SiehenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <932 Montag, den U- April * Nummer 28 Kaiser Kriedrich III. Letzte Fahrt: 6. Juni 1888. Bon Theodor Fontane. „Ich sähe wohl gern (er sprach es stumm) noch einmal die Plätze hier herum, am liebsten auf Alt-Geltow zu, — und ihr kommt mit, die Kinder und du." Das Dorf, es lag im Sonnenschein, in die stille Kirche tritt er ein, di« Wände weiß, die Fenster blank, zu beiden Seiten nur Bant an Bank, und auf der letzten — er blickt empor auf Orgel und auf Orgelchor und wendet sich und spricht: „Wie gern, vernähm' ich noch einmal „Lobe den Herrn": den Lehrer im Feld, ich mag ihn nicht stören, Biky, laß du das Lied mich hören. Und durch die Kirche, klein und kahl, als sprächen die Himmel, erbraust der Choral, und wie die Töne sein Herz bewegen, eine Lichtgestalt tritt ihm entgegen, eine Lichtgestalt, an den Händen beiden erkennt er die Male: „Dein Los war leiden. Du lerntest dulden und entsagen, drum sollst du die Krone des Lebens tragen. Du siegtest, nichts soll dich fürder beschweren: Lobe den mächtigen König der Ehren... Die Hände gefaltet, den Kopf geneigt, so lauscht er der Stimme. Die Orgel schweigt. Kaiser Friedrich und Ernst von Bergmann. Bon Dr. Kurt Hahn. Selten ist ein Mann der Wissenschaft so aufrichtig und so allgemein betrauert worden wie Ernst von Bergmann, als er am 25. -vmrz 1907 für immer die Augen schloß. Weit über die Kreise der medizinischen Welt hinaus ging die Erschütterung, Zehntausende in allen Landern der Erde sahen in ihm ihren Erretter hinübergleiten in das Reich der Unsterblichkeit. , „ , , „ . Bergmann war kein Bahnbrecher in dem Sinne wie etwa .Robert »och oder Lister, sein Name ist nicht oerknüpst mit einer der großen Heldentaten menschlichen Geistes, er war weder ein Meister in der Auffindung neuer Wege für die chiriirgische Technik wie sein Vorgänger an der Berliner Universität, Bernhard von Langenbeck, noch war er ein so geistvoller, ideenreicher Reformator wie sein Nachfolger Angus!. Bier. Und doch hat dieser livländische Pfarrerssohn, dessen harter baltischer Dialekt mit seinen drastischen Wirkungen niemals seine Herkunft verleugnete, eigentlich die Gritndlagen der modernen Chirurgie geschaffen, -Ran hat ihn manchmal mit Moltke verglichen, der die Ideen Napoleons und des alten Fritzen aufnahm, um aus ihrer Verschmelzung die Basis jur den Aufbau der modernen Armee zu gewinnen. Genau |o liegt Bergmanns Bedeutung in der Zusammenfassung und Systematisierung aller medizinischen Lehren. Er war der größte Organisator der Heilkunst, der jemals gelebt hat. Der Einzug des fast Unbekannten in Berlin — emer seiner Fakultätskollegen konnte nur kopfschüttelnd fragen: „Weiß der Himmel, wo den der Minister wieder aiisgegraben hat..." — war wie der L>turm- wind einer neuen Zeit. Es war der Sprung von der i)albwahryeit der Antisepsis zur neuen Wahrheit: der Asepsis, von der Bekämpfung der Krankheitserreger zu ihrer Fernhaltung in der chirurgischen Praxis, -wir wissen eg heute besser: Berginann ist nicht der Schöpfer dieser genialen neuen Methode gewesen, für den man ihn lange halten wollte. Anoere hatten ihm längst oorgearbeitet. Aber Bergmann ist es zu verdanken, daß sie ihren Siegeszug durch die Welt halten konnte. . . oeme größte Bedeutung lag aber wohl doch noch auf einem anderen Gebiet: als Lehrer einer ganzen Generation deutscher Aerzte. Niemand verstand es wie er, seine Hörer zu schulen, sie anzuregen und zu fordern. Bon seinem Vortrag ging ein seltsames magisches Fluidum aus, dem 1 ch niemand entziehen konnte. Carl Ludwig Schleich, ber eine Zeit lang sein Assistent war, schildert ihn am plastischsten: „Welches Temperament, welche Begeisterungsfähigkeit für die gestellten Aufgaben, welche Fülle und Gegenwärtigkeit des Fachwissens, welche Beherrschung aller Hilfswissen- lchastenl Wie im Kolleg durch den Schwung seines Vortrags so begeisterte ,er im Anatomiesaal durch unermüdliche Hingabe an die Sache. Bergmani und die Klinik in der Ziegelstraße wurden Kraftquellen, von denen aus die Chirurgie der ganzen Welt Licht und Arbeitsstoff bezog." Wie nach Mekka die Gläubigen, so strömten aus allen fünf Erdteilen di« Hilfesuchenden nach Berlin — zu Bergmann. Und er half ihnen, wie es vordem kein anderer gekonnt hatte. Ruhig, sicher, mit der echten Bescheidenbeit eines ganz Großen und dem mitleidigen Herzen eines wirklichen Arztes. So hat er sich auch bewährt, als er ans Krankenbett des Kronprinzen, des späteren Kaiser Friedrich, gerufen wurde. Es war im Mai 1887, als man ihn, den berühmtesten deutschen Chirurgen, zuzog. Seine Diagnose stand nach der ersten Untersuchung fest: Kehlkopfkrebs! Es gab nur eine Rettung: sofortige Operation! Solange die Geschwulst noch klein war, konnte man mit einiger Aussicht aus Erfolg die Hoffnung hegen, der Krankheit Herr zu werden und Rückfälle zu vermeiden. Bergmann und sein Kollege, der bekannte Diagnostiker Gerhardt, waren ihrer Sache vollkommen sicher. Beide aber wünschten, noch andere Laryngologen von Ruf möchten den Befund bestätigen. Damit begann das Unheil. Zwar trat auch der Berliner Professor Tobold ihrer Auffassung bei, und der Kronprinz selbst hatte bereits [eine Zustimmung zur Operation gegeben, ats wenige Stunden vor Beginn des chirurgischen Eingriffs Morell Mackenzie aus London eintraf, dessen Zuziehung die Kronprinzessin verlangt hatte. Schon eine Stunde später hatte er seine Diagnose gestellt: im Gegensatz zu den deutschen Aerzten hielt er die Geschwulst am Stimmband für harmlos und leicht heilbar, er wischte die ernsthaften Bedenken Bergmanns und der übrigen Aerzte mit einer verächtlichen Handbewegung weg und hatte sich im Nu die Sympathie des Kranken erobert. Kein Wunder, wenn man bedenkt, daß er die Heilung ohne Operation in wenigen Wochen versprach. Bergmann und seine deutschen Kollegen setzten Himmel und Hölle in Bewegung, um das drohende heraufziehende Unheil abzuwenden. Sie wandten sich direkt an den alten Kaiser, aber es nützte altes nichts. Der Kronprinz fuhr mit Mackenzie fort, zuerst nach England, um an der Küste Erholung zu finden. Im November trat dann plötzlich in San Remo die längst vorausgesehene Wendung zum Schlimmen ein. Nun verlangte auch Mackenzie die Hinzuziehung anderer Aerzte, und in einem Konsilium der bedeutendsten Fachleute Europas mußte er endlich feine These von der Gutartigkeit der Geschwulst fallen lassen. Jetzt war es aber für die Rettung zu spät. Man konnte nur noch versuchen, das Leben des Patienten möglichst lange zu erhalten. Da die Gefahr bestand, daß sich ganz plötzlich eine Schwellung einstellen könne, die einen sofortigen Eingriff erforderlich machen würde, wurde Bergmanns erster Assistent, Dr. Bramann, nach San Remo geschickt. Als sich die Geschwulst immer mehr verdickte, verlangte dieser dringend die Zuziehung Bergmanns, aber Mackenzie widersetzte sich immer noch, bis es schließlich zu spät war. In den ersten Tagen des Februar mußte Bramann selbst den Luftröhrenschnitt ausführen, um den Kronprinzen vor dem Erstickungstode zu bewahren. Sofort entsandte der alte Kaiser auch Bergmann nach San Remo. Ein häßlicher Kleinkrieg begann. Mackenzie versuchte den großen Chirurgen zu schikanieren und beiseite zu schieben, wo er immer konnte. Aber Bergmann verlor seine Ruhe nicht. Selbst die gehässigsten Angriffe, die auf Veranlassung des Engländers in einem Teil der Presse erschienen, vermochten fein äußeres Gleichgewicht kaum zu erschüttern. Genaue mikroskopische Untersuchungen hatten seine Krebsdiagnose von Neuem bestätigt, es gab keine Rettung mehr, nachdem der Kronprinz selbst die vorgeschlagene Totalexstirpation (chirurgische Entfernung) des Kehlkopfs, die — ein letzter Ausweg in höchster Not — auch nur noch geringe Aussichten auf Heilung geboten hatte, abgelehnt hatte. Am 9. März 1888 starb Wilhelm I., zwei Tage darauf traf Kaiser Friedrich in Berlin ein, ein stummer sterbenskranker Mann. Bismarck berief Bergmann zu sich. Er hatte eine einzige Frage an ihn: wie lange es noch dauern würde... „Er wird den Sommer nicht überleben!" antwortete der Chirurg. Die Unterredung war zu Ende. Eine kaiserliche Verfügung übertrug Mackenzie jetzt die ausschließliche Leitung der Behandlung des Kaisers. Bergmann, der anfangs noch zu den Untersuchungen zugezogen wurde, war bald gänzlich ausgeschaltet. Aber als man ihn im Augenblick höchster Gefahr wieder rief, war er sofort zur Stelle — ohne Groll half er, soweit überhaupt noch zu helfen war. Erst nach dem Tode des Kaisers machte er in jener berühmten „Amtlichen Denkschrift" seinem Herzen Lust. Wohl noch nie vorher ist ein Arzt mit seinem Fachkollegen fo erbarmungslos umgefprungen wie in diesem Falle Bergmann mit Mackenzie. Aber auch Bergmann blieb es nicht erspart, daß feine diagnostische Sicherheit einen argen Stoß erhielt. Gerade in jenen Tagen kam ein Patient zu ihm, bei'dem die medizinische Sachlage genau die gleiche war wie beim Kaiser. Bergmann nahm natürlich die willkommene Gelegenheit wahr, seinen Studenten zu demonstrieren, wie man dem Kaiser Leben und Gesundheit hätte erhalten können, wenn sich nicht der „Engländer" eingemengt hätte. Nach einer genauen Untersuchung, die er zusammesi einem°bichtg«drängten Auditorium dann die nach dum^« ointoifonh mit nroßem Nach- mernoen Jia Abendrot Dcia...... , zählige dicke, schwarze langhaarige 3m Kloster der Bektaschis. Don Hans T r ö b st. Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! Mit den komischen und oft sogar recht geistreichen Geschichten, die über die ZettaschE im Umlauf fing und von denen beze chnen-erme.se Je meiden von eben diesen Delta,chis erfunden worden smd, ließ« s.cy em ganzes Buch füllen. Dieser Orden oder diese Sekte, deren Gründer I Hadschi Bektasch gewesen, läßt sich am einfachsten und kürzesten mit dem I ö liber al« Mohamedaner" definieren, deren leweiliger Ordensmeister bis auf unsere Tage unter anderem das Borrecht und die Pflicht hatte, bei den Krönungsfeierlichkeiten der Sultane den Padischah mit dem historischen Schwerte Osmans zu umgurten. Bis eben Kemal ÖU%iej1"' S °kta?chis" siehen^ bei den strenggläubigen Mohamedanern — aant su Unreckst - im Geruch der Gottlosigkeit, der Vollere, und der Unsauberkeit und diese drei Untugenden versteht eine der deruhinten I Geschichten" zu „beweisen", die sich einst in Albanien abgespielt habe" I soll. Dorchin kam einmal vor undenklich langen Zeiten eine Karnelkara- I toQne Während des Marsches hatte sich das letzte Tier lo5geriffen Derirrte sich und landete schließlich zu Tode erschöpft im Hofe eines Bekta chi- Klöfters, wo es zusammenbrach und in seiner bizarren Haltung Beine unter dem Bauch, Hals und Kopf weit vorgestreckt -- m tiefen Schlaf versank. Als dann am anderen Morgen ein paar leicht verkaterte Orbens- brüder das ihnen unbekannte Untier zu Gesichte bekamen, waren sie s I entsetzt daß sie sosort den Scheich weckten, dem der letzte .Mend eben- salls nicht besonders gut bekommen war. Der sah l'-h da^ schlafende Untier gründlich an, wußte aber mit dem seltsamen Geschöpf auch nichts anzusangen und sprach das weise Wort: „Meine liebe Freunde! In meinem langen, langen Leben habe ich alles gesehen, was es auf der Welt gibt. Mit Ausnahme zweier Dinge: eine Moschee und ein Bad. Ergo ist das, was wir hier vor uns haben, entweder eine Moschee oder Cl"Wü>"ges'igt^die^Geschichte soll sich in Albanien abgespielt haben, ob aber gerade in jenem Kloster, in das auch ich mich, analog dem anderen Kamel, kürzlich verirrt habe, vermag ich mit Bestimmtheit nicht zu fagen. I Ich glaube es aber nicht. Denn der würdige Scheich, der mich in diesem idyllischen Kloster empfing und der hier mit abgeklärter Ruhe, milde lächelnd über die Verrückcheit der Zeiten, behaglich, lächelnd das Ende aller Dinge erwartete, wird sicherlich zwei- und vierbeinige Kamele genug gesehen haben und sich alle mit jener wundervoll erhabenen Ruhe betrachtet haben, die die Letzten der alten, der ausfterbenben Generation des Islam auszeichnet und sie dem hastenden Europäer so reizvoll erscheinen I läßt. „Werbende Kraft des Islam" — es ist schon was Wahres daran!— Nicht weit von Argyrokastro, der Stadt mit der hochragenden Normannenburg, in ©Übalbanien liegt bies kleine Kloster, in grandioser Einsamkeit, auf einem Hügel, ber ringsherum mit verfallenen steinernen Denkmälern toter Ordensbrüder besät ist. Als ich ankomme, stehen die himmelhohen Berge im lodernden Feuerglanz der Abendsonne, in den Zypressen rauscht der Wind und weht von der Normannenburg abgerissene Signal« übender Hornisten herüber. Irgendwo lauten eintönig und traurig die Glocken einer Ziegenherde. Altweibersommer-Karawanen- Ein^ rechteckig ummauerter Bau, in der Mitt« der Hauptfront ein gewölbter Torbögen, von zwei Torhäusern und Schießscharten flankiert. Schreitet man hindurch, so steht man am Anfang eines von Zypressen und verblühendem Oleander eingesäumten Gartenweges, ber auf einen gepflasterten Hof führt, um den hufeisenförmig das. eigentliche Klofler- gebäude liegt. Ein paar gesattelte Pferde, von zwei Dienern gehalten, trampeln unruhig auf den Fliesen herum: der Schcicht hat also bereits Be uch! Zwei albanische Parlamentarier — so was gibt es in Albanien leider auch schon — di« soeben vom Kongreß der Boktaschis aus Elbasan gekommen sind, um dem Scheich Bericht zu erstatten. Sagt der Diener... Eine Viertelstunde vergeht. . Plötzlich — als ob der Vorhang vor einem orientalischen Märchen ausqeht, öffnet sich lautlos das Haupttor. Auf der Schwelle steht ein hochqewachsener Mann, in weitem, gelblich schimmerndem, flatterndem Wollmantel, um den Leib ein« breite blutrote Binde, auf bem Kopf einen hohen, weißen Filzfes mit weißem Tuch umwickelt, statt ber Schuhe bitte, weiße Strümpfe, alles aus schwerer roher Wolle gearbeitet. Schwarzer ausrasierter Dollbart, fanatisch leuchienbe pechschwarze Augen, «in Gesicht, das ausgesprochen mongolische Züge trägt. Die Gestalt legt wortlos die Hand auf die Brust, senkt unmerklich einen Augenblick den Kopf und tritt zur Seite. Denn nach der Ordensregel müssen die Bektaschis leben Besucher empfangen. , t * Kleiner Vorraum, aus bem eine hölzerne Treppe in den ersten Stock hinaufführt. Am Anfang, in ber Mitte und am Ende steht regungslos und schweigend wie eine Statue wiederum je ein Bektaschi, leder legt beim Dorbeischreiten gemessen und stumm die Hand zum Gruß auf die mit dem berühmten Laryngologen Fränkel ausgeführt hatte, war die Diagnose: Kehlkopskrebs gestellt worden. Im Kolleg wurde vor einem dlchtg-.„—. riwrntinn nusaeführt die — wie Bergmann einleitend mit großem Rach- druck betonte - „allein geeignet gewesen wäre, auch SM. den Kaiser zu retten". Bergmann begann mit dem Gingriff. Aber schon bald zeigte es sich, daß nicht nur eine kleine Stelle hinter den totimmbanbern an« gegriffen war wie man angenommen hatte, sondern daß die Geschwulst kmmer tieftr und tiefer ging, weit über den Kehlkopf hinaus Bergmann arbeitete und arbeitete unter atemlosem Schweigen des großen Maates es nahm kein Ende. Nach fast zwei Stunden legte er endlich fein Messer beiseite fuhr sich über die Stirn und sagte: „Wir haben uns geirrt.. Es ist kein Krebs. Es ist eine Kehlkopstuberkulose." Zwei Stunden spater Bergmann ist schweigend und tief erschüttert nach Haus« gegangen... Ultrarot Ein Helfer in vielen Nöten. Von Dipl.-Jng. Dr. Arthur Hamm. Wenn in irgendeiner Hinsicht das Wort von unserer schnellebigen Zell gilt, so im VerlMnis von Naturwissenschaft und Technik. Früher blieben oft die wichtigsten Entdeckungen lange Zeit ungenützt und dienten lediglich der Belustigung wissenschaftlich interessierter Laien. Man denke nur an bie Luftpumpe', die jahrhundertelang ein unentbehrliches Ausstattungsstück jedes physikalischen Kabinetts war, ohne daß jemand daran dachte, sie „gewerblich" zu verwerten. Erst das Ende des vorigen Jahrhundert brachte eine solche Anwendung bei der Herstellung der elektrischen Glühbirne, während lange Zeit die ebenfalls luftleer zu machenden Barometer- und Thermometerrohre ohne Luftpumpe hergestellt wurden. Heute Dagegen ist es so, daß das, was die Naturforschung an neuen und irgendwie wichtigen Tatsachen zu Tage förbert, sofort von irgendeinem Zweige der Technik ergriffen und seinen Zwecken dienstbar gemacht wird. Fast ave großen Firmen haben sich heutzutage Forschungslaboratorien gefchastc>f in denen eine größere Anzahl von Gelehrten rein wissenschaftlicher Arven Endlich sind die Beine verstaut, neue Begrüßung durch Hand-auf-die- Brust-legen, dann beginnt die Unterhaltung. Der würdige Scheich spricht ein vorzügliches Türkisch, Arabisch und Persisch und sucht zunachst aus seinem Schrank die Visitenkarte seines „Freundes aus Berlin , e nes unsrer bekanntesten Orientsspezialisten hervor, ber ihn schon zweimal in dieser Einsamkeit besuchte. Und während er wie ein Prophet, wie em Zauberer, mit der mächtigen Brille auf ber Nase, in seinen Folianten blättert, erscheint ein kleines Hutzelmännchen, ber dose Geist in eigener Person . Ein Männchen, mit einem riesigen Kops unb einer ebensolchen Hakennase, ein winziger, buckliger Körper — beinahe sieht es aus als liefe ber Kops auf zwei Beinen durch Zimmer ... ein grotesker, unheimlicher Anblick. Der Hutzelmann stellt vor jeben der Gaste eine Schale Kaffee hin und entfernt sich lautlos, wie er gekommen, rückwärts schreitend mit einer einzigen unendlich langen Verbeugung. Jetzt verdeckt der riesige, mit dem Kinn beinahe am Boden schleifende Kopf den übrigen Körper — starre große Augen — so muh die Medusa ausgesehen haben. Der Scheich zeigt uns die Bücher, bie er selber geschrieben und gebuchtet hat, religiöse Hymnen, Zeile um Zeile mit unendlicher Muhe in jener kunstvollen Miniaturhandschrift geschrieben, in der die alten Türken Meister waren. Da steht zum Beispiel auf einer Seite ein Baum. Aber wenn man näher hinschaut, erkennt man, daß alle Zweig«, Blatter und Aeste Schristzeichen sind, «in so unsäglich zeitraubendes Meisterwerk, m einer Vollendung gezeichnet und gemalt, wie sie kaum die Mouche des Mittelalters aufgebracht haben. Und der Scheich begeistert sich selbst an diesem Kunstwerk: »600 Millionen Mohamedaner leben in der Welt! In Iran, in Turan, in Afghanistan, in Hindostan ... 600 Millionen!" Etwas Triumphierendes liegt in seinen Worten, etwas wie Mitleid mit dem einen armseligen „Europa"! Er spricht «s mit einer weitaus- holenben Handbewegung aus, als wollte er sagen: „Was könnt denn Ihr in dem sterbenden Europa dagegen machen!" Und er berichtet von der erneuerten, straften Organisation des Ordens, durch die er wieder wachsen und blühen wird, wie einst in den uralten Zeiten. Wie Moses ober irgendeiner der Propheten kommt mir ber Greis in diesem Augenblick vor. Als jähe er das gelobte Land von weitem! Lautlos eilen unterdessen bie Diener, setzen vor den Gasten schwere Kupserschalen mit taufrischen Weintrauben nieber, reichen Hanbiucher unb bieten Zigaretten an. Alles still unb geheimnisvoll ... jeder verlaß nach jeher Handreichung rückwärts, in gebückter Haltung, die Augen auf den Scheich gerichtet, den Saal... _ .. „ . . Allmählich beginnt es zu dämmern, gemeßen stießt die Rede, wie ein Schatten geistert der Hutzelmann wieder durch das Zimmer und sammelt die Tassen ein ... in ber Messingschale verglimmt die letzte Zigarette ... bie Aubienz ist zu Enbe. Ich danke bem Kalifen aus Taufendundeinernacht für bie Gastfreundschaft ... er wächst groß von seinem Sitz in die Hohe, legt die Hand aus die Brust unb spricht, Dank ablehnend, nur einen Satz: „® aft e I mo I wir alle hier auf Erden..." Etwas Zwingendes, Hypnotisierendes ging in diesem Augenblick von dem ehrwürdigen, ehrsurchtheischenden Greis aus, und erst als ich, von den schweigenden Beklaschis geleitet, im stillen Klosterhof stand, fiel mir ein, daß auch ich, im Banne des Ortes, der Stunde und ber Persönlichkeit, I rückwärtsschreitenb ben bämmernben Saal verlassen hatte. i Aber ich schäme mich besten nicht. Denn es war ein Stück einer unter« gehenden Wett, die ich sah, und Ehrfurcht erheischt jedes tragische I Sterben ... Prust Oben ein zweiter Borraum mit zahllosen Türen und dunklen, ab- zweiaenben Gängen und Korriboren. UeberaU schwere Teppiche, es riecht 3 ■ 'em Moder, und ein seltsames Fluidum geistert durch die dämmernden Räume. Gefpensterhast wie Schemen und lautlos wie Geister stehen plötzlich wie hingezaubert zwei Greise vor einer ber Turm, die sich lautlos öffnet ... beinahe ist es, als sei man im Schloß des Königs der Zauderer aus dem Märchen unserer Kindertage... Ich trete ein. Ein unendlich langes, saalartiges Zimmer, mehr ein Sann" mit herrlichen Teppichen auf das oerschwenberischste-ausgestattet. Die ganze rechte Seite eine einzige Fenstersront, in deren Scheiden das - ■ rqlimmt, an ber Wanb gegenüber sinb bunte Kissen und un- ratuiae oiae, schwarz« langhaarige Ziegenfelle auf dem Boden aus- qebrfitet. An der Stirnseite des Raumes, in Farm einer STapclle, tm Kamin, daneben mit unterschlagenm Beinen, ^n Kisten umgeben einen niedrigen, mit Büchern bedeckten Tijch vor sich, sitzt, den Rosenkranz in der Hand, der „Prior", der Meister des Klosters. Em Greis mit unendlich gütigen Augen, einem schneeweißen Dollbartz der ihm fast bis auf bic Knie wallt, in reicher, prächtiger Drbenstradjt. Er grüßt freunbhd) unb milde unb weist mit königlicher Handbewegung wortlos auf die S-stsr^ le.N, einer u"» es trammerl>chstenT°dZueidenDi meinst ich falle zurück? Rur Nicht so weit als du wolltest. D,e Zeit ist über den Minnedienst hinaus, Liebe will sie. „Du bist in den letzten Wochen sehr in dir verwildert. Sie umfaßte seinen Handrücken, er senkte die Stirn nut einem Ruck. „in, min her letzten Zeit" verbesserte sie, „lange chon ist es anders. Du bist mehr und mehr verstummt und ich'fühle"fast, deine Schw^gsamke.t hat em Wetter bedeutet. So müßte ich froh sein, daß du sprichst. Er preßte ihre Hand mit beiden Händen vor sein Herz, und sie konnte sich nur schwer befreien. „Richt so, Goethe", sagte sie zwischen Angst und Aerger, „tm mußt uns kms ersparen. Auch darüber ist deine Zeit hinaus die meine weiter noch Ich werde keinen Roman leben. Ich bin die Gräfin Oerthern nicht — wie ihr Name dem deines Romanhelden ähnelt! Und auch du bist kein Romanheld. Deinem Genie taugt weder Tropensonne noch der Dunst afrikanischer Urwälder. Spiel nur nicht mit uns beiden! Du hast kein Talent zur Verlotterung, du Bürger mit deinem Esprit d orbre. — du "ch kannte es ertragen, daß du mich liebst und daß ich dich liebe, mein Freund, wenn es anders wäre? „Es ist die Unnatur der Vernunft, die aus dir redet. Das Gesuhl verschmachtet." Sie lächelte fein, als sei sie getrost. , Ich höre dir zu, und du sagst so, denn du weißt, daß ich es höre, und ahnst in mir die Balance deines Extrems. Allein und zu dir mochtest du nicht von Unnatur, von der zweiten Natur mochtest du reden, die das Gefühl verklärt." " Diese zarte Wendung brachte ihn zu sich. Du bleibst vor deinem Traumbilde, Geliebte, und „bas ist schön ane zuse'hen. Du magst mich also wieber abgefangen haben. Dabei war ihm jonberbar leicht, als dürfe er von den geheimsten, drängenden Plänen seiner nächsten Zukunft ohne Verrat vor ihr fchwei- gen Sie wollte die Gestalt ihres Traumes und die Entfernung sollte sie erst erfüllen. Während er auf dem kunstheiligen Boden Italiens alle Unwirtlichkeit feiner nördlichen Seele wandelte werde er.«nbers vielleicht und höher, als sie ihm ansann, ihre eigene bildnerische Sehnsucht an sich vollenden. Dann, erst bann werde er ihr und ihnen allen das sein können, mn,u er fie alle — er wußte es plötzlich in aufkeimendem Morgengluck — oerioefte. Wer Meister geworden und nicht nur der Mensch, an dem sie bauten Lotte, Herder, Knebel, alle, alle, um sich aus 'hm an ihrem eigenen Bauwerke zu ergötzen! Noch muhte er geben, und sie konnten nehmen was sie wollten. Sie sollten aber in die befreite, letzte Gestalt eines Wesens gezwungen werden und nehmen muffen! Charlottes Herz schlug neben diesem hochansteigenden Lebensgefuhle des Unerschöpflichen bang und gesammelt. Sie ahnte unter (einem Schwei- aen einen jener jähen Umschwünge, bei denen sie nie froh werden konnte, wenn er auch ihrem nächsten Wunsche folgte. Und mit einer leijen Entsagung nahm sie es hin, daß er nun von den ordnenden Gesichten im Reiche der Pflanzen zu sprechen begann, die sich wie eine Offenbarung ihm erschlössen. Er wisse, daß er für sie kaum willige Ohren unter den (gelehrten finden werde. Er habe Sömmenng und Blumenbach auf den Zwischenknochen am Kiefer des Menschen gewiesen, aber sie blieben in ihrer Theorie versteinert, daß just dieses Stuck dem Menschen fehle und g(, ß iich bi* Mi», t Hi UM, h s Königs Mehr m 'iben unb ui. den1 aus pelle, eii en, einen nlronj!, ü unG t bis auf freunbli* > auf bii id-aichdii. ich Ipridjt iächsl M in", eines meimal ii i, wie eil Folianten in eigener kmisoltyi i aus, * r, unhe» ne Sifyilt irts styiö erberft btt n übrigen Ijen HM md gebity je in jener irten über men und Ach k, in ein« les MB „600 » in Aszsi MC Mitt t meiiaiis1 denn 31' (et von i« )er nrf1 »der itü* ick vor. alten handdty .der oerW Augen« de, wie ii« i»ht idwinbar unbekümmert um bie Tagesaufgaben bes Industriewerkes, Reni sie angehören. Wenn dieses aber einmal vor irgendeiner mit den ge= ebenen Mitteln unlösbaren Aufgabe steht, so hat es den Vorteil, die Erforschung dessen, was noch dazu fehlt, seinen eigenen geschulten Kräften mvertrauen zu können. Man muh sich bas natürlich nicht so vorstellen, daß der Generaldirektor der betreffenden Gesellschaft nun den Borsteher ks Forschungslaboratoriums kommen läßt und ihm sagt: wir brauchen Strahlen von den und den Eigenschasten, sehen Sie zu wo S,e die finden, Honbern es findet ein ständiges Zusammenwirken von Ingenieur und Furcher statt, so daß dieser selbst auf die Aufgaben gelenkt wird, die gerade im Brennpunkte der Tagesarbeit stehen. Daß diese Institute daneben noch rine menge wissenschaftlicher Arbeit ohne solche Beziehung leisten, ist ein >e onberer Vorteil ber ganzen Einrichtung. Keine Naturerscheinung ist wohl in unserer Zeit mehr den Ansorde- runqen bes täglichen Lebens dienstbar gemacht worden als die Str ah- I Un q Vom Lichte angefangen, bas ja nicht nur zur Beleuchtung bient, andern zahlreiche technische Prozesse erst ermöglichst,, über bie Warme zur Elektrizität und nach der anderen Seite zu den Röntgen- und Rad>um- strahlen wurden alle oorkommenden Strahlen irgendwie technisch genutzt. In der fast lückenlosen Reihe klaffte nur ein Spalt, war eine Strahlenart enthalten, die noch gänzlich unbeschäftigt war, bie sog. ultra» aber infraroten Strahlen. Das Spektrum unseres Tageslichtes, der Regenbogen, wird auf der einen Seite begrenzt von rotem, auf der anderen Seite von violettem Lichte, zwischen diesen beiden Farben ist alles enthalten, was unser Auge auszunehmen vermag. Aber ,eni eits^bes Violett folgen die ultravioletten «strahlen, deren Heilwirkung heute wohl allbekannt ist, bie aber auch zu allerhand techmschm Zwecken gebrauch werden. Ihnen entfpredjen jenseits des Rot die ultraroten Strahlen, bie iinlcr Gefühl aufnehmen kann, aber nicht unser Gesicht: sie haben nämlich eine recht kräftige Wärmewivkung. Mit ihnen wußte man bisher nichts Rechtes anzufangen, da ihre Wirkung zur eigentlichen Wärmeerzeugung nickst stark genug war. Erst spät wurde man auf ihre Besonderheit auf- Eksam die darin besteht, vermöge ihrer größeren Wellenlänge aua) | »rstbe Luftschichten besser durchbringen zu können, als das sichtbare Strah ken nämsich Ls Licht, vermögen "llnd als Lustfahrt und Se^ahr nach ! wirksameren Signalisierungsmitteln verlangten, ‘bie auch bei Nebel nicht versagen entsann man sich dieser Eigenschaft. Aber noch fehlte es an der notwendigen Ergänzung jedes Senders, dem Empfänger. Da traf es f ) «int hnb teils mt Zwecken der Bildtelegraphie, teils aus rein wissenschaftlichen Urfack^nn neuester Zeit die lichtelektrischen Zellen cntwickettwor- L ware i die felbst ganz schwache Lichteindrücke in elektrische Strome M mrwan'deln vermögen Elektrische Ströme aber kann man durch d,e bekannten Verstärker, die sich in nichts Wesentlichem von dem in ledem i Rundfunkgerät eingebauten Verstärker unterscheiden, bis zu feder beliebigen Höhe^verstärken. Noch eine Schwierigkeit war aber zu aberrotnben. Die lichtelektrischen Zellen haben eine besonders hohe Empfindlichkeit f M Falben die auch uns als die hellsten namentlich Ge b und -Grün, während schon Rot auf sie wenig Wirtung Hatz Ultrarot a b e Io aut wie gar keine. Hier setzte nun eine intensive Forschungsarbeit em, i der es batt>8 gelang, solche Anordnungen zu finden, bei. denen auch die «Empfindlichkeit der Zellen genügend weit ms Ultrarot hineinreMe. - i -mentlich ein feltenes Metall, das Cäsium, das bisher- von der। Technik noch gar nicht beachtet worden war, fpielte dabei eine große Rolle. Für welche Zwecke nun ein solcher Ultrarot-Sender und -Empfänger ' in Frage kommest kann, ergibt sich eigentlich l^ E dem Obengef°g . Nni- allem für Sionalifierungszwecke mögen fie geeignet lein. Die Natur selbst gibt uns da einen nicht mi.^77ml Aorhonntf'ftXn' Warum sehen Sonne und Mond, wenn sie tief am H°r'zonte steh , immer dunkelrot aus? Weil von allen Stroh en die sie dort genau si> । aut auslenden als wenn sie hoch am Himmel stehen, nur bte öunteiroien, | bie hüben mit Feuchtigkeit gefüllten Luftschichten durchMr.ngen v e - e mögen, während die anderen festgehalten werden. merben ein gelbes bis rotes Signallicht am meiftenj“Äs ein Grund, der mitbestimmend war ur dw Einführung gehen J-iajw I bei Automobilscheinwersern. Noch besser sind aber «Dieter SsftÄÄ SS Ä SÄÄ । Schiffsglocke,, deren Ton doch auf höchstens einig h Ultrarote Strahlen zu erzeugen, >st w*Llterntcht Jrffioer^de^Lam^ erzeugt mehr von ihnen als sichtbares Licht, w iP. J in smejre । Iichtbmen"ahl7n^weg1§^ . Glas' NK Ä« »'•••'?« »"ä ®S«. Reichweiten kann man aber damit noch nicht erzie.en. Bündel' daß durch einen Hohlspiegel bie ausgefanbten Strahlen men ^uno^ zusammengefaßt werden. Aehnlich sind ja aucha „ ? schied Trifft ein Nur ist hinsichtlich des Empfanges noch em greffer ’hUr einen solches Strahlenbündel eine Empfangszelle, so s ei„ Gleich- Strom aus, der sich aber nicht weiter ^erstarken 6- f[. Würde ; ström ist, d.h. ein solcher, der immer in jjlei&t »Junfl f ber Senderstrahl ständig schwanken, so war« dre: F g., jst. s elektrischen Zelle ein Wechselstrom entsteht, d yu ftrom einen ; Das kann man nun leicht erzielen, '7^ nmn r be[ be'r pngenben Wechselstrom überlagert, in der Artz wie es s. h ausaefenbeten Bogenlampe geschah Auf biese Weise kann .angtyt)tl)niu5 * Strahl sogar eine Kennung geben, mdem er in 1 ' Licht jebes , | obgeschwächt unb verstärkt wirb, genau so, wie I verschwindet, : I Leuchtturmes in feststehendem Rbythmus oufleu ht un^d so daß der Seemann sogleich weiß, welchen ^"stotenStrahlung keines- | Damit ist aber bas Anwendungsgebiet der ultraroten j keine Brücke zum Tiere gefunden fei. Und nicht anders, fo wahr und wirklich als sein Fund am Menschenschädel, stehe der Urtyp der Pflanze vor seinem Auge, sichtbar in allen Formen der Abwandlung, an jedem Gewächs zu schauen. Er griff zu Blatt und Zweig, Knospe, Blüte und Frucht vom Wegesrande, wies es den gläubigschönen Blicken, die seiner Hand, seinen Lippen, seinen aufleuchtenden Augen und auch den vor- gehnltenen Gegenständen folgten, fand lebendige Worte für das geneigte Frauenohr, das dem Wohllaute, Tonfall und Feuer seiner Sätze und auch den kühnen Gedanken nachhing, und so hob er sich, indes sein Blut verglühte, an die Inbrunst seines Geistes hingegeben — stillte sich wie immer, wenn sein Herz überzugehen drohte, an den eigenen Gesichten. Sie gingen, und die Tepel trieb ihr geschäftiges Wesen vorbei, als müsse sie auch dieser beiden Menschen Stimmenlaut und Pulsschlag, wie all der andern Witz und Torheit, Spiel und Gefühl in eiligen Strudeln hintreiben, wo sich ihr Wasser mit der heißen Quelle mengte und anders wurde. Das Verlauten fremder Herzen, die aus dem Kreislauf des Gewohnten gesetzt. waren, gab dem Flusse und dem Tale ein besonderes Wesen. Die von den heißen Wässern aufgerührten Sinne sahen die schlichte Lieblichkeit der überwaldeten Berge anders. Auch seine und Lottes Augen hingen benommenen Blicks den Höhenzügen nach. Und beide wurden von der besänftigenden Natur umfangen, als ruhe schon in der zurückhaltenden Anmut dieses Tales ein Heimfinden, das nicht Gewohnheit ist, ein Friede, den kein Alltag bringt, ein Stillen und Lösen, nicht aus Müdigkeit erflosfen. Sie hatten wieder eine ihrer Sturzwellen durchschritten. Aber sein Herz, da es sich ergossen hatte, schlug stetig, und das ihre, das nur empfangen hatte, hüllte sich wieder in die Schleier verheimlichenden Harrens. Als ahne ihr, die nichts von seinen Plänen wußte, was er kaum fühlt«, da er sie lebensvoll vollzog: die Trennung. II. Eine Woche, und es traf der Herzog mit wenigen Begleitern auf zwei Wagen gefolgt von etlichen berittenen Lakaien, unvermutet ein. Es war kein Quartier bestellt. Was zum Weimarer Hofe und dessen Kreis gehörte, fand sich zu früher Nachmittagsstunde aufgewirbelt und suchte dem jungen Herrscher gefällig zu sein. Er war vom Stadtturme aus kaum angeblasen worden, aber als er die eilig beschaffte Wohnung bezogen hatte, stellten sich die Stadtväter zur Begrüßung, und vor den Fenstern waren die Schützen aufmarschiert. Sie feuerten drei Freudensaloen in die eilig zusammengesuchte Rede des regierenden Bürgermeisters. Für einen nächsten Tag waren auch Herder mit Gattin und Söhnchen ungesagt. Weimar wurde um Charlotte lauter und wirksamer, ihr war, als habe sie den verläßlichsten Lebensschutz gewonnen, ohne ihn weiter suchen zu müssen. Daß sie die kurzen Tage, da Goethe der einzige war, einen Schutz gesucht hatte — wie immer im feinen Spiele erwehrter Sehnsucht einer Frau, deren Körper dem abgefundenen Gatten sieben Kinder geboren hatte und verblüht war — das besing sie jetzt mit einer mädchenhaften Wollust. Sie war sehnsüchtig gewesen, daß er sie bestürme; er hatte nicht versagt. Doch sie hatte, wissend und leise dem Kräftedrang des Lebens weichend, feine edle Ungeduld nur mehr in der allerersten Zeit nach seiner Ankunft erwartet, wenn die wochenlang« Trennung und sein Verlangen, ihre Seele zu fühlen, noch wirksam waren. Auf dem kurzen Spaziergange in der Tepel-Aue war ihr das Glück geworden. Sie hatte es in zehn Jahren einer tiefbewegten Gemeinsamkeit oft, so oft mit zitterndem Herzen und schwindendem Vermögen rein erhalten: Glück ein«r Liebe, die zerschellt wäre, wenn sie auch nur ein einziges Mal hätte gesättigt sein können, einer Liebe um chres innigsten Triebes willen. In einsamen Stunden, die bitter sein konnten wie ein vergebliches Dasein, schien es ihr selbst unwahrscheinlich und Gnade. Denn nur er, Goethe, in seiner Unbeschränktheit zu empfangen und auszugeben, war der Mensch, der ihr den Rauschhauch einer Leidenschaft geben konnte, die keine Leidenschaft des Leibes werden durfte, ohne sich und sie zu vernichten. Oh, sie hatte ihre Stunden, für dieses einzig« Glück fürchten zu lernen! Nur wenn er da war, in dem alle Möglichkeiten des inbrünstigen Fühlens auch einer solchen unleiblichen Liebe zu fassen waren, und sie ihn sah, seine Stimme hörte, seine Sphäre fühlte, konnte sie an das Glück glauben. Es war umhegt, ihr Glück, und da sie es hütete, war sie langsam und heilsam von dem ersten Traume zurückgewichen, den er aus dem Feuer seines Wesens um ihr Herz hatte lodern lassen. Er war, ehe er kam, an andern Frauen gewiß geworden, daß er geliebt oder geflohen sein mußte, wenn sein Verlangen wach geworden war, und er war doch ungestillten Herzens gekommen. Da brannte alles rings um sie auf, wohin sein Atem fiel. Gott half ihr, und es stand ihr das Weimar ihrer Kindheit, ihrer Eltern, des Hofes bei, mochte er es auch durchfiebern und wie toll werden lassen. Der Frankfurter Bürgersohn gab sein Genie, er hatte noch die ungekränkten Kräfte jenes jungen Blutes. Sie aber — Seligkeit, an die sich kaum ihre Sehnsucht gewagt hätte — vermochte den edlen Quell zu fassen und in ihre Hände zu schöpfen, die vordem leer geblieben waren, io oft sie sie verlangend zur Schale gerundet hatte. Nicht ohne Opfer war es ihr geworden, mehr wehren hatte sie müssen, als empfangen können, und so war Goethe, je weiter er an Form und Vollendung gewann, stiller geworden. Aus der heißen Quelle ein See, der die Ereignisse seines Ufers spiegelte und seltener, so selten, in seiner wilden Herrlichkeit zur Wallung kam. Sie ahnte, fühlte, wußte mehr und mehr: auch sie stand nur am Ufer. Allein so lebte die Möglichkeit. Mit der Ankunft des Herzogs waren die Tage hin, in denen Goethe die geliebte Frau noch einmal vor der Trennung, deren Ende er nicht absehen wollte, ganz in sich hätte aufnehmen können. Fern von den leisen Trübungen, di« das Weimar der letzten Zeit zwischen sie warf: Krankheit des Sohnes, die häufige Anwesenheit des guten, geistesplatten Stein und feine hausoäterlichen Gewohnheiten — fern davon, in diesem ihnen beiden stillvertrauten Thermentale hätte er sie'nach den gemeininnt t erfüllten Kurpflichten in sein Arbeitszimmer gewünscht, mährend er Vogel i das Manuskript für Göschen diktierte, von ihr beraten, von ihr ermutigt; s und er hatte an Mahlzeiten auf seinem oder ihrem Logis gedacht uabg dann, wenn der Tag müde wurde, an jene förderlich-erquickenden Gespräch! I (sie waren in den letzten Monaten so selten geworden), aus denen sich i)ie L Umrisse weiter Pläne hoben, die manches in ihm, was feinen Trieb noch l mit Wirrfal füllte, zu Gestalt brachten. Da hätte er dann für eine um-1 fchleierte Zukunft, die wie ein Abenteuer feine Seele entspannen un&, erfüllen sollte, etwas von den heimischen Kräften des Nordens mit in I den Süden getragen, dessen Sinnlichkeit nicht mir lösend, sondern auch | auflösend wirken konnte! Er wollte ja auch dort stets mit ihr sein, für sie ein Tagebuch führen, l für sie, was ihm bemerkenswert erschiene und nicht durch Worte zu geb!« I wäre, mit raschem Griffel festhalten, um dann — wenn er zurückkehrte - die sinnfälligen Anhaltspunkte seiner Berichte zur Hand zu haben. Wenn er riickkehrte! Das war es. Er fühlte diese Frage drängender I um sein Herz gelegt. Es trieb ihn leidenschaftlich fort, denn er hatte mehr | Raum in sich, als Weimar bot. Würde es ihm gelingen, diesen Drang; nach Erfüllung so innig zu bändigen und zu verwesentlichen, daß er di« । eigene Weite, auf ihren innersten Gehalts ihre Essenz gebracht, beruhigt | wieder in den Kreis seines Weimar schlietzen konnte? — Auch diese Kraft • der Stetigkeit, der Wiederkehr, der Treue zu stärken, hatte er sich nach dm ? Karlsbader Tagen allein mit Lotten gesehnt. Und sie, deren Liebe sein - Segen gewesen war, sollte gerade aus ihrer Ahnungslosigkeit ihm dm wirksamsten Schutz für eine nächste Zukunft spenden. Aber seußzend gewahrte er, daß er auch jetzt, wie stets, zu viel gewollt habe. Karlsbad, i nicht nur der Kurgebrauch, auch alle jene freundlichen Ablenkungen und ■ Begegnungen, die «s mit sich brachte und denen sich seine Sinne nichl 1 entziehen konnten, die Arbeit für den Verleger, der allzukarge Zeit bei- | gemessen war, und vor allem Charlottes nervenzartes, leichtgehemmtes Wesen, dessen scheue Selbstbedachtheit er immer erst begriff, wenn sie ihm leibhaft vor Augen stand, machten diesen alten, oftgehegten Traum seines häuslichen Herzens zunichte. Hier in Karlsbad, so hatte er geglaubt, wäre er erfüllbar gewesen und hätte ihm ein Talisman werden können. Aber auf seinem Leben lag das Vielzuviel. Er hätte jeden Tag dreifach entfalten müssen, um Räum zu finden. Vielleicht war, was er io ruhevoll als einen Weg der Klärung und Vollendung vor sich wähnte, — wie hatte er doch gelernt, feine Drangsale zu kühlen und zu schlicht ten! — doch nur die Flucht: Abstand zu finden von all« dem, was in diesem Jahrzehnt an der Seite Lottens bis auf den Grund der letzten bildnerischen Möglichkeit ausgeformt worden war, [o daß es in einem Daseinstrotze bestand und nichts mehr verlieren und gewinnen mochte, wie — wie diese Werke, an die er für Göschen die letzte Hand legte. Er begriff heute den Ruhm nicht, den sie ihm gebracht hatten, und doch waren sie da in ihren fast restlos erschöpften Möglichkeiten, daß seine Hand immer schwerer und hilfloser an ihnen wurde. Einzig „Iphigenie" zeigte noch Anreiz und Leben. Aber der Reiz wies in eine andere, fremde Landschaft, der er zustrebte, und das Leben | wies auf eine Daseinsform, die er leibhaftig nur jenseits der Alpenwanb finden konnte. Dieses Werk führte ihn und sollte ihn begleiten, in ihm lebte er selbst noch, und auch sie, Lotte, lebte noch darin. Ein bildwerden-1 des Band also, da er von Lotte selbst ein neues Band nicht mehr erhielt! > In diese Spannung zweier Edler, die ein seltenes Geschick für ihr Leben verbunden zu haben schien, ohne ihnen die letzte Einung zu gönnen, die nicht fo sehr das Leibesglück als die -eft nüchternste Verantwortung des Alltags bringt, fiel nun der Herzog mit seiner jugendlich-derben Praktik ein, sich der Geduld zu entledigen. Er hatte ein« noch peinlichere Wartezeit hinter sich als sein Geheimrat. Die 'Anteilnahme eines ganzen Landes an der verzögerten Entbindung und die durch bange Erwartung gesteigerte Pflicht der Ritterlichkeit gegen seine Gattin, deren empsindsame Zurückhaltung seiner lebhaften Gemütsart auch in gewohnten Umständen zusetzte, hatten ihn erschöpft. Er wollte nun Umtrieb und den erregenden i Verkehr mit Frauen, die neben spielerischen Galanterien und schön- j geistigen Konversationen auch einen derberen Wink und ein gewagtes i Wort, das ihnen Blut in die Wangen trieb, unter höfischer Duldsamkeit zu ertragen wußten, da ein Herzog sich immerhin herabließ. . s An Stelle des Karlsbader .Ordinarll, eines Lohnlakaien, der den merkwürdigen Namen Demon führte und sonst Visitkarten abgab, wo man Bekanntschaft schließen wollte, ritt der Herzog am Morgen nach seiner Ankunft, umgeben von einer Suite, unter der sich auch Goethe befand, vor die Wohnungen des Adels, ließ seine Anwesenheit melden und zu einet Assemblee in den Sächsischen Saal laden. Und es war bemerkt worden, daß der herzogliche Hofstaat nicht allzu weitläufig bestellt sei. Also folgte man einer unausgesprochenen Parole und bereitete die Abendunterhaltung aus gemeinsamen Kräften vor. Etliche Kavaliere hatten neben ihren Lieblingspserden auch ihre Hauskapelle milgebracht, sie stellten die Musikanten; «ine Mailändische Sängerin, die im Komödienhause zu hören gewesen war, wurde verpflichtet, auch ein geschickter Taschenspieler, der auf einigen Logis seine Kunstfertigkeit erwiesen hatte. Zur Bestellung des Büfetts durch den Traiteur des Saales waren die Schüsseln von den Kavalieren ä la piquenique ausgelost worden. Der Assembleeraum, glänzend beleuchtet, war erfüllt von festlichen Menschen, als Karl August mit seinem Gefolge erschien. Er nahm die Vorstellung kurzangebunden entgegen, wandte sich unverweilt der Damenwelt zu. An diesem Abend zeichnete er die Gräfin Czinska besonders aus, eine geborene Fürstin Czartoriska, sie hatte sich in einem sehr kostbaren Perlen- und Diamantschmuck präsentiert, und ferner die Grazer Gräfin Lanthiery, deren hübscher Wuchs und lebhafte Augen seinen spähenden Blick gleich beim Eintritte in den Saal gefesselt hatten. (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts»Vuch« und Steindruckerei, V. Lange, Gießen.