst durch den Gegendruck der Großstädte wurde das Gefühl für bie besonderen Werte des Echten, kräftig und still Gewachsenen wach, etwa zur Zeit von Wackenroders „kunstliebenbem Klosterbruder", ber ergriffen vor dem Anblick Nürnbergs steht. Seitdem ist trotz aller Kunstkrisen und ästhetischen Meinungskämpfe das Singen unb Sagen von bem unerschöpflichen Reichtum, den bie alten fübbeutschen Stabte in all ihrer verschlafenen Abseitigkeit und Bescheidenheit barstellen, nicht mehr verstummt. Den schwebenden Stimmungsgehalt dieser Erlebnisse hat noch besonders der Dichter Rainer Maria Rilke erfaßt, als er Hans Thomas Bild „Mondnacht" in Worten auszudeuten suchte: „Süddeutsche Nacht, ganz breit im reifen Monde — und mild wie aller Märchen Wiederkehr!" Verantwortlich: Or. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Univeriitäts-Duch» und Steindruckerei, R. Lange, Gieben. Zum Amtsbezirke der Stadt gehörig, aber reichlich eine Meile südwärts, lag ein großes Dorf: im Rücken Buchen- und Tannenwälder, vor sich das breite, silberne Band eines Flusses, der ein weites Wiesental durchströmte. Auf einem Vorsprunge oberhalb des Wassers stand der Kirchspielskrug mit seinem alten, wetterbraunen Strohdachs, den seit Menschengedenken stets der Sohn von dem noch rüstigen Vater überkommen hatte. Land- und Gastwirtschaft gingen Hand in Hand: die Gäste fanden neben bäuerlicher Behaglichkeit billige Preise, frische Butter zum selbstgebackenen Brote und goldgelben Rahm zum wohlgekochten und geklärten Kaffee. Unterhalb des Gartens der sich schräg abfallend bis fast an das Fluhufer hinabzog, war das Abnahmehaus*, wo noch vor kurzem der Vater des letzten bäuerlichen Wirtes wohnte. Zwar hatte auch er, gleich seinen Vorvätern, den Staven** mit allen Gerechtigkeiten seinem Sohne abgetreten; ^ber an Sonn- und Festtagen, wenn die Gäste zu Wasser und zu Qaifbe aus den benachbarten Städten heranzogen, stieg er in seinem besten Staate nach seiner alten Wirtschaft hinaus, um vorne in der kleinen Gaststube den Ausschank zu verwalten und dabei sein« Geschichten von Anno damals an den Mann zu bringen. Und selbst die Stammgäste hörten es gern noch einmal, wie er im Walde drüben den großen Wildeber von seines Vaters gelben Semen abgesagt oder wie er drunten am Flusse Ottern aufgelauert hatte, die in mondhellen Nächten an dem Dorf oorbeigeschwommen waren. Aber die bäuerlichen Besitzer hatten Haus und Garten verkauft und sich weit vom Dors« auf ihr Land hinausgebout: und mit ihnen verschwanden neben den alten Geschichten auch die billigen Preise, der goldgelbe Rahm und di« frisch getarnte Butter. --Der neue Wirt war Herr Zippel. Es schien unglaublich, was er alles leistete, noch mehr, was er alles leisten wollte. Sein jetzt schon ziemlich angegrautes Haar befand sich stets im Zustande höchster Aufgeregtheit; er wollte zeigen, was aus diesem Erdenfleck zu machen sei, den seine dummen Vorgänger so lange als totes Kapital von Hand zu Hand gegeben hatten; nicht einmal einen Namen hatten sie für ihr „Etablissement" ersinnen hönnen. Es sollte gründlich anders werden! Und schon war der hinter der Gaststube liegende Tonzsaal durch* Altenteil. — "Bauernstelle mit den dazu gehörigen Ländereien. brachen worden und daran nach der Flußseite eine große Veranda in den Garten hinausgebaut. Eben wurde von den Zimmerleuten ein« schwere Bekrönung ^daraus befestigt, welche auf blauem Grunde in goldenen Buchstaben eine fußhohe Inschrift in die Welt hinausstrahlte. Herr Zippel stand sehr bettachtend der Veranda gegenüber neben einem alten Bauer aus der Nachbarschaft. Der all« rauchte behaglich seine kurze Pfeife. Herr Zippel hatte die vor fünf Minuten angezundet« Zigarre schon bis zur Unkenntlichkeit zerbissen, seine Augen leuchteten, seine Finger spielten unruhig in der Luft; als nun aber endlich da droben der letzte Hammerschlag verhallt war, las er halblaut mit vor Erregung bebender Stimme: „Hermann Tobias Zippels Wald- uni) Wafserfreude!" Dann nickte er bestätigend mit dem Kopf«, ergriff den Arm seines Nachbarn und zeigte nach dem Fluß hinab, wo an zwei neuen, weiß und grün gestrichenen Booten dieselbe Inschrift auf dem Wasser schaukelte. „Ja, ja, Nawer,“ sagte der Bauer in seinem Platt, „bat kost t wat! dann nickte er auch und rauchte ruhig weiter. Herr Zippel \al) ihn fast entsetzt an. „Kosttt was, meint Ihr? - Bringt war ein, lieber Freund! Bringt was ein!“ Und liebreich, aber mit begeisterter Ueberlegenheit klopfte er dem Allen auf die Schulter. „Ihr versteht das nicht," fuhr er fort, da jener statt der Antwort nur ein paarmal hustete; „wird auch kein Mensch von Euch verlangen! Damit führt« er den ruhig Fortrauchenden durch die offen« Veranda in den Tanzsaal und blieb derselben gegenüber vor einem Piano stehen, dessen Deckel er mit gewandter Hand zurückklappte. „Hm!" sagte der Alt«, nachdem er sich die Sache eine Zeitlang angesehen hatte. „Nun?“ {rüg Herr Zippel. Und endlich kam die ersehnte Gegenfrage, ob denn nicht ine Tochter, „bat lütt Seern", auf diesem Ding da spiele. Jetzt aber war Herr Zippel in seinem Fahrwasser: das Kind, da» Genie, das sie in ihren roten, fünf Zoll langen Schühchen schon gewesen! Sein unerschöpfliches Thema war angebrochen. Der alte Nachbar betrachtete unterdessen eine seitwärts angebrachte Einrichtung; es war eine Estrade mit einem kleinen Sitz und einem be- weglichen Notenpult davor, alles hübsch in Holzmanier gestrichen uni lackiert. Diese Einrichtung war für ein zweites Genie, das der neue Witt schon innerhalb der ersten acht Tage hier im Dorfe selbst entdeckt hatte. Es steckte in einem kleinen, hinkenden Schneider, welcher die Violine spielte und von dem einmal ein Musikfreund gesagt hatte, es sei chade, daß er nicht gelernt habe. In der Tat aber hatte er sich zu einer Art natürlicher Fertigkeit hinaufgearbeitet, ja mitunter brauch durch seine ungeschulten Töne etwas, das aus der Tiefe der Menschenbrust zu kommen schien und selbst den kundigen Hörer stutzig machte. Er hieß Peter Jensen; die Bauern aber, vielleicht in unbewußter Anerkennung, nannten ihn „Sttäkelstrakel". — Das dürre Männchen saß jetzt säst alle Feierabend auf den Bänken der Estrade und blickte auf ein chunkelsarbi- ges Mädchen, das schräg ihm gegenüber am Klaviere saß. Und mch! nur Tänze und Liedermelodien, selbst eine Mozartsche Sonate hatte die junge Virtuose mit ihm einstudiett. Herr Zippel unterstützte das nach Kräften, denn es gehörte mit zu seiner „Wald- und Wasserfreude; während draußen in der Veranda di« Gäste seinen Wein tranken und seine „Soupers“ und „Dejeuners" verzehrten, sollt« vorn Saale aus die Kunst ihre höhere Natur ergötzen. „Seht Ihr, Nachbar," schloß er seine beredte Auseinandersetzung, „das ist es, was in der Bauernwirtschaft hier gefehlt hat!“ Der Alte nickte ein paarmal, während er wie prüfend mit seiner rauhen Hand das Notenpult betastete. „Süh, fühl“ sagte er endlich, ohne aufzublicken, „ward uns' Sträkelstrakel noch up sin ölen Sagen en Staatsmus'kcmt!" . Aber Herr Zippel wurde von einem Arbeiter in den Garten geraten, und der Alte wanderte langsam hinterher, um zu sehen, was es denn dorten wieder Neues gäbe. _ ,, n „ Statt ihrer traten aus der Tür der Gaststube zwei ander« Gestalten in den dämmerigen Raum des Saales. Kätti, sie war die ein«, obgleich jetzt volle siebzehn Jahre alt, glich fast noch einem halberwachsenen Kinde; nur ihr« Wangen waren jetzt sanft gerundet und das blmche Braun derselben waren von einem roten Hauch durchbrochen, dm schwarzes Haar aber trug sie noch immer in zwei langen Zöpfen; w war eigensinnig, sie wollte es nicht anders, und auch die rote Schleife an der linken Seite durfte niemals fehlen. Mit ihr, Geige und Bogen in der Hand, war der kleine Musikani hereingetreten. Er pflegte sonst nicht so früh am Nachmittage, sondern erst zu dem stets für ihn bereiten Abendbrot sich einzustellen; aber heute galt es, die Mozartsonat« zu dem Einweihungssefte der Veranda env zuüben. Nun hatte er auf den Ruf seiner jungen Meisterin mitten im Tagewerke Nadel und Bügeleisen fortgeworfen. . Es war etwas stilles in der Erscheinung des Mädchens, wie sie K01 ans Klavier schritt uyb die Noten auflegte, während der klein« Mann schweigend seinen Platz erkletterte und, den Bogen am Anstrich, erwartend nach ihr blickt«. ,. Plötzlich „Allegro, Sttäkesttakel!“ rief eine junge Stimme, und dayu> brausten die Töne der ungeschulten, aber tapferen Musikanten. Mitunter freilich, wenn es gar zu sorglos überhin ging, gebot dieselbe auch wohl „Hali“, und wieder „Halt“; und der Geigenbogen stockte endlich, nachdem er noch eine Weile feurig in die Figuren der nächsten Takte hinausgeschossen war. Der kleine Geiger hörte sich nicht gern bei seinem Uebernamon nennen; wenn aber bei solcher Gelegenheit Kätti ihren Finger hob und ntu einer eigentümlich lieblichen Betonung sagte: „©trätet — Sttakel“, bann krümmt« er sich vor Wohlbehagen auf feinem lackierten Holzbänkchen, und unermüdlich wurden hierauf die hapernden Takte wiederholt, bi» das dunkle Köpfchen nickte und es wiederum mit losen Zügeln weiter- ging. (Fortsetzung folgt > Zur «-Wald- und Wasserfreude". Novelle von Theodor Storm. (Fortsetzung.) Ein« unschuldige Heimlichkeit begleitete dies Beisammensein. Kätti schwieg gegen jedermann, aus unbestimmter Furcht, es könne ihr geraubt werden; den jungen Primaner aber hielt eine Vs bewußte Scheu zurück, seinen Verkehr mit dem eigenartigen Backsischchen der Kritik seiner Kommilitonen auszusetzen. Und da Kättif ur jeden Ton das feinst« Ohr hatte, so entging es ihr nie, wenn unten durch die Haustür ein Gymnasiastenschritt hereinstürmte. Bevor er noch die unterste Treppenstufe erreicht hatte, war sie jedesmal verschwunden und huschte später aus irgendeinem Bodenwinkel in das Unterhaus hinab. Und dennoch einmal! Wulf Fedders hatte eben ihr ßiebhngsheb gelungen, und Kätti faß vor ihm auf ihren dicken Büchern, die dunklen Augen wie im Traum auf ihn gerichtet, die eine ihrer schwarzen Flechten um die Hand geschlungen. Sie Blumen in dem Walde, Sie Blumen auf der Halde, Sie blühn im Sun Mn fort. Er hatte kaum geendet, da trat, ohne daß einer von beiden es bemerkte, der „forscheste" aller künfttgen Studenten in das Zimmer und warf mit einem derben „’n Morgen!" — es war nicht einmal Morgen feine rote Mütze neben ahnen auf den Tisch. ' z Im Nu war Kätti aufgesprungen und flog an ihm vorüber. „Was war denn das für eine schwarze Katze?" rief der Forsche. „Es ist die Wirtstochter,“ entgegnete Wulf nicht ohne sichtbare Verlegen l) eit _ Der andere klopft« ihm vertraulich auf di« Schulter. „Ja sol — Du scheinst mit ihr zu schwärmen, alter Freund!" „Sie ist ein Kind; sie hatte mir den Tee gebracht. Kättt stand noch hinter der halboffenen Stubentür und macht« mit ihren kleinen Händen ein paar Krallen gegen den groben Eindringling, bevor sie ganz verschwand. Mit ihrem Freunde war sie wohl zufrieden. „Wirtstochter!“ Nur ,/die Wirtstochter I“, das Wott war ihr eben recht; auch er hatte nichts verraten wollen. — — Aber das letzte Semester des Schülerlebens ging zu Ende. Als Wulf Fedders, um von feinem Witte Abschied zu nehmen, in dessen Wohnzimmer trat, kam ihm dieser mit einer Tapetenrolle in der Hand entgegen. „Leben Sie wohl, Herr Fedders“, rief er; „es ist ganz recht, daß Sie dem Nest den Rücken kehren! Sehen Sie da!“ und er entrollte eine wirklich prächtige Tapete. „Zehn Mark Kurant per Stück, ich hab' sie selbst für feste Rechnung; aber glauben Sie, daß diese tnitferige Gesellschaft auch nur zu einem Ofenschirm davon getauft hat? Wenn Sie wieder dies« werte Stadt besuchen sollten, nach Hermann Tobias Zippel brauchen Sie nicht mehr zu fragen." Kätti wurde vergebens gerufen; erst als das Fortrollen des Wagens durch das Haus dröhnte, schlüpfte sie oben aus einem dunkeln ©eiten« raume des Bodens. In der Giebelstube war alles ausgeräumt; nur die Gitarre hing noch an der Wand. „Für Kättt" stand auf dem Zettel, der durch die Saiten geschlungen war. Jetzt wurde leis die Tür geöffnet, und auf den Zehen, als fürchte es auch jetzt noch überrascht zu werden, schlich das Kind herein. Als sie die Wotte auf dem Papierstreifen gelesen hatte, drückte sie ihre Lippen darauf und brach in lautes Schluchzen aus.