SiehenerZamilienvMer Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Nummer 15 Montag, den <5. Kebruar Jahrgang <932 t corj I gaitj Straß, öllenen ie uni d)öner, lo|enbt durchs Tvdes- einem ®is. Irur ein paar Minuten. Von Lothar Knud Fredrik. Im Jahre 1916, bei dem großen Durchbruchsversuch der Russen am Naroczsee, habe ich ein Auge verloren, das linke. Es war ein gutes scharfes Auge, das so gut sah wie sein.Awillingebruder. Beide zusammen haben mir einmal am Apernkanal auf 700 Meter auf einer Pappel einen Feind gezeigt, der mit seiner Zielrohrbüchse unsern Graben entlang streute. Etliche Sekunden, nachdem ich ihn entdeckt hatte, kam keine französische Kugel mehr aus der Daumhöhe zu uns herübergezwitschert. Ich habe noch mehr mit meinen beiden Augen gesehen, alle männlichen Eigenschaften der kühnen Tat und alle des todesmutigen Ausharrens, viele Schmerzen, stilles Heldentum, größte Not, Dualen, die wortlos blieben, und alle Schrecken des Krieges. Soldatenaugen, die oft das Weiße im Auge des Feindes sahen, haben einen eigenen Blick, einen Fernblick, wie ihn der Seemann hat. Nur daß sie nicht über das glatte oder wogengekrönte Meer sahen, sondern über das, was war und ist, hinweg in das, was sein kann und sein wird. Sie verloren den Fernblick nur dann, wenn der Kolben in der Schulter ruhte, wenn Auge, Kimme, Korn und Ziel eine Gerade bildeten und mit der Kugel ein Heller Augen- roilben, kurze« onnen- nmmd ßango; i, links -sperrt! le mich maligi Name« Wie Gott es fügt. Bon Paul Fleming. Laß dich nur nichts nicht dauern Mit Trauern, Sei stille; Wie Gott es fügt, So sei vergnügt Mein Wille. Was willst du heute sorgen Auf morgen? Der eine Steht allem für. Der gibt auch dir Das Deine. Sei nur in allem Handel Ohn Wandel, Steh feste! Was Gott beschleußt, Das ist und heißt Das Beste. 3 uni ■fine«, i! tanr r Er dacht! ’it eil! blaut; nen, iw der du Es war stehe« ist nen ie klare Stärke in, wie habe. Jeder Sonnenstrahl lächelt ihnen; jede Blume blüht ihnen; jedes Mädchenwinken gilt ihnen. Ihnen gehört die Welt, weil sie sich ihnen anbietet, nicht weil sie sie mit Gewalt sich untertänig machen. Diese stille Heiterkeit herrschte auch bei uns, in unserem Wagen der Schwerverwundeten mit den Hängebetten an den Sprungfedern. Vielleicht war es diese Freude, die mir den Kopf heiß gemacht hatte. Ich hielt es auf meiner Lagerstatt nicht mehr aus, setzte mich in einen Faulenzer. Wir hatten eben zu Mittag gegessen, punkt 12 Uhr; wir hatten gut gegessen und mit Appetit. Ich weiß nicht, ob ich müde wurde. Meine Gedanken flogen fort aus dem ratternden Zuge in den blauen Frllhlingshimmel über uns; meine Sinne ertranken in dem goldgesättigten Sonnenglanz. Mein rechtes Auge verlernte mit einem Male das Seyen. Ich war wohl eingenickt. Durch irgendeinen plötzlichen ober auch nur eingebildeten härteren Ruck des Zuges schreckte ich empor. Es war dunkel um mich. Tote Nacht. Ich begriff erst nicht. Dann löste sich ein eisiger Schrecken aus dem Hirn, der mir die Glieder lähmte. Ich glaube, daß ich gezittert habe; daß Angstschweiß auf meine Stirn trat, weiß ich gewiß. Du bist blind ... ratterten die Räder des Zuges, und hohnvoll hinterdrein ... blind geworden ... vor Freude blind geworden... Du bist blind, blind, blind... Ich wagte fiium zu atmen. Meine Hände krampften sich um die Armlehnen meines Stuhles. Die ungeheuerlichsten Gedanken rasten durch mein Hirn. Ich wollte sprechen, rufen, schreien, brüllen — und konnte doch keinen Laut von mir geben. Entsetzen lag über mir. Ein Entsetzen, wie ich es noch nie empfunden habe. Ich war bekannt als hart, entschlossen, rücksichtslos. Jetzt war ich zerbrochen, vernichtet, zermalmt von einem unsäglich schweren Schicksal... Da hörte ich einen Kameraden sprechen; ich weiß nicht, was «r sagte. Aber ich fühle, wie der menschliche Laut langsam die Erstarrung in mir löste, wie man einen Tuchbezug von einem «esset in der guten Stube nimmt. Ich handelte vielleicht noch nicht überlegt, als ich mit der Hand mein rechtes Auge rieb. Ich hätte mir vernunftgemäß sagen müssen, daß das Reiben mir hie Sehkraft nicht wiedergeben würde, wenn sie erloschen war. Aber ich rieb doch; ich handelte eben instinktiv und war froh, daß ich wenigstens handelte. Ich glaube, hätte jener Kamerad nicht irgend etwas gesagt, das Räderwerk in meinem Schädel wäre bös aus der Ordnung gekommen... Doch nun war schon die Denkmaschine wenigstens etwas in Gang gebracht. Und wenn auch nicht das ungeheuere Entsetzen von mir gewichen war, so suchte ich es doch bereits zu ergründen. Ich schloß krampfhaft das Auge, öffnete es wieder — es blieb dunkel um mich. Nun hörte ich jemanden lachen. Vor dem Lachen erstarb der Mut in mir; ich wurde feige; ich hatte Angst vor der Gewißheit. Lauter rollten mir die Räder die furchtbaren Worte: Du bist blind, blind, blind ... geworden ... vor Freude blind geworden... Wieder drohte mich das Entsetzen zu übermannen. Diesmal war es ein glühend heißer Strom, der mir vom Herzen zum Hirn emporstieg. Ich krampfte die Finger um die Armstützen des Liegestuhls, meine Kinnladen erstarrten. Das rechte Auge zusammengepreßt, kämpfte mein Wille mit dem Entsetzen seinen schwersten Kampf... Endlich hatte ich mich wieder soweit in der Gewalt, daß sich der Griff meiner Finger lockerte, daß der Krampf der Kiefern nachließ, daß mein Auge sich leise öffnete. Unb fast wäre ich vor freudigem Schrecken gestorben — es wurde licht um mich. Dämmerlicht. Aber doch schon Licht; ein Etwas von der köstlichen Himmelsgabe. Mein Auge umflorte sich beinahe. Noch einmal schloß ich es fest, ganz fest. Jetzt mußte ich Gewißheit haben: jetzt hatte ich den Mut für jede Gewißheit; jetzt mußte ich wissen, ob das jetzt oder das vorhin ein Trugspiel der Natur, meiner erregten Sinne oder Gott weiß welcher Kraft gewesen war. Fest, ganz fest schloß ich mein Auge. Minutenlang. Endlich öffnete ich es: es war heller Tag um mich. Lachender Sonnenschein lag auf den srühlingsjungen Feldern, genau wie vordem. Blau grüßte der Himmel durch die Scheiben des Wagens, genau wie vordem. Die Kameraden lagen in den Betten, genau wie vordem; unterhielten sich, genau wie vordem. „ Sollte ich irre werden an meinem Verstand? ... Der Sanitäter kam durch den Wagen. Ich hielt ihn am Aermel fest. Er sah mir erstaunt in das erregte Gesicht, das voller Schweiß stand. „Kamerad, sag mal, was war das?" sagte ich. „Ich habe vorh'.n eine ganze Weile nichts sehen können? .. Da lachte er! ... „ , . „Jawohl, das glaube ich. Wir auch nicht — wir sind durch den Tunnel gefahren!" m , Im einzigen Tunnel auf der Strecke zwilchen Wilna und Posen, auf der Fahrt in die Heimat mußte ich aufwachen, um das Entsetzen kennenzulernen, das mir der Krieg erspart hatte, wurde mir das grauenvollste Erlebnis zuteil... 1, Will angen, lähigki :r wie tte Im mehr. Weile, : Mond uhc M grutt= eitentnt, tt oh«! als ich n orte Ich I in de- ridjnEitt eil, daß konnte, (tnabtii chl, un» hwcigen jes E i t=> jch"" ■utt und! ,ber.bis 1 MH' beschloß' 3»at ah °u-' ist, diel« 'madtte f, iiah>u 1 blitz zum Feinde sprang. , Doch das nebenbei. Ich habe also im Felde mein linkes Auge verloren, und es tat nicht einmal weh. Wirklich nicht. Es war wie ein berber ! Faustschlag, der mich nicht einmal von ben O'üßen brachte, mehr nicht. Und alles, was nebenbei noch an Verwundungen kam, tat auch nicht weher als Nadelstiche, weder die Schüsse durch die rechte «chuUer noch i der Riß am Hals oder der Streifer am Kinn — wenigstens zunächst nicht. Aber daß mein linkes Ange durch den Prellschuß durchrissen wurde und : sich so plötzlich von seiner Höhle nbfr ntierte, daß ich, sekundenlang, den tragikomischen Eindruck hatte, ich könnte von der Hüfte aus sehen, — bas war mir sofort besonders schmerzlich; aber ich tröstete mich auch sogleich wieder, ich hatte ja noch das andere Auge, ich konnte ja noch Jetten. Als ich dann im Feldlazarett mit einer dicken, gualenden Linde um den Kopf tag, wurde mir langsam anders zumute. Aus Gespra^n horte ich allerhand. Daß bei Augenverletzungen oft das anbere m -JltJetbcn= schäft gezogen werde, daß bisweilen sogar nach längerer Zeit eine Schwächung der Sehkraft eintrete, daß man nie wissen könnte ... Herrgott was hörte ich nicht da alles, teils weil ich es Horen wollte, als einmal der unselige Keim der Angst vor dem Erblinden gepflanzt worben war, teils weil ich Mißverstanbe'nes obenbrein falsch auslegte. Ich hatte Wunbsieber. Das war eine ganz natürliche Cricheinung, ' wenn einer ein halbes Dutzend Kugeln durch den Körper bekommen hat die neben kleinen, kaum sichtbaren Spuren auch noch andere von guter Handtellergröße äußerlich hinterlassen haben, so muß er eben Wunbfieder bekommen. Die Folge davon war - letzt wem sch es, daß es die /zolge war; damals aber wußte ich es nicht —, daß ich hm und wieder ba rosenrote, bald graue Schleier vor meinem unverbundenen Auge halle Doch das ging so hin. Das Fieber gab sich: der Schwerverwunde e wurde transportfähig. Die Natur siegte, und die Freude lawohl, bi ganz gemeine Kinderfreude, daß es heimwärts ging machte gesund. In Wilna, genauer in Antokol, wurden mir die Hef.faden aus der «lugen- wunde entfernt. Nach drei Tagen ging es im Lazarettzug weiter, der deutschen Heimat zu. Unsere Herzen pochten einen frohen Takt. Man war vergnügt, lustig, heiter. Verwundete Soldaten, tue zur H^mat kamen, waren die heitersten Menschen, die ich le in meinem Leben kennengelen (aufeil ■er ufi < i Sedcl' ' |o c,n ruft Hl ’ sich b'e i ruhe" ! I ine'"-» I rod) rP Schanghai. Don Erich von S a l z m a n n. Der japanisch-chinesische Konflikt lenkt wieder einmal die allgemeine Aufmerksamkeit auf die Vorgänge im Fernen Osten. Eg wird deshalb für unsere Leser von Interesse sein, von einem der besten Kenner Chinas, Erich von S a l z m a n n , dem langjährigen Korrespondenten einer der größten Zeitungen Deutschlands in China, eine Betrachtung über den Schauplatz dieser Kämpfe, Schanghai, zu lesen, die auch besonders aus die Lage der Deutschen in dieser Stadt eingeht. Der Ab- j schnitt, den wir hier auszugsweise wiedergeben, ist dem heute besonders wichtigen Buche des Berfassers: „China siegt" (Hanseatische Verlagsanstalt, Hamburg 36. Kart. 5 Mk., Leinen 6 Mark) entnommen. Als Ueberschrift einer Betrachtung über Schanghai müßte man eigentlich das bekannte amerikanische Schlagwort wählen: „Keep smiling“ (Lächle stets!), denn Schanghai ist nur ein Platz für Leute voll Optimismus. Pessimisten werden hier nicht gebraucht. Vertrauen ist die Grundforderung. Schanghai muh wachsen. Schanghai muh sich weiterentwickeln. Schanghai wird immer eine breite Stätte der Arbeit und damit des normalen Verdienstes sein. Schanghai wird mit der Zeit aus ganz natürlichen Gründen der stärkste und größte Hafen Asiens für Einfuhr und Ausfuhr werden, zugleich Finanzierungszentrum, Stapelplatz und industrielle Verarbeitungs- und Praduktionshauptstätte, denn in Schanghai . konzentriert sich zu einem sehr hohen Prozentsatz die wirtschaftliche Fortentwicklung eines Volkes, das wohl noch zu Lebzeiten des Lesers die , fünfhundert Millionen erreicht haben wird. Schanghai wird daher für die , nächste Zeit zugleich die politische Zentrale sein, denn das Chinageschäft, das Schanghai darstellt, ist noch siir geraume Zeit von der Chinapolitik nicht zu trennen. Da die Chinapolitik aber zur Zeit ein sehr düsterer Sumpf ist, so möchte ich noch einmal für Schanghai fordern: „Keep smiling“. Die heutige universale Chinastellung Schanghais prägt sich in seinem Gesicht und in (einer Seele aus und muh ihm bei der Ungeheuerlichkeit des Chinabegriffes noturgemäh von vornherein den Stempel des Welt- , Hafens geben. Während Tientsin, Dairen, Hankau, Kanton, Tsingtau und , die andern zahlreichen chinesischen Hasenplätze alle mehr ober minder j einen lokalen Eindruck machen, während ihre nationalen ober internationalen Gemeinschaften etwas ausgesprochen Provinzial-Lokales haben, . ist Schanghai ein sprühenber internationaler Weltplatz, der ber Welt in \ Zukunft noch gewaltige Ueberraschungen bringen wirb, benn Schanghais j historische Entwicklung muh erst in bie neueste Gesamtentwicklung Chinas i hineingepaht werben. ! Damit komme ich zur Hauptfrage.Schanghais, nämlich: Wem gehört f Schanghai eigentlich? Was stellt Schanghai eigentlich bar? — Die Frage | ist aus Grünben, bie dem alten Asiaten, ber sich von Propaganba- {hüben sreigehalten hat, geläufig, boch nirgenbs in Buchform ausgebrückt worben. Es gibt fein neutrales Buch über Schanghai, über feine geschicht- ließe Entwicklung, über seinen Geist. Cs gibt eine Unzahl von tenben- ziösen Veröffentlichungen über Schanghai, bie alle Partei finb, bie um ; ben Kern ber Dinge herumgehen. Dieser Kern ist nämlich bie Tatsache, | daß Schanghai auf chinesischem Grund und Boden liegt. Das will vor- । läufig das Gros der in China handeltreibenden Menschen aus aller Herren i Ländern nicht recht wahr haben, und weil dem so ist, schreibt man ten- , deliziöse Bücher, tendenziöse Pamphlete, tendenziöse Zeitungsartikel, lobt, i was man selbst getan hat, beschimpft den Andersdenkenden als Lugner, behandelt ihn sozial als Outcast (Außenseiter) und versucht die Tatsache zu verschleiern, dah vierhundertundfünfzig Millionen chinesische Menschen | sich in dem einen 'Punkt restlos einig sind, nämlich, dah Schanghai j wieder chinesisch werden muh und dah die Ueherzahl denkender Menschen j felsenfest davon überzeugt ist, dah der Tag, an dem Schanghai ebenso chinesisch sein wird wie bie englische Niederlassung in Hankau ober bie deutsche in Tientsin, nicht mehr allzu fern ist. Mit ber Feststellung bie[es Gedankens, an besten Gültigkeit bas billige Nach-bem-Munb-Gerebe einiger opportunistischer chinesischer groher und kleiner Kaufleute in Schanghai selbst nichts änbert, setze ist mich sicherlich bereits in Wiberspruch zu ben meisten Fremben in China, barunter vielen guten Freunben von mir. Ich bitte darum, mich nicht mit ber Tatsache selbst zu indentifizieren, wie es besonbers meine englischen Jreunbe gern zu tun pflegen. Ich habe den Lauf der Dinge in China nicht geschaffen, besitze aber den in China nicht mehr sehr häufigen Mut, das Kind beim Namen zu nennen, obwohl ich mir besten voll bewußt bin, dah bie dalbige Uebernahrne Schanghais burch bie Chinesen vorläufig tueber ein Glück für diese, noch sehr viel weniger für die Fremden wäre, weil die Chinesen für diese Uebernahrne total unvorbereitet finb, weil sie unferm kodifizierten Denken, unfern mebergefchriebenen, auf dem römischen Recht bnfierenben Gesetzesbegriffen weltenfern finb, weil rein technisch-wirtschaftlich die Uebernahme-Erfah- rungen von Tientsin, Hankau und Kiukiang nicht sehr versprechend sind. Schanghai als Objekt in jeder Hinsicht ist aber fo ungeheuer groß, und es stehen so außerordentlich grohe internationale und chinesische Werte in Gefahr, dah man aus rein technischen Gründen bei aller Sympathie für die Chinesen und vollem Verständnis für ihre nationale Aspiration den Prozeh der Uebernahrne Schanghais durch bie Chinesen selbst möglichst verlangsamt sehen möchte, um ben Chinesen bamit bie । genügende Zeit zur Vorbereitung für ihre schwere neue Pflicht und Ausgabe zu geben, benn wenn bie Chinesen Schanghai so behandeln, wie sie es zum Beispiel mit der deutschen Konzession in Tientsin ober mit ber englischen in Hankau getan haben, bann schneiden sie sich ins eigne Fleisch und schaden sich nur selbst, ruinieren zugleich jene obengezeichneten internationalen Riesenwerte. Schanghai ist daher ein Widerspruch in jeder Hinsicht. Es ist äußerlich und innerlich eine englische Kolonialgründung. Aber auf bem Papier ist es eine mternauonale kaufmännische Niederlassung lediglich zum Zweck des Hanbelstreibens, an bie sich eine französische Äolonialgrünbung, bie sogenannte Französische Nieberlassung, anschließt. Die Deutschen in China sind nun immer noch in einer bedenklichen Zwitterstellung, deren Klärung zur Gesamtstellung Schanghais beitragen wird. Ms der Deutsche verstohlen aus Schleichwegen zwei Jahre nach dem Kriege nach Schanghai zurückkehrte, war er noch immer oerfeßmt. Die antideutsche Propaganda hatte ihre vergiftende Wirkung furchtbar getan. Diese Versehmung in der englischen Presse hielt bis Locarno an, das heißt dis Ende 1926. v Die Zwitterstellung des Deutschen ist hauptsächlich das Resultat der verlorengegangenen Exterritorialität, benn bie kodifizierte Aufgabe dieses ; Rechtes durch den Friedens- und Freundschaftsvertrag von 1921 kan» man doch wohl nicht als freiwillig bezeichnen. Dieser Vertrag von 1921 kennzeichnet sich insofern als ein Spezialiftenwerk, als die Unterhändler überhaupt nicht zu erkennen vermochten, daß das Jntereffe diesen Vertrag zu zeichnen weit mehr auf Chinas Seite lag als auf der deutschen. Untere Unterhändler in Peking 1920/21 müssen fraglos noch unter dem Druck der blindmachenden Kriegspsychose gestanden haben. Sie kamen aus dem geistigen Wirtschaftsgefängnis Deutschland in eine ihnen ganz unwahrscheinlich erscheinende Freiheit. Der Schwung ihrer Gedanken war . eingeengt. Einen Gedankenaustausch mit Angehörigen anderer Machte . und Anregungen von anderer Seite gab es damals noch so gut wie gar nicht, mit Ausnahme der Japaner, die — wie ich aus bester Quelle roeif) — durch ihren hervorragenden Gesandten Odata tue deutsche Kommission warnte, zuviel und zu unnötig gegenüber den Chinesen nach, zugeben. Um mich englisch auszudrücken: „getrieben durch den Wunsch, eine friedliche Losung zu sinden", womit bekanntlich jebe englisch« Der- qeroaltiqunqsforberung gegenüber einem anberen Lanbe beginnt, ergaben sich bie Deutschen vollkommen ben Chinesen, trotzbem btefe Versailles nicht unterzeichnet hatten. In Deutschlanb und wohl auch bei der deutschen Kommission hat augenscheinlich die rührende Ansicht geherrscht daß bie Chinefen Versailles aus irgenbwelchem internationalen Gerechtigkeitsgefühl nicht gezeichnet hätten, bas heißt, es protestiert gegen die Vergewaltigung Deutschlands. Ob und wie Deutschland vergewaltigt oder nicht vergewaltigt wird, ist ben Chinesen total gleichgültig. D.« Chinesen fühlten sich ihrerseits in Versailles durch den englilch-französisch-itahenischen Geheimvertrag von 1917 vergewaltigt, der den Japanern Schantung dafür zusprach, daß sie China mit zur Kriegserklärung an Deutschland ver- aillaßten. Nur aus diesem Gesichtspunkt heraus unterschrieben tu« Chinesen ben Versailler Vertrag nicht unb lösten in ihrem üanbe jene ver- heerenbe Stubentenpropaganba aus, die bereits im selben Monat von Peking nach Versailles übersprang unb heute Schanghai zur uberspru- belnbcn Quelle chinesischen Nationalismus gemacht hat. Die deutschen Unterhändler in Peking, ausnahmslos Spezialisten, bie Paris, Lonbog, Washington nicht kannten, sahen diese Zusammenhänge nicht und gaben leicht alles hin, tauschten nur bie Berechtigung ihres Daseins in China ein an bem bie Chinesen boch ihrerseits in Verfolg ihrer eigenen Versailles-Entwicklung bas benkbar größte Interesse hatten, um ben Deutschen als Versuchskaninchen gegenüber ber Welt herauszustecken. Das hat man in Deutfchlanb nie begriffen, unb heute ist es viel zu spat um noch etwas baraus zu machen. Wo ich mich für biefe Frage auftlarcnb ein- gefebt habe, bin ich nur angegeriffen worben, sowohl von chmestzcher wie be onbers von beutscher Seite, weil man meine Forderung auf Auswertung unserer Chinastellung als unbeguem empfand. Schließlich ist eben gar nichts geschehen. Die Dinge Haden sich, weiterrollend durch die Klugheit, den Geschäftssinn, die Anpassungsfähigkeit, die Landeskenntnis unserer kaufmännischen Landsleute, in Firmen oder Individuen, gut ober schlecht entwickelt. Die Politik hat in Peking mehr ober minber nichts getan, konnte auch nichts tun, weil sie ihre Hauptgelegenheit unbenutzt hatten vorübergehen lassen. , Unter diesen Verhältnissen lebt nun ber Deutsche in Schanghai aus sogenanntem internationalen Boben, ber hauptsächlich van englischen Kriegsschiffen unb Solbaten geschützt wirb. Dieser Deutsch« steht unter chinesischem Recht, beim er hat ja feine Könsulargerichtsbarkeit aufgegeben. Wie weit bas chinesische Recht auf bem internationalen Boben angeroenbet wirb kann sich jeher ausmalen. Der Zustand ist einfach unhaltbar und unwürdig dazu. Der Deutsche verkehrt mit den Engländern, Amerikanern und Franzosen usw. geschäftlich, finanziell für Schiffahrt unb fo weiter durchaus auf gleich zu gleich, trotzdem ihm die wirkliche Rechtsgrundlage mangelt, benn bie neuen Rechtsbegriffe sind in Chma vorläufig nicht mal bas Papier wert, auf bem sie gedruckt finb. Wenn es anders wäre, ber chinesische Rechtsbegriff ehern baftänb«, hätte ber Deutsche nicht notwenbig, Einigungs- und Schiedsgerichtshöse zu gründen, die begreislicherweis« ihr Aeußerstes tun, StreitfäUe nicht erst vor den chinesischen Richter kommen zu lassen. Der Deutsche genießt materiell alle Vorteile ber fremben Niederlassung, ber internationalen sowohl wie ber französischen, besonbers ben Schutz für tieben unb Eigentum. Der Deutsche trägt durch feine Steuern unb Abgaben zum internationalen Heer der Niederlassung bei, dem er selbst nicht beitreten kann, denn sonst hängen ihn bie Chinesen als Ausrührer. Welche seelischen Konflikte bebrütet basl Stellen Sie sich vor, bah bas Freiwilligenheer ausmarschiert mit allem Klimbim unb Trara, mit reitenben Batterien und Maschinengewehren, mit Tanks unb Feuerwehr durch die Straßen Schanghais marschiert, bewundert von ber weißen Bevölkerung, männlich unb weiblich, unb mit l angenehmem Kitzel von ben Chinesen empfunben, bie ben größten Skandal gegen die Fremden machen. Der Deutsche bars nicht mit Militär spielen. Ich selbst hatte mich 1925 innerhalb 24 Stunben na chbem Ausbruch der ' großen Unruhen in «changhai sofort gegen die durchaus verständlich« Tendenz unserer jungen Leute gewendet, mit den Waffen in der Hand den chinesischen Unruhestiftern entgegenzutreten. Glaubt jemand, daß das mir als Sohn einer preußischen Solbatenfamilie, als Offizier aus drei Kriegen leichtgefallen ist? Trotzbem konnte ich nicht anbers unb werbe auch in Zukunft nicht anbers können, bis ber Zustanb Schanghais vollkommen geklärt ist, was wohl erst unsere Enkel erleben werben. bei E. SBi DO L be mi au be Ii A au be be bi br bi be al m bi 6 m bi 8 n ii b a b h d $ £ b ll 6 b s i 1 i Willkommen und Abschied. Von I. W. von Goethe. Es schlug mein Herz: geschwind zu Pferde! Es war getan säst eh' gedacht. Der Abend wiegte schon die Erde, Und an den Bergen hing die Nacht: Schon stand im Nebelkleid die Eiche, Ein aufgetürmter Riese, da. Wo Finsternis aus dem Gesträuche Mit hundert schwarzen Augen sah. Der Mond von einem Wolkenhügel Sah kläglich aus dem Dust hervor, Die Winde schwangen leise Flügel, Umsausten schauerlich mein Ohr; Die Nacht schuf tausend Ungeheuer, Doch frisch und fröhlich war mein Mut: In meinen Adern welches Feuer! In meinem Herzen welche Glut! Dich sah ich, und die milde Freude Floß von dem süßen Blick auf mich: Ganz war mein Herz an deiner Seite Und jeder Atemzug für dich. Ein rosensarbes Frühlingswetter Umgab das liebliche Gesicht, Und Zärtlichkeit für mich — ihr Götter! Ich hofft' es, ich verdient' es nicht! Doch ach, schon mit der Morgensonne Verengt der Abschied mir das Herz: In deinen Küssen welche Wonne! In deinem Auge welcher Schmerz! Ich ging, du standst und sahst zur Erden, Und sahst mir nach mit nassem Blick: Und doch, welch Glück, geliebt zu werden! Und lieben, Götter, welch ein Glück! Träume. Von Dr. B. Hausen. Der Volksmund berichtet recht Entgegengesetztes über die Bedeutung des Traumes. „Träume sind Schäume", sagt er einmal skeptisch, nichtige Gaukelei also, hinter der keine Wirklichkeit steht. Anderseits aber sind im Volke zahlreiche Traumdeutungen lebendig: Was bedeutet es, wenn man von einem schwarzen Hund, ausfallenden Zähnen, Feuersbrunst. Ungeziefer usw. träumt? Traumdeutung ist auch ein beliebtes Mittel in der Weltliteratur. Homer, die Bibel, das Nibelungenlied, Shakespeare schicken bedeutungsschwere Träume voraus, wenn sie die Stimmung für kommende wichtige Ereignisse vorbereiten wollen. In den Traumbüchern gar, auf deren Einband meist ein stattlicher Magier in priesterlichen Gewändern von geheimnisvollen Symbolen umgeben, abgebildet ist, wird dem Traumleben eine so hohe prophetische Kraft zugemessen, daß man für alle Dinge, die man nur im Traum zu sehen bekommen kann, das Schicksal ausgezeichnet findet, das sie ankündigen. Cs wäre aber falsch, diese Traumbücher nur als baren Unsinn zu bezeichnen, sie sind Ueberrest« uralter heidnischer Vorstellungen. Noch von den hochkultivierten Griechen wurde der Traum als ein G ö t t e r - bote angesehen, der dem Menschen^ Nachricht von kommenden Dingen bringen — oder ihn irresühren soll. Die alten Griechen haben also an die Wahrheit des Traums nur bedingt geglaubt, aber nur deshalb bedingt, weil sie überhaupt mit ihren Göttern auf vertrautem, fast menschlichem Fuß verkehrten. Wichtig ist aber, daß auch sie den -raum als den Ausfluß Übernatürlicher, göttlicher Kräfte ansahen, wie >a überhaupt in alten Zeiten alle Vorgänge in Natur und Menschenleben, deren Ursache man nicht erkennen konnte, als Handlungen von Gottern erklärt wurden, die den Menschen freundlich oder feindlich gesinnt seien. Als dann un Europa der Aufklärungszeit alles Uebernatürliche abgeleugnet wurde, mußte auch der Traum von den Aufklärern als völlig bedeutungslos betrachtet werden und aus diesem Geiste ist denn auch das Wort „Traume find Schäume" entstanden. . . Für die moderne Wissenschaft ist der Traum ganz undgarkeme Gaukelei; sie hat erkannt, daß im Traumleben tiefe Wahrheiten offenbar werden. Insofern nähern wir Menschen der Gegenwart uns wieder den uralten Zeiten der Traumdeutung. Aber ein erheblicher verschied besteht darin daß wir den Traum nicht als Ausfluß einer übernatürlichen Kraft werten, daß für uns darin nicht geistige Kräfte zum Ausdruck kommen, die dem wachenden Menschen nicht zur Vertagung stehen nein, dw Wahrheit des Traums erklärt sich für uns auf ganz natürlichem Wege. In doppeltem Sinne haben wir die Bedeutung des Traums erkannt, a Enthüller von Seelenregungen, deren man sich im Wachleveii nicht bewußt ist und die zurückqedrängt werden und als geistigen «chopfer. Für die Erkenntnis des wirklichen Seelenlebens ist der Traum für die moderne Seelenlehre von grundlegender Bedeutung geworden, wieja wettgeheno bekannt ist; alle Wünsche und Aengste, Enttäuschungen und Erwartungen spiegeln sich im Traumleben wieder, und über dm Traum gewinnt der moderne Seelenarzt einen Zugang zum inneren Leben seines Patienten, der es gewöhnlich vor den Augen seiner Mitmenschen ängstlich behütet. Weniger Klarheit besteht dagegen in der Oeffentlichke t über den Traum als aeistigen Schöpser. Wohl mancher Vater hat schon seinem Sohne scherzhaft geraten, wenn er ihn sich mühsam über Ewer schweren Schulausgabe abguälen sah: leg dir nur nachts das Buch unter den Kopf dann wirft du es im Schlafe lernen^ Oder das gutmütige Spottens Ihm hat es der Herr im Schlafe gegeben. Em wahrer Kern ist lögn diesen Worten. Schlaf bedeutet >a nicht, daß a l I e gttstigen Kraft- untätig sind; je nach der Tiefe des Schlafes liegen sie mehr oder weniger still. Hat man sich nun lange Zeit intensiv mit einer Arbeit beichoftigt. ohne an des Rätsels Lösung gelangt zu fein, dann werden durch die starke Konzentration die auch im Schlaf freien geistigen Kräfte sich mit der gleichen Aufgabe weiter beschästigen, und es ist durchaus möglich un» nicht im geringsten unnatürlich, daß die vielgesuchte Lösung gerade der im Schlafe ausgeübten geistigen Tätigkeit gelingt. Man darf also Schulern ruhig glauben, die erzählen, wie sie trotz langen Lernens am Abend em Gedicht nur sehr ungenau aufsagen konnten, während es am nächsten Morgen ohne anzustoßen frisch von ihren Lippen ging; darin liegt keine Juqendprahlerei. Eine Umfrage, deren Ergebnisse die geistige Leistung un Traum in aufschlußreicher Weise beleuchtet, hat Prof. Hoch«, Freiburg, an über 100 Hochschullehrer gerichtet. U. a. berichtete ein Professor, daß er bei seiner Doktorarbeit aus erhebliche mathematische Schwierigkeiten gestoßen sei. Er habe wochenlang umsonst gearbeitet und fei eines Abends recht niedergeschlagen zu Bett gegangen. Nach schlechtem Schlafe sei er aufgewacht, und die Lösung seiner Aufgabe fei ihm klar gewesen. Hier haben wir sehr deutlich den Fall einer unausgesetzten höchstkonzentrierten geistigen Tätigkeit, die auch im Schlafe fortbauert — »nd zwar lebhaft fortdauert, wie man daran erkennen kann, daß der Betreffende schlecht geschlasen hat — und die während des Schlafes zur Losung geführt hat. Auch an einem anderen Beispiel aus dieser Umfrage erkennt man, daß der Traum als geistiger Schöpfer nicht neue, im Wachleben unbekannte und unwirksame Kräfte wachruft, sondern daß er eine tfort- setzung der geistigen Tätigkeit im Wachzustände darstellt. Em anderer Professor erzählt nämlich, wie er bei der Entzifferung einer koptischen Handschrift auf ein besonders schwieriges Wort gestoßen sei, dessen Erklärung ihm trotz großer Anstrengung nicht gelingen wollte. Im Traum habe er die Handschrift betrachtet, und es sei ihm dabei plötzlich eingefallen, daß die schwierige Wortform an einer bestimmten Stelle des Lexikons zu finden sei. Er erwacht, steht auf und findet im Lexikon die Lösung. Hier sieht man ganz klar, daß im Schlafe keine Unterbrechung der geistigen Tätigkeit stattgefunden hat. Stine. Roman von Theodor Fontane. lFortfetzung.) „Wer ist denn der Nesse?" {ragte Stine. „Weih ich nicht. Wer kann alle Reffens kennen? Denkst du, daß ich mich um seinen Stammbaum kümmere? Jott, wie mag es damit aus- sehen! Na, überhaupt Stammbäume!" „Laß ihn das nich hören!" . „Oh, der hört noch ganz andres. Oder denkst du, daß ich mir wegen eine Treppe hoch mit Klavier un Diwan un wegen ’nen Schreibtisch, der immer wackelt, weil er dünne Beine hat, ein Pechpflaster auskleben [oll. Nein Stinechen, da kennst du deine Schwester schlecht. Oder wegen den blaffen Neffen? Ich denk ihn mir so." Und dabei zog sie das Gesicht in die Länge und drückte mit Daumen und Zeigefinger die beiden Backen ein. Stine lachte. „Ja, damit wirst du's wohl getroffen haben. Und überhaupt, ich sind es unpassend und ungebildet, daß er den jungen Menschen mitbringt Ein Onkel ist doch immer so was wie 'n« Respektsperson. Fiir sich mag er ja tun, was er will; aber solchen jungen Menschen ...ich weih nich, Pauline. Find'st du nich auch?" . Na ob ich finde. Natürlich; erst recht. Aber, Kind, wenn wir davon erst "reden wollen, denn is kein Ende. Das is nu mal so; sie taugen alle nichts und is auch recht gut so; wenigstens für unsereins (mit dir is es was anders) und für alle, die so tief drinfitzen un nich aus noch ein wissen. Denn wovon soll man denn am End« leben?" „Von Arbeit." . Ach Jott, Arbeit. Bist du jung, Stine. Gewiß, Arbeiten is gut, un wenn ich mir so die Aermel aufkremple, is mir eigentlich immer am wohlsten Ader du weiht ja, denn is man mal krank un elend, un Olga muß in die Schule. Wo soll mans denn hernehmen? Ach, das is ein langes Kapitel, Stine. Na, du kommst doch? So Klocker acht oder lieber noch ein bißchen eh'r." Drittes Kapitel. Während die Pittelkow oben bei Stine war, um sich dieser für den Abend zu verfichern, ging Olga die Jnvalidenstraße hinauf, um erst den Brief abzugeben und dann auf dem Rückwege bei Konditor Bolzan, die Torte zu bestellen. Es war ihr Eile besohlen, aber sie kehrte sich nicht dran freute sich vielmehr, eine Stunde lang ohne mütterliche Kontrolle zu sein, und getröstet« sich, „daß es noch lange hin sei bis Abend . An allen Läden blieb sie stehen, am längsten vor dem Schaufenster eines Putmeschästs, aus dessen buntem Inhalt sie sich abwechselnd eine rote Schärpe mit Goldfransen und dann wieder einen braunen Kastorhut mit Reiherfeder als Schönstes wünschte. Diesen Wunsch in Erfüllung gehen zu sehen, war freilich wenig Aussicht vorhanden, aber es schadete nicht viel weil sich ihre nächste Zukunft unter allen Umstanden angenehm qenüa gestalten mußte. Wanda, wie sie von Tante Stine her wußte, hatte meistens Sandtorte, ja mitunter sogar Schokoladenplatzchen in ihrem Schrank; und wenn sich beides auch nicht erfüllte, so blieben doch immer noch die Gerstendonbons. „ Solchen Betrachtungen hingegeben, kam Olga bis an die Chaiisfee- ftrafte wo, wie gewöhnlich in dieser kirchhofreichen Gegend, ein großes Begräbnis die Strahenpaffage hemmte. Olga, weitab davon, irgendwelchen Anstoß an dieser Wegestörung zu nehmen, wünschte ganz >m Gegenteil dieselbe so lange wie möglich andauern zu sehen, und stellte fid) besseren UeberbUcks Halder, auf eine vor einem Oel- und Spiritus» aeidräft angebrachte Steintreppe. Der Wagen mit dem Sarge war chon eine Weile vorüber, so daß sie nur noch das versilberte Kreuz über einem Meer von schwarzen Hüten hin und her schwanken sah Kutschen fehlten im Zuge (so wenigstens schien es), dafür aber folgten allerlei Baugewei.e mit Bannern und Musik; und während noch aus der Front her der Trauermarfd) der Zimmerleute bis weit nach rückwärts tönte, klang sckwn aus der Mitte des Zuges und vom Oranienburger Tor her ein zweiter und Dritter Trauermarsch herauf, so daß Olga nicht wußte, woran' sie hören und welchem Geblase sie den Dorzug geben Tollte. Neben dem k eiaeiuiiuvtiL Äeiocge tirui.gieu diene -uui-, mit vorwärts unb liegen | nur allemal eine schmale Gasse frei, wenn reitende Schutzleute von der Queue her bis an die Spitze des Zuges und dann wieder zurück! prengten. , „Wer es nur is?" dachte Olga, in deren Herzen etwas wie Neid aufteimte, I jo schon begraben zu roeroen; aber soviel sie horchte, sie konnte es bet den mit ihr auf der Steintreppe Stehenden nicht mit Bestimmtheit in Erfahrung bringen. (Einer verficherte, daß es ein alter Maurerpolier, ein anderer, daß es ein reicher Ratszimmermeister sei, wahrend eine mit braunem Torsstaub ganz überdeckte Frau, die der herannahende Zug sichtlich beim Abladen unterbrochen hatte, von nichts Geringerem als von j einem Minister für Maurer und Zimmerleute wissen wollte. „Dummes , Zeug", unterbrach sie der nebenan wohnende Butiker, „so was gibt es ja gar nid)." Aberdas Torfweib ließ sich nicht stören und sagte nur: „Warum nich, warum [oll es [o was mch geben?" Und fo [tritt man [ich hin und her. Endlich aber war der Zug vorüber, und Olga passierte nun den Damm und bog hundert Schritte weiter abwärts in die Tieckstraße ein. Nummer 27a war das dritte Haus von der Ecke: fünf Fenster Front, I drei Stock und eine kleine Manfarde. Der Wirt, ein Kupferschmied, hatte den Hof in eine halboffene Werkstatt verwandelt, in der nun den ganzen Tag über auf oft zweimannshohen Braukesseln herumgehämmert wurde, bei welchem Gedröhn und Gehämmere Wanda ihre Rollen lernte. Es . tat ihr nichts; ja, sie hätte nirgends lieber wohnen mögen, und der Kupfer- i fchmiedegefelle, der auf der obersten Kesfelrundung oft stundenlang Herumritt und sich dabei in platonischer Liebe (der einzigen, die Wanda so kleinen Leuten gestattete) verzehrte, war jedesmal ihr guter Freund. Ihre von Glasermeister Schlichting abgemietete Wohnung lag nämlich nach dem Hose hinaus und hatte hier ihren eigentlichen Aus- und Eingang. Hier | befand sich denn auch ihre Klingel und ihre Karte: „Wanda Grützmacher, Schauspielerin am Nordend-Theater." Und dieses Titels durfte sie sich rühmen, wie manche Berühmtere. War sie doch ein Liebling der Bühne, die das Glück hatte, sie zu besitzen, und nicht nur ein Liebling des Publikums, sondern auch des Direktors, der, persönlicher Beziehungen zu geschweigen, vor allem bas art ihr schätzte, daß sie, mit Ausnahme der Gage, vollkommen prätensionslos war und alles spielte, was vorkam. „Immer tapfer in die Bresche!" war einer ihrer Lieblingssätze. Sie war überhaupt für Leben und ßebenlaffen, behandelte delikate Vorkommnisse von einem gewissen höheren Standpunkt aus und hatte stereotype, dem urältesten Berliner Witzfond entnommene Wendungen, in denen sich ihre Stellung zum „Ideal" ausdrückte. Sie zog dementsprechend „ein gutes Gehalt einer schlechten Behandlung vor", und wenn ihr bei Soupers mit Bourgeoiswitwern, einer ihr besonders sympathischen Gesellschaftsklasse, die Speisekarte gereicht wurde, so zeigte sie mit einem sie kleidenden und seine Wirkung nie versehlenden Ernst auf das rasch als bestes und teuerstes Erkannte, jedesmal feierlich hinzufetzend: „Dafür laß ich mein Leben." So Wanda Grützmacher, Tieckstraße 27a. 1 Olga, die sonderbarerweise noch nie Bestellungen bei der Schauspielerin zu machen gehabt hatte, klingelte zunächst vorn bei Schlichtings, und Fräulein Flora Schlichting erschien denn auch, halbverschlafen, an der Tur . und öffnete. „Is Fräulein Wanda zu Haus?" „Zu Haus is sie; ich glaube, sie schläft. Hast du was abzugeben? „Ja. Aber ich soll es ihr selber geben." „I, gib man ..." Und damit griff sie nach dem Brief. Olga zog aber energisch zurück. „Nein, ich darf nich ..." „Na, denn komme morgen wieder!" Wanda, trotzdem sie nicht Wand an Wand mit der Schlichtingschen Vorderstube wohnte, muhte trotzdem von diefer Unterhaltung gehört haben, denn als eben die Tür zugeworfen werden sollte, war sie, wie aus der Erde gewachsen, da und sagte: „Gott, Olgachen. Was bringst du denn, Kind? Mutter is doch nich krank?" Olga hielt ihr statt aller Antwort den Brief entgegen. „Ach, ein Bries. Na, denn komm in meine Stube, daß ich ihn lesen kann. Hier is es ja stockdufter und wahrhaftig nicht zu merken, daß man bei 'nem Glaser wohnt." Dabei nahm sie das Kind bei der Hand und zog es mit sich durch die mit jedem Schritte dunkler werdende Schlichtigsche Wohnung, bis in ihre Hinterstube hinein. Hier mußte sie lachen, als sie den fonberbaren Briesverschluß ihrer Freunbin Pauline sah; bann aber öffnete sie die , verklebte Stelle mit einer aus ihrem bicken, schwarzen Zopf genommenen Haarnabel und las nun mit sichtlicher Freube: „Liebe Wanba! Er kommt heute roieber, was mir sehr verkwehr is, denn ich mache gerabe reine. Sott, ick) bin so ärgerlich und bitte Dich bloß: Komm! Ohne Dir is es nichts. Stine kommt and). Komm Klocker 8, aber nicht später und behalte lieb Deine Freundin Pauline Pittelkow, geb. Rehbein." Wanda steckte den Brief unter die Taille, schnitt Olga ein großes Stück von einem in einer Fayenceterrine mit Decket aufbewahrten altdeutschen Napfkuchen ab und sagte dann: „Un nu grüße Mütterchen und sag ihr, ick) käme punkt acht. Mit 'm Schlag. Denn wir vons Theater sind pünktlich, sonst geht es nid). Un wenn du wiederkommst, Olgachen, so kannst du gleid) die kleine Hoftreppe raufkommen, bloß drei Stufen, da brauchst du vorn nid) durch und is kein Fräulein Flora nich da, die dich anschreit und wegschicken will. Hörst du?" Und in einer Art Selbstgespräch setzte sie hinzu: „Gott, diese Flora; je weniger Bildung, je mehr Einbildung. Sch begreife diese Menschen nich." Olga versprach, alles zu bestellen, und eilte mit ihrem Beutestück ins Freie. Kaum draußen, sah sie sick) nach einmal um und biß bann herzhaft ein und schmatzte vor Vergnügen. Ader schnöber Unbank keimte bereits in ihrer Seele, unb währenb es ihr noch ganz vorzüglich schmeckte, sagte sie schon vor sich hin: „Eigentlich is es gar kein richtiger... Ohne Rosinen... Einen mit Rosinen eß ich lieber." (Viertes Kwpilei. Als Olga nach Erlebigui.g aller ihr abgetragenen Gänge, den zu , Kaufmann Mui^ahn an der Ecke natürlich mit eingereu.mt, u,ie„c. na* Hause kam, fand sie hier alles verändert und Tante Stine damit besa>af- I tigt, die rote Wollschnur der Tüllgardinen in die messingblechenen Halter einzuhaken. Ueberalt herrschte Sauberkeit unb Orbnung — nur in der Nebenstube war man nicht fertig geworden —, und bas einzige, was als Störung gelten konnte, war ein eben abgegebener Korb mit Weinflaschen unb eine vorläufig auf einen danebenstehenden Stuhl gesetzte Hummermayonnaise. . . s : Olga berichtete, daß Wanda kommen würde, was von leiten der । Pittelkow mit sichtlicher Freude vernommen wurde. „Wenn Wanda nich da is, is es immer bloß halb. Ich möckste mir nich alle Tage hinstellen un Prinzessin spielen; aber bas muß wahr fein, alle vons Theater haben so was un kriegen einen Schick un können reden. Wo's ihnen eigentlich sitzt, ich weiß es nich unb am wenigsten bei Wanda. Wanba war immer die Faulste von uns un bie Klügste auch nich un ließ sich vorsagen, und l ohne Lehrer Kulike ... na, mit dem hatte sie's. Ueberhaupt, es war ’ne pfiffige Kröte, was sonst die Dicken eigentlich nich sind. Ader immer gut unb kein Neibhammel unb gab immer was ab." Währenb dieser Rede, bie sich nur halb an Stine richtete, war die mitten auf bem Sofa stehenbe Witwe mit Geraberückung breier Silber ; beschäftigt unb trat, als sie bamit fertig war, vorn Sofa her bis an die Türschwelle zurück, um von hier aus noch einmal alles überblicken und sich von bem Gelungenfein ihres Arrangements überzeugen zu können. Wegen solcher Dinge gelobt zu werden, war ihr, bei ihrer im Grunde genommen ganz auf Wirtschaftlichkeit und Ordnung gestellten Natur, ein j wahres Herzensbedürfnis; unb wenn sie je zuvor einen Anspruch auf ein ' bafür einzuheimsenbes Lob gehabt hatte, so sicherlich heute. Alles, was aus bem ihr zur Verfügung stehenben Material gemacht werben konnte, war baraus gemacht worden und ließ wenigstens momentan übersehen, wie sehr unb zum Teil auch in wie komischer Weise sich bie hier auf- gestellten Sachen untereinander widersprachen. Ein Büfett, ein Sofa und ein Pianino, die hintereinanderweg bie von keiner Tür unterbrochene Längswanb bes Zimmers einnahmen, hätten auch bei „Geheimrats" stehen können; aber die von der Pittelkow eben gerade gerückten drei Bilder stellten bas im übrigen erstrebte Ensemble wieber stark in Frage. Zwei davon: „Entenjagd" unb „Tellskapelle", waren nichts als schlecht kolorierte Lithographien allerneuesten Datums, während bas bazwifchen hängenbe brüte Bilb, ein riesiges, stark nodjgebunfeltes Delporträt, wenigstens hundert Jahre alt war unb einen polnischen ober litauischen Bischof verewigte, hinsichtlich bessen Sarafiro schwor, baß bie schwarze Pittelkow in direkter Linie von ihm abstamme. Gegensätze wie diese zeigten sich in der gesamten Zimmereinrichtung, ja, schienen mehr gesucht als vermieden zu sein, und während sich an einem der Wandpfeiler ein prächtiger I Trumeau mit zwei vorspringenden goldenen Sphinxen breitmachte, standen ! auf dem Bücherschrank zwei jämmerliche Gipsfiguren, eine Polin und ein Pole, beide kokett unb in Nationaltracht zum Tanze onsetzenb. Am interessantesten aber präsentierte sich ber eben erwähnte Bücherschrank selbst, . besten vier Mittelfächec leer waren, währenb auf seinem obersten Brett zwölf prachtvoll in Leder gebundene Bände von Humes History of England und achtzehn Bände Oeuvres posthumes de Frederic le Grand standen unb einen wunbervollen Gegensatz zu dem „Berliner Psennig- magazin" bildeten, bas, in zwei Haufen übereinanber getürmt, unten im Schrank lag. All dies Einrichtungsmaterial, kleines und großes, Kunst und Wissenschaft, war an ein und demselben Vormittage gekauft und mittels Handwagens, der ein paarmal fahren mußte, von einem Trödler in der Mauerstraße nach der Jnvalidenstraße geschafft worden. Auf die vor allem verwunderlichen französischen unb englischen Prachtbänbe hatte der, aus dessen Mitteln dies alles kam, eigens unb mit besonberem Nachdruck bestanden, „auf daß", wie er sich in feiner spöttisch huldigenden Weise auszubrücken liebte, „bie Welt erfahre, wer Pauline Pittelkow eigentlich sei". Das waren bie Schätze, bie jetzt von ber Tür her einer letzten Musterung unterworfen wurden, und als schließlich auch noch bie Fransen bes vor bem Sofa liegenben Brüsseler Teppichs gerabe gezupft waren, sagte bie Pittelkow: „So, Stine, nu komm, nu kochen wir uns einen Kaffee, bas heißt, einen amtlichen. Un Olga holt uns was bazu. Willst du . Streusel ober bloß mit Zucker unb Zimt?" „Ach, Pauline, bu weißt ja..." „Na, bann Streusel ... Olga!" Unb biefe, bie, weil bie Tür aufstanb, jebes Wort gehört unb sick) nur zum Schein, aber eben deshalb auch um so zudringlich-liebevoller mit dem „Brüderchen" beschäftigt hatte, stürzte jetzt wie besessen aus ber Hinterstube nach vorn unb war ganz Ohr unb Auge. „Da, Olga. Nu geh! Aber von Katzfuß, nid) von Zachow. Un nasche nid) wieber und rede nachher von Krümel!" „Un nu, Stine", fuhr die Pittelkow fort, während Olga verschwand unb bas längst blank geworbene Treppengeländer im Nu hinunterrutschte, „nu roirbs auch wohl Zeit, uns fein zu machen. Aber komme nich wieder in deinem grünen Kamlott. Du weißt, so was kann er nich leiden. Unb solang es so is, wie es is, muß man doch machen, was er will. Und denn bringt er ja auch das ausgepustete Ei mit. Und die kenn ich, die verlangen immer am meisten, und roenns weiter nichts is, wollen sie wenigstens was sehn un Augen machen. Unb bas weiß auch bie Wanba. Paß mal auf, bie kommt roieber mits schwarze Samtlleib unb ’ne Rose vorn. Ich muß immer lachen." Unb wirklich, Wanba kam in schwarzem Samt unb sah sehr stattlich aus. Ihr Kopf hatte nichts von ber frappierenben Schönheit ihrer alten Schul- unb Jugenbfreunbin, aber an „Pli" war sie biefer, wie bie Pittelkow selbst zugestanb, sehr überlegen. „In Pli kann ich gegen Elisabetten nich an." Das war bie letzte Rolle, worin sie Wanba gesehen und beinahe widerwillig bewundert hatte. (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: Dr. Hans Thhrivt. — Druck unb Verlag: Brühl'sche Universitäts-Vuch- unb Steinbruckerei, V. Lange, Gießen.