Jahrgang (952 Montag, den 12. September Nummer i GichenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Oer König in Thule. Bon 3. W. von Goethe. Es war ein König in Thule Gar treu bis an das Grab, Dem sterbend seine Buhle Einen goldnen Becher gab. Es ging ihm nichts darüber. Er leert ihn jeden Schmaus: Die Augen gingen ihm über. So oft er trank daraus. Und als er kam zu sterben. Zählt er seine Stadt im Reich, Gönnt alles seinem Erben, Den Becher nicht zugleich Er saß beim Königsmahle, Die Ritter um ihn her. Auf hohem Vätersaale Dort auf dem Schloß am Meer. Dort stand der alte Zecher, Trank letzte Lebensglut Und warf den Heilgen Becher Hinunter in die Flui. Er sah ihn stürzen, trinken Und sinken tief ins Meer. Die Augen täten ihm sinken: Trank nie einen Tropfen mehr. Phantasien im Bremer Ratskeller. Von Wilhelm Hauff. „Mit dem Menschen ist nicht auszukommen", sagten sie, als sie in meinem Gasthof die Treppe hinabstiegen, und ich konnte es noch deutlich i)ören. .Letzt will er wieder schlafen von neun Uhr an und leben wie ein Murmeltier: wer hätte das gedacht vor vier Jahren." Sie hatten nicht unrecht, die Freunde, daß sie mich in Unmut verließen. Gab es ja doch heute abend eines der glänzendsten musikalischen, tanzenden und deklamierenden Butterbrote in der Stadt, und hatten sie sich nicht alle mögliche Mühe gegeben, mir, dem Landfremden, einen angenehmen Abend dort zu' verschaffen? Aber es war wahrhaftig unmöglich: ich konnte nicht gehen. Warum sollte ich einen tanzenden Tee "besuchen, wo sie nicht tanzte, warum ein singendes Butterbrot, wo ich (ich mußte es zum voraus) hätte singen müssen, ohne von ihr gehört zu Werden: warum einen trauten Kreis von Freunden durch Trübsinn und sinsteres Wesen stören, das ich nun heute nicht verbannen konnte. D Gott! ach wollte ja lieber, daß sie mir auf der Treppe einige Sekunden fluchten, •als daß sie sich von neun Uhr bis dreizehn Uhr langweilten, wenn sie mur mit meinem Körper sich unterhielten und bei der Seele umsonst an- irogten, die einige Straßen weiter auf Unserer-Lieben--Frauen-Kirchhof «nachtwandelte. . ... . m Aber das tat mir wehe, daß mich die guten Gesellen sur ein Murmel- ^>er hielten und dem Drang nach Schlafe zuschrieben, was aus Freude Qm Wachen geschah. O, nur du, ehrlicher Hermann, wußtest es mehr zu «würdigen. Hörte ich denn nicht, wie du unten auf dem Domhof sagtest. -.Schlaf ist es nicht, denn seine Augen leuchten. 'Aber entweder hat er wieder zu viel oder zu wenig Wein getrunken, das heißt, er trinkt noch «welchen und — alleine." , Wer verlieh dir denn dies« prophetische Kraft? Oder konntest du Änen, daß meine Augen wacker waren, weil sie heute nacht alten vtheinwein schauen sollten, konntest du wissen, daß ich gerade heute von Patent und Erlaubnisschein, vom Rate auf meine Person ausgestellt, Gebrauch machen werde um di« Rose und eure zwölf Apostel zu ve- Mußen? Und überdies, war denn heute nicht mein Schalttag? Meines Erachtens ist es reine üble Gewohnheit, die ich von meinem Großvater angenommen, nämlich hie und da Einschnitte zu machen in 86,1 Baum des Jahres und sinnend dabei zu verweilen. Wenn der Mensch «Ur Neujahr und Ostern, nur Christfest oder Pfingsten feiert, so kommen h'n endlich diese Ruhepunkte in der Geschichte seines Lebens so alltäglich daß er darüber hinweqgleitet ohne Erinnerung. Und doch ist es gut, «enn di« Seele, sonst immer nach außen gerichtet, auch einmal aus em *tiar Stunden einkehrt im eigenen Gasthof ihrer Brust, sich bewirtet an der langen Table ü'hote der Erinnerung und nachher gewissenhaft die Rechnung ad notam schreibt. Der Großvater nannte solche Tage seine Schalttage. Richt daß er etwa ein Bankett veranstaltete mit seinen Freunden, oder den Tag lustig und in Freuden lebte, in Saus und Braus: nein, er kehrte ein bei sich, und seine Seele schmauste in der Kammer, die sie seit fünfundsiebzig Jahren kannte. Roch jetzt, da er längst im kühlen Friedhof ruht, noch jetzt kann ich es seinem holländischen Horaz ansehen, welche Stellen er an solchen Tagen gelesen: noch jetzt, als wäre es gestern geschehen, sehe ich sein großes, blaues Auge sinnend auf den vergelbten Blättern feines Stammbuchs weilen: und wie deutlich sehe ich, wie dieses Auge nach unb nach sich füllt wie eine Träne in den grauen Wimpern zittert, wie der gebietende Mund sich zusammenpreßt, wie der alte Herr langsam und zögernd die Feder ergreift und „einem seiner Brüder, -er geschieden", das schwarze Kreuz unter den Namen malt. „Der Herr hält seinen Schalttag", pflegten die Diener uns zuzu- wispern, wenn wir Enkel laut und fröhlich, wie gewöhnlich, die Treppe hinanstürmten: ,cher Großvater hält seinen Schalttag", flüsterten wir uns zu und glaubten nicht anders, als er beschere sich selbst den heiligen Christ, weil er ja doch niemand habe, der ihm den Christbaum anzünde. Und war es nicht so, wie wir in kindischer Einfalt glaubten? Zündete er nicht den Christbaum seiner Erinnerung an, flammten nicht tausend flimmernde Kerzen auf, di« Lieblingsstunden eines langen Lebens, und schien er nicht, wenn er am Abend des Schalttags still und ruhig im Sessel saß, sich kindlich zu freuen an den Gaben der Vergangenheit? Es war sein Schalttag wieder eingetreten, als sie ihn hinaustrugen. Ich mußte meinen, als ich dachte, daß der alte Mann seit langer Zeit zum erstenmal wieder in die freie Luft komme. Sie führten ihn den Weg, auf dem ich so oft an seiner Seite gegangen war. Aber nicht lange, so beugten sie über die schwarze Brücke und legten ihn tief in die Erde. „Run hält er seinen rechten Schalttag", dachte ich. „aber wundern soll es mich doch, wie der alte Herr wieder da heraufkommen will, denn sie haben doch viele Steine und Rasen auf ihn hinabgeworfen." Er kam nicht wieder. Aber fein Bild blieb in meinem Gedächtnis, und als ich heran- gewachsen war, gehörte es zu meinen liebsten Beschäftigungen, feine feine, offene Stirne, das klare Auge, den gebietenden und doch so freundlichen Mund mir vorzumalen. Mit seinem Bilde stiegen tausend Erinnerungen auf, und seine Schalttage waren mir die Lieblingsstücke in der langen Bildergalerie Und ist denn heute nicht der erste September, den auch ich mir zum Schalttag erwählt«? Und ich sollte Butterbrot verzehren in feiner Gesellschaft und allerlei Arien absingen hören mit beigefügtem Applaus unb Gezwitscher? Nein! Heraus mit dir, köstliches Rezept, das kein Arzt der Erde so köstlich mischt! Hinab zu dir, alte, wahrhaftige Apotheke, um „nach Borschrift jedesmal einen Römer voll zu nehmen". Es schlug zehn Uhr, als ich die breiten Stufen des Ratskellers hinabstieg: ich durste hoffen, keinen Zecher mehr zu finden, denn es war Werktag bei andern Leuten und draußen heult« der Sturm, di« Windfahnen stimmten sonderbare Weisen an, und der Regen rauschte auf das Pflaster des Domhoss. Aber der Ratsdiener maß mich mit fragenden Blicken vom Kopf bis zum Fuß, als ich ihm die Anweifung auf einigen Wein darreichte. „So spät noch, und heute, in dieser Nacht?" rief er. „Mir ist es vor 24 Uhr nie zu spät", entgegnete ich, „unb nachher ist es wohl frühe genug am Tage." „Aber muß es denn —" wollte er eben fragen, doch Sigill und Handschrift seiner Obern fiel ihm wieder ins Auge, und schweigend, aber nicht ohne Zögern schritt er voraus durch die Hallen. Welch herzerquickender Anblick, wenn sein Windlicht über die lange Reihe der Fässer hinstreiste, welch sonderbare Formen und Schatten, wenn es an den Schwibbogen des Kellers zitterte und die Säulen im dunklen Hintergründe wie geschäftige Rüper um die Fässer schwebten! Er wollte mir eines jener kleineren Gemächer aufschließen, wo höchstens sechs bis acht Freunde, eng zusammengerückt, den Becher kreisen lassen können. Doch, mit trauten Gesellen liebe ich ein solches heimliches Plätzchen: der enge Raum drängt Mann an Mann, unb die Töne, die hier nicht verhallen können, klingen traulicher: aber allein unb einsam liebe ich freiere Räume, wo ber Gedanke, gleich den Atemzügen, sich freier ausdehnt. Ich wählte einen alten gewölbten Saal, den größten in diesen unterirdischen Räumen, zu meinem einsamen Gelage. „Erwarten Sie Gesellschaft?" fragte ber Mann an meiner Seite. „Ich bin allein," „Sie könnten ungebeten welche haben", setzte et hinzu, indem er sich scheu nach den Schatten umsah, die feine Lampe warf. „Wie meint Ihr das?" fragte ich verwundert. „Ich meinte nur so", antwortete er, indem er einige Kerzen anzündete und einen großen Römer vor mich hinsetzte. „Man spricht mancherlei vom ersten September, der Herr Senator V. waren übrigens schon vor zwei Stunden da, und ich erwartete Sie nicht mehr." Jakob I (Fortsetzung folgt.) d,Cn Atter','J h^r seid verrückt!" sagte ich, einen scheuen Blick nach dem hölzernen Weingott werfend, „es ist der Schein der Kerzen der an ihm hin- und herslackert." Dennoch war mir wunderlich zu Mute, ich folgte dem 'Alten aus dem Dacchuskeller. Und war es denn auch der Schein der Kerzen war es auch Täuschung, als ich mich umfah? Nickte er mir nicht mit dem runden Köpschen, streckte er mir nicht das eine seiner Beinchen nach und schüttelte und krümmte sich vor heimlichem Lachen? Ich rannte unwillkürlich dem Alten nach und schloß mich dicht hinter ihm an. „Jetzt zu den zwölf Aposteln", sprach ich zu ihm, „wie sollen uns dort die Proben munden!" . _ „ Er antwortete nichts; kopsschüttelnd ging er weiter. Man steigt vom Keller einige Stufen aufwärts zum kleinen Kcllerlem, zum unterirdischen Himmelsgewölbe, zum Sitz der Seligkeit wo die Zwolse Hausen. Was seid ihr Trauergewölbe und Grüfte alter Königshäuser gegen diese Katakomben, Pslanzet Särge neben Särge, rühmet auf schwarzem ^Marmor die Verdienste des Mannes, der hier einer „fröhlichen Urständ ent- aeaenschläst stellt einen schwatzhaften Cicerone an, in Trauermantel und florumhängtem Hute, laßt ihn die absonderliche Herrlichkeit dieses oder jenes Staubes rühmen, laßt ihn erzählen von den trefflichen Tugenden eines Prinzen, der in der Bataille jo und so gefallen, von der holden Schönheit einer Fürstin, auf deren Sarge die jungfräuliche Myrte sich um die kaum erblühte Rosenknospe schlingt — es wird euch di« Sterblichkeit mahnen, es wird euch vielleicht eine Trane kosten; aber kann es euch also rühren, wie der Anblick dieser Schlafkammer eines Jahrhun- detts, dieser Ruhestätte eines herrlichen Geschlechtes? Da liegen sie m ihren dunkelbraunen Särgen, schmucklos, ohne Glanz und Flitter. Kem Marmor rühmt ihr stilles Berdienst, ihre anspruchslose Tugend ihren vortrefflichen Charakter; aber welcher Mann von einigem Gefrchl für Tu aenden dieser Art fühlt sich nicht innig bewegt, wenn der alte Ratsdiener, dieser Aufwärter in den Katakomben, dieser Küster der unterirdischen Kirche die Kerzen auf die Särge stellt, wenn dann das Licht auf die erhabenen Namen der großen Toten fällt! Wie regierende Häupter fuhren auch sie keine langen Titel und Zunamen; einfach und groß stehen di« Namen auf ihren braunen Särgen geschrieben..Dort Andreas hieri Jo Hannes, in jener Ecke Judas, in dieser Petrus. Wen rührt es nicht wenn er dann hört: dort liegt der Edle von Nierenstein geboren 1718, hier der von Rüdesheim, geboren 1726. Rechts Paulus, unks Jakob, der gute Der Herr Senator D.? Warum? Fragte er nach mir?" "Nein er hieß mich nur die Proben herausnehmen. ( -'»Id-«- d„ «U. mann. intern er anjlng. einige niedlich. Fläschchen mit langen Papi.rFr.iien an -LN lagt, mir in. ich 16.» den »ein v-n te- aber »“im 'lB.li.in *rrn »am Senat S<» d^ Herr Doktor die Zungenprobchen herausnehmen,und so w,U ich s Ä» U>«. ■*« <™ S'a. na«: «»«. SÄU 'S ?Ä’= WÄÄt SBäS » j« als wollt' er sprechen, bald nahm er die Proben vom Tische und। packte fi(> in leine weiten Taschen, bald nahm er sie zögernd wieder heraus, um au den T sch »u setzen. Es ermüdete mich. „Nun, sollen wir bald gehend" rief ich voll Sehnsucht nach dem Apostelkeller, „w,e lange wollt nnrh an (Euren ©löschen hier qus= unb einpacrcn. Der ernste Ton, in welchem ich dies sagte, schien ihm Mut zu mache . Ziemlich bestimmt antwortete er: „Es geht nicht, — nein! heute g h "^^ataubt^hierin einen jener gewöhnlichen Kniffe zu sehen, womit Lmusverwalter Kastellane oder Kellermeister dem Fremden Geld abzu- uvacken suchen', druckte ihm ein hinlängliches Geldstuck in die Hand und nahm ihn beim Arm, ihn sortzuziehen. cr Nein so war es nicht gemeint , entgegnnete er, inoem er das"Geldstück zurückzuschieben suchte; „so nicht fremder Herr^lchwl nur aerobe heraussagen; mich bringt man nicht mehr in den Apostel- telfer9in dieser Nacht, denn wir schreiben heute den ersten September. Und welche Torheit wollt Ihr daraus folgern ? .. "Nun in Gottes Namen, Sie können denken davon, was Sie wollen, es ist dort nicht geheuer in dieser Nacht, das macht, es ist der Jahrestag ^dHadite daß die Halle dröhnte. „Nein! in meinem Leben habe ich doch Io manchen Spuk erzählen gehört, ober einen Weinspuk nie! Schämt Ihr Euch nicht mit Cuern weihen Haaren, noch solches Zeug zu schwatzen. Doch hier ist nicht lange zu spaßen. Hier ist die Dollmach des Senats, hn Keller darf ich trinken heut« nacht, ohne nach Zeit und Raum zu fragen. Darum im Namen des Rates heiß' ich Euch folgen. Schließe den ^^Dies? wütte^ unwillig, aber ohne etwas zu entgegnen nahm er die Kerzen und winkte mir, zu folgen. Es ging zuerst wieder durch den aroßen Keller dann durch kleinere, bis der Weg in einem engem schmalen ^ana zusammenlief. Dumpf tönten unser« Schritt« in diesem Hohlweg, unb unsere Atemzüge tönten, wenn sie an den Mauern sich brachen, wie fernes Geflüster Endlich standen wir vor einer Tur, die Schlussel raffelten sie gähnte ächzend aus, der Schein der Lichter fiel in das Gewölbe, mir aeaenüber saß Freund Bacchus auf einem mächtigen Weinfaß. Erquickender Anblick! Sie hatten ihn nicht zart und sein dargestellt, die a en Bremer Künstler, nicht zierlich als einen griechischen Jüngling, sie hatten ihn nicht alt und trunken sich gedacht, mit gräßlichem Bauch, verdrehten Auaen und hängender Zunge, wi« ihn die gemein gewordene Mythe hin und wieder gotteslästerlich abkonterseit. Schmählicher Anthropomorphismus • blinde Torheit des Menschen! weil einige fetnerim Dienst ergrauten Priester einhergehen, weil ihnen voll guten Mutes der Leib an- schwoll di« Nase von dem brennenden Widerschein der dunkelroten Flut sich färbte das in stummer Wonne auswärts gerichtete Auge stehen blieb, — so legten sie dem Gott bei, was seine Diener schmückt! Anders die Männer von Bremen. Wie fröhlich und munter redet der alte Knabe auf dem Faß! das runde, blühende Gesicht, di« kleinen muntern Weinäuglein, die so klug und neckend herabsehen, der breite, lächelnde Mund der sich an mancher Kanne schon versuchte; der.kurze, kräftige Hals das ganze Körperchen von behaglichem, gutemLeben strotzend. Ganz besondere Kunst hat aber der Meister, der dich geschaffen auf Arme und Beinchen gelegt Meint man nicht, dein kräftiges Aermlein wmde sich bewegen, du werdest mit den runden Fingerchen ein Schnippchen schlagen und der breite, lächelnde Mund werde sich austun zu einem munteren Juheisa, Heisa, He! Ist man nicht versucht zu glauben, du werdest im tollen Weinmut die runden Kni« beugen, den Waden anlegen, mit den Fersen stauchen und das alte Mutterfaß in Galopp setzen daß alle Rosen, Apostel und andere gemeinere Fässer mit Hussa und Hallo dir nachjaqen durch den Keller? . , V^rr des Himmels!" rief der Ratsdiener, indem er sich an m,r sest- klammerte, „seht Ihr nicht, wie er die Augen verdreht und mit dem Futz- Berühmte Unbekannte in unserer Sprache. Bon Dr. Max Kemmerich, München. Wollte das klassische Altertum einem Menschen unsterblichen Nachruhm sichern, dann versetzte es ihn an den Sternenhimmel So stahlen noch heute die Haare der B e r e n i k e" vom Firmament. Sie war die Gattin Piolernäos' III. von Aegypten und wurde wegen langst vergessener Der- bienfte ober aus Servilismus des Hosastronomen dieser Ehre gewürdigt. Das Gestirn aber bereichert bis heute unseren Sprachschatz. Noch heute wird berühmten Persönlichkeiten dieselbe Ehrung 3uted. Aber weit entfernt, sie an den Himmel zu fefeen benennt man in höchst irdischer Weise nach ihnen Gegenstände des täglichen Gebrauches. Man denke etwa an „Bismarckheringe"! Nicht immer hat der Volksmund eine Ehrung im Sinne. Sprechen wir vom „Zeppelin" oder vom »Benz , dann ist es uns sicherlich mehr um Abkürzung zu tun — mir haben ja so chrecklich wenig Zeit — als um Glorifizierung. Und wenn damit die Sprache bereichert wird, so muß man doch fragen: auf wie lange? Denn der Name dürste kaum das Fabrikat überleben, um dann durch neuer« oerbränqt zu werden. Denn Unsterblichkeit ist selten im Reiche der Technik daheim sondern nur in dem des Gedankens. Dazu ist die Technik zu sehr erbgebunben, materiell. Don. Platon oder Goethe Ipredjen mir nie wie von Zeitgenossen, ihr Wort fällt vollgültig in die Waagschale. Wer aber kennt noch die Erfinder des Flugzeugs, des Automobils, des Radio, des Kinos? Und wir standen doch als Mitlebende Pate an deren Wiege. Das mag ein Unrecht fein, das wir den Erfindern zusugen, aber die Tatsache läßt sich nicht in Abrede stellen Nun wollen wir eine Reihe von Sachbezeichnungen ausfuhren, die aus Eigennamen hervorgingen, ohne daß wir uns dessen noch bewutzt wären. "Vielleicht ist es nicht ohne Interesse, einiges über die ursprünglichen Namensträger zu erfahren. , ... Jedermann kennt das „Nikotin" des Tabaks. Wenige aber wissen, wer Jean Nicot war, noch tpie er zur Ehre kam, seinen Namen leihen zu dürfen. Als Gesandter der sranzösischen Königin Katharina von Medici vertrat Nicot ihre Politik am portugiesischen Hose, frer lernte er ben Tabak kennen unb beschaffte bie Pflanze mit Samen im.Jahre 1560 für feine Herrscherin. So wenig sich der Name „Kraul der Königin , w e mancher andere durchsetzen konnte, so allgemein der des darin eMhadenen Alkaloids „Nikotin". Und zwar seit 1828, als seine Entdecker Po sse lt und Reimann es nach dem Franzosen benannten, eine Artigkeit, die ihm die Unsterblichkeit sicherte, die durch sein Verdienst der Einführung der Pflanze in Frankreich ganz sicherlich nicht verbürgt war. Ganz ohne eigenes Verdienst kam der Florentiner Amerigo Ve- svuzzi zur Ehre, einen ganzen Erbteil benennen zu dürfen. An ihn denkt man sicherlich nur selten und wohl gar nicht an jenen Mann, nach dem sich einer der schönsten Gebirgszüge Europas benennt, an den französischen Geologen D o l o m i e u. Wir können uns kaum vorstellen, daß diese Namensgebung so wenig in die graue Vorzeit zuruckrelcht, daß z. B. die Erstausgabe des Brockhaus von 1815 die „Dolomiten noch gar nicht kennt Dieser Dolomieu (1750-1801) publizierte zuerst auf Grund seiner Reisen in Tirol und Graubünden seine Forschungsergebnisse über das nach ihm benannte rötliche Gestein und dessen Entstehung aus Meeres- ablaqerungen. Sicherlich hatte er keine Ahnung dadurch einmal zum Taufpaten eines herrlichen, mächtigen, die Ausbreitung der Deutschen nach Süden begrenzenden Gebirgsstockes zu roerben. Wir übersehen jene geographische Namen, die noch deullich an bi« durch sie geehrten Personen erinnern: Lüderitzbucht, nach dem I000 verstorbenen Bremer Grohkaufmann benannt, Bismarckarchipel, K a i s «r- Franz-Joseph-Land usw. Dürfen wir aber den Pri« ßn i tz - Umschlag nach dem 1851 verstorbenen Wiederbegründer der Wasser- Heilkur getauft, die Kneippkur nach dem Pfarrer in Wdrishofen die Röntgenstrahlen als Personen- oder Sachbezeichnungen gelten lassen? Hier ist die Grenze schwer ober gar nicht zu Ziehen Hingegen denkt jedermann bei der „Fuchsie" nur an die schone Blume, aber sicherlich nicht an den 1566 verstorbenen großen Botaniker Leonhard Fuchs der zudem mit ihr gar nichts zu tun hatte. Denn Zuerst beschrieb sie der Franziskaner P l u m i e r, der sie in Südamerika entdeckt hatte Er gab ihr den Namen aus Verehrung für ben deutschen Botaniker. Erst Ende des 18. Jahrhunderts wurde sie in unsere Garten eingesuhrt. Wer von „Mansarde" spricht, wird wohl auch nur selten des Architekten am Hofe des Sonnenkönigs, Jules Harduin-Mansar b (lb4b bis 1703), des Erbauers von Versailles, gedenken. Mansarde wurde zur reinlichen'Sachbezeichnuna wie „Guillotine", eine englische Erfindung, sur die der französische Arzt Ouillotin (1738 bis 1814) aus human, aren i Gründen sich in der Nationalversammlung 1789 derart ins Zeug legte, bis man sie ihm aus politischer Gegnerschaft zuschrieb. genkn bolbtn "k s'-h Sterb, inn tt Ijrtjun. |i« in '■ Kein . ihren ür Tu- ibienet, tbifdjen bie erführen jen die ier 3o- wenn .8, hier er gute Leckerbissen weniger belächeln und verspotten. Wenn man nämlich all das Eßbare, welches in dieser oder jener Gegend der Welt als Delikatesse angesehen wird, zusammensaßt und vom chemischen bzw. biochemischen Gesichtspunkt aus betrachtet, ergibt sich eine sehr überraschende, bisher, wie es scheint, unbeachtet gebliebene Tatsache. Man kann mit Fug und Recht den gastronomischen Lehrsatz aufstellen, daß alle irgendwo als solche angesehenen Leckerbissen entweder sehr reich an bekömmlichen Eiweißstoffen und anderen besonders nahrhaften Stickstoffoerbindungen oder an anderen chemischen Stoffen sind, die entweder sehr anregend auf das Nervensystem oder sehr fördernd auf die Verdauungstätigkeit des Menschen einwirken. Sind aber solche Genußmittel in Hülle und Fülle geboten, dann hören sie, als etwas Alltägliches, auf, für Leckerbissen gehalten zu werden. Drückt doch die bekannte französische Redensart „Toujours perdrix", d. h.: jeden Tag Rebhühner, treffend den Ueberdruß aus, den selbst sonst als besonders schmackhaft angesehene Gerichte Hervorrufen, wenn man sie zu oft zu essen bekommt. Und wie auch uns an heißen Sommertagen sehr fette und darum schwerer verdauliche Fleischspeisen nicht recht munden wollen, die wir zur kalten Winterzeit als Leckerbissen ansehen, so können auch die Bewohner der Tropenländer nicht eine solche Vorliebe für fettreiche Gerichte haben wie die Menschen in kalten Himmelsstrichen, da reichlicher Fettgenuß bekanntlich die Körperwärme erhöht. Im übrigen gibt sich aber bei der Auswahl der Leckerbissen eine erstaunliche Gleichheit in der Veranlagung der menschlichen Geschmacksnerven zu erkennen — von den Polen bis zum Aequator hin. Was zunächst an leichter verdaulichen Eiweißstoffen besonders reiche Speisen angeht, würden sicherlich die ohnehin schon sehr beliebten Hühnereier eine geschätzte Delikatesse für uns sein, wenn sie schwerer erhältlich und so teuer wären wie Kiebitzeier. Diese letzteren schmeicheln dem Gaumen um so mehr, als die prächtig opalisierende Farbe ihres gekochten Eiweißes mit dem Auge auch zugleich den Geschmack besticht. Mancher, der einmal ohne Vorurteil den „piban" oder „hucidan", das von den Chinesen als Delikatesse angesehene, breiartig zersetzte, für uns nicht gerade wohlriechende, aber sehr leicht verdauliche Hühnerei gekostet hat, wird es sehr schmackhaft finden. Und wie bei uns als Astrachan-Kaviar die eingesalzenen Eier des Haufen und Stör der südrussischen Gewässer als Leckerbissen hoch im Preise stehen, so hielt Kaiser Montezuma mit Paprika gekochte mexikanische Froscheier für außerordentlich wohlschmeckend. Dom chemischen bzw. physiologischen Standpunkt aus betrachtet, verstehe ich es heute auch, daß mir vor Jahren freundliche Eingeborene im Hochgebirge von Java nach ihrer Art bereiteten Kaviar in Form von eingefalzenen Termitenlarven als besondere Delikatesse anboten. Sind diese doch ckienso reich an leicht verdaulichen Eiweißstoffen und ebenso appetiterregend nach Aussage jener braunen Leute wie unser Kaviar. Spricht daraus nicht Vorurteil, wenn unsere Gourmands, die doch den sog. „Schnepfendreck", den stickstofsreichen Darminhalt des bekannten Langschnäblers mit großem Wohlbehagen verzehren, es geradezu widerlich finden, daß zahlreiche Völkerschaften der Alten und Neuen Welt gewisse Insektenlarven im natürlichen Zustand gesalzen oder sonstwie gewürzt und gebraten ebenfalls als Leckerbissen ansehen? Galten doch die den Eiern entschlüpften Maden des Hirschkäfers den reichen Prassern der römischen Kaiserzeit als sehr gesuchte Delikatesse. Der große Eiweißgehalt ihres Körpers erklärt es auch, weshalb gewisse Käfer als Leckerei den Krebsen, Langusten und anderen im Wasser lebenden Gliedertieren noch vorgezogen werden. Wurde auf dem großen Pariser Entomologenkongreh 1883 Maikäfersuppe als Kräftigungsmittel für Rekonvaleszenten besonders empfohlen, so galt sie in Südfrankreich schon lange als sehr delikat. Eine aus getrockneten Heuschrecken bestehende zerstampfte Masse ist der Hauptbestandteil einer in Nordafrika unter dem Namen Briquets ä la Benoiton sehr geschätzten Pastete. Von einer großen Heuschreckenart des südlichen Arabiens schreibt Palgrave, daß sich nach ihr die Leute dortzulande „die Finger leckten und ebenso inbrünstig um Zusendung eines Schwarmes dieser Tiere zum Himmel flehten wie die Syrier und Inder um Abwendung der Heuschreckenplage." Auch zwischen den Erzeugnissen des Pflanzenreichs, welche anregend auf das Nervensystem und die Derdauungsorgane einwirken und deshalb instinktiv zum Genüsse besonders verlocken, bestehen überraschende Aehnlichkeiten in einigen charakteristischen chemischen Bestandteilen. So verdanken sehr viele von ihnen ihren Anreiz zum Genüsse alkoholischen Schweselverbindungen, vor allem Allylen, wie z.B. der Meerrettich, Sens und die vielen Zwiebel- und Laucharten. Völker, welche von letzteren keinen gastronomischen Gebrauch machen, bedienen sich anderer Speisen oder Speisewürzen, die ebenso reich oder wohl noch reicher an diesen chemischen Bestandteilen sind. So griffen die verwöhnten reichen Gourmands im kaiserlichen Rom, als bei chnen ebenso wie zur Zeit des Perikles im alten Griechenland Zwiebeln und Lauch ihres üblen Geruches wegen in der feineren Gesellschaft nicht mehr recht geduldet waren, unter dem Namen Laserpitium bzw. Silphium zu einem Doldengewächs der nordasrlkanischen Landschaft Kyrene. Das riecht, trotz seines sehr hohen Gehaltes an Alkylverbindungen, weniger unangenehm und ift, da es später buchstäblich mit Gold ausgewogen wurde, fast vollständig ausgerottet worden. Man suchte es dann durch eine ihm sehr nahe verwandte Pflanze die Asa foetida oder den Stinkakant, zu ersetzen, dessen Gummiharz durch den Namen Teufelsdreck der alten Apotheker in seinem hohen GelM an alkoholischen Schweselverbindungen genügend gekennzeich- nety^5 Hinweis darauf, daß manche chemischen Stoffe durch den von ihnen hervorgerufenen angenehmen Nervenreiz Speifen und besonders Getränke zu fehr begehrten Genußmitteln oder Delikatessen machen, mochte ick nur an die geistigen Getränke mit dem in ihnen wirksamen Alkohol, den Kaffee, Tee, Kakao, mit ihrem Gehalt an Koffein, Thein und Theobromin Hinweisen, sowie auch auf die feineren Obstarten, welche durch die als Ester bezeichneten Verbindungen von Aether mit organischen Säuren zu Delikatessen ersten Ranges werden. Der Mensch handelt also bei der Auswahl seiner Leckerbissen nicht blindlings, sondern läßt sich dabei unbewußt von biochemischen oder physiologischen Gesetzen leiten. ichruhm en noch i Satti» er 35er- mürbigl l zuteil, n höchst 5. Mo« mb eine j", bann n ja i» mit die e? Denn ; neuere Technit ' ! zu sehr nie wie Skr aber idio, des ege! D-s Tatsache jren, die bewußt irjprüns- .((en, ml leihen i1 n üRebici e er de« 1560 fit gin“, °>'° ■'« poff 1 Arii-V r Einfu?' ■ar. i8o « ’ .An i>>" ann, den W eilen, W baß J-.u gar m UÄ |ei”( über Ns 5 '& Kall', »Ö & ,A> t»ur^ ff Zeug1 ’ Ist „Ta l m i", das Gold vortäuschen soll, eine Verballhornung des Samens Talmois, eines Pariser Schmuckwarenfafrikanten, der es zuerst herstellte, so dafür Ballhorn der wirkliche eines im 16.Jahrhun- tel in welchem Erdteil, ist stets und überall Feinschmecker, nur ist der Geichmack (ehr verschieden. Bei den Manyemas bildet der am Rost gebratene Missionar eine besondere Delikatesse, in den indischen Lws-Staalen nascht nan Wasserwanzen und abgesponnene Seidenraupenkokons; den Chinesen 'aebrigen Ranges läuft namentlich bei dem uns Deutschen fo vertrauten mb unsympathischen Wort Kater das Wasser im Munde zu ammen und ter indische Garo fühlt sich am glücklichsten, wenn er Gelegenheit hat Igastconomifch), auf den Hund zu kommen. Ueber den Geschmack ist eben Auch ^ick habe auf meinen Reisen in der Alten und ^uen Welt den HIese|fer Mensch fo viele höchst wunderliche Speisen mit Behagen verehren fehen, daß ich das alte deutsche Wort »Ulster Herrgott hat komische Kostgänger", ganz und voll unterschreibe. Von ihrer /Genen Person vollen die Menschen das aber niemals gesagt haben, und sie^machen sich I ern lustig über Völker, bei denen der Ekel vor verschiedenen Erzeug- Usfen des Tier- und Pflanzenreiches auf tief emgefletfd)t en Borurteiten i eruht. Wir la fen wohl darüber, daß die Bewohner des asiatischen,Altan kbirges mit Entsetzen Europäer Fische essen sehen da sie ihrer Unsicht nach roch im Wasser lebende Schlangen sind. Wir selbst haben uns durch den Lebereifer frühmittelalterlicher Glaubensboten dahm bringen affen, das stestch gesunder, wohlgenährter Fohlen, welches unsere germam(cheri Vor- vhren als Leckerbissen bei ihren heidnischen Opfermahlen aßen als wider- »ch anzufehen. Noch heute würde ich die freundliche Umladung chmes - ch-r Krämer, an ihrem Morgenimbiß, der aus lUNgen Mauslein m.t mch völlig unbehaarter Haut, in Sirup getunt, bestand, arhge Porten ablehnen, obgleich ich mir sage, daß Mause d,e sich ausschlieb G mn den Lebensmitteln eines Kramladens ernähren keineswegs u ppetitlicher sind als Miesmuscheln und Garnelen, welchman m> Rech Ns die „Schweine der Meeresküste" bezeichnet hat, da st- f'-h mck L« «ebe an den Mündungen der Wasserläufe ansiedeln, durch we.che -'che und tierische Abfallstoffe in die See gefpult werden ..Spräche nicht so oft alt ererbte Voreingenommenheit b« ®e|jma» Achtungen mit, bann würden die Volker der Erde sich h s ch Das Kind am Brunnen. 1 Bon Friedrich Hebbel. Frau Amme, Frau 2lmme, das Kind ist erwacht! Doch die liegt ruhig im Schlafe. Die Vöglein zwitschern, die Sonne lacht, Am Hügel weiden die Schafe. Frau Amme, Frau Amme, das Kind steht auf, Es wagt sich weiter und weiter! Hinab zum Brunnen nimmt es den Lauf, Da stehen Blumen und Kräuter. Frau Amme, Frau Amme, der Brunnen ist tief! Sie schläft, als läge sie drinnen! Das Kind läuft schnell, wie es nie noch lief, Die Blumen locken's von hinnen. Nun steht es am Brunnen, nun ist es am Ziel, Nun pflückt es die Blumen sich munter: Doch bald ermüdet das reizende Spiel, Da schaut's in die Tiefe hinunter. Und unten erblickt es ein holdes Gesicht, Mit Augen so hell und so süße. Es ist sein eigenes, das weiß es noch nicht. Viel stumme, freundliche Grüße! Das Kindlein winkt, der Schatten geschwind Winkt aus der Tiefe ihm wieder. Herauf! Herauf! so meint's das Kind, Der Schatten: Hernieder! Hernieder! Schon beugt es sich über den Brunnenrand. Frau Amme, du schläfst noch immer! Da fallen die Blumen ihm aus der Hand Und trüben den lockenden Schimmer. Verschwunden ist sie, die süße Gestalt, Verschluckt von der hüpfenden Welle. Das Kind durchschauert's. fremd und kalt. Und schnell enteilt es der Stelle. Das dunkle Gefühl. Erzählung von Carl Ferdinands. Wir vier Grauköpfe faßen bei einem Abendschöppchen und besprachen dies und das. Sanitätsvat Füllrott, der in feiner Jugend Schiffsarzt gewesen war und alle Küsten der alten und neuen Welt kannte, hielt uns mit heißen Geschichten in Atem. Aber allmählich wußte uns Freund Merkens wieder auf fein Lieblingsthema zu bringen, die geheimnisvollen Zusammenhänge des Lebens, die Unverständlichkeiten des Alltags, die unerklärlichen Zufälle, di« jeder in seinem Dasein zu kosten bekommt. „Gut", meinte Dr. Füllrott, „auch hierzu will ich etwas berichten. Zwei Jahre war ich als Schiffsarzt gefahren, dann hatte ich genug und nahm eine Assistentenstelle an einem chirurgischen Krankenhaufe in Gelsenkirchen an, weil ich dort in der Nähe meiner Mutter war, deren Ge- fundheitszustand meine Aufmerksamkeit erforderte. Aber wie es so geht, eines Tages wuchs in mir wieder die Sehnsucht nach der langen Fahrt. Heimlich fragte ich bei meiner Schiffahrtsgesellschaft an und da ich in guter Erinnerung war, gelang es mir bald, eine Schiffarztstelle auf der „Flores^, einem der großen Qftasiendampfer, zu erhalten. Ich kündigte meine Stelle, bereitete eine neue Vertretung vor und begab mich nach Hamburg, nachdem ich mich durch Besuche bei meiner Mütter überzeugt hatte, daß ich wirklich nach menschlichem Ermessen beruhigt fein konnte. Ich bezog, da der Dampfer erst in zehn Tagen ab fahren sollte, meine geräumige Ärztkabine und besorgte tagsüber im Hauptgebäude der Gesellschaft ärztliche Dienste: nachts sollte ich an Bord schlafen, wie das üblich ist. Und ich wußte von früher her, es schläft sich ganz gut da draußen am Pier, man wird eingelullt vom leisen Lärm des Hafens, von Sirenensignalen, fernem Dampfpferfengetön und ähnlichen Geräuschen der nie rastenden Arbeit. — Nach einem Klatsch mit einigen Kollegen von der Seefahrt, die auch eben im Hafen lagen, ging ich um Mitternacht an Bord und lag nach wenigen Minuten in dem schmalen Bett, dessen Form ich von den früheren Jahren her gut kannte. Weil ich von der Arbeit des Tages müde war, schlief ich bald ein:.wohltuend umspielten meine ersten Träume die Hoffnungen auf den Osten und seine Wunder. Von einem drückenden dunklen Gefühl gequält, werde ich einige Stunden später wach, in Schweiß gebadet, unruhig, als ob mir eine schwere Krankheit bevorstände. Ich messe meine Körpertemperatur, sie ist normal: ich überlege, ob ich etwas gegessen haben könnte, was diesen Zustand bewirkte. Nichts, die Speisen waren einwandfrei. Ich untersuche mich selbst, soweit es geht, ich klopfe, horche mit dem Membranstethoskop — wieder nichts zu finden. Und trotzdem dieser Zustand peinigender Beklemmung. In diesen Arztkabinen ist zugleich die Apotheke des Schiffes untergebracht. Da ich doch nicht schlafen kann, mache ich mich daran, alle Flaschen nochzuschen, die Stöpsel festzuschrauben und stark riechende Stoffe besonders gut zu verwahren. Alle Behälter sehe ich nach: ich denke, daß vielleicht, obwohl ich sie nicht rieche, eine ätherische oder alkoholische Ntedizin ausgelaufen sei, aber die Apotheke war in musterhafter Ord- nung. — Morgens ging ich, nachdem ich mich von meiner normalen Körpertemperatur überzeugt hatte, an meinen Dienst, etwas müde von der schlechten Nacht. Bis spät nachmittags hielt mich die Arbeit fest, dann aß und trank ich recht vorsichtig, fühlte mich den ganzen Tag aber sehr gut und kam gegen elf Uhr mit dem Ersten Offizier aufs Schiff. Wieder schlief ich ein, wieder wurde ich im Morgengrauen herzklopfend wach, der Schweiß war nicht so stark, dafür aber die drückende Angst desto heftiger. Es war keine Angst mehr, es war ein Grauen vor etwas Unbekanntem, eine unfaßbare Gebensnot, an die ich auch jetzt noch nur mit Schauder, denken kann. So geht das nicht weiter, beschloß ich am Morgen, ging zu einem Kollegen und ließ mich von ihm von Kopf bis zu Fuß untersuchen. Ich wollt', ich hätte Ihre Gesundheit, sagte der. Von der nächtlichen Angst hatte ich ihm nichts erzählt. Die nächste Nacht schlief ich in einem Gasthaus in der Stadt, prachtvoll, ohne aufzuwachen, von abends bis in den Hellen Tag hinein. Die nächste Nacht wieder in meiner Arztkabine: ich schlief Überhaupt nicht ein, lag wach, quälte mich und machte mir Gedanken. Ich begann, die Reise nach dem Osten sorgenvoll anzusehen, ich empfand, ohne daß ich es mir eingestehen wollte, untergründig, eine Warnung vor dieser Reise: man hatte doch gehört, daß Leute durch Ahnungen gewarnt würden, wenn dem Schiff ein Unheil auf der Fahrt geschah. Ich besah, indem ich alle Lampen anzündete, noch einmal die ganze Kabine, fand aber, daß. sie sich in nichts von den Sabinen der Schiffe, mit denen ich früher gefahren war, unterschied. Trotzdem kehrte ich auch eine fünfte Nacht in. diese unheimliche Klause zurück. In biefen Stunden litt ich vielleicht am stärksten, weniger körperlich als geistig, weil alle Seelenkräfte sich dagegen wehrten, von diesem uu- betannten Einfluß besiegt zu werden. Ich war davon überzeugt, daß ein unbekanntes Etwas mich warnen wollte. Vielleicht drohte dem Dampfer, vielleicht meiner Mutter oder mir selbst etwas. Jedenfalls aber war die Vorstellung, daß ich in dieser Marterkammer eine ganze Oftafienreife aushalten sollte, unerträglich. Obwohl sich meine Männlichkeit dagegen sträubte, dachte ich mir einen Grund aus, weshalb ich die Fahrt nicht antreten könnte. Der Gedanke schon machte mich froh und löste mich von untragbarem Druck. Am andern Morgen ging ich ins Bureau der Gesellschaft und verhandelte: leichter als ich dachte, war ein Ersatz zu finden, und ich freute mich, meinen Nachfolger, einen frischgeprüften jungen Kollegen, kennenzulernen. Daß er mir am Vorabend der Abfahrt erzählte, wie herrlich er die letzten Tage in der Arztkabine geschlafen habe, beruhigte mich außerordentlich. Und auch bei mir waren Angst und Qual wie ein böser Traum verschwunden, seitdem ich in der Stadt schlief. Trotzdem war ich überzeugt, daß mir etwas auf der Reise gedroht habe, und kam nun immer mehr zu der Meinung, daß das Leben meiner Mutter in meiner Abwesenheit gefährdet fei, nahm daher für die nächsten Monate nur ganz kurze ärztliche Vertretungen an und hielt mich hauptsächlich bei der alten Dame auf, die sich über die Aufgabe der Ostafien- retfe herzlich freute und ihrem Sohn noch einmal alle ßieblingsfpeifen der Kinderzeit vorfetzte und alle Liebe eines Mutterherzens zu spüren gab. Dabei verfolgte ich mit heißer Spannung die Bewegungen des Dampfers, und als er nach etwa vier Monaten fahrplanmäßig am Pier anlegte — ich selbst konnte wegen der Uebernaljme einer wichtigen Vertretung nicht dorthin — kam ich mir wie ein Trottel vor. Also hatte das dunkle Gefühl doch einmal wieder getrogen, und man war statt eines Mannes ein Waschlappen gewesen. Es war vielleicht ein Jahr her, als eine Versammlung ehemaliger Schifssärzke in Hamburg mir Gelegenheit gab, Näheres über die Fahrt der „Flores" zu hören. Mein junger Vertreter damals war zwar nach der einzigen Reise ins Binnenland gegangen und für uns verschollen, aber ein Bekannter von ihm erzählte mir etwas, das mich so tief bewegte, daß mir noch heute ein Schauder den Rücken herunterfährt. Der Kollege hatte sich einen Steward als Heilgehilfen für feinen ärztlichen Dienst herangezogen. Im Roten Meer, als alles, auch der Arzt, unter dem Schattende ck auf Stühlen lag, hatte dieser in der Apotheke geordnet und hatte sich, von der Schwüle überwältigt, auf dem Sofa — ich fehe es noch mit seinem grünen Uederzug unter den Bullaugen an der Wand stehen und habe jelbft in den bösen Tagen ost darauf gesessen — auf dem Sofa aus« gestreckt, um eine Weile zu schlafen. Als nach einigen Stunden der Arzt kommt, findet er ihn halb herabgesunken, gedunsen und röchelnd in den letzten Zügen daliegen. Der dachte zuerst an eine Vergiftung, aber ein alter Fahrensmann, der sich lange in Indien und den Sundainseln Herumgetrieben hatte, sah sich den Toten an, schüttelte den Kops, betrachtete die herabhängende Hand und den Arm und sagte bann: Alle sollen sofort aus dem Zimmer gehen, und als alle hinausgingen und er zuletzt, jagte er leise zu dem Kapitän und dem Arzt: Von der Kobra gebissen! Der Zusammenhang ergab sich bald. Auf der Herreise war eine Truppe indischer Schlangenbeschwörer nach Hamburg gefahren, eine Kobra war aus der Haft entwichen, die Leute hatten es verschwiegen, die Schlange war, vielleicht vom Dufte der aromatischen Essenzen angelockt, in die Arztkabine gedrungen, war bei zunehmender Kühle ins Innere des Sofas gekrochen und hatte die kalten Wochen in Europa in einer Art Schlaf zugebracht. Die Hitze im Roten Meer erweckte sie, die herabhängende Hand des Stewards, die sich vielleicht bewegte, reizte sie zum Angriff und schlafend erhielt der Unglückliche die Todeswunde. — M>t langen Stangen stöberte man die Kabine durch und sand die Schlange in der Polsterung des Sofas. Das war mein dunkles Gefühl gewesen. Aber war es nun einfach Witterung, tierisch-feine Witterung, oder war es eine dunkle Vorahnung, die mich nicht zur Ruhe kommen ließ? Wer weiß es? Beran twörtlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Berlag: Brühl'sche Universitäts-Buch» und Steindruckerei, B. Lange, Gießen.