Nummer 5 Montag, den U-Januar Jahrgang {952 damals drüber gewundert, wieso ich nicht merkte, daß Jehann jahrelang auf meinem Hof lange Finger machte. Ich hab's wohl gemerkt. Aber ich hab niemals einen besseren Taglöhner beim Vieh gehabt, nicht vorher — nicht nachher, als meinen Stiezjehann. Solang er sich bloß die Taschen vollproppte, hab ich ein Auge zugemacht. Sein Schwein, auf das jeden Winter zwölf Mäuler warteten, wurde ebenso wie meine zwanzig bis dreißig vom Korn fetter als von Wasser und Diesteln. Wenn er aber wiedermal anfing, an den vollen Taschen nicht genug zu haben, dann paßte ich ihm im Dunkeln auf. Nahm ihm seinen Stiezbeutel weg. Schlug ihm damit rechts und links um die Ohren. Brauchte auch wohl mal meinen eichnen Handstock. Jehann setzte sich nicht zur Wehr. Er nahm auf sich, was er verdiente. Ging vom andern Morgen an auch alles wieder seinen ordentlichen Gang. Bis zum nächsten Beut«l-um-die-Ohren- hauen. Als aber die Rostocker Jehann ertappten, daß er bei einer Bude auf ihrem Weihnachtsmarkt einen Spickaal klaute und feststellten, daß es nicht die erste Bude war, bei der solches geschah, alldieweil er seine sämtlichen Taschen schon voll hatte und bei .dem vorsorglicherweis mitgebrachten Stiezbeutel am Vollwerden auch nicht mehr viel fehlte — da haben sie ihm leider nicht hundert hintenvor gezählt, sondern ihn huppjupp ausgehängt und unter ihrem Galgen eingescharrt. War an dem Abend, als meine Schwester mich nicht weglassen wollt, grad «ine Woche her. Das Cinscharren mein ich. Denn vorher mußte Jehann sich vierzehn Tage lang im Fliegen üben. In welcher Kunst er's aber nicht weit gebracht hat. Denn obgleich er di« Erde für seine Bein« nicht mehr brauchte, von der Stelle kam er trotz alles Armschwenkens numal nicht. Und jetzt, nachdem er endlich doch begraben war, sollte Jehann, mein braver Jehann, umgehn! Ich ließ mich natürlich dadurch in Barnstorf nicht festhalten. Sagte vielmehr: Wenn ich Jehann treff, werd ich ihn von Frau und Kind, von Kuh und Kalb grüßen. Wobei das letzte sicher mehr Eindruck auf ihn machen wird als das erste. Immerhin: Ueber dem Bitten und Betteln meiner Schwester, über meinem Lachen und Lästern war Zeit vergangen. Hatte schon Halbeins geschlagen, als ich mit meinem Braunen losritt. Um Rostock rum! versteht sich. Am Galgen vorbei! Run grade. Es war eine tolle Nacht. Ich bin gewiß nicht abergläubisch. Obgleich ich meiner Frau eines hinter die Ohren langen mürb, wenn sie sich ein« fallen ließ, in den Zwölften draußen Wäsche aufzuhängen. Denn ich will nicht daß sie vor mir wegstirbt. Also: ich bin nicht abergläubisch! In jener Nacht aber hab ich mehr als einmal zu mir gesagt: Woode mit seiner Wilden Jagd! Im Kalender stand allerdings Mondschein. Am Himmel sah man ihn zwischen den Wolken immer nur, damit man erst recht merkte: wie dunkel! Und wenn der Sturm schließlich doch mal die Luft anhielt, so war's nicht, damit man denken sollte: wie still heut nacht!, sondern: wie laut! Als ich an dem Galgen vorbeireit, unter dem Jehann begraben liegt — mein guter Jehann, der keinen Fehler gehabt hat, als daß dem lieben Gott seine Finger zu lang geraten waren, so daß immer wieder fremi^s Gut dranbacken blieb — war so ein Augenblick, wo der Mond sich sehn ließ der Sturm verschnaufte. Und da — ich weiß heut noch nicht, was mich trieb — da schrei ich: „Jehann, wull du mit?" „Ick kaam jo all!" antwortete Jehann. Wirklich __ ich seh's, obwohl der Mond wieder in die Wolken rein« saust — wirklich: der Kerl krabbelt unter dem Galgen aus der Erde! Ich hau meinem Braunen die Stiefelhacken in die Weichen. Der im Galopp ab. So sicher fühl ich mich, daß ich — ohne umzusehn — ruf: „Mußt dir öwer ilen (muht dich aber eilen), Jehann!" „Ick sitt jo all!" (ich sitz ja schon) antwortete Jehann. Und wenn ich mich vorhin vielleicht auch versehn hab, daran, daß der Kerl auf meinem Braunen sitzt — hinter mir, nicht wie ich im Reit- sin mit herabhängenden Beinen, sondern in der Hocke mit gekrümmten Knien — daran ist kein Zweifel. Denn er hat, damit er nicht runterfallt, seine Arme um mich gelegt. , „ ____ Abschütteln? Unmöglich. Auf die Erde stoßen? Bon Minute zu Minute umklammert er mich fester. Nur eine Rettung: reiten, was ich reiten kann! Daß ich den Hof erreich, eh er mich mit seinen Armklammern um- aebracht hat. Denn in den Frieden eines Hofes, sagte mein Großvater immer, dürfen sie nicht einbrechen, die Gehängten. Ich reit also wahrhaftig! — um Tod und Leben. Reih, was das Leder halten will, an dem Zügel. Hau, so oft's geht, meinen Braunen mit den Hacken. Eigentlich unnötig. Senn bet (Soul merFt, bflfj bet 2ob ouf ifym tniet. ^betid) kann's nicht lassen. Los, Brauner, was wir beide an allerletzter Kraft hergeben können! Mehr! Noch mehr! Glücklicherweise hat der Kerl die Arme um meinen Bauch gelegt. Was soll da schon passieren! Weih der Halunke, was ich denk? Seme Arme schieben sich höher. Er will mir den Brustkasten eindrucken Veizuch Bauernrippen sind nicht mirnichts-dirnichts zu knicken! Aber ich muß doch mit aller Macht pumpen, daß ich genug Luft in mich reinkrieg. 2Ra6e im Schnee. Bon Anton Schnack. Dunkel sitzt der Rabe in dem Winterschnee, Schweigsam, lauernd, alt; Wie ein Trauernder in Weh Kauert sich des Bogels Nachtgestalt. Unbeweglich mit gesträubtem Kleid Starrt er nach dem Wald Und es schneit Auf den Vogel, frosterstarrt und alt ... Stiezjehann. Von Hans Franck. Ihr mögt's glauben oder nicht! sagte — wie mein Großvater, der Vater meiner Mutter, der Schäfer, mir mehrfach erzählt hat — eines Abends im Krug zu Bentwisch bei Rostock der Bauer Facklamm zu seinen Zechbrüdern. Ich hab's an meinem eignen Leib erlebt. Und von meinem Leib laß ich mir nichts runterreben. Auch nichts runterlachen! Zehn Jahre lang hab ich mit keinem Menschen bauon gesprochen. Nicht mit meiner Frau. Nichtmal mit meiner Schwester! Aber heut abenb muh ich s erzählen. . r, , „ . Besoffen, meint ihr? Jawohl, ich halt' über ben Durst getrunken! Doch nicht soviel, bah ich nicht mehr wußte, was ich sah unb hörte unb s^Es war in den Zwölften. Zwei Tage nach Weihnachten. Ich bin dann immer einen Abend bei meiner Schwester in Barnstorf. Sie hat kurz vor dem Fest geschlachtet. Ich muß rüberkommen und die frische Wurst probieren. Denn ihr Mann, sagt sie, frißt alles weg. Ganz gleich, ob s gesalzt ober geschmalzt ist. Und wenn sie aus Schabernack Kartoffeln aus dem Schweinegraapen mittags auf den Tisch bringt — er merkt s nicht. Ich aber, sagt sie, hab die Zunge von meinem Vater. Gern reit ich zu ihr rüber. Die Wurst schmeckt bei ihr numal besser als bei meiner grau! Am Rezept kann's nicht liegen. Sie brauchen beide dasselbe. Das vom Vater meines Schäfergroßvaters. Aber meine Schwester muß wohl akkurater damit umgehn. Weil man nun an solchem Abend alles hinter« einanderweg probieren muß, Grützwurst unb Blutwurst, Leberwurst unb Zungenwurst, Bratwurst unb Preßkopf, bas Schwarzsauer unb Weih- sauer nicht zu vergessen, was bleibt einem, wenn man mit dem tfett fertig werden will, anders übrig, als Doppelkümmel noch Doppelkümmel dazwischen zu gießen. Ich sah denn zuletzt die Kanten vom Ofen und der Tür, vom Schrank unb der Uhr nicht mehr ganz genau. Aber noch niemals hab ich einen Ofen für einen Schrank gehalten. Auch nicht heut vor zehn Jahren. ., , , . , . Meine SÄwester hatte wiedermal für mich aufgetragen, daß der Tisch knackte. Schmeckte die frische Wurst besonders gut, hott ich doch einige Doppelkümmel zuviel gekippt, wären wir beim Kloonen vom festen Weg abgekommen? Ich kann's nicht sagen. Jedenfalls, ich verpahte die Zeit. Ich saus nämlich bet meiner Schwester jedesmal Schlag elf hoch, fetz mich auf meinen Braunen, reit um Rostock rum unb bin vor zwölf in Bentwisch. Mir würd's nichts ausmachen, burch bie Spukstunbe zu traben. Aber den Fraun! Warum soll man sie ängstigen? Alte Regel also: Uhr elf ist Schluß mit Wurstprobieren unb Kümmelkippen! Auf ben Braunen! Nach einer Stunbe hat man roieber einen klaren Kopf. Bor zehn Jahren aber schlug's in der Stube zu Barnstorf, als es elf ^^Mc?ne°Schwest° r fieht mich oerbaaft an und bittet: Diesmal bleiben! Erft am andern Morgen reiten! Ich: Aengftigt meine Frau sich haGtot! Sie: Von Mitternacht bis eins soll man niemals draußen fein. Ganz gewiß aber nicht zwischen Weihnachten und Neujahr, in den Zwölften. Weil dann Woode (der wilde Jäger) durch die Luft lagt. Einem das Genick stehn bleibt, wenn man zur Seite guckt. Und abgedreht wird, wenn man sich nicht um ihn kümmert. Ich: Auch wenn s so gewiß ist !wie Sonntags das Amen in der Kirche, daß mir unterwegs die Wilde Jagd mit Hhl> und Huffah begegnet — es wird geritten! Dann wenigstens nicht um Rostock rum. Sondern querdurch! Ich: Ueber Stabtsteine weg wenn man Gotts Erde unter, Gotts Himmel über sich hoben kann? Nee! Und warum Überhaupt! Sie: Weil du dann nicht am Salgen Dorbetbraudjft Alle sagen fie's, Jehann geht um! Ich lach, daß die Wände wackeln: Ich werd ihm gesegneten Schlaf wünschen, wenn ich ihn treff, unferm gewann. Tins mar wie einige unter euch wohl nicht mehr wissen, jener Jehann oon meinen oTekn Änns, dem die Rostocker den Aufenthalt, zwtzchen Himmel und Erde beibringen wollten. Was er weil sie ihm d>^steisrig bunt) einen Strick zu Hilfe kamen, auch wirklich gelernt hat Mit einem kleinen Fehler allerdings, daß er dabei das Atmen vergaß. Ihr habt euch SietzenerKamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Da kegt der Gauner mir seine Arme um den Hals. Jetzt ist s aus! Ich fühl, wie die Augen anfangen, aus meinem Kopf rauszukriechen. Schluß! Aber dann will ich als Letztes wenigstens feststellen, wie das Aas aussieht, das mich mit ins Grab nimmt. Ich dreh den Kopf seitwärts. Und mein, daß mir das Blut zu vereisen anfängt. Hab manchen Toten gesehn. Einer, der in der Erde gelegen hat, sieht natürlich nicht lieblicher aus als einer im Sarg. Aber das iffs nicht, was mich eiskalt werden läßt. Sondern: Um den Hals des Aufgehängten rum noch der abgeschnittne Strick! Einen Meter lang baumelt er, als Siegesfahne, hinter ihm her. Hinter uns her! Denn wir find — lange schon! — nur noch eins. Plötzlich — der Mond hat wohl seine Freude dran, zu sehn, daß ich vom Gaul sack! Warum sonst verkriecht er sich nicht mehr, wie auf der ersten Weghälfte? — plötzlich erkenn ich: das Hoftor. Die Rettung! Rettung —? Rein. Geschlossen ist's! Runter vom Gaul aber läßt das Biest mich nicht. Bor meinem eignen Tor wird man mich morgen erwürgt finden! Eh' ich weiterdenken kann, krachts, fplitterts. Mein Brauner ist über das Hoftor — das anderthalb Meter hohe Hoftor — weggesetzt. Die Torspitzen abgebrochen. Der Gaul — ob er sich die Fesseln wohl sehr zerhauen hat?, muß ich fragen — der Gaul stolpert. Sackt in die Knie. Ich flieg zu Boden. Als ich mich hochgerappelt hab, stell ich fest: ich hüben — Jehann drüben. „Gah nah Huus, Jehann!" sag ich und begreif nicht, warum ich dem Kerl ein gutes Wort geb. „Ick gah jo all —" antwortet Jehann und geht tatsächlich. Aber nach einiger Zeit steht er still, wendet sich um und fragt: „Wat maakt uns Bleß?" Das war eine Starke. Das schönste Tier, welches ich jemals in meinem Stall gehabt hab. Ganz schwarz. Nur auf der Stirn einen kleinen talergroßen weißen Bleß. Jehann hat sie mehr als seine Kinder geliebt. Hatte sie getränkt, gefüttert, gestriegelt. Hatte prophezeit: Bleß wird gleich das erstemal zwanzig Liter geben! Ich hatte widersprochen: Sechzehn. Vielleicht achtzehn. Wenn sie ganz hochkommt, neunzehn. Aber zwanzig Liter nach dem ersten Kalben? Ausgeschlossen! „Wat maakt uns Bleß?" fragt, da ich vor Verwundrung nicht antwort, Jehann über das Tor weg zum zweitenmal. „Het oör viertein Daa kalwt." (Hat vor vierzehn Tagen gekalbt.) „Dat weet ich alleen! „Giwwt twintig Liter!" „Dat wull ick bloß noch werten", sagt Jehann. „Nu kann ick ruhig slaapen." Und er trollt davon. Zurück in sein Grab unter dem Galgen. Erlebnis im Winter. Von L. v. R e p p e r t. Es ist sechs Uhr morgens. Ich trete aus dem kleinen, tief in den Schnee geduckten Bauernhause, das abseits des eigentlichen Bergdorfes an einem steil ansteigenden Hange liegt. Der ein wenig seitab stehende Stall ist bereits erleuchtet; das Klappern der Melkeimer, fröhliche Stimmen der Arbeit und mürrische Tierlaute klingen zu mir herüber. Das ist „mein Bauernhof", in dem ich seit Jahren zu wohnen pflege, wenn mich unbezwingliche Sehnsucht nach Licht, Reinheit und Einsamkeit für einige Tage aus der Stadt treibt. Meine Bauern kennen mich und sind mir wohlgesinnt. Ein wenig Verwunderung über meine Schweigsamkeit, mein Stillesuchen, ist bisweilen immer noch in ihren guten, abgeschasften Gesichtern zu lesen, doch sie lassen mich mit Verständnis gewähren — ohne Fragen, ohne Neugier. Die Morgenkälte schlägt mir scharf ins Gesicht. Ein bleicher, geisterhafter Mond steht in den Fernen des hellgrauen Himmelsbogens. Die weiten Wiesenflächen, die zu dem Bauernhof gehören, fließen in breiten, weihen Zungen abwärts zum Talboden. Heber mir türmen sich die urwelthaften Umriffe der Berge greifbar nahe. Mit geschulterten Schneeschuhen stapfe ich den schmal ausgefahrenen Pfad der Holzschlitten aufwärts der schwarzen Tannenwandung zu, die rings das enge entlegene Tal abschließt. Stille und Pracht! Auch in mir ist Still«, Entspannung, Loslösung vorn Irdischen. Der erstarrte, winteroerzauberte Wald, der sein« organische Geschlossenheit von Stamm zu Stamm weitergibt, schließt sich streng, doch schützend über mir. So geht cs eine gute Stunde. Dann lichtet sich der Wald, die Bäume rücken gleichsam auseinander, lassen blaßgelbe Himmelsstreifen im Osten frei werden; zerstreuen sich in vereinzelten, riesenhaften Exemplaren, ducken sich weiter hinauf verknorrt und abwehrend in die Schneedecke. Runde, seltsame Wölbungen schließen sich an, und endlich liegt eine weite, steil doch glatt ansteigende Halde vor mir. Längst habe ich die Skier an den Füßen und klettere nun in gleichmäßigen Zickzacklinien Schritt für Schritt fest einstampfend empor._ Die Weiten wachsen, neue Fels- und Schneeriesen werden frei im falten, harten Morgenschein. Tief unter mir blinken die Lichter des langgestreckten Dörfchens auf. Hundegebell, Hahnenschrei — Stimmen erwachenden Lebens werden von der Stille zu mir heraufgetragen. Das Morgenläuten des Dorfkirchleins füllt Tal und Hänge mit suchender, rufenber Feierlichkeit aus. Fern ist die hastige, unbefriedigte Welt mit ihren Wirrnissen und Torheiten. Hier wohnt Gott, der große, wahrhaftige Gott! Der Himmel beginnt, sich unter dem aufrückenden Morgenlicht zu dehnen, langsam klären sich alle Farbtöne. Ein pyramidenförmiger Schneegipfel vergoldet seine äußerste Spitze, der oberste Rand eines zackigen Grates erglüht, Schneekuppeln, Eistürme fetzen das Leuchten fort — die ganze höchst« Region wächst schimmernd in den Himmel auf. Eine eisige, gleißende Welt. Das Sonnenrad rollt golden und groß in ben Horizont — der Tag ist erstanden! Langsam zu Tal herabfließend wärmt er das Land. Hier und da ballen sich Nebel im Grunde, ziehen wechselnd hin und her, um sich schließlich im Sonnenlicht aufzulösen. Mein Weg führt mich jetzt durch ein Latschenfeld, weiter am Rande einer tief eingeriffenen Schlucht entlang, und mündet in einen weiten Bergkeffel, an dessen Grunde zwei vollkommen elngefchneite Almhütten ruhn. Ich gleite belustigt über eines der Micher hinweg und ziehe sodann auf der anderen Seite des Kessels weiter aufwärts. Es ist warm geworden. Jacke, Kragen, Handschuhe, alles ist im Rucksack verschwunden. Frei, den Oberkörper nur vom Hemd verhüllt, bewege ich mich in der freien, leuchtenden Natur. Wie unsagbar schön ist dieser Tag! Bald habe ich den oberen Rand des Kessels gewonnen. In weiten Kulissen, in Glast und Glimmer, im gelben Sonnenschein und blauem Eislicht fliehen die Bergketten vor meinem schönheitstrunkenen Auge dahin. Höher, immer höher hinauf! — Ein paar Wolkenbänke im Westen, was haben die schon zu sagen ... Nur noch höher, noch ferner aller Unraft den Zauber der Gottesnähe kosten. Ich steige, ich steige. Jetzt sehe ich nichts als den Schnee vor mir am Hang, die Spitzen meiner Schneeschuhe und die Bilder meiner Gedanken, die nur um fröhliche und starke Dinge kreisen. Ich bemerke kaum, daß es dunkler wird, daß die Sonne zeitweise völlig verschwindet, daß ein warnendes Wehen sich auftut. Ich steige, steig«, wie in einem Rausch der Bewegung und körperlichen Ausarbeitung, in ein breit ausgedehntes von runden Buckeln und weichen Tälern ausgefülltes Hochplateau hinein ... Die Wolken haben sich zusammengezogen. Die Sonne ist fort. Das Leuchten und Flimmern ist verschwunden, alles sieht kalt und verlassen aus. Als ich mein Ziel, einen besonders hohen, zur Abfahrt reizenden Buckel erreicht habe, packt mich der Höhenwind schneidend an. Heber mir, an dem langen Felsgrat, der das Plateau begrenzt, wird der Schnee in hohen Fahnen in die Luft getrieben. — Rasch hülle ich mich wieder warm ein, nehme einen kurzen Imbiß und mache mich zur Abfahrt bereit. Als ich abwärts zu gleiten beginne, fetzt leichtes Schneetreiben ein, das rasch an Heftigkeit zunimmt. Die Schneekörner sind hart und stechen die Haut mit seinen glühenden Nadeln. Eilends fliege ich dahin. Alles vor mir verwischt sich im gleichmäßig weißen Ton des Schnees. Auch Höhenunterschiede sind für das Auge nicht mehr wahrnehmbar. Ich suche nach meiner Aufstiegspur, doch sie ist verweht — verloren. Ich mach Halt um die Orientierung wiederzugewinnen. Vergebens. Rings um mich nur Weih, loderndes, schmerzendes Weiß, in das sich hier und da rötliche Kreise drehend und sich Überschneidend einfügen. Auf gut Glück fahre ich weiter ab, in einem gewißen Trotz sause ich abwärts ... Plötzlich werde ich hoch hinausgehoben, fliege — fliege ins Hnendliche und lande, eine Schulter fest in den Schnee gerammt, mit auseinandergespreizten Beinen augenscheinlich in einer tiefen Mulde. — Sofort beginne ich mit aller Kraft Befreiungsversuche aus dieser höchst unbequemen, unvorteilhaften Lage zu machen. Jedoch alle Anstrengungen bleiben umsonst, ich stecke wie in Gips gegossen in meiner Umgebung. Schließlich bleibe ich vor Erschöpfung und Kätte zitternd regungslos liegen. Unaufhörlich riefelt der Schnee herab, und beginnt, feine Decke über mir zu verdichten. Weiße Faller, weiße Segel ziehen bildhaft an meinen Augen vorüber. Auch meine Gedanken scheinen gelähmt. Ich erkenne mit Grauen, daß, wenn es mir nicht bald gelingt, wieder aufzukommen, es um mich geschehen ist, zumal jetzt bleischwere Müdigkeit mein ganzes Sein befällt. Dann ist es mir, als läge ein riesiger, weißer Tiger mit rotglühenden Augen weich pressend über mir und beginne langsam mein Blut aus dem Halse zu saugen. Nochmals spanne ich alle Kraft, alle Energie an — vergeblich. Fast schon empfindungslos fange ich an, mich auf den großen Schlummer vorzubereiten, ohne Bitterkeit, ohne Trauer. In diesem Augenblick sehe ich in dem erbarmungslosen Weiß einen schnellen, langen Schatten blitzartig auftauchen. Mein Leoenswille ist mit einem Schiag zurückgekehrt. Ich schreie: He — he, hallo! Der lange Schatten kehrt langsam zurück, nimmt Gestalt an, beugt sich zu mir herab. Während ich durch die Schleier des wirbelnden Schnees zwei scharfe, graue Augen erkenne und weiß, daß ich nun geborgen bin — denn „diese" Augen gehörten in das magere Raubvogelgesicht meines Freundes, des Jägers — füllt mich der Gedanke, daß ich wieder sehen kann, mit beglückender Kraft restlos aus. Mit vielen Pausen, mit äußerster Vorsicht und häufigem Umkehren finden wir nach Stunden den richtigen Weg zu Tal; denn auch den Jäger hatte der Witterungsumschlag überrascht. Erst als wir den großen Wald erreicht hatten, gibt er mir seine starke, schwielige Hand und meint kurz: „Leicht hätten wir beide verloren sein können, Herr! Gott hat uns bewahrt ..." Aizäa, die Stadt des Konzils. Von Hans T r ö b ft. Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! Es sind genau eintausendsechshundertundsechs Jahre dahingerollt, seitdem das Konzil getagt hat in Nizäa, das heute die Menschen Jsnik nennen und das vergessen vom Strome der Zeit an den Ufern des blauen „Sees von Jsnik" dahinträumt. Ein seltsamer Zauber geht aus von dieser gestorbenen Stadt, deren riesenhaste, wohlerhallene Befestigungen so gänzlich unvermittelt aus bestellten Fluren, aus Obstgärten und verstreuten Laubbäumen aufragen. 5000 Meter im Umfang mißt der geschlossene Mauerkranz mit seinen über hundert Türmen, die aus dem 12 Meter hohen und 6 Meter breiten Ziegel-Koloß herausspringen — das ganze ein Bauwerk von überwältigender Größe, das seinesgleichen nur in der langen, geraden Landmauer von Konstantinopel hat, die sich vom „Schloß der sieben Türme" zum Goldenen Horn hinzieht. Aber die Mauern von Nizäa wirken nicht einförmig und eintönig, wie die des großen Theodosius, sie bilden nicht den Abschluß eines Häusergewimmels wie in Stambul, sie sind nicht aus einem einheitlichen und deshalb einförmig wirkenden Guß — hier in Nizäa entschleiern sich auf Schritt und Tritt dem suchenden Auge des Wanderers immer neue, immer köstlichere Reize und Ueberraschungen: Dort, geschichtet aus mächtigen, riesenhaften, polierten Blocken, ohne Mörtel, hier aus sauberem Ziegelmauerwerk, dann wieder lange Strecken, wie die Byzantiner sie bauten, Feldsteine durch dopple Logen von W dipn dünnen Ziegeln unterbrochen, die sich wie rote Adern durch den in der Sonne flimmernden, weihen Kalk dahinziehen. Dann ®’eö*1 unabsehbare, im Grün der Bäume sich verlierende Teile m.t Efeu bewachsen dellen Aeste sich wie Schlangen oder wie Riesenhande mit tausend langen Spinnensingern in den toten Stein gekrampft haben. Und überall , dazwischen die wuchtigen, breit hingepflanzten Turme aus rötlichen Ziegeln! weinlaubbewachsen, mit Zinnen und Fenstern und vermoderten, verbrannten eichenen Balkenresten. Da und dort find antike Reliefs vermauert, Schriftplatten und seltsame Götterbilder ... Mer mächtige Tore durchbrechen dies Wunderwerk antiker Befesti- gungskunst diesen „Mauerkranz", der heute ein Nichts em schließt und der aussieht als habe hier ein Riesenkind mitten im freien Selbe .sich eme Burg eine in sich geschlossene chinesische Mauer errichtet. Diese vier Tore llegen genau in der Mitte der vier Hauptfronten, im Norden Süden, Westen und Osten, und sind durch zwei schnurgerade genau >m Zentrum der alten Stadt sich rechtwinkelig schneidende Straßen verbunden. Vom Tor von Lefke" erblickt man einen Ausschnitt des blitzenden, blauen, leuchtenden Sees, dort wo einst das „See-Tor" gelegen. Vom „Tor von Stambul" im Norden sieht man die Bastionen des „Tor von Jenlschehir , I 269 erbaut, bei dem einst die Kreuzfahrer unter Gottfried von Bouillon den Hauptangriff ansetzten und wo sie mit stürmender Hand m die Stadt eindrangen. Machtvoll und groß wirken diese drei gewaltigen, erhaltenen Tore mit Inschriften und Reliefs, mit Nischen und steinernen Theater- I masten geschmückt. Aber das „Lefke-Tor" ist doch das schönste unter ihnen: ein zierlicher, niedriger, mit Efeu bewachsener Aquädukt fuhrt darauf zu, mit Juristen des Imperators Hadrian und geschützt durch vorlvrinaende mächtige Rundtürme. Sie erinnern an die „dicke Mar- gareche"^in Reval, an mittelalterliche deutsche Befestigungen. Dabei eine Vormauer mit Zinnen und rieselndem Brunnen — so wohlerhalten, daß das überraschte Auge in der Wachstube die geharnischten Torhüter sucht, die mit langen Trompeten oder gewundenen Hornern auf dem Mauer- tranz wandern und das Nahen des Fremden verkünden ... Aber die I Türme sind verlassen und das Gras wuchert zwischen dem breltstemigen, uralten vom Lauf der Jahunderte polierten Pflaster der Straßen, Aus I mächtigen, überwucherten Schutthaufen klettern Ziegen, >rg«udwo ein pinfniriPi- nlter anatolischer Bauer, der verwundert die Hand an die I Augen legt, das Plätschern eines rastlosen Brunnens sonst das große Schweigen des melancholischen anatolischen Herbstes. Unter dein gew _ ten dämmernden Torbogen dröhnt und hallt der Tritt, noch ein Schritt _ Iras Auge hasst ein Stück Nürnberg ober Rothenburg zu erblitfen unwillkürlich stutzt man und wendet sich um. War das ganze em Sput, (fine i^ata Morgana? Nein! — Ruhig und schwer, massig und schweigend llegen die wuchtenden Mauern und Türme breit im herbstlichen Acker S _ fnmeit das Auge reicht — keine Spur einer menschlichen Siedlün-ft Nur ^stellte Felder, Gärten, Eukalyptusbäume, dichte satte, | immergrüne Olioenbäurne, zwischen denen die gepflasterte Straße Wtur= gerad/weiterläuft. Seltsam! Ms habe die Laune eines mächtigen Großen $ ,, QöHon im (fechprt aeboren, tius überftrömenbein Ühocqi- und Kraftgefühl heraus, gänzlich unvermittelt diese schweigenden Kolosse in die schweigende Einsamkeit gesetzt. Wie die Chinesen es taten, als sie ihre Mauern über Berge und -i-äler der Einöden führten ... Endlick werden Häuser sichtbar. Nicht Häuser: Hütten. Niedrig, aus Lehm flüchtig errichtet, halbfertig. Wie Notbauten der Bagagekolonnen im großen Kriege. Sie säumen die Lagerstraße ein: armselige Saden, h?er9unb da eine Lokanta, eine Teestube. Davor geruhsame Menschem die verwundert sich umblicken nach dem Wanderer aus der großen Welt. Schuttmauern und überwucherte Brandhaufen. wohin das Aiige sieht. Uralte Bäder und Kapellen, in Moscheen verwandelt, mit breiten, dicken, nkbriaen Plumpen Minaretts, nicht hoher als Telegraphenstangen. Ueberall 'Storchennester, hunberte mit schwarzbeimgen, schwarzschnabe- aen Jungen die schüchtern die ersten Flugversuche machen. Irgendwo «Sniib Hotel" Unten bie Kaffeestube, oben drei winzige Lme Aber das H?us ist leer Der Wirt erscheint: Fremde! Er traut seinen Äugen nicht. „Hosch geldims" ... Willkommen! Umständlich ent- *8$ JU’MÄÄ «I« °ul d>. „Stebl-, Ach! Einst wohnten hier 50 000 glückliche Menschen und wehr - heute "r Mit dem Muchtar, dem Gemeindevorsteher streife ich diirchbie Ruinen. :Sä-s,Ä.~i UZLWWMSZ eigene Kirche, die die Jahrtausende überbau er hat, beim Jtuffaug kl beAtten, also soMn M^auch die°Üngl°ubigen mcht^daran erfreuen und sie entweihen?' Vielleicht. Auch Herostrat war ein Grieche ... Zwei wollen zum Theater. Roman von Hans-Caspar von Zobeltitz. Copyright 1930 by Carl Duncker-Verlag, Berlin. (Nachbruck verboten.) e (Fortsetzung.) „ Tier Chauffeur legte ein gewaltiges Tempo vor. Neben ihm saß -Haler Roft bunb^dräugte, wassonst nicht' seine Art war; im «egent^- sechzig Kilometer in der Stunde duldete et nicht. Aber heute tnev y 616 ^«r9[ah hinten neben Frau Rose. Ihr schien noch alles wie ein Traum- Gerties Anruf ihr eigener Anruf bei Roses, das Einpacken der Traum. Gernes unruf -i h Gespräch mit der Großmutter und K Mille ftWschnell gekommen, es war n e u (Sliirf im Unglück, daß Sonntag war: er zu Hause, der Wagen fahrbereit. Großmutt'r hatte nicht gejammert, nein, sie hatte foflar jum Guten wird schon nicht so schlimm ein, owas sieht sich zuerst hic sr rü hi na vor Dr Büchner war mißlungen: das hatte Isa ihr MSSW äv 55 esst ä- F-au Rose hätteÄn ersten Teil de- Weges ununterbrochen gesprochen- alle ihre Vermutungen, alle ihre Befürchtungen, he.he Wunsch^ur G ^ mehr" Si? sah auf die Bäume, bie vorübersausten und wünschte: wenn ohne einen ^roect für ihre Mitwelt, und dort lagen zwei danieder: einer ohne einen ^rnea jur ; Schultern beschwert mit Verantwortung, nu"en 'n rastloser Tatigtett,^die Schmißn^ n Qm ei SgÄiS KÄS Sie zweifelte am Schicksal. — * I s tiÄÄÄTW**5» ’=*-■ Nur die kleine Kuppel in der Nähe, über dem historischen Taufbecken, In dem noch heute das klare Taufwasftr steht wie vor 1000 Jahren und mehr, jenes Wasser, das in alle Welt ging, roie das Jordanwasser ist erhalten geblieben. Hier, wo einst mächtige Große sich taufen liehen, waschen heute die Frauen der Rückwanderer amtliche Wasche Nur der Platz des berühmten Konzils, die Hagia Sophia, ist als Ruine bis auf unsere Tage gekommen! In der großen Basilika stehen allerlei Bauernwagen herum, auf den Mauern nisten Storche, zersprungene Säulen und Marmortrummer ... Auch das buntglafterte Minarett der „Grünen Moschee", ein Werk der Kachelmeister von Jsmk ragt noch unverändert in seiner alten Schönheit empor "der die Statte der Verwüstungen und Zerstörungen. Ettoas Lastmdes Müdes und Hoffnungsloses liegt über dem Ganzen. Den Menschen hier fehlt das Abgeklärte, Harmonische, das die Siedlungen aus alter Zeit haben. Hie , im Schatten der Titanen, stören die Menschen mit ihren Sorgen und Mühen für das Morgen. Draußen erst in der Meerluft, am See, der wenige Schritte von der Mauer ruhelos raufd)t'toroi"bet ^ber erstickende Gefühl. Von den Resten der alten Mole schweift der Blick über sjl unendliche tote Fläche, aus deren Grund man bei Windstille vom Boote aus Paläste und mächtige Städte aus Marmor und Granit erblicken soll — hinüber nach den blauen, kahlen Bergen und zuruck, nach den ariinverwachsenen Mauern am Wasser, an bereit Fuß Schilf und Rohr ttn Winde raschelt, wo die Möwen klagend schreien und silberne Wellen ^"Nrösttln^dtt Ernüchterung ... leer ist das Gestade, leer die Gassen de/stadt. Langsam kommt die Dämmerung, die Nacht ll^ogen, geiste^ haft leuchtet der Vollmond auf schweigende Zypressen, nur die Storche klappern auf den Mauern, auf den Trümmern, tat ... tat ... tat ... tattattattat .. wie fernes, rollendes Maschinengewehrfeuer .. . tat ... tat . tattattat ... plötzlich abbrechend, verebbend, verstummend. Wie verzaubert wirten jetzt die nächtlichen Gassen, ^icr und dort em m m,« nprbanaenen Senftern. Ein schwelendes Dungseuer vor NS W fei im »•«»•* n*-«r«6. «- Elefanten, Saurier . - ■ Jsnit ... das Dorf. Aber einst gab es Kaiser in diesem Rizaa ... siern wollten nur, daß Ich liegen blieb. Man hak mir auch ein Mittel gegeben. Zur Beruhigung. Es war etwas viel für die Nerven." Sie sah sich um. „Guten Tag, Vatt', lieber Batt'. Bist du mir noch böse? Wie gut, daß ihr da seid. Muttchen, wie gut! Habt Dank." Vater Rose trat zu ihr, faßte ihre Rechte: feine Augen waren feucht. „Ist auch wirklich alles in Ordnung, Gertie?" Sie nickte: „Ja Batt', ja. Frage die Schwestern, frage den Arzt. Nur müde bin ich durch das dumme Mittel." Wieder drehte sie den Kopf. „Habt ihr Isa nicht mitgebracht?" Isa war an der Tür im Halbdunkel stehengeblieben: die Eltern hatten hier das Borrecht. Aber nun kam sie vor, kniete am Bettrand nieder. „Gertie", sagte sie, sonst nichts. Gerties Gesicht hellte sich auf. „Bist du da, Isa? Das ist gut. Sie werden auf dich warten, die anderen. Ich hab' ja Glück gehabt, die anderen hat es gepackt. Aber wir müssen Gott danken: es' ist noch gnädig abgelaufen. Geh zu ihnen, Isa. Grüß' mir Peter, sag' ihm, es ginge mir gut. Er wird sich sorgen." Sie legte sich in die Kissen zurück. „Morgen bin ich wieder frisch, und Dienstag kommt ihr alle ins Theater. Es war ja so schön gestern abend." Leise ging Isa aus dem Zimmer. Auf dem Flur traf sie eine Schwester, die sie zu Peters Tür führte. Die Stationsschwester kam hinzu. „Sind Sie die Schwester von Herrn von Weiher? Na, Ihr Herr Bruder ist bald wieder oben auf. Aber heute muffen wir noch vorsichtig fein. Zehn Minuten, nicht länger, kann ich Sie bei ihm lassen. Und nicht zu viel sprechen. Ich melde Sie erst an/ Sie wollte hineingehen, aber Isa hielt sie fest. „Und Gras Queis?" fragte sie, „er ist mein Vetter." Einen Augenblick zögerte die Schwester. „Es ist ein Eingriff notwendig gewesen. Sie müssen nachher mit dem Arzt sprechen. Mute Gefahr ist nicht. Aber die Schwäche ist natürlich noch groß." Sie drückte die Klinke nieder. So stand Isa allein auf dem Korridor. Sie hörte innen die Schwester sprechen, hörte auch Peters Stimme. Sie dachte: „Leo, armer Leo. Das war doch nicht notwendig." Sorge kroch in ihr hoch. Der große, starke Leo Queis und nun in Gefahr. Ausgewichen war die Schwester; hinter ihren Worten stand doch Ernstes, das Allerernstest« wohl. Wieder wurde •n ihr der Zweifel an die Schickfalsgerechtigkeit wach: konnte es solch ein Leben der Arbeit auslöschen? „Nein", rief es in ihr, „das darf nicht fein." Die Schwester öffnete die Tür. Isa trat ein. Der Raum war wie bei Gertie: weiße Wände, gedämpftes Licht. Peter war blaß. Auf feinem Kopf tag eine Kompresse. „Isa, du?" fragte er, und dann gleich: „Wie geht's Gertie?" Sie setzt« sich zu ihm auf den Stuhl, der am Fußende des Bettes stand. „Ruhig, Peter, nicht sprechen." Er wollte auffahren, sie hielt ihn zurück. „Quatsch!" sagte er, „nicht sprechen, das sagt die Schwester auch immer. Mir geht s ja schon wieder ganz gut. Mein Schädel kann schon einen Puff vertragen." Ader bann faßte er doch nach dem Kopf. „Au!" „Siehst du, Peter. Sei vernünftig." „Vernünftig fein! Gut gesagt. Wenn immer nur diese Weiber kommen mit ihrer Geheimniskrämerei. Also: wie geht's Gertie? Das will ich endlich mal ehrlich wissen." „Sie läßt dich grüßen. Ich war eben bei ihr. Es geht ihr gut." „Sie soll sich erst beruhigen, Peter. Die Aerzte haben ihr ein Nervenmittel gegeben. Es fehlt ihr wirklich nichts." Er sah sie zweifelnd an. „Wirklich nichts, Peter", wiederholte sie. Langsam ließ er die Lider sinken. „Gott sei Dank." Isa sah den Bruder an: er war sehr blaß, aber jetzt lag ein weiches Lächeln um seinen Mund, als ob er an etwas sehr Schönes denke. Was hat Gertie gesagt? „Peter wird sich sorgen." Und sein „Gott sei Dank" war aus tiefstem Herzen gekommen. Sie folgerte fraulich und folgerte richtig. Da war eine Freude in ihr: Peter und Gertie. Eine Weile lag Peter still. Dann fing er wieder an zu sprechen: „Ich muß hier raus, Isa, hörst du? Aus diesem Einzelzimmer. Erster Klasse haben sie mich gelegt. Das ist ja ein Irrsinn, kostet viel zu viel. Ich bin Arbeiter, Isa, Kassenpatient: ich zahle nichts, keinen Pfennig." „Aber, Peter, daran mußt du doch jetzt nicht denken. Die' Hauptsache ist, daß du erst einmal gesund wirst." „Natürlich muß ich daran denken. Wer soll es denn bezahlen? Vielleicht Großmutter von ihren paar Groschen? Oder Leo? Nein, Isa, die Zeiten sind vorüber." Sie legte ihre Hand auf feinen Arm. „Du sollst nicht soviel sprechen, Peter." Er nickte. In ihr waren tausend Fragen: wie das Unglück geschehen, warum sie die Fahrt gemacht, wie Gerties erstes Auftreten gewesen, was er jetzt täte. Sie fühlte plötzlich, wie fern ihr die beiden durch die örtliche Trennung gerückt und durch ihr eigenes inneres Erleben. Sie empfand; jetzt war hier Nähe, Gegenwart, Denken; Büchner war weit fort, fast fremd. SBieber sprach Peter: „Du mußt heute noch an bie Dannegger-Werke ! telegraphieren, Isa. Verwaltungsgebäube, Prioatkontor. Sie erwarten I mich bork morgen. Sie müssen wissen, baß ich hier liege. Nimm bir Gelb aus meiner Brieftasche." I „Ich kann es ja auslegen." »Nein, das will ich nicht. Nimm dir das Geld." Wie sich Peter verändert hatte. Isa staunte. „Hast du etwas von Leo gehört, Isa?" „. ,®ie berichtete, was ihr die Schwester gesagt hatte, mildernd, vorsichtig; Peter durste sich nicht erregen. Isa" — muht Zu ihm gehen, Isa. Er wird sich freuen. Sei gut zu ihm, Wieder führte man sie über halbhelle Flure bis zum Zimmer des i wachhabenden Assistenzarztes. Der sagte dasselbe wie die Schwester, nur daß er ein paar sachliche Ausdrücke einschob: Keine akute Gefahr. „Sie können bei der glänzenden Konstitution Ihres Vetters wirklich ganz ohne Sorge fein. Solch ein Körper hilft sich noch durch ganz andere Sachen hindurch, und Komplikationen sind nicht zu befürchten. Und bann können wir ja gerabe hier mit ber stärksten Hilfe rechnen, bie uns Aerzten zuteil wirb, mit bem unbebingten Lebenswillen des Patienten, dem Willen gesund zu werden." Ob sie ihn heute noch sehen dürfe? Der Arzt erhob sich. „Ich bringe Sie. Aber nur einen Augenblick bleiben Sie bei ihm, nicht länger." Den Weg ging es zurück über die Flure, und wieder vor eine Tür, wieder in einen matt erleuchteten Raum, nüchtern und weißgetüncht. „Ich habe so gehofft, daß du kämst", sagte Leo. Sie saß an seinem Bett, wie sie an Peters Bett gesessen. Ader es war doch anders: sie behielt Leos Hand, die auf der Decke lag, in ber ihren. Wie schmal und blaß biese Hanb war, burchscheinenb; und sonst war sie so fest unb kräftig. „Hast bu Schmerzen, Leo?" Ganz wenig schüttelte er ben Kopf. „Jetzt nicht mehr." Schon kam bie Wachschwester unb sah Isa mahnend an. Sie stand vorsichtig auf. „Ich muß jetzt gehen, Leo." Sein Blick suchte den ihren. Sie fühlte es, wich ihm nicht aus, sah, daß Fieber in feinen Augen war. „Bleibst bu hier, Isa? Kommst bu wieder?" „Ja, Leo, morgen."---- Zu Gerties Zimmer ging sie zurück. Wie schnell sie gelernt hatte, sich in diesen Krankenhausfluren zurechtzufinden: diese gleichförmigen Türen hatten Bedeutung für sie gewonnen. Ernst« und schwere Bedeutung. Um Gertie und Peter brauchte sie sich kaum zu sorgen. Aber Leo: da sah ja auch ihr ßaienauge, daß der Fall anders lag; sie brauchte nicht an die ausweichenden Worte des Arztes zu denken, um sich das klarzumachen; sie hatte dies blasse, matte Gesicht gesehen, diese Stimme, bie nur flüstern konnte. Sie wußte Bescheib. Als sie vor (Berties Tür kam, hörte sie brinnen laute Stimmen. Als sie eintrat, kam sie ins Hell«. Die Deckenlampe war eingeschaltet: Gertie sah aufrecht in ihrem Bett, an bas sich Mutter Rose einen Stuhl herangezogen hatte: Bater Rose lief auf unb ab, eine Zigarre zwischen ben Lippen. Hier waren sie schon roieber voll zum Leben zurückgekehrt. „Na, enblich kommen Sie", sagte er, „wir haben so auf Sie gewartet. Mir knurrt der Magen. Nun aber ins Hotel und gefuttert. Sie werden es auch nötig haben." Gertie winkte Isa zu sich, während bie Eltern sich bie Mäntel anzogen. „Wie fanbeft bu Peter? Was macht Queis?" Isa erzählte von beiden, schloß: „Peter wird bald wieder oben fein. Aber Leo macht mir Sorge." Die Freundin sah sie an. „Du mußt ihm helfen, Isa, bu." Sie nickte. „Ich will es versuchen, Gertie." Aber bamit war Gertie nicht zusrieben. „Versuchen ist Unsinn, meine Liebe. Tun mußt bu es. Versuchen, versuchen! Das ist anscheinenb ein Weihersches Spezialrezept. Mit bem ewigen Versuchen wäre Peter saft vor bie Hunde gegangen. Kinder, muß man euch denn immer mit ber Nase braufftofjen, wenn ihr etwas anpacken sollt?" Die Alten traten zwischen sie. „Gute Nacht, Gertie. Morgen holen wir dich also ab." „Netter Blöbsinn, baß ich hierbleiben muß." „Der Arzt will es doch." »Ich füge mich ja schon, Vatt'. Und du, Mutting, holst die Sachen aus meiner Wohnung unb dringst sie mir. Isa kann bir beim Raussuchen helfen: Frische Wäsche, das graue Kostüm, den Mantel mit dem Pelzbesatz und den lila Hut. Bitte nichts vergessen. Es ist ja alles halb .zerfledert bei dem Sturz. Und Vatt', du denkst dran: heute noch Fleisch- mann anrufen unb ihm sagen, baß ich Dienstag spielen kann." Isa staunte: sie war schon wieder ganz die alte, die (Bertie. Es mußte doch schön sein, die Kraft zu haben, bas Leben so fest anpacken zu können. Fast beneidete sie die Freundin. Sie gingen. Ms sie an ber Tür waren, rief (Bertie Isa noch einmal zurück. „Hast bu Peter auch von mir gegrüßt?" fragte sie, unb als Isa nickte: „Ob ich morgen zu ihm hinein darf? Wir sind nämlich sehr gute Freunde unterdessen geworden. Das wollte ich dir nur noch sagen, damit du dich nicht wunderst. Und nun geh- Weißt du, die Eltern sind immer ein bißchen anstrengend." Das fühlte Isa auch in den nächsten Stunden. Sie hatte sich von Roses trennen wollen, «Her Prinzenhof war ihr zu teuer; sie sagte das ehrlich. Aber Vater Rose lachte nur. „Davon kann doch keine Rede sein, Sie sind unser Gast. Das ist doch selbstverständlich." So saßen sie im Speisesaal des Hotels, nachdem Vater Rose mit Fleischmann telephoniert, für Isa das Telegramm nach Jena hatte besorgen und ein Ferngespräch nach ber Keithstraße hatte anmelden lassen. Er hatte auch die Speisekarte an sich genommen und ein richtiges kleines Diner zusammengestellt. „Essen unb Trinken muß fein!" sagte er, als Isa abwehrte. Zur Prüfung ber Weinkarte zog er ben Oberkellner heran unb sprach mit ihm sachkunbig Jahrgänge unb Lagen durch, ehe er wählte. Als bie Suppe kam, muffte Isa berichten: von Peter, von Leo. Es fiel ihr schwer, alles noch einmal zu wieberholen, unb bann tat es boch wohl, denn in beiden Roses wurde eine warme Herzlichkeit wach. Ein wenig gerade bei ihm: „Wird schon wieder werden, Fräulein von Weiher, sowas sieht zuerst immer böser aus. Denken Sie doch, Ihr Vetter hatte gerade eine Operation hinter sich, da ist die Schwäche natürlich groß. Aber er ist doch noch ein junger Mann und immer kerngesund gewesen, wie Sie sagen. Da müssen Sie sich nicht so sorgen." Weich und fraulich war die Teilnahme bei ihr: „Ich bleibe bei Ihnen, Kind, bis Ihre Lieben hier außer Gefahr sind." (Schluß folgt.) Duch- unb Sieinörudetei. X Lang«, Gießen. Verantwortlich; Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universität^