SiehenerFamilieiiblätter Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Hummer 12 Hreitaa, den \1. Februar Jahrgang <932 Verweht sind alle Wege ... Von Siegfried von Vegesack. Verweht sind alle Wege, verweht und eingeschneit. Im Walde hallen Schläge, die Axt dröhnt dumpf und weit. Und eine schrille Säge singt in der Einsamkeit. Kein Gott ist in der Nähe. Die Welt ist eingeschneit. Erfroren sind die Rehe in weißen Winter-Leid. Nur eine schwarze Krähe fliegt auf und schreit. I ^Cin'mit einem alten Dampfkessel bepackter Lastwagen, der dröhnend und schütternd gerade des Weges kam, hinderte die unverzügliche 2lu^ führung des Befehls; kaum aber, daß der Rollwagen vaiiiber war, w Stine. Roman von Theodor Fontane. ErftesKapitel. In der Änvalidenftraße sah es aus wie gewöhnlich: die Pferdebahnwagen klingelten, und die Maschinenarbeiter gingen zu M.ttag, und wer durchaus das Merkwürdige hätte finden wollen, hätte nichts anderes aus- kundschaften können, als daß in Nummer 98e die Fenster der ersten Ginge — trotzdem nicht Ostern und nicht Pfingsten und nicht einmal Samstag war — mit einer Art Bravour geputzt wurden. Und nicht zu glauben, diese-Merkwürdigkeit ward auch wirklich bemerkt, und die schräg gegenüber an der Scharnhoiststraßenecke wohnende alte Lierschen brummte vor sich hin: „Ich weiß nich, was der Pittelkow'n wieder einfällt. Aber sie kehrt sich an nichts. Un was ihre Schwester is, die Stine, mit ihrem Stllbeken oben bei Polzins un ihren Sep'rat- schlüsfel, daß keiner was merkt, na, die wird grad ebenso. Schlimm genug. Aber die Pittelkow'n is schuld dran. Wie sie man bloß wieder dasteht un rackscht un radatscht! Un wenn es noch Abend wär, aber am Hellen, lichten Mittag, wo Borsig un Schwarzkoppen seine grabe die Straße runtertornmen. Is doch wahrhaftig, als ob alles Mannsvolk nach ihr 'raufkucken soll: ’ne Sünd un ’ne Schänd." So brummelte die Lierschen vor sich hin, und so wenig freundlich ihre Betrachtungen waren, so waren sie doch nicht ganz ohne Grund; denn oben auf dem Fensterbrett und kniehoch aufgeschürzt stand einejdpne, schwarze Frauensperson mit einem koketten und wohlgeps'egten Wellenscheitel und wusch und rieb, einen Lederlappen in der Hand, die Scheiben der einen Fensterseite, während sie den linken Arni, um sich besser zu stützen, über das andere Querholz gelegt hatte. Mitunter ginnte sie sich einen Stillstand in der Arbeit und sah bann auf bie Straße hinunter, wo jenseits des Pferdebahngeleises ein dreirädriger, beinahe eleganter Kinderwagen in greller Mittagssonne hielt. Dem im Wagen sitzenden, allem Anschein nach überaus ungebärdigen Kinde, bas ganz aristokratisch in weiße Spitzen gekleibet war, mar ein zehnjähriges Mädchen zur Aussicht beigegeben, das, als alles Bitten und Zureden nichts helfen wollte dem Schreihals einen tüchtigen Klaps gab. Im selben Augenblick aber schielte bie Zehnjährige, die diesen Erziehungsalt gewagt hatte, scheu nach dem Fenster hinauf, und richtig, es war alles von drüben her ge- ehen worden, und bie schöne, schwarze Person, bie „Klapsen und Cr- ziehn" burchaus als ihre Sache betrachtete, drohte sofort mit dem Geber» lapven nach ber auf ihrem Uebergriff Ertappten hinüber. Auch schien em Zornausbruch in Worten trotz der weiten Entfernung folgen zu sollen; aber ein befreundeter Briefbote, ber gerabe bie Straße heraufkam, hiell einen Brief in die Höh, zum Zeichen, baß er ihr etwas bringe. Sie verstaub es auch so, stieg sofort vom Fensterbrett auf einen nebenstehenden Stuhl unb verschwanb im Hintergründe des Zimmers, um den Brief draußen auf dem Korridor in Empfang zu nehmen. Eine Minute spater kam sie zurück und setzte sich ins Licht, um bequemer le(en zu können. Aber was sie da las, schien ihr mehr Aerger als Freude zu machen, denn ihre Stirn legte sich sofort in ein paar Verdrießlichkeitsfalten, und den Mund aufwerfend, sagte sie spöttisch: „Alter Ekel. Immer verquer. Aber sie war keine Person, sich irgendwas auf lange zu Herzen zu nehmen, und so lehnte sie sich, den Bries immer noch in ber Hand haltend weit über die Fensterbrüstung hinaus und rief mit jener enrhunuerten Ack- ftimme, wie sie den unteren Volksklasscn unserer y>aupt|rabt nicht gerade zum Vorteil eigen ist, über die Straße hin: „Olga! „Was beim, Mutter?" , . . , r. , „Was denn, Mutter! Dumme Jöhre! Wenn ich bir rufe, kommste! nahm Olga den Stoßgrifs des Kinderwagens in die Hand und fuhr, quer über den Damm hin, auf das Haus zu und mit einem Ruck in den Hausflur hinein. Hier nahm sie das Kind heraus und ging, während sie den Wagen zunächst unten stehen ließ, treppauf in die Wohnung der Mutter. Diese hatte sich mittlerweile beruhigt, die Stirnfalte war fort, und Olga bei der Hand nehmend, sagte sie mit jenem Uebermaß von Ser- traulichkeit, das gewöhnliche Leute gerade bei Behandlung intimster Dinge zu zeigen pflegen: „Olga, der Olle kommt heute wieder. Immer, wenn’s nicht paßt, is er da. Grad als wollt er mir ein’n Tort antun. Ja, so is er. Na, es hilft nu nich, un, Gott fei Dank! vor achten kommt er nich. Un nu gehst du zu Wanda und sagst ihr ... Ne, laß man ... Bestellen kannst du s doch nich, es is zu lang zum Bestellen ...Ich werb dir lieber einen Zettel schreiben." Und mit diesen Worten trat sie, von der Tür her, wo dies Gespräch ftattgefunben, an einen überaus eleganten und eben deshalb zu Haus unb Wohnung wenig passenben Rokoko-Schreibtisch heran, auf dem eine fast noch mehr überraschende lebergepreßte Schreibmappe lag. In dieser Mappe begann jetzt die noch immer hochaufgeschürzte Frau nach einem Stück Briefpapier zu suchen, anfangs ziemlich ruhig, als sich ober nach dreimaligem Durchblättern ber roten Löschpapierbogen immer noch nichts gefunbeti hatte, brach ihre schlechte Laune wieder los und richtete sich, wie gewöhnlich, gegen Olga: „Hast es wieder weggenommen un Puppen ausgeschnitten?" „Nein, Mutter, wahr un wahrhaftig nich; ich kann es dir zuschwören." „Ach, geh mir mit dein ewiges Geschwüre! Haste denn gar nichts?" „Ja, mein Schreibebuch." Unb Olga lief, fo rasch es ging, in das Neben- und Hinterzimmer unb kam bann mit einem blauen Schreibhefte zurück. Die Mutier riß ohne weiteres die letzte Seite heraus, auf deren oberster Zeile lauter ch standen, und kritzelte nun mit verhältnismäßiger Schnelligkeit einen Brief fertig, faltete das Blatt zweimal und verklebte die noch offene Stelle mit Briefmarkenstreifen, von denen sie die gummireichsten immer mit dem Bemerken „is besser als englisch Pflaster" auszuheben pflegte. „So, Olgachen. Nun gehst du zu Wanda un gibst ihr das! Un wenn sie nich da is, gibst du's an den alten Schlichting. Aber nich an feine Frau un auch nich an die Flora, die kuckt immer rein unb braucht nicht alles zu wissen. Un wenn du zurllckkommst, bann gehste mit zu Bolzanin ran und bestellt ’ne Torte." „Was für eine?" fragte Olga, deren Gesicht sich plötzlich verklärte. „Appelsine ... Un bezahlst sie gleich. Un wenn du sie bezahlt hast, sagste baß er nichts brauflegen soll, auch keine Appelsinenstücke, bie boch bloß Pelle un Steine finb ... unb nun geh, Olgachen, un mach flink, unb wenn bu roieber ba bist, kannst du dir drüben bei Marzahn auch für’n Sechser Gerstenbonbons taufen." Zweites Kapitel. Olga fäumte nicht unb ging in bie Hinterstube, um hier ihr rot- unb schwarzkariertes Umschlagetuch zu holen, das, neben einem etwas verschlissenen Schnurrenhut, ihr gewöhnliches Straßenkostüm bildete. W'twe Pittelkow in Person aber stieg, nachdem sie das immer noch schreiende Kind in eine ganz vornehm ausgestattete Himmelwiege gelegt unb ihm eine Flasche mit Saugpsropsen in den Mund gesteckt hatte, zwei Treppen höher zu Polzins hinaus, wo ihre Schwester Stine Chambre garnie wohnte. Polzins waren gutsituierte Leute, die das mit dem Chambre garnie gar nicht nötig gehabt hätten, aber trotzdem, aus purem Geiz, alles vermieteten ober doch soviel wie irgenb möglich, um ihrerseits frei wohnen zu können ober, wie Frau Polzin sich ausbrückte, „für umsonst einzusitzen" Er Polzin, war, seiner e'genen Angabe nach „Teppichfabrikant" (allerdings niebrigfter Observanz) unb beschränkte sich barauf, unter geflissentlicher Verachtung aller Komplementärfarbengesetze, schmale, kaum fingerbreite Tuchftreifen wie Stroh ober Binsen nebeneinanber zu flechten und dies Gesiecht als „Polzinfche Teppiche" zu verkaufen. „Scheu Sie", fo fch'oß jedes feiner Geschchtsgesvriiche, „solch .Polzinscher' (er behandelte sich dabei ganz als historische Person) wird nie olle: wenn eine Stelle weggetreten is ober ber Eßtisch m;t seinem Rollsuß ein Loch eingerissen hat, nehm ich ein paar alte Streifen raus un setz ein paar neue , rein, un alles is wieder propper un six un fertig. Sehen Sie, so sind die 'Polzinschen'. Ader wenn der Smyrnaer ein Loch hat, bann hat ers, unb ba hilft kein Gott mch." , Polzin, wie sich aus diesem Rebestück ergibt, neigte zu philosophischer Betrachtung' ein Zug, ber burch das zweite Metier, das er betrieb, noch eine ganz erhebl-che Stärkung erfuhr. Während her Aber'stunden nämlich war er bei sich bietenden Gelegenheiten auch noch Lohndiener unb wegen feiner Vorsicht unb Geschicklichkeit beim Präsentieren in bem zwischen Inoaliben- unb Chausseestraße gelegenen Stadtteil allgemein beliebt was Frau Polzin in ihren Gesprächen mit der Pittelkow immer wieder betonte: „Sehn Sie, liebe Pittelkow, mein Mann is ein orbent- Apartes, nichts Großes, fo wie immer. Dein Sarostro." (Forts, folgt.) «eher UN manierlicher Mensch, der, weil wir selber ganz Nein ange- fongen haben, am besten weih, daß es nicht jeder S.um Wegschmechen bat. Un sehen Sie, danach präsentiert er auch, und oaucieren, dw mch seststehn un immer hin und her rutschen, die nimmt er gar nich. Un wenn Polzin schon eine einzige Plüschtaille verdorben hat, s° w'll ich sterben Un ebenso galant un manierlich >s er aricy bew MUnehmen. Er is mein Mann, aber das muh ich sagen, er hat was Fernes un Bescheidenes un überhaupt so was, was die andern nich haben. Ja, das muß ich ihn lassen. Un da reichen nich hundertmal, daß er mir gesagt hat: Emilie heut hab ich mir mal wieder über meine Kollegen geschämt. Natürlich war es wieder der mit'n Plattfuß aus der Eharrtestraße. Glaubst du, daß er sich auch bloß geniert un ein ganz klein bißchen für Schein und Anstand gesorgt hätte? I Gott bewahre. Ganz dreiste weg, als ob er sagen wollte: Ja, meine Herrschaften, da steht der Rotwein, un ml nehm ich ihn mit nach Hause'." * So waren die Polzins, an deren Flurtür, trotz einer daneben befindlichen Klingel, die Pittelkow jetzt klopfte, zum Zeichen (so hatte man abgemacht), daß es bloß „Freundschaft" sei, was zu Besuch tarne. Und gleich danach erschien denn auch Frau Polzin und öffnete. Die nur Brei Stuben zählende Polzinsche Wohnung erfreute sich des Vorzugs eines Korridors, der aber freilich nicht größer war als ein aufgeklappter Spieltisch und augenscheinlich nur den Zweck hatte, drei auf ihn ausmündende Türen zu zeigen, von denen die links gelegene zu der verwitweten Prwat- lekretär Kahlbaum, die mittlere zu Polzins selbst, die rechts gelegene zu Stine führte. Diese hatte das beste Zimmer der Wohnung, hell und freundlich, mit dem Blick auf die Straße, während sich die Kahlbaum mit etwas Beleuchtung vom Hof her und die Polzinschen Eheleute mit einem schrägen Dachlicht begnügen mutzten, das, wie bei photographischen Ateliers, von oben her einfiel. „Liebe Polzin", sagte die Pittelkow, als beide Frauen sich oberflächlich begrüßt hatten, „es riecht wieder so sehr nach Petroleum bei Ihnen. Warum nehmen Sie nich Koks? Sie werden sich mit Ihrem ewigen Petroleumkocher noch alle Mieter aus der Wohnung kochen. Und Ihr lieber Mann! Was sagt denn der eigentlich dazu? Der muß doch nachgerade bei Puten un Fasanen eine feine Nase gekriegt haben. Und ich weiß nicht, wenn ich ein herrschaftlicher Lohndiener wäre, so was litt ich nich. In Gesellschaften immer was Delikates, un zu Hause so. Na, meinetwegen. Is denn Stine drin?" „Ich denke doch, ich habe sie nicht weggehen hören. Und denn wissen Sie ja, liebe Pittelkow, wir sehen nichts un hören nichts." „Versteht sich, versteht sich", lachte die Pittelkow, „sehen nichts un hören nichts. Und das ist auch immer das Beste." Berthold Auerbach. Der Dichter der „Schwarzwälder Dorfgeschichten". Von Dr. Paul Landau. Ms Auerbach starb, da trauerte um ihn ganz Deutschland, sa die Welt. Sein Begräbnis in seinem Geburtsort Nordstetten, dem feiner ersten und besten Dorfgeschichten, vereinte die Würdenträger des württembergischen Staates mit Burschenschaftern und dem dankbaren Bauernvolk auf dem kleinen jüdischen GotteLacker und se n Lebens- fieund Friedrich Theodor Pischer, der große Aesthetiker, rief ihm tn= offene Grab nach: „In fernen Tagen wird Dein Name über mariche pinnen aelien die in warmem Gespräch Dich nennen, ehren unö ruijmen. Du ^bist sterbend nicht gestorben. Lebe wohl, Toter! Sei gegrüßt, Leden- biücrl'4 Diese Voraussage hat sich nicht erfüllt. Auerbach wird heute nut wenig gelesen. Selbst die zwanzig Jahre, die feit dem Freiwerden seiner Werte verflossen sind, haben ihn nicht wieder zu dem VolksschriftsteUer machen können der er einst war. Er steht im Schatten eines Größeren, Ben ^er bei Lebzeiten verdunkelt und der ihn nun überragt: Jeremias Go11helf. Aber als Vertreter einer Epoche deutscher Kuttm, als eigenartige, weithin wirkende Persönlichkeit wird er stets Beachtung verdienen und die besten seiner Geschichten werden nicht ganz "Ergehen. Es aab eine Zeit, da warf man dem Klafsiker der Dorfgeschichte, den man^später als zu schönfärberisch empfand, feinen .'Naturalismus oor. Man fand um die Mitte des 19. Jahrhunderts, daß es Auerbach nicht gelungen sei, die poetische Auffassung in seinen Gemälden zur vollen Geltung zu bringen. Der ftinsiinnige Aesthetiker Joseph *11 e spricht von der „niederen Proletariatssphare , an die die Dorfge chichten streifen. Jeremias Gotthelf galt damals vielen für einen »Schmutzmaler von wahrhaft haarsttäubender Realistik". An »hm gemessen, erscheln uns Auerbach nur als ein begrenztes Talent, dessen Werke formal gepflegter sind, „schön gerundet und gearbeitet, em festtägliches Weißbrot sur das Volk", wie Gottsried Keller sagte, aber ohne die elementare Urwüchsigkeit der Phantasie, die gewaltige Gestaltungskraft des Pfarrers von Lützelflüh. Die Bedeutung des Auerbachschen Werkes ift heute nur noch historisch zu werten. . . „Von dem Erscheinen der Schwarzwälder Dorsgeschichten dauert eine neue Epoche unserer erzählenden Literatur. Dieser, 1860 von Robert Prutz ausgesprochene Satz behält seine Richtigkeit: einem neuen ^enre, der Dorfgeschichte, war in der Dichtung zum Siege verholen. Seine Rolle hatte der Bauer im Schrifttum seit dem mittelalterlichen »Meier Helm- brecht" gefpieU; aber zum „Helden" einer Geschichte war er höchstens als komische Person gemacht worden. Erst die Schweizer des 18. Jahrhunderts gingen auf eine künstlerische Darstellung des Sanbmannes aus, nachdem durch R o u s s e a u s Verherrlichung des Dörflers und fernes naturnahen Berufes der alte Fluch vom Bauern genommen war. Hirzel, Pestalozzi Zfchokke schufen ihre Gemälde des Bauernstandes: zu gteicher Zeit hob ich aus der phantastischen Wirrnis des I m m e r m a n n , ch e n Münchhausen" die wuchtige Gestalt des Alten vom „Oberhof heraus, auch sie vorbereitet durch die Dichter des „Sturm und Drang .angeregt durch Justus Möfers geniale Psychologie des Bauern. All diese Vorgänger waren dem sehr belesenen Auerbach nicht unbekannt, der 1846 die Grundzüge der volkstümlichen Literatur in seinem Inhalts- und ideenreichen Buch „Schrift und Volk" barfteUte. Er selbst zeigt sich in {einen Versuchen am stärksten von Hebel, vom „Oderhos und von »re n • tanos machtvoller „Gesch chte vom schönen Annerl und braven Kasperl beeinflußt. Aber keiner von diesen Dorsdichtern vor ihm war in weiten Kreisen beachtet worden. Wie kam es, daß gerade er die Dorfgeschichte zur Mode des Tages machte und ihr klassische Geltung verschaffte? Gar oft sieht der Fremde die eigenartige Schönheit eines bestimmten Milieus stärker und wirksamer als der Einheimische. Die Maler, die das Wunder venetianischer Farbenpracht zuerst erfaßten, Giorgione, Tizian, waren vom festen Land nach der Lagunenstadt eingewandert; die Meister von Barbizon, die die Waldespracht von Fontainebleau entdeckten, tarnen aus Paris So sieht auch Auerbach, wenngleich er den Schauplatz feiner Geschichten, Nordstetten, mit Fug und Recht seine Heimat nennen kann, die Bauern und ihre Sitten doch als ein Fremder, als ein warmfuhlen- der, höchst interessierter Tourist, der sich aber der Distanz zu ihnen wohl bewußt ist. Er hat einen seinen Blick für dies „quellfrische Wesen, mit bem er sich aber nie, wie etwa Gotthelf, eins fühlt, ein fcharfes Auge für bie Besonderheiten in Tracht und Auftreten, ein gutes Ohr für dialektische Wendungen. Wie er interessante Bräuche und Sitten aufzeichnet, Volkslieder in seinem Text verwebt, das zeugt direkt von einer wissenschaftlichen Auffassung der Volkskunde. Seine ersten schriftstellerischen Arbeiten waren meilensern gewesen von dieser Freude an börslicher Schlichtheit. Er mar tief verstrickt in die dialektischen Jrrgange des jungen Deutschland, hatte in der Weisheit des Talmud und bei Spinoza Klarheit gesucht, und in seinen beiden Romanen „Spinoza" und „Dichter und Kaufmann" neben einer ansehnlichen Schilderungsgabe und lebendigen Erzöhlerkraft alle Unarten einer jeanpanlisierend formlosen Geistreichig- keit bewiesen. Aus der völlig naturfremden, spielerisch raffinierten Teetisch- und Salonliteratur suchte er Gesundung und Befreiung in einfachen Verhältnissen, in einer anmutig schlichten Erzählungskunst, und es traf sich für ihn glücklich, daß sich seine Entwicklung in gleicher Richtung bewegte, wie die Sehnsucht des Publikums, daß eine starke Kulturströmung in seinen Geschichten ihren Ausdruck gewann. Eins tarn hinzu, um den ihm raste- und bildungsfremden Gestalten doch einen inneren Glanz, eine gemütvolle Wärme zu verleihen: das waren feine Kindheitserinnerungen, die seine Phantasie mit der trefflichsten Nahrung speisten. Auerbach, der auch als Mann und Greis stets einen kindlichen Zug behalten hat, gehörte zu den Naturen, in deren Entwicklung die Jugend die ftärtften bestimmenden Spuren hinterläßt, die ihr Geben lang von diesen frühesten Erinnerungen zehren und in einem gewissen Sinne stets Kinder bleiben. Altklug und naiv zugleich, grüblerisch sinnierend und rasch fertig in Urteil und Wort, schnell wech- Sehr wahrscheinlich, daß sich dies Gespräch noch fortgesetzt hätte, wenn nicht in eben diesem Augenblick die Tür von rechts her aufgemacht und Stine herausgetreten wäre. „Sott, Stine", sagte bie Pittelkow mit einem Ausdruck von Freude. „Na, das ist recht, Kind. Ein Glück, daß du da bist. Du mußt heute noch runter kommen un Helsen." Unter diesen Worten waren die-Schwestern, während sich Frau Polzin artig, aber grienend zurückzog, in Stines Zimmer eingetreten und auf ein paar kleine Stühle zugegangen, die zu beiden Seiten des Fensters auf einem Trittbrett standen. Draußen am Fenster aber war ein Dreh- und Strahenspiegel angebracht, bei dessen Anbringung der ebenso praktische wie pfiffige Polzin vor Jahr und Tag schon zu seiner Frau gesagt hatte: „Emilie, solange der da ist, so lange vermieten wir." Die Pittelkow setzte sich gegenüber dem Drehspiegel, der denn auch heute wieder, wie zur Bestätigung der Worte Polzins, eine Quelle herzlichen Vergnügens für die hübsche Witwe wurde, nicht aus Eitelkeit (denn sie fah sich gar nicht), sondern aus bloßer Neugier und Spielerei. Stine, die das alles schon kannte, lächelte vor sich hin; auch sie trug einen gewellten Scheitel, aber ihr Haar war flachsgelb, und die Ränder der überaus freundlichen Augen zeigten sich leicht gerötet, was, aller sonst blühenden Erscheinung und einer gewißen Aehnlichkeik mit der Pittelkow unerachtet, doch auf eine zartere Gefundheit hinzudeuten schien. Und so war es auch. Die brünette Witwe war das Pild einer südlichen Schönheit, während die jüngere Schwester als Typus einer germanischen, wenn auch freilich etwas angekränkelten Blondine gelten konnte. Stine sah der immer noch mit dem Spiegel beschäftigten Schwester eine Weile zu, dann erhob sie sich, hielt ihr die Hand vor die Augen und sagte: „Nun hast du aber genug, Pauline. Du mußt doch nachgerade misten, wie die Jnvalidenstraße aussieht." „Hast recht, Kind. Aber so is der Mensch; immer das Dümmste gefällt ihm un beschäftigt ihn, un wenn ich in den Spiegel kucke und all die Menschen und Pserde drin sehe, bann denk ich, es is doch woll anders als so mit bloßen Augen. Un ein bißchen anders is es auch. Ich glaube, der Spiegel verkleinert, un Verkleinern is fast ebenso gut wie Verhüb- schen. Ader du brauchst nicht kleiner zu werden, Stine, du kannst so bleiben, wie du bist. Ja, wahrhaftig. Aber, warum ich komme... Jott, man hak doch auch keine ruhige totünbe." „Was is denn?" „Er kommt heute wieder." „Nu, Pauline, das is doch kein Unglück. Bedenke doch, daß er für alles sorgt! Und so gut, wie er ist und gar nich so." „Na, ich wollt ihm auch. Un den alten Baron bringt er auch mit un noch einen." „Und noch einen? Wen denn?" „Lies!" Und sie reichte Stine den eben erhaltenen Brief, und diese las nun mit halblauter Stimme: „Mein lieber schwarzer Deibel! Ich komme heute, aber nicht allein; Papageno kommt mit und ein Nesse von mir auch; natürlich noch jung und etwas blaß. .Aber bleich und blaß, ei, die Weiber lieben öas.‘ Sorge nur, baß. Wanda kommt und Stine Wein schick ich und eine Salatschüssel. Ader für alles andre mußt Du sorgen. Nichts Gold in deutscher <§rde. Von Dr. Emil CarthauS. Ob aus Wohlwollen oder im Unwillen die Götter Deutschland Zald und Silber versagt haben, weiß ich nicht Doch mochte w --- »;» -°m m Klemen mahm, Ms Einzelheiten ein seines Bildchen ziisammensetzen aus klugen psycho- legischeu Beobachtungen nach und nach einen Charakter aufoauen. «ein SN Nazismus ist kein kosmischer, sondern em mikrokosmischer. Die Gott- lchkeit des Alls ist ihm gerade in kleinen und unscheinbaren Dingen «körpert und seine höchste Lust, wie seine höchste Kunst ist es, m einem mrübechu'schenden Wesenszug das Individuelle em«'Menschen.zu.zeigen ur.b auch in dem umdunkelten Herzen des Bosewichtes den «trahl des Enten leuchten zu lassen. Am meisten gewinnt er uns durch emzelne Randbemerkungen, die von einer innigen Vertiefung in fremdes «eelen- leben xcuaen und feine reifste Kunst offenbart er in gewesen Episoden, in der subtilen Ausführung mancher Sittenbilder. Wie fein Schassen m ehern ewigen Sammeln von Motiven und Aufzelchnen von Einfallen instand !o vertieft sich sein Weltblick am reinsten in kleine Ausschnitte, md mit ehrfürchtiger Andacht nimmt er das fromm Geschaute m s^n I gr'müt auf- Alles Lebende erschien mir immer so neu als heilig . foo ist "hm denn im großen Roman kein reines Kunstwerk gelungen, sondern wr in der geschlossenen Form der Novelle. Hier aber hat er em paar Meisterstücke'der Erzählung gegeben, so außer den ersten ^orsgesw chten : bis zur Frau Professorin" (die man aber wohl aiisschliehen muh) noch H ben 3 Diethelm von Buchenberg", die Krone seines Schassens und „Brost md "Mom", — die als Muster ihrer Gattung stets bewundert werden müssen. der im Rhein versenkte goldene Nibelungenhort, sowie auch das Har. lungengold der Heldensage ist wohl nicht ganz in das Reich der Phantasie zu verweisen. Begieriger nach dem gelben Edelmetall als die Germanen, haben dis Römer an den dem Rhein zusließenden Gewässern in der Eifel schon im Beginn unserer christlichen Zeitrechnung Gow- wäscherei betrieben. Waren doch nach Diodorus, Postdomus und Nonus von Panopolis die Sande des Rheingebietes reich an diesem Metall. Bon dem Umfang der römischen Goldgewinnung legt ein ungefähr dreißig Kilometer langer und stellenweise über zwei Kilometer breiter Zug von ein bis zehn Meter hohen Waschhalden, der sich an der Eisenbahnlinie Aachen-St. Bith zwischen den Stationen Buttgenbach und Stavelot hinzieht, noch heute Zeugnis ab. Hier und da m diesen Halden gefundene Münzen und Gerätschaften weifen deutlich aus römischen unter« nchmungsgeist hin, btt über so billige Arbeitskräfte verfugt haben muß. das selbst die Stellen der Goldlaaerstatte ausgebeutet roorben Jmb, welche recht arm gewesen sein müssen. Die älteste Urkunde, die von deutscher Goldwä cherei am Rhein spricht, ist die Chronik des Klosters Eoers- heim. Darin heißt es, baß Herzog Alarich von Schwaben diesem Kloster 760 den Gau Witzwitze mit den dazugehörigen Goldwaschereien geschenkt habe Etwas fpäter erwähnt auch die bekannte Evangelienharmome Otfrieds von Weißenburg Goldwäschen im Elsaß. Von anderen Goldwasche- reien an verschiedenen Nebenflüssen des Rheins, namentlich im Schwarzwald, wie Kinzig, Rench, Dreisam, Elzach, Wiese und Krieg, ist m einer Verleihungsurkunde des Grafen Egeno von Freiburg aus dem Jahre 1324 die Rede. Im 15. und 16. Jahrhundert wurden nachweislich Goldwäschereien bei Steinmauren, Stillhofen, Söllingen und anderen badischen Orten am Rhein betrieben, und ebenso bei Rheinbischossheim, ^jelblmgen, Mannheim, Roxheim, Hammerfahrt und Nierstein. Im 14. unb 15. Jahrhundert sind zu Heidelberg unb Bacharach sogar Münzen aus Rhemgold geschlagen worden, und bei Speyer soll noch bis in das vorige Jahrhundert hinein Gold aus Rheinsand gewonnen sein. Heute ist er aber an Gold so arm geworden, daß nach verschiedenen Feststellungen s ch ber Durchschnittsgehalt von einem Kubikmeter nur noch auf 0,0146 Gramm beläuft. Wenn also auch nach den Berechnungen des französischen Geologen D a u b r e e in dem Sande des Rheintales zwischen Basel und Mannheim noch über 50 000 Kilogramm Gold liegen, ist doch an eine lohnende Gewinnung kaum noch zu denken. Wohl könnte sich vielleicht der Bergbau auf Gold im Taunus noch einmal gewinnbringend erweisen, dessen Serizitgesteine und Quarzite m geologischer Hinsicht manche Aehnlichkeit mit denen zeigen die in verwitterter Form als Gebugsschutt das Gold der Eifel in sich einsch offen. Schonvor mehr als 150 Jahren konnte Klipstein, wie er in seinem »Mineralogischen Brieswechsel" barlegt, in Quarzadern und Ouarzlmsen, welche zwischen den Dörfern Breckenhain und Wildsachsen sorzutage gefordert waren, stellenweise einen Goldgehalt von 216 Gramm in der Tonne feststellen. , . Im beutfch-österreichischen Alpengebiet sind Bergbauverfuche au, Gold seit einigen Jahren wieder am Hohen Dauern aufgenommen, der vor Zeiten erstaunlich große Mengen des gelben Edelmetalles an das lalfer- liche Rom abgegeben haben muß. Noch in den Jahren 1538 bis 1562 en die dortigen Bergwerke eine Goldausbeute von mehr als o 50f 000 Goldgulden zu verzeichnen gehabt. Außerordentlich ergiebig, wenn Nicht die reichsten deutschen Goldlagerstätten, sind die von Niederschlesien gewesen. Wann man dort angefangen hat, Gold zu gewinnen, laßt sich schwer sagen. Möglicherweise steht die «age von dem sv ost als Spender von Gold erscheinenden Berggeist des Riesengebirges, Rubezaylm.t einem sehr frühen Beginn dieses Bergbaues im Zusammenhang. Wie der alte B r ü ck m a n n in seinem früher vielgelesenen Buch über die Wunder der Erdtiefe auf Grund eines Berichtes von Balbinus schreibt „haben die alten Einwohner der Gegend beim Riefengebirge nichts anderes getan als Goldsand geheiffet unb gesiebt, so daß davon ganze Dörfer und Stabte ihren Ursprung, Namen und Wachstum bekommen, und die Sanbhügel, davon man das Gold geschieden, viele Meilen lang am User der Bäche und Flüsse hingelegen feien . — J n gar von Stücken Goldes dis zur Große einer Walnuß, die auf ben schlesischen Goldfeldern gefunden feien ... Wenn man noch heute die weitausgedehnten stellenweise haushohen Züge der Pingen und Waschhalten sieht, die z. B bei Schm°ttseifen unfern Löwenberg von den Goldwä chern aufgeworfen sind, kann man keinen Augenbllck darüber im Zweifel sein, daß hier ttn Osten von Deutschland einmal sehr viel Gold gewonnen worden sein muh. Im Hin- hiirf hierauf findet man auch die Angabe mehrerer Chroniken des vierzehnten Jahrhunderts nicht übertrieben, daß nieherschlesis^ Berg- leute 1241 unter Herzog Heinrich II. IN der schlacht bei Wahlstatt kämpften unb daß dieses Aufgebot allein dadurch zustandeaebracht wurde, Nah man aus der Belegschaft der Goldwäschen von Goldberg jeden fünften Mann aushob. Wie groß der Gewinn war ben biefe Waschen abwarfen, möge man daraus ersehen, daß sie bei der Stadt Gmdberg wöckentlich eine Ausbeute von einer Mark Goldes und wahrend eines einzigen Jahres einen Ertrag im Werte von 389 850 Dukaten zu ver- zeickinen hatten. Von den Goldwäschen um Lowenbcrg herum erhielt hie Stadt im Jahre 1203 wöchentlich VA Mark Gold unb Silber. Das Erliegen des niederschlesischen Goldbergbaues ist zum Teil auf die Verheerungen3 durch die Tatarenkriege hauptsächlich aber wohl auf die Erschöpfung der Lagerstätten zuruckzusuhren. Jrn Jahre 1661 machten die Herzöge von Liegnitz als Herren des schlesischen Goldgebietes noch einmal einen schwachen Versuch, den Bergbau auf Edelmetalle wieder aufleben zu lassen, jedoch ohne sichtlichen Ersolg. Das Gold von Niederschlesien entstammt einer Zone, die sich von Jauer über Bunzlau bis über Löwenberg hinaus erstreckt, unb zeigten stch..°ls besonders ergiebige Fundorte Goldberg, Nikolstadt, Wandris, Mertschutz Plagwitz, Hösel und Lauterseifen. Kleinere Mengen Goldes wurden früher auch ben Sanden ber Jfar entnommen und es wurde auf der Höhe des Thüringer Waldes wie auch bei Goldkronach im Fichtelgebirge zeitweise sogar Bergbau auf I Gold unter Tag betrieben, jedoch ohne nennenswerten Ersatz. Dagegen | haben unsere sich auf das Zugutemachen von Erzen schon lange meister- ich hängen die Deutschen nicht an ihrem Besitz, i M xacuus in jeiner „Germania", ber ältesten Urkunde unseres Volkes Ns Deutschland in frühester Zeit als Kelten ober "udereLolkcr hier Mahnten zwar kein Goldland im Sinne bes Wortts, aber auch niä) nun an Edelmetall gewesen ist, lassen die vielen Schmuckstücke und Geräte aus Gold vermuten, die in seinem Boden gesunden werden und liechweislich der Bronzezeit angehoren, IN ber den Volkern Mtttel trropas ber Gebrauch von Eisen noch nicht bekannt wcu ,Kem -_anb -ns dem europäischen Kontinent, mit Ausnahme von Griechenland, kann Fülle bronzezeitlichen Goldschrnuckes mit Germanien in Wettbewerb tuten", sagt Professor Kossinna. Was Münzen aus Gold angeht, so ist es ausfallend daß die den Numismatikern unter dem Namen „Regenbogenschusselchen bekannten : u-ib den Kelten zugeschriebenen fast ausschließlich rm Flußg Tgeins und seiner Nebenflüsse gefunden werden Emen sprach 'chen Anhalt für die von diesem Volk an dem Vaterland, chen Strom bett ebenen Goldwäscherei glaubt Klone unter anderem "den Namen bis badischen Ortes Goldscheuer zu finden, welcher ursprünglich Goldsgur hieß und nicht von unserem Wort Schmer ober Scheune sondern von bau keltisch-gallischen „tfgurabi", d. i. waschen, ab3U|eiien ift 3« Zeit unsere germanischen Altvorderen von den Kelten d>e GoldwasHere, n i Rhein übernommen haben, ist nicht ermitteln. In S g 9 bis deutschen Volkes spielt das Rheingold schon sehr früh eine Nolle, und fiap verstehenden deutschen Hüttenleute recht viel Gold aus Kupfer- und Silbererzen im Laufe uer Zeit gewonnen, wie vor allem bei Mansfeld, im Erzgebirge und schon in recht früher Zeit bei Frankenberg In Hessen. Geologisch steht das goldführende Gebirge von Frankenberg in Ber- bindung mit dem des jüngst in der Presse viel genannten, zu Waldeck gehörenden Edertales. Jahrhundertelang ist in diesem schon Gold gewaschen, ohne daß man seinen Ursprung ermitteln konnte. Das ist-nun aber einem Siegener Gewerken mit Unterstützung eines namhaften deutschen Geologen gelungen. Dieser glaubt den Wert des in dem Hauptgangzug des „Eisenberges" abgesetzten Goldes im Werte auf mehr als zwanzig Millionen Mark anschlagen zu können, und nun hat sich die „Preußag" entschlossen, die Ausbeutung dieser Lagerstätte mit den er- forderlichen Geldmitteln in die Hand zu nehmen. Besuch am Gotthard. Von Hermann Hesse. So oft ich schon in den Bergen war, so habe ich doch bis heute nur viermal einen Steinadler gesehen. Das erstemal, da war ich noch fast ein Knabe, und als ich hoch in silbernen Lüften den sicheren, schönen Vogenflug des großen Vogels wahrnahm und als man mir sagte, das sei ein Adler, da schlug mir das Herz, und ich sah in dem königlich Schwebenden ein Lied und ein Sinnbild, folgte ihm mit durstendem Blick und behielt ihn für immer im Gedächtnis. Seither besuchte ich die Berge nie ohne eine stille Sehnsucht, ihn wieder zu sehen, und hundertmal hob ich auf Höhenwegen die Augen in halber Hoffnung. Selten hat sie sich erfüllt und sie blieb unvermindert in mir lebendig. Es gibt Dinge und Wünsche, an die ich alle atemlose Lebenslust und die Vorstellung der sehnlichsten Erdenwonne knüpfte; zu diesen gehören vor allen anderen die drei: eine sternklare Winternacht im Hochgebirge, eine abendliche Barkenfahrt auf der Lagune vor Venedig und dann das Erspähen eines Adlers über den Bergen. So oft Enttäuschung und Sorge mich müde macht, so oft ein leerer und unschöner Tag mich verdrießt und lähmt, flüchte ich zu diesen Bildern, und wenn sie auch zumeist Wünsche und unerfüllbar bleiben, so hat doch mein Verlangen darin ein festes und reines Ziel gefunden, und das ist schon halbe Genesung. Kürzlich war ich eine Woche in Zürich, um den langen Winter zu unterbrechen und einmal wieder Kultur zu atmen, Menschen zu sehen und mich als Zeitgenossen zu fühlen. Es waren schöne, ausgesüllte Tage; ich sah neue Bilder, hörte Beethoven, Mozart und Hugo Wolf, verkehrte mit befreundeten Malern, sah bevölkerte Straßen, rasche Wagen und schon gekleidete Frauen, trank nachts meinen Wein bei lebhaften Gesprächen. Ich genoß das Vergnügen, in guten Läden gut bedient zu werden, ließ mich wieder einmal bequem und fein rasieren, nahm ein köstliches Dampfbad und saß gegen Abend in einem viel besuchten Cafe, wo es französische und italienische Journale, elegante Gäste, eifrige Kellner und gute Villards gab. Zugleich war ich mir mit Vergnügen bewußt, das alles herzlich und innig zu genießen, was den Stadtleuten längst schal und alltäglich war, und wahrscheinlich bin ich in diesen Tagen der zufriedenste Mensch in der ganzen Stadt gewesen. Am Ende der Woche wollte es mir scheinen, es sei nun für diesmal genug und es wäre jetzt gut, wieder daheim zwischen Wald und See zu sitzen, im gewohnten Bett zu schlafen und auch wieder ans Arbeiten zu denken. Die Menschen fingen an, mir weniger zu imponieren, mir weniger lebendig und geistreich vorzukommen, auch fühlte ich ein Bedürfnis, die täglichen Kunstgenüsse nun in Ruhe nachzugenießen, denn sie begannen schon sich ein wenig zu verwirren und ein wenig blaß zu werden. Also nach Hause! Aber nun hatte ich acht Tage lang über den Zürichsee hinweg die bleichen, stillen Alpen gesehen, und mit dem allmählichen Mlldewerden und Sattwerden war das lang nicht mehr gehörte Lied vom Steinadler und von der Winternacht im Hochgebirge mächtig in mir aufgewacht. Mein Reisegeld reichte noch für zwei, drei Tage aus, und ich beschloß, noch eine rasche Fahrt an den Gotthard zu tun, den ich im Winter noch nie gesehen hatte, außer im eiligen Durchreisen. Schneegernaschen und das übrige Winterzeug hatte ich bei mir, so brauchte ich nur noch ein Billett zu kaufen und einzusteigen. Es mar ein grauer Tag, vom Wagenfenster aus konnte man außer den zunächst stehenden Bäumen, Hügeln und Häusern nichts unterscheiden, alles zerrann in blassem Nebelbrodem. Mit Ungeduld wartete ich auf ein Zeichen von Sonne und auf das Reißen der Nebel. In Arth, in Brunnen, in Flüelen erwartete ich es, und als wir Erstfeld passiert hatten — es ging schon gegen Mittag — und noch immer in Wolken und Dämmerung dahinfuhren, begann ich den Glauben zu verlieren und machte mich enttäuscht darauf gefaßt, oben Schneefall und Trübe anzutreffen. Selten bin ich mit so gespannter Aufmerksamkeit die wundervolle Gotthardbahn hinaufgesahren, aber Amsteg lag im Nebel, Gurtnellen lag im Nebel, die kühnen Reußbrücken lagen im Nebel, und als ich durch Maßen fuhr und auch dort noch keine Sonne antraf, gab ich die Hoffnung auf und sank in die Bank zurück. Die Berge sind ja Immer schön, und auch den Nebel genieße ich zu Zeiten gern, aber wenn man weiß, wie ein Sonnentag in den Alpen aussieht, und wenn man nur zwei bis drei Tage übrig hat, tut es immerhin weh, vergebens auf blauen Himmel zu warten. Während ich schon anfing zu überlegen, ob mein Ausflug nicht eine recht übereilte Geldvergeudung sei, fuhr der Zug überhalb Waßen aus dem Kehrtunnel, und in dem Dunst und grauweißen Schneelicht glaubte ich plötzlich eine Ahnung von Bläue und Sonne zu spüren. Eilig sprang ich auf, öffnete das Fenster und späbte himmelwärts. Da drang langsam und unsicher eine hohe Felsenschrofse mit schrägen Schneeritzen rötlich aus dem Gewölk und wurde klarer und kam näher, und hinter ihr noch eine und darüber eine dritte; ein schwerer Windstoß fegte aus der Höhe herab, Wolkenfetzen zerstoben dünn und geisterhasi, und in wenigen Augenblicken entschleierte sich das ganze Bergland, lag lachend und sonnenglänzend in einer duichstchtigen milden Luft und hatte einen reinen, stillen, fast veilchenblauen Himmel über sich. Ein tiefes Lustgefühl tarn über mich, hundert ähnliche Bergwintertage wachten in meiner Erinnerung auf, golden und strahlend und jeder ein Kleinod. Nun dachte ich nicht an den Adler und nicht an die Mondnacht mehr; leicht wie ein Knabe sprang ich In Göschenen aus dem Wagen und lief in die blaue Herrlichkeit hinein. Alle Grate und Gipfel standen so wunderlich klar und nah, wie man sie nur an auserlesenen Wintertagen sehen kann, mit langen, violetten Schatten und gleißenden Schneefeldern. Es ging ein mäßiger Föhn, und die durchsonnte Lust war frühlingshaft warm. Wieder wie an manchen früheren Wandertagen stand ich häufig still und hatte im Umherblicken ein Gefühl, als sei alles ein Zauber und konnte plötzlich verschwinden. Und wieder hatte ich das seltsam selige, fast bange Wan- dergesühl: so verklärt siehst du die Erde nicht wieder! Aus der von Holzschlitten aufgewühlten, vom Wind bald blank gefegten, bald ganz zugewehten, mit etwa meterhohem, gefrorenem Schnee bedeckten Straße stieg ich langsam gegen den brausenden Wind bergan, der Schollenen und der Teufelsbrücke entgegen. Die berühmte, herrliche Straße und dieser ganze Teil des wilden Reußtales find im Winter noch schöner, als ich sie im Sommer sah. Und wie ein Märchen ist die junge, tosende Reuß, die in ihrer verschneiten Klamm unter bläulichen, häufig durch- brochenen Eisrinden hinabrollt, das einzige Leben in der weißen Todes- stille. Der kleine Wasserfall oberhalb der Teufelsbrücke war von einem scheinbar freischwebenden, aus dem Sprühstaub entstandenen Eis- baldachin mit hundert grotesken Spitzen überwölbt. Die Wetterscheide von Andermatt war ein Erlebnis. Aus der wilden, rauhen, vom Winde durchpfiffenen Schlucht trat ich durch den kurzen Tunnel, der dort die Straße deckt, in ein weißes, blendendes Sonnenland Das breite Hochtal glänzte warm, die abschließende Höhenwand war bläulich verfchattet, das stille Hospenthal mit dem schwarzen Langobardenturm schlief klein und dunkel zwischen hohen Schneemauern, links suchte mein Auge die verwehte und für Monate vom Schnee gesperrte Furkastraße. In der „ft'rone4 trank ich einen Kaffee und wärmte mich i auf dem steinernen Sitzofen, den vor etwa siebzig Jahren der damalige I Besitzer Kolumban Camenzind erbaut hat. Sein und seiner Frau Namen stehen in altmodischer Schrift auf der mittleren Platte. s Es ging gegen Abend, und der Schnee begann rötlich zu scheinen, da i kehrte ich um, und da geschah es, daß ich hoch am Berge noch über der : obersten Windung der Oberalpstraße einen Vogelflug vernahm. Es war ; ein großer, still und langsam kreisender Steinadler, und ich blieb stehen und sah ihm lange zu, seltsam von dieser Erfüllung meines fast vergessenen Wunsches betroffen. Und nun wußte ich, daß mir auch eine klare Mondnacht nicht fehlen würde, denn der Föhn hielt in mäßiger Starke noch immer an, und gegen Süden war der Himmel so rein blau, wie der offene Kelch des Frühlingsenzians. I Der Rückweg talabwärts nach Göschenen war keine Arbeit mehr. ■ Im „Rößli" ließ ich mir Wein und Essen geben und ruhte eine Weile, ! bis nachts gegen 1 Uhr über den steilen Grad der fast noch völlige Mond ! herauskam. Da band ich die Gamaschen um, zog Fausthandschuhe an und wanderte durch das schlummernde Dorf und an dem alten Frutt- kirchlein vorüber den wunderbar stillen Weg durch das enge Seitental, dem Dammagletscher und der Göschenenalp entgegen. Ich schritt ohne Ziel und ohne Mühe, soweit der Pfad es erlaubte, und kehrte, als ich müde ward, langsam wieder um. Auf dem weichen Schneeweg hörte ich meine Schritte nicht, und auch sonst war kein Ton zu hären, in her : Höhe gegen den nachtblauen Himmel glänzte matt der überschneite ! Gletscher, das weiße Mondlicht erfüllte das Tal und war so hell, daß ich bei der Furtt die knapp aus dem Schnee ragende Tafel lesen konnte, ’ die man einem dort von der Lawine erschlagenen 16jährigen Knaben gesetzt hat. Groß und flimmernd standen viele Sterne in der Nacht, und ihr Leuchten und das weißschimmernde Mondlaub und das Schweigen der matten Gipfel will ich nie vergessen. Als ich morgens nach mehreren Stunden eines tiefen Schlafes auf« stand und ans Fenster lief, war am oberen Rande des Gletschers schon wieder Sonne. Ins Tal kam sie freilich nicht, die Häuser der Fruti und die letzten diesseitigen Höfe von Göschenen haben von Ende Oktober bis Ende Februar keinen Sonnenstrahl. Aber vorne im Dorfe und im Reuß- tal abwärts mußte cs noch vor Mittag sonnig werden. Ich beschloß, einen Teil der Heimfahrt auf dem Bergschlitten zurückzulegen. Zwar hätte ich diesen Tag noch hier oben bleiben können, aber es sah aus, als würde sich morgen das Wetter ändern, und ich hatte keine Lust, diese beiden Glanztage mit einem trüben Abschied abzuschließen. So machte ich nur noch einen Schlendergang an die Schöllenen und zurück, nahm bann gegen Mittag Abschied und entlehnte einen kräftigen Bergschlitten, den ich per BahiF zurückzuschicken versprach. Gleich jenseits der Bahnschenen konnte ich aufsitzen und laufen lasten, und sauste oberhalb der Reußschluchi bis Maßen hinunter. Vor und durch Maßen stieg der Weg eine Weile, dann ging es die wundervolle Strecke bis Gurtnellen, und über die märchenhafte Brücke fast ohne Halt im eiligsten Lause abwärts. Es gibt, außer einer flotten Segeloder Schneeschuhfahrt, nichts Packenderes und Sprühenderes, als so eine sausend glatte Talfahrt auf niederem Schlitten, durch pfeifende Luft und an Schneemauern vorüber, die Wintersonne, im Nacken und vor sich die mächtigen Berggipfel, kühn und kühl im warmen blauen Himmel ruhend Meine Fahrt war zu Ende. Ich kam eben noch recht, um meinen Schlitten aufzugeben und in den Zug zu springen. s Vor anderthalb Tagen, als ich herfuhr, war das Reußtal noch im Schnee gelegen. Der Föhn, der den Schneemassen auf der Hohe noch nichts anhaben konnte, hatte hier unten inzwischen mächtig gearbeitet. Je weiter wir talwärts fuhren, desto dünner lag der hier schon wässerige Schnee, und in Altdorf und Flüelen standen schon alle Matten feucht und graugrün in der fallen Mittagslust. Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Univerfitäts-Vuch. und Sleindruckerei, R. Lange, Giehen.