GieheimZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1932 Zreitag, den15.April Nummer29 Oer Einsame. Von Wilhelm Busch. Wer einsam ist, der hat es gut. Weil keiner da, der ihm was tut Ihn stört in seinem Lustrevier Kein Tier, kein Mensch und kein Klavier. Und niemand gibt ihm weise Lehren, Die gut gemeint und bös zu hören. Der Welt entronnen, geht er still In Filzpantoffeln, wann er will. Sogar im Schlafrock wandelt er Bequem den ganzen Tag umher. Er kennt kein weibliches Verbot, Drum raucht und dampft er wie ein Schlot Geschützt vor fremden Späherblicken, Kann er sich selbst die Hofe flicken. Liebt er Musik, so darf er flöten, Um angenehm die Zeit zu töten, Und laut und kräftig darf er prusten. Und ohne Rücksicht darf er husten, Und allgemach vergißt man seiner. Nur allerhöchstens fragt mal einer: Was, lebt er noch? Ei fchwerenot. Ich dachte längst, er wäre tot. Kurz, abgesehen vom Steuerzahlen, Läßt sich das Glück nicht schöner mal: Worauf denn auch der Satz beruht: Wer einsam ist, der hat es gut. Wilhelm Busch. Zu seinem 100. Geburtstage: 15. April. Bon Dr. Paul Landau. Es scheint, als ob Humor und befreiendes Lachen nur aus Schmerzen und Bitternis geboren werden können. Fast alle Komiker ^nd Pefstmrsten Jedenfalls ist der Urgrund aller echten Heiterkeit em Uefes Erkennen und Verstehen der dunkeln Seiten des Lebens. Nur wenigen Künstlern >!t es gegeben, diese erdenhaste Dumpfheit ganz zu überwinden. Ein greller schneidender Ton, wie ein unterdrückter Aufschrei, milcht sich in 'hre sonst so helle Fröhlichkeit, und dieser mitklingend« Wehlaut gehör aufs engste zu der künstlerischen Wirkung, erfüllt das leichte, gleichsam inhaltslose Spiel mit einem Strom echten Herzblutes. Wilhelm Bu ch gehört zu diesen Humoristen, deren scheinbar harmlos drollige Possen durch den pessimistischen Unterton einen Bezug auf das Ewige erhalten. Die sx> ß.g Arabesken und Reime, an denen sich der ahnungslose Bu^er erstellt erhalten plötzlich einen sehr ernsthaften Hintergrund, wenn sich hinter der derben Komik Abgründe der Menschennatur auftun, ein Einblick m das Bestialische, in die „dunkle Purpurmuhle der Leidenschaften eröffnet wird. Aber das dauert nur einen Moment, daß ein Z'pfel stch lüstete. „Ratsch man zieht den Vorhang zu und weiter geht s im Sauseschritt. In diesem Hintergründe der menschlichmllzumenschttchen ^ragikomodie, vor dem die Erdenkinder im putzigen Durcheinander ihre Sprung«zachen, liegt die künstlerische Wirkung der Bistchychen Schnaken und Schnurren. Er ist darin in der ganzen Weltliteratur wohl am ehest«" mit Jonathan Swift zu vergleichen der in ähnlicher Grobartigkeit aber El pathetl!cher feine bunten Phantasiegebilde, seine Allegorien und Geschichten vor den Leser hinstellt. In allgemeinen, ewigen Typen haben beide grandios Bilder menschlicher Dummheit, Eitelkeit und Niedertracht gesoffen frei, lich zumeist in völlig verschiedener Form; nur einmal, i ,, , Traum", hat Busch die phantastische Reiseerzahlung Emsts nufgenom- men. Noch mit einem andern galligen bes 18.30^^06^5 mit Voltaire und seinem „Candide", berührt sich hier Busch. Candide ist das Urbild des optimistischen Gutsbesitzers bei Busch, der die Gute Gottes lobt, und dem ein Bein dafür abgefahren wird, das Urbild> des Unglu^- raben Hans Huckebein: er ist der Pechvogel, der die Leibnizsche „beste der Welten" preist und dabei verprügelt, emgesperrt gemartert, gepeinigt wird. Eine Verspottung alles „ruchlosen Optimismus ä la Leibniz ist auch jedes Werk Buschs, der Verehrers von Schopenhauer. Zu dieser pessimistisch-ironischen Stimmung kommt nun in seiner Kunst noch ein echt deutsches, gemütlich behagliches Element, eine Freu e genrehaften Ausmalen alltäglicher Begebnisse, eine charme Stimmung, wie sie in den Bildern der Niederländer und den ä W Romanen eines Fielding oder Smollett herrschen. An den alten » - dern gefiel ihm „ihre göttliche Leichtigkeit der Darstellung malenscher Em- sälle, verbunden mit stofflich juwelenhaftem Reiz, dies« ü . eines guten Gewissens, welches nichts zu vertuschen braucht . Was er von den Brouwer, Ostade, Teniers — besonders aus ihren Zeichnungen und Radierungen — gelernt hat, das ist neben manchen Einzelheiten den ruhig ihr Pfeifchen schmauchenden Bauern, den sich balgenden Klndrrn, dem Wirrwarr allgemeiner Raufereien, vor allem die gegenständliche Sachlichkeit und die nie moralisierende, aber immer lehrhafte, Spnch- wörter Sentenzen illustrierende Objektivität. Wenn er aus einem der Operationsbilder von Brouwer die heilsame Lehre entnimmt: „Ja, lieber Freund, wir haben unsere Schwäre Meist hinten, und voll Seelenruh Macht sie ein anderer auf. Es rinnt die Zähre Und fremde Leute sehen zu", so ist das eine echte Buschschen Wendung des einzelnen Vorgangs ms Tief- innig-Betrachtsame. Mit der Welt der englischen humoristischen Romane haben feine Geschichten das Kunterbunt der Verwechselungen und Verwicklungen, der Mißgeschicke und Unglückssalle, der engen Stuben und boshaften Taugenichtse gemein, jenes „wahnsinnige Spiel des Zufalls und die Aufhebung aller Naturgesetze", bei denen Menschen Tiere und Gegenstände jäh durcheinander kollern, kugeln, stürzen, aus kleinem Anlaß tollste Revolutionen geschehen und alles in einem Chaos endet. Das ganz Eigenartige an Buschs Humor ist die vollendete Verbindung scharf realisti- scher Beobachtung und symbolisierender Stilisierung, überlegener Satire und karikaturistischer Verzerrung. Und das ist ein Geschenk seiner nieder- deutschen Heimat. Seine Kunst bedeutet eine Hohe niederdeutschen Humors die ebenbürtig neben der so ganz andersartigen und doch blutsverwandten Welt seines Landsmannes Raabe steht. Die niederdeutsche Sinnesart hat sich von je durch gesunden Mutterwitz und urwüchsige Derbheit ausgezeichnet Eine holzichnitaAlg grobe Manier der Darstellung ging mit scharfer Satire und moralischer Welt betrachtung Hand in Hand. Mit Eulenspiegel, dem dumm-pstsstgen Schalksnarren, tritt dieser Humor in die Literatur em und schafft bald >im Reineke Fuchs" ein klassisches Werk der komischen Tier- und Menschen- beobachtunq des bittern Spottes und befreienden Lachens. Im 17. Jahrhundert erheben sich zuerst in Niederdeutschland Männer, die gegen den allaemeinen Schwulst, das „Alamode"-Wesen und die Verbildung mit den derben Waffen des Hohnes, der Karikatur zu Felde ziehen. Wie köstlich find in den „Scherzgedichten" Laurembergs, den Satiren Rachels die menschlichen Torheiten verhöhntl Mit diesen großen Ahnen niederdeutschen Humors ist das Werk Wilhelm Buschs aufs engste verknüpft. Alle Elemente seines Bolksstammes leben in ihm auf und vereinigen sich, um seine originelle Kunst hervorzubrrngen, in der die bittere Lebensweisheit des Reineke ebenso anklingt wie der grobe Bauernwitz de? Culeit- [nieqel und die behäbig derbe Stimmung des Lauremberg. Wilhelm Busch ist Niederdeutscher in feiner ganzen Persönlichkeit, und mag er auch als Künstler und moderner Mensch unter vielen Einflüssen über die Enge seiner Heimat hinausgewachsen fein, so ist doch der Grundton seines Schaffe?« stets die geruhige Weltbetrachtung, das breite etwas grimmige Lachen und die resolut zupackende Darstellung einer echten Bauernkunst acwesen Ein Dust der sinnlichen Frische und unverwüstlichen Gesundheit, eines vrimitiven ober höchst eindruckvollen und überzeugenden Sichabfm- dens mit der Welt strömt erquickend aus seinen Werken entgegen, der würzige Geruch der niederdeutschen Erde. Was aber seine Kunst so ganz einzigartig macht, das ist die. organische Verschmelzung von Bild und Wort. In seinen „Bildergeschichten hat ben stärksten Eindruck seiner eigentümlichen Begabung geschaffen, em Genre für das er wohl bei dem Schweizer Topser und auch bei d m Franzosen Sore Vorbilder sand, das aber erst durch zum runden, vollgültigen, klassischen Kunstwerk ausgestaltet wurde. Wie die Zeichnungen bei der Entstehung dieser Werke das Primäre waren, sohat er auch^ stets auf sie den Hauptwerk gelegt, und unvergleichlich melsterhaft stt der haarscharfe Schmiß dieser „Konturwe en", die impressionistische Beobachtung und Wiedergabe fluchtigster Einzelheiten, die ab^ hinter ^m Momentanen stets das Typische ahnen laßt, die drastische Charaktensle- runa Der Tert erschien ihm zunächst nur als „Eselsbrücke zum Verständnis notwendig, doch in ihm ist seine Persönlichkeit ebenso gemal ausaedrückt. Er war ein ebenso großer Künstler der Sprache wie des Strichs. Deshalb tritt neben die ungeheure Poprckontat ft,ner Vers- Zeichnungen immer bedeutsamer, je tiefer die Wirkung seines Werkes wird feine reine Dichtung, vor allem feine Prosa, die ihn unter die großen deutschen Schriftsteller einreiht. Da sind — außer den wehmütig gedampften und doch so fest zupackenden Gedichten -■ bie beiden tiefsinnigen, rn einem so unvergeßlich zarten Zwielicht schwebenden Erzählungen „Der S ck m etterl ing" und „Eduards Trau m" und dann seine herrlichen Briefe, die den ganzen Zauber, die ganze Warme, Weisheit und Fülle seiner Persönlichkeit atmen. Auch den Maler Busch hat man in neuester Zeit aus der von ihm beabsichtigten Verborgenheit hervorzogen, und selbstverständlich sind seine Bilder Zeugnisse seiner Gestattungskraft, roenir man auch freilich In ihnen nie einen Hauptwert seines Schassens wird sehen dürfen. Buick ist nie ein bloßer Spaßmacher gewesen; vielmehr haben ihn alle Probleme und künstlerischen Richtungen seiner Zeit beschäftigt. Er hat der Tendenzdichtung, dem Nachklang des „jungen Deutschland, zu Anfang seinen Tribut gezahlt, dann im strengsten Gegensatz zu der schonseligen Salonkunst des Historismus und der Münchener Tichterschule seinen absichtlich primitiven, groben Stil gebildet, der hckisig eine direkte Varobie L= lyrischen Reimgeklingels ist. Ein Grübler, Sinnierer und Nachdenker ist er immer gewesen, hat von Kants „Kritik der Vernunft , der er bescheiden eine „Kritik des Herzens" an die Seite stellte, fruh^einen starken Eindruck erhalten und ist den pessimistischen Gedankengang Schopenhauers von den positiven Eigenschaften des Schmerzes und den negativen der Lust nicht kosgeworden. Alle seine Geschicken gehen ja darauf aus, zu zeigen, wie viel Ungemach, Malheur, und Pein der Mensch erleidet, und wie er zufrieden sein muß, wenn er nur ruhig und ohne besondere Plackereien still sitzen kann. Auch seinen Glauben an die menschliche Willensfreiheit hat er aufgeben müssen, und so ist ihm der^.menschliche,-ebens- lauf als ein gar eintöniges, von seltsamen Zwischenfällen unterbrochenes Nacheinander erschienen, in dem das arme Erdentier in verzweifelte! Anstrengungen am Faden des Geschicks zappelt und unbarmherzig doch dahin gezogen wird, wohin es muß. Die Welt ist nur ein Puppentheater, an dem wenige Auserlesene die Strippen sehen und niemand den Direktor, der die Figuren leitet; immer aber wirft uns die „T ü cke des Objekts den Knüppel zwischen die Beine, wenn wir am stolzesten und aufrechtesten daherrommen. Dieses krause Weltbild, das die Naivität kindlicher Auffassung mit einem skeptischen Tiefsinn verbindet, wird durch seine vollendete Kunst der knappen Reime und der leicht hingestrichelten, fabelhast ausdrucksreichen Bilder geläutert. Er legte selbst Wert darauf, festzustellen daß seine Sachen, „trotz dümmlichsten Aussehens, doch teilweise im -eben geglüht, mit Fleiß gehämmert und nicht unzweckmäßig zusammengesetzt find . Was nun aber das Kunstwerk betrifft", meint er em andermal, „meine Lieben, so meine ich, es sei damit ungefähr so, wie mit dem Sauerkraut. Ein Kunstwerk, möchk ich sagen, müßte gekocht sein am Feuer der Natur, dann hinqestellt in den Vorratsschrank der Erinnerung, dann dreimal au - gewärmt im goldenen Topfe der Phantasie, dann serviert von wohl- qeformten Händen, und schließlich müßte es dankbar genossen werden mit gutem Appetit." In diesem Sinne werden wir uns auch im zweiten Jahrhundert seines Fortlebens an seiner Schöpsung erfreuen, ine langst aus der Kinderstube und vom Familientisch in jene verklarten Regionen emporgestiegen ist, in denen die Weltmeister des Humors, Cervantes und Swift, Dickens und Raabe, Brouwer und Daumier, zu Hause find. Das Zahnweh. Von Wilhelm Busch. Das Zahnweh, subjektiv genommen, Ist ohne Zweifel unwillkommen; Doch hat's die gute Eigenschaft, Daß sich dabei di« Lebenskraft, Die man nach außen oft verschwendet, Auf einen Punkt nach innen wendet Und hier energisch konzentriert. Kaum wird der erste Stich verspürt. Kaum sühlt man das bekannte Bohren, Das Rucken, Zucken und Rumoren — Und aus ist's mit der Weltgeschichte, Vergessen sind die Kursberichte, Die Steuern und das Einmaleins, Kurz, jede Form gewohnten Seins, Die sonst real erscheint und wichtig, Wird plötzlich wesenlos und nichtig. Ja, selbst die alte Liebe rostet — Man weiß nicht, was die Butter kostet — Denn einzig in der engen Höhle Des Backenzahnes weilt die Seele, Und unter Toben und Gesaus Reift der Entschluß: Er muß heraus!! Wilhelm Busch und die Frauen. Von Kurt M e y e r - R o t e r m n n d. In die Reihe der berühmten Hagestolze, die in Kant, Schopenhauer, Nietzsche, Grillparzer, Keller usw. ihre hervorragendsten Vertreter unter den Philosophen und Dichtern besitzen, gehört auch der Weise von Mechtshausen, der große philosophische Zeichner Wilhelm Busch. Grundsätzlich war dieser scheue Niedersachse den Frauen nicht abhold gewesen, wie solches die gemütvolle Aufgeschlossenheit gegenüber seiner „Briesfreundin Maria 'Anderson deutlich erkennen läßt. Von der Weiblichkeit im allgemeinen spricht der damals (1875) noch stark unter Schopenhauers Einfluß stehende Sonderling von Wiedensahl zwar mit Sarkasmus, aber den unbefangenen Gedankenaustausch mit der holländischen Schriftstellerin führt der sonst so herbe Busch in einer Liebenswürdigkeit, die bei feiner üblichen Reserviertheit geradezu überraschend wirkt. Sogar die verfängliche Frage, warum er Junggeselle geblieben sei, hat er der Dame beantwortet: „Ich denke nie daran, zu heiraten. Als ich gern geheiratet hätte, da mußte ich von 400 Gulden im Jahre leben und studieren, und das habe ich auch, ohne Schulden zu machen, fertiggebracht. Später, als ich pekuniär in der Lage gewesen wäre, zu heiraten, da war das Mädchen, das ich liebte, gestorben." Allerdings ist dieses junge Mädchen nicht gestorben, wie Frau Anderson gemeint hat, sondern es hat einen anderen geheiratet. In der „Kritik des Herzens" hak Busch seiner „unglücklichen" Liebe ein Denkmal gesetzt: „Sie war ein Blümlein hübsch und fein, Hell aufgebläht im Sonnenschein. Es war ein junger Schmetterling, Der selig an der Blume hing. Ost kam ein Bienlein mit Gebrumm Und nascht und säuselt da herum. Ost kroch ein Käfer kribbelkrabb Am hübschen Blümlein auf und ab. Ach Gott, wie das dem Schmetterling So schmerzlich durch die Seel« ging. Doch was am meisten ihn entsetzt, Das Allerschlimmste kam zuletzt: Ein alter Esel fraß die ganze Bon ihm so heiß geliebte Pflanze." Seine „Brieffreundin" hak Wilhelm Busch nur einmal im Leben persönlich gesehen, und zwar traf er sich mit ihr, die im Januar 1875 erstmalig an ihn geschrieben hatte, am 6. Oktober 1875 gelegentlich einer Rheinreise in Mainz. An der dortigen Landungsstelle fand fie Busch bereits vor, der ihr erzählte, der Bahnhof sei weiter nichts als eine hölzerne Scheune und so zum Rendezvousplatz wenig geeignet. Busch selbst war im „Holländischen Hof" abgestiegen, da man ihm gesagt hatte, jenes fei das einzige Hotel — ohne Wanzen. Nach Wiesbaden, wo damals Frau Anderson wohnte, hätte er nicht kommen wollen, weil «r gesiirchtet hätte, dort „vorgestellt" zu werden. Gemeinsam wandelten die beiden zum „Holländischen Hof" und fetzten sich dort bald zum Souper. Eine magere Engländerin, die steif und würdevoll vor ihrem leeren Teller saß, gab Bu'sch oleich Anlaß zu einer launigen satirischen Bemerkung. Bis zwei Uhr nachts zog sich die angeregte lebhafte Unterhaltung hin, in der die mannigfaltigsten Themen berührt und behandelt wurden. Vor allem machte Busch seinem Unwillen darüber Luft, daß sein Gedichtband „Kritik des Herzens" — offenbar, weil di« Karikaturen fehlten — bei weitem nicht den Anklang im großen Publikum fand, wie feine anderen Schriften. Busch äußerte sich auch über das eigene Verhältnis zu seinen Werken. Im Anfang mache ihm alles selbst sehr viel Spaß; der verringere sich aber gewaltig, sobald die Drucklegung beginne. Das Korrekturlesen schien ihm sehr wenig behagt zu haben. Gar manches, was sie brieflich angeschnitten hatten, erörterten die beiden während ihres Soupers; sogar aus das Gebiet der Seelenwanderung gerieten fie. Am nächsten Tage machte das merkwürdige Paar wegen des schönen Wetters einen Ausflug nach Hochheim. Man fuhr in einejn offenen Wagen auf der alten Schiffsbrücke über den Rhein, deffen landschaftliche Schönheiten Busch, der sie von feiner Düsseldorfer Studienzeit her kannte, begeistert pries. In Hochheim trank man einen guten Tropfen. Es jchloß sich ein Erlebnis an, das in seiner Drastik wie eine Szene aus den Werken des Meisters sich ausnahm. Dem Kutscher hatte Busch ein Silberstück in die Hand gedrückt, damit sich jener ein wenig „stärke". Bei der Verwirklichung dieser freundlichen Aufforderung hatte der Beschenkte weniger auf die Qualität, als auf di« Menge Werk gelegt, und er war bei der Rückfahrt nicht mehr ganz nüchtern. Infolge der Unsicherheit des Rosselenkers schwankte der Wagen bedenklich hin und her. Das fünfjährige Söhnchen von Frau Anderson saß neben dem angetrunkenen Kutscher auf dem Bocke. Die ängstlichen Befürchtungen der Mutter beschwichtigte Busch mit den fatalistischen Worten: „Wenn er nicht fallen soll, wird er nicki fallen." Die Gefahr ging denn auch glücklich vorüber, und wohlbehalten traf man wieder" in Mainz ein. Unter den Kastanienbäumen des Bahnhofgartens in Staffel fand der Abschied statt. Der letzte Brief, den Busch seiner Freundin geschrieben hat, tft aus Wiedensahl vom 9. August 1878 datiert. Einsiedlerisch, aber keineswegs menschenfeindlich, wie häufig fälschlich zu lesen ist, hat Wilhelm Busch zunächst zwanzig Jahre lang in seinem oben genannten Geburtsorte und bann noch ein Jahrzehnt lang bis zu feinem Tod« (1908) in Mechtshausen verbracht. Der Untergang der „Titania. Von Eugen S z a t m a r i. Nachdruck verboten. Sechs Tage verlief di« Fahri der „Titanic" ohne jeden Zwischenfall. Es war Sonntag, der 14. April 1912. Mit Volldampf fuhr die „Titanic" durch die sternklare, eiskalte Nacht. Die Geschwindigkeitsmesser zeigten 21 Knoten, die Schiffsschrauben arbeiteten mit dem Maximum von 78 Umdrehungen in der Minute, »ergebens hatte man den Kapitän Smith vor treibenden Eisbergen gewarnt — Bruce Jsmay, der Präsident der White- Star-Linie, bestand auf schneller Fahrt, die „Titanic" sollte einen neuen Rekord schaffen, fie sollte den Deutschen und der Cunard-Linie den Rang ablaufen im Kampfe um das Blau« Band des Ozeans — der größte Dampfer der Welt sollte auch der schnellste fein. 1400 Passagiere hatte die „Titanic" an Bord, neben 1000 Mannschaften und Offizieren. 7 Millionen Briefe in„3500 Postsäcken lagen in den Posträumen. Millionenwerte waren dem Schiff anvertraut — allein die 29 Juweleniendungen, die in einer besonderen Stahlkammer mitgesührt wurden, repräsentierten einen Wert von mehr als 7 Millionen Mark. Das Meer war spiegelglatt. Im großen Salon der ersten Klasse spielte die Musik die neuesten Onestepschlager. Man verabschiedete sich von der Reis« mit einem Ball — es sollte ja die letzte Nacht auf hoher See werden, die „Titanic" befand sich bereits auf der Höhe von Cap Race, Neuyork war nicht mehr weit, am Montag oder spätestens am Dienstag sollte man ankommen. Im Rauchsalon spielte man Karten. In der Bar trank man seinen Whisky. Auf den Decks flirteten die jungen Leute, in Plaids gehüllt, denn die Nacht war kalt, eiskalt. Der Kapitän Mr. Smith faß mit einigen Passagieren im Rauchsalon — auf der Kommandobrücke stand der erste Offizier, Mr. Mudlock. Der Aus- luger meldete ihm, daß das Schiff sich einem großen Eisberg nähere, aber Mr. Mudlock kümmerte sich nicht viel darum. Was sollte wohl ein Eisberg diesem Titanen aus Eisen und Stahl anhaben! Mr. Mudlock per- erst- einer Liisch eine Bu[d) l>atie, imtils ichiet zim agere , gab Mi :r die i Geien- feine vis zu i; der Kor- , was ihres honen i Mailiche annle, schloß 5 den Silber- ei der henkle r war >it des «ihrige utfcher ichkigie >irb et wohl- äumen \ Ein Stofj erschütterte drrs grenze Schiff — die zwei Titanen waren 1 trinanbergeprallt. Mr. Mudlock hatte vergessen, daß mmi einem Lisberg 'weit ans dem Weg gehen muß, denn der aus dem Wasser ragende ELtbare Teil macht nur ein Zehntel des Riesen aus. Neun Zehntel lauern Mer Wasser auf den Unvorsichtigen. Auf diesen unter Wasser liegenden k'il des Eisriesen war die „Titanic" ausgefahren. Der Koloß von 45 Mil- iucn Kilogramm Eisen rind Stahl erzitterte — aber die Passagiere hatten hum etwas gespürt. Bis der Stoß zu den Luxuskabinen vorgedrungen In r hatte sich der Anprall schon sehr.stark abgeschwächt. Born aber, am Itnq und an den vorderen Decks, war die Vernichtung vollkommen. Der des Schisses war zerquetscht. Die vorderen Decks waren aufgerissen. |! 5 ganze Vorderteil des Schisses glich einer unkenntlichen Stahlmafsc. IL wa serdichten Schatten waren sämtlich ausgerissen, die Bodenplatten r rissen wie Papier, viele Tonnen gespalteten Eises waren auf die vor- : b-cu Verdecke gestürzt und das eisige Wasser strömte unaufhaltsam in Eta Schiff hinein. st ans >sweg- Bus«d rtsorl« -stechls- oteit. hcnsoll- iten ,8 W iih °5 *‘ neuen । Mil itnlN’ in lein ?! igch'lr ’r())ieli( -L f 9& «'S ?*» schon „.-nrte den Kurs nicht. Es wäre schade gewesen um jede Minute. Nur ' Scheinwerfer der „Titanic" traten in Tätigkeit, sie tasteten mit grellen htkeaeln die Nacht ab. Ihre Strahlen prallten plötzlich blendend grell m eine weiße Riesenmasse, die auf der Steuerbordseite ausgetaucht war. n erichrak Mr. Mudlock. Einen solchen Eisberg hatte er niemals im 9>»en gesehen. Dreihundert Meter hoch ragte die gleißend weiße Masse E Tinnen aus den Fluten hervor — des anderen Titanen, der nicht . - Eisen und Stahl bestand, den nicht Menschengeist, sondern Gottes- i.x erbaut hatte. Der Eisberg war naher, als Mr. Mudlock dachte. Viel ■ her Und Mr. Mudlock griff nach dem Steuertelegraphen, wahrend hren im Salon befrackte Herrn und Damen in Balltoilette den letzten Kläger Londons tanzten. Es war aber zu spat... In Qn den Salons, den Gesellschaftsräumen, wo der Stoß noch erheblich jiater zu verspüren gewesen war als in den Kabinen, sprangen die lenschen auf. Doch die Offiziere beruhigten sie. Man habe einen Zu- fiwmenstoß mit einem Eisberg gehabt, erklärten sie, aber das schiff sei Hnkbar. Sie glaubten es wohl selbst, daß das Schiss nicht sinken könne, is Kapitän Smith fünf Minuten nach dem Zusammenstoß — der An- pU erfolgte 23.45 Uhr — in die Marconikabine trat und die beiden I.legraphisten ausforderte, Hilfe zu rufen, lächelte er. „Wir sind mit . iuem Eisberg zusammcngestohen", sagte er, „halten Sie sich bereit, Not- Eialc zu geben..." Die zwei Telegraphisten — sie benahmen sich spater Helden — machten Witze, als sie die Taste des Radiotelegraphen abdrllckten, um das erste'Notsignal Hinauszufunken: Cqud ... Lome ckly danger ... Kommt schnell, Gefahr!" Doch zehn Minuten später kam Kapitän Smith wieder. Leichenblaß. Helte nicht mehr. Und stöhnte: I „Schicken Sie SOS! ... Schnell, sehr schnell, wir sinken!" Das war um Mitternacht. Unten glaubte man noch daran, daß das chiff nicht sinken könne. Es wäre auch unfaßbar gewesen! Ein Eisbergs ie Musik spielte weiter, man tanzte weiter, man spielte weiter, und Irrd; die Luken konnte man sehen, wie der weiße Titan in der Ferne «»schwand. Oben arbeiteten aber die beiden Telegraphisten verzweifelt. Ins Signal SOS, das Signal der letzten Verzweiflung, „Save our Souls , Jettet unsere Seelen", zuckte unaufhörlich aus den Antennen der „Titanic i rch die Nacht, zuckte durch die Wellen des Aethers, erreichte Zuerst den i»yddampfer „Frankfurt", dann die „Virginian , die „Parisian^, die .Tqrpathia" und das Schwesterschiff der „Titanic", die „Olympic . Die » arpathia" lag der Unfallstelle am nächsten, siebzig Mecken weck. Jlinf Stunden Fahrt. Aenderte sofort den Kurs und steuerte auf die ,Titanic" los. Von einer anderen Seite eilte die „Olympic heran, die i n Neuyork nach Europa unterwegs war. Fünf Stundeii galt es noch i harren. Es war nicht mehr möglich. , Um halb ein Uhr erscholl das Kommando: „Alle Passagiere an Deck- Vis dahin hatte niemand an eine ernste Gefahr glauben wollen. Da tat das fatale Kommando erschollen. Man sah, daß die Boote k argemacht kuirden. Und da sahen die Passagiere erst daß das Wasser bereis an in unteren Decks zu lecken begann. Da brach die Panik aus. Alleswollte Ith auf die Boote stürzen. Und da stellte sich heraus, daß in den Booten - ium ein Drittel der Menschen, die sich an Bord befanden. Plag finden iunte. Die 16 Boote des Schiffes hätten für 1178 Menschen ^«8 9€b0. im, aber vier Boote waren durch den Anprall fortgerifsen worden, toten nur noch zwölf. Vor jedem Boot stand ein Offizier. Em neues fommanbo erscholl: „Alle Mann zurück! Frauen und Kinder zuerst. Das Schiss neigte sich bereits bedenklich nach vorn. Rettungsgurtei wurden verteilt. Frauen und Kinder wurden eingebootet. Um die letzten Boote entstand ein fürchterlicher Kampf. NUt Messern iimpste man um die Plätze. Schüsse krachten. Dann wurde auch dasefcte ;®ot herabgelassen und n>ehr als 1600 Menschen blieben bei s ? tobe preisgegeben, auf dem sinkenden Schiff zurück. An der R 9 ' 'm altes Ehepaar. Man wollte die Frau in ein Boot heben, sie W™ Ist) aber, ihren Gatten zu verlassen, umarmte ihn, küßte ihm. Manch« ' rsnchten aus Planken und Brettern Flöße zu bauen um die Hundene Umpften. Hunderte sprangen mit Rettungsgurteln versehen u Nasser. Der Kapitän versammelte die Musikkapelle am Heck des' fnd ließ den Choral „Näher, mein Gott, zu dir fpucken. In deni ••rte man noch die Musik und den Gesang der Todgeweihten- Dann war um 2 20 Uhr __ fliea die „Titanrc , die bis dahin wie ein 1 btotmmenber Palästen voller Beleuchtung auf Wasser gelegen^hatie, netzlich steil in die Höhe, stand eine Minute lang fast vertik , 'Sie '» die Luft empor, die Maschinen stöhnten auf. DasWal er die Kessel erreicht. Das fiirchtbare Krachen von Detona wnen er : '°hnte, aus den Schloten schossen Funken und Flammen. W'e Fliege ^bten die Zurückgebliebenen am Schiffskörper. Dann e lolchen plötzlich s'Ue Lichter, und das Schiff schoß kopfüber in die Tiefe hinab. Karlsbader Novelle. Von Erwin Guido Kolbenheyer. Copyright by Verlag Georg Müller, München. (Fortsetzung.) Man wußte bald, daß hinter den fast trotzigen Zügen der jungen Herrschers eine frische Laune wohne, und sie strömte auf den ganzen Kreis der gesellig-bereiten Menschen über. Man zeigte sich befeuert, als sei es vor Begeisterung, verlautete auch das Zungenspiel meist unerheblich von persönlichen 'Angelegenheiten der andern Festgenossen, die jeder schon irgendwie kannte. Die Augen glitten über festliche Kleider, und die Körper fühlten festliches Gewand, die Ohren vernahmen das erregte Beden den Unterton der Stimmen, der von Erwartungen und Verheißungen erfüllt scheint, die Nüstern erroitterten aus dem Duft des Parfüms den Körperhauch, und da man beim Tanz die Fingerspitzen berührte, floh das elektrische Fluidum, die Pulse steigernd, von Leib zu Leib. Kerzenglanz, Musik, Wein, Gesang, Kartenspiel und der Rhythmus der Tanzbewegung wirkten anders als sonst, wo man nur eines wohl- gelaunten Zeitvertreibes wegen, zusammenfand: ein Herzog war im Saale, ein regierender Fürst, mochte er sich noch so schlicht und fast soldatisch geben, man bewegte sich unter den Augen eines vielgenannten Hofes und war erlesen. . Vor dem sächsischen Saale aber, zwischen den jungen Lindenstammen und an der Tepelmauer, spazierten die Neugierigen der übrigen Kurgesellschaft, und unter ihnen Karlsbader Frauen und Mädchen. Sie sahen zu den hellen Saalsenstern auf, hinter denen der Herzog Asseniblee hielt, erzählten und hörten von dem merkwürdigen Musenhof in Thüringen selbst von dem Romane schon der Gräfin von Werthern, die eine Puppe an ihrer Statt hatte begraben lassen und dem Gatten bis an die Küste von Afrika durchgebrannt war. Man hätte der gravitätischen Exzellenz von Goethe und dem noch gravitätischeren Herren Generalsuperintendenten Herder, der auch schon im vergangenen Jahre zu sehen gewesen war, solch einen Hof kaum zugetraut. Für den andern Morgen wünschte der Herzog nur seinen Minister zur Begleitung. Er hatte die Heilquellen besichtigt! auch er wollte eine Kur versuchen und sollte, wie üblich, die ersten beiden Tage der Erholung von der Reise und einer gewissen körperlichen Vorbereitung abwar- t«n stand also noch nicht unter der allgemeinen Tagesordnung. Goethe unterbrach die eigene und stellte sich seinem Herren, der mit dem besonderen Völklein Fühlung nehmen wollte, das dieses freundliche Tal für alle Welt bereithielt. . „ Mußte es nicht ein eigener Menschenschlag geworden fein? Es hatte den Alltag eines kleinstädtischen Bürgertums mit der fast weitläufigen Gewandtheit von Wirten anspruchsvoller Gäste zu verbinden. Sein beträchtliches Gasthaus bestand in dem Städtchen, es war em großes, unter alle Dächer verteiltes Gasthaus selbst. Das Wesen des geschloffenen und in dem Heimleben der Familien gegründeten Hausstandes war da irgendwie durchbrochen. Ein merkwürdiges Zeichen dafür: die meisten Häuser der ,Wiese' standen untereinander durch Türen in Verbindung, so daß man von den Stockwerken des einen in die der andern gelangen konnte Dies Aufgetane, Gelöste, eine Preisgabe fast von Dach und Fach an die Oesfentlichkeit, mußte aus die Einwohner selbst wirksam geworden sein Sie lebten gleichsam unter einer doppelten Haltung. Die Eigenart des'innersten Kreises, der sich um Vater, Mutier und di« Kinder schließt mit aller Liebe und aller Not, mit Glück und Gram, Fröhlichkeit und Aerger, war in die Verschwiegenheit der dürstigen Raume gezwängt, die man sich in einem sonst jedermann bereiten Hause gönnte, und war darum etwas Heimlicheres, Gedeckteres und Verhalteneres geworden auch Freunden und Anverwandten gegenüber, zumal hier Freundschaft und Verwandtschaft in den wenigen Jahrhunderten der Besiedelung fast gleichbedeutend geworden waren, da die Stadt durch Heirat immer enger verwuchs. Die einzelnen Hauswesen mochten sich unter Vorbehalt der Eigenart untereinander verhalten, wie sonst die einzelnen Glieder einer großen Familie in gemeinsamer Häuslichkeit. . Und dieses eigentümliche, Neugier erregende Zwielicht zwischen Preisgabe und Zurückhaltung ließ die Augen eines Fremden, der nicht nur Heilung, Annehmlichkeit und Vergnügen suchte, sondern auch an ben Menschen seiner Gaststätte zurechtfinden wollte, schon bei der ersten Berührung mit ihnen etwas schärfer beobachten. Die Bürger dieses Tales trugen nicht ohne gewisse spielerische Gewandtheit einen öffentlichen Charakter an sich, der, am selben Zwecke „^Udet zu einer abgeschliffenen und alle Besonderheit überdeckenden Gleichso'rm geraten war. Unter wessen Tür der Fremde auch immer trat, er fand die Hausfrau, den Mann und die Kinder an Mienen und Worten qleidi höflich, bereitwillig, artig und dienstbeflissen und merkte doch, daß man ihm in der Erwartung begegne, die angenehme Haltung, abgesehen von aller Pünktlichkeit und Willigkeit eines wohlbestellten Reyejackels, ebenso freimütig und wohlgesinnt erwidert zu sehen. Das konnten also nicht mehr jene Hausleute sein, die von dem kaiserlichen Gründer des Kurortes bestellt worden waren, einer Herrschaft die Kurqelegenheiten zu bereiten und zu hüten. Mochten vornehme Gaste nut weitläufiger Dienerschaft, eigener Küche, eigener Musik und dem besten Teil ihres Stalles kommen und eine ganze Anzahl Hauser zur Miete nehmen und hielten sie immerhin ihr« Standeszirkel streng gejchlossen, und blieben den Einwohnern auch jene Festlichkeiten verwehrt, die man .uweilen für alle Kurgäste unangesehen des Standes gab — das Burger- tum des Bades hatte sich felbstgewiffe Haltung des Besitzes und eines Wohlstandes gewonnen, der sich seines Ursprunges bewußt bleibt. Das Bürgertum stand der fremden Herrschaft mit dem erwartungsvollen Freimut eines Gewährenlassens gegenüber und konnte darum nicht nur oor= teilsfreudig, sondern auch herzlich wohlgesinnt wünschen, daß man sich nach Art ausschließender Stände behage und wohstuhle in Haus und Saal, an den Quellen und in der Natur, so wohl als wäre man unter eigenem Dache, auf eigenem Grund und Boden. Und das steigerte auch bei den Gästen die Lust am (Bönnertum. Der begüterte Adel zeigte sich zu festlicher Fröhlichkeit bereit, die Geld unter die Leute brachte, legte Wj1 Verantwortlich: Dr. Hans Thhriol. — Druck und Verlag: Drühl'sche Universitäts-Vuch- und Steindruckerei, D. Lange, Gießen. s llttf den, die sie sonst leicht trübte. (Fortsetzung folgt.) , «t Bier e »ob Wik T Her hijtbi »tit ihi , $in A Ni > 'ftji in mit ■ titnni Promenaden in den Waldberaen an und zierte sie durch freundliche Ruhe- i sjke und Denkmale, als sei ihm Karlsbad erblich und eigen. Allein nicht ohne Nachteil patzt sich ein Gemeinwesen dem Behagen anspruchsvoller Fremder an, die zur Heilung ihrer Leiden auch den ■ □efeüiqen Genuß suchen. Man gab nicht nur um eines leichtfalligen Gewinnes willen sein Haus hin und zwängte das Leben der Familie ein, man gewöhnte sich nicht nur daran, di« rasche Hand verschwenderischer Kavaliere den üppigen Putz der Damen und die Weitläufigkeit der Dlener- icbakt alsZeichen einer vornehmen und bewundernswerten Lebenshaltung zu betrachten, sondern man stellte die eigene Tätigkeit ganz unb gar tn &en Dienst jenes Gönnertums, das, lüstern und verwohnt, nur von besonderer Gefälligkeit und Kunst angezogen wurde. Die Frauen bereiteten ihr Haus für die Fremden und hatten zierlich gesetzte Worte zu brauchen gelernt, und die Männer, wo nicht ihre Arbeit der einten Notdurft des Lebens diente, waren Werkmeister eines Gewerbes geworden, das nicht mehr für die Heimat bestimmt war. Man lebte und schaffte für Menschen, die kamen und gingen und forttrugen, für Stände, denen man sich unterordnet fühlte. Es gab Garkoche, die es mit den Meistern berühmter Küchen aufnehmen konnten, sie nannten sich Traiteurs: in den Erfrischungsräumen des .Goldenen Elefanten oder des ,Pomeranzenbaumes' konnten Weine gereicht werden, gut und teuer und nicht für die Kehlen der Karlsbader: die Zuckerbäcker der beiden Sale waren auch von weitgereisten, die ihr« Herrschaft begle'teten, nicht zu übertreffen. Zu ihnen kamen noch zahlreiche P efferkuchler und auch die Wachszieher, deren Kerzen Bälle und Schmausereien festlicher machten, deren Fackeln nächtliche Gasfationen der Kavaliere begleiteten, die mit Hall und Schall das Tal füllten und aufgestörte Schläfer an die Fenstergardinen trieben. Doch derlei Bereiter eines guten Biffens und Helfer festlicher Gelegenheiten gab es überall. Was Ruf und Zuspruch über Karlsbad hinaus auf den Märkten von Prag, Leipzig Wien gewonnen hatte, war ein Feingewerbe mancher Art, das feinen Meistern den Ehrennamen eines Künstlers mit gutem Rechte eintrug. Ein Drittel der Bürgerhäuser barg solche Werkstätten, und es gehörte zu den anregenden Zerstreuungen der Badegäste, frei einzutreten, die Künstler bei ihrer Arbeit zu beobachten, nicht fetten auch Unterweisung zu nehmen und selbst Hand anzulegen. Besonderen Rus genossen Kunsttischler, Zinngieher, Büchsenmacher, Eisenschlosser, Messerschmiede und Schwertfeger. Ganz Karlsbad war ihr Schauladen. Denn in den Stockwerken der Häuser standen die saubergearbeiteten, zierlichen Politurmdbel, geschmackvoll mit verschiedenen Holzarten ausgelegt und berändert, zur Miete; die Hausfrau und ihre Töchter bestellten die Tische der Fremden mit fernem Porzellan und einem Zinn, dessen silberne Weitze und anmutige Guß- formen berühmt waren, und sie legten ein Tafelzeug auf, dessen argent hachö der feinsten englischen Platenierkunst nichts nachgab. All dies Gerat war heimische Arbeit, auch das Porzellan stammte aus der Nähe. In den schönsten Wumen des Hauses stand, was an Besitztum kunstvoll und edel bereitet war, und lockte die Lust zu Kauf und Bestellung. Zur Musterung, zur Miete stand es und wurde im Gebrauche der Fremden ihnen, d,e es gemacht hatten und befaßen, fremd. Auch die Werkstatt der Väter, die Seel« der Bürgerwohnung, war voll von dem Geiste, der eines Lebens Kunstfertigkeit und Schaffentreue für den Gönner feilhält, der irgendwoher kommt, in einer Laune des Wohlgefallens bezahlt und fortnimmt, ohne des Meisters weiter zu gedenken. Was da gefchmiedet, damasziert, gefeilt, graviert, mit Gold und Silber ausgelegt, geschnitzt, geschliffen und gedrechselt wurde, war für die andern bestimmt, die Vorübergehenden, die keiner Mühe Dank bewahrten. Und das Spielerische der Galanterie haftete allem an, mochte das Gerät noch so gediegen erstellt fein. Unter solchen Betrachtungen geleitete Goethe den Herzog durch die Gasten. Sie blieben vor manchem Hause stehen und sahen durch die Fenster auf die fleißigen Hände über den Werktischen. „Das Siedlertum, das ihnen noch im Blute steckt, mag die Leute so willfährig machen", meinte Goethe. „Sie haben sich nicht aus Bauern zum Städter entwickelt, haben nicht erst den Boden gewinnen müssen, haben nur das Haus auf der Scholle erhalten. Alle Beharrlichkeit und Treue des Volkes liegt in der Erde. Es soll kaum ein Dutzend Generationen her sein, seit die ersten Badstuben gebaut worden sind, und die Leute, die sie offen gehalten, haben ihr Stück Heimat verlassen fremder Gäste, fast des Trinkgeldes wegen. Ein Dutzend Geschlechter tft eine kurze Frist, und die Bewegung des Kommens und Gehens zugleich mit dem Begehren, schnelle Wochen bei guter Laune zu vertun, ist ihnen allzu eindringlich vor Augen gestellt. Sie haben die bäurische Schlichtheit und die Eindeutigkeit des Charakters nicht gewinnen können." Der Herzog lächelte. Er verstand den lehrhaften Unterton des Mentors [einer Sturmzeiten. Auch er fand nicht mehr den ungeteilten Beifall des Herren Geheimrates van Goethe. Seine Winterreise zum Potsdamer Alten, der feiner Gruft entgegenstöckerte und doch das starke Zeichen eines überstaatlichen Willen blieb, und feine Reife im Mai zur Truppenrevue nach Magdeburg war ihm zuwider gewesen, dem Minister, Poeten und Partikularisten, der in jeder Bindung eine Gefahr für das Individuum sah, des Freiheit ihm über allem stand — dem Bürger Goethe, dem ein Verlangen nach umhegter Uebersichtlichkeit im Blute stak und die Weite einer geeinten deutschen Nation uferlos schien. Allein vergaß der Mentor nicht bei all der trefflichen Moral über ein erbmäfjiges Verhängnis etlicher Siedlergenerationen, daß mit anderem Blute ein Erb- mäßiges von Militärs überkommen fein konnte? Er hätte ihm gerne die Kürafsierftiefel feines Inhaberregimentes mit Filzpantoffeln vertauscht, die an Weimarischen Kaminen gewärmt werden sollten, schöngeistige Kon- ventikel behaglicher zu machen. Sie kamen von dem Messerschmiede Damm ,Zu den drei Staffeln', dem Nachbar des Goethischen Logis, die ,Wiese' aufwärtsschreitend, an eine Nadlerwerkstätte, deren es in Karlsbad bei zwanzig geben mochte. Das Haus hieß ,Zum guten Hirten', und dem Herzog fiel der Name des Meisters, Pittroff, auf. Goethe vermutete, daß hier ein Vorvater, der unter dem Gefolge des Zaren Peter gestanden habe, an der Tepel zurückNi 1* , Ai geblieben fei. Sie traten ein und wurden gefällig an die Werkistck geführt. — Man schnitt ein Stück Stahldraht zurecht, steckt« a.. beii« Enden je von der Windung eines Spiraldrahtes so viel, als für bei Nadelkopf genügte, und schlug den Kopf mit einem jammer fest, der dem Fuß getrieben wurde. Dann wurde das Drahtstuck in der Mit» geteilt und man gab die beiden Nadeln zum Schleifen und Poliere, weiter. An den letzten Tischen wurden die fertigen Stucke nach ihm Größe geordnet und in sauberen Reihen durch buntes Glanzpapier gehe, tet, das man zu Briefen faltete. Die Hurtigkeit und Sorgfalt der Wen statt gefielen dem Herzog und er zeigte Lust, selbst einmal zuzulangli, vielleicht auch durch jene Vermutung Goethes gereizt es em wenig den werktätigen Zaren gleichzutun, besten Gedächtnis hier hoch in Ehren stan Meister Pittroff wußte sich schlicht und unbekümmert zu geben, lockte hohe Herrschaft nicht aus der kommoden Haltung und pflegte deren Weh- gefallen an seiner freudigen Urtümlichkeit. Es gelang dem Herzog, un merklich und geschickt beholfen, ein Nadelpaar, allem er steck e es zu Enttäuschung des Meisters lachend in feinen Rockaufschlag, ließ mo4 einen Taler auf den Schleiftisch fallen, aber der Taler war keine Em schädigung für das entzogene Erinnerungsstück „Meinst du, daß er uns erkannt hat , fragte der Herzog, als die Tu wieder ins Schloß gefallen war. „Er hat Sie erkannt, er kennt ja auch mich. Sie wissen sich zu fuhren, unsre lieben Karlsbader." * m ™ , Am .Goldenen Greifen' kamen sie an bi« Fenster der Madame Paul, einer Prager Marchande de modes, die mit ihren bunten Waren für bei Sommer zuzog. Goethe wußte von ihrer Geschicklichkeit zu erzählen. |e n^rmöge mit ihren Mamsellen noch in letzter Stunde vor einem Balle ein Kleid zu ändern und aus das modischeste zu putzen. Man sah in den bette Fenstern allerlei Hübsches zu Hut und Gewand: Bänder, Flore, W d'Jtalie, Halstücher, Schleier, Volants, Gürtel, Hauben, Schnallen bah und Verlognen, Joujou, aber auch gebiegenere Goldware, Flacons mit Wohlgerüchen, Chignon- und Frisierkämme, Putzfedern, Handschuhe, rafols und Parapluis und hinter den Fenstern zwischen den hohen Hal und Haubenstöcken die frischen Gesichter der Mädchen, die unter Geschwas und blanken Seitenblicken auf die Kavaliere ihr hurtiges Nadelwril führten. Etliche zierliche Herren- und Damenstöcke, die in einer Fensiet' ecke lehnten, erinerten den Herzog an ein Vorhaben. Er hatte feinen Denen ablegen müssen, um sich dem strenge gehütete Brauch des Ortes zu fügen, der keine Waffe an der Hüfte duldete, uiw wollte einen Badestock kaufen, den man hier auch „bei großem Putz trug. Vielleicht hielten ihn die Betrachtungen ab, die Goethe über die Unmort einer Allerweltsgefälligkeit angestellt hatte, bei Madame Paul emzutrete und deren Mamfellenvolk näher zu besichtigen. Er wandte sich von W Fenstern, und ein leises Gefühl ließ ihn gewahr werden, daß er mal nur der Weimarer Wochenstube entflohen, sondern auch seinem GoetP in einer versteckten Anwandlung gefolgt war. Er hatte in Weimar bru Abschied versäumt, und aus den letzten Grußworten, die ihm von Jem gesandt worden waren, klang ein rätselvoller Ton, als könne der Abfchtt« auf lange gelten. Es waren zehn Jahre einer lauteren Menschen« gewesen über all der glatten Fläche seines Hofes. , Karl August hatte nahebei einen Kaufmann im Gedächtnisse bei bir .Schönen Königin'. Dort wurde alles geführt, was man brauchte. 3ir Herzog griff einen Stock von dickem spanischem Rohr mit Goldknauf ans dem Bündel, das der Kaufmann ihm diensteifrig in beiden Armen autruj. Im Winkel hatte er aber auch etliche schlanke Barouchepeitschen bemerk Er mochte seinen Begleiter an jene Zeit erinnern wollen, da man unter den himmelnden Augen des Hofstaates mit Klappern und Klirren uni Stimmenhall durch die Weimarer Gassen auf den Platz gesprengt root und vor dem Gewölbe des Riemenschneibers, umstanden von der ttäffeu' den Meute, die Goethen schon damals auf die Nerven ging, Hetzpeitsche« probiert hatte. Er wies auf die Peitschen, winkte dem Kausmanne hinaus und lieh di« Peitschen vor den erstaunten Gesichtern der Kiirgäste, bi« « weitem Bogen auswichen, über die .Wiese' hinknallen, nötigte auch bei« Minister etliche auf, so daß dieser mit gespreizten Beinen Stellung nehm«« unb feinem Herrn nachtun mußte. Goethe begriff, baß es bermaten nidjl weiter auf tiefsinnige Betrachtungen ankäme, und fügte sich ohne St1 denken, bis die besten Stücke ausgewählt waren. Der Herzog wünschte noch einen Büchsenmacher zu besuchen. Es soll» . «H über ein Dutzend in Karlsbad geben, und Brühl hatte sie ihm selbst irot DMis Werkstätten von Dresden, Halle und Leipzig gepriesen. „Bei den Lusthäusern in der Alle«", sagte Goethe. „Ich habe zwei Läden gesehen", bestätigte der Herzog. „Wir gehen zu Meister Roscher. Er ist berühmt, Sie werden eo freut fein." .■ Und der Herzog fand ein lautes Gefallen besonders an den fusiis Un L vent, die Meister Roscher mit unübertrefflicher Kunstfertigkeit herzi? ’m stellen vermochte. Es waren Windbüchsen, deren Rezipient im Kolben lag, fie vermochten ohne neue Ladung vierundzwanzig Schüsse zu repetieren. Der Herzog geriet in Eifer, denn er wußte, daß in Oesterreich eigen« Kompanien mit Windbüchsen ausgerüstet würden. Er sah sich gleichsam im Arsenal der Armee, gegen die ein deutscher Fürstenbund Stellim! nehmen sollte. Er prüfte sachkundig die Arbeit des Laufes und der 3« tammer, Lauf und Rezipient waren aus Kupfer geschmiedet, sie bedurfte« besonderer Sorgfalt, um die Gefahr des Platzens beim Laden url Schießen zu verringern. Man versprach ein besonderes Stück während W Aufenthaltes zu fertigen, daß es noch im Schießhaufe auf dem Wiefen- berge erprobt werden könne. Da der Herzog den Schmuck selbst anzugebe« wünschte, empfahl man ihm einen Büchsenschiftter in der Prager Gass«, der der geschickteste Bildhauer sei. So gingen sie zunächst in die Werk statt des Meisters Roscher unter der Andreaskirche unb würben bau« von diesem selbst zu bem Schiftler geführt. Es war ber Vormittag vergangen, unb die Laune des Herzogs an der Seite seines ruhevoll blickenden Freundes über Peitschen unb Waffen frei von ber Ungebuld gewor-