SieheiierZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1952 Montag, den 10. Oktober Nummer 79 Sonnenuntergang. Bon Friedrich Hölderlin. Wo bist du? trunken dämmert die Seel« mir Von alter deiner Wonne; denn eben ist's, Daß ich gelauscht, wie, goldner Töne Voll, der entzückende Sonnenjüngling Sein Abendlied auf himmlischer Leier spielt; Es tönten rings di« Wälder und Hügel nach, Doch fern ist er zu frommen Völkern, Di« noch ihn ehren, hinweggegangen. Glück bei den Herden. Von Sofie von U h d«. Copyright 1932 by I. L. A. Wien. Mein Mietvertrag war einfach genug: „Wohna derfst umasunst, Holz derfst a nehma was brauchst, dafür schaust wer a bist! auf me. Haust, daß di« damischen Touristen net d'Fenster einischlagen und a Feuert im Heu machen. Und nachts schließt fei di« Tür ordentlich zu, die Menschen san schlecht heuzutag. So, und jetzt b Hut di Gott auf der Alm Handschlag mit den; prächtigen alten Bauern, und seitdem bin ich mit meinem Hunde Stropp jeden Herbst Alleinherrscher in der kleinen Almhütte. #> Hoch überm Tal, neben einem einsamen Hirtenpfad der aus Bayern nach Tirol hinaussührt, liegt dies hölzerne Palais. Die tletzten Bergwälder rauschen vor seiner Tür, und über fein stei ab eich wertes Dach steigen die felsigen Gipfel ins klare Blau. Die ersten Tage habe ich ja bös schleppen müssen, denn so «in Kulturmensch braucht vielerlei, und der Weg von Bayrischzell herauf ist seh> r- wert steil. Aber nun ist es höchst gemütlich m dem verschalten Kammerchen, neben dem von der offenen Feuerstell« schwarz gebeizten Hutten- raum. Auf dem himmelhohen Bett, das man mit einer Leiter erklimn t, türmen sich die weißen Kissen; Bilder sind an den Aiandeii und Sudler. Schreibzeug ist da und Zigaretten. Und überm Tisch leuchtet freunbhd;, unter buntem Schirm, di« Petroleumlampe. Wundervoll einsam ist es hier oben. Zuweilen lade ich mir wohl einen bevorzugten Freund ein; aber da männliche Wesen soscrn s fL1) Dichter, an das Tal und seine Einrichtungen gebunden sind und Frauen sich für so ein alpines Dasein selten eignen, bin ich d) hab« einen doppelten Schutz: Stropp, der leden zu verschlinge , den steilen Paßpfad erklimmt, und «inen wahrhast vorsintflutlichen Hinterlader, einen vollendeten Hohn auf unser Zeitalter der Technik. Meistens geht er überhaupt nicht los. Tut er «tet,daer insgeheim den höchsten Ehrgeiz hat, den es geben kann, Relig,onsst,ster zu fein, sondern an die Abschaffung der alten Einrichtungen - «nf^er gefugt an die Zertrümmerung der Kirchen, für die «der patriotische Vor- wand nicht fehlt. föchte. Die Dämonie Robespierres, könnte man sagen, bestand darin, daß niemand seinem Fanatismus für Sittenstrenge folgen konnte: das gab ihm die Ueberlegenheit. Anders als der Proletarier Marat und der Plebejer Danton kam er vom Geistigen her: das erklärt, daß ihm alle anhingen die von der groben Substanz jener beiden abgestoßen wurden. Ein« große Auswahl an markanten Köpfen hatte man nicht: unter Blinden ist der Einäugige König. Wer vom Terror die landläufige Vorstellung hat, wird zuerst nicht begreifen, daß Robespierre an dos höchste Wesen glaubte und in Gott die verkörperte Idee der Vernunft sah. Das haben Mystiker und Scho- lastiker auch gesagt. Am 21. November hielt er eine Rede: wenn Gott nicht existiere, müßte man ihn erfinden. Er verlangte die Anerkennung des höchsten Wesens und der Unsterblichkeit der Seele. Diesem religiösen Bedürfnis vermochte er freilich keine andere sichtbare Begründung zu geben als die der plattesten D,es- feitigtot Nichts an diesem Mann war spontan, auch nicht fein Myftt- zismuD Er alterte früh, fchon in den dreißiger Jahren. Hegel vorwegnehmend und auch hier nur eine Karikatur, setzte er den Staat und den göttlichen Willen gleich: die Obrigkeit und die Gesetze übernehmen die Funktion, die ehemals die Priester gehabt hatten. An diesem Punkt stoßen die irrationale und die rationale Komponente im Wesen Robespierres zusammen. Die Landfchast um den Schnittpunkt ist dürr entsprechend ber impotenten und negativen Natur des Führers. Aber sie ist, grundsätzlich gesehen, zugleich das Gelände, dem der französische Geist zustrebte, ein vom Lichte des Logos überschüttetes Gelände. Eben deswegen wurde m Robespierre feder der Advokaten und Politiker vorweggenommen, die seither bi« Republik durch alle Fährnisse steuerten, und das ist die positive Wirkung, die von ihm ausging. Auf den Altären des Vaterlandes brannte darum allenthalben die Flamme der Wahrheit. Auch Heilige waren in dieser Mythologie bekannt die Götttnnen der Freiheit, in Paris von Schauspielerinnen dar- gestellt, in der Provinz von den schönsten Bürgermädchen. Die Heiligen der alten Religion bekamen Freiheitsmützen ausgesetzt, wenn man die Robespierre. Eine Charakteristtk von Otto Flake. Eine neue Darstellung der „Französischen Revo - I lution 1789 bis 1799" veröffentlicht Otto F l a k e bei Hesse & Becker in Leipzig. Als Probe geben wir hier ein Portrat von Robespierre wieder. Die Beliebtheit Marats und Dantons läßt sich verstehen weniger die Robespierres. Er war alles andere als ein guter Redner, ohne I unmittelbares Temperament; mit bünner Stimme hielt ^das unscheinbare Männchen mit den grünlichen Augen und gelben Gesicht die em onigsten Vorträge. Sehr zum Unterschied von dem schmierigen Marat unb dem saloppen Danton war er gepflegt, stets gut gekleidet und wohlsnsiert wie eine frömmelnde Kokette. Bei Anbruch öer Revolution Advokat und Schriftsteller.Rouffeaufcher Richtung erntete er in der ersten Nationalversammlung zunächst durchaus keine Triumphe, und als er mit der dritten zurückkehrte, arbeitete er sich durch Zähigkeit in die vorderste Reche. Von Louvet der Teilnahme an den Septembermorden beschuldigt, hielt er rm November 1792 eine Verteidigungsrede, in der er nicht sagte, daß er sich damals versteckt gehalten hatte. An diesem Tage fiel den Beobachtern die große Zahl von Frauen auf, die auf der Galerie ihrem Maximilien zuhorten. Das weibliche Element schwärmte bis in die Salons hinein für den Mann der sich ^mer Tugend rühmte. Die Girondisten führten das genußsüchtige Leben des Abgeordneten, der alles mitnimmt, was Paris bietet. Robespierre war anders I und legte großen Wert darauf, anders zu sein. Die Frauen als Geschlecht bedeuteten ihm nichts. Er befaß die trockene Seele eines jener Staatsanwälte, bie den Einfchlag des Inquisitors haben. Der Gegentypus des Don Juan macht unter Umständen ebensoviel Eindruck auf die Frauen, wenn auch nicht gerade aus die jungen unb gefunden. Eine feiner Schwestern hing sehr an ihm, fah aber zwischen sich unb den Bruder die Hauswirtin eingeschoben, die den Diktator mit den infantilen Zügen betreute. Charlotte Robespierre fchr-eb in ihren Memoieren: „Er ließ sich von Madame Duplay leiten, wie sie wollte. Dieser an der Spitze der Regierung so unbeugsame Mann hatte in seinem Privatleben nicht mehr eigenen Willen, als ihm sozusagen suggeriert wurde." Sie war wohl ebenso frigid wie er. Die Belastung mag auf den Vater zurückgehn, der seine Anwaltspraxis nach bem Tod der grau im Stich tteß in die Weite strebte und verschollen ist. Die Neigung zur Isolierung kehrt bei dem Sohne wieder. Im Pathos der Distanz pflegt sich ja Schwäche zu verbergen. Verschiedene Besucher Robespierres erwähnen die Verblüffung, mit der sie die Wände des Zimmers betrachteten: überall schaute ihnen Robespierre entgegen. Aber diese Form der Seibstbespiege- lung dürste eher auf jene Madame Duplay und ihre Tochter zuruckgehen. Diele ganze von Rousseau bestimmte Generation führte die Natur unb die Tugend im Munde; die Tugend aber keiner mit soviel Ueb«- zeuauna wie der Mann mit dem verkniffenen Zug uni den Mund. Seltsam- wenn dieser Pedant des Aktenstaubes und der Ordnung, dieser in Abstraktionen lebende „Kerl, -der nicht einmal ein Ei kochen konnte , wie Danton sich ausdrückte, im Jakobinerklub oder Konvent sein endloses und dünnes Garn spann, hörte man auf der Zuschauersette em Schluchzen. Nichtfranzofen ist er völlig ungenießbar, ja, unverständlich, ober er muß ein morbides Parfüm gehabt haben, in bem feine Anhänger emesich langsam entwickelnde Grausamkeit witterten. Er wirkt wie die westliche Stiritatur eines der russischen Mönche, deren Damome die Frauen unter» Nebel vor Gibraltar. Von Robert Neumann, Wien. Die Sache widerfuhr mir am 2.August. Der Dampfer gingen bst Reede von Ceuta, um zu bunkern; die Engländer drüben in Gibraltar sind teuer geworden. Ich wollte hinüber, und der Kapitän war bereit, mir zu Liebe bis gegen Abend Station zu machen — es war neun Uhr voriMkags Ich ging auf den Kai, fand aber keine dumpfer fuhr erst am Nachmittag. Dagegen liegt ein Fischerboot an der Mole das will nach Tarisa, einer kleinen Stadt, die ein wenig westlich unb jenseits ber Straße auf der andalusischen Seite liegt und nebenbei die südlichste Siedlung Europas ist. Ich habe von Tansa nicht viel gehorsi ich blicke durch bas Prismenglas hinüber, ich sehe eine morgenlandych flach gebreitete, grell weiße Siedlung mit einem mächtigen Leuchtturm davor der einem Minaret gleicht, unb mit Basttonen unb Forts, 'ch entschließe mich, ich handle mit einem dunkelhäutigen Kerl, der an Lano bleibt, auf Französisch den Fahrpreis aus und springe ms Boot. Es war eine Barke, etwa acht Meter lang und schmaler gebaut, als sonst Fischerbarken zu sein pflegen, mit einem Großsegel, dessen innere Spitze jenseits des Mastes lag, so daß die beiden Raaen einander dort im Winkel berührten, und überdies ausgestattet mit einem abenteuer- lichen Dina von Außenbordmotor, ber zwei Pfevdekrafte haben mochte, wohl nur für den Notfall vorgefehen war unb bann vom Steuerplatz aus bedient werden konnte. Das Boot war grau gestrichen, hatte keinen Namen unb dafür die Nummer 491, bie ich mir merken werbe. Meine Mitpaffagiere: ein gelb häutiger Spanier, ber am Steuer faß, mit der Miene eines regierenden Fürsten — offenbar ein unmittelbarer Noch- komme jenes Perez be Guzmän, ber di« Uferstriche hier zum erstenmal (unb sehr vorübergehend) den Mauren entriß; bann noch sechs ober sieben andalusische Fischer von unwahrscheinttcher Zerlumpthstt unb mit einer Gelenkigkeit des Wortes unb ber Gebärd«, wie ich sie nie unb nirgends I gesehen habe; und schließlich zwei Araber, offenbar Vater und Sohn, im Burnus, groß, hager, dunkelhäutig, ohne Bewegung — wohl nicht ärmer an historischer Ahnenschaft als ber Steuermann und dabei seist vermutlich wirkliche Kombattanten der Kämpf«, dst in den mitten Bergen des Hinterlandes nun fchon feit taufend Jahren nicht einschlafen. Die sieben Fischer schreien im Boot, auf der Mole schreien, gefhfulieren ihrer zwanzig unb dreißig — wir fahren. Wir fahren um den Kopf des Wellenbrechers hinaus, mit steifem Wind halb achtern und steuerbords vom Mittelländischen Meer, Hutten scharf westnordwestlich gegen Kap Tarisa und Kap Trafalgar, unbfinC nach wenigen Minuten zwei, drei Kilometer in der Straße von Gibraltar. Nah gegenüber, fünfzehn ober siebzehn Kilometer entfernt schwimmt der Zahn des englischen Felsens über niederem Dunst, westlich davon auf der Bucht von Algericas liegt ein flüchtiger Nebel, aber über uns ber Himmel wölbt sich makellos blau vom Mittelmeer zum Atlanttt unb von der spanischen Sierra Nevada bis zu den mächtigen, kahlen Wänden des Djebel Musa auf ber afrikanischen Seite. Di« Sonne brennt, weiße Wellen springen ben Bug an, es schaukelt sich heiter, die anou- lusifchen Fi cher werfen lachenb, schreienb, redend die Finger hoch, oer kleine Personendampfer geht von Gibraltar nach Ceuta hinüber, steh iuiif| 1 jun batte Sch. nütjrt. Fod« res L ['! E vm. I s z» । niaire, |j :ntöse, ■ Cm- |l füi)rte t« ein. »r ein I 8. Sunt । esi bei i rappen 0 >en jti i voran, I )Mt 5trau| n Wez Acheii. en unb orlchrtn jöchsA : echt« >n. Die tat fit t, da« i itsftifter I infach« I l)e Bar. I ' Wx J 5 ,n ®ibril ’fz Ä 1.« gebaut «ifliw« eher beE । moW teuerR te teiiu’ . üJleiit mit i*1 er M erfteitm® S |ftb* 16 ■rf MA an die rtbraM t bereit, etin W ouriften1 > an del wefifit nebenbei l M nliW udtttur® ich/ m ßo"* )Uf gleicher Höhe Mischen uns und dem Mttelmeer, ein großes Fracht- toot kommt von Südamerika oder Madeira westlich um Kap Sportel di« isrikanische Küste herauf, zwei Frachtschiff« und ein hoher Dreimast- choner — er reitet mit allen Segeln norm Wind — stehn nm Mittelneer mit dem Bug gegen uns, und von Kap Trafalgar her, mit Kurs iMdost, kommt ein riesiger Dampfer mit drei schwarzen Schornsteinen tnö dem grellgelben Ausbau der englischen Ostasienlinie. Ich blicke um nid), ich visier« gegen das Ufer und sehe, daß wir trotz voller Fahrt ,nb guter Lage im Ostwind kaum von der Stelle kommen, ich erinnere nid), daß das die berühmte Strömung der Straße von Gibraltar ist, lie vom Atlantik gegen das Mittelländische Meer drückt und zäh überwunden fein will — ich sehe also eben noch, daß wir still liegen, sehe tie Schiffe, sehe drüben die mächtige, sonnenverbrannte Kahlheit des mdalufischen Landes mit seinen verwitterten Wachttürmen — da fällt liebel ein. Aus der schmalen Bucht von Algeciras quillt, jagt er her- :or, rennt westlich, südlich, rennt östlich gegen den Wind, die Sonne -wird stechend rot, wird grau, ist verschwunden, verschwunden sind die Fifer, verschwunden die Schisse, grau gespenstisch zerflossen die Gesichter i«r Mitfahrer zwei, drei Meter nah auf dem Boot. Die nächste Welle .st blass« Milch, die zweite ist schon nur mehr ein zergehender Hügel, fier Wind versickert, das Meer liegt glatt, glatt, glatt in einem weihen, dnnenwarmen, nassen, beklemmenden, undurchdringlichen Dunst. Die Lustigkeit der Andalusier ist nach einem letzten Flattern ver- -iimmt, das Segel wird eingezogen, der Hilfsmotor springt an und gibt iroei schüchterne Explosionen in der Sekunde, und vom Mittelmeer her iiökt schon ein großes Nebelhorn dunkel klagend, suchend hinter einer wallenden Wand. Ein anderes, näher, heller, gibt Antwort — wohl der Souristendampfer, der auf gleicher Höhe mit uns liegt, dann meldet sich ler aus Madeira, dann wieder einer vom Mittelmeer — und schließlich, :ur schräger, näher, südlicher und durchaus anderswoher, als zu erwarten stand, brüllte eine dreifach, fünffach mächtigere Sirene ihren iufpeitschenden Löwenschrei über zwei Meere: der Koloß, der gelbe dstasiensahrer ruft Warnung. Die Antwort von Ost her ist ein schreiendes Doppelsignal: der klein« Dampfer aus Gibraltar hat gestoppt, wagt richt weiter zu fahren. Rechts, links, ringsum die gleichen Doppelsignale: lie Schiffe liegen ohne Maschmenkrast. Nur der Ostasiate brüllt einmal ins: er hat keine Zeit, er fürchtet nichts, er hält Fahrt. Brüllt also auf — und seltsamer und beklemmender Weise hinter unserem Boot und entfernter. Es ist offenbar, daß wir uns drehen. Sie Andalusier schreien itroas, lassen die Finger flattern, mit einem ruhigen Handgriff, unbe- oegten Gesichtes, schattet der Mann am Steuer den Motor aus — wir Ireiben, treiben blicklos und hilflos in der Sttaße von Gibraltar, zwi- . ihen heulenden, blökenden, suchenden, warnenden Ozeandampfern, deren kleinster mit fernem Bugmesser unser Boot zerschneiden muß wie Papier. Es geschah dies: der Ostasienfahrer kam näher. Unsichtbar hinter zehnfachen Wänden warmen, milchigen Dunstes brüllte er, brüllte Fahrt. Dir drehten uns um und selbst wie irgendein verendendes Tier, und las Heulen fiel uns bald von der ©eite an, bald vornher, bald vom Säcken. Aber Heller mit jedem Mal. Näher mit jedes Mal. Zerreibender lit jedem Mal. Die Andalusier waren aufgesprungen, warfen flatternde bände hoch und schrien, schrien. Der Steuermann hatte sich abgewandt :nb suchte durch den Nebel zu schauen. Mir schräg gegenüber saßen die leiben Araber auf ihrer Bank, ©ehr aufrecht, die eine Hand in bie Sordwand gekrallt, ohne Regung, mit geschlossenen Lippen. Wie man in solchen Augenblicken nun einmal sinnlos an Kleinem haften bleibt, fejchah es mir, daß ich mich wunderte, dunkelhäutige Menschen so sehr «rblaßt zu sehen. Dann teilte sich schräg backbords der Dunst, und keine zwanzig Meter mtsernt kam das Schwarze auf unser Boot $u. Ich nahm wahr, im Laufe zweier, dreier Sekunden: den Bug haushoch, an der Schneide mit toter Rostfarbe angelegt und unten von der stiebenden Weiße des zer- chn-ittenen Wassers umschäumt; die Andalusier, schreiend, schreiend; trüben, droben zwei Matrosen, die Arme werfend in verrenktem Signal; n tveißer Ofsi- jiersuniform. Eine Reihe Gesichter schwamm vorüber — Menschen rmt Stoibs, mit Hüten, in Sommerkleidern, Kinder, Matrosen. Und wieder, tefer und höher, lebend, winkend, rufend hingesetzt vor die grelle »etbe des Riesenhauses, lange Menschenreihen eine Brüstung entlang, dann spie eine Schraub« grünliche Wirbel. Und bann war das Mach- l ge nur mehr «in graues Gespenst. Blasser, blaß. Und zerrann. Die Andalusier lachten, sohlten. Schüttelten drohende Fäuste hinter iem entgleitenden, entglittenen Spukbild. Die beiden Stroter mären >hn« Regung geblieben. Der ältere grauen Gesichts, di« Hohle ies Schluntes sichtbar zwischen halb geöffneten Kiefern. Der >ungere ichtet« sich plötzlich halb aus. Er neigte sich an die Bordwand, ungenanntes Mundes, und erbrach. Wasser stand im Boot um unsere Füße. Die Andalusier hotten Brot 'nd einen Schlauch Wein. Durch milchiges Wogen M ug f off« eines großen Hais um das Doot, zog machtvou unb. *nn die schon gewittert« Deut«. _ .. Als der Nebel bodwina fanden wir uns von der Strömung weil 'ach Osten getragen, ms Drittelländische Meer etwa dreMg.funfunb- iroißig Kilometer nordöstlich von Ceuta. Don be ngr o ße n«chfi . ^chts mehr zu sehen. Wind sprang auf. Der Motor war durch em Du n der unbesihädigt geblieben. Es war Abend, als wir um den We- lrecher ins Hafenwaffer einbogen, und die „Katendrecht ri f ttit kurzen ©irenenfignalen an Bord. Dem Nachkommen Perez be Guzmüns habe Jihrlohn v«> teigert. Er hat feine Würde nicht verloren. Er hat mich i »erlichen Worten verflucht. ©er Kriegskommiffar des Königs. Roman von Friedrich F r e t (a. Copyright 1931 by August Scherl, G. m. b. H., Berlin. (Fortsetzung.) ,©o‘, sagte der Major, der wieder in der Wachtstube stand, .trinken will Er? Kann Er haben! Unterzeichne Er nur hier, daß er aus freien Stücken den Fahneneid schwören wolle und Soldat werden? .Das ist ein« Lüge vor Gott und vor mir!' rief ich. .Und es kann nicht fein, daß unser gerechter König verlangt, daß einer seinen Fahneneid mit verneinendem Herzen schwört.' Der Major schüttelte den Kops. .Keine Unterfd)rift — keinen Trunk!' .Dann gehe ich!' sagte ich und schob bie Kerls zur Linken und Rechten von mir und gewann die Tür. Wär' mir nicht einer in den Nacken gesprungen, hätte mir nicht einer die Beine weggeschlagen, wären es nicht so viel« gewesen, ich wäre 'davongekommen. .Stark ist der Kerl wie ein Bulle und will den Pfarrer machen!' schrie der Major. .Das wäre eine Schande vor Gott und dem König!" Ich habe einen Tag und eine Nacht gedurstet, aber bann ging’s nicht mehr, zumal sie ganz höhnisch noch schönes kühles Bier nahmen, einschenkten unb sich zutranken. — Also, ich lang' nach dem Glas, ba steckt mir auch schon einer bie Feder in die Hand, da war bie Unterschrift auch schon gestellt — und da konnfi ich trinken, was ich mochte, und gaben mir Braten zu essen und Wurst und redeten mir gut zu, waren ganz freundlich, und der Major meinte, ich wär' der Zweitlängste in des Königs Garde unb würde des Königs Wohlgefallen erregen. Ich war innerlich aufs üefste betrübt, sah ich doch meine ganze Lebenshoffnung vernichtet durch diesen Wechsel in meinem Schicksal und fühlte ich doch, daß eine große Ungerechtigkeit an mir begangen fei. Aber ich schwor mir, ich wollt's geduldig ertragen, doch, sobald ich konnte, Gerechtigkeit vom König erflehen. So machte ich mehrere Monate in Potsdam das ganze Exerzitium und den ganzen Dienst eines gemeinen Soldaten durch. Es ist für mich eine harte und bittere Zeit der Entsagung gewesen, wenngleich ich nicht geschlagen wurde. Endlich ist Seine Majestät ber König von einer Inspektionsreise wieder nach Potsdam gekommen und hat, wie es sein« Gewohnheit war, befohlen, alle inzwischen eingestellten Rekruten seines Garberegiments sollten zur persönlichen Vorstellung vorgesührt werden. Das war bann nun eine große Aufregung bei den Offiziers und Korporalen, und haben uns vermahnt und uns eingebläut, wie wir uns vor bem König zu verhalten hätten. Ich aber hatte mir zugeschworen, koste es, was es wolle, ich würde sprechen. Und ist auch bi« Gelegenheit gekommen! Der König ging bie ganze Reihe ber Rekruten entlang, schaute jeden sorgsam an von Kops bis zu den Füßen, unb als er mich gesehen, ber ber Längste von den neuen war, hat er wohlwollend mit dem Kops genickt, und ich sah ihm an, er hat sich über meine Person gefreut. Diesen Augenblick habe ich benutzt, bin mit einem Schritt vor den König nah hingetreten und habe mit fester Stimme gesprochen: .Majestät, ich bitte um Gnade und Gerechtigkeit! Ich bin ein studiosus theologiae aus Wittenberg und als solcher vom Soldateirdienst befreit. Man hat mich aber mit Gewalt angeworben und mir meine Studentenmatrikel fortgenommen.' Auf diese Wort« ist ber König ganz rot geworden, Jähzorn stieg ihm ms Gesicht, hat seinen Krückstock hochgehoben, ais wollt' er mich auf den Kops fchlagen. Und mit zorniger Stimme hat er geschrien: .Was Er sagt, ist ein« ausgestunkene Lüge, unb Er, Kerl, ist ein infamigter Halunke! Wie kann Er beweisen, daß Er ein Student ber Gottesge- lahrtheit ist? So ein Grenadier, der über sechs Fuß Maß hat, den lass' ich nicht mieber fort!' Aber ich hatte mein Herz befohlen, hab' bem erzürnten König grab ins Gesicht geschaut und hab' geantwortet: .Eure Majestät sind jetzt ber Herr meines Körpers und können mich jeden Augenblick schlagen lassen, daß ich tot zusammensinke, aber ber Herr meiner Seele sind Sie nicht und haben nicht bas Recht, mich einer Lüge zu beschuldigen; denn Lügen ist Sünde, und dieser habe ich mich noch niemals schuldig gemacht!' Alle die umstehenden Offiziere rissen Augen und Mund auf, und die Korporale hatten das Zittern, als würden sie innerlich geschüttelt, weil ein gemeiner Soldat sich's erkühnte, öffentlich auf seinen Monarchen einzu- reben. Und ein Leutnant schrie: .Der Halunke muß sogleich in Eisen gelegt und als Arrestant abgesührt werden und dann Spießrutenlaufen, daß er am Leben verzagt!' Der König aber hatte den Stock wieder sinken lassen, die Augen geschlossen und ganz ruhig gesprochen: .Courage hat Er, das merke ich! In einer Stunde soll Er sich bei mir im Schlosse melden!' Dann hat er mich groß angeschaut. Das war schlimmer als zuvor, ba er den Stock hob. Auf dem Absatz hat er scharf kehrt gemacht und zum Hauptmann meiner Kompanie hingeworfen: .Dem Kerl geschieht nichts, hört Er?!' Nach einer Stunde bin ich bann vom Adjutanten des Regiments ins Schloß geführt und alsbald bei Seiner Majestät vorgelassen worden. Der König mit geöffnetem Rock unb Gilet, auf einem Holzstuhl am Fenster, hat eine mit holländischem Tabak gestopfte weiße Gaudapfeife im Mund aehabt unb eifrig ben Tateksdampf in die Luft geblasen. Wie ich str-nnm- stehe, ist er aufgesprungen unb mit großen Schritten im Zimmer auf und ab gegangen plötzlich vor mir stehengeblieben und hat mich wieder mit diesem einen langen Blick von Kopf zu Füßen gemustert, daß nrir's war, als ob man mir durch bie Fersen eine Geigensaite zöge. Dann hat er gesagt, ganz leise: .Also Er will Student der Gottesgelahrtheit sein! Hat Er Beweise?' Hab« ich geantwortet: Meine Matrikel hat man mir gewaltsam geraubt, und was für einen andern Beweis kann ich Eurer Majestät im Augenblick liefern?" .Hör' Er, wenn Er seine Sache gut studiert hat, muß Er verstehen, «ine Predigt zu halten. Kann Er bas?' hat mich der König inquiriert. Ist meine Antwort gewesen: Fxib' zwar in meinem Leben noch nie- ,tna(s juuor gepredigt, aber ich glaube doch, daß ich durch Gottes Gnade unb Barmherzigkeit sogleich eine Predigt zu halten imstande bin! Dann laß Er mal hören, was Er gelernt hat! Halte Er mir aus der Stelle eine Predigt! Aber ich rate Ihm', und dabei hob er den Finger, Mach Er seine Sache gut! Sein Schicksal hängt davon ab! Kann er nicht predigen, sehe ich, daß Er mir öffentlich eine Lüge vorgebracht hat. Er braucht dann rokyt Soldat zu bleiben, aber erhält seine verdiente Strafe für seine Frechheit! Und nun leg' Er los!' Es ist mir kurios zumute gewesen, in meiner Soldatenmontur dem König so mir nichts dir nichts eine Predigt zu halten! Aber habe im Vorsatz und Entschluß beharrt durchzukommen, und so geantwortet: ,Der Befehl Eurer Majestät soll auf der Stelle erfüllt werden, so ungewöhnlich auch Ort und Zeit sind. Darf ich Eure Majestät bitten, mir den Bibel- lert anzug-eben, über den ich eine Predigt halten soll?' Der König daraus: .Predige Er über die Worte: Gebt dem König, was des Königs ist!' Alsbald bin ich in die Ecke gegangen, habe Seitengewehr abgelegt und Grenadiermütze vom Kopf genommen und dem König, der erstaunt zuschaute, erklärt, es gezieme einem Prediger, der das Wort Gottes vortrage, nicht, dabei in Wehr und Waffen zu erscheinen. Alsdann hab ich midj zum König gewandt und gesagt: .Geht das Textwort Eurer Majestät weiter: — — und Gott, was Gottes ist? Und darum muß ich Eure Majestät ersuchen, die Tabakspfeife aus dem Munde zu nehmen; denn die Ehrfurcht, mit der auch selbst ein König dem Wort eines Predigers zuhören soll, gestattet nicht, daß er inzwischen raucht!' Hat der König abermals groß geschaut, ohne ein Wort daraus zu erwidern, die Pfeife aus dem Mund genommen und in der Hand behalten. Und darauf habe ich meine Predigt begonnen mit den Pflichten, die der Untertan gegen den König zu erfüllen habe, und dann dem König warm ans Herz gelegt, was der Monarch für Pflichten gegen den Untertan zu erfüllen habe, weil er Gott geben müsse, was Gottes sei. — Und darüber ist dem König, den es ergriffen hat, die Pfeife in der Hand zerbrochen. Ich habe fast eine ganze Stunde gepredigt, und ich glaube, es war die beste Predigt, die ich je in meinem Leben gehalten. Die heutige, zu des Königs Ausgang, war nur ein Abglanz davon. Nach dem Beschluß meiner Predigt bin ich stumm und leer dagestanden, wie ein Faß, das ausgelaufen ist. Der König hat mehrmals aufgeseufzt und ist schweigend, mit langen Schritten, im Zimmer aus und niedergegangen. Hab' inzwischen, da es an der Zeit schien, Seitengewehr umgehängt und Grenadiermütze aufgesetzt und mich wieder stramm aufgebaut vor Seiner Majestät. Hat der König endlich gesagt: ,Er hat mir gehörig warm gemacht und ordentlich die Leviten gelesen. Ich weiß nun, daß Er Seine Sache gut gelernt und sich in der Gottesgelahrtheit tüchtig umgesehen hat. So soll Er denn auch nicht länger ein Grenadier bleiben. Aber da ich Ihn wegen Seiner stattlichen Figur ungern missen möchte, will ich Ihm in Gnaden folgenden Vorschlag machen, den Er sich bis morgen überlegen und mir dann Antwort bringen kann: Er soll noch vorläufig fünf bis sechs Jahre beim Regiment bleiben, aber gar keinen Dienst tun, -sondern nur bei den Wachtparaden und großen Musterungen stramm initnrarschieren, so daß Er Zeit genug für sich behält, -in seinen Büchern fleißig zu studieren und sich hier -in Potsdam mit den Pastoren über geistliche Dinge unterhalten. Dazu will ich Ihm denn auch monatlich eine Zulage von zehn Talern geben, und Er soll auch Erlaubnis haben, für sich allein wohnen zu dürfen. Hat Er dann so fünf Ms sechs Jahre zu meiner Zufriedenheit gedient, will ich Ihm das Versprechen geben, daß Er eine Feldpredigerstelle bei einem Regiment oder eine Dorspfarrstelle erhalten soll. Er muß dann aber auch heiraten und darf sich jutr eine große Frau nehmen, damit seine große Rasse nicht ausstirbt. So, nun geh Er,, und da hat Er einen Taler, damit Er sich für die heutige Anstrengung einen vergnügten Abend machen kann!' Damit hat -mich Seine Majestät Friedrich Wilhelm I. gnädigst entlasten. Wie war ich froh, daß -die Sache so -gut abgelaufen -und ich auf jeden Fall vom Dienst als gemeiner Soldat enthoben war! Denn -ich habe mir vorgestellt, Entlassung vom König zu fordern, hätt' neuen Verdruß gegeben, und wie sollte -ich auch -in Wittenberg studieren, wo mein Geld so knapp war, und so war ich bei sorgfältigem Nachdenken zum Entschluß gekommen, es wär' das günstigste, des Königs gnädiges Anerbieten an« zunehmen; denn auf eine Pfarrstelle hätte ich ohnehin fünf bis -sechs Jahre warten müssen. So hatte ich denn mein Brot, Unterkunft und zehn Taler für das Studium extra und sichere Aussicht, eine gute Brotstelle zu bekommen; was wollte ich mehr! Hab' mich darum -in der Früh am andern Morgen wieder bei Seiner Majestät dem König melden lassen, wie dieser es befohlen, und mich be- . dankt für das königliche Anerbieten, das er mir gemacht. Da ist des Königs Gesicht eitel Lachen und gute Laune gewesen, und er hat -mir auf die Schulter -geklopft und -gesagt: .Das ist recht von Ihm, -daß Er Soldat bei meinem Garderegiment bleiben will, soll es auch nicht bereuen!' Darauf hat der König den Hauptmann von Glasenapp, bei dessen Kompanie ich stand, kommen lassen und ihm besohlen, ich solle -gut und anständig behandelt werden gleich einem studiosus theologiae und sollt' verschont werden mit Stockschlägen und anderen harten Strafen. Sollt' -ich was ausfressen, wär' es allfogleich -dem König zu rapportieren. — Hatte also in Zukunft nur noch -eine Stunde mittags Parade zu machen und mußte sonst nur ausrücken, wenn große Revuen waren. Dafür erhielt ich aus der königlichen Kabinettskasse außer der Löhnung allmonatlich eine Zulage von zehn Talern, deren Empfang zu quittieren war. '.'tun fand ich bei der Witwe eines Predigers in Potsdam Wohnung und Kost und führte ein fleißiges und zuträgliches Leben.- Langsam gelang es mir auch, Umgang mit den Herren Pastoren und anderen gelehrten Leuten in Potsdam zu frequentieren. Anfänglich hielten sie es unter ihrer Würde, mit einem gemeinen Grenadier in feiner Montierung über die Straße zu gehen; -aber nach -und nach wurden's die Herren gewöhnt und unterstützten mich mit vieler Güte in meinem Studium, liehen mir Bücher und erwiesen mir sonst Gefälligkeiten. Meinen Dienst hatte ich so, wie es der König befohlen, und somit freie Zeit genug zum Studieren. Und stets hat Seine Majestät der König mich mit besonderem Wohlwollen behandelt, mir, wenn er mich sah, gnädig zugenickt ober auch ein paar freundliche Worte mit mir gesprochen. Sind aber aus den sechs Jahren, die er mir verheißen, allmählich acht Jahre geworden, in denen ich Soldat im königlichen Garderegiment -unb Studiosus theologiae zugleich gewesen bin. Der König hat getan, als ob er sich seines Versprechens, mir eine Pfarrstelle zu geben, nicht mehr erinnere. Ich aber hatte -inzwischen e-ennengeternt meine Eheliebste hier neben mir, damals die Jungfrau Helene Tiedemann, eheleibliche Tochter -des verstorbenen Küsters der Garn-tfonkirche -in Potsdam, und da ich von dem Versprechen Seiner Majestät erzählt, hatten wir uns verlobt, -unb die Verlobung hatte schon zwei Jahre gedauert. Ich hatte es gewagt, weil -das Mädchen so schön und ansehnlich, wohlgewachsen und hübsch gewesen ist — Nein, Leuchen, du mußt darüber nicht rot werden! Aber freilich, o groß sie ist, die Körperlänge, die Seine Majestät gefordert, hat sie nicht gemessen. Ist mir auch zuerst viel größer vorgekommen, weil sie - o stattlich ausgeschaut hatte, unb Bedenken sind erst hernach gekommen, ob der König wohl mit der Wahl meiner Helene einverstanden sein werde, weil er doch willens gewesen, durch mich und meine Frau große Nachkommenschaft zu erzielen. Nun, Über die Bedenken kam ich hinweg, weil das Mädchen soviel meinte und klagte, sie würde hingezogen, und so faßte ich -im neunten Jahr ein Herz, und als der König -einst, wie -es seine Gewohnheit war, -in gnädigem Tone fragte: .Wie geht es Ihm?', antwortete ick; unverzagt: .Schlecht, zu Eurer Majestät Befehl!' Ist der König dunkelrot geworden vor Zorn und ausgesahren: .Was, eine so unverschämte Antwort wagt Er mir zu geben? Er ist ein undankbarer Halunke, daß Er mir die vielen Wohltaten, -die ich Ihm erzeigt habe, auf -solche Weise vergilt!' Hab' -ich ruhig geantwortet: .Halten Eure Majestät zu Gnaden, ein unbankbarer Halunke bin ich nicht. Die großen Wohltaten, die Eure Majestät mir huldreichst zu erweisen geruht -haben, werde ich stets dankbar in meinem Gedächtnis bewahren, aber -ich möcht' mich doch jetzt verändern.' .. .Was? Hat Er es denn noch nicht -gut genug? Mich deucht. Er könnt damit zufrieden sein! Er führt -ein wahres Faulenzerleben, hat nichts zu tun, bekommt jein sicheres Geld!' .Eure Majestät, Über freie Zeit klage ich nicht, allein ich möcht' in meinem Stande -als studiosus theologiae bald eine Beschäftigung finden. Auch hab' ich mir eine Braut angeschafft und wünsche in den Stand der Ehe zu treten. So wollte ich Eure Majestät untertänigft bitten, sich Allerhöchst Ihres Versprechens zu erinnern, daß ich eine Pfarrstelle erhalten soll!' - ,Hoho, eilt's Ihm so sehr, die Soldatenmontur mit dem schwarzen Rock zu vertauschen? Es -deucht mir, Er wäre noch zu jung um zu freien, und Er könnt' noch ein paar Jahr damit warten!' Da i-st's -mir aus dem Maul gefahren: .Majestät, jung gefreit hat noch -nie gereut! heißt der alte Spruch unserer Väter!' ,R-a, -ich sehe, das Maulwerk sitzt Ihm noch immer aus der rechten Stelle!' hat der König gesagt und gefragt: .Wie heißt Seine Braut? Ich hoffe doch, daß sie eine große Person -ist; denn daß Er kleines Kroppzeug heiratet, gebe ich niemals zu! Er -ist groß, seine Frau muß daher auch groß sein, daß es -eine gehörig große Nachkommenschaft gibt!' .Melde gehorsamst, meine Braut -ist die Jungfrau Helene Tiedemann, eheleibliche Tochter des verstorbenen Küsters Tiedemann von der Garnisonkirche!' hab' -ich geantwortet. .Na, hör' Er, morgen um elf kann Er mir feine Braut vorführen. Ich will sie mir besehen und die Sache in Ueberlegung ziehen!' Mit diesen Worten machte der König kehrt. Nun sprach -ich denn mit meiner lieben Helene vom Befehl des Königs, daß wir am andern Morgen beide vor ihm -erscheinen sollten. Sie hat -mir -später gestanden, es -sei der schwerste Gang ihres Lebens gewesen. Aber weil sie resolut war und heiraten wollte, verbarg sie es mir damals, faßte sich ein Herz, zog ihren besten Sonntagsstaat an und wanderte, ohne mir Furcht zu zeigen, an meiner Seite zur bestimmten Stunde -ins königliche Schloß. Kaum hat -der König sie gesehen, ruft er aus: .Schmuckes Frauen- zimmerchen -ist sie zwar, aber zu klein, zu klein für meinen langen Grenadier! Geht nicht, kann die Erlaubnis zu der Verheiratung Ihm nicht geben. Er muß eine Frau haben, -die mindestens sechs Zoll größer ist als sie, sonst -g-ibt's keine große Nachkommenschaft!' Aber mein Lenchen verliert zum Glück nicht ihre Geistesgegenwart, sondern erwidert unverzagt: .Der Wille Gottes, der Eurer Majestät die Krone aufs Haupt gesetzt, hat nrich nun einmal nicht länger wachsen lassen. Es sln-d auch nicht immer die höchsten Fruchtbäume, welche die besten Früchte tragen. Wenn Gott der Herr mir -in meiner christlichen Ehe gesunde Kinder geben sollte, so hoffe ich sie zu getreuen unb braven Untertanen Eurer Majestät zu erziehen, wenn sie auch nicht alle sechs Fuß Gröhe haben sollten!' Da hat -unser König Friedrich Wilhelm I. gelacht unb meinem Lenchen ganz freundlich auf die Schulter geklopft unb gesagt: ,Seh schon, Ihr Maulwerk läuft ebenso -schnell wie -das Ihres Bräutigams, und wenn Sie and) sonst -in der Größe nicht recht zu ihm paßt, im fixen Sprechen kann Sie es mit ihm aufnehmen. So muß ich denn wohl ober übel den Heiratskonsens erteilen!' Damit waren wir in Gnaden entlassen, und es waren in Potsdam keine zwei glücklicheren Menschen als wir, da wir aus dem königlichen Schloß ijerausgipgen. (Fortsetzung folgt) tterantwortlich: vr. HansThyriot. — Druck undBerlag:Drühl'fcheUnf der sitäts-Buch-undSteindru ckerei. A. Lange,Gießen.