GWnerZamilieiibMer Unterhallnngsbeilage 51111t Giekener Anzeiger Montag, 6hi \2. Dezember Nummer 97 3 ihrgang V>^2 iieriuidßltljlgleii Wllttel mb bu fireube mnd)en mibe n 3» II Psycholoate des lvil>elMu1>lmi|| von 0 r n |l U o 11) n r. üo i)t einer her t> erb null elften Arrliliner, ibuß Talent nur ,m blenbeiibeii ober ben 'Woben beo (Jteiuubnieii .pimliibeß um ein pnni Legende vom Kncknct. 'Bon Dr. 0 m I g I «,'lll0vn Wbfolatie In einem iir-urnllen llibrenbmio. Unb (liebt bie WeLbumljl gemad) In» Vmvb, bmin ßU)rt er heran» unb ruft unb umbnlt ,,At, 'JIINoel Ae, Ohrlstklnbl En Hißet ben ’Bmmil Die SV lieber auf 0 eben ermmleii e» fmiml" Unb albt nicht huf, 01» her belllue tibvlft In olle Et üben gerommen Ist. Dann lieber | <1)111 oll er mir lick In» Ami». Sd-napp schließt sich »le Tllr. Unb nun i|d)lii|l er sich au». Unb schllP, ben Kops In bie fiebern veiflerft, (>lo baß Ihn Oer heilige Wtolaii» wedl „(Muten Morgen, Aerr sinidTuf, moblnn, unb herküri Echan wartet ber Frühling unb sieht vor her 11I1 AlHI hie AlmmoleschiUssei mobl In bei Anita. 3elg’ Ihm schleunig ben Weg unb Nlita1 ihn bem Hmibl" ilVerrnflenben Dingen gehäre: 411m '.negieren, 4111 Verilhmlhelt, 411m Trhassen — 411 r Veliftunn mH einem Wort. Aber alle« im Heben Ist Veljhina, da» otrtißte bao Winzigste. Auch mH einem Mensdren reiben 1(1 Ueistung, ihm guhliren, Ibn aiisfovdern, ihm hänfen, ihm ben l Isrh beiten ... alle», um» In illlicksichl an| einen wlensche» geschieht, l|i Meldung. Daher gehtirt 411 allem, wenn e» seinen «Sinn befimiinen sali, Talent. Unb eben jo. wie e» Mensihen gibt, bie da» 1 nlent 411 ben söge- nannten großen 'i'mmm nicht h>esi»en, |« gibt eo Menschen unuw äse Wich viel mehr, al» man glaubt , denen e» um latent 4» ben Kieinigkelten gebrlchl: am latent 411111 Heben, da», mm e» richtig nimmt, au» nicht» ul» einer tainime non Kielnig!eilen beßelü, inlndlgen, absurden, lächerlich nichtigen Dingen Go iiichlig sie stab, s<> viele sind Ihrer. Unb Im Heben entscheidet nicht hie vlngahl, säubern die '»lasse. 3» diesen Dingen, bie man, weil sie gor <|o unwichtig scheinen, aus die leichte Ad,sei 411 nehmen psiegi, gehtirt da» -.scheuten. Wo» i|l bu« Schenfeu? Wie elnsältig solche firagel Aebermmui weih bu» doch Man geht In Irgend einen Haben, hält Umschau, handelt ein bißchen, beziihtl, nimmt ein Pofet entgegen ober sagt „Echün. Unb nun |d)|iten «.'je im» bitte du unb ha hin". B«st * J 11 ibi'n üliriieli sehe» Menschen weifen, bei sich siii einen ■Ülen1d;en unb bu» (Hrborenlelii für eine VerpflichkikNg hält flür die nnerläßiid>ste |lu bh .... w* » w»» Heben an bei Phantasie liegt, I", basi ev in ben eut(die benben »WH* beiimlie uhllichllih iius sie anfommi l) barllber gibt man sich I"!1 JS'jfflB. *•’ Im.............. ...... ...... nagt um. einem ‘Men d'eii ei sei herglo» Abe, bm> ist er 411 Nie ist go, nid). H)i 1 I h nm bie Phantasie ihm sehli bie Mmiß, sich eln.ii. »orzusleiten, «i ei ioiJa । < nicht sich 4111 ÜlinbUbiinn 4» erbeben, du lenem Wdjßm ’",'|l| lldn n Wmriff neu die iprad)i mit einer iahrlen .Imme Mich bh ., einem Hri i'i Hellte 11 sinken ilisli Um an irgend ehOO«. >'">»11 du» >> < , kn Lzichung E ,'vahrhasl leKd.iNkhmrn, muß man e» kennen »her e» sich elivbllhen. Mau muß sich Armut, Ammer, Krankheit Vergweisiiing Vörstetten kdgnvn, nm Armen, Auugrigen, H i unten, tun Menschen, denen le tun uh gesiorben Ist, menschlich eutaegeugiireien Man muß mH einem 'Wort Piuintosle genug ließheu, um die Wirkung elnei fließe, eine« I outline, eine» Schweigen» so sehr »vraitogusehen, haß man nicht krtinkend. soisih, tntt'l 0» wird. Aber nirht nur, wo» die Menschen Ta TI nennen, Iß ohne Phantasie undenkbar: amh wo» sie 0)11 le nennen, kann ohne sie nicht ließ eben, mell hu» Talent bei (Mille ongeuwudte Phantasie Ist 311111 Schrillten aber gehtirt Ido» Talent her angenwndien Phiiutusle Wie unerljilrt leicht die Menschen sil [llr Ihn bo mltgespro d>en bat; nein, akkur.nl, wie ein Peusnm, da» man erledigen lull, geht er von Haden 4'11 Haden, bringt einen e leid) aus seinen .nommtissiiinegeilrl an . wieder elma» erlrbigl, gnlllobl 'Ulan muß etwa» schenfen, weil e» Welißnmßlen ober Olrburlolnii isi nun, do» isi einmal so; da hol man eben zuWsehen, wie man sich au« der Visslire 4iei'l enlgegenausiihien bedoubei'l: nicht weil hu« .fiel beslliiiiiit erield.ibm, sondern weil e» vag isti , heu 'lloroniig um her Freude geben Müssen, 3ur firrude, zur wiihren, gehört eben, haß Ile ihren Anlaß, nicht hoh sie Iß re 0 nt'iilliiiin kennt. Thu nm gehiirl 4111 fiiembe he» 'HeschenfkmendenO bie »rbei riesrhuiig Di,» „Ahi" bei eilhüd'len 'Dllnule oehtß i dadU, bei en üni(Ulfen au» 3ofl('rn, titounen, Uugilliiliigkeit und lMloubeiiibür|eii heiß zuisammenslrümt. Am wo» hinter dem Viirhiing knimnl. ist zoiibechnst. 'Mag e», wenn er eliimnl assen ist, nach so belangio» über entlüuschend (ein < olionge man e» nur ahnt, Hot e» alle Mim inte unb ulte Achouer he» Wuiiheiburen. 0» Ist |n der flllang her Urwmliinn; unb er isülidel et hihi 1111, null e» lief In sedem Menschen liegt, 411 hassen, daß hinter dem Äorhong da» Wunderbare fomml. Diese Magle he» (Meheluinlsse» dank man nicht brutal 4 er reißen Unb man dms noch ein amellrn nieyt! sich be» Worte» „üherslilssits" erinnern. Wer schenken mitt, muß diese» Wort megweisen wie einen Feinb. Wer (d)iUlfen will, muß bem Aokmendtaen ligenbein Sküifihen llelirrslüssige» gilegen. Denn amh da» lieberliilssige gehiirl 411111 Inneilleii Wesen bei fireuhe, hie (Id), inte ber mache Inuim, der sie ist, an die Dinge außer bem 'Jage klammert, von Ihnen hingerissen unb bei nascht ®n aiidei» Ist hu» lleiiersMssige, |o hei iliih neu unb ermutigend: e» saiuh.il uni minibeil Amben 111H leichten, (djllnen Ulnlen, mit hem Dust, mH den Imileno Vudmiuen de» Ilngeslthi»: gdlßichet Ciegensoß zum weimchnlen, Aber bmmi gernbe sliehl hie filende nm beim fllenwhnlen, Vni bei binnen, iiilld)leriieii norgelelllen Portion, vor all bem, wo» man mwweiibkg uielh, um» einen iinuorrtiHberten Plag lind seine ' 'laiche Hill bild wovon iilcht» ii'iiegehl al« bleiern tibe» 0 Inerlel ’lünrum, do sie amh unter einem meinen Teller brennt, einen gspollbilligen) bunlen Schirin um hie Humpe leneiiT WW ll6er|lüi|ßgf ... Ab e» so libeis'iiissig HIV Ob ee nicht iilelinehr eine 'Aiilweudigkeit he» Uedersltiillnen gshiV Man stehl nirhi besser mit dem pfaubunlen chirm, gewiß. Mau sieht nm heilerer Da» Ist mehr. Wer da» |llr eine Gelds rage bhß, der Irrt, o» Iß, aiich hu», nur eine lnleiitsruge. Ilm einem andern Areiche eindiikausen, muß man nicht leid) (ein (ine। wäre da» heule, wo man sehen flgfeHuepod,e sondiTgleichen, mehr ben 11 |e. Und men mutz, wenn er gesunden ist, zu geben wissen. Manche Schenker haben mit ihren Geschenken die geheimsten Wünsche erraten un>d bringen trotzdem keine ©pur oon Glück zuwege. Sie geben so schlecht! Sie machen es dem Beschenkten so schamlos schwer. Sie stehen da wie Zuschauer vor ihrem bezahlten Theatersitz und warten nun, datz die Produktion beginne, die sie für all ihre Mühe und ihr Geld durch eine prompte Gegenleistung an Freude und Dankbarkeit entschädigen soll. Und sie warten ungeduldig, lassen dem andern nicht einmal die Zeit, die die Scham braucht, um aus den Zimmern des Dunklen die blendende Schwelle zum Glanz zu übertreten; jede ihrer Mienen trumpft auf: „Na, ... was sagst du! Ist Las nicht prachtvoll! Bin ich nicht seelengut?" Viele tun ein übriges und preisen die geschenkten Ware ausdrücklich an: „Da mußt du mal sehen, wie weich der Stoss ist! Nimm das in die Hand! Wie das glänzt...?" Nein. Es glänzt gar nicht mehr, es löscht im selben Augenblick aus. Diese fordernden Schenker ahnen nicht, wie behutsam man beim Schenken sein muß, da das Schenken aus» Schritt und Tritt von der Gefahr der Beschämung, vom Gift der Demütigung so bitter bedroht wird; sie ahnen nicht, daß die Wohltat nur dann eine ist, wenn , man ringsum alles sorgfältig wegräumt, was sie als Tat erscheinen läßt. Und sie spüren gar nicht, m.e sie überfordern, da sie noch einen Anspruch zu haben meinen, während sie doch durch die Erlaubnis, Freude zu bereiten, maßlos überzahlt sind! Wer geschenkt hat, hat keine Forderung mehr. Darum trete er beiseite. Lob des O-enö. Von Dr. Friedrich S p r ee n. Ein alter Ofen aber stand In der Ecke linker Hand. Recht als ein Turm tüt er sich strecken Mit seinem Gipfel bis zur Decken, Mit Säulwerk, Blumwerk, kraus und spitz — O anmutsvoller Ruhesitz! Betrachtet mir das Werk genau! Mich däucht's ein ganzer Münsterbau; Mit Sch ldereien wohlgeziert, Mit Reimen christlich ausstasfiert. Davon vernahm ich manches Wort, Dieweil der Ofen ein guter Hort Für Kind und Kegel und alte Leut' Zu plaudern, wann es wind't und schneit. Mörrkes alter Durmhahn stimmt dieses Loblied auf den Ofen an, und im Chor sollen die Stimmen aus allen Ecken und Enden der deut- fchen Dichtung ein, um den standfesten, wackeren Wärmefpender zu feiern. Man hat den Ofen „die Seele der Stube" genannt, und er ist auch wirklich nicht nur ihr lebender, erwärmender Mittelpunkt, sondern aus dem Ofen gleichsam heraus und um ihn herum ist die Wohnstube unseres Hauses überhaupt erst entstanden. Solange sich alle Mitglieder der Familie und das Gesinde um das offne lodernde Herdfeuer in dem einen großen Wohnraum des altgermanischen Hauses versammelten, da war noch nichts von Behaglichkeit in dem von Zugluft und Rauch erfüllten Saal zu verspüren. Erst als unsere Vorfahren aus den Gedanken kamen, die bisher nur in dem Badehaufe der alten Hofanlage, in der „Stube", benutzte Heizvorrichtung in die Wohnung zu verpflanzen und diesen Ofen nun in dem ungeheizten Nebenaemach des großen Herdraumes auszustellen, entstand ein gemütliches Zimmer, nach dem alten Badehause die „Stube" benannt, das immer mehr in der Gunst der Hausgenossen stieg und die unwirtliche Halle mit dem Herdfeuer allmählich zur Küche, ja schließlich zuckt Eingangsflur degradierte. Um den Ofen aber, der so gleichsam die Form der Wohnung bestimmte und der seste ruhende Pol in der Flucht wechselnder Hausgeräte und Möbel blieb, sammelte sich nun all die Verehrung und der fromme Glaube, mit denen der Germane seine Feuerstätte von altersher umgibt. Ihn umschwebten die guten Geister der Familie, der Einkracht, des Friedens, wie sie noch Dickens in Gestalt seines Heimchens um die sengende Flamme summen und singen läßt. Im Glauben des Volkes wurde der Ofen, der die von Thor selbst entzündete Flamme des Hauses barg, zu einer bedeutungsvollen geweihten Stätte; die stillen Mächte des Herms, des Rechtes, der Zukunft wohnten in ihm. Neues Hausgesinde wurde an den Ofen geführt, um fo in die Familie ausgenommen zu werden. Aus dem Brummen, Knattern und Knistern des Ofenfeuers konnten die Jungfrauen erraten, ob sie einen Mann bekommen, oder gar in der Neujahrsnacht fein Bild im Ofenloch sehen. Wer etwas zu bekennen hatte, was er keinem Menschen anvertrauen wollte, der klagte dem Ofen fein Leid, kündete ihm sein Geheimnis, und der brachte dann Verbrechen und Unrecht an den Tag. Am Ofen fand der Verfolgte Schutz und Obhut; wer aber rechtlos geworden war. ausgestoßen aus dem Kreis der Sippe, dem ward der Ofen nieder- gerissen und das Feuer gelöscht. So spielt der Ofen in Sage und Märchen die Rolle eines behäbigen guten treuen Kumpanen, der an Freud und Leid seiner Stubengenosfen gewichtiger Anteil nimmt. Auf den runden bequemen Sitzen zu beiden Seiten feiner warmen Wände ruhten Vater und Mutter in traulicher Feierstunde von des Tages Last und Mühen aus; der Ahn bekam sogar ein Plätzchen hinter dem Ofen mit Fußbank und Lehne. Vorn auf der breiten großen Ofenbank drängten sich Kinder und Gesinde aneinander und lauschten dem Prutzeln der Bratäpfel im Rohre. Oben um den Ofen herum, am „Ofengeländer", hingen Kleider und Windeln zum Trocknen und daran schloß sich bisweilen eine warme Lagerstätte, zu der eine kleine Treppe hinaufführte. Zwischen dem Ofen und der Wand, der sogenannten Hölle, deren Hitze einen Vorgeschmack späterer Sündenbuße kosten ließ, wurde mit Vorliebe die Schlafstelle aufgeschlagen. Auch das belehrende Element durfte nicht fehlen, das die bunten Bilder, Figuren und Zierate des stattlichen Kachelgebäudes dar- boten. Die Kinder konnten an diesem wetterfesten Gesellen einen erheiternden Kursus biblischer Historie und heidnischer Mythologie durchmachen und von seiner kunft- unib farbenreichen Gestalt die ersten Eindrücke der Schönheit empfangen. Zum Abbild der Welt ward so der Ofen, zum Symbol des Familienlebens und des Vaterhauses. Der Ofen ist des Deutschen Stolz. Don primitiven ärmlichen Anfängen entwickelte er sich zu jenem Meisterwerk harmonischer Schönheit, bas er in der Renaissance darstellt. Die ersten Oesen, die der fränkische Bauer aus dem Badehause in seine Wohnkammer hinübertrug, bestanden aus einer in Lehm über einen Herd gemauerten kuppelförmigen Stein- Wölbung, die stark erhitzt, dann mit Wasser begossen wurde und fo dem darüber im Gebälk des Daches und an den Wänden Sitzenden eine Art Dampfbad gewährte. Diese ursprüngliche Ofenform muß schon den alten Germanen bekannt gewesen fein:1 gab es doch Töpseröfen schon in der Urzeit! Der plumpe, aus dicken Steinen und Lehm schwerfällig breit aufgerichtete Ofen des frühen Mittelalters wurde aber bald von dem Kachelofen abgelöst, dem die Zukunft gehörte. Die Technik, aus trugartigen Gefäßen, d. h. aus Kacheln, einen kuppelförmigen Bau herzustellen, stammt aus dem Orient und wurde über Griechenland den Römern vermittelt. Da das Wort „Kachel" ein lateinisches Lehnwort ist und vor dem sechsten Jahrhundert in die germanische Sprache eingeführt sein muß, wird der Kachelofen bei den Germanen schon sehr früh Ausnahme gefunden haben. Der älteste derartige Ösen, von dem wir etwas wissen, gehört dem 8. Jahrhundert an und ist langobardischer Herkunft; 250 Kacheln wurden zu seinem Bau verwendet. Die Kacheln hatten zunächst eine runde, konvexe oder eine schüssel- artige konkave Form; sie wurden zu kugeligen Hausen züsamm engesteilt. Durch das Aneinanderrücken verloren aber die Kacheln bald die runde Form, wurden eckig und konnten nun zu jedem beliebigen architektonischen Aufbau verwendet werden. Diese unglasierten Kacheln, die wie vertiefte Näpfe aussehen und durch ihre Aushöhlung die Wärmewirkung vergrößerten, wurden „Hafen" genannt. Um sie herzustellen und zu verschönern, entfaltete sich die Ofenhafnerkunst, in der die deutschen Töpfer ihr Höchstes geleistet haben. Daß man zu Anfang des 9. Jahrhunderts bei der Anlage von Dcfen einen gewissen Luxus trieb, beweist der berühmte Grundriß der Klofter- anlage oon St. Gallen, wo die Wohnzimmer, Krankenräume und Gastzimmer durchgängig ihren Ofen haben. Der große Saal, in welchem man zur Ader ließ und Abführmittel nahm, wird sogar durch vier in den Ecken befindliche Defen geheizt. Von Oesen, die mit Marmor und kostbaren Holzarten verziert waren, erfahren wir aus mittelhochdeutschen Dichtungen. Ihren besonderen eigenartigen Schmuck erhielt die Kachel durch die Glasur, die wahrscheinlich von Frankreich aus bekannt wurde. Nach einem Bericht der Colmarer Chronik soll ein Töpfer in Schlettstadt, der 1283 starb, der erste gewesen sein, der im Elsaß Töpferwaren mit Glas, also jedenfalls mit Bleiglasur, überzog. Die ältesten tongebrannten, einfarbig glasierten und schon künstlerisch verzierten Kacheln sind aus dem 14. Jahrhundert von der Burg Tannenberg auf uns gekommen; die ersten vollständig erhaltenen Oesen stammen vom Ende der gotischen Epoche. Da steht gleich am Amsang ein Meisterwerk der Hasnerkunst; der herrliche Prunkofen, den «der wackre Bischof Leonhard von Keutschach zu Ehren Gottes und zu seiner Freude auf der Feste Hohen-Salzburg setzen ließ. Wie ein Architekturwerk des strengen gotischen Stils steigt er auf mit feinem viereckigen Unterbau, der auf Löwen ruht, mit feinem turmart.g spitzen, ’iinnenärtig bekrönten Oberbau, den fein durchbrochenes Maßwerk, schön stilisierte Ornamente, Türmchen und Spitzen umgeben und beleben. Wie ein köstlicher Altarschrein, wie ein Dom im Kleinen, wirkt er in seinen harmonisch schweren Farben, geschmückt mit der vielgestaltigen Welt von heiligen Figuren und Reliefs, wie sie auch von den Kathedralen niedergrüßen. Der Öfen ist hier noch ganz als architektonisches Werk behandelt. Er wird sogar bisweilen zu einer ganzen Burg, die von doppelten Türmchen stolz und verwegen überragt wird. Es war die Aufgabe der Renaissance, dieses plastisch ungefüge Kunstwerk koloristisch reich zu beleben und in die geschlossene Harmonie des Raumes einzuordnen. Die Defen wurden zunächst schlanker und seiner gestaltet. Figürliche Reliefdarstellungen wurden in den Kacheln angebracht, die die Form flacher Rundbogennischen hatten; eine zarte Farbigkeit klingt freundlich und anheimelnd an. Auf diesen Defen, die besonders in der Schweiz meisterhaft angefertigt wurden, breitete sich das bunteste Bilderbuch aus. Heilige, allegorische und geschichtliche Szenen waren zu sehen und durch lehrhaft naive Sprüche erläutert. Antike Ornamentik, Masken und Arabesken, Sphinxe und Greife, Fruchtschnüre, Muschelwerk und all der ausgelasiene üppige Formenreichtum der deutschen Kleinmeister umspielten und bereicherten die zartgliedrig und leicht aufsteigenden edleren Baulinien, wie sie etwa die wundervollen Defen im Fürstenzimmer des Augsburger Rathauses zeigen. Statt der vielen kleinen Kacheln wird bann in der weiteren Entwicklung jede Seite des Unter- und Oberbaues aus einer einzigen großen Füllungskachel aufgeführt und eine einheitliche warmleuchtende Schönheit statt der luftigen Buntheit erzielt. Der Ofen beginnt als rein malerisches Element zu wirken; er fügt sich dem Raum ein, in dem feine Farbe weiterklingt. Bor allem in Nürnberg wird die Kunst der fein abgetönten, an venetianischen Borbildern geschulten Glasur heimisch, aber sie entfaltet sich auch in Lübeck und Hamburg. An die Stelle der schönen grünen und schwarzen Tönung tritt nun ein leuchtendes, doch mildes Blau, mit dem sich Gelb und Grün, Violett und Gold reizvoll verbinden. Die gesättigt reichen dunkleren Glasuren verdrängt bann im Rokoko das zierlich zarte weiße Zinnemail mit sparsamer Vergoldung; die Form ergeht sich in den ausgelassenen Schnörkeln, den geschweiften Profilen und koketten Bizarrerien, die dem Stil überhaupt eigen sind. Einen monumental-gravitätischen Geist entfaltet das Empire, bas ben Ofen wie eine große wuchtige Vase gestaltet ober wie ein ernstes Srabmonumcnt. Der , Dpfernltar bes Vulkan", bem Perlenschnüre nur steif und nüchtern angeheftet sind, sieht bald wie eine Pyramide aus und bald wie eine Säule, die eine Urne oder eine Büste trägt. Von diesen wunderlichen Verirrungen drängte Schinkel wieder aus einfache schlichte fonftruttwe Form in bescheidenem Weiß hin. Er_ schuf das Urbild des „Berliner Ofens", der aber bald von schlechten überladenen und unechten Renaist Ein Major von Herzfelde Io dem beim Schneenacht. Von Kurt Bock. GDS. Sterne schneien von den Zweigen, die sich taftentief verneigen. Selber strömt vom vollen Mond, der im Glockenstuhle wohnt. Selig stemmt fein Lied der Wind. Eine Mutter wiegt ihr Kind, — aus dem Garten spähn herein sieben kleine Engelein. Heben sacht sich auf den Zehn, um das Menschenglück zu sehn; nun erklingt von fern und nah himmlisches Hallslujoh. des Leibes. „Nein, mein Freund", lautete die Antwort, „ich bin Philosoph und darf mich wohl mit Recht zu den Vorurteilsfreien von Sanssouci zählen, und darum bin ich kein Christ. Es wäre der menschlichen Anmaßung zuviel, die sich für ihre kleinen Leiden einen besonderen Himmelsarzt bestellt!" n , Da der Major die höchste Protektion besaß, indem ein Brief des Königs anlangte, in welchem besonders nach dem Besinden feines lieben Herzfelde gefragt war, so wurde nichts unterlassen, um dem tapferen Mann zu helfen. Aber die Wunden waren hoffnungslos, der Brand trat ein, und der Arzt eröffnete dem Kranken, er müße auf das Ende gefaßt fein. In der Nacht darauf geschah es, daß Heinrich an das Lager eines sterbenden Unteroffiziers gerufen wurde, der in dem großen Saale lag, Wand an Wand mit dem Major, der ein Einzelzimmer innehatte. Der Unteroffizier empfing alle geistlichen Tröstungen, bat Heinrich, daß er feine Frau und feine beiden Kinder in Potsdam der Gnade des Königs empfehle, und betete mit Heinrich zusammen um die Vergebung seiner Sünden. Als Heinrich das Amen sprechen wollte, fuhr der Sterbende fort: „Und in dieser Stunde, lieber Gott, wo es mit mir ans Sterben geht und kein Spaß ist, laß dir auch anempfohlen sein unfern König Friedrich, der nun schon sieben Jahre Not und Kummer des Krieges tragt für uns. Hilf ihm und rette ihn, o Herregott!" . Dann war cs Heinrich, als geschähe em Wunder; denn rings auf ben Lagern, wo die armen Verwundeten wach geworden waren, klang es leise und ehrfürchtig wie in einem Chor wie eine Bestätigung wieder: fiilf ihm und rette ihn, o Herregott!" Und waren doch zum Teil Menschen, die aus der Sträflingsanstalt kamen, oder gewaltsam gepreßte Vagabunden neben echten preußischen Landeskindern. Da nun Heinrich dem Unteroffizier Gutes getan und ihm verheißen, er würde eingehen als Gerechtfertigter in die Ewigkeit, hörte er an der Wand ein Mopsen, und, wie er war, im geistlichen Gewand, ging er hinüber zu dem Major. _ , ., , . , Der lag ohne Perücke kalkweiß in [einem Bett. Heinrich bewunderte die kühn gewölbte Stirn und den Willensstärken Ausdruck um Kinn und Wangen. Der Major begann: „Hab' gehört, wie die da drüben für den König gebetet haben. Es muß etwas Sonderbares fern um die Kraft Heinrich antwortete nicht darauf; er wußte, die Stunde dieses Mannes war gekommen. So gerieten sie in ein langes Gespräch über Gott und die Göttlichkeit. Und Heinrich war es, als spräche aus ihm der. kindlich- starke Geist seines Vaters, des Riesen aus der Potsdamer Garde. „Ja , fance-Nachahmungen übertroffen wurde. Erst das beginnende 20. Jahrhundert versucht wieder mit Glück, an die schönen alten Formen des Ofens anzuknüpfen. der allerdings einen harten Kampf ums Dasein neben der Zentralheizung führen muß. ijor von Herzfelde tag im Lazarett, ein geistreicher Kavalier, _____ ______ Anritt der Seydlitz-Kürassiere das rechte Knie zerschmettert war. Mit Bewunderung sprachen die Aerzte von der Tapferkeit, mit der dieser Mann sein Leiden ertrug. „Es sind Einbildungen des Körpers!" behauptete er. „Ueberlaffen wir diese Lügen dem alten Lügner!" Der Wundarzt, der ihn behandelte, meinte, her Major müsse ein rechter Christ sein, daß er so erhaben sei über alle Unzulänglichkeiten Stettin, und Frau und Mutter konnte er nur an hohen Festtagen sehen, wie zu Weihnachten, wo er sich die Zeit nahm, auf seinem unermüdlichen Kosakenpserd über die Landstraße hin und her zu kleppern. Endlich brachte das Jahr 1762 Frieden mit den Rusfen. Die Schweden gingen jetzt nicht mehr aus ihrem Teil Pommerns heraus. Ein schwacher Kordon von Truppen genügte, sie im Zaum zu halten. So konnte zum ersten Male das arme pommersche Herzogtum aufatmen von der Kriegslast. Das Bellingfche Korps zog nach Süden, hinab in die fränkischen Lande. Auf diesem Marsch tarnen sie durch Leipzig, und Heinrich verfehlte nicht, feinen alten Gönner, den Professor Gellert, aufzusuchen. Er fand ihn gealtert und schwer bedrückt vor. Der Prosessor war ein treuer Untertan seines sächsischen Kurfürsten, aber der Krieg hatte besonders den lächsischen Landen und zumal der Stadt Leipzig' schwere Wunden geschlagen. Jetzt erklärte er Heinrich, er müsse dem preußischen König den Sieg wünschen, damit endlich einmal die Not des Landes aufhöre. Beide plauderten von den alten Zeiten. Gellert traten die Tränen in die Augen, und Heinrich war innerlich jchwergemut, wenn er daran dachte, wie sich sein Leben verkehrt hatte, wie er von dein Studium und den Klassikern hatte ablafsen müssen, um sich ganz feiner Kriegsarbeit zu widmen. Auch er konnte die Tränen kaum zurückhalten, als der Professor ihm an der Haustür, wohin er ihm das Geleit gegeben hatte, die Hand drückte. Aber gerade zog eine Schwadron der schwarzen Bellingschen Husaren vorbei und fang ein kräftig Lied. Er sah ein kleines Kosakenrößlein scharren und das ehrliche Gesicht feines Husaren. Und die Stimmung ergriff ihn — er schwang sich in den Sattel, zog vor dem Professor den Hut und fühlte die Brust frei. Auf diesem Streifzug, tief ins Fränkische hinein nach Bamberg und Würzburg, kamen sie durch gesegnete Landschaften, die von der Kriegs- furie noch nicht berührt waren, und die Kriegskontributionen waren leicht einzutreiben von den feisten Domherren und Prätaten. Ein Spaß war es ihm, mit diesen geistlichen Herren Lateinisch zu reden. Er ergötzte sich an den erstaunten Gesichtern der Prälaten, die es gar nicht glauben mochten, daß ein preußischer Kriegsknecht die Sprach« der Klassizität beherrschte. Im Herbst stießen die Bellingschen zur Armee des Prinzen Heinrich von Preußen, und noch einmal erlebte der Kriegskommissar die Greuel einer großen, blutigen Schlacht, als die Preußen die Oesterreicher und Reichstruppen angrisfen. Gleich nach der Schlacht wurde ein großes Lazarett in der Stadt Freiberg errichtet, über das Heinrich die-Oberaufsicht erhielt, weil Mangel war an geeigneten Beamten. Aber auch der Geistliche, der die Sterbenden trösten sollte, brach zusammen unter der Mühsal und dem Jammer. Da kam es Heinrich zugut, daß er Theologie studiert hatte und bibelfest war. Er zog sich geistlichen Rock an, setzte die Perücke auf und nahm auch diese Pflichten auf sich. Oer Knegskommiffar des Königs. Roman von Friedrich F r e 11 a. Copyright 1931 by August Scherl, G. m. b. H., Berlin. (Fortsetzung.) „Kommen Sie dicht her zu mir!" befahl die Mutter, schaute den sich Krümmenden groß an und sagte: „Heinrich, hast du denn nicht gewußt, daß dies ein Mädchen ist?" .. . „„ Der Kriegskommissar war wie vom Donner gerührt. „Ein Mädchen? Da fing das Schreiberlein an zu weinen, warf sich ihm zu Füßen un*b bet-crnnte, es fei aD[o; fie h-ätte ihres Vaters Haus verlassen, n>cil fie gezwungen fein sollte, einen Mann zu heiraten, vor dem sie sich gefürchtet. „Was für eine Komödie!" rief Dorothee. Di« Mutter wurde blaß und sagte: „Ich habe meinen Sohn niemals als Lügner gefunden! Willst du chrn nicht glauben?" „Nein — ich mag es nicht glauben!" schrie das Mädchen und lief die Treppe hinaus in ihr Zimmer. Heinrich ging ihr nach, klopfte an und bat. .... Aber er hörte nur ihre jammernde Stimme: „Ich glaube dir nicht! Ich kann dir nicht glauben!" Während er immer noch vor ihrer Tur zitterte und bebte, horte er bie Stimme seines Husaren: „Herr Kriegskommifsar — der Kurier! Da mußte er hinunter. Der Kurier übergab ihm Akten und Schriftstücke und auch einen Brief aus Rostock. Heinrich schnitt diesen Bries aus und fand folgende Zeilen von seinem Rostocker Duartiergeber: ,3Jtem hochzuoerehrender Herr Kriegskommissarius und mein lieber Gastfreund! ; Seit einigen Wochen ist die mir befreundete Kaufmannssamilie Stterlmg I in höchster Bestürzung, weil ihre junge und schone Tochter heimlich das Haus verlassen und, wie wir es nun herausgebracht haben, sich, als Mann verkleidet, in die Welt begeben hat. Der Grund dieses Verhaltens ist die Siebe zu einem Kornett der Bellingschen Husaren^ wie wir gehört haben, eines leichtsinnigen und gewissenlosen jungen ©Mmannes. Um mit ihm zusammenbleiben zu können, hat sie sich bei Ihnen, mein He r Kriegskommissarius — es tut mir leid, das zu berichten —, als.Schreiber eingeschlichen. Wenn Sie einer guten, ehrenfesten 6amckie einen Dienst erweisen wollen, woran ich nicht zweifle, so schicken Sie al-bald da Mädchen unter Aufsicht nach Rostock zurück! Denndicer lunge Kornel st ein geborener Mecklenburger, wird in seinem Adelsstolz das Moschen nie heiraten Da Sie ein christlicher und fester Mann find, werden Sie überfeine Zumutung nicht entrüstet fein. Ich vertraue auf Ihr gute Herz das ein betrübtes Glternpaar gern trösten wird! Sofort lief Heinrich hinauf, klopfte an Dorchens Tür und rief: ,Z-Y TÄ aVSÜJ’l? £' »kf unter der TÜ.Me agen als Begleiterin der Entlaufenen mit nach Rostock, fei es gelungen, daß die Eltern das junge Ding Eder in ©naben auf- "'“Ä gfäSX'tf er bestand nun darauf, daß Doroche fllIer Stille gefeiert. In ->»- ■>-"» sagte er dem Major, „Sie haben recht. Hätten die Pferde einen Gott, so roar’ es ein Pferd; und hätten ihn die Löwen, so mär' es ein Löwe. Da mir nun Menschen sind, muß Gott für uns der ewige Vater sein im Himmel; denn Vater ist das Höchste, was wir Menschenkinder unter den Menschen verehren. Und es steht ja auch geschrieben: So ihr nicht werdet [ein wie die Kinder, wird das Himmelreich nicht euer! Das heißt: Wir sollen den Vater suchen!" Der Todkranke war ermüdet. Er reichte Heinrich die Hand und sagte: „Werde diesen Gedanken nachgehen und hoffe, jetzt schlafen zu können." Am nächsten Tag lieh der Major wieder den Geistlichen bitten, und Heinrich kam zu ihm. „Hab' es durchdacht", begann der Major, „und fiel mir dabei ein ein Wort, was Quant;, des Königs Flötenlehrer und Kapellmeister, der große Kompostteur, über Musicam gesagt hat: Der unverdorbene Sinn ist natürlich und musikalisch! Hört nur die Kinder und die Mägde, die auf dem Felde singen bei der Arbeit! Aber dann kommen die Klügler und Tüftler und verderben natürliches Gefühl. Erst wieder die großen Meister kommen über den Umweg der Irrung empor zu einer großen Höhe, und dort oben empfinden sie neben aller ihrer Kunst, wenn sie groß sind, wieder als die Kinder. — Und nun, mein lieber Seelsorger, wollen wir versuchen, zu beten für meine arme Seele und den König!" Es ward schlechter mit dem Major. Da bat er um die letzten Tröstungen, und Heinrich sprach mit ihm von der Unendlichkeit der Gnade Gottes, und daß einem jeden, auch falls er arg gesündigt hätte und arg gezweifelt, wenn er den Dater um Barmherzigkeit bäte, diese zuteil würde. Während er noch sprach, öffnete sich die Tür. Heinrich ließ sich nicht stören und führte das Gebet mit dem Major zu Ende, das ihm selbst aus tiefstem Herzen kam und in dem er Gott inständig darum bat, auch diesen Sünder seiner Gnade teilhaftig werden zu lassen. Als er aufstand, sah er hinter sich den König stehen, an der Tür einen Leibhusaren. „Er hat mich warten lassen, Pastor!" erinnerte der König und nahm Platz auf dem Stuhl, von dem sich Heinrich erhoben. Heinrich erwiderte: „Halten zu Gnaden, Eure Majestät: Nicht ich armer Mensch habe den großen König warten lassen; es war der Herrgott, der größer ist als ein König! Friedrich ergriff die Hand des Majors, der sich mühsam ein .wenig aufgerichtet hatte, und sagte: „Hab' gehört, wir müssen Abschied nehmen, mein lieber, alter Herzfelde. Es steht übel um Ihn, aber Er ist ja ein tapferer Mann!" Der Major blickte auf Heinrich: „Der Mensch ist tapfer und hoffärtig, solange er stark und kräftig ist. Auf dem Schmerzenslager wird er müde und braucht Zuspruch, Trost; er muß die Gedanken abwenden vom Tun und Treiben dieser Erde." „Hab' gehört durch Briese der Aerzte, daß Er, als ein echter Philosoph und Kavalier von Sanssouci, alles mit Gleichmut erträgt!" „Eure Majestät wissen, daß ein echter Philosoph sich der Wahrheit nie verschließen soll. Hab' hier nun viel oernommen und erfahren. Waren Eurer Majestät verwundete Krieger mein Vorbild; und wenn ich zuvor Eure Majestät geliebt und geehrt habe — hier hab' ich gelernt, für Eure Majestät zu Gott zu beten .. Der König hatte Tränen in den Augen und sagte: „Ich danke Ihm, mein lieber Herzfelde, für alles, was Er in meinen Diensten getan!" Und er beugte sich über den Liegenden und küßte ihn auf die Stirn. Heinrich entfernte sich leise, warf das geistliche Gewand und die Perücke ab; war es doch seine Pflicht als Vorstand des Lazaretts, beim König Reverenz zu erweisen. Er tat es, als der König in den Saal trat, militärisch. Der König schaute mit blanken Augen auf: „Ist Er ein Komödiant? Ich sah Ihn doch soeben als Geistlichen verkleidet, und Ihn kenne ich doch an der Narbe! Er ist doch mein Kriegskommissar Heinrich Fritsche?'' ,Lu Befehl, Eure Majestät!" „Und wie kommt Er dazu, den Geifllichen zu spielen?" „Halten zu Gnaden, Majestät: Der Hospitalgeistliche ist schwer erkrankt, und die Sterbenden und Leidenden brauchen geistlichen Zuspruch wie liebes Brot." „Na — bann verwandle Er sich mit Gottes Hilfe immer hin und her, wenn's not tut! Ich werde Sein Ihm wohlaf-fektionierter König bleiben. Hat Er einen Wunsch, soll Er ihn mir sagen — er wird erfüllt werden!" * Eine Freude kommt nie allein. Am Abend des Tages, an dem Heinrich mit dem König gesprochen, kam ein Frelkorpssoldat in das Lazarett, begehrte den Herrn Kriegskommissar zu sprechen, und bat um Quittung über fünfundzwanzig Louisdors, indem er ein Schreiben überreichte. Da fand denn nun Heinrich geschrieben eine' Bitte des Kapitäns Friedrich Wichclm Fritsche, die fünfundzwanzig Louisdors an seine alte Mutter in Solberg gütigst zu übermachen. Heinrich quittierte lachend und schrieb dem Bruder: Da er doch in der Nähe sei, möge er bei ihm vorsprechen. Und wirklich: Zwei Tage danach kam zu Pferde der riefenlange Kapitän und traf Heinrich durch Zufall auf dem Marktplatz von Freiberg. Das war nun freilich eine Freude. Beide gingen sie in die „Krone'', setzten sich nieder bei einer Flasche Ungarwein, und es gab ein Erzählen hin und her. „Wie ich's zum Kapitän gebracht habe?" wiederholte Friedrich Wilhelm Heinrichs Frage. „Weil's der liebe Gott und der König so gewollt! Das war bei Leuth en, wo -rotr’s mit zweiunddreißigtausend gegen achtzig- tausend geschafft haben. Sie haben uns als .preußische Wachtparade' verhöhnt, aber wir haben ihnen alle Geschütze abgenommen und bas Heer so demoliert, daß die Hälfte tot, gefangen ober verwundet war. Die Garde stand vor dem Kirchhof von Leuthen — drin hatten sich die ungarischen Grenadiere festgesetzt —, und den mußten wir stürmen. Der junge Kapitän Möllendorf kommandierte unsere Kompanie. Als wir in den Kirchhof einbrachen, sah ich die feindliche Fahne und dacht' mir: Die mußt du holen — die ist der Preis! Und kam auch nahe heran. Wollt' ihm das Bajonett in den Leib rennen — zerschmettert mir ein ungarischer Grenadier mein Gewehr in zwei Stücke mit dem Kolben, und der Hauptmann 'baut mir eins über die Blechmütze, daß mir die Ohren summten und das Blut aus der Stirn fprang. Da packte mich die Wut — lief ihn mit den Fäusten an, stieß ihm die Linke In den Mund, baß die Zähne herausflogen; mit der Rechten brach ich 'den Säbel ihm aus der Faust. Ging schneller, als ich's dir erzählen kann. Blitzten um mich die Bajonette, aber ich schwang den Säbel wie ein Rad: Drauf «uf den Faliuenträger — nahm ihm die Fahne und brüllte .Hurra!', als ob Ich am Spieß stäke. Die Kameraden nach, und ich schreie: rffab’ die Fahne! Wir haben gesiegt!' Und wir behielten die Fahne unb haben gesiegt! Wer nicht von ben Ungarn um Pardon bat, dem schlugen wir den Schädel ein. Ich blutete stark. Der Feldscher riß dem ungarischen Hauptmann die schwarzseidene Halsbinde ab und verband mich damit. Und es war falt. Jetzt erst merkte ich das Fieber, das mich anpackte. Die Kameraden nahmen zerbrochene Flintenschäfte und Teile von österreichischen Wagen und machten ein großes Feuer. Unb wie ich so in die Flammen schaues kommt ber König zur Garbe geritten. Alle Grenadiere springen auf und stehen stramm, ohne das Gewehr in die Hand nehmen zu können. Und der König kommt zu uns heran und sagt sehr freundlich: .Kinder, es war ein stolzer Ehrentag für die preußische Garde! Nach hundert Jahren werden sie davon noch sagen!' Und da fällt fein Auge auf mich: Ich stund da mit verbundenem Kops, in der Hand die österreichische Fahne und in der andern den schweren Säbel. .Was soll das?' fragt der König. .Halten Eure Majestät zu Gnaden: Ich habe heute beides in ber Bataille auf dem Kirchhof zu Leuthen erbeutet unb mir dabei bie Blessur geholt!' Da tritt 'ber Kapitän Möllendorff hinzu unb meldet: .Der Korporal hat sich sehr dabei ausgezeichnet! Er ist der Erste gewesen, ber in den Kirchhof einbrangl' Sagt der König: .Wie heißt Er? Sein Gesicht kenne ich doch!' .Halten Eure Majestät zu Gnaden: Ich bin der gewesene Förster, mit dem Eure Majestät zu Dresden im Monat April zu sprechen geruhten!' Da war ber König sehr freundlich und sagte: Ja, so? Hätt' Ihn kaum wiedererkannt mit der Binde, Korporal! Freu' mich doppelt, daß Er's grat) ist, ber sich hervorgetan hat! Da Er schon einen Qssiziersdegen in ber Hand hält, so will ich Ihn zur Belohnung für feine Konduite und seine Courage gleich zum Leutnant ernennen unb Ihm aus meiner Schatulle fünfzig Dukaten zu feiner Ausrüstung bewilligen. Aber Er ist nicht vom Abel, und darum muß Er fort aus ber Garbe. Er soll sich beim Freibataillon melden, das der Major von Wunsch jetzt errichtet! Also adieu, Leutnant — halt' Er sich fernerhin brav!' Das Freibataillon war nun eine andere Kohorte als bie Garbetruppe; bie Offiziers hatten in aller Herren Ländern gebient. Obgleich es bei Strafe der Kassation vom König verboten ist, hab' ich dreimal zum Zweikampf antreten müssen. Nun, zum Glück schieße ich gut, und wenn ich meine Prim schlage, hilft «keine Parade — ich haue sie durch. Unb nun die Truppe, sage ich bir! Ohne Pistolen in ber Schärpe kann ich mich vor ben Leuten kaum sehen lassen, wenn sie auch meine Fäuste fürchten; alle Taugenichtse, Landstreicher unb Deserteure aus ganz Europa werben ohne Bedenken bei uns angenommen. Ja, wir rekrutieren sogar aus Zuchthäusern und Gefängnissen. Der Benedix, der dir den Brief überbracht hat, ist wenigstens ein ehrlicher Verbrecher. Er hat nur seinem Herrn, ber ihm die Tochter verführen wollte, ein- wenig ben Schübe! eingeschlagen. Ich hab' ihn vom Galgen losgekauft, unb nun ist er mir treu wie ein Schäferhund. Die Zuverlässigen von meinen Leuten habe ich mit Pirschbüchsen nach Jägerweise ausgebildet. Das war in ben Wäldern von Oberschlefien besonders einträglich. Wir haben Transporte abgefangen, die von zweihundert unb mehr Leuten begleitet wurden, weil wir ihnen erst sauber die Offiziers wegputzten unb die Leute solä)e Angst vor unserer Treffsicherheit hatten, daß sie alles stehen- und liegenließen. 1759 im Sommer wurde Ich Promierleutnant und erhielt eine eigene Kompanie und war bann 1760 schon Stabskapitän. Das Avancement bei uns ist rasch, denn der König schont uns nicht, und die Offiziers, wenn sie sich nicht oorsehen, fallen wie die Fliegen im Spätherbst. Am Abend vor der Schlacht bei Liegnitz am 15. August scharmutzierten wir Freibataillone mit den Feinden umher, wie es Gewohnheit ist. Da seh' ich plötzlich einen österreichischen Deserteur, den die Kroaten verfolgen. Der Mensch kommt im vollem Lauf auf uns zugerannt, so schnell ihn feine Füße nur tragen können. Ein Kroatenoffizier auf einem schönen Pferd sprengt hinter dem Kerl drein und hat ihn schon fast eingeholt. Da ließ ich mir eine Büchse geben, zielte und schoß dem Kroatenoffizier durch die Brust, daß er gleich vom Pferd plauzte. Nun verhörten wir ben Deserteur. Er war ein geborener Preuße unb von den Oesterreichern zwei Jahre zuvor zwangsweise unter ihre Regimenter gesteckt worben. Er war mit Lebensgefahr entwichen, um dem König bie wichtige Nachricht zu bringen, baß der General Loudon am andern Morgen in aller Frühe das Lager bei Liegnitz angreifen wolle. Ich brachte ben Kerl zum König, der ihn eindringlich befragte unb bann seinen Plan faßte. Die Tambours, bie Kranken und maroden Leute mußten im Lager zurückbleiben und einen Spektakel machen, als wenn alle Truppen versammelt wären. Der König aber marschierte mit uns anderen in der Dunkelheit ab unb legte sich im Hinterhalt auf bie Höhe über ber Straße, wo ber General Laubon mit seinen Truppen vorbei mußte. So schlau ber alte Fuchs Laudon war — diesmal ging er uns doch in die Falle: Die Sonne war noch nicht aufgegangen — es war eine gelbe Dämmerung mit Nebel —, da griffen mir unversehens die unbesorgt einhermarschierenden Feinde von allen Seiten an. Um sechs Uhr morgens hatten wir schon die Oesterreicher total geschlagen und viel Beute, Kanonen und Gefangene, ihnen abgenommen. (Fortsetzung folgt.) verantwortlich: vr. Hans Thhridl. — Druck und Derlag: Brühl'sche Universitäts-Buck- und Eleindruckerei, D. Lange, Giesten.