GiehenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1952 Freitag, den K Oktober Nummer 80 Drohung. Von Carl Spitteler. Wenn du dich noch einmal unterstehst Und mir im Kopf herumgehst. Hol ich gleich nebenbei Die Stadtpolizei. Die hängt dir jedenfalls Einen Schandbrief um den Hals, Damit jeder es liest, Was für ein Spitzbub du bist. Wenn du mir das noch einmal machst Und mich im Traum anlachst, Guckt aus der Münstertür Der Kapuziner herfür. Der malefizt dich mit seinem Latein Von Schwarztunst so rein, Daß von dir Hexenweib Bloß das Apfelhäuschen bleibt. Wenn du mir nur noch einmal kommst Und nicht gleich zu mir kommst, Hetz ich mein Hündlein nach dir. Das beißt dich zu mir. Dann sperr ich dich, Gott sei Dank, In einen gläsernen Schrank. Ein Schlüssel hängt dran. Daß ich auch hineinkann. Kuhwarme Milch. Voll Dr. Eugenie Schwarzwald. Als ich einmal in jungen Jahren in einem Marsroman las, auf dem Mars mühte jeder Mensch für sich allein in einem Kämmerlein seine Nahrung zu sich nehmen, taten mir die Marsbewohner leid. Gesellige Freude an den Gaben der Natur schien mir das wichtigste an einer Mahlzeit. Neuerdings neige ich immer mehr zu den Sitten der Marsbewohner. Seitdem das Essen als Krankenkost ausgemacht erscheint und Gegenstand fortwährender theoretischer Erörterungen ist, hat man das dringende Bedürfnis nach einem stillen Winkel, um da gefräßig ein paar Bissen in sich hineinzuschlingen. Es kann nämlich das gemeinsame Essen niemanden mehr recht freuen. Wenn die Dame, di« neben einem sitzt, mit todesmutiger Entschlossenheit nichts als zwei Bananen und eine halbe Grapefruit zu sich nimmt, der Herr gegenüber mit schlecht gespieltem Behagen seinen ungezuckerten Kamillentee schlürft und ber Tischnachbar einem die glückliche Botschaft ins Ohr flüstert, es gäbe jetzt ein Del, welches, ohne die geringste Veränderung zu erleiden, den menschlichen Körper wieder verließe, dann muß einem der Appetit vergehen. Wenn ich erst genau weiß, wieviel Kalorien und wieviel Vitamine eine Speise hat, dann habe ich die größte Mühe, sie zu schlucken. Ich bin ganz der Meinung meines achtjährigen Freundes Walter: „Was gesund ist, schmeckt nicht." Ein Kind hat es nämlich im Instinkt: „Was schmeckt, ist gesund! Es will schwarzes Brot mit Butter essen. Es lechzt nach Obst. Es reißt die gelbe Rübe aus dem Boden, wo es ihrer habhaft werden kann und verzehrt sie, wenn es sich unbemerkt weiß, mit samt der Erde. Erbsen zu schälen, fällt keinem Kinde ein. Zur Zitrone steht es in einem geradezu . zärtlichen Verhältnis; um einer Limonade willen hat schon manches Kind Kopfweh simuliert. Die Höhepunkte kindlichen Lebens in meiner Generation waren: in eine grüne Gurke, in eine rote Tomate, in eine gelbe Aprikose hinein- zubeißen; dagegen verhielten wir uns durchaus ablehnend zu eingebranntem Gemüse. Aber das half uns nichts, denn die Köchm, die aus der Tatra stammte, hatte die Gewohnheit, sogar das Kompott mit Meh^ einzubrennen. Gegenstand zu häuslichem Unfrieden bildete das täglich austretende gekochte Rindfleisch. Nicht einmal die Drohung: „Wenn du kein Rindfleisch ißt, bekommst du keine Mehlspeise", konnte verlangen. Bis ich endlich ein Mittel fand, mich dieser Speise zu entziehen: Ich behauptete nämlich, ick bekäme von ihrem Genuß eine rote Nase. Man sieht alle Kinder von einst standen ungefähr dort, wo heute der hygienisch informierte Mensch steht. Wenn man uns Kinder damals nach unlerer Lust hätte essen lassen, so brauchten wir letzt nicht alle eä>s Monate zu einer neuen Diät überzugehen, denn wir wußten, wie alle besseren ~iere es wissen, welche Nahrung uns gut tut. . In voller Erkenntnis der bisher noch recht unerforschten ungehmeren Wichtigkeit der Ernährung, stehe ich doch mit den wechselnden opeije- Methoden von früher Jugend an auf schlechtem Fuße. Natürlich nicht ohne Grund: das alles kommt von der kuhwarmen Milch. Das war nämlich so. Am Ostersonntag, als ich mit meinen Eltern behaglich beim Nachmittagskaffee sah, kam unversehens Tante Emmeline dazu und sagte zu meiner Mutter: „Das Kind muß kuhwarme Milch trinken. Sie ist lächerlich mager, und da gibt es nichts besseres als kuhwarme Milch, ich habe es selbst in der .Gartenlaube* gelesen." Mit Unlust hörten meine dreizehnjährigen Ohren dieses Diktum. Erstens begegnete ich allen Aeußerungen meiner Tante von früh ab mit Mißtrauen, und zweitens ging mir das Wort „kuhwarm" irgendwie auf die Nerven. Noch mehr aber die Sache selbst. Meine Mutter — jeder neuen Anregung im Interesse ihrer Kinder zugänglich — hatte nämlich leider bald einen Bauernhof ausfindig gemacht, nur zwanzig Minuten von unserem Wohnhause entfernt, wo man geneigt war, mir dieses köstliche Naß all- morgendlich vor der Schule direkt von der Kuh zu kredenzen. Nun begannen schlimme Tage. Es hieß eine ganze Stunde früher aufftehen, bei jedem Wetter den schlechten Weg gehen, um dann am Ziele das unangenehme Getränk mit zugehaltener Nase einzugießen. Der Stall roch abscheulich. Das Kälbchen, dem man seine angestammte Nahrung wegsoff, tat einem leid. Die unerhörte Intimität, in der man gezwungen war, mit einem anderen Lebewesen zu stehen, erweckte Abscheu. Das Ganze war eine Zumutung. Aber nicht lange. Ein lebensfähiges Kind weiß jede Sache so zu drehen, daß zuletzt ein Rosenschimmer von ihr ausgeht. Ich konnte schon ein wenig Latein und wußte, daß es heißt: Solamen miseris, socios habuisse malorum. Ein Trost für die Unglücklichen, Leidensgenossen zu haben. Solche Genossen begann ich anzuwerben. Mit dem Fanatismus aller Neubekehrten pries ich meinen Schulkameradinnen das Gluck des Genusses kuhwarmer Milch an. In kurzem war es in meine; Klasse die große Mode, kuhwarme Milch zu trinken. Bald schritt ich fröhlich an der Spitze einer kleinen, aber tapferen Schar von Kolleginnen zu bcr heilbringenden kuhwarmen Quelle. Was allein eine Pein und beinahe eine Schande gewesen war, mit Gleichgesinnten zusammen war es eine Ehre, jedenfalls ein Vergnügen. Ein flavifches Sprichwort sagt: Guter Gesellschaft zulieb läßt sich der Zigeuner sogar aufhängen. Genau so sind Kinder. Gemeinsamer Lebertran ist ihnen lieber als einsamer Nektar. Bild bildeten „die Kuhwarmen", so nannten wir uns, eine eigene Gruppe mit feststehenden Riten, einer Geheimsprache und kleinen Ueberheblichkeiten gegen die Umwelt, von der wir uns durch ein am Kleide angestecktes grünes Blatt unterschieden. Den Höhepunkt aber erreichte unsere Unternehmung im Mai, als meine Freundin Hermine ihren Bruder Rudolf mitbrachte. Er war schon siebzehn Jahre alt und sah, darauf schwöre ich noch heute, sehr gut aus. Er nannte uns alle „Fräulein" und übte an uns alle Artigkeiten ein, die er in der Tanzstunde mit großen Mädchen getarnt hatte. Ich aber war ihm mehr. Mir brachte er an einem Tage einen Mniglockenstrauß, an einem andern ein Büscherl Walderdbeeren und eines Tages sogar — wie war das atemraubend schön — ein Gedicht. Er sagte es nicht, aber es war ganz deutlich: ich war seine Muse. Denn wenn er durch seine Dichtung ein Mädchen wandeln liefe, welches permanent ,chie rote Flamme" genannt wurde, so konnte das nur ich fein. Kannte doch die ganze Stadt das hochrote Kleid, das ich anhatte seit drei Jahren. Früher hatte ich es verwaschen und ausgewachsen gefunden. Jetzt war ich damit auch des Sonntags festlich angetan. Jede Woche bekam ich ein Gedicht. Nie zuvor hatte ich geahnt, dafe die Natur, unsere klein« Stadt und meine Person so viel Stoff bieten könnten. Leider zog ich mir auf einmal den Zorn des Dichters zu. Ich war nämlich ohne besonderen Anlaß drei Tage dem Milchtrinken fern« geblieben. Da überreichte er mir, nicht wie sonst, mit einem vielsagenden Blick, sondern traurig und abgewandt ein Gedicht. Es stak ausnahmsweise feierlich in einem Umschlag. Sechs Strophen waren es, in denen Sehnsucht nach der Ungetreuen abgewandelt wurde, bei dem Refrain „O liebliche Schlange, mir ist so bange" schauerte ich jedesmal zusammen. Aber auch das war Glück. Alle meine Tage waren durchsüfet und durchsonnt. Mein Ansehen in der Klasse aber stieg von Stunde zu Stunde. Am 29. September, am Michaelistag, ich weife das Datum deshalb, weil wir „Kuhwarmen" vorhatten, zur Feier des Tages im Freien Kartoffeln zu braten, stürzte Tante Emmeline in unser Speisezimmer. In der Hand schwang sie ein Heft von „lieber Land und Meer". „Denkt euch", rief sie aufgeregt, ,cha drin steht, dafe kuhwarme Milch Tuberkelbazillen enthält und für zarte Kinder Eist ist." „Sag mal", fragte sie mich mit jenem Vorwurf, der ihrer Stimme angeboren war, „du trinkst doch nicht etwa kuhwarme Milch?" „Doch!", antwortete ich ruhig. „Um Himmelswillen, dann mußt du sofort damit aufhören", sagte sie in jenem Ton. der in unserer Familie als kategorisch galt. Der nächste Tag war schwarz verhangen für mich. Ich mußte in der Klasse bekennen, dafe das mit der kuhwarmen Milch ein Irrtum der .Gartenlaube" gewesen sei. An diesem Tage sanken meine Aktien ins Bodenlase und erholten sich erst nach vierzehn Tagen, als ich Jb,ens Volksfeind", der uns verdaten» war, in die Schule einschmuggelte. Ein 'anderes Unglück ober, das mich aus diesem Anlaß traf, war nicht wieder autzurnachen: ich habe meinen Dichter niemals wieder gesehenI Wer kann mir da übel nehmen, wenn ich nichts von Eß- und Trmk- maden hören will? Ich werde kribblig, so oft mich einer fragt: „Ehen Sie schon Rohkost?" Oder mir rat: „Sie sollten morgens nur Kefir und Orangensaft zu sich nehmen." Oder behauptet: ..Ein Liter heißes Master gleich nach dem Aufstehen ist ein Zaubertrank!" Die Warnung, der Gemüsenahrung nicht den Vorzug zu geben, da sich die Landwirtschast neuerdings des Kunstdüngers bediene, findet bei mir taube Ohren. Die Empfehlung „Essen Sie Luftbrot, es riecht nach nichts, es schmeckt nach nichts, es ist ganz neutral" werde ich nächstens mit einem tätlichen Angriff beantworten. , „ , . „ Wir haben gelernt: man lebt nicht, um zu essen, sondern man itzt, um 3U leben. Beides ist falsch. Wahr ist vielmehr, daß man lebt und daß es, da man zu diesem Zwecke essen muß, bitter not tut, aus dieser Notwendigkeit ein bißchen Lust herauszuholen. Alle unsere Sinne wünschen sich an der Mahlzeit zu beteiligen, nur unser Verstand mochte dabei nichts. zu tun haben. Er verlangt, daß der Mensch instinktiv alles ihm Schädliche ablehne und nur das verzehre, wobei ihm das Wasser im Munde zusammenläuft. Jedenfalls will er nicht bei jedem Bissen interviewt werden. Aber bis es einmal so weit kommt, daß man einen Menschen, der unrichtige Dinge ißt, der sich uberißt, der sich durch Fasten ruiniert, der sich in der Ernährung aus einem Extrem ins andere stürzt, einen Narren nennt, wird es noch lange dauern. Denn die Menschheit kommt in der Frage der Ernährung (wie in allen anderen Dingen) nur in der Art vorwärts, wie die Echternacher Springprozession: drei Schritte vor und zwei zurück. Fernöstliche Tänze. Von Niddy Impekoven. Niddy Impekoven, die geniale Tanzkünstlerin, hat im Herbst 1930 «ine Reise nach dem Fernen Osten gemacht und hat in ihrem Reise- tagebuch ihre Eindrücke von den Tänzen in Java und Ceylon sest- gehalten. In dem demnächst bei Erich Weibezahl in Leipzig erscheinenden, reich illustrierten Buch „Wog und Entfaltung Niddy Impekovens" von Hans F r e n tz werden diese Aufzeichnungen mitgeteilt, aus dem hier einiges wiedergegeben ist. Die Künstlerin war auf Java der Einladung des Surften von Solo gefolgt, an dessen Hof die Prinzen und Prinzessinnen die Bewahrer ältester Tanz-Ueberlieferung sind. .. Das waren also die berühmten Serimpi-Tänze. Fünf kleine ebenmäßige Gestalten bewegten sich äußerst langsam in engen Zirkeln, wobei ihre Hände eine lebhafte, geheimnisvolle Sprache redeten und ihre Zehen sehr eigenwillig den gemessenen Rhythmus parodierten. Nebst den Fingern behegte sich am stärksten die Gewandung. Entweder war es die lange Schleppe, die das nackte Bein plötzlich nach einer Drehung hinter sich warf, oder es waren weiße Bänder, die zwischen den Beinen bis zum Boden hingen und mit der zur Hüfte geführten Hand rasch zur Seite geschleudert wurden, manchmal aber auch ergriffen wurden und in verschlungenen Gesten die Tänzerin aneinander banden. Am unverständlichsten blieb mir der Teil dieser Tänze, in denen die Prinzessinnen gleichzeitig eine lange Pistole aus ihrem Gürtel zogen und, nachdem sie damit eine Zeitlang' gespielt hatten, wie auf ein Kommando einen furchtbaren Schuß in die Luft abfeuerten. Diese akustisch sehr unangenehme Erscheinung wiederholte sich einige Male und schien mir, vermischt mit den uralten Elementen der übrigen Tanzsymbolik, so widersinnig zu sein wie die bronzenen Landsknechte, die als Leuchter zwischen wertvollen malaischen Kunstgegenständen an den Wänden hingen. Noch eines war störend. Löste sich bei einer der Tänzerinnen eine Spange ober eine Schleife oder halte sich das Kleid ein wenig verschoben, so rutschte sofort eine der Dienerinnen herbei, die mit den tanzenden Prinzessinnen gleichzeitig die Halle betreten hatten, und begann, indem sie um die sich Bewegende unaufhörlich herumkroch, an ihr zu nesteln. Uebrigens soll das Ankleiden zu einem Tanz mehrere Stunden in Anspruch nehmen. Trotz dieser Intermezzi war ich von der Eigenart dieser überfeinerten Bewegungskunst ergriffen. Der Laie hat über die lange Dauer und Ab- wechflungslosigkeit dieser Tänze keine rechte Vorstellung; denn was man z. B. in Berlin an javanischer Tanzkunst kennt, ist sicher stark verwestlicht, und im Film werden immer nur kurzwellige Bruchstücke vorgeführt. Dabei kommt noch in Betracht, daß hauptsächlich die viel urfprünglidjeren Bcllitänze bekannt sind. Der Unterschied zwischen der javanischen und balinesischen Seele scheint mir durch folgendes sichtbar: die Gamelang- flöte der Leute von Solo ist in ihrer Konstruktion schlicht, steif und traditionell. Die Flöte von Bali dagegen sieht fast luftig aus, ist geschmückt und in ihren Linien lebendig. Es war inzwischen 1 Uhr nachts geworden. Die Müdigkeit und Interesselosigkeit aller Gesichter löste sich plötzlich, da als letztes Wireng-Tänzer erschienen. Stark pantomimifch, sind diese Tänze Szenen aus dem Maha- barata, dem großen hindujavanischen Heldengedicht. Sie wechseln jedesmal bei einer Hoffestlichkeit und werden nur einmal- im Jahr in tagelangem Spiel in ihrer Gesamtheit zur Aufführung gebracht. Was ich an diesem Abend zu sehen bekam, war folgendes: Ein kleiner Prinz, als Affe verkleidet, kämpste mit einem zähnefletsck-enden Riesen in langem, sehr abwechslungsreichen tänzerischen Gefecht. Auch hierbei ist einer persönlichen Gestaltung kein Raum gelassen. Der älteste Sohn des Fürsten unterrichtet seine Brüder und Vettern und die große Zahl seiner weiblichen Verwandten in >en vorgeschriebenen Regeln eines jeden Tanzes. Uebrigens ist die javanische Bevölkerung auch in ihrem gewöhnlichen stPben von einer so unnachahmlichen Grazie und Harmonie in ihren Bewegungen, selbst der Bauer auf dem Feld und die Frau auf der Strohe, daß es gleichgültig erscheint, ob diese Kunst produktiv oder reproduktiv ist. Denn hinter ihren seltsamen Ausdruckssormen steht auch heule noch durch keinen Sport, keine Gymnastik veränderte Natürlichkeit dxr tiernahen und blumenähnlichen Seele dieses sanften Volkes — Hat man in Ceylon nicht das Glück, im August nach Kandy zu kommen und dort das große alljährliche Fest, das vom „Tempel des heiligen Zahns Buddhas" seinen Ausgang nimmt, mitzumachen, so bleibt nur übrig, die Gunst eines singhalesischen Großen zu erwerben, der ähnlich wie'in Java, Tänzergruppen unterhält, oder bis zum Dezember z» märten. Mitten in der Stadt bietet sich bei Begräbnissen allerdings öfter Gelegenheit, fo eine Art Tanz zu sehen. Zwei Männer, die den Zug an führ en, machen bizarre Sprünge und Bewegungen und wirken |o grotesk, daß der nachfolgende Sarg erst den traurigen Anlaß erkennen läßt. So etwas taucht plötzlich im Straßengewühl auf und verschwindet wieder — es hinterläßt nur den Eindruck der Seltsamkeit und recht sich all den anderen Sonderbarkeiten an, die man im Leben der Eingeborenen tagaus tag ein beobachtet. Es muß also schon ein besonderer festlicher Anlaß sein, um wirklich gute Tänzer zu Gesicht zu bekommen. Und diese Gelegenheit ließ ich nicht an mir vorübergehen. Anfang Dezember feiern die singhalesischen Frauen IN Colombo den Tag der Prinzessin Sanghamitta von Mahindc. Sie war die erste Buddhistin auf Ceylon, die um die Zeit des Erhabenen als fein Apostel die heute auf der Insel vorherrschende Religion verkündete. Die Singha- lefinnen sind sehr stolz darauf, daß eine Frau das schwierige Werk einer Bekehrung vollführte. So feiern sie denn heute damit stllftchwergend etwas wie ihre Emanzipation. Wenn die Sonne untergegangen ist, sammeln sie sich auf der großen Wiese in der Nähe des Galle-izace-Hoiels und prozessieren durch die Straßen, die zu dieser Stunde mit Autos und Menschen überfüllt sind. Hat man sich zwischen den halbnackten Zu- schauern hindurchgedrängt, fo sieht man als erstes tänzelnde Fackel- fchwinger. die mit ihren kreisenden Flammen einigermaßen Platz jur die Nachfolgenden schaffen. Denn nicht nur, daß die gaffenden -lanulcn, Afghanen, Malaien und einige besonders kulturbegeisterte Europäer kaum Raum lassen, durchkreuzen mit großer Geschwindigkeit, ohne Rücksicht auf Gläubige und Ungläubige, englische Privatautos und schmutzige Dmntbuffe der Eingeborenen die von den Frauen Buddhas begangenen «trotzen. Man sieht diesen Wirrwarr mit einigem Erstaunen, aber die 'weißgekleu beten Andächtigen scheinen nichts davon zu merken. Sie tragen ihre Lichter und ihre Lotosblumen und ihre Fähnchen mit dem großen Svastcka- zeichen und rufen laut: Buddha, Buddha. Plötzlich wird tue Reche unterbrochen, und, von Trommlern und Pfeifern umgeben, wirbeln die schmuckbehangenen Tänzer herbei. Sie bewegen sich sehr rasch, weitaus- greisend springen sie vor und rückwärts oder drehen sich wie eine Bnllcn- teufe bei einer Pirouette, so daß ihre eckigen Gewandkontouren sich in einem funkelnden Kreis auflösen. Zwischendurch haben sie aber immer noch Zeit, dem fanatischen Rhythmus zu entspringen und sich an die zuschauenden Europäer heranzudrängen, um zu betteln. Es fmö weilt schön gewachsene Menschen mit dunkelbraunen, aber anfchen Gesichls- lügen. Knaben, Jünglinge, Manner. Die ganze Prozession macht den Eindruck eines großen Tanzes: hier die in ihrem Gebetrhythmus wandelnden Frauen, dort hinter den Tänzen die langsam stapfenden haushohen Elefanten. Gleichsam kontrapunktieren sic mit der Ruhe ihrer schwerfällig-freundlichen Leiber das Gezappel der menschlichen Tänzer Sie waren ein Eindruck für sich, wie sie da in der engen Straße direk an uns Zwergen vorbeischritten. Der letzte trug auf seinem hohen Buckel einen großen Buddha-Altar, der in überirdischem Glanz erstrahlte ... Deutsche Stadt vor 2S0V Jahren. Von R. Francö. Wenn man von Pfahlbaudörfern hört, glaubt man sich im allerersten Friihdämmern jedes Menschenlebens zu befinden. Man denkt an Halb- menschen, Kannibalen, an ein düsteres, unsäglich primitives Dasein, das von dem unseren entfernt ist wie Nacht vom strahlenden Tag. Aber wenn man solches denkt, dann weiß man von einem wunderbaren Kreis prachtvoller Forschungen nichts, die in den letzten Jahren unser Bild des europäischen Vorgeschichtslebens gründlich änderten. Die Pfahlbaudörfer der Bronzezeit darf man sich zum Beispiel nicht immer primitiv vorstellen. Die Pfahlbauorte in Ungarn und m der sto- Ebene wurden häufig auf trockenem Boden angelegt, zu Städten nut engen Gaffen zusammengeschloffen und mit Wällen umgeben; sie sino also nichts anderes als das Vorbild der mittelalterlichen Stadt. In solchen Siedlungen lebten Menschen, die sich körperlich von dem Deutschen und Italiener des Mittelalters nicht unterscheiden. Nicht einmal in ihrer Kleidung waren sie wesentlich anders. In dänischen Eichensärgen sind uns die Wollkleider dieser Bevölkerung erhalten geblieben; die Männer trugen Manteljacken, die bis zum Knie reichten und durch einen Gürtel mit Eni>- guasten zusammengehalten wurden. Sie trugen einen mit Framen verzierten Schal um den Hals und hatten runde Kappen oder hohe Mutzen. Die Damen des Bronzezeitalters hatten das bewährte kleidsame Kostüm von Rock und Jacke bereits ersunden, die Haare bargen sie in einem zierlichen Haarnetz, und an Schmuck scheinen die meisten von ihnen reicher gewesen zu [ein, als es gegenwärtig üblich ist. Spiralfingerringe, Armbänder, Halsringe, Schmuck als Gürtelbesatz, Diademe, breite Halskragen aus lauterem Gold, Bernsteinketten, genau in der Form, wie sie KB» modern sind, trug eine solche große Dame aus dem zweiten oder dritten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung, und unter ihren «-chmiicksacyen findet sich sehr häufig auch ein Dolch mit Horngrisf, woraus ein Romaw titer gar mancherlei Anregung zu erfindungsreichen Geschichten aus oe urzeitlichen Leben erhalten mag. Auch Glas, namentlich farbige Glasperlen kannte man schon, und zwar zu manchem philosophischen Gedanren wird man verführt, sieht man unter den erstklassigen Kostbarkeiten ien Bronzezeitmenschen das eine oder andere Eifenringelchen, das W» J um teueres Besitztum als modernster „Schmuck" von einem freinblono - fchen Händler eingetauscht wurde. Eisen hatte wohl damals den -ti von Diamanten... . ., Der Mensch der Bronzezeit bediente sich bereits der Wagen, uns mutet aus manchem an, als 'fei das Rad damals „die moderne Erfindung" gewesen. Wagenabbildungen kehren sehr häufig auf bronzezeitlichen Fels- zeichnungen wieder, auch gibt es viele derartige Skulpturen, und die damals zuerst auftretende Swastika, das Sonnenrad, als hohes religiöses Symbol, deutet auf besondere Wertschätzung des Rades. Vielleicht der merkwürdigste Wagen der ganzen Kulturgeschichte ist das ein drittel Meter lange Bronzewägelchen, das man bei Judenburg in Steiermark gefunden hat. Prachtvoll fkulpiert ist darauf eine ganze Gesellschaft von heimkehrenden Jägern und Kriegern, die dem Beschauer ziemlich zwingend den Eindruck einer Siouxindianerbande ausdrängen. Wenigstens schwingen sie ihre tomahawkähnlichen Beile ebenso blutdurstig wie die Indianer unserer Lederstrumpfphantasien. In der Stadt des Bronzezeitalters gab es allerlei Gewerbe. Besondere, heimische „Bronzegietzer" standen sicher im höchsten Ansehen, und sie waren wohlhabend, da man in ihren heimlich vergrabenen Lagern oft mehrere hundert Bronzsschwerter und sonstige Geräte, ost auch gange Goldschätze findet. Weberei, Töpferei, alle einfachen Gewerbe waren bereits ausgebildet, es fehlte nicht einmal an Musikanten. Und wieder tritt uns darin die Urzeit als lebendig entgegen, denn man kann zu Kopenhagen heute noch einem Konzert von Lurenbläfern beiwohnen, die dasselbe Schallkorn, bas besonderen Wohllaut und Tonfülle in sich einigt, handhaben, das man fast in gleicher Gestalt in nordischen Bronzestationen findet. Besonders ausgedehnt muß auch endlich der Handel jener Zeit gewesen sein. Bon Ort zu Ort und von Land zu Land zogen wohlgebahnte Straßen; man erkennt sie deutlich daran, daß ihnen entlang ■ allerlei Fundstllcke verstreut liegen. Auch findet man in den bronzezeitlichen Niederlassungen zahlreiche Gegenstände, die nur von weither durch den Handel dorthin gelangt fein können. Es fehlt nicht an Ruderbooten an den Meeresufern, die mit ihren hohen Steven und ihrer zahlreichen Besatzung auf weite Fahrten schließen lassen. Merkwürdigerweise scheint aber das Segel im altnordischen Kulturkreis unbekannt gewesen zu sein. In den Schweizer Pfahlbauten hat man auch das erste Geld gefunden, dessen sich der Europäer bediente; es hat kennzeichnenderweise die Gestalt von bronzenen Doppelbeilen. Später nahm es die Gestalt van Bronzeringen an, die auf besonderen Schlüjselhaken angreiht wunden. Was wurde mit diesem Gelbe erkauft? Vor allem immer wieder Bronze und fremdländisches Zinn, das zur Herstellung des wertvollen Bronzematerials notig war. Noch bis in unsere heutige Sprache reicht diese Wertschätzung der Bronze, die deutsch Erz genannt wurde, indem wir, etwas, was besonders ausgezeichnet, freilich auch, was als uralt hingestellt werden soll, mit dem alten Wort für Bronze bezeichnen. Die Erzväter und Erzengel der biblischen Geschichte, das „Erzhaus Oesterreichs" mit seinen Erzherzogen, hat so seine Beziehungen zur Urgeschichte der Menschheit, freilich auch die befremdlichen Bezeichnungen eines Erzlügners und Erzschelms. Ein wichtiger Handelsgegenstand war auch das Gold und der hoch- geschätzte geheimnisvolle schmuck des Bernsteins und nicht zuletzt das Salz. Und aus dem Salz entstand offenbar der Anreiz zu einem weiteren Anstieg der Kultur, der die Menschen Europas zu einer bis dahin unbekannten Höhe führte. Um die reichen Salzlagerstätten in den Alpen blüht diese neue Kultur auf, die sich an den Namen einer Großstadt jener Zeit, nämlich das oberösterreichische Hallstatt, knüpft. Dort wo heute am ernsten, düsteren Hallstätter See sich nur wenige Gassen des kleinen Städtchens drängen, begann vor dreitausend Jahren die Glanzzeit einer gewaltigen, sicher auf das trefflichste verteidigten Siedlung von der uns nichts erhalten ist als ein stundenweit ausgedehntes Gräberfeld die Stollen eines vorgeschichtlichen Salzbergwerkes und zahllose insgesamt gegen 20000 Fundstllcke, die davon erzählen, daß der Mensch schon in der Steinzeit dort nach Salz schürfte, daß er im Bronze- witaiter in jener Stadt, von der uns sogar der Name verlorengegangen ist, ein Leben voll Luxus und Reichtum führte, in dem aber langsam das Eisen an die Stelle' des Erzes trat. Der Name Hallstattperiode bezeichnet gegenwärtig nieder Wislenschast die Halbeisenzeit, in der sich eiserne Geräte, vor allem Schwerter, immer mehr in die Bronzekultur eindrängen. . Man darf sich nämlich solche Vorgänge wie den Uebergang von der Steinzeit zur Bronzekultur und von dieser zur Eisenperwde nicht so vor, stellen, als seien von einem bestimmten Zeitraum an Menschen und ihr Handel und Wandel völlig anders geworden. In der Gestalt von Anpassungen vollzieht sich auch die Kulturgeschichte, und in dem Wechselspiel von Bedürfnis und seiner Befriedigung, durch Wanderungen und Er, oberungen neuer Lebensbezirke verschieben st-h ganz eise da und dort die Lebensformen und Kulturbetätigungen. Der Orient war durch seine günstigeren Lebensverhältnisse rascher zur Bronzekultur auI9^ blieb aber dann darin stecken, und die Aegypter waren noch Bronzezettler -als die Griechen und Römer bereits im Besitz von fernen Waffen waren. Man hat nicht mit Unrecht deswegen getagt, daß frechen und Römer nur ihrem eisernen Schwert ihre Ausbreitung und 'h» Mitische Macht verdankten. In Süddeutschland, wo am steirischen Erzberg cm offen zutage liegendes, unerschöpfliches Eisenlager vorhanden war begann die Herstellung von eisernen Geraten nm das 1000 vor Eh - Fünfhundert Jahre lang brauchte das Elfen hier um sich vollstanMg durchzusetzen. Und diese fünfhundert Jahre sind auch die Blute der ■10 ■Rätter Kultur, die sich von den Alpenlandern durch Wanderungen vornehmlich nach dem Süden, langsam ausbre-itete. Dse schwerer Hra -losen, Bewohner von England, Norddeutichland und «k°ndm°° en b .eben daher aus Mangel an Eisen zirka zwei- bis drechund r Jahre anger I der Bronzestufe' stehen. Im Osten muß dieBronzezeit noch ^«e | dauert haben, da uns H e r o d o t von den Ma A«ten imsechsten Iayr hundert v. Ehr. erzählt, daß sie noch keine Eilenwaffen bestßen^Ynve^ Hallstatt hat also einen großen Borsprung, f,e= Griechen, die auch etwa um das Jahr 1000 d. C 1 • ■tonnt wurden, ausgewogen werden konnte . Weltge- Man muß diese Tatsachen kennen um die lam^orbereitrnde Ste zu verstehen: auf der einen »eite be st ) f ! h h Kultur Machtstellung der Griechen und Mazedonier, die ZU hoher Kultr führt und in Alexander dem Großen auch politisch gipfelt. Anderseits ■bi? große Blüte der Hallstätter Kultur, die in vielen Beziehungen der griechischen durchaus ebenbürtig ist. Und das mag uns mit besonderem Stolz erfüllen, denn die Hallstätter waren gute richtige Mitteleuropäer. Jedenfalls waren sie Kulturmenschen. Das beweisen die Hallstätter Funde allerorten, die durchaus auf eine gewisse Prachtvorliebe und Neigung zu Luxus hindeuten. Zu Watsch in Krain und an anderen Orten fand man Prunkeimer mit eingravierten Darstellungen' aus dem Hallstatt- leben, die uns häusliche und Straßenszenen vorführen, die ebenso gut in Athen oder zu Sidon, in manchem sogar in einer der Städte 'der Jetztzeit abspielen könnten. Da wanderten Krieger mit Helm, Speer und Schild, wie auf einer Illustration zu Homers Gedichten; in zweiräderigen Karren nach Art der ägyptischen Streitwagen kutschierten pausbäckige Herren und lenkten prächtig angeschirrte Pferde.' Der Diener steht auf dem Trittbrett hinten, wie auf einer Prachtkarosse des achtzehnten Jahrhunderts. Würdige Männer in langem Mantel mit breitkrempigem Hute schreiten dahin wie zu einer Gerichtssitzung, und einer trägt ein mächtiges Schwert, einen wahren Doppelhänder nach, als wäre er der Henker. Frauen, deren größte Schönheit allerdings in ihrer ßangnäfigteit besteht, tragen Urnen und Körbe auf dem Kopfe, wie es heute bei Slawen und Südländern üblich ist. In einer drolligen Gruppe wirst ein wie ein Priester gekleideter Mann Räucherwerk in eine mächtige Urne, und einer der Gläubiger hält sich pietätlos davor die Nase zu. In behaglichem Lehnstuhle überwacht ein Besitzer die Tätigkeit seiner Arbeiter; der Bauer, den Pflug über den Rücken geschultert, treibt das/ Vieh heimwärts, die Jäger, begleitet von gewaltigen Hunden, tragen an langen Stangen die Beute nach Haufe, und so spricht aus hundert Szenen zu uns ein behäbiges und reiches bürgerliches Leben, dem es besonderes Kolorit verleiht, daß seine Träger in namenloser Urzeit ruhen und keine Geschichtsangabe außer ihren eigenen Werken und Gebeinen mehr von ihnen zeugt. Diese Hallstattmenschen waren unter dem Druck einwandernder Völker oder vielleicht auch aus der uralten Sehnsucht des Nordländers nach dem Süden schon mehrere Jahrhunderte früher nach Italien gewandert; als Veneter, Illyrier und offenbar auch als Etrusker brachten sie ihre Kultur mit, vermischten sich mit der vorgefundenen Urbevölkerung und bildeten mit den nachdrän gen den Kelten, deren Stamm sich Italiker nannte, ein neues Volk, das langsam in Latium, im uralten Pfahlbauernest sein Zentrum, die ewige Roma, schuf und von da aus, nachdem seit dem fünften Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung die volle Eisentechnik gefiegt hatte, die eiserne Hand Roms über die Geschicke der Völker fast für ein ganzes Jahrtausend legte. So reduziert sich in 'den Augen des Erdgeschichtssorschers die ganze KulturmePschwerdung auf eine sehr einfache Formel. In drei Schritten vollzieht sich der Uebergang. Sie heißen Steinzeit, Bronzezeit und Eisenzeit. Und in der letzteren stecken wir mitten darin; ja wir sind eigentlich erst seit einem Jahrhundert in das Stadium getreten, dem in der Steinzeit das Magdalenien, in der Bronzezeit die Frühsiedlung von Hallstatt entspricht. Unsere Kultur ist also von den großen Gesichtspunkten der Naturforschung aus betrachtet kein Ende, nicht einmal ein Gipfel, wie es dem Historiker und Philosophen gar ost erscheinen mag. Wenn es keine Steigerung und Weiterentfaltung der heute regsamen Kräfte geben würde, so wäre das heute ein jäher Abbruch mitten in einer Entwicklungslinie, eine so unnatürliche Unterbrechung der Gesetzmäßigkeiten, in deren Fluß wir treiben, daß wir für sie kein Gegenstück im westen Naturreich wissen. So schließt denn die Erdgeschichte für uns heute mit einer tröstlichen und verheißungsvollen Gewißheit: der Mensch ist noch immer entwicklungsfähig, sein Weg führt noch höher, und wir alle können an einer schöneren Zukunft hoffnungsfroh arbeiten. Oer Kriegskommissar des Königs. Roman von Friedrich F r e k s a. Copyright 1931 by August Scherl, G. m. b. H., Berlin. (Fortsetzung.) Diesmal hat der König sein Versprechen getreulich gehalten. Einige Wochen später ist die Stelle des Regimentspredigers im Regiment Fürst Leopold von Anhalt-Dessau, welches in Halle in Garnison lag, offen geworden. Sie ward mir sogleich vom König verliehen. Im Herbst des Jahres noch sind mein Lenchen und ich in der Garnisonkirche zu Potsdam getraut worden; und es war eine vergnügte Hochzeit, hatte doch der König in seiner Gnade befohlen, daß solche auf seine Kosten ausgerichtet und nichts gespart werde, was zu einer ordentlichen bürgerlichen Hochzeit mittleren Standes gehöre. Auch mein Herr Hauptmann — es war damals ein Herr von Jtzenplitz — hatte mir die Ehre angetan, mein Brautführer zu fein, und unter den Hochzeitsgästen befanden sich noch mehrere der Herren Offiziers. Beim Hochzeitsmahl ist plötzlich Seine Majestät der König m Allerhöchst eigener Person im Saal erschienen, lieber die absonderliche Ehre sind alle so sehr erstaunt gewesen, daß keiner gewußt, was er tun solle. Der König aber ist zu meinem Lenchen herangegangen und hat ihr gesagt- .Frauchen, Frauchen, ich sollt' Ihr eigentlich zürnen, daß Sie mir meinen jroeitlängften Grenadier aus dem Regiment entsührt; allein es mag drum fein, und höre Sie, bei dem ersten Jungen, den Sie kriegt, tann Sie mich immerhin als Paten bitten, ich werde Jhr's nicht ab- lind danach hat der'König geruht, ein Glas Rheinwein auf unsere Gesundheit zu leeren, und hat sich auch sonst noch herablassend und gnädig mit den Gästen unterhalten." M . lind jetzt ist mein guter Pate, der König, tot! klang des kleinen Friedrich Wilhelm Stimme in die Stille, die danach entstand. Es war ein guter König, wenn er auch wohl ein wenig wunderlich mar!" meinte die Freifrau. „Aber gegen Sie »beide hat er sich gnädig benommen und wie ein echter deutscher Fürst!" * -*■ Es mar aus reinem, gutem Herzen wünschst, was gut ist, und, wenn du du Augen schließest, das Gefühl hast, nun gehst du mit erhobenen Handel zu dem guten Vater, der dir alles gewähren kann, so wirst du dich gesiam fühlen, frei sein von der Sorge. Und das ist das Große der Könige, del Millionen für sie beten, wenn ihre Völker sie lieben und werthalten um sagen: Unser guter König verdient's, -daß -wir Gott für ihn bitten! Uni) glaube mir, nicht -so um des Königs willen wird Gott die Gebete erhorm, sondern weil er der reinen Herzen achten muß, die für einen solchen Roni.j schlagen, auch wenn er selbst zweifelt an Gott und nicht zu ihm bett i (flnn! — Denn siehe, mein Sohn, fromm ist ein Mensch durch feint - Glauben, durch seine Gedanken und durch seine Taten, und wenn en König fromm ist durch das, was er für fein Volk wirkt und schafft, ihm der Vater im Himmel nachsehen, daß er vielleicht blind ist im-NM des Glaubens. Dann ist es Gottes Sache, ihn sehend zu machen oder j lassen, wie er -ist, -denn unerforschlich ist fein Ratschluß, und wir Mensch - dürfen an ihm nicht deuteln!" Der Vater hatte gesprochen und seine große Hand auf den Kopf df- Kna-ben gelegt. Dem war es, als ob ein starker Strom aus der Ha" bes Vaters in feinen Kopf überflöffe. Es war ihm schier zumute, als -hm- Gott selbst mit ihm geredet. — Endlich, im April, an einem hellen Tag, da es stark windete, kam