Jahrgang 1932 Montag, den H. November Nummer 89 der ,bus um Sag' ich Sandalen, Köcher, Bogen, denkst du sicher an die Göttin Artemis und meinst, mir sei ein Marmorbild erschienen, wie sie die Säle schmücken im Palast daheim. IawohlI So ist'sl Nur war's lebendig. Es war von Fleisch und Blut und nicht von Stein. )rmann vergißt nicht des „roten Haares Fülle" zu nennen, , ien Kopf ihr faß als Helm von Gold." Das Feuer. Von Gerhart Hauptmann. Das Feuer minn* ich, das Feuer verehr' ich. Ein Feuer bin ich, zum Feuer kehr' ich. Muß ich elnst ruhen tief In der Erden, werd' ich zum schlafenden Feuer werden. Schlafende Feuer, wachende Flammen schlagen doch einstmals wieder zusammen. Gerhart Hauptmann. Zu seinem 70. Geburtstage am 15. November. Von Geheimrat Professor Dr. Oscar Walzel. r fein neun suchen. Fw tte dort oij tag mit 6u ege mit ili das Echich if [ein fti mt, in ein« oon Lcipm en Mädchen Emma ljohi jetzt Drgd' t «ef a",n!'V .•'k W fand fj m? x ton«l8 >°urde |0go, °ng, bis eine 9(t .r ®e>ft, unj 'h trenn® Bielfeld, i", °ge ihm » « (ÜdjtigJ Qn feiner Würg eiiul e. ««M cid 1 sprach mt hn über M »es Eran» alten Mett« ’on, der H 'fanb es ol< er, daß d« faß, und« nne der ihn Eichener AinilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger es eine te nohlgetochiu , müde «oi glaube W i gelungen« sause mm । Martha« ,r der N eit Brot W und dar h iie Handt f11 ilb auf if ihn allMft! rn Profess" ,, die W\ erlieh. erq mit M fanb «ho tfenb n# den WM ftc Sie N end. ‘I daß N ihr' * befan1 f hrieb ar®* Ichricht^. SteuefUfd fanb # inig ff run» * irJ M In bem einen ber zwei Dramen Hauptmanns, die aus Umwelt spanischer Kämpfe um das neu entdeckte Mitteleuropa stammen, in „Jndipohdi", überrascht schon auf den ersten Seiten eine Bühnenangabe. Pyrrha, die Tochter Prosperos, tritt auf. Als Jägerin erscheint ie, hoch geschürzt und den Speer in der Hand. Ihr rotes Haar gleicht einer schweren goldenen Last. Die Vierzehnjährige ist hoch gewachsen unb von herber Schönheit unb Anmut. Sie trägt den Köcher mit Pfeilen auf ber Schulter. Die Artemis von Versailles also in gegensätzlichster ioltekischer Umgebung, sichtlich nicht dem Leben abgelauscht, sondern Wunschbild eines Dichters. Was die Bllhnenangabe andeutet, schildert halb baraus Ormann als sein Erlebnis; er hat Pyrrha in schauder« irweckender Gegenb erblickt, wie etwas Unbegreifliches unb Unerhörtes: ehe anbere Gleiches durchführen unb nicht mehr Komik wie einen Deckmantel bem Häßlichen umhängen. Das Ausland schritt voran. Unb wie auch sonst will der Naturalismus dem Ausland es gleichtun unb bie Stellung gewinnen, bie dort schon erreicht war. Schon Viktor Hugo hatte umwertenb bas Häßliche zum eigentlich Schönen erhoben. Dem Naturalismus schien es notwendig, beim Häßlichen zu verweilen, weil es bisher zu kurz gekommen war. Schaffte damals Wissenschaft den Begriff des Schönen^b und ersetzte ihn durch den Begriff des Aesthetischen, der auch Häßliches einbezog, so forderte die Kunstlehre des Naturalismus, ästhetische Leistung in den Dienst des Häßlichen zu stellen, da sie lange genug unb bis zum Ueberbruß bem Schönen gefront fjabe, unb zwar auf Kosten ber Wahrheit. Hauptmann erfüllte solche Wünsche bes Naturalismus In seinen Anfängen unbedenklich; seine ersten Siege bankte er auch bem weiten Raum, ben bet ihm bas Häßliche einnahm. Nur versteckt melbete sich, zunächst in „Hannele", Sehnsucht nach einer schöneren Welt an. Die „Versunkene Glocke" galt bann schon seinen Gegnern als willkommenes Zeugnis, daß er sich eines Bessern belehrt habe und zu vornaturalistischer Kunst zurückkehre — zu einer Kunst, die dem Schönen zustrebt. Kritiker, die ben Naturalismus verketzerten, fanben seltsame Silber, bas auszudrücken: „Wer hätte gedacht, daß uns die blaue Blume aus einem Misthaufen wachsen würde!" Echt germanische Sehnsucht nach dem sonnenbeglänzten Süden führte Hauptmann nach Griechenland. Im Jahre 1908 bot fein „Griechischer Frühling" die Eindrücke und die Erkenntnisse, die sich ihm ergeben hatten. Nun huldigte auch dieser Deutsche dem Geist alten Griechentums; nun entdeckte Hauptmann seine Zugehörigkeit zu Goethes Glaubensbekenntnis: unter allen Völkerschaften hätten die Griechen den Traum des Lebens am schönsten geträumt. Unbedingter aber als Goethe verband fortan Hauptmann Griechisches mit Germanischem. Das war ihm der beste Gewinn des griechischen Frühlings. In den germanischen Völkern der Gegenwart sah er die wahren Nachfahren der alten Griechen. So hätten die Gestalten der griechischen Sage ausgesehen wie jetzt die Schönsten unter den Germanen: Helena und Achill goldblond, schlank und kräftig. So zeichnet er Pyrrha unb Ormann. Diese Nichtgermanen malt er mit den Farben, die ihm seine deutsche Heimat wies. Im „Festspiel" oon 1913 schuf er dann die Göttin Athene-Deutschland; sie hat das letzte und entscheidende Wort zu sprechen. Es verknüpft antikes Lebensziel mit deutschem. Es ist das Glaubensbekenntnis, das sich seitdem und bis in die Frankfurter Goethe- rede Hauptmanns durchsetzt. Vorbereitet ist es schon lange vorher. Unmittelbar auf das „Festspiel" folgte Hauptmanns erster und bisher einziger Versuch, antike Sage in ein Drama zu wandeln. Auf Goethes Spuren wird Hauptmann diesmal ganz ungoethisch, viel ungoethischer als in der „Versunkenen Glocke". Das Drama von der Heimkehr des Odysseus bezeugt, wie weit Hauptmann antikes Griechentum mit der nächsten Gegenwart verknüpft empfindet, so eng verknüpft, daß es ins Unantike sich verliert. Das wirkt mehrfach kostümwidrig, nicht zuletzt, weit es der alten Ueberlieferung im einzelnen getreu folgt. Allerdings darf Hauptmann sagen, er zeichne die Sage und ihren Helden, wie sie wirklich gewesen sein müssen. Längst wäre uns ja altes Griechentum anders gedeutet worden, als das 18. Jahrhundert es getan hatte, voran Winckelmann und Lessing, aber auch Goethe und Schiller. Daß jedoch auch die Antike sich selbst anders gesehen hat, als Hauptmann sie sieht, ergibt sich schon aus einem eiligen Vergleich zwischen dem Drama Hauptmanns und der Odyssee. Und weil hier trotz der Formel Athene-Deutsch- land und trotz aller zugestandenen Uebereinstimmung mit Goethes Griechentum Hauptmann etwas ebenso Unantikes wie Ungoekhisches schafft, enthüllt sich am „Bogen des Odysseus" klarer als an anderen Werken Hauptmanns fein eigentlicher und ganz eigener Besitz, enthüllt sich das Wesen seiner ästhetischen Weltschau. Es ist nicht anders als in „Jndipohdi". Neben Pyrrha und Ormann waltet die abschreckende Welt ber Ureinwohner Westinbiens, neben bem Allerschönsten Allerhäßlichstes. Der Naturalist von einst will auch später nicht eine schöne Scheinwelt allein gestalten. Echtheitsbedürfnis verweilt immer noch beim Widrigen. Im „Bogen des Odysseus" mag das auf viele wirken, als setze einer zu weitem, kühnem Flug an und finke sofort auf die Erde zurück. Tatsächlich versenkt sich die Dichtung so tief in das Seelenleid des göttlichen Dulders, daß neben ihr selbst die Odyssee wie unberechtigte und unechte Schönmalerei wirkt. Das lockt nicht an, das ist vielen zu herb, ja ungenießbar. Es ist um so mehr Kennzeichen für den eigentlichen Hauptmann. Vorwürfe, wie sie der „Versunkenen Glocke" früh gemacht unb heuzutage wohl noch unbedingter gemacht werden, gelten hier nicht. Der Naturalismus, vielmehr die ganze Weltanschauung des ausgehenden 19. Jahrhunderts, hatte sich — schlicht gesagt — gewöhnt, noch am Besten und Schönsten die Schattenseite zu sehen. Das gehört zum Er selbst ist „ein ungewöhnlich nerviger und schöner Mann". Rotblondes Haar fällt bis auf bie breiten Schultern. Hauptmanns Schon- eitsibeal verwirklicht in „Jnbipohbi" sich auf Kosten ber Farbentreue unb ber Farbenechtheit. Anbers macht er es als aller Klassizismus. Er erlegt nicht einen gründlich antiken Stoff ins Antike, drängt diesem Staff nicht eine Gestaltung auf, die ihm widerstrebt. Hauptmann wahrt n „Jndipohdi" sonst und in starkem Gegensatz zu Pyrrhas und Ormanns Erscheinung mit Willen das schier Groteske, mindestens ungemein Be- rembenbe früher mittelamerikanischer Kultur. Doch gerabe so mirb (ein öunsch fühlbar, biesem Grotesken bie reine Schönheit ber griechischen Intite entgegenzuhalten. Nicht mit ben Handgriffen der Psychoanalyse (oll hier nachgewiesen werden, was im Gegensatz zur Absicht des Dichters aus (einem Werk pricfjt, und wie sich, ihm unbewußt, sein Innerstes verrat. Vernehmlich enuq tönt aus „Jndipohdi", aber auch aus anderen Werken Haupt- tnanns fein Lebensgefühl. Es ist von starkem ästhetischen Bedürfnis de- telt, von unstillbarer Sehnsucht nach sinnbeglückendem Schonen. Erscheint nicht als unlöslicher Widerspruch, daß gerade Hauptmann a 5 naturalistische Drama auf seine Hohe hinaufgefuhrt hat ? Ser Weg der Kunst des 19. Jahrhunderts senkt sich tn fast ununter« rochener Folge herab ins Häßliche Um die M'tte des Jahrhunderts «ragt der Hegelianer Karl Rosenkranz eine „rtesthetik des Haß. ichen" ooruileqen. Klang es nicht vielen damals wie ein Paradoxon, Häßliches in den Kreis des Aesthetischen einbezogen werden sollte, klassische beuttoe Kunstlehre läßt bem Häßlichen wenig Raum. Lessings „Laokoon" bulbet es zur Not in ber Dichtung, duldet es kaum in der blldenden Kunst. Der junge Goethe und noch mehr bet- junge Schiller g°währen bem Häßlichen mehr Raum, kehren aber balb ^ jlei ngs »"sicht zurück. Kleist bleibt bem Schonen getreu, wird ihm fortWratenö immer treuer. „Penthesilea" taucht Gräßliches in Schönheit Für Goethe mochte bas Werk dennoch zu viel des Häßlichen bergen. „Pnnz Friedrich Do» npht noch ein paar Schritte naher an den klassischen Goethe und an den klassischen Schiller heran. Grabbe macht bann mit d°m Häßliche " im Sa Gruft Wichtig ift, bafi» er es nicht bloß Ui« komischen Sinne bringt. Dauert es doch nach Grabbe noch recht lange, Wesen des Relativismus. Der kühne Aufschwung, mit dem wie Schiller alle Kunst von strenger und hoher Kulturhaltung Großes und Heroisches durchsetzt, war um 1900 nicht länger zu leisten. Vielmehr weckte den Anschein, ins Gemachte und Süßliche abzuirren, wer trotzdem immer noch Einheitliches und Ungebrochenes zu formen fuchte. Es war unerläßlich, daß auch bei Hauptmann sich ein Bruch kennzeichnete, wenn er sein Ideal antiker Schönheitssreude entwickelte. Athene-Deutschland kündet dies Ideal in entscheidender und für Hauptmanns Wesen besonders bezeichnender Begriffssassung. Sie feiert Eros, den Schaffenden, den Schöpfer, die fleischgewordene Liebe, die sich auswirkt im Geist. „Und aus dem Geist wiederum in Wort und Ton, in Bildnerei aus Erz und Stein, in Maß und Ordnung, kurz in Tat und Tätigkeit." Sie fordert auf, ihr „in des deutschen Domes Liebesnacht äU SeU^der „Versunkenen Glocke" trug Hauptmann dies Glaubensbekenntnis in immer neuer Wendung vor. Es ist das Dogma des „Hellenismus", wie es von Heine verfochten wird, auch Heine steigert nur, was er schon vorgefunden hatte, in noch mehr Diesseitsfreude der Sinne. Wie Heine wehrt sich Hauptmann gegen allen „Nazarenismus", gegen die Religion der Entsagung und der Selbstaufopferung. Und beiden wird folgerichtig das Weib zur Priesterin des Eros und zum Anlaß aller Leistung und allen Glücks des Mannes. Am ungebrochensten vertritt der „Ketzer von Soana" diese Heilslehre. Die meisterhafte Erzählung von 1918 ist zugleich Hauptmanns kunstvollstes Bekenntnis zu seiner schönheitstrunkenen Weltschau. Sechs Jahre später konnte der utopische Roman „Die Insel der großen Mutter" dieselbe Melodie nur noch reicher instrumentieren, vielleicht überreich. Symbolhaft gipfelt der „Ketzer von Soana" in der Abzeichnung der bannenden Schönheit des Weibes, die aus einem Geistlichen den Ketzer gemacht hat. Sie hat, das ist der Sinn des Berichts, ihm reueloses Glück geschenkt. Was schiert es ihn, daß die Welt ihn ausstößt? Wirklich könnte es scheinen, als vertrete Hauptmann diesmal ohne alle Einschränkung die Herrlichkeit und die erlösende Kraft der fleischgewordenen Liebe. Er tut es auch hier nicht. Eben noch hat er das runde frauenhafte, trotz stolzen Selbstbewußtseins holde Gesicht abkonterfeit, das, von starkem Haarwuchs wie von rotbrauner Erde umgeben ist. (Abermals also Züge, die verwandt sind mit denen Pyrrhas.) Dann heißt es: „War das nicht die Männin, die Menschin, die syrische Göttin, die Sünderin, die mit Gott zerfiel, um sich ganz dem Menschen, dem Manne zu schenken?" Seit den „Einsamen Menschen" kehren in Hauptmanns Dichtungen die Frauen immer wieder, die im liebenden Manne den Geist wecken wollen oder wecken. In den „Einsamen Menschen" verharrt es noch bei geistiger Liebe. In der „Versunkenen Glocke" nicht mehr. Dafür vernichtet im Märchenstück Rautendelein schon den Meister Heinrich. Eros, der sich im Geist auswirkt, wird zum Zerstörer. Das steigert sich allmählich. „Gabriel Schillings Flucht" drängt den Künder beglückender und den Geist des Mannes befruchtender Liebe schon an die Seite des Frauenfeindes Strindberg. Ist Verwandtes nicht schon im „Fuhrmann Henschel" festzustellen? „Kaiser Karls Geisel" und der Roman „Atlantis" halten es nicht anders. Nach diesen Dichtungen steigt der „Ketzer von Soana" sogar zu einer Höhe der Schau hinaus, für die das Weib wieder etwas Beglückendes gewinnt und zugleich eine edlere Haltung. Gefährliches birgt sich dennoch in ihr, eben die überwältigende Macht, um derentwillen Strindberg dem Weib Krieg angesagt hat. Eigentlich ruht dies Gefährliche aber im Manne, dessen Sinne ihn an das Weib fesseln. Fleischgewordene Liebe erlöst, aber sie bindet auch. Sie bindet auch das Weib. Wenn Hauptmann verstehend in die Frauenseele hineinblickt: er ist doch nicht ein unbedingter Frauenlob. Er verschweigt nicht die Schwächen des Weibes. Seine Frauen gelangen dadurch zu um so echterem Menschentum. Es sind Menschen mit ihrem Wider- pruch und durch ihn. Weil Hauptmann seine Gestalten von allen Seiten ieht, gilt er mit Recht für einen auserlesenen Former der Menschen, wie ie eigentlich sind. Er op ert nicht einem Wunschtraum ihre Echtheit auf. In gleichem Sinne ist ein Odysseus gedacht. So wie dieser Odysseus muß nach Hauptmanns Ueberzeugung der göttliche Dulder gewesen sein. Alte Sage hingegen hat Odysseus umgeformt, getragen von dem Wunsche, ihn so zu sehen, wie man ihn gern sehen möchte. Gerhart Hauptmann und die Jugend. Von Hans von Hülsen. Gerhart Hauptmann — und die Jugend? Erscheint es nicht aus den ersten Blick paradox, die Frage zu stellen, was den nun über die Schwelle des Patriarchenalters tretenden Dichter mit der Generation verbindet, die jetzt jung ist? Mehr als ein Erddiamcter scheint beide zu trennen. Hauptmann entstammt einer Zeit, die sich von den Idealen der jetzigen Jugend nichts träumen ließ und nichts träumen lassen konnte. Seine geistige Gestalt schien ebenso wie sein Weltbild abgeschlossen, als die kosmische Katastrophe des Krieges eine neue Zeit, eine neue Welt heraussührte. Er näherte sich damals den Sechzig, zwei Generationen waren ihm nachgewachsen und die jüngste drängte, vom Zeitgeist beflügelt, ganz besonders ungestüm und ganz besonders ehrfurchtslos nach vorn. Wenn durch nicht anderes, so war sie durch das Kriegserlebnis von einem Manne geschieden, dessen Wurzeln in einer anderen Zeit ruhten und aus einem anderen Humus ihre Nahrung zogen. Die Jugend war, was Hauptmann höchstens einmal, in den „Webern", gewesen war: aktivistisch — und nicht nur die künstlerische Jugend, der dichterische Nachwuchs war so, sondern alle Jugend, die im Kriege ausgewachsen war. Wo sollte da eine Verbundenheit zwischen der Jugend und dem grand old man der deutschen Literatur Herkommen? Und doch geschah cs gerade in jenen ersten Jahren nach dem Kriege und Umsturz, daß der Dichter Gerhart Hauptmann, der vor der Weltwende allzusehr und allzulange eine Angelegenheit der „Gebildeten" und des Premierenpublikums gewesen war, mächtig in die Kreise der Jugend eindrang. Die Schulen, die mit frischem Schwung viel vom alten, rückwärtsgewandten, gegenwartsfernen Geist einer vergangenen Zeit an< geworfen hatten, bemächtigten sich des Hauptmannschen Werkes als Schullektüre. Der Verlag S. Fischer begründete die Reihe seiner Schub ausglaben von Hauptmannschsn Dramen. Die Universttötsbibliothek, aus der ja — und in unserer verarmten Zeit doppelt — die Jugend einen Hauptteil ihres Lesestoffes bezieht, brachte volkstümliche Ausgaben von Hauptmannschen Dichtungen heraus. Manches freideutsche Jugend- loger führte Szenen aus Hauptmanndramen auf oder stritt sich in Debattierkursen über den Dichter und sein Werk. Und wenn eine persönliche Erfahrung angeführt werden darf: so mancher Primaner unD manche Primanerin hat mündlich und brieflich bei dem Verfasfer, als dem Biographen Gerhart Hauptmanns, Hilfe gesucht, wenn das Abb turientenexamen eine Arbeit über Hauptmann verlangte. Stattlich ist heute schon die Zahl der Seminararbeiten und der gedruckten Dissertationen, die sich mit dem Problem Hauptmann oder einer seiner vielten Verästelungen beschäftigen. Und zwar ist es bei diesen Arbeiten nicht etwa nur der junge, schon historisch und also schulgerecht gewordene Hauptmann, um den sie kreisen, sondern mindestens ebenso der alte Dichter, dessen Werke, mit letzten Angelegenheiten des Mythos beschäftigt, der zeitgenössisch-aktivistischen Jugend so fern zu stehen scheinen: eine umsangreiche Dissertation von dem jungen Leipziger Doktor Lothar Helmut Schwager über Hauptmanns „Till Eulenspiegel" zählt zu den wertvollsten Gaben der jüngeren Hauptmann-Literatur. Und unter der künstlerisch schassenden Jugend fleht es wohl nicht viel anders aus. Eine Umfrage über das Thema „Gerhart Hauptmann und das junge Deutschland", die Ludwig Kunz veranstaltete und veröffent- lichte, bringt neben manchen verständlichen Einwendungen eine fast erstaunliche Menge von Zustimmungen junger und jüngster „Kollegen" zu dem Gesamtwerk des altgewordenen Meisters. Und es war in den Breslauer Hauptmann-Tagen zu Anfang September einer der schönsten und menschlich ergreifendsten Augenblicke, als Gerhard Menzel, der junge Schlesier und selbst ein Dichter von Rang, vor Hauptmann hintrat, um ihm in warmen, gesühlten Worten den Gruß der Jugend zu bringen. So fehlt es also nicht an sehr beredten Zeugnissen dasür, daß sich in der Stellung einer Jugend, die nach der Katastrophe von 1918 glaubte, alles und also auch Hauptmann, „überwunden" zu haben, eine Wandlung vollzogen hat. Welches sind ihre psychologischen Gründe? Die Sterne, die in den ersten Jahren nach dem Umsturz der Jugend leuchteten, sind erloschen. Vom „Expressionismus" bis zum „Dadaismus' haben sie nicht gehalten, was sie versprachen oder was man, allzu gläubig, weil allzu neuerungssüchtig, sich von ihnen versprach. Und mit ihnen ist der Glaube erloschen, der damals nicht die schlechtesten Geister bewegte: daß aus den Ruinen eine völlig neue Welt, eine neue Gesinnung, eine neue Politik, eine neue Kunst erstehen würde. Niemand hat wohl eine tiefere Enttäuschung erlebt, als die jungen Menschen jener Jahre, die dieses Glaubens Flamme nährten und denen der gerecht denkende Beurteiler eben um dieses schönen und reinen Glaubens willen viele Unzulänglichkeiten und manche Entgleisung in Ungeschmack und Ehrsurchtslosigkeit nachsah. Jetzt dürfte sich allgemein die Erkenntnis durchgesetzt haben, daß es eine „voraussetzungslose" Kunst nicht gibt, wie es auch keine Politik und überhaupt kein Ding im Leben gibt, das nicht irgendwie organisch an das Vergangene anknüpst. Feinere Ohren haben das Erwachen eines neuen Traditionsgefühls schon gehört, als der Ruf nach etwas anscheinend so grundstürzend-radikalem, wie der „Neuen Sachlichkeit", aufklang. Sachlichkeit? Das hatte es in der dichtenden,, zumal der dramatischen Kunst schon einmal gegeben, es hatte sich „Naturalismus" genannt und sein Exponent war Gerhart Hauptmann gewesen! Hier schlug sich eine Brücke, und um so leichter, als ja die soziale Gesinnung des Dichters der sozialen Gesinnung der Jugend begegnete. Auch hier war Tradition — im Grunde genommen waren die sozialen Forderungen, die die Jugend nach 1918 bewegten, nicht sehr verschieden von denen, die ein Vierteljahrhundert vorher b irt den „Webern" gewaltig am sozialen Gewissen der Zeit gerüttelt hatten: man hatte dar- nur in dem Wahn, eine ganz „neue" Welt heraufzuführen, übersehen! Es kommt hinzu, um das nur kurz anzudeuten, daß [eit einigen Jahren gerade in der Jugend eine neue Innerlichkeit und Religiosität fid)1 regt, eine dogmensveie Religiosität, die an die vom schlesischen Mystizismus stark beeinflußte Urchristlichkeit Gerhart Hauptmanns an Hingt. Aber die letzte und tiefste Ursache dafür, daß die Jugend, nach einer Episode der Entfremdung, sich Hauptmann wieder sehr genähert hal- liegt natürlich darin, daß sich das starke und reiche dichterische Wem Hauptmanns durchgesetzt hat — auch der Jugend gegenüber, die, obwohl, auf anderen Pfaden und mit anderen Mitteln, das suchte, was alle unbedingte Jugend sucht: das Wahre. Und auch die Jugend fühlt heute, bafb es im ganzen Bereich deutscher Dichtung kein anderes Werk von solcher unbestechlichen Wahrhaftigkeit gibt, wie das Gerhart Hauptmanns. Als- der Dichter kurz nach feinem fünfzigsten Geburtstage im Auditorium- maximum der Leipziger Universität vor den Studenten stand, durfte er zwei Dinge ausdrücklich für sich in Anspruch nehmen: die Ireue gegen- sich selbst und den Mut zur Wahrheit. Dieser Mut zur Wahrheit, der ihn so oft im Leden gegen den Strom schwimmen ließ, verbindet ihn,, auch über Wert und Wirkung des einzelnen Werkes hinaus, mit ber Jugend, deren eigentliches Lebenselement er ist. Und der Dichter durste- damals in Leipzig hinzufügen: „Zur Treue gegen sich selbst, zur Wahrheitsliebe gehört der Mut! Ohne den hohen Mut der Jugend vermögen, wir nichts von Belang auszurichten!" In Gerhart Hauptmanns ernstem und aufrichtigem Geben, das keiim Konzessionen an Modeströmungen kennt und ausrecht durch ein Meer von Verkennung, Verlästerung und Aechtung selbst hindurchgeschritten ist, liegt etwas Beispielhaftes, an dem noch Generationen von 3ugeno,. selbst wenn sie ganz anderen künstlerischen Zielen zustreben, sich bilden können. Werkes üli ? ner SchA M‘ Null '« Ausgaben 1° 2ug«T sich in ®e. e'"e petjöu, imaner uni lctMicr, all in das U|, und der $(, i oder einn esmArdeile, )t geworden i|o der alk ihos be|^ö|> cheinen! eint ittor Loihit zählt zu d» oi)I nicht old f iptmann un) I nd oeröffeni' | eine säst «■ I Kollegen" ji I war in d« I der schönst« I enjel, ta | iphnann hl» K r Jugend - I ifür, daß V 1918 glauWt, eine Wand tde? z der Sugtiil „DadaistM i man, oüp ■ad). Und ui ließen Geist ne neue 6 tbe. üiienw! lenschen W i der gm Nibens o# leschmack » e Erkennl«'- nicht oM libt, bas * Ohren h* als der »- ’ der „Sier dichte«' atte sich > auphnann? jabieW ;nb begeB" chrH SS* nd, "£'*s shuM >rt v°"! 8t ’M °erdE> •S«5 *>* *frf M, '*** 6(1 Mit Max°R e"i"nh a r d t, Gerhart Hauptmanns größtem Regisseur, der noch bei der Ausführung der „D o rot Hea A n g e r man n hohe Kunstwerke des Lichtes und der (Sprech-) Klange vollbrachte, sind die Aufführungsmöglichkeiten Hauptmannfcher Bühnenwerke nicht erschöpft. Die Versuche Paul Graeners, „Hanneles Himmelfahrt als Oper zu gestalten, und Jürgen Fehlings die Armenhausgestalten das totmatte Hannele spukhaft umtanzen zu asten, weisen in d.e Richtung ir der Hannele", „Die versunkene Glocke , „Schluck und Jan un/'vor allem"die noch selten richtig aufgeführte „P i p P a“ darzustellen sind: nämlich musikalisch und tänzerisch I Oer Knegskommifsar des Königs. Roman von Friedrich F r e k s a. Copyright 1931 by August Scherl, G. m. b. H, Berlin. (Fortsejzung.) „Wenn es doch immer so bliebe"! seufzte Emma. Am andern Tage wartete das Kabriolett des Herrn von Bielfeld schon vor der Post, um Heinrich nach dem Gut des Barons abzuholen das eine Stunde von Altenburg entfernt lag. Heinrich traf gegen Abend auf Treben "ein und erfuhr, Lß die Herrschaft auf einige Tage nach Dresden gefahren sei. Ein Diener führte ihn aufs Zimmer. Er machte sich's bequem, erhielt ein gutes Abendbrot und ein Bouteille Wein. Der ungewohnte Genuß machte ihn müde, so daß er fest einschhef. Am nächsten Morgen machte er in seinem alten Flauschrock und Studentenstieseln einen Gang durch das Schloß und den Garten. Ms er etwa um sehn zurückkam, sah er aus der Terrasse einen alten Herrn in braunem, silberbordürtem Rock stehen, der die linke Faust m bk Huste stützte und mit der Rechten sich über das Kinn fuhr, als prüfe er ^"He?nrich' stutzte, aber der alte Herr prüfte die Rasur ruhig weiter, und seine Miene oersinsterte sich. Heinrich verneigte sich. Der alte Herr grüßte gemessen zuruck und fragte höflich. „Ich habe wohl die Ehre, den neuen Herrn Sekretarius und Bibliothekorius be- „De/bin "ich!" antwortete Heinrich und fragte: „Mit wem habe ich ^^Der alte^Herr richtete sich auf, behielt die Faust in der Hüfte, ließ die Rechte hängen und sprach aus breiter Brust: „Aurel Flams, Haushofmeister in Diensten des Herrn Barons." Alsdann musterte er wieder Heinrich von Kops bis zu Füßen und sagte: „Sie sind wohl bisher noch nicht tätig gewesen in Häusern des Adels? Ist meine erste Stellung! gab Heinrich zu. "Hab' es mir gleich gedacht!" meinte der Alte. „Ich hab s an Ihrer Garderobe gesehen, mein junger Herr Doktor. In solchen Hausern wie in diesem trägt man schon des Morgens Schuhe und Serdenstrumpfe und uni den Hals ein weißseidenes Tuch,ein!" Derart ausgerüstet bin ich nicht! stammelte Heinrich. , "ßnfien Sie mich Ihr Gepäck sehen!" meinte wohlwollend der Haushofmeister. Gemeinsam besahen sie nun, was vorhanden war. „Ich werde der .Justiz" nicht getroffen werden darf. — Im „Peter Brauer haben wir die Tragikomödie des Halbkünstlers vor uns, dessen Toren- frage auch in allem blauen Dunst wieder sichtbar wird. „Schluck und I au" aber ist der höchst komische Sturz des Landstreichers, der im burlesken Traum ein Fürst war. Gerhart Hauptmanns Tragödien sind nicht Bespiegelungen oder gar Verherrlichungen des Schwächlings. Es sind vielmehr ehrliche Bekenntnisse des Menschlichen, Bekenntnisse zur Menschenkleinheit, die — eben tragischerweise — auch im Größten steckt, Bekenntnisse zum Schicksal, das „nicht ruht, bis es uns schuldig gemacht hat" und klein kriegt. Und die- enigen, die unter solchem Schicksal stehen, hadern und mühen und ringen und schlagen sich genug. „Florian Set) er", „Versunkene Glock e", „MichaelKrame r", „Indipohdi" sind durchaus überzeitlich von vornherein, sind, gerade im Historischen, offensichtlich Spiegelungen des Ewigen. Aber auch „Vor Sonnenaufgang" und „Einsame Menschen", bei denen es den Handelnden und Zuschauenden vorkam, „als ob was Dumpfes, Drückendes allmählich von ihnen wiche, als ob die übertriebene Spannung zwischen Angst und Fanatismus ausgeglichen fet und ein frischer Luststrom aus dem zwanzigsten Jahrhundert hereinschlage", sind Träger des immer wieder Wichtigen. Und will man es Gerhart Hauptmann, der so viel allgemein Gegenständliches schuf, allzu sehr verargen, daß er in seinem Alterswerk „V o r Sonnenuntergang" einen und noch dazu machtvoll ergreifenden Schrei des ganz privaten Menschen ausstieh?! . , . Hauptmanns Dramatik schafft in jeder Szene em Drama im Kleinen: mit Auftrieb und Sturz. Ja fogar in den Bühnenwerken, die, auf einem Standpunkt des Ausruhens gewissermaßen, dem Zuständlichen, Romantisch-Idyllischen dienen, ist jedes Bild ein Träger des ganzen Form- willens. Hauptmanns Menschen sind keine Puppen (abgesehen natürlich von den absichtlichen Puppen im „Festspiel in drutschen Ret- rn e n") und keine Kulissenlarven, sondern warmblütige Geschöpfe in einer begreiflichen Umgebung mit verständlichen Lebensäußerungen. Darum greifen die Schauspieler auch gern zu: sie finden bei Hauptmann selbst in kleinen Chargen, gute Rollen (im besten Sinne des Wortes): diese Rollen sind auch nicht in einem dürren und langweilenden Papierdeut|ch ab gefaßt, sondern sind unmittelbar aus dem Leben gesprochen ... so redet wie Luther sagt, „die Mutter im Hause, das Kind auf der Gassen der gemeine Mann auf dem Markte", ... sie sind sprechbar-, und sind doch nicht kleinlich naturalistisch: im Gegenteil, sie sind manchmal gerade im Mundartlichen, rhythmisch unterstromt, wenn z. B. der Fuhrmann Henschel sein Leben überblickt: „... da fand ich woll einn Augenblick daß ich mer dachte, nu werd's woll genug fein, nu kann er mer nich mehr vill nehmen dahier. Sehn Se: er hat's doch fertig gebracht. Von Gusteln will ich gar nicht reden ... verliert man a Weib, »erücrt man a Kind Aber nein: ane Schlinge ward mer gelegt und in die Schlinge, Trostlied der Engel an das arme Hannele. Von Gerhart Hauptmann. Auf jenen Hügeln die Sonne, Se hat dir ihr Gold nicht gegeben, as wehende Grün in den Tälern, es hat sich für dich nicht gebreitet. Das goldene Brot auf den Aeckern, dir wollt' es den Hunger nicht stillen, die Milch der weidenden Rinder, dir schäumte sie nicht in den Krug. Die Blumen und Blüten der Erde, gesogen voll Duft und voll Süße, voll Purpur Und himmlischer Bläue, dir säumten sie nicht deinen Weg. Wir bringen ein erstes Grüßen durch Finsternisse getragen, wir haben auf unfern Federn ein erstes Hauchen von Glück. Wir führen am Saum unsrer Kleider ein erstes Duften des Frühlings; es blühet von unfern Lippen die erste Röte des Tages. Es leuchtet von unfern Füßen der grüne Schein unsrer Heimat, es blitzen im Grund unsrer Augen die Zinnen der ewigen Stadt. Oer Dramatiker Hauptmann. Von Dr. Johannes Günther (GDS.). Drama heißt auf deutsch „Tat" und ist auch wirklich die Dichtungsart welche die Tat, die überragende Tat, zum Gegenstände hat das Walten eines Menschen, der nicht mittrottet, der nicht Durchlchni ts- erwartungen erfüllt, fondern der sich überraschend und über das Maß emporhebt, und zwar so weit emporhebt, daß Menschenkrast sich nicht mehr in dieser Höhe halten kann und adsturzen muß, — oder dem Neide der Durchschnittsmenschen nicht entgehen kann und von den Kräften der Tiefe mit zähen Anstrengungen gestürzt wird, — oder eme gottgewollte Ordnung schändet und auf das Maß zuruckgefuhrt wird, oder end- kick in törichter Anmaßung erkannt und beschämend gedemutigt wird, im prffpn linh zweiten Fall stehen wir erschüttert und mitleidend vor dem Schicksal des tragischen Menschen, im vierten Fall lachen oder lächeln wir über die Komödie oder Tragikomödie, im dritten Fall wendet sich unsere Anteilnahme von dem eigentlichen dramatischen Menschen ab und wendet lick dem zu der die gottgewollte Ordnung nuederhers eilen hilft. D e D cktunasart die auch noch unter dem nie ganz wegzuleugnenden ?manqe T/Site/bcr 2Iufful)run0S=3eit und des Buhnen-Raurnes ^hnp tirnft unb ohne Entscheidung. Dilettanten gibt es leider sehr viele WüsÄv, «£ä- Sä g eines muSen - tl>e«ri"„ ion ÄÄX "SÄlSW* zSorienln das schlichteste soziale Gebot zu ersuue , ,, wundervoll zu Mensch" zu bewe sen, d° versagt er da stürzt Angst reines Mädchen konnte er he'raten, “ t g geht von dannen, fast 'S »«; ÄSlmmel- un» „«Ire» Sol» Ä* w »er fid, 3«. In Hauptmanns Drama „E l » ! a m e crI2bt sich über doch ihre bannende sErllche Macht u d t bt be5 Künstlers, der „D,e versunkene <31 o a e innensrohe Natur, aus Konvention aus der dumpfen U n n a tu ri n stark,s es Y hineinstrebt, aber und kleiner Nörgelei m schwmf®n 5? bc5 guten aufgibt, und in mit diesen Uederwindungen auch Bindungen oes wui '»Winter- Sünden hineingerät, die seine Schwungkraft^^ @otte5- eines M°enschen,b"de'r' sich im "Gegensatz zu ftinem Berus mit deruralten fast SnläV'Ä?“** """ hier in der Komödie ist es der Amtsvorsteher ,u ben SÄuS»“5’”»»<• n°°" Ihnen aushelfen. Unsere Füße dürften die gleiche Größe haben, und ich werde mit dem gnädigen Herrn Rücksprache nehmen. Es ist notwendig, daß Sie einen Gehaltsvorschuß bekommen, um sich so zu equipieren, wie es in unseren Diensten nötig ist." „Was, schätzen Sie, wird das kosten?" fragte Heinrich beklommen. „Hundert Taler!" meinte der Haushofmeister. „Viel Ehr' fordert Schmer!" Heinrich war ganz geschlagen. Er hatte gedacht, in diesem Hause würde er sparen können, und nun sah er ein, daß das vornehme Leben auch vornehme Kosten machte. Aber bald hatte er sich in seine neue Stellung gefunden. Zum ersten Male in seinem Leben nach der Wußower Zeit konnte er sich wirklich satt essen. Zum Frühstück erhielt er einen guten Kaffee, Milch, Butter, Brot, Honig, Eier; über die Mittagszeit standen fünf trefflich bereitete Gerichte zu seiner Verfügung, Wein ward ihm bereitgestellt, soviel er mochte; nachmittags konnte er spazierensahren oder reiten, und der Appetit wurde durch ein kräftiges, gutes Abendessen gestillt. Als der Baron kam, hatte Heinrich sich schon eingewöhnt in dies neue Leben. Am Abend bei der Tafel unterhielten sich die Herrschaften mit ihm aufs freundlichste, und der alte Haushofmeister, der wie ein Feldherr an der Tür stand und die Lakaien dirigierte, nickte ihm wohlwollend zu. Er brachte ihm am nächsten Morgen eine Börse mit hundert Talern in Gold und erbot sich, möglichst preiswert bei den Händlern des Fretherrn das Nötige zu bestellen. Die Arbeit war angenehm und nicht allzu schwer. Es galt, die Bibliothek zu ordnen, neue Kataloge anzufertigen, lieber die Neuerscheinungen wurde jeden vierten Tag berichtet, und des Abends nach Tisch ging die ganze Gesellschaft in den Musiksalon; und wenn das Fräulein oder die Dame nicht spielte oder der Herr nicht die Flöte blies, mußte Heinrich aus dem neuesten französischen Buch vorlesen. Seine Pflicht war es, die hervorragenden Partien herauszusuchen, das Dazwischenliegende kurz zu erzählen; gefiel dann das Buch, so las es die Herrschaft selbst noch einmal, lieber diese literarischen Darbietungen wurde ein iagebud) geführt und ein Leseverzeichnis eingerichtet, damit die Damen schnell das Nötige sanden, falls eine Konversation genaue Kenntnis erforderte. Der Baron von Bielfeld war ein weitgereister Mann. Er war an den Hof des Königs von Preußen gekommen, da dieser noch in Rheinsberg wohnte, und von dem jungen Monarchen hochgeschätzt als geistreich ü>1^c^ouders belesen. „Aber diese Belesenheit verdankte ich", so meinte Vtelfeld, „meinen zwei vorzüglichen Sekretären, die ich damals hielt dem lateinischen und dem französischen. Das Englische erfuhr ich durch einen lieben Freund, der sich in London aufhielt." Heinrich merkte, daß eines Hofmannes Leben gar nicht so einfach war, wie er es sich vorgestellt hatte. Die alten Aufzeichnungsbücher des Barons waren vorhanden, und er konnte sich ganz gut ausrechnen, daß Bielfeld, um bei der Tafel einen geistreichen Mann zu stehen, mindestens vier bis L. n at” 2'a9 angestrengt literarisch arbeiten mußte. Da waren dsE. Kritiken zusammengeschrieben, und der Baron selbst hatte sorq- faltig Apercus geformt um ein schnelles, scharfes Urteil geben zu können. Anekdotensammlungen waren angelegt; 43 handgeschriebene «Äh 3h HCV)r (Q5 200 Seiten ein jedes, zählte der junge Bibliothekar. £2 *e gesammelt was ,hrn der Tag und die Lektüre brachten; ^n*Lefh^etre ar> ■aU$te'L bie $?merie noc6 einmal ausarbeiten, indem die in Der,tet^ rourben °uf Persönlichkeiten und für den Handgebrauch •iho?eiL- rc-ac' roaE®n ganze Bücher entstanden über den Ehrgeiz, Philosophie^ über die Liebe, über das Christentum, über smn?eL (»ar°" tIär2eÄ „Das ist die Munition des Geistes, mein Lieber! . 5 W mi.r der beste Kopf, wenn nichts in ihm drin ist? Muß ich einer glanzenden Gesellschaft beiwohnen, so überdenke ich, was das Ge- prach des Tages sein durfte, und ziehe dann die Sottiseurs zu Rate Und man muß wissen, wann eine Anekdote, wann ein Witz entstanden -ft. Heute freilich ist es für mich einfacher als zu der Zeit, da ich ein öer J^Q™n’arf, Heute greife ich auf das zurück, was vor fünfzehn Jahren gewesen ist und forme es ein wenig um. Ein Witzwort "des Kardinals Fleury lege ich heute dem Kanzler Brühl in den Schnabel hLnLd)h?CrQnbtre ein wenig, und sie wirkt bann ganz neu' S.”rt «Jw1M!1* ""<*"■ "°- '« »» 3*«» Heinrich wagte die Frage auszusprechen, ob der Baron noch andere Herren gekannt hatte die diese glückliche Einrichtung besessen hätten. „Gewiß erwiderte der Baron. „Ich habe sogar mit Herrn Voltaire ausgetauscht! Er hat einen sehr hübschen Sottiseur, und wir haben manchen Nachmittag damit verbracht, Anekdoten zu formen; wir haben er ^iir ben seinen, ich für meinen Gebrauch. Ich muß gestehen, er war mir manchmal über ... Freilich gibt es auch Herren mit nn6?*9ro^s,n ®,eba$tnis' roie den Baron Pöllnitz; aber das find die 6 i "i/gesprach zerstören mit ihren tollen Einfällen und mLrh'nUebeIm“t" Tisch soll ein Thema umgangen und beleuchtet meiben; nach einem guten Gespräch soll jeder aufstehen mit dem Gefühl hipOßM h t“ ^Oen. Darum find auch die unausstehlichen Gesellschafter die Gelehrten und die Fachleute, die nur ein Thema kennen und von ihm nicht ablassen wollen." 0 “ Leben des Adels kennen. Da war (a*.8 2^1 ,^elerfs 1 Ul?b Farbe eingestellt. Sie fuhren hinüber auf das öas. eine Kette von kleinen Seen und Fischteichen ent- o an« ®Än tPurb7 ausgeschmückt mit bunten Laternen und Lam- Pions, Dtustker darauf gefetzt und hinausgefahren in die angenehme ännmbienafierrp^ehintCL- "4’" bienten biefc Teiche zur Schlittschuh- bahn die Herren schoben die Damen vor sich her in Schulschlitten Auch legt rourbe das winterliche Fest mit bunter Beleuchtung glänzend gefeiert Es kamen Tage, wo der Baron sorgenvoll umherlief; denn es galt Zinsen zu zahlen für Schulden, die gemacht waren, um diese FcstP zu ermöglichen. Heinrich lernte es, Gläubiger zu beruhigen, abzuleugnen; ja einmal unternahm er es, zusammen mit dem würdigen Haushofmeister, einen Leipziger Getreibehändler betrunken zu machen und den so um die Haltung Gebrachten im Kabriolett nach Leipzig zurückzuschicken. Andere Sorgen waren politischer Art. Der Baron sprach oft von Krieg und Kriegsgefahren, aber er verließ sich auf seine Freundschaften am preußischen Hof; sicherlich würde ihm Mitteilung gemacht werden, wenn etwas drohe. Die Unvermeidbarkeit des Krieges stand für ihn fest; wußte er doch zu genau von Dresden her, wie alles in der deutschen politischen Welt gegen den König eingenommen war. Am 4. September des Jahres 1756 besichtigte der Baron mit Heinrich die Zurüstungen zu einem Wasserfest vor dem Schloß Hasselbach. Der Baron hatte sich eine hübsche Ueberraschung ausgedacht: Während die Gondeln auf dem Teiche lagen, sollte ein Boot leise herangerudert werden, das in seinem Aufputz an einen Drachen gemahnte; plötzlich sollten Feuerwerkskörper entzündet werden, und das Untier sollte Feuer schnauben. Bei den Damen versprach er sich einen besonders schönen Effekt davon. Wie sie beide noch Einzelheiten besprachen, merkte Heinrich auf, schloß die Augen. Der Baron fragte: „Was haben Sie denn?" „Gnaden", antwortete Heinrich, „mir tst's, als höre ich den preußischen Papfenstreich drunten bei Regis!" Das war ein kleines Städtchen, ein halb Stündlein von Hasselbach entfernt. Der Baron lächelte spöttisch: „Kennte ich Sie nicht als einen äußerst mäßigen Mann, mein lieber Sekretär, so würde ich in der Tat glauben müssen, daß Ihnen heute der Burgunder zu Kopf gestiegen sei. Wie in aller Welt sollen wohl nach Regis, mitten ins Sächsische, preußische Trommeln und Pfeifen kommen? Es werden Dreschflegel der Bauern fein!" Aber der Klang ging Heinrich nicht aus den Ohren, und nun wurde auch der Baron stutzig; denn der Abendwind trug die Trommelklänge immer deutlicher herüber. Um zu erkunden, was es sei, schlug Bielfeld vor, daß Heinrich und der Jäger nach Regis hinübergingen, um sich zu unterrichten. Er selbst, der kein besonders guter Fußgänger war, wollte zuwarten. Heinrich marschierte mit dem Gutsjäger, einem netten, fröhlichen Menschen, durch den kleinen Waldgrund hinüber nach Regis. Dort war alles still geworden, und sie wollten ohne weiteres ins Tor hinein- fdjreiten, um zu hören, was im Oertchen geschehen sei. Ein plötzliches „Halt! Wer da? Steht auf der Stelle still — ober ich schieße!" riß belbe an ble Mauer. Eine preußische Schilbwache, kenntlich am kleinen Hut unb Rock, kam hinter einer Linde hervor. Heinrich berührte es eigentümlich, mitten in Sachsen plötzlich pom- mersches Platt zu vernehmen. Er erklärte, wer er sei, unb fragte, wie ber Soldat plötzlich nach Sachsen gekommen wäre. »Zu Fuß sind wir gekommen! Unser König hat's befohlen! Weiter braucht Er nichts zu wissen!" Der Soldat rief einen Unteroffizier herbei, dem er Heinrich unb seinen Begleiter übergab. Der Unteroffizier, ein altgebienter Mann, gab keine Antworten aus Fragen, fonbern führte, ohne ein Wort zu sprechen, bie beiben zum Haus bes Bürgermeisters. In ber Stabt wimmelte es von preußischem Militär. Aus bem Marktplatz waren Wachtfeuer angezünbet, an denen gekocht wurde. In Reihen lagen die Soldaten auf Stroh ausgeftrerft unb schliefen. Bürger huschten wie Ratten burch bas Hell und Dunkel; Weiber und Kinder schrien und jammerten unb zeterten in allen Tonarten. Befehle klangen. Es war bas Bilb bes Krieges mitten im tiefsten Frieben. Der Unteroffizier schritt in bie geöffnete Haustür, bie von zwei Posten bewacht würbe, in ben Vorsaal bes Bürgermeisterhaufes. Aus einem Zimmer klang Lachen, klirrten Gläser. Der Unteroffizier trat ein unb melbete. Heinrich hörte burch die halb offene Tür, er brächte Zwei Personen, die sich heimlich in die Stadt hätten einschleichen wollen. „Lass' Er die Kerls etntreten!" klang eine kräftige Stimme. Und nun stand Heinrich vor dem General, der mit geöffnetem Rock, übergeschlagenen Beinen am Tisch saß, bie Tonpfeife rauchte unb einem Glas Rheinwein zufprach. Heinrich nahm die stramme Haltung an mit gespreizten Beinen, die er von seinem Vater her kannte, unb melbete knapp militärisch, wie er es von Hause gewohnt war, wer er sei, woher er tarne. Der General fragte, tnbem er sich den kurzen Schnauzbart wischte: „Ist dein Herr der Baron von Bielseld, ber lange in Berlin gelebt hat, Gouverneur bes Prinzen Ferdinanb gewesen ist?" Heinrich bejahte. Da lachte ber General dröhnend: „Der ist ein guter Freund von mir. Wir beide haben mancher Flasche Wein den Hals gebrochen. Mein Lieber, trink' Er hier gleich ein Glas auf ben Schreck, unb Sein Begleiter nehme eine Flasche Schnaps unb stärke sich! Inzwischen werde ich Ihm einen Passierschein geben lassen, daß Er wieder frei und heil aus ber Stadt herauskommen kann Sage Er nur Seinem Herrn, ich ließe ihn vielmals grüßen! Wenn ich Zeit habe, will ich ihm morgen einen Besuch auf feinem Gut abftatten. Wir sind hier plötzlich in Kursachsen, weil der Kurfürst in Dresden sich höchst unmanierlich gegen unfern König Friedrich betragen hat. Es ist nötig, daß wir das Männlein zur Räson bringen. Was weiter an der Geschichte ist, wissen wir freilich nicht — brauchen uns auch als Soldaten nicht darum zu kümmern. Unser König wird schon sorgen, daß alles ein gutes Ende nimmt!" Heinrich freute sich über diese Worte und leerte sein Glas auf das Wohl des Königs. Mit diesen neuen Nachrichten eilte er dann, so schnell er konnte, nach Hasselbach zurück. Das gab freilich ein großes Erstaunen und Erschrecken. Das Wasserfest wurde abgebrochen; alles fuhr nach Treben, um sich auf den Besuch bes Generals vorzubereiten. (Fortsetzung folgt.) verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Univerf itäts-Duch- unb Steindruckerei, R. Lange. Gießen.