MhenerKmilienvIätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgangs Zreitag, den l5.Januar Nummer4 uf die Waage, und als der Vorstand Gewicht zu prüfen. So wanderte ein zeit erwartete. „ , ™ Zur gleichen Zeit, als der „Aguila" in See stach, entdeckte der Magazinleiter den schrecklichen Irrtum. Ratten gibt es in den untersten Raumen eines jeden Schiffes, und Gift ist das wirksamste Mittel, um der Plage Herr zu werden. Daher befand sich auch im Magazin der Gesellschaft stets ein Vorrat für den Bedarf der Schiffe der Linie. Das Gift war Arsenik und wurde mit Staubzucker vermischt, um die Ratten zu ködern. Als der Leiter des Magazins wieder feine Schreibstube betrat, fiel ihm sogleich Nächtliche Bahnfahrt im Winter. Von Christian Morgen st er n. Wenn du so auf müder Nachtfahrt durch die dunklen Lande eilst, wird dir manches Graun und Rätsel, das du sonst zum Klaren teilst. Kannst das Dunkel nicht zerspähen, wirst ohn' Ende fortgerissen —: Hier ein Licht und dort ein Schatten aus durchdröhnten Finsternissen. Und du denkst, wie durch die weißen Wälder frierend Rehe ziehen, bis sie vor den Dörfern stehen mit von Frost zerschundnen Knien. Und du siehst die vielen Menschen langgestreckt im Schlafe liegen, und du siehst die große Erde alles durch den Weltraum wiegen. Du erschrickst —: Von lauter Stimme hörst du einen Namen rufen — Ja, das ist das alte Städtchen deiner ersten Werdestufen. Gift an Bord. Erzählung von Ralph Urban. auf,^>aß der Sack mit der Giftmischung fast geleert fei, und er rief, Böses ahnend, den Gehilfen, der ihm seine Befürchtung bestätigte. Verzweifelt lief der Magazineur mit der Schreckensbotschaft ins Kontor hinüber. Eo waren nur ein Beamter und der Lehrling Martin, Sohn eines deutschen Kolonisten, anwesend, da die anderen an diesem Tage ihre Mittagspause erst nach der Abreise des Schiffes hielten, die um 16.15 Uhr gemeldet worden war. Der Beamte stürzte zum Telephon und suchte den Chef des Hauses zu erreichen, erfuhr aber, daß er noch nicht in feiner Wohnung fei. Hierauf tat er aus eigenem Ermessen alles, was ihm zur Rettung der dreihundert Menschen auf dem „Aquila" möglich schien. Er rief die Funkstation des Hafens an und ersuchte, den „Aquila" durch Radiotelegramm zu warnen, womit die Angelegenheit erledigt gewesen wäre, hätte es damals schon einen ständigen Funkdienst an Bord der brasilianischen Küstendampfer gegeben. Wohl waren die Schiffe mit Sende- und Empfangsapparaten ausgerüstet, doch hatte der Funker auch andere Obliegenheiten zu versehen, so daß er nur bei Gefahr oder schwerer See ständigen Radiodienst halten konnte. Deshalb telephonierte der Angestellte auch zur Fliegerstation, mußte aber zu feinem Schrecken erfahren, daß vor dem Ablauf von zwei Stunden keine Flugmaschine startbereit gemacht werden könne. Nun wußte er sich nicht mehr zu helfen und schickte den Lehrling auf die Suche nach dem Reeder. Martin lies sogleich fort, dann aber fiel ihm etwas ein und er eilte nach dem Hafen. Es war das erstemal, daß er den Befehl eines Vorgesetzten nicht befolgte. Er selbst wollte versuchen, das Leben auf dem „Aquila" zu retten, und da gab es keine Sekunde mehr zu verlieren. Die einzige Möglichkeit, die noch blieb, war, den Dampfer mit dem Rennboot einzuholen. Ein Glück, daß er Bescheid wußte; in seinen dienstfreien Stunden hatte er die Boote des Reeders in Ordnung gehalten und oft feinen Chef bei Hafenfahrten geführt. Erft als der Lehrling im Motorboot dahinraste, begriff er die Größe der Verantwortung, die er auf sich genommen hatte, und es wurde ihm bange. Dann aber biß er die Zähne zusammen und aus all seinem Denken wurde der einzige Wille, zu retten. Glücklicherweise war das Meer ruhig und dis Sicht klar, sonst wäre sein Unternehmen aussichtslos gewesen. Kühl begann er die Möglichkeit des Gelingens zu erwägen. Cs war 16.45 Uhr, somit blieben ihm höchstens zwei und eine Viertelstunde Zeit. Der „Aquila" war um 16.15 Uhr abgedampft und hatte demnach eine halbe Stunde Vorsprung. Das Schiff fuhr mit einer Geschwindigkeit von zwanzig Knoten, und von dem Motorboot kannte er nur dessen Höchstleistung in Kilometern und das waren 44 in der Stunde. Er nahm seinen Bleistift zur Hand und in der Tasche entdeckte er ein Stück Papier: 1 Knoten = 1 Seemeile odek genau 1852 Meter in der Stunde, 20 Knoten = 1852 X 20 = 37 040 Meter ober 37,04 Kilometer pro Stunde, somit war das Motorboot um rund 7 Kilometer in der Stunde schneller als der Dampfer. Der „Aquila" hatte einen Vorsprung von einer halben Stunde gehabt und in dieser Zeit eine Strecke von 18% Kilometer zurückgelegt. Wie lange wird cs nun dauern, bis das schnelle Motorboot ihn eingeholt haben wird? Martin rechnete weiter: In einer Stunde gewinnt sein Boot 7000 Meter zurück, folglich in einer Minute den sechzigsten Teil davon, das ist 7000 : 60 = 116,7 Meter. Um die 18 500 Meier aufzuholen, bedarf es der Zeit von soviel Minuten, als 116,7 Meter in 18 500 Metern enthalten sind, das macht 18 500 :116,7 = 158,5 Minuten oder zwei Stunden und 38% Minuten. Als er die letzten Ziffern schrieb, begann seine Hand zu zittern, denn nun wußte er, daß er den „Aquila" nur uni eine Viertelstunde zu spät erreichen könne. Aber trotzdem ließ er den Mut nicht sinken und sann fieberhaft auf einen Ausweg. Wie weit werde ich um sieben Uhr noch vom .Aquila" entfernt fein? dachte er und wieder fing er an zu rechnen: Um sieben Uhr werde ich noch ungefähr 19 Minuten benötigen, um den Aquila" einzuholen, also 19mal 116,7 Meter weit weg sein, das macht 2217 Meter." Es war immerhin möglich, daß man das Motorboot aus dieser Entfernung bemerkte, wenn er Zeichen gab. Sollte man aber auf ihn trotzdem nicht aufmerksam werden — was bann? Auf dem Dachgarten ber Reederei stand der alte Chef und sah mit einem Fernrohr auf das Meer, bis das Rennboot mit dem Lehrling einen Blicken entschwunden war; aber auch bann noch starrte er sorgen- chwer in bie blaue Ewigkeit, benn bas Rennen bort braufjen ging auch um sein eigenes Leben. Bald nachbem Martin fortgetaufen war, kam ber Reeber ins Kontor zurück und erfuhr von dem fürchterlichen Unglück, das den Passagieren und der Reederei drohte. Dann hatte er erfahren, baß ber Lehrling mit einem feiner Boote ins Meer hinausgefahren sei und bald war ihm klar, daß ber Junge bie Rettung auf eigene Faust versuchen wollte. Als er ihn mit bem Glas am Horizont entbeckte, kam gerabe bie Melbung von ber Funkstation, baß es nicht gelungen wäre, mit bem „Aquila" Verbinbung zu bekommen. Nun wußte er, wenn jemanb noch helfen konnte, bann waren es Gott und ber Lehrling Martin. Als der Chef des Hauses später auf die Uhr sah, erschrak er: es war sieben. Genau um dieselbe Zeit wurde auf dem Meere die Handlung dramatisch. Das Rennboot war näher als auf eine Seemeile an den Dampfer Rund um Südamerika unterhalten eine Reihe von Schiffahrtsgesellschaften einen Küstendienst, der die großen Häfen ber verschiedenen Staate» untereinander verbindet. Einige dieser Unternehmen haben ihren Sitz in ber brasilianischen Hauptstabt Rio be Janeiro, wo vor einigen Jahren eine abenteuerliche Geschichte ihren Anfang nahm, die den Beteiligten wohl bis an ihr Lebensende in Erinnerung bleiben wird, wenn auch nicht viel darüber in bie breite Oeffentlichkeit gelangte. Der Schnellbampfer „Aquila" hatte die Anker gelichtet. Langsam wandte er sich vom Kai dem offenen Meere zu, um erst wieder nach dreitägiger Fahrt Montevideo, die Hauptstadt von Uruguay, anzulaufen Vom Hasen aus waren nur noch das Heck, die qualmenden Schlote und die unter der strahlenden Sonne glitzernden Streifen des Kielwassers zu sehen als ein junger Mann den Kai entlangkeuchte. An ber Stelle, wo vor kurzem das Schiff gelegen war, hielt er einen Augenblick erschöpft inne und sah dem Dampfer nach. Dann lief er, was ihn nur feine Beine tragen konnten, dem Bootshaufe zu, wo einige Motorboote aus bem Privatbesitz bes Reebers des „Aquila" untergebracht waren. In bas leistungsfähigste Rennboot warf der junge Mann einige Kannen Benzin, die in der Nähe standen, sprang nach, ließ den Motor an und nahm wenige Sekunden später mit Vollgas Kurs auf den schon am Horizont entschwindenden Dampfer. Es galt ein Wettrennen um hohen Preis: konnte er den Dampfer vor neunzehn Uhr, das war die Zeit des Abendessens, einholen, bann waren die Menschen darauf gerettet. Kleine Ursachen haben oft die größten Wirkungen. Das Unglück wollte es, daß an diesem Tage in dem Lebensmittelmagazm jener Schiftahrts- gesellschaft ein neuer Gehilfe feinen ersten Dienst tat. Am Morgen wurde von bort aller nötige Proviant, besten ein Schiff auf langer izahrt bedarf an Bord des „Aguila" gebracht. Unter den vielen Dingen für bas leibliche Wohl der Passagiere befanb sich auch ein Sack Staubzucker. Es gab viel Arbeit in biefen Stunben Der Magazinleiter, ber ms Kontor gerufen wurde, wies den neuen Gehilfen an, einen halbgeleerten Sack mit Staubzucker auf das vorgefchriebene Gewicht aufzufüllen. Der Neuling hatte vergessen, in welchen der Räume ber Zucker lagerte, unb ging auf bie Suche. Da erinnerte er sich, in der Schreibstube des Verwalters einen offenen Sack gesehen zu haben, der wohl das Gesuchte enthalten dürste, und fand seine Vermutung bestätigt. Vorsichtshalber überzeugte er sich, indem er ein klein wenig kostete. Hierauf führte er seinen Au,trag aus, füllte den Sack, stellte ihn auk ~ ;."'s zurückkam, hatte er nur noch das Gewicht zu prüfen. „ Sack, dessen obere Hälfte Rattengift enthielt, in die Küche des „Aguila , wo man ihn schon zur Bereitung einer Süßspeise für die Abendmahl- Oie Putzmacherin der Marie'Antoinette. Bon Carry Brachvogel. Ja, es hat wirklich einmal einen Modeminister gegeben, allerdings keinen durch Parteipolitik bestimmten, sondern nach absolutester Art erwählten, denn das Land, in dem er wirkte, war damals noch nicht auf Demokratie gestellt. So wurde er eigenmächtig von der allerhöchsten Per-, son auf seinen verantwortungsvollen Posten berufen, nachdem er allerdings unversehens und unter der Hand von einer vornehmen Dame in den Blickpunkt jener allerhöchsten Person geschoben worden war. Seine Machtbefugnisse waren innerhalb seines Ressorts unumschränkt, und seine Amtshandlungen von so weittragender Bedeutung, daß sie einen, wenn auch bescheidenen Anteil am großen Umsturz von 1789 hatten. Trotzdem wäre es falsch, den Modeminister etwa für einen verkappten Revolutionär oder einen Fortschrittler zu halten; ganz im Gegenteil war er gesinnungsmäßig konservativ bis in die Knochen, und hielt der allerhöchsten Person über alle Katastrophen hinweg die Treue, auch dann noch, als er nebst dem übrigen Ministerium längst entlassen war, dieweil man im Tempel seine Dienste nicht mehr in Anspruch nehmen durfte. Denn dieser Modeminister war Fräulein Rose B e r t i n, die berühmte Putzmacherin der Königin Marie Antoinette. Um die genialen Einfälle dieser sozusagen historischen Putzmacherin ins rechte Licht zu setzen, sei gleich vorweg hier erwähnt, daß wir ihr die Keimzelle aller späteren Modeschauen verdanken. Zum ersten Male kamen die Königin und Fräulein Bertin miteinander in Berührung auf einer in Eile neutralisierten Rheininsel unfern Straßburgs, wo der Kaiserin Maria Theresia jüngste, dem Dauphin bestimmte Tochter, die Erzherzogin Marie Antoinette von ihrem österreichischen Gefolge an Frankreich „übergeben" werden sollte. Jawohl, die fünfzehnjährige, dem Dauphin schon durch Prokuration vermählte Erzherzogin, wird „übergeben", als wäre sie nicht ein lebendes Wesen, sondern eine Sache. Und weil sie an diesem Maientag des Jahres 1770 aus einer österreichischen Sache eine französische werden muß, dar sie kein österreichisches Fädchen mehr an sich haben, muß sich's gefallen lassen, daß man sie bis auf die Haut aus- und mit französischen Waren bekleidet... Die Prachtgewänder, die man dem vor Heimweh schluchzenden Mädchen anlegt, stammen selbstverständlich aus dem ersten Pariser Atelier, benannt „Zum Großmogul", Rue St. Honore, dessen Inhaberin das noch junge und schneidige Fräulein Bertin ist. Bor wenigen Jahren erst aus der Provinz nach Paris gekommen, hat die Bertin es durch herangekommen, als ein Blick auf die Armbanduhr Martin überzeugte daß die Entscheidung gekommen sei. Er band das Steuerrad fest und stand aleich darauf in dem scharfen Luftzug der rasenden Fahrt und dem Getös/des Motors vorn am Bug, riß das Hemd vom Le>be und schwang « über dem Kopf, daß es wie eine Fahne im Sturm knatterte. Bange Minuten verstrichen, dann sah er einige Leute am Heck des „Aqmla , die sich über die Reling beugten und nach seiner Richtung 3ei8ten. Sem scharfes Auge nahm auch wahr, wie einige mit Tüchern winkten, aber onst geschah nichts und der Dampfer hielt seinen Kurs unverändert bei. Endlich verstand Martin, daß ihn die Leute für einen Sportsmann htelten, der ein Rennen mit dem „Aquila" in Szene setzte. Wieder wollte ,hn Verzweiflung überkommen, da fiel ihm der letzte Ausweg ein. Was galt sein Leben gegen das von Hunderten? Er öffnete den Benzinbehalter, füllte ihn aus den Reservekannen bis zum Ueberfließen voll goß den Rest ins Boot, tränkte sein Hemd mit Benzin, warf es auf den Boden und feine anderen Kleider dazu, entzündete em Streichholz, war es auf die Kleider und sprang in diesem Augenblick kopfüber ins Wasser- ^m Augenblick schoß eine haushohe Stichflamme auf, und eine Seku«de später flog mit gewaltigem Krach das Boot in die Lust. Eine gigantische Rauchwolke stieg gegen den Himmel. Im Maschinenraum des „Aquila" lief der Obermaschinist zum Befehlszeiger (her von der Kommandobrücke aus dirigiert wird und bei modernen Schiffen das Sprachrohr ersetzt), denn die Signalklingel schrillte, was auf hoher See immer ein Ereignis bedeutet. Der Zeiger sprang aus „Stop" und gleich darauf „Volldampf zurück". Während der Obermaschr- nist blitzschnell den Dampf abstellte und das Schraubenrad auf „Rückfahrt" drehte, worauf sich die riesigen Metallwellen, auf denen die Schiffsschrauben saßen, in verkehrter Richtung zu bewegen begannen schickte er einen Heizer an Deck, nachzusehen, was los sei. Der Mann fand oben die Besatzung in voller Tätigkeit. Ein Rettungsboot wurde klar- gemacht und bemannt. Mit Spannung verfolgten die Matrosen — die Passagiere saßen schon beim Abendessen — das Manöver der Rettungsmannschaft. Kaum war der erschöpfte Martin in das Boot gezogen worden, nahm er seine letzte Kraft zusammen und schrie: „Richt essen, Rattengift statt Zucker an Bord!" Dann verlor er das Bewußtsein. Die Matrosen verstanden nicht recht den Sinn der Warnung, erstatteten aber dem Kapitän sofort Meldung, sobald sie das Schiff wieder erreichten. Unheil ahnend eilte der Kapitän selbst in die Küche, wo man sich eben um einen Koch bemühte, dem schlecht geworden war, nachdem er bei der Zubereitung von der Süßspeise gekostet hatte. Nie im Leben war der alte Seebar schneller gelaufen als damals in den Speisesaal, wo den Passagieren eben die süße Nachspeise aufgetragen wurde. Mit einem Blick übersah der Kapitän, daß einige schon im Begriff waren, davon zu essen, und da keine Sekunde mehr zu verlieren war, griff er zu einem drastischen Mittel „Hände hoch", brüllte er in den Saal und riß gleichzeitig seinen Revolver aus der Tasche. Das bewirkte, daß die Essenden sehr erschrocken aufsprangen, aber keiner mehr den Löffel zum Munde führte. So wurden die Passagiere des „Aquila" gerettet. Die schon von der Speise genossen hatten, brachte der Schisfsarzt bald außer Gefahr. Wie sehr Martin auf die er Reise verwöhnt wurde, läßt sich denken, und als er schließlich auf dem eiben Schiff nach Rio zurückkehrte, erwartete ihn eine großartige Ueberra chung. Als erster kam sein Chef an Bord, umarmte ihn vor allen Leuten und fragte ihn, ob er sein Mitarbeiter werden wolle. So geschah der seltene Fall, daß ein armer, sechzehnjähriger Junge der Kompagnon eines reichen Reedereibesitzers wurde. ihren Geschmack und ihre Geschäftstllchtigkeit verstanden, sich den vor. "ÄfrabÄi&Ä'adum » «tauten. b?6 nun mw«. Pölich jener tolle Toilettenluxus anhub, der so viel böses Aus ehen machte und die kaiserliche Mutter, Maria Theresia, veranlaßte so mele mahnende Briese an die Tochter in Frankreich zu schreiben. Ganz im Gegenteil vernachlässigte damals die junge Frau ihr Aeußeres und ihren Anzug ehr. Diese Fünfzehnjährige, noch ein rechtes Kind, das sich nicht scheut, direkt vom Spiel mit ein paar tollpatschigen Hunden wea zur Tafel zu laufen erhitzt, zerzaust, mit nicht ganz einwandfreien Händen... So wenig'eitel und putzsüchtig ist sie in jener Zeit, daß sie sich krampfhaft weigert, einen Schnürleib zu tragen, obgleich ihre schlanke Gestalt unvermutet in die Breite gehen und eine Schulter hoher steigen will, als die andere! Die kaiserliche Mama, die Oberhofmelsterin, Fran> von Noail. [ e 5 — und der österreichische Gesandte, Mercy d 21 rg ent e au, mahnen, bitten, beschwören, bis sich das Dauphinchen nut habsburgisch vorgeschobener Unterlippe, endlich, maulend entschließt, den Schnurleib 3“ Doch^d^Tage, die Monde gehen hin, und aus dem fünfzehnjährigen ungebärdigen Kinde wird ein junges Mädchen, das Zwar den Ehering am Finger tragt, und doch noch immer Mädchen ist, ein lebhaftes, eben zum Dafeinsqenuh erwachendes Mädchen. Und da Frau von Noaclles ergebenst bemerkt, daß seine Majestät die zerzausten Haare und die nicht einwandfreien Hände stets mit Mißfallen zu bemerken geruhte, da ferner der Herr Gesandte findet, daß Madame la Dauphine sich durchaus nicht anzuziehen verstünde, wird die habsburgische Unterlippe nicht mehr maulend vorgeschoben, wenn von Toilettenangelegenheiten die Rede ist, sondern im Jahre 1772 wird Fräulein Rose Bertin zur Dauphine berufen, und nun beschreitet die Putzmacherin einen Triumphweg, der mit Tüllrüschen bekränzt, mit Taffetbändern bewimpelt, von Straußenfedern überweht, von Brillantagraffen durchsonnt ist, bis der Sturm aus die Tuilerien dieser bunten, glitzernden, raschelnden Herrlichkeit ein ^Zunächst aber bleiben die Toiletten- und Luxusbedürfnisse der Dauphine in bescheidenen Grenzen: in den Jahren 1773 und 1774 halt sich Marie Antoinette peinlich genau an das ihr ausgesetzte Budget von 120 000 Livres. Zweifellos hat Fräulein Bertin sie trotzdem gut angezo- qen denn diese noch junge, sesche Marchande de Modes verstand nicht nur ihr Geschäft, sondern war auch unerschöpflich an Einfällen für Kleider, .Mäntel, Deshabilles, Hüte, Frisuren, kurz für alles, was den Reiz der Erscheinung heben und verändern kann. In jener Zeit bedeutete die Schneiderin bei weitem nicht, was sie heute bedeutet, denn ihr kam es nur zu das zu liefern, was man bei Schulaufsätzen „die Chrie nennt, das heißt den Rohbau, das Gerippe. Die Schneiderin oder der Schneider fertigte das Kleid, aber zur Toilette wurde es durch den Aufputz erhoben, der aus der geschickten Hand der Putzmacherin kam, und welche Hand wäre geschickter gewesen, als die der Bertin, die sich des Kunststückes rühmen durfte, einhundertzwanzig Meter Gaze in Gestalt irgendeines „Poufs“ auf einem Frauenhaupt zu placieren?! Im Jahre 1774 stirbt Ludwig XV.; die Dauphine heißt und ist nun Königin und unverzüglich macht das Toilettenbudget einen Freudensprung in die Höhe, so daß es 200 000 Livres betragt. Und gar nicht lange wird es dauern, da hat die Königin schon ohne Wissen ihres Mannes 300'000 Livres Schulden gemacht, eine große Summe, wenn man bedenkt, daß das Land sich in steten Ernte- und Finanzkrisen befand, aber eine Bagatelle, wenn eine junge hübsche Königin dafür den Ruhm erkauft, die eleganteste Frau Europas zu heißen! Höher und immer hoher steigt das Tollettenbudget; Marie Antoinette heißt kaum fünf Jahre lang Königin, da kostet der Toilettenaufwand innerhalb zwölf Monaten schon eine halbe, bann eine ganze Million! Fräulein Bertin zählt jetzt in gewissem Sinne zu den ersten Frauen Frankreichs. Zweimal wöchentlich wird sie zur Königin entboten, berat mit ihr in stundenlangen Geheimsitzungen die Mode des nächsten Monats (die Mode änderte sich damals nicht etwa saisonmäßig, sondern monatlich!) und wird durch die königliche Frau so in Anspruch genommen, daß sie für ihre übrige Kundschaft, zu der alles zählt, was in Versailles und Paris eine Rolle spielt, nur noch an bestimmten Tagen zu sprechen ist, und sich auch nicht mehr in Person zu ihrer Klientel begeben kann. Ganz im ministeriellen Stil spricht sie jetzt auch von „stundenlangen Konferenzen mit Ihrer Majestät", ober auch kann man hören, ,jd) habe heute drei Stunden mit Ihrer Majestät gearbeitet", und bas Resultat dieser Konferenzen und Arbeit war immer wieder eine Prachtrobe, eine „Levite“ von unerhörtem Schnitt, und — besonders — immer aufs neue ein „pouf“, der das Tagesereignis auf den Köpfen der Damen illustrierte. Es gab neben vielen anderen ein „Pouf der Impfung", der mittels einer Keule, einer Schlange, einer Zeder, einer ausgehenden Sonne und etlichen anderen Kleinigkeiten den Triumph der Wissenschaft, in diesem Falle der Impfung, darstellte. Als die Königin von ihrem ersten Wochenbett auf« stand schuf die Berlin einen „Pouf der Genesung" und als der amerikanische Unabhängigkeitskrieg gegen England im Gange war, kam, allerdings nur vorübergehend, ein Pouf auf, der das englische Heer in Gestalt einer Schlange dafstellte, die jedoch mit solchem Realismus geformt war, daß die Damen, denen man das neueste Meisterwerk vorfuhrte, em« ftimig erklärten, beim Anblick dieses Reptils bekäme man Nervenzustande, worauf dieser mißlungene Pouf von der Bildfläche der Mode verschwand, noch ehe er richtig lanciert worden war. Auch die Keimzelle der Modenschau, die aus dem Atelier „Zum Großmogul" hervorging und dem staunenden Europa die neuesten Moden und Creations von' Paris vermittelte, war gewissermaßen bildlich. Rose Bertin schickte nämlich, wie Langlade erzählt, allmonatlich nach allen Ländern, bis nach Rußland hin, eine große, nach letzter Mode gekleidete Puppe, so daß auch die Herrscherinnen, denen das Schicksal den Thron von Frankreich und die persönliche Aussprache mit Fräulein Berlin versagt Halle, wenigstens an dem Mannequin ersehen konnten, was Mode war. — Aber der goldenen Zeil folgten blutige und eiserne, die Bestellungen der Königin verminderten sich ebenso rasch, wie sie schwindelnd empor- sie mit einer Als ick nach einem arbeitsreichen Tage ausgestreckt ' J« ______l.l -i- Cfa. mnr m '■ und ihre Kinder sind sehr Übel dran. ein Landgütchen und starb hoch- Bei Hagenbeck auf Ceylon. Von Professor Ernst V o l l b e h r. £tbtan lag sie in ihrem Bett und sehnt« sich nach dem Schlaf der nicht kommen wollte. Die Gedanken gingen. Gingen .rnrner wieder den gleichen Weg, zurück ins Krankenhaus, zu Leo. Sie horte seine ■Heben Madeln! irme 1,1 mit u/tem i «leibst du hier Isa?" Sie fühlte aus ihnen eines: seine groge und "hat. ihn geheiratet. Jetzt sitzt sie> re l.ch «,. R°»und ch mcht | Jahr/: Immer wieder war er gekommengeklettert waren nur noch nAA Q gezogen , Weiße" und nicht „Farbige , 9e”ÄroS holten das Ehepaar und das entzückende vierjährige Töchterchen mich ab, um mich zu dem dicht bei Colombo gelegenen Tier- I park Hngenbecks zu bringen. Es ist ein ausgedehntes, »um Teck bewaldetes wildromantisches Tropenterrain mit zwei Seen, zu denen Laterrt- | wände steil abfallen. In einem großen Wassertümpel gleich beim Cingang tummelte sich eine Elefantenherde. Die Tiere bespritzten stchgeiMseittg I odtt tauchten völlig unter Wasser, so daß "ur das Ende des Rusftls hervorkam. Die Sonnenstrahlen prallten auf die nassen Kor^r und machten das herablaufende Wasser grell-weiß ausblitzen. Aks ich raum angefangen hatte, dieses herrliche Motiv zu malen, wurde ich weggerufen. I engen Käfig heraus in einen größeren gesetzt werden. Durch das Witter lcklua er mit seinen scharfen Krallen nach jedem, der sich näherte. D> I Gitter mußten mit Brettern vernagelt werden. Während der ganzen Ueberführunq hin zum anderen Käfig fauchte er vor $ßut. Dann wurde ber kleine Käfig vor die Tür des großen gestellt, die beiden Eisenturen geöffnet und mit einem Satz war der Panther,in feinem neuen Gefängnis' Mein weißer Anzug und der des Herrn Hagenbeck waren bald ein Opfer der Bestie geworden, denn wir waren zu dicht herangekommen und rechneten nicht damit, daß die langen, schwarzen Tatzen so weit aus I bem Gitter herausschnellen konnten. Das Tier gab noch lange nicht ■ Oesters lag es in ohnmächtiger Wut auf beiß Rucken und schlug mit allen Vieren in® bie Luft ober gegen bic Eisenstangen. Plötzlich aber hielt es erftaunt inne denn ganz in seiner Nähe würbe ein Käfig mit einer jungen eleganten Leoparbin aufgestellt. Zuerst noch gegenseitiges 21n- bann würben bie beiden Tiere friedlicher gesinntund fingen ogar an sich auf ihre Art „Liebeserklärungen zu machen. Dies sah Herr Hagenbeck mit großem Wohlgefallen, denn er wurde gern Bastarde von diesen wertvollen Tieren züchten. — „ortr»t<>n Alle Tierarten waren im Park m ausgezeichneten Stucken Vertretern Besonders prächtig war ein Löwenpaar. Der Lowe erhob sich sofort, als er die Stimme seines Herrn hörte, und wollte von ihm gekrault werben- Die Löwin, die Babys erwartete, zeigte sich uns ebenfalls freundschaft- lick gesinnt Nicht so die beiden wertvollen, noch völlig wilden Tiger, me fauchend ihr« scharfen Gebisse entblößten, so daß man unwillkürlich $Ur8?Äbit erhielt gerade, als wir bei ihm ankamen, eine Riefeneidechse von seiner eigenen Größe.als Genossen Zw« EingeborenesMitten sie herbeiqeschleppt, und Hagenbeck erhandelte sie. Das Krokodil ging mir fernem scharftn Gebiß der Echse sosort zu Leibe Diese wendete sch aber geschickt so daß sie unverletzt blieb und sich unter Sträuchern und zwisthen Sckildkröten bergen konnte. — Reizend beim Spielen und beim Klettern sind die vielen kleinen Himalajabären. Sie sind ledesmal hochbeglückt, wenn Frau Hagenbeck oder das Töchterchen fte aus der Umzäunung herausnehmen und mit ihnen spazierengehen. «henio Aus bem großen Terrain ist viel ungekünstelte Natürlichkeit, eben>o in den vielen Hütten, in denen die Eingeborenen verschiedener Stamme leben und von denen einige mich auf gut deutsch anredeten. Mein Erstaunen hierüber beantworteten die Männer nut dem Ausruf. „Ja, Münchner Oktoberwiese ist doch das Schönste auf der ganzen Welt. Wir rftÄÄX. AS' Ä MftS Ä Benn fi« sind hier in den englischen Kolonien verachtete Wesens Nie würde ein Engländer eine Ehe mit einer Mischlingssrau oder Eingebo- 7enen eingehen Die vielen Mischlinge, die ich Hierein Ceylon zu sehen bekam stammen alle noch aus der Zeit der holländischen $errVf)aft. In' der Aquarienabteilung des Hagenbeckschen Tierparkes befindet sich eine große Kollektion indifcher Schlangen, die bekannteste ist die in Gärten und Häusern vorkommende harmlose Rattenschlange, die auch mir schon mehrmals über den Weg gekrochen war, wenn sie auf Ratten- jagb ausging. Zn gibt es hier gleich 18 Brillenschlangen, d.e giftigen Neben diesem Behälter war der der allergiftigsten Schlangen, der Tik Polonga. Wird ein Eingeborener — und dies kommt leider vftchor von ihr gebissen, so denkt «r zuerst wohl noch, daß er auf einen Stachel getreten sei. Er fällt aber bald hin, bekommt schon in fünf Minuten Starrkrampf und bald darauf tritt der Tod ein. — , ®ine dieser ausgestellten Giftschlangen hatte Herr Hagenbeck in feiner Wohnung selbst gefangen. Sein kleines Töchterchen in >^"r Unfall» ries eines Abends: „Schöne Schlange, Mutti, steh mal!" Um den Toilettentisch schlängelte sich langsam eine Tik Polonga. Zum Gluck war der Hausherr anwesend und faßte das Tier, ehe es Schaden stiften konnte. $ Viel« Tage lang fuhr ich mit dem Ehepaar Hagenbeck morgens aus arbeitete den ganzen Tag draußen und wurde abends wieder abgeholt. Frau Hagenbeck sorgte tagsüber für mein leibliches Wohl. S^jon lange hatte ich nicht mehr so guten schleswig-holsteinischen Bauernschinken und Wurst gegessen. Auf meine Frage nach dem Ursprung all der Herrlich teilen wurde mir der Bescheid, d°ß Herr Hagenbeck neben seinem T.er- handel, dem es jetzt, wo Europa sich selbst vernichtet, schlecht geht, d e Verproviantierung von Schiffen übernommen hat, das heißt, diese mit Früchten Gemüsen und Fleisch versorgt. Aber auch dies lohnt sich jetzt nicht mehr so wie früher, da die meisten Schiffe Kühlraume haben und sich für Hin- und Rückfahrt in Europa verproviantieren. Auch horte ich, daß der Hagenbecksche Tierbestand zur Anlage eines großen SvoGg schen Gartens verwandt werden soll und daß sich «ben eme Gesellschaft gebildet habe, die Herrn Hagenbeck das große Grundstuck unb alle Ziere abgekauft hat, um Colombo zu einem sehenswerten zoologischen Garten unb einem wertvollen Aquarium zu verhelfen. Für meinen Geschmack jedoch ist der jetzige Urzustand des Grundstücks malerischer. Schon letzt wandern täglich Hunderte zu dem Park und ich sah beim> Maleri alle Einaeborenentypen, die es auf Ceylon gibt, als meine Zuschauer. Unter i bem3 vor Sonne und Regen geschützten Dach des @uropaerbau^en5 entstanden auch die meisten meiner Portratskizzen. Nie werde ich die vier schönen, in altgriechischem Stil gekleideten Parsenmadchen Wffen bie lange neben mir standen, bis Herr Hagenbeck kam, diese und ihre Eltern bearüßte und mir die Erlaubnis erwirkte, eine von ihnen zu porträtieren. Ba Süd-Westmonsunzeit ist, prasselten oft plötzliche tropische Regenstrvme hernieder. Wehe dem, der dann keinen nahen Unterschlupf findet! Zwei wollen zum Theater. Roman von Hans-Caspar von Zobeltitz. Copyright 1930 by Carl Duncker-Verkag, Berlin. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung statt Schluß.) Aber dann sing Vater Rose an zu schelten: „Von bem Theaterblödsinn habe ich nun genug. Auch wenn Gertie tausendmal von großem Erfolg errählt. Sie muß fort von hier. Man hat ja keine ruhige Stunde mehr. Er ereiferte sich, und nun wunderte sich Iso: Mutter Rose versuchte zu widersprechen. „Gertie war doch so glücklich über ,hr erstes Auftreten. Das ging zwischen den Eheleuten hin und her, nicht heftig, ober doch gegensätzlich Aus allem erfuhr Isa, was Gertie erzählt. «>e folgerte. | Mia wirklich ein ganz großer Anfang. Es freute st«. Die Anmeldung Berlin kam, sie wurde an den Apparat gerufen, sprach mit Großmutter, berichtete, beruhigte. „.«„km*. I Als sie in den Saal zurückkehrte, hatte sich das Bild am Tisch geändert: fl,: un. 1° »« macht Kolleg« Büchner? Richtig: in Wien. Wird wohl M'eder eine große I Sacke werden. Na, wir haben hier auch eine große Sache gehabt, und I die hieß' Gertie Rose. Sie haben doch auch eine Ahnung vom Theater. So ein Erfolg, und ba will der Vater das Mädchen aus der Karriere "b^Flestchmann^ setzt« sich^3wieder, sprach weiter: „Nein, das geht nicht, I Herr Rose, bas lass' ich einfach nicht zu. Das verbietet nur mein künstlerisches Gewissen. Ein Talent ist ba, ein ganz seltenes Talent, 'sie hatten 1 dw Menschen nur sehen sollen: außer sich waren sie. Der ganze Pre- I mierenabenb erlebte eine Auferstehung. h TUotor I Unb Isa saß babei unb hörte zu. Ader es war wie vorher. Dieser I Fleischmann sprach von einer Welt, bie ihr im (Brunbe fremb roar. Sie I fühlte nur einen Zusammenhang: Gertie, Gertie als Freundin- alles anbere ging sie nt $t s an.^ ufib guifd)mann. Sie glitten nach unb nnm Eünktteriicken ins Geschästliche hinüber. Der Direktor mußte vo? fein^ Drganiiation erMlen von de/ wirtschaftlichen Basis seines I Unternehmens. Dann war bie Flasche leer, unb ste steckten bie Kopse 0emSionf0aingin fmuSrtotunb Isa aus bem Saal unb die Treppen zu ihren Zimmern hinauf. Arm in Arm. Unb Mutter Rose umhall e Jsa vor h/ ^immertür unb küßte sie. „Schlafen Sie gut, Kindchen. Wollen Sie noch^ein Mittelchen haben? Ich habe mir ein paar Tabletten mitgenommen. Ganz harmlos, aber nach solchen Aufregungen Helsen ste. Als ich nach einem arbeitsreichen Tage ausgestreckt auf der [uft'9en Neranba lag fuhr unerwartet ein Auto vor. Es war von „John Hagenbeck" qefenbet unb sollte mich unb meine Silber sofort zu ihm bringen. Den berühmten" Tierfänger und langjährigen Leiter von .-Hagenbeck Stellingen" kennenzulernen unb von feinen Erleb nisten zu staren, Ickon immer mein Wunsch gewesen. Schnell hatte ich mich "Mgezogen, und dE brache das Auto mich in bie Stabt, zum hohen Leuchtturm, mn finaenbetf fein Geschäft unb feine Wohnung hat. J^h3 Hagenbeck ist 63 Jahre alt, ein echter Hamburger mit markantem Gesicht Die Pfeife verschwinbet nur selten von seinen Lippen. „Sem junge Frau ist eine runbliche, gemütliche Süddeutsche. Seme fröhliche, ktets »um Necken unb Scherzen bereite Schwiegermutter stammt aus ber fröbüd)’ Pfalz". Meine Silber aus bem malaiischen Archipel gefielen ben breien unb beim Vorzeigen ber Sumatrabiiber fanb auch die Stelle von mir gemalt, wo er seine beiden ersten Ziger gefangen hatte. Alle seine Soys und farbigen Jagdgenossen wurden nun öusammew gerufen und er hielt ihnen einen aus Englisch, Singhalesisch und Deutsch hiirrheinnnheraemifcbten Vortrag an Hand meiner Silber von ber Zeit des Krieges, bie er im malaiischen Archipel verlebt hatte. Alle Gegenben, die ich gemalt, kannte er und die Silber riefen Erinnerungen m ihm wach an jene ernsten unb harten Jahre, aber auch an manches schone, wagemutige Zugreifen beim Zierfang ober beim heimlichen verproviantieren unserer kleinen Auslanbkreuzer, die das Erstaunen der Welt waren — der letzte Eintrag in ben Bertinschen Büchern betrug iw. «’WSWÄ? j r o n 3 II. reifte, der fo die wahre und verzweifelte Lage der Dinge in rnnTh/^Stuw der Dynastie ging bie Sertin ins Ausland unb kam erst nach dem Ende ber Schreckensherrschaft zurück. Ader mit bem ,,©rof3= nogul" wollte es nun nicht mehr recht gehen, denn bie Gelbmisere war zu groß und allgemein unbJo 30g ft«^ bie Bertm auf zurück, das sie aus guten Tagen berubergerettet hatte geachtet und friedlich am 22. September 1813. einmal hatte er sie gefragt: „Willst du meine Frau werden?" Sie entsann sich genau: in der Keithstratze war es gewesen, lange, bevor Büchner kam, lange, bevor der Theatergedanke da war. Ganz jung war sie gewesen, und er war ihr so alt vorgekommen, und dann war die Scheu da: er ist reich, sie werden alle sagen: „Isa ist schlau, sich den Vetter zu fangen." Sie kannte doch die lieben Verwandten und Freunde. Dann das zweitemal: Großmutter hatte Geburtstag, und er hatte sie alle ins Union-Hotel eingeladen, hatte den Tisch festlich schmücken lassen, hatte eine kleine Rede gehalten, und, als sie aufbrachen, war wieder die Frage gefallen. Sie war fortgelaufen; am nächsten Tage aber hatte Büchner mit ihr gesprochen; er hätte sie beobachtet, glaube an ihr Talent. Da hatte sie zugegriffen: Arbeit — Theater, das mußte Leo ja fernliegen, das war ja eine andere Welt. Sie hatte gehofft, ihn zu schrecken. Aber sie hatte ihn nicht geschreckt. Büchner! Da war der Gedanke. Isa schloß die Augen fester. Der Gedanke schmerzte. Warum fand sie keinen beruhigenden Schlaf? „Hätte ich doch das Mittel genommen", dachte sie. Sie hatte Büchner nicht mehr gesehen seit der unglückseligen Probe. Er war abgefahren ohne ein Wort. Das hatte weh getan, bitter weh. Er mußte doch empfunden haben, wie es um sie stand; er war doch nicht blind. Ebensowenig wie sie blind war gegen Leos Liebe. Und kein Wort zum Abschied. „Er hätte meine Liebe nicht so zurückweisen dürfen." Aber wies sie Leos Liebe nicht ebenso zurück? Sie suchte ihre Gedanken zu bremsen, aber sie gingen unerbittlich weiter. Es war ja etwas Wundervolles um eine große Liebe, um eine wartende, werbende Liebe. Wie die ihre wohl gewesen. Wie die Leos sicher war. Eine Liebe, die immer wieder bittet und immer wieder fragt. Wie oft hatte sie sich gesagt: „Er wird ja lernen, mich wiederzulieben, meine Liebe muß ja seine wecken." Und er war gegangen, ohne ein Wort. Durfte sie Leo auch so weh tun? War es nicht Sünde, ihn zurückzustoßen? Sie wußte nun: Es gibt so wenig große, echte Liebe in der Welt, daß man dankbar fein soll, wenn sie einem dargebracht wird, daß man sie festhalten soll, weil sie das Edelste ist, was ein Menschenherz zu verschenken hat. Nein, sie hatte kein Recht zu verwunden, wo sie glücklich machen konnte. Was hatte der Arzt gesagt? „Lebenswille!" Was hatte Gertie gesagt? „Du mußt ihm helfen, du!" Sie kannte nun ihren Weg. Da kam auch die große Ruhe über sie. Als Jfa am nächsten Tage ins Krankenhaus trat, hatte Peter seinen Willen schon allein durchgesetzt: er lag in der dritten Klasse als Kassenpatient. Der Saal hatte zwölf Betten, aber Peter war zufrieden. Er hatte noch seine Kompresse aus dem Kopf, sah aber schon aus anderen Augen: frisch, fieberfrei. Er winkte ihr entgegen; in feinen Augen stand schon wieder Lachen und Lebenswillen. „Gertie war bei mir", sagte er, „sprechen konnten wir hier ja nicht viel, aber gefreut hat es.mich doch." Isa war's froher ums Herz. „Was hast du denn mit Gertie?" fragte sie und konnte sogar schon lächeln. Sie ahnte plötzlich Zusammenhänge, erinnerte sich: Wie oft gatte Gertie früher in Berlin nach Peter gefragt, wie gern hatte sie ihn in ihrem Auto mitgenommen, in dem kleinen, grünen Wagen, der jetzt soviel Sorge und Leid gebracht hatte. Fest sah sie Peter an. „Also, was ist mit Gertie?" Er zwinkerte mit den Augen. „Nicht neugierig sein, Kleines. Ich erzähle es dir später." Ein Weilchen saß sie an seinem Bett, stumm, wortlos, denn er sollte ja noch nicht viel sprechen. Durch den weiten Raum blickte sie, über die anderen Krankenbetten, in denen still und blaß Menschen lagen, die sie nicht kannte, die ihr nun aber mit ihrem Schicksal verbunden schienen: gemeinsames Erleben, Kameradschaft im Leiden. Ihr Frohmut sank: warum mußte es auf dieser Erde Krankheit geben, auf dieser (Erbe, die doch eiegntlich so schön war? Noch einmal faßte sie Peters Rechte. „Ich bin bald wieder bei dir." Dann stand sie auf und ging zu Leo. Ein Schreck durchfuhr sie: er lag fast bewegungslos. Eine Schwester faß an feinem Bett: also ständige Wache. Sie wußte, was das hieß: Gefahr. Sie wollte wieder gehen. Aber da hob er die Lider, sah sie an, bewegte die Lippen. Sie mußte sich über ihn beugen, um ihn zu verstehen. „Danke, Isa." Und dann wieder wie gestern: „Bleibst du?" „Ja, Leo." „Es wird schon besser werden." So setzte sie sich an die andere Seite des Bettes, der Schwster gegenüber. Wieder legte sie ihre Hand auf die seine. Es war ganz still im Zimmer. Es wurde auch ganz ruhig in ihr. Sie sah Leo an, sah, wie er atmete, sah, daß er atmete. Das genügte ihr. Einmal dachte sie: „Gestern im Auto kam mir mein Leben noch sinnlos vor, zwecklos, heute sitze ich hier, und das ist schon ein Lebenssinn, ein Lebenszweck." Eines wußte sie selbst noch nicht: Daß sie auch wieder ein Lebensziel hatte. Aber sie spürte wie drüben bei Peter: Kameradschaft im Leiden, Der- bundensein in Schmerz und Sorge. Sie faltete die Hände ineinander und begriff plötzlich, warum Gott die Krankheit in die Welt geschickt; denn sie öffnete Tore, zeigte Wege, hemmte allzu heftig Stürmende. Ein Gedanke wurde fest in ihr: „Vielleicktt sind diese weißen Zimmer die einzigen Zellen der Rast für Herz und Hirn in unserer verhetzten Zeit; wer hier liegt, mer hier sitzt, muß einmal ganz tief über sich und feine Umwelt Nachdenken. So saß sie, sah immer nur den Vetter an, Leo Queis. Und wieder war Erinnerung da: an weiche, liebe Worte, die sein Mund gesprochen, an warme Blicke, mit denen feine Augen sie umfaßt. Und Mund und Augen waren fetzt geschlossen. Da tarn ein Sehnen in ihr auf: nach jenen Worten, jenen Blicken. Sie wartete, und die Zeit strich dahin. Die Aerzte kamen zur Visite. Sie stand leise auf, ging hinaus, blieb dicht an der Tür, lauschte. Nun klopfte ihr Herz. Drinnen waren ihr die Stunden nicht lang geworden, hier draußen schienen ihr die Minuten ohne Ende. Endlich war der Professor fertig, trat heraus. „Sie sind seine nächste Verwandte?" Sie nickte. — „Wir sind zufrieden", fuhr er fort. „Herz und Lungen tadellos. Der Körper arbeitet besser, als mir heute früh erwarteten. Ich glaube, wir können volles Vertrauen haben, wenn wir natürlich auch nie vergessen dürfen, daß der Eingriff schwer war." Er machte eine Pause, sah sie an, prüfend, durchdringend. „Sie können wieder hineingehen. Aber denken Sie auch an sich selbst. Essen Sie, schlafen Sie, machen Sie sich Bewegung. Damit Sie nicht selbst elend und nervös werden. Nervöse Menschen dürfen wir nicht im Krankenzimmer dulden, sie schaden." Sein Gesicht war ernst, jetzt hellte es sich auf. „Sie find die Schwester von dem jungen Herrn auf Station 3? Da haben Sie wohl schon selbst gesehen, daß Sie keine Sorge zu haben brauchen. Aber er darf uns nicht zu früh ausrücken. Am liebsten wäre er heute ja schon nach Jena gefahren. Ein paar Tage muß er noch Geduld haben." Auch Isa mußte Geduld haben. Nicht nur mit ihrem Kranken, nicht nur mit sich selbst, auch mit Roses, mit allen dreien. Sie verstanden sie nicht. „Sie brauchen doch nicht immer im Krankenhaus zu sitzen. Ihr Bruder und Vetter sind doch in besten Händen." Sie stellten Ansprüche an sie: Durch Weimar mußte sie die Eltern begleiten und nach Tiefurt und Belvedere. Am Dienstag hatte sie sogar mit in das Goethe-Theater kommen müssen, um Gertie zu sehen. Der Gedanke „Theater" war ihr zuerst furchtbar gewesen, aber bann hatte sie (Berties Spiel doch gepackt, hatte sie mitgezogen selbst in ihrer trüben Stimmung, und sie mußte Fleischmann zustimmen: es war eine große Leistung. Später hatten sie wieder im Hotel zusammengesessen, diesmal mit Gertie, da hatte sie es der Freundin gesagt: „Wirklich wundervoll, jetzt glaube ich auch an dich." Glücklich war Gertie über das Wort gewesen; sie war überhaupt glücklich. Vater war jetzt einverstanden; Fleischmann hatte ihn besiegt, hätte ihn mehr überzeugt als Ihr Spiel, aber das Wie war ja für den Enderfolg gleichgültig. Und Mutter Rose war stolz; sie halte sich von allen Zeitungen, die Kritiken brachten, zehn Exemplare oder mehr gekauft und verschickte sie an Bekannte. Einen Augenblick der Ueberwindung hatte Isa der Abend gekostet. Gertie ließ sich nach dem Essen Ansichtskarten kommen und sagte: „Wir wollen an Doktor Büchner schreiben; ihm habe ich doch alles zu danken." Aber als die Karte dann vor Isa lag, schrieb sie ihren Namen mit festen Zügen. Im Krankenhaus ging es aufwärts, mit Peter schnell, mit Leo langsam. Peter war ein ungeduldiger, Leo ein geduldiger Patient. Wenn Isa zu Peter kam, schalt er: Auf die Aerzte, die unbedingt noch eine Bestrahlungskur mit seinem Schädel machen wollten, auf die Schwestern, die nicht duldeten, daß er las, auf die Autos, auf den Unfall, auf Isa. Und schließlich auf (Bertie. „Warum kommt (Bertie nicht her? Sie kann mich doch auch mal besuchen." Isa beruhigte: „Sie hat zwei neue Rollen von Fleischmann bekommen. Sie hat keine Zeit." „Verfluchtes Theater!" Wenn Isa zu Leo kam, ging fein Blick freudig zu ihr. Jeden Tag war der Blick etwas frischer, freier, jeben Tag bie Stimme etwas klarer, lauter. „Bitte, telephoniere boch nach Scherkalben, Jfa, unb sag' ..Ein kleiner Auftrag folgte unb machte Jfa froh. Oder er bat: „Besorge mir ein bißchen Kaviar, Isa, aber du mußt auch davon essen." Er wandte sich zur Schwester: „Ob ich schon ein (Blas Sekt trinken darf? Fragen Sie doch den Professor." Er wartete sehnsüchtig auf die Augenblicke, wo die Schwester das Zimmer verließ; Isa fühlte es; dann sagte er: „Ich bin so dankbar, Isa, daß du da bist." Am Tage, an dem Peter entlassen wurde, teilte der Professor Isa mit: „Wir können jetzt bie Tagesschwester bei Ihrem Vetter fortlafsen. Er ist nun über ben Berg. Aber Sie müssen noch ein bißchen für ihn sorgen." Sie stand mit Peter auf dem Flur: er schon zur Reise gerüstet/ eine Falte des Aergers auf der Stirn. „Nein, nein, du brauchst mich nicht zur Bahn zu bringen. Ich finde meinen Weg schon allein. Mich braucht niemand zu bringen, verstehst du, niemand. Hier hat sich keiner um mich gekümmert, soll mir auch draußen niemand mehr helfen." „Sei doch nicht dumm, Peter, ich bringe dich." Er zuckte die Achseln. „Wenn du durchäus neben mir herlaufen willst? Ich kann's nicht hindern." Er packte seine Handtasche, bie sie ihm vom Hotel ins Krankenhaus gebracht hatte unb stieg bie Treppe hinab. Jeber Schritt war ein Vorwurf gegen bas Leden. Durch ben schmalen Vorgarten gingen sie, burch das fchmiebeeiserne Portal. Draußen stand (Bertie. Isa war erstaunt; bann fiel ihr ein: Richtig, sie hatte ihr ja bie Entlasfungsstunde mitgeteilt. „Guten Tag, Peter", sagte (Bertie. Er rückte an feinem Hut: „Guten Tag!" unb ging weiter. Sie sah ihm ins Gesicht, lächelte. „Böser Peter?" „Ich wüßte nicht, warum Ich böse fein sollte. Böse kann man nur auf Menschen sein, von benen man vorausfetzt, daß sie Interesse für einen haben. Zum Beispiel, wenn man im Krankenhaus liegt." Wieder lächelte Gertie, diesmal aber zu Isa. „Mach' kehrt, Isa, laß uns allein. Ich gehe mit zur Bahn. Ich bringe ben bummen Peter schon wieder in Ordnung." Er nickte kurz, unwillig. „Geh doch, Isa, geh doch. Sie hat ja recht. Ob du neben mir herläufst ober sie, ist schon eins." Wieber rückte er an seinem Hut. „Auf Wiebersehen. Grüß Leo." Gertie nickte ihr zu, immer noch lächelnb. Da brehte Isa um unb ging ins Krankenhaus zurück. (Schluß folgt) Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck unb Verlag: Vrühl'fche Llntverfitäts-Vuch- unb Steinöruckerei. Jt Lange, Gießen.