SiehenerKmiilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <952 Zreitag. den 12. August Nummer 62 Abendlied. Von Matthias Claudias. Der Mond ist aufgegangen. Die gotdnen Sternlein prangen am Himmel hell und klar; Der Wald steht schwarz und schweiget, Und aus den Wiesen steiget Der weihe Nebel wunderbar. Wie ist die Welt so stille Und in der Dämmrung Hülle So traulich und so hold! Als eine stille Kammer, Wo ihr des Tages Jammer Verschlafen und vergessen sollt. Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen Und ist doch rund und schön! So sind wohl manche Sachen, Die wir getrost belachen. Weil unsre Augen sie nicht sehn. Wir stolze Menschenkinder Sind eitel arme Sünder Und wissen gar nicht viel; Wir spinnen Luftgespinste Und suchen viele Künste Und kommen weiter von dem Ziel. Gott, lah uns dein Heil schauen, Auf nichts Vergänglich's trauen. Nicht Eitelkeit uns freu'n! Lah uns einfältig werden Und vor dir hier auf Erden Wie Kinder fromm und fröhlich fein. Wollft endlich sonder Grämen Aus dieser Welt uns nehmen Durch einen sanften Tod! Und wenn du uns genommen, Lah uns in Himmel kommen. Du unser Herr und unser Gott! So legt euch denn, ihr Brüder, In Gottes Namen nieder; Kalt ist der Abendhauch. Verschon uns, Gott, mit Strafen Und lah uns ruhig schlafen! Und unfern kranken Nachbar auch! Aufstieg an der Furchetta. Von Luis Trenker. Der Verfasser ist dem Gießener Publikum aus zahlreichen Berg-, Kriegs- und Skifilmen bekannt. Endlich stehe ich am Gipfel, neben dem Steinmann, die Kletterei war gar nicht leicht gewesen. Unten im Schatten d^t lur mch unsichtbar Pescosta und wartet. Ich setze mich nieder packe Wurst, Brot und eine kleine freundliche Flasche Wein aus dem Rucksack und beginne zu eßen, denn mein Hunger ist groß. „ _. , . .. „Naaachkooommmeeen!" rufe ich laut in den Gipfelriß h „Sofort. Ist der Riß schwer?" tönt es heraus. "UnVmiTroeVt ist es denn noch bis zum dreimal verhüllten Gipfel?" klang es aus der Tiefe. ,.. . „Das kann ich dir von hier aus unmöglich lagen. I. .1.1 ■* M * Zwei Minuten Später landet der tapfere Seilgenosse neben mir ift eine Sekunde lang verblüfft und meint dann: LH. du verdammter Hund, hat im selben Augenblick aber schon |o viel Wurst und Brot im J un , daß die anderen Worte unverständlich werden... , ... „ Dolo- . Eine Rast aus der Furchetta folgt, nut weitesAus sicht über.alle Dow witentürrne von Cortina drüben bis zur Pala hEate^, Wz^er Wolken, mit einer Pfeife Tabak und Faulenzen. Taler, Wiesen W 10*., Kirchen, Bauernhöfe liegen weit unter uns. Kein Laut b b stad, wenn auch nicht gerade im Himmel, |o doch in feiner Nahe. Wir wissen, daß die Nordwand dieses Berges noch nicht erstiegen ist. Wir wissen, daß viele es versucht haben, aber abgeblitzt sind. Hansl und ich find ja nur über den Südgrat heraufgeklettert, um uns die Nordwand einmal von oben aus anzufchauen. Aus dem Bauche kriechen wir vor, bis der Kops weit über die Kante des Plateaus hinausragt. Wir sehen tausend Meter tief hinunter. Die steilen Schutthalden am Fuße der Wand wirken in der Verkürzung flach. Bon der Nordwand selbst sehen wir nur einen einzigen rippenartigen Vorsprung, sonst nichts. Sie fällt zu steil ab. Diese Tiefe wirkt. Da ist nichts zu wollen. Die Wand ist wirklich unersteigbar. „Wenn es gelänge, bis auf die Rippe da unten zu kommen? Leer und stumm starrt die tote Felswildnis heraus und schließlich kriechen wir zurück zu unseren Rucksäcken, zur Wurst und zum Brot. „Vielleicht käme man doch durch?" Wir nahmen uns vor, die Wand im Winter einmal bei Neuschnee anzusehen. Wo Schnee liegen bleibt, finden Hände und Füße auch Halt..« * Einige Tage später treffe ich mit einem Wiener Alpinisten auf der Regensburger Hütte zusammen und erzähle ihm von der Furchetta, schildere ihm die Wand. Sie sei glatt, teilweise gang senkrecht. Dibona und Mayer seien im vorigen Jahr schon im unteren Drittel umgekehrt. Und wo Dibona umkehrte, dort fei nichts mehr zu holen, ganz gewiß nicht. „Auch diese Wand wird ihre Bezwinger finden." Weiter sagte der Herr nichts. Diese einfachen Worte machten Eindruck auf mich. Acht Tage spater begegne ich dem besten deutschen Kletterer, der je gelebt hat. „Grüß Gott, Trenker." „Oh. Heiland, dös isch ja gar der Dülfer. Was machen Sie denn da?" .Nichts Besonderes. Aber vielleicht gehen wir mitsammen? Haben Sie Lust?" „Wohin denn?" „Das wissen Sie schon selbst." „Also die Furchettawand?" „Selbstverständlich." Alles wird vorbereitet, Proviant: ein bißchen Speck und Brot, zwei Aepsel. Zwei Paar Kletterschuhe, zwei Seile, eine Laterne, dazu Mauerhaken und Kletterhammer. Dülfer vertrug keinen Dag Aufschub, weil er vermutete, der Tita Piaz wolle die Durchkletterung auch versuchen und uns die Sache wegschnap- pen. So konnte ich Hans Pescosta nicht mehr verständigen, denn er war drüben in der Rosengartengruppe. Der alte Pescosta, Hansls Vater, riet mir dringend von unserem Vorhaben ab, weil er den gefährlichen, sehr brüchigen Fels der Furchetta „Und wenn ihr etwa abends am Gipfel [erb, zündet die Laterne an, damit wir wissen, was las ist." — Dies versprach ich ihm gern. Um halb neun gingen wir schlafen. Um halb ein Uhr früh brachen mir auf. Der Weg war weit. Um fünf Uhr morgens halten mir endlich den Fuß der Nordwand erreicht. Wir rasteten, aßen ein wenig und fliegen sofort ein. Der Einfachheit halber und um uns die Mitschlepperei der Nagelschuhe zu ersparen, hatten wir nur Kletterpatschen mitgenommen. Sonst hätten wir die schweren Schuhe über die ganze Wand im Rucksack mittragen müssen. So hatten wir nur je ein Paar dünnsohliger Reservepc.tschen mit. Griff um Griff, Tritt um Tritt sinkt in die Tiefe. Wir steigen. Hoch oben sind wir schon, unwahrscheinlich hoch. Wir kommen gut weiter. Der weiße Fleck über uns! Von dort sind es nur mehr etwas über hundert Meter zum endgültigen Sieg. Aber es werden die schwersten hundert Meier werden. Beim Weißen Fleck ist der Schlüssel. Sorge und Ungewißheit treibt uns vorwärts, aufwärts. Die Zeit eilt. Endlich find wir am Weißen Fleck. Es ist vier Uhr nachmittags. Elf Stunden find wir ohne Raft gestiegen. Aber weiter, nur weiter. Links? Rechts? hinauf geht es nicht mehr. Der Weiße Fleck ist kalt und glatt. Eine Felsnase ist da. Auf der fitze ich. Der Blick in die Tiefe ist kaum zu ertragen. Lust, nichts als Luft. „Alfa die Kante drüben. Gut sichern. Vielleicht ist hinter ihr eine Durchstiegsmöglichkeit." Dülfer probiert am doppelten Seil. Ich halte es, auf einen Sturz gefaßt, mit Schraubftockfingern. Jeden Augenblick fliegen kleine Steine ins Leere. Man hört ihren Aufschlag nicht mehr. Kein Griff hält. Sein Tritt. Ich beobachte jede kleinste Bewegung Dülsers und merke wie er das Aeußerfte wagt. Er kommt aber nicht hinüber. Morscher Dr>ck'anstatt guten Gesteins. Der Karboden lauert grau aus der Tiefe herauf. Von den dreißig Metern zur Kante hinüber hat mein Kamerad zehn hinter sich. Es geht nicht mehr weiter. Trotz verzweifeltem Wollen, es geht nicht, es — geht — nicht —l — ohne zu wissen, woher man e* us „Peer Gynt", das war er, obwohl An einem hohen Mittag, während die Sonne steil aus eins der Städtchen hinabsticht, kommt es einsam inmitten der Dorsstraße daher bas. gebückte Greislein, mit trippelnden Schritten: es hat einen verbissenes Zug im alten Gesicht und kleine Augen, die so nach innen gekehrt sind, als habe das Männlein mit dem Leben abgeschlossen und schaue schon das- Jenseitige- und plötzlich weiß man — ohne zu wissen, woher man er- weiß —: das war der Knopfgieher aus „Peer Gynt", das war er, obwohl die eigentliche Heimat Peers das Dovrefjell weit landeinwärts ist. Peer Gynt .. plötzlich empfindet man den Fjord als Naturgewalt, als ursprüngliche Krast: sein« schmalen Arme, seine Ausläufer, die sich gegeneinander und gegen das Meer immer weiter eröffnen, haben etwas Hinausdrückendes, Forttreibendes, Ausstoßendes. Vik heißt Bucht, nn« die Bikinger waren die Menschen, die in den Buchten wohnten und di- der Fjord hinaustrieb. Jetzt versteht man, warum Ibsen seinen Peer Gynt in die Tropen geschickt hat: die flimmernde Luft der Wüste, diheiße Ueppigkeit des Südens ist der andere Teil der Welt, die anders Hälfro des Daseins, die Ergänzung zu dieser tiefen und keuschen HerbheH des Nordens. Wunderbar, daß Gestalten der Dichtung oft viel mehr Wirklichkeit haben als Menschen, wunderbar, daß man die Holzhütten^ die über die dunkle Fjordwond verstreut sind, nicht mehr als puppenhaft- Niedlichkeit sieht, sondern als die Sinnbilder des Häuslichen, des Herdes., der Heimat Das sind die Hütten, von denen Peer Gynt eine erbaut, hier vergessen hat —, in der Solv«jg wartet, die rührende Geduld, die stille Liebe, die Mütterlichkeit. Nacht. Es ist schon über Mitternacht. Die Dampfer, die jetzt draußen zwischen den Schären fahren, haben vom Westen her immer noch die Röte des Sonnenuntergangs über dem Horizont, und es ist an Deck noch so heu, daß man lesen kann — Mitternachtssonne. Auch hier, im Schatten den Bergwände, unter dem verhangenen Himmel des Fjords, schiinmert Di* Nacht hell. Es leuchten die Flecken der weißen Häuser, es leuchten Di* Zäune, es leuchten die Bänder der hellen Straßen von einem gedämpften, überirdischen Licht, das in breitem Strom aus den Wolke quillt. Das Licht ist nicht von dieser Welt, die Häuser sind zur Ruh 0e_ gangen, aber auch in ihren verdunkelten Fensterscheiben liegt nun oa- matte Flimmern. Man sieht in dieser Dämmerung bis in den Hi,m>ne hinein, an dem schweres Gewölk treibt. Jetzt wird es unruhig, es locke sich, Fetzen haken an den Hängen und sinken wieder. So geschieht es itr allen Tälern, aus allen Zweigen, Armen, Buchten des Fjords ziehen ' Nebel heran, das Wasser dampft. Nicht lange, und alles ist nieifi DC_ hüllt, Wolken erfüllen den ganzen Raum, di« Ewigkeit ist niederg:sti«g und schimmert in der hellen Nacht. Kein Laut ringsum als das gmfu, mäßige Rollen und Plätschern des Wassers an den Ufern. Es w etwas unheimlich, und man täte gut, nach Hause zu gehen; a Der Fjord. Bon Gerhard B o h l m a n n. Am Hardanger, im Sommer. Geheimnis. Jeder Fjord ist ein Geheimnis, Forschung und Wissenschaft haben es nicht erschlossen, noch weiß keiner, wie die Fjorde entstanden sind, zu alt und undurchsichtig sind ihre Rätsel, mit Urgestein und Bereifung hängen sie zusammen. Aus dem Geschlecht der Fjorde stammen auch die großen Binnenseei des östlichen Norwegen, ihr Grund liegt Hunderte von Metern unter dem Meeresspiegel, das Wasser ist also einmal in sie hinabgestürzt — urweltliche Schauspiele, vor deren Größe jede Anschauung versagt. Auch der Fjord selbst verhält sich anders, als man bemerkt: seine tiefsten liefen liegen nicht an den Mündungen, sondern in seinen schmalen Buchten — wer das erklären will, müßte in den fernsten Vergangenheiten lesen können als die Erde noch wüst und leer war und der Geist Gottes über den Wassern schwebte. Was dann geschah, der Fjord erzählt es: in Die Mauerhaken, die Karabiner, die Schsrensicherung, die verbissenen * Z^Ein Wo"/ hleidt mU zwischen den Zähnen ich will marten bis der andere es sagt. Der andere aber sagt gar nichts. Er beißt seine Zahne Dülfer bezieht den Felsnasensessel und sichert meinen Versuch nach rechts oben durchzukommen. Die Hände suchen wahrend die Zehen an winzigsten Felsrauheiten kleben. Bon oben druckt die starre Wand hinaus, hinter und unter mir zerrt die Leere des Raumes von allen ' Seiten an meinen Nerven. Ich muß schließlich zuruck zur Nase Der Verlust des Gipfels, das Nichtgelingen der Erstersteigung wäre noch in den Kauf zu nehmen gewesen, doch wir wehrten uns gegen den Gedanken die achthundert Meter wieder durch die starre Wand hinunter zu müssen! Uns graute vor diesem Rückweg .... Konnten wir den Gipset erreichen, so hatten wir außer dem schonen Sieg einen leichten Abstieg über die Südostfeite vor uns und einen ganz kurzen Weg zur Hütte gehabt. , ~ ri , , Wir versuchen das Alleräußerste. Nichts nutzt. Der Absturz lauert hinter uns. Keiner will als erster das Wort „Umkehr" sagen... Es war sechs Uhr geworden. . „, v Mit großer Besorgnis hatte ich gesehen, rote sich draußen im Etsch- und Eisacktal immer schwerer und drohender schwarze Wetterwolken türmten. Dunkel wälzte sich die Gewitterbrandung naher. Wolken über Wolken, finster und drohend. Elektrizität kmstept im Seil und in all meinen Knochen und Gliedern. Fahlgelb und düster ist der schweigsame Panzer unseres Berges geworden. Ein Biwack ist ausgeschlossen wenn das Wetter heute nacht niedergeht, leben wir morgen beide nicht mehr. Aber das denken wir nur. ....... . Nochmals lassen wir uns alle Möglichkeiten, durchzukommen, im Kopf herumqehen. In einer halben Stunde könnte alles gewonnen sein. Spähend neige ich mich zurück und suche den senkrecht sich erhebenden Wand- teil cib Und da geschieht etwas Unerwartetes. Ein Riesenblock hat sich gerade Über uns oben am sturmverblasenen Gipselgrat, gelöst. Er rauscht mit ungeheurer Wucht zwei Schritte neben unseren erschreckten Körpern wi« ein" Gespenst in die endlose liefe. „ Wer in Kriegslagen das Heulen schwerster Granaten gehört hat, kann sich jenes Geräusch vorstellen. Wie ein schwarzer Schatten war soeben der Tod vorbeigeflogen. Der Bann zwischen uns und dem Berg war gelöst. Ich weih heute nicht mehr, aus wessen Mund das Wort »Zurück zuerst gesprochen wurde. Sekunden später waren Diilser und ich schon ein Stück tiefer. Seillänge um Seillänge ging’s abwärts. Ein gewaltiger Sturm leitete das Unwetter ein. Wie tausend Teufe! brüllte der Orkan durch die Wände. Es pfiff und schrie und tobte in den Felsen, daß wir uns festhalten muhten, um nicht in das Kar geschleudert zu werden. Um neun Uhr abends stiegen wir triefend vor Nasse aus dem Felsen; über den Schlüterpaß wateten wir bereits in knöcheltiefem Neuschnee. Donner Blitz und Sturm begleiteten uns, als wir in finsterer Nacht durch das Wasserinnental zur Tschisles-Alpe niederstiegen. Eine Stunde nach Mitternacht trafen wir in der Regensburger Hütte ein. Die vierundzwanzig Stunden, die hinter uns lagen, hatten uns müde gemacht. Wir bestellten sofort zwei große Omeletten und jeder ein Viertel Rotwein. ,.. , , , . . Der alte Pescosta und alle, die in der Hutt« auf uns gewartet hatten, wollten kaum glauben daß wir nicht über den Gipfel zurückgekommen wären. Vorwurfsvoll fragten sie uns, warum wir denn das vereinbarte Lichtsignal nicht angezündet hätten. Die hatten leicht reden. Wir waren abgeblitzt... , , . Bold gingen wir schlafen. Ich lag neben dem alten Pescosta auf einer Pritsche im Dachboden und schlief schlecht. Die Anstrengung des Tages war zu groß gewesen. Das Unwetter ließ nicht nach. Ein scharfer Donnerschlag prasselte nieder. Jäh erwachte ich. Es war drei Uhr morgens. Der Wind heulte. Auch Pescosta war wach. „Herrgott, wenn ihr in der Wand hättet biwakieren müssen, ihr wäret hin gewesen." „Ja, Teufel, das wäre schief gegangen. Am andern Morgen lag vor der Hütte fußtieser Neuschnee. Alle Blumen und Gräser waren zugedeckt. Es war der 27. Juli 1914. Dülfer mußte nach einigen Tagen fort, in den Krieg. Der junge Pescosta ebenfalls. Sooft ich durch das Eifacktal fahre und bei Villnoß die Nordwand der Furchctta über tannenbestandenen Hiigelb«rgen erscheinen sehe, steigt in meinem Herzen ein Gefühl von Stolz und Zorn auf. Unwillkürlich spannen sich dann die Muskeln und ich möchte wieder oben stehen beim Weißen Fleck und es neuerdings versuchen. seiner Nähe leuchtet der Hardangerjökel (zweitausend Meter über den Menschen!, in seiner gewaltigen Kuppe verfangen sch die wandernden Wolken und wo der Fjord endlich ins Meer mundet, liegen zu Hunderten die Felsinselchen, die Schären, eine Herde charakterloser Gesellen ohne fede Ahnung von Gröhe — herum. Die Gletscher sind über sie gekommen, haben sie klein gemacht, glattgeschliffen abgechlissen tme Kieselsteine - im Ansang war das Eis. Aber der Fjord bleibt ein unerklärlicher Gedanke der Schöpfung. Das Auge. Man kann ihm nicht nahekommen, wenn man auf einem Touristendampfer aesellschaftsreisend vorübersährt; man sollte den F,oud von hinten herum, vorn Lande her angreifen, denn er ist ja nicht nur Wasser, er hat feine Hintergründe, sein Hinterland mit Schroffen und Schrunden Wasserfällen und Giehbächen, Tälern und Sraßen, die wie die tollkühnsten Achterbahnen auf den Jahrmärkten in steil getürmten Kehren die Hange erklimmen. In die Felsen sind diese Strahen gesprengt, Felsen hangen üb^r ihnen sie fuhren durch Felstunnel und Felsgalerien, der Fels ist es, der den Fjord so gewaltig macht. Auf diesen Strahen sollte man sich ihm nähern; man muß so hoch gewesen sein, daß man nichts über sich hatte als das eisige Silberleuchten des Hardangerjökels, nichts um sich als die erhabene Wüstenei von Schnee und grauem Moos, nichts als die groh- artige Einsamkeit dieser Höhen; man muh einmal im Menschenlosen qewelen sein, wo der Wind kalt über die Schneetriften fegt, um dann den Fjord um o tiefer zu empfinden, die saftigen Matten, das Grün der Bäum-', die weihen Häuser aus Holz. Nach dem ernsten Drama der sanfte Abstieg, der friedliche Ausklang, das Idyll, die Lieblichkeit die Stille Dort unten zwischen den Hängen ruht sein Wasser, ein glattes dunkles Auge, das aussängt und spiegelt, Himmelsbläue liegt darinnen, Wolken treiben hindurch, und zur Nacht werden die Sterne in ihm sein und aus seinem schwarzen Grunde leuchten. Die hamsunschen Städte. Du ruhen auch die kleinen Städte Knut Hamsuns. Sie heißen nicht gerade Segelfors (wie ein Roman von ihm), sondern am Hardanger etwa Nordheimsund, Eidsjord oder Uhlvik, aber es sind dennoch feine Stabte und seine Menschen, klein« und kleinste Welten, ohne die manche seiner Geschichten und Gestalten ungeboren geblieben wären. Die Städtchen gleichen einander sehr, Helle Puppenhäuschen aus Holz, denen man aufs Dach steigen kann, die man in die Tasche stecken möchte, eine Handvoll Häuschen die man liebhaben muh, weil sie so sauber und niedlich irrt». Sie haben ihre Sagemühlen und Hotels, natürlich, aber diese wirken hier nicht als Industrie oder Geschäft, unter den Riefenwänden des Ffords, über denen die Ewigkeit steht, wird alles Menschliche sehr klein. Und hier wohnen die Hamsunschen Gestalten und Menschen, unberührt von der großen Welt und den Zuckungen ihrer Krankheiten, und ihre Sorgen finö noch immer von der beschaulichen Art, ob der Nachbar eine doppelseitige Weste trägt oder sich eine goldene Tresse an die Mütze gesteckt hat — die Städte des Fjords ruhen in der großen Freundlichkeit: auch das ist ein Wort Hamsuns. Verweilt in einem solchen Städtchen und ihr werdet dies Wort verstehen und gesünder heimkehren. Denn was täte uns heute tiefer not als das: einmal die große Freundlichkeit zu fühlen. Begegnung mit Peer Gynt. öen Nebeln ballen sich wogende Bilder, Gesichte erscheinen, und wie der 'Uionh — man ahnt ihn nur — über der Fjordwand austaucht, wird die Stunde ganz geisterhaft. Es könnte sein, dah der Troll umgeht, daß man in dieser Nacht wirklich dem Spuk begegnet, der dem Peer Gynt als der „Große Krumme" erschienen ist... Stille der Nacht. Don Gottfried Keller. Willkommen, klare Sommernacht, Die auf betauten Fluren liegt! Gegrüßt mir, goldne Sternenpracht, Die spielend sich im Weltraum wiegt! Das Urgebirge um mich her Ät schweigend, wie mein Nachtgebet; Weit hinter ihm hör ich das Meer Im Geist, und wie die Brandung geht. Ich höre einen Flötenton, Den mir die Lust von Westen bringt, Indes heraus im Osten schon Des Tages leise Ahnung dringt. Ich sinne, wo in weiter Welt Jetzt sterben mag ein Menschenkind — Und ob vielleicht den Einzug hält Das vielersehnte Heldenkind. Doch wie im dunklen Erdental Ein unergründlich Schweigen ruht. Ich fühle mich so leicht zumal Und wie die Welt so still und gut. Der letzte leise Schmerz und Spott Verschwindet aus des Herzens Grund; Es ist, als tat der alte Gott Mir endlich seinen Namen kund. Darwin und die Dichter. Von Dr. Friedrich Spreen. Darwins wissenschaftliche Großtat ist heute, ein halbes Jahrhundert nach seinem Tode, nicht mehr so allgemein anerkannt und unbestritten wie bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, dem sein Wirken angehort. Man erblickt nicht mehr in der Geschichte der Erde und des Lebens nur eine sich langsam und stetig vollziehende Entwicklung, sondern räumt den os- misch bedingten Katastrophen der Revolution gegenüber der Evolution, eine größere Bedeutung ein. Auch der Fundamentalbegriss seiner Lehre von der „natürlichen Auslese" wird vielfach angegriffen und stark « = geschränkt Trotzdem bleibt ihm das unvergängliche Verdienst, der rtw stanimungs- und Entwicklungsforschung den Weg gewiesen zu haben und eine ganze geistesgeschichtliche Aera, die Zeit um die Wende vom 19 zum 20. Jahrhundert, hat unter seinem Einfluß gestanden. Das zoigt. sich am deutlichsten in den starken Spuren, die sn seinen Dortrügen über „Natürliche Schöpfungsgeschichte (W , bie bii Äennt nis der neuen Lehre erst Deutschland vermittelten Gth- zumi P^t-n des Darwinismus, erfuhr aber schon 1871 in der Schnft Oskar Schmid s ..War Goethe ein Darwinianer?" gewichtigen Wiöer(pr'ch^chMn 6 Deraanaenbeit— in der Gegenwart muhte man die Geistesverwanolen Darwins suchen; die Gedanken seiner Weltanschauung lagen damals m, Dem^Dichterblick eröffnete der Darwinismus grandiose die Intasie mächtig anregende Bilder und Vorstellungen. <-t »enkliche Vorzeiten zurückführende Heldendrarnc. der Welt- werdung, wies einen stolzen Weg zum Weiterschreiten s £.ret)[un9q hinauf zur Höhe, enthüllte das Geheimnis der R !! , „nö:aPeit bCg stellte den Einzelnen zugleich hinein in die ehern ^Wilhelm Naturgeschehens, gegen das er in tragischem Ring । Jordan hat als „Dichter des Darwinismus vor Dar«m E m seinem „Demiurgos" die „Züchtung einer neuen Horcher gatt 9 I r™ Erdkreis" gefordert und aus „der Wesen stetem Krieg; die Stngerung der Lebensform erklärt. In seinem Nibelung-n-Epas smd dann Äarwm^ sche Gedanken mit einer manchmal komisch wirk («untber sagt- alten Mythen und Sagen hineingetragen, so wenn ».Gunther |aflL -.Denn Zuwachs durch Zuchtwahl für alle Zeilen l Ideen der der wir leben." Noch stärker und unvermiNetter treten l» Ideen der modernen Naturwissenschaft in seinen beiden Romanen hervor, o ganz schematisch Beispiele der Rassenveredlung, der B rerbung uh°. °ar gestellt werden. Wie populär diese Gedanken in den 70er Jahren wuroe , wie wenig ernsthaft, ja spielerisch äußerlich sie damals noch behandelt wurden, zeigt ein „komisch-tragischer Roman": „Darwin" von Alexander Jung, in dem die wunderlichen Verwirrungen, Schrullen und Exzentrizitäten eines Phantasten karikiert werden, die die Lehre in seinem Hirn hervorgerufen. Der Verfasser sagt selbst, daß er seine Satire nicht etwa gegen Darwin selbst richte, nur gegen manche seiner Anhänger; er habe seinen Namen zum Titel gewählt, „wie man etwa den Namen eines gefeierten Helden in eine Fahne stickt ober ein Dampfschiff mit solchem Namen benennt". Die tieferen poetischen Probleme, bie ber Darwinismus bot, wußte erst bie naturalistische Dichtung für sich zu gewinnen. Vor allem war es bas „eiferne Gesetz der Vererbung", das als ein wichtiges dramatisches Motiv auftrat. Ibsen verwandte es zuerst in der Nebengeftalt des Dr. Rank in der „Nora", der das lustige Leutnantsleben seines Vaters mit unheilbarer Krankheit büßt; er stellte es in den Mittelpunkt feiner Handlung in den „Gespenstern" (1881). Die Macht der „physischen Erbsünde", des Blutes vernichtet hier den Helden so erbarmungslos und unschuldig wie das Schicksal und der Zorn der Götter in der griechischen Tragödie. Die Gebundenheit des menschlichen Lebens durch die Mächte der Abstammung und des Milieus, das vergebliche Sichaufbäumen gegen diese von der Natur aufgerichteten Schranken, das Zerschellen und Untergehen des Menschen in diesem Kampf, das wurde ein Hauptthema des neuen Dramas und schuf den entscheidenden Konflikt in Hauptmanns Erstlingswerk „Vor Sonnenaufgang". Ueberhaupt lenkte Darwins Anschauung, nach der auch der Mensch als ein Produkt seiner Abstammung und feiner Umgebung erscheint, die Aufmerksamkeit ber Dichter auf Züge der Wirklichkeit, die bisher vernachlässigt worden waren. In Zola erftanb ein Dichter, der den Darwinismus in feinen kühnsten Folgerungen in die Dichtung übertrug. Der Riefenplan feiner „Rougon-Macquart" ist gleichsam ein Beispiel für bie Gesetze ber Auslese und Vererbung, der Entwicklung und Rückbildung in einem bestimmten Milieu, an einer einzigen Familie nachgewiesen. „Die Erblichkeit hat ihre Gesetze wie die Schwere", dieser Satz der Vorrede war das Leitmotiv. Die (Übertragung solcher exakten Gesetze der Naturwissenschaft auf bie Geisteswissenschaft hatte schon Tal ne versucht, der von Darwin beeinflußt, seine Milieutheorie für die Geschichte aufstellte. „Tugend und Laster sind Produkte wie Vitriol und Zucker", verkündete er. Sein Nachfolger 25 u n e t i e r e ist im „literarischen Darwinismus noch weiter gegangen und hat in ber Dichtung wie in der Natur bestimmte Arten erkennen wollen, so Lyrik, Drama, Roman, die wachsen, sich umformen und in ihrem Leben eine natürliche Zuchtwahl offenbaren wie die physischen Organismen. Zola verlor sich in feinen Theorien auf Darwins Spuren nicht in solch schwierige geistige Spekulationen: ihm bot bie Abstammungslehre bie Handhabe für seine naturalistische Doktrin: Das „Tier im Mensch", den entarteten, deklassierten Menschen, der im „Kamps ums Dasein" zugrunde geht, wollte er darstellen. Die wundervolle Grundidee des Darwinismus, bie nicht bie Vernichtung bes entarteten, sondern die Züchtung bes höheren Menschen verheißt, hat Ni« tzsche zum Inhalt eines neuen Lebensgesiihls gemacht. Seine Lehre vom Uebermenschen bedeutet in gewisser Hinsicht einen Höhepunkt bes barwinistischen Einflusses, gibt einen dichterisch geschauten ibealen (Bebantenbau über dem gelehrten Fundament, bas ber Weise errichtet. Der Eindruck der Lehre Darwins ist auf Nietzsche außerordentlich groß und nachhaltig gewesen. Schon in der ersten unzeitgemäßen Betrachtung spielt er gegen Strauß eine „ernst und echt durchgeführte darwinistische Ethik" aus, mit ber man „den Philister gegen sich hätte", weil sie „kühnlich aus dem bellum omnium contra omnes (Krieg aller gegen alle) und dem Vorrecht bes Stärkeren Moralvorschristen für das Leben" ziehen würde. So führte ihn das Studium des Engländers auf die Idee der „Züchtung" einer stärkeren Rasse, der „Erhöhung des Typus: Mensch". Sodann übernahm er den Glauben an bie Vererbung erworbener Funktionen. Er kam dabei bis zu einem förmlichen Aberglauben an bie Sicherheit ber Vererbung: „In zwei bis brei Geschlechtern ist alles verinnerlicht." Der „Kampf ums Dasein" warb ihm zum „Willen zur Macht". Aber nicht aus einer entsetzlichen Notlage erklärte er wie Darwin ben Untergang des Schwächeren, sondern das Wesen der Natur schien ihm einen unendlichen Reichtum, ja Verschwendung in sich zu tragen. Und nur um dieser höchsten Ausspeicherung von Kraft willen ist eine stete Steigerung und Erhöhung bes Menschengeschlechtes vonnöten. „Das bionyfifche Fundament der Dinge" gestaltet den Sklaven um zum Herrn, zum Uebermenschen, ber bie Umwertung aller Werte in einer besseren Zukunft burchfetzen wirb. So entfernt sich Nietzsche von Darwin und ging zugleich weiter als alle anberen Rassenphilosophen, als ber Franzose Gobineau, als ber „Rembrandt- Deutsche" Langbehn, bie, ebenfalls auf ben Grundlehren Darwins fufjenb, zu ihren mehr ober weniger utopischen Menschheitsibealen kamen. Von Darwins (Brunbgebanfen aus konnte man den Blick auch zurück in die Vergangenheit, zur Wiege ber Menschheit lenken, wie vorwärts zu einer geahnten unb geforberten Höhe. Das tat Heinrich Hart in feinem Sieb ber Menschheit", das die Entwicklung der Erde und des Menschen von dämmernden Uranfängen bis zur Gegenwart vorführen sollte. Der erste Gesang „Tul und Nahila" zeigt am deutlichsten ben Einfluß Darwinscher Gedanken, denn von affenartigen Vorfahren umgeben entfaltet ach hier ein erstes Menschenpaar in seinen primitiven Regungen erster Kultur unb Gesittung. Eine kosmisch-phantastische Ausgestaltung der Entstehung unb Fortbilbung bes Menschen wirb hier angebahnt. Für halb wissenschaftliche, halb bichterische Weltbilber bot bann ber Darwinismus eine unerschöpfliche Funbgrube. Wir begegnen ihnen in Romanen Paul Scheerbarts, in Werken Wilhelm Boelfches, ber so viel von bem Wesen ber Darwinschen Naturauffassung in künstlerischer anschaulicher fVorm bem beutschen Publikum vermittelt hat. Was in so bebeutenben Werken wie etwa Jacobsens „Niels Lhyne" ober Strinbbergs 2Iuf offener See" an Darwinschen (Bebauten nur als Zeitstimmung machtvoll mitgeklungen hatte, wurde zum inneren Gehalt von Dichtungen, wie Boelfches „Mitternachtsgöttin" unb Bruno WiNes „Offenbarungen bes Wacholderbaumes". Seitdem schwingt bie Darwinsche Ibee wohl noch im Dichten und Denken mit, aber doch mehr als Gemeingut, bas in ben Schatz menschlicher Geistigkeit cingegangcn ist. wäre. VII. Verantwortlich: Or. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'lche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, D. Lange, Giehen. Daher beschlossen sie untereinander, die Gemeinde zu retten, und aus daß es wohl gelingen möchte, versammelten sie sich, derweil die Manner bei Pieter Gans zechten, in dem Hause der Frau Syske, die da groß und stark war, mit lauter Stimme begabt, Haare am Kinn hatte und 2Littw war von fünf Männern oder sieben, deren genaue Zahl zu beschworen ich nicht wagen würde, aus Sorge, ich möchte lügen. Da tranken sie, zur Verachtung ihrer zechenden Manner, schönes klares Wasser. Wie sie recht versammelt waren, hier die Jungen, da die Alten, die Häßlichen inmitten der Alten, eröffnete Frau Syske die Sitzung und sagte, sie mühten ohn' Verweilen zur Trompete gehen und dort alle diese Zecher prügeln, daß sie für acht Tage gerädert und zerschlagen waren. Die Alten und Häßlichen bekundeten solchem Ansinnen Beifall mit Händen, Füßen, Mund und Nase. Das war ein schöner Lärm, wie ihr mir glauben werdet. _, ri . . Aber die Jungen und Feinen verhielten sich stumm wie Fische, außer einer, die gar hübsch und munter und reizend war und d>« da Wanste hieß Diese sagte in großer Bescheidenheit und mit Erröten, daß es nichts nütze die guten Männer so zu schlagen, sondern man sie zum Besseren bekehren müsse durch Sanftmut und durch Scherz. Daraus versetzte Frau Syske und sagte: „Kleine, du verstehst dich mA auf Männer, denn du bist eine Jungfer, vermeine ich. Dagegen weih ich wohl wie ich meine verschiedenen Männer leitete, und dies nicht m Sanftmut und Scherz, das bezeuge ich. Sie find alle verschieden, bie wackern Männer, Gott sei ihren Seelen gnädig! ober ich entsinne mich ihrer gar genau und weih wohl, dah beim geringsten Vergehen ich si- den Knüppeltanz auf der Gehorsamswisse tanzen liehe. Kemer hatte zu essen gewagt oder zu trinken, zu niesen oder zu gähnen, ich hatte ihm denn vorher Erlaubnis gewährt. Der kleine Job Syske, mein letzter war Pastetenkoch an meiner Stelle in der Wirtschaft. Er kochte mir gut, der arme wackre Mann. Aber ich muhte ihn recht schlagen, um ihn dazu zu bringen und so auch die anderen. Somit, du Kleine, verzichten wir au, jegliche Sanftmut und Scherz, der Wert ist gering, das bezeuge ich. Ellen wir vielmehr ahn' Verweilen gute Stöcke aus grünem Holz zu Schneiden, die wir leicht finden werden, da wir im Frühling find, und begeben mir uns zur Trompete, auf dah ein guter Guh von Schlagen aus die um getreuen Männer niedergehe." , . Da Huben die Alten und Hähliche» gar schrecklich wieder an zu schreien und zu wüten und riefen: „Auf, auf, zu den Trunkenen, man soll sie schlagen, man soll sie hängen." Am nächsten Tag versammelten sich die Weiber von neuem und tranken wie des Abends zuvor viel klares Wasser und begaben sich mit Stücken bewaffnet zur Stätte, wo die lustigen Zecher weilten. Vor der Tür der Trompete hielten sie an, und hier fand Kriegsrat statt. Die Alten verlangten mit den Stöcken einzutreten. — „Nicht doch", sagte Wantje und mit ihr die Jungen und Hübschen, „wir wollten dann lieber selbst geschlagen werden." — Da seht die Einfältigen", schrien die Alten, „die dummen Ganse. Sie haben allesamt im ganzen Leibe nicht für einen Heller Stolz. Laßt euch verführen, ihr sanften Stimmer: an eurer Statt rachen mir der Frauen Ehrbarkeit, die durch diese Säufer verunglimpft ward." — „Ihr werdet solches sein lassen", sagten die Jungen, „so lange mir —I Wir werden also handeln", heulten die Alten. Aber ein junges und lustiges Mädchen wollte vor Lachen bersten unö sagte: „Versteht ihr nicht, woher den Hexen der große Zorn und solcher Rachedurst kommt? Das ist eitel Prahlerei, auf das mir glauben sollen, ihre heiseren Männer wühlen ihnen noch Liedlein zu singen." Bei dieser Rede geriet das Lager der alten Weiber in solche Erregung, dah es ihrer einige gab, die plötzlich vor Wut ihreen Geist ausgaben. Andere, die nicht an sich halten konnten, wollten die Jungen töten, die Über sie lachten (und das war eine hübsche Musik, alle diese muntern und verwelkten Stimmen), aber Frau Syske verwehrte es ihnen, vermeinend, sie sollten sich bei ihr beraten und nicht sich töten. Und so hetzten sie ihre Erwägungen fort und schwatzten und schrien und stritten sich bis zur Stunde des Zapfenstreichs, und da trennten |i« sich und hatten keinen Beschluh gefaßt, mangels Zeit zum Reden. Und in dieser Versammlung der Weiber waren mehr denn 577 «4« uw Worte geredet worden, voll klugen Sinnes, gleich dem Froschteich voll alten Weines. . , •„ Pieter Gans, der Hasenohren hatte, vernahm aus der Strafe ein Gepolter stürmischer Worte und rief: „O weh, o weh, was ist solches. Gewißlich werden es Teufel sein, o himmlischer Jesus." — „Ich will hingehen und schauen, schrecklicher Hasenfuß", erwiderte Blaekaek. Und er öffnete die Tür, brach in Gelächter aus und spracy. „Ihr lieben Vollmondgesichter, da sind unsere Frauen!" Da standen plötzlich alle Zecher auf und traten unter die Türe: einige hielten Flaschen in den Händen, andere schwangen die Kannen, andere ließen ihre schönen Becher gleich Glockenspiel klingen. Blaeskaek trat aus dem Saal, Überschritt die Schwelle, stellte sich auf den Weg und fprackl „He, ihr Frauen, was führt euch hierher samt all diesem grünen Hol) Bei dieser Rede ließen die Jungen ihre Stöcke zu Boden fallen, denn, sie schämten sich, in solchem Aufzuge überrascht zu werden. (Fortsetzung folgt.) Laune war dermaßen zornig und stürmisch, daß k-em Weib (ich rede von denen welche nicht vor Mattigkeit eingeschlummert waren) ein Wort zu sagen'wagte, nicht einmal zur Zeit des Frühmahls. Darob entstand große Betrübnis bei den Weibern, die da sagten, das Geschlecht derer von Uccle möchte aussterben, wenn solches Spiel anhalten sollte, was jammerschade Oie Brüder vom guten Vollmondgesicht. Flämische Legende von Charles de Coster. (Fortsetzung.) Und er sagte: „Wohlan, vergessen wir den Tischsegen nicht, mein Freund. So werden wir vielleicht nicht verbrannt werden. Denn dem Herrn danken wir dieses Fleisch: er möge uns bewahren in (einem heiligen Glauben." , .... . ,__,, _. „Amen", sprach Blaeskaek: „aber Gevatter, wir mußten doch wohl Zusammen dieses schlimme Bild zerschlagen." , — „Wer keine Schafe zu hüten hat, braucht den Wolf nicht zu furchten, und du hast gut reden, diesen Teufel zu zerschlagen." — „Das wäre ein verdienstvolles Werk." . — ,Wenn er aber jede Nacht wiederkommt und kläglich ruft: netze, netze, und er sich wider mich erzürnet und mein Bier bezaubert und meinen Wein und mich arm macht wie Hiob? O nein, lieber dann dem Rate des Koches folgen." . . — „Wenn aber nun der Geistliche von dem Bilde vernimmt und uns beide vor feinen Stuhl beordert und uns verbrennen läßt als Ketzer und Götzendiener." , ... „Ach", sagte Gans, „so der liebe Gott und der böse Teufel sich über unfern armen Körper streiten werden, jo sind wir vernichtet, weh, o weh!" . _ ... — „Höre", sagte Blaeskaek, „gehen wir zu den heiligen Brudern, und erzählen wir ihnen ohne Umschweife die Geschichte." — „Wehe, wehe, wir werden verbrannt, Gevatter, sogleich verbrannt. — „Ich glaube doch, daß es ein Mittet gibt, uns aus solcher Gefahr zu befreien." t . — „Es gibt teins, mein Freund, es gibt (eins, und wir werden verbrannt, und ich fühle mich schon gebraten." — „Ich habe das Mittel gefunden", rief Blaeskaek. — „Es gibt teins, mein Freund, es gibt teins, es fei denn die Gnade der heiligen Brüder. Seht Ihr da teinen kommen, den Bettelsack auf dem Rücken?" — „Keinen." — „Wenn Ihr einen seht, dann wollen wir ihm unsre ganze Wurst geben. — Haben wir auch das Dankgebet gesprochen? — dazu das ganze Brot, das wir hier haben, und wollen ihn gar höflich einladen, zu uns zu kommen, das Viertel eines gebratenen Lamms zu essen, wohl begossen mit altem Wein. Ich habe dessen nicht mehr viel, aber ich werde ihm alles gern zu trinken geben. Seht Ihr feinen kommen?" — „Keinen", versetzte Blaeskaek. „Aber öffne doch deine Hasenohren, ich will dir guten Rat geben, denn ich will dein Gutes, du Greiner: zur Hälfte wollen wir dem Vorschlag des Pastetenkochs folgen, zur Hälfte nur, verstehst du wohl? Das wäre ein frecher Götzendienst, in das Gastzimmer dieses Bild zu stellen." — „Wehe, wehe, Teufel, ja, das wäre es." — „Also stellen wir es in einen Winkel, wohl abgeschlossen, bis auf eine Ocssnung oben, auf daß er atmen könne: dort werden wir eine ordentliche Biertonne aufstellen und werden ihn bitten, daß er sich ihrer nicht unmäßig bediene, und der Teufel wird da in dem Gastzimmer deiner Herberge fein, wo er sich sicher still verhalten wird, dieweil er sich ergötzen kann an den Liedern der Zecher, dem Klappern der Becher und dem Klang der Flaschen." — „Mitnichten", sagte Gans, „mitnichten, laßt uns befolgen den Rat des Pastetenkochs, denn er versteht sich weit besser als wir auf Teufelsart: den unseren aber werden wir recht erfreuen nach unfern armen Mitteln, ob wir auch eines Tags verbrannt werden sollten. Wehe, o wehe." VI. Als die beiden ehrsamen Bürger zur Trompete zurückgekehrt waren, zogen sie des pausbäckigen Teufels Bild mit großer Ehrfurcht aus dem Keller und stellten es auf eine Truhe, welche in der Wirtsstube stand. Am nächsten Morgen fanden sich bei Pieter Gans fast alle die Männer aus Uccle versammelt, dieweil man an diesem Tage im Stalle zwei wohlgenährte Pferde des seligen Schöffen Jacob Naelfjens verkauft hatte. Sein Sohn hatte sie nicht behalten wollen, vermeinend, ein ehrsamer Bürger solle sein Roh im Strickstrumpf bewahren. D-e von Uccle betrachteten das Bild des kleinen Pausback auf der Truhe und waren darob verwundert und ergötzt, und namentlich, wie Blaeskaek ihnen gesagt hatte, er hieße Meister Vollmondgesicht, und sie sollten ohne Verzögern zu seiner Ehre in Freude fröhliche Brüderschaft stiften. Sie wollten es gerne und beschlossen miteinander, es könne keiner Bruder werden gleich ihnen, wo er nicht zu seiner laufe vierundzwanzig erschreckliche Becher Biers tränke, wahrend man zwölf Schläge auf den stärksten Wanst der Kumpanei schlüge. An jedem Abend versammelten sie sich in der Trompete und zechten wacker, wie ihr wohl glauben möget. Das Wunderbare war, daß sie gleichwohl tagsüber als wackre Leute ihre Arbeit taten, die einen in der Werkstatt, die anderen am Webstuhl, andere auf dein Felde, und jedermann zufrieden stellten. Nur nicht die Frauen, denn sobald die Vesper geläutet hatte, eilten alle Mann oder Bräutigam, ohne sich um dieselben im geringsten zu kümmern, zur Trompete und blieben da bis zum Zapfenstreich. Kehrte der Ehrsame in sein Heim zurück, so schlug er nicht (ein Weib, wie manche Zecher tun, sondern er legte sich neben sie und begann allsogleich, ohne ihr ein Wort zu sagen, gewaltig zu schlafen und mit der Nafe Fanfaren zu blasen, gleich Meister Grunzeschwein. Da hob das arme Weib an zu schlagen und zu kitzeln, den Schläfer beim Namen zu rufen, auf daß er ihr andere Neuigkeiten berichte, aber alles war umsonst: ebensogut hätte sie Wasser schlagen mögen, um Feuer zu gewinnen. Sie wachten alle erst beim Hahnenschrei auf, aber ihre morgendliche