Nummer 44 Hreitag, den IO. )uni Mrgangl952 M* die da da die Oie Nachtigall. Von Theodor Storm. Das macht, es hat die Nachtigall die ganze Nacht gesungen; da sind von ihrem süßen Schall, da sind in Hall und Widerhall die Rosen aufgesprungen. Sie war doch sonst ein wildes Blut, nun geht sie tief in Sinnen, trägt in der Hand den Sommerhut und duldet still der Sonne Glut, und weiß nicht, was beginnen. Das macht, es hat die Nachtigall Untai j unb iihber W üde oi J ’ bk.» l9en. ! 1 Mui rgerm« erliche Bill )en Nch« eglich dkl echt hoi rl neiunbet I rznn, M stieß et: den 6mI ;net bilit'l Lil unb t'l er unb betnl Sie N'! oft M fe hismri« i jrbnunj «•' 15 ihrem w ganze Nacht gesungen; sind von ihrem süßen Schall, sind in Hall und Widerhall Rosen aufgesprungen. Tage von Trianon. Von Hans H ä r. ich eint M ;en! U H en M*| icllen y ich A der W mat«.?' t hie* holte le, nui«*j heul M 5 tonne P «e es ««fJ u MfU hn s, O fer ele6rl„V WO der * zueilen, wollte ihn um die Hüfte fassen, ihm in die Augen sehen und fragen: „Aber mein Kind, was habe ich dir getan?" Da verließ sie ihre Kraft, sie sank in die Arme der schlanken, schwarzen Provencalin, ihrer Hosdame, und hörte nur noch eine besorgte Stimme: „Majestät sind überanstrengt, Majestät müssen sich ausruhen." Seit dieser Stunde schien ihr Feindschaft aus allen Worten und Gesichtern entgegenzuspringen. Sie atmete auf, so ost.die Etikette des Hofes sie entließ, so oft sie dem Widerhall der trüben Botschaften, die seit Wochen in Versailles einliefen, entrinnen, ihren Kindern und sich selbst gehören konnte. Aus der beängstigenden Atmosphäre des Versailler Schlosses floh sie immer wieder nach Klein-Trianon, zu dem Schlößchen und dem vielfarbigen Park, der ihr ureigenes Geschöpf war. Sie selbst hatte diese idyllische künstliche Waldwildnis mitten in der gepflegten Umgebung des Königssitzes schaffen lassen. Zuerst waren sie nur Launen der quecksilbrigen Achtzehnjährigen, der Tochter der Maria Theresia — der englische Park, der See, die Grotte, der Pavillon, das kleine Theater, der Schweizerhof mit Stall und Küche, die großen Spielzeuge, die sie hier von Architekten, Gärtnern und Landleuten planen, bauen und beleben ließ. Später indes wuchsen sie ihr ans Herz, wurden ihr Erholung, Zuflucht, Trost. Und in diesem schicksalsvollen Jahre wurde ihr Klein- Trianon noch inniger vertraut. Jede freie Stunde brachte sie in dem stillen Parke zu, der fünfzehn Jahre lang Zeuge ihres Glückes, ihrer Spiele, ihrer ersten Enttäuschungen, ihrer Reue und ihrer Reife war. Die Tage von Trianon waren die lichten Tage ihres Lebens, sie wollte ihren Nachglanz bis zur Neige genießen, denn sie spürte die Heimsuchung, die Übergroß, noch unfaßbar hinter ihr stand, die sie sortreißen würde von dem glücklichen Orte besonnter Stunden. Auch heute floh sie mit ihren Kindern unb ihrer Hofdame aus der Unrast des weiten Schlosses in die Stille von Trianon. Die schwarzhaarige Begleiterin sah besorgt auf die Blässe der blonden Frau und folgte ihr schweigend zu dem See, zu der Weide, unter der sich die Königin niedersetzte. Wie sie jetzt mit wehmütigem Lächeln in den Park sah, auf das Wasser, auf das Tannenwäldchen, auf die Grotte, glich sie einem anmutigen, hilfesuchenden Kinde. Fern war alle herrische Gebärde. Sogar das betonte, fordernde Kinn der Habsburger, das ihre Gegner mit Aerger erwähnten, verlor sich in ihrem traurigen Lächeln. „Erinnern Sie sich noch, Madame —" sagte sie zu der dunklen Begleiterin. „Dort drüben haben wir vor vier Jahren noch Theater gespielt!" „Oh, ich erinnere mich. Majestät deklamierten mit einem Feuer, der den "Neid der Künstler erregte." „Und dort, dort spielten sie noch im letzten Sommer ein Quartett meines Landsmannes, des Wolfgang Amadeus Mozart. Als ich noch ein Mädchen war, habe ich ihn in Wien gesehen. Damals war er noch ein Wunderknabe am Klavier, heute hat er herrliche Opern geschaffen. Schade — auch er ist gegen uns!" „Gegen uns, Majestät? Wie meinen Sie das?" „Konnte er sonst „Figaros Hochzeit" komponieren? Konnte er sonst Musik schreiben, zu einem Rebellenstück, ein Schauspiel zur Oper machen, das dieser Beaumarchais, dieser Spekulant, dieser Hetzer, dieser Geschäftemacher schrieb?" Die Provencalin sah erstaunt, wie sich das Ge- sich der Königin rötete. Nun schob sich auch wieder die charakteristische Unterlippe vor, die den Feinden als Ausdruck ihrer Herrschsucht erschien. Doch schon beugte sich das Haupt, unsagbar demütig: „Aber vielleicht ist das eine gerechte Vergeltung. Vielleicht haben wir die Künstler, die Geistigen zu sehr als Zeitvertreiber angesehen, zu wenig ihren Hunger, ihren seelischen Durst gestillt." Die Königin straffte sich wieder: „Und unter dieser Weide ... wissen Sie noch?" „Ja, hier haben wir „Werthers Leiden" von Goethe gelesen", sagte die "Hosdame mit träumerischem Lächeln. Ein großes Buch, aber viele haben es nicht verstanden. Sie haben es zu wörtlich genommen. Studenten und Künstler haben Selbstmord verübt — weil Werther sich tötete, weil es Mode wurde, weil es elegisch und heldisch aussah. Aber der Selbstmord ist keine Losung, kein Weg. Man muß sein Leben um jeden Preis vollenden. Wenn es sein muß — bj- zum bittersten Ende!" Die Königin sagte es inbrünstig, und em tiefes Licht schimmerte aus ihren Augen. Die Gräfin war nicht verwundert, als die Herrin bat: „Wollen Sie sich für einige Minuten der Kinder 'annehmen? Ich mochte ein Weilchen allein fein!" 2t(g die Begleiterin sich mit den Kindern entfernt hatte, verlor die blonde stolze Frau alle Fassung, die sie vor den Augen der anderen bewahrt'hatte. Sie sank zusammen und weinte hemmungslos. Oft hatte der Park ihre Tränen ausgenommen, aber nie hatte sie den uferlosen Schmerz verspürt, der sie heute bedrängte. Wo waren die Erlebnisse von Xrianqn geblieben? Da grünte noch der Rasen, auf dem ihr einst ihr großer Bruder im Spiele huldigte, der deutsche Kaiser Joseph II. Wie entzückten ibn die Zauberisch schwebte die Stille in dem Park von Trianvn. Drüben wer, in dem nahen Versailles, rumorten Angst und Unruhe. Pserbege- ivppel, metallisches Klirren von Massen und Hufen erfüllte die Vorhofe 1’5 Schlosses. Seit Wochen zitterte hier die Erregung durch alle Sale, flure und Kabinette. Die Majestäten fanden keinen Schlaf mehr. Lud- iig XVI. ritt zwar noch manchmal zur Jagd nach Fontainebleau, ging och zu seiner Schlosserwerkstatt, wo er sich aus gequältem Königtum in ie Scheinwelt behäbigen Handwerks rettete. Ader die alte Freude stand i cht mehr auf. Wenn er früher das Schurzfell vorgebunden, mit breitem lachen vor der Esse stand, vergaß er alle Sargen und Darstellungen des hmer klagenden Finanzministers, vergaß er die Schuldenlast, das böse (tbe, das ihm seine üppig wirtschaftenden Vorgänger hinterlassen hatten, ifcer in diesem erregten Jahre 1789 warf die Gefahr ihren Schatten auch «of die Stunden der Erholung. t , Das Volk war aufgewühlt, hatte die Zwingburg der Bastille zerstört, ie Vorrechte des Adels und der Geistlichkeit beseitigt Die Abgeordneten i r Nationalversammlung zwangen dem Hofe eine Verfassung auf, oi i n Machtbereich des Königs beschränkte, neue Bürgerrechte und neue ürbnung der Steuer schuf. Zwei Brüder des Königs und viele Adlig taten schon ins Ausland geslohen. Paris war ein Heerlager der V> rg (erben, ber Revolutionäre. , _ Auch ber König sah ein, baß viel Unrecht gutzumachen war Aber ('ich es nicht einer ßoroine — dieses Drohende, Ungeheuere a L ranroUte?^Waren bie letzten Wochen nicht nur Auftakt, Vorbereitung in grenzenlosem Schrecken? Die «ebner ber Hauptstadt waren gallige ^Pötter geworden und streuten die Saat des Aufruhrs m alle W • Hie Volkslieder hatten sich in Spottstrophen verwandelt, bie bengut- r ütigen König lächerlich machten. Wilder noch, lodernder noch waren die ^chmahgejänge gegen die „Oefterreicherin", die Lieder, die die 3 , (nnte Marie Antoinette mit Haß bespien. , , , <=*„(■> . Der Königin galt bie leibenschaftlichste Empörung. Der betonte Stolz 1 rer blonden Schönheit forderte den Widerspruch der Franzosen h-r^ -us. Die Gegner der „Oesterreicherin" fühlten, daß sie fester war alsihr Gemahl, daß sie männlicher und kühler dachte als mancher der «awi- •£re von Versailles. Leichtsinnige Tage ihrer Jugend, v°^chwenderische wf*e, kleine Ballabenteuer unb eine verwickelte Afsare umeinHal^ tnnb lieferten ben Stoff für bie Kehrreime, bie in allen Gatzen von k Antoine bis St. Honore, von Marseille bis Lille gesungen wurde •*mer dachte daran, daß all bas, was man ber „Sremben vorwarf "Uhre zurücklag, baß sie heute eine ernste Dame geworden war Sie m ’-k schon wie ehedem, biegsam und groß aber blaß und s ,~. v, m 7 Augen lagen Schatten. Zwei ihrer Kinder waren früh dem Siechtum . ' 'egen, und am Hofe war sie jetzt, nach vielen fahren noch eiMam^ °n dem Tage, da die junge österreichische PnuZesstn von den M g ' „vielgeliebten Königs" eingeholt wurde Ader das erkannten iyre ^folger nicht. Sie riefen ihr „Nieder mit der Oesterreicherin. Mar^Antoinette wurde fahl und spürte biefllmmerndenVorzeichsn . 'ner Ohnmacht, als ihr vor einigen Tagen solch em SpottÜed fow in Nähe des Schlosses begegnete. Ein kleiner Atcnen nach- ■j.nne bie Jungens zu allen Zeiten bie Couplets ber ■ L »naben '■arren: gebantenlos, betulich unb grinsenb. Sie wollte f |d)liM lern U Die U ■ Witilt !>ch WM । der fc > inchi» Isgehch,., Haße, ch eint j$ höuslm« )a tonn n SiehenerzamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Gräsin, machen zeigen, sich zu Eine wichtige Aufgabe der Geschichtsschreibung ist es, Unrecht an Persönlichkeiten wieder gutzumachen, die von Mit- und Nachwelt in ver- zcrrter und gehässiger Weise beurteilt wurden. Solche „Ehrenrettungen" sind seit Lessing häufig unternommen worden. Doch manche bedeutende Persönlichkeit wartet noch immer aus solche Reinigung ihres Bildes von falscher Verdächtigung. Es sind meist komplizierte Naturen, deren tiefere Beweggründe schwer zu entschleiern sind, allzu freimütige Bekenner, die die öffentliche Meinung verachten, vielleicht sogar gern die Maske der Verruchtheit vornehmen und ihre dämonische Wirkung absichtlich unter« treichcn. Zu diesen schillernden Gestalten, deren Prozeß vor dem Richter- tuhl der Geschichte revidiert werden muß, gehört G e n ß, der geniale wlitische Schriftsteller und Diplomat. Die liberalen Kreise, die nach seinem Dieser Mann ist trotz vielsacher Bemühungen um das schwierige Charakterproblem noch nicht erstanden. Wohl besitzen wir einige feine psychologische Studien, die tiefer und gerechter in die labyrinthischen Hinter- gründe seiner Eigenart hineinleuchten, einige unvollendete Ansätze zu einer Biographie, 'die Gentz' Stellung in der deutschen Geistesgeschichte bestimmen muß, aber noch immer lebt in der allgemeinen Vorstellung der leidenschaftliche Vorkämpfer für Europa und gegen Napoleon, an dem Ranke nur Ernst und Fleiß entdeckte und dem einer seiner Beurteiler „heroische und antike Größe" nachrühmt, als ein lüsterner Weiberheld, Bonvivant und Hintertreppen-Intrigant, wenn nicht gar als der „Sardanapal der liederlichen Genialität". Das beruht zum großen Teil darauf, daß Gcntz' politische und amtliche Tätigkeit sich hauptsächlich hinter den Kulissen abspielte, daß seine schriftstellerische Arbeit den Fragen des Tages diente, daß seine historischen Werke keine neuen Ideen enthalten und trotz ihrer mcisterhasten Form nur noch als Quellen der gelehrten Forschung dienen. Seine Persönlichkeit aber spiegelt sich in vielen Reflexen in der Gesellschaft seiner Zeit, in den Briesen und Aeußerungen aller bedeutenden Geister, mit denen er in Beziehung stand, tritt aus seinen eigenen intimen Bekenntnissen, besonders seinen Tagebüchern, in ungeschminkter Nähe hervor. Die menschlichen, mehr anekdotischen Züge, die den hinreißenden Plauderer im Berliner Salon der R a h e l und in den vornehmen Wiener Zirkeln der Kongreß-Zeit zeigen, den eleganten Mann als Freund berühmter Schönheiten, noch den Greis als den glücklichen Geliebten der anmutigsten Frau der Epoche, der Tänzerin Fanny Elßler, haben seine Erscheinung lebendig erhalten, und in einem tieferen Sinn führt dieser saszinierende Zauber des Salon Löwen, der sich „an die Weiber hielt", in das innere Zentrum seiner Natur und seiner Wirkung, denn das Erotische hat seinem Talent den höchsten Aufschwung verliehen und seine Tätigkeit konnte sich nur im Gesellschaftlichen ganz entfalten, das damals noch in einem viel höheren Maße als heute die (Grundlage aller Politik war. letzten Tag von Trianon. Sie pflückte eine einzige Blume aus dem weiten Park, ein einziges zartes Andenken, warf noch einen Blick auf die Grotte, auf die Weide, auf den See. Dann schritt sie aufrecht zu der Kalesche, die sie von dem Frieden Klein-Trianons zu Dem bedrohten Hofe trug. Vom süßen Sinnen zur herben Prüfung. Vom Spiel zum Kreuzweg, zur Guillotine, zur Ueberwindung alles Leides. Friedrich von Gentz, Diplomat und Grandseigneur. Zu seinem 10 0.Todeslage. Von Dr. Paul Landau. Lode die Formel für sein Wesen prägten, erblickten in ihm den bezeichnendsten Vertreter der reaktionären, selbstsüchtigen, ausschweifenden und verlogenen Restaurations-Epoche, nannten ihn „das verkörperte Prinzip der Genußsucht" und nahmen den Vorwurf der Käuflichkeit, den Napo- Icon gegen ihn geschleudert hatte, eben weil er ihn nicht kaufen konnte, für erwiesen an. Aber schon 1857 fragte Hebbel: „Ob der Prozeß gegen unser vielleicht größtes politisches Talent wirklich unparteiisch entschieden ist? Ein Berufenerer als ich nehme die Revision auf; hat Deutschland einen Publizisten, der sich auf mehr versteht als aufs Fluchen und Segnen, hier kann er sich zeigen." Ueberrafchungen dieser Derborgenheitl Wie schmeichelte er ihrer Anmut! Aber hatte er sie nicht auch gewarnt, nannte er sie nicht „eine kleine Verschwenderin"? Mahnte er sie nicht, ihren Ruf zu hüten? Nun waren sie alle ferne oder tot ... Oesterreich, Wien, die Mutter, die Heimat. Da stand auch noch der Meierhof, in dem sie einst die Schweizerbäuerin spielte, Kühe molk, Butter und Käse machte. Es war gewiß ein kurioser Einfall, aber war er so verdammenswert? Sie war doch noch ein Kind, als sie die Braut des Dauphins wurde, als Ludwig ihr diesen Park sche'nkte! Was sollte sie mit den steisen-Taxushecken, mit den Treibhäusern, die sie damals hier vorfandI Ein Fleckchen gesunder Natur, wilde Rosen und Veilchen wollte sie sehen. Darum hatte sie diesen Platz schaffen lassen. Auch das haben sie ihr verübelt, auch darüber fingen sie ihre Spottverse. , Sie würden ihr alles verübeln, sie würde es ihnen nie recht können, sie — die Oesterreicherin. Nun galt es, den Feinden zu daß die befehdete Frau Mut hatte. Nun galt es stark zu sein, behaupten ober ungebeugt zu dulden. Marie Antoinette war ruhiger geworden. Sie rief nach der . . nach den Kindern, aber sie bekam keine Antwort. Sie rief abermals und nun hörte sie Schritte. Doch statt der erwarteten Provencalin stand plötzlich schwer atmend und blaß ein Kurier vor ihr, der sich schüchtern verneigte und einen Bries Überreichte. Rasch erbrach sie bas Siegel bes Ministers und las: „Die Königin wird untertänigft gebeten, ins Schloß zurückzukehren. Sie wird dort Seine Maseftät sinden. Die Sektionen von Paris sind nach Versailles unterwegs." Am Himmel zeigte sich ein rötlicher Streifen, die Königin sah ihn gebannt. Er war ihr wie ein Fanal, wie ein prophetisches Zeichen. Während die Pariser Sektionen mit Kanonen und Sensen und sanati- fierten Frauen nach Versailles marschierten, um Ludwig und die Königin mit Gewalt in die Hauptstadt zu holen, um sie dort festzuhalten und die alten Gewalten zu erdrosseln, nahm Marie Antoinette Abschied von dem Aus dieser glänzenden Oberfläche kann aber die Eigenart seiner seit- sam gemischten Natur nicht erkannt werden. Seine Lebenssreundin Rahel, die so ganz anders, so viel innerlicher und echter war, die ihn so aus der Nähe gesehen wie kaum jemand anders und viel an ihm auszusetzen hatte, schrieb doch nach seinem Tode: „Seine Perfidien find anders als der andern ihre; er gleitete wie in einem Glücksschlitten sliegend auf einer Bahn, auf der er allein war; und niemand darf sich ihm vergleichen. Hatte er Schmerz, litt er Widerspruch, dann war er nicht mehr auf dieser Bahn und bann verlangte er Hilfe unb Trost, die er nie gab ... Viele Menschen muß man Stück für Stück loben und sie gehen nicht in unser Herz mit Liebe ein; andere kann man viel tadeln, aber sie öffnen immer unser Herz, bewegen es zur Liebe. Das tat Gentz für mich, und nie wird er bei mir sterben." Seine Selbstsucht wurde überstrahlt durch die geniale Hingabe seines Persönlichsten. Er ist immer ein „großes Kind" geblieben, unschuldig bei aller Verderbtheit, naiv bei allem Raffinement, offen bei aller Lüge, zu der ihn feine lebhafte Einbildungskraft verleitete ... Wie man fein Aeußeres häßlich und schön genannt hat, [o war auch (ein Inneres voll großer guten Eigenschaften unb voll kleiner Fehler, die aber menschlich allzumenschliche Resonanz dem Pathos seines Austretens erst Glut unb Fülle verliehen. Gentz steht als geistesgeschichtliche Erscheinung zwischen ben Zeitaltern der Ausklärung, des Klassizismus unb der Romantik mitten inne. Seine Weltanschauung und Bildung ist rationalistisch, durch seinen Lehrer Kant bestimmt; feine Haltung ist klassizistisch in ihrer beherrschten Würde, besonders an Schiller geschult. Aber der Feind des Mittelalters, der feinen stärksten Einfluß auf Romantiker aus- übte hatte doch auch romantische Elemente in sich, eine schwärmerische Weichheit, eine dunkle angstvolle Ahnung der Nachtseiten des Lebens. Genf; ist nie ein Don Juan gewesen, trotz seiner vielen Liebesverhältnisse. Wenn er auch nach seiner Verpslanzung aus der preußischen Beamten- Sphäre in bas Wiener „Capua bes Geistes" der allgemeinen Frivolität sich mehr hingab unb sie in seiner Sucht bes Seldst-Erkennens unb -Bekennens unterstrich, so blieb er doch der sinnlich-übersinnliche Freier, der immer wieder im Rausch der Schwärmerei seine höchsten Erlebnisse sand. In diesen Beziehungen zu angebeteten Frauen entzündeten sich seine Geisteskräfte, vor allem seine Beredsamkeit, durch die er nicht nur weibliche Herzen, sondern auch Staatsmänner und ganze Nationen verführte. Die Wundergabe des Gespräches, der Wohllaut feiner Stimme, das Feuer und der Takt seiner Rede öffneten ihm die sonst dem einfachen Schriftsteller und Beamten verschlossenen Kreise der höchsten Gesellschaft, unb in der intimen Unterhaltung hat er am stärksten gewirkt, hat auch in seinen Schriften durch den bestrickenden Ton der Ueberrebung bie Geister in seinen Bann gezwungen. Er war kein Volksrebner, kein Mann ber großen Masse. Als Grandseigneur trat er auf, und dazu gehörte die ihm oft vorgeworfene Verschwendung, die ihm zur Erhöhung seines Ansehens diente. Er war ebenso berühmt wegen seiner Riesen-Trinkgelder wie wegen seiner luxuriösen Gesellschaften. Großzügig war er stets im Geben, wozu ihn seine „dämonische Gutmütigkeit" trieb. Freilich nicht weniger großzügig im Nehmen. Dafür, daß er sich bestechen ließ, ist auch nicht der Schatten eines Beweises erbracht worden. Seine Uederzegung hat er nie verleugnet, seine Anschauungen nie um äußeren Vorteils willen gewandelt. Aber, daß ber Mann, ber die Seele des Kampfes gegen Napoleon, der die stärkste geistige Stütze der Throne und der Wiederherstellung der alten Ordnung war, sich dafür fürstlich belohnen liefe, war selbstverständlich, und man gab dem ewig Geldbedürstigen gern unb reichlich, Denn er war „ein sehr vornehmer, vielfach verwöhnter und bedürfnis- reicher Bettler", wie ein preußischer Minister bei der Aussetzung einer Dotation bemerkte. Mit dieser so reich entwickelten Gefühlsseite verband sich bei Gentz eine Klarheit und Schärfe des Verstandes, wie sie bei so sensiblen, zarten Naturen selten zu finden ist. In allen (einen Aeußerungen ist das Vorherrschende kühle Besonnenheit, nüchterne Vernunst, das Erbe der Auf- tlärung. Er besitzt ben burchbringenden Blick bes Staatsmannes, der verworrene Chaos der Verhältnisse als das Walten weniger Grundkräfte erkennt und meistert. Nach einer kurzen Periode der Bewunderung der französischen Revolution, die er mit vielen der Besten teilte, gewinnt er seinen festen Standpunkt als entschiedenster Gegner alles Revolutionären; er fühlt sich „vermöge der Anlagen und Mittel, die die Natur in mich gelegt, zu einem Verteidiger des Alten und zu einem Gegner der Neuerungen berufen". Als Verfechter der Tradition, der historisch bedingten, gesetzmäfeigen Entwicklung tritt er ganz natürlich auf die Seite Oesterreichs im Kampf gegen ben „Sohn der Revolution" Napoleon unb wird der Repräsentant des englischen Einslusses auf dem Kontinent. Er drängt zu der Verbündung Preußens mit Oesterreichs, weniger aus nationalen Gründen, mehr als „guter Europäer", der den Störenfried des Gleichgewichtes, der Ruhe und des Friedens vernichten will. So wird Gentz durch die'zähe Kraft feines Wollens, durch den uiierfchülterlichen Glauben an den Sieg der Ordnung und des Rechtes neben Fichte zum leidenschaftlichsten und geistesmächtigsten Träger der Besreiungsidee, zum ^getreuen Ekkart" Deutschlands, der ihm in seiner Verzweiflung neuen Mut und Vertrauen einflößt, in den schwierigsten Lagen Rat unb Hilfe weift und mit unerschrockener Tapferkeit gegen den französischen Weltbeherr- scher auftritt. In dieser Zeit von 1802 bis 1809 zeigt der als „feiger Geniißling" verschriene Mann bewunderungswürdigen Heroismus und eine flammende Begeisterung, die etwa in seinem Strafgericht über bei abtrünnigen Freund, ben Historiker Joh. v. Müller, ergreifenb znm Ausbruck kommt. Seine sonore, männlich feste, babei so überjeugenbe und fortreißende Stimme tönt ans den österreichischen Kriegsmanifesten von 1809 unb 1813, aus der Achterklärung des aus Elba entflohenen Napoleon. Nun wird Gentz durch zwanzig Jahre bis zu feinem Tode die „rechte Hand" Metternichs, und mancher fand, daß in diesem Falle „dtt Hand mehr wert sei als der Körper". Er ist der ständige Protokollführer aller europäischen Kongresse, ber berounberte Meister bes diplomatischer . Stils, ber den größten Einfluß aus die Neueinrichtung Europas halte. Größer aber ist er als freier politischer Schriftsteller, als einer ber Haft ■ fischen deutschen Publizisten, am größten als einzigartige, in allen ihren. | Vorzügen unb Fehlern einheitlich starke, bärnonische, faszinierenbe Persönlichkeit. „Großen Dank!" die Mütze ein wenig i den Hirnkasten zerrissen, wie das all zurechtgeschmissen werden sollt. Und du stellst dich, »als hättest du noch kein Spatzennest gesehn? Scham ! dich mit deinem Drensekopp. Alleweil is die Kumedie aus. Die Wallen- leren Bedingungen tust einen Gegend aber gelöst ist, dann „Ich war gestern in antreibt und wahrscheinlich sogar noch Kraft an die Luftschraube abgeben kann. Natürlich muß auch der Flieger innerhalb des unter Druck stehenden Gehäuses sitzen. Dies bedingt, daß alle Steuerungsmittel sowohl für den Motor wie für die Steuerung des Flugzeugs luftdicht aus diesem Raum herausgeführt werden müssen. Dies macht natürlich gewisse Schwierigkeiten, die aber nicht unüberwindbar sind. selsbagasch geht dich nix mehr an. Mach net, daß deinem Vater sein Staub sich wend't. Alloh!" Hochausgerichtet schritt sie über den Hof. Er folgte ihr, den Kopf gesenkt. In dem Augenblick, da er in die Stube trat, erhob sich der Bornschorsch, fuhr mit dem Handrücken über den Mund und sprach: Gebrüder! Wie ich vorhin hier heraufgekommen bin, hab' ich so meine Betrachtung angestellt. Ich mein' als, wir hätten eine andere Luft. So leicht is mir, so wohl. Ich greif' mich an den Kops. Ich kann s noch gar net recht glauben. Un is doch wahr. Der Dalwigis gestürzt. Gott sei Lob und Dank! Gebrüder! Das Vertrauen seiner Mitbürger hat unfern Kandidat Karl Specht zum Bürgermeister gemacht. Das Amt des Bürgermeisters is ein Ehrenamt. Dadurch, daß wir den Karl Specht gewählt haben, haben wir uns selbst geehrt. Wer der Spechtskarl is wißt ihr so gut wie ich. Er wird nun zeigen, was er kann. Ich hoff, daß er im Amt seine alten Freunde net vergißt. Das dürfen wir ja ruhig sagen, unser einmütig Zusammenhalten hat ihm zum Sieg verhalfen, s war aber net honett, wann wir in dieser Stunde die SpechtsMarie vergessen taten. Dann die mit ihrem Napoleonsgeist stand vorn im Feuer, gerad wie ein Pfahl und ließ net haardick nach. So mußt' ein Rad ins andere greifen, daß die Mafchin' ins Laufen kam. Und doch war alles nur Menfchenwerk. Ich schätz', wir sollen nach oben gucken. SCb,t,g9euer und Wacht!" schrie die Spechtsmarie mit flammendem Blick. „Ich hab' die Last und den Zores vor dere Wahl gehabt und hab' mir sch n Rchi “Us hch “Is itl luf einer reicht, ms dich ■■■ Siilt m nult, m imnw nie »itl ie genialt geb(ieben, offen in ...» “Ulf) sm , die aitt eiens erjt fdjeie; der L onollM zistisch it Aber k fiter aus ännerH s 2ebre, Milch Beamiii. FrimM und * freier, in ni|fe fanl, sich sein nur w* nerM das F« in SdjrÄ versetzte er, seine volle Ruhe bewahrend, und fügte, „w „.„„a ...._____o lüftend, hinzu: „He hat NU seine Straf'. Ich gunn's ihn. Aber daß ich das Mädchen zum Uz gehabt hab', das reut mich mein Das Flugzeug ist am 2. Oktober 1931 mit Diplom-Ingenieur Hoppe als Führer zum erstenmal ausgestiegen, aber nur in mäßige Höhen und ohne die Einrichtungen für den Höhenflug. Es hat sich bei diesem Fluge vorzüglich bewährt. Die für den Höhenflug erforderlichen Einrichtungen werden zielbewußt nach und nach entwickelt und einzeln in Flügen erprobt. Erst wenn die Druckhaltung der Kammer, die druckdichte Durchführung der Steuermittel und die Einrichtungen zur Schaffung ausreichender Sicht aus der gefchloffenen Kammer vollkommene Betriebssicherheit gewährleisten, werden die Schleudergebläse eingebaut, das erste in allernächster Zeit. Nach Probeflügen, die demnächst beginnen werden, wird in einigen Monaten das zweite Gebläse eingesetzt, mit dem dann die häufigere Durchführung längerer Flüge in die bisher nur vereinzelt und vorübergehend bei den letzten Welthöchstleistüngen von Flugzeugen erreichten Höhen möglich werden wird. Das ist noch ein langer und dornenvoller Weg, aber wohl der einzige, der ohne Opfer an Menschenleben und Flugzeugen mit Sicherheit die Aufgabe lösen wird. Wenn sie ' ' wird man tatsächlich in Deutschland sagen können: Neuyork!" Oie pariser. Roman von Alfred Bock. (Fortsetzung.) So Gott der Herr tut für uns stehn, Muß uns die Welt wohl lassen gehn. Gebrüder, stoßt mit mir an. Unser neuer Bürgermeister lebe hoch!" Unter donnernden Hochrufen klangen die Gläser aneinander. Der Karl gab einem jeden die Hand. Draußen vor dem Haus richteten junge Burschen als Siegeszeichen einen Fichtenstamm auf, und der Gesangverein ließ es sich nicht nehmen, seinem bewährten Mitglied ein Ständchen zu bringen. Nachdem die Deputation abgegessen hatte und auch die Sänger bewirtet worden waren, zog die ganze Gesellschaft, den Neugewahlten an der Spitze, ins „Lamm".-- Auf seiner Bettstatt hinter dem großen Aktenschrank saß der Alt- büraermeister und hielt mit der Rechten den schmerzenden Hinterkopf umspannt. Die Annegret, die angsterfüllt nach ihm sehen wollte, hatte er barsch hinausgewiesen. Das (Befrag’ und Getu war ihm unausstehlich, 's war ihm hundsschlecht. Aber das machte er mit sich selber ab Aus seinen jungen Jahren tauchte ein Bild vor ihm auf. Em gluhheißer Sommer. Auf dem Römersacker hatte sein Vater eben das Korn zu schneiden begonnen, als er vom Schlag gerührt zusammenbrach. Er hatw 'oaleick die Sprache verloren. Grauenvoll klang sein Lallen. Wit der noch beweaungsfähiqen linken Hand deutete er auf fein Gemck, und sein tod- banger Blick sprach: „Da sitzt's." Ein paar Tage später war er hm. Melcber Melcher, am End is das Reißen dahinten auch so em Vor- reiter den der Tod dir schickt." Stät, stät! Sein Vater hatte die Siebzig längst Überschritten und war ewig klapperig. Er stand in den Sechzigern und war von Herzen gesund. Trotz alledem hatte ,hn der, Schreck ,m Rathaus kriminalhart gepackt und wühlte noch in ihm fort s war auch keine Kleinigkeit. Achtzehn Jahre war-er König gewe en m seinem Reich, achtzehn Jahre hatte er die Bauern unter der Fuchtel gehabt. Sie hatten das Leben geführt, das sie verdienten. Spreu im Kopf handelten sie hm und dachten nicht weiter wie sieben Paar Ochsen. Dann waren die Pariser zurückgekommen und hatten die Grütze mitgebracht und den rebellischen Geist Er hatte die Kujone nie unterschätzt. Dennoch warf er sich do-, daß ©elfter itl Kann kl te die H 18!n|eit':| gelber w| im 6tlf! I jt weniger I and) nifl ung Wc mitten H qen M ■tafle» r selbst» d reiiM bebürl”' Jung * Sech* len, iy t bas» e bei >5, jjrunW berunp; aefflin’1 *' W ur in i"1- ber* b*ö eile E n unb Erd'« ’ natl*L o.» ttll i-"-" «SA oet alle" x ,ren6‘ Die zweite wichtige Frage ist die, wie man den Jnsasien und dem Motor eine genügende Menge von Verbrennungsluft ^su^t. Bekannt, lief) pflegen ja die Menschen in Hohen von über COOO M"ter hohenkrank zu werden, weil sie nicht mehr genug Sauerstoff zur Atmung also zur Aufrechterhaltung der lebensnotwendigen Verbrennungsoorgange ein atmen können. Einige hundert Meter können sie noch h°h-r 9ehen wenn sie sich künstlich Sauerstoff zuführen, aber darüber hinaus hilft auch das nicht mehr: es treten dann schwere Vewußtsemsstorungen ' * der Tod ein. Hiergegen Hilst nur bas Mittel, bas ja au| ^iccairb an- gemenbet hat: Man muß die Menschen in eine druckfefte Kammer setzen die beim Junkersflugzeug „Ju 49" doppelwandig ' - ""d muß ,rn Inner den Luftdruck aufrechterhalten, wie er unmittelbar über dem Meere herrscht. Das kann man dadurch tun daß man e.ri ®ebfa|« n g das entweder vom Flugzeugmotor, durch eme °°m Fahrwind angetrieben Luftschraube oder durch eine Abgasturbme angetrieben wird von b wir noch zu sprechen haben werden. Aber auch zur V r>dnnen ^t’t'nnftoffs in den ^n^mdern des Motors kann dieser in . Lust nicht genug Sauerstoff ansaugen. Der Motor würde daher vori emer a-nVfkn an einfadi stehenbleiben. Man braucht daher auch jur Den Wr ein Gebläse da? Lie Luft auf ein Zehntel zusammenpreht und sie ihm so zudrückt. Geschieht dies, so arbeitet der Motor in dief°nH°henunt°r günstigeren Bedingungen als in der Nähe der Erde. Nahe: d , & Lust einen Gegendruck von einer Atmosphäre gegen das Austreten der Auspussgafse aus zu deren Uebcrroinbung ber Motor Arbeit leijien Muft U 'ist a“fö ein Gewinn, baß dieser Gegendruck nur noch em Zehntel Atmosphäre beträgt. Um die so gewonnen ,^, P;ne Mbqas= Atmosphären zu verwerten, kann man mit bielem Dr 9^ hen "stator turbine betreiben, bie bie Gebläse für ben Fluggaftraum unb ben Motor Vom Höhenflugzeug. Von Max Fischer. (Nachdruck verboten.) Durch die Zeitungen ist wiederholt die Nachricht gegangen, bah bie Firma Junkers in Dessau gemeinsam mit ber Notgemeinschaft ber Deutschen Wissenschaft und ber Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt ein Höhenflugzeug „Ju49" von 28 Meter Flügelspannweite mit einem Jun- kn'srnotor von 800 Pferdestärken baut. Hieran sind zum Teil aufsehenerregende Berichte geknüpft worben, bie ben Kern ber Sache nicht treffen. Wir wollen beshalb einmal auseinanberfetzen, um was es sich eigentlich habet handelt, unb zu welchem Zweck man überhaupt Höhenflugzeuge bauen will. Zunächst möchte man solche Flugzeuge zur Erforschung ber höheren Lustschichten haben. Man kann mit solchen bemannten Flugzeugen, bie in Höhen von 12 bis 16 Kilometer über ber Erbe Vordringen, z. B. für bie Wettervorhersage auf weite Sicht bebeutenb mehr feftfteüen als mit unbemannten Meßgeräteballonen ober mit Einzelausstiegen bemannter Ballons nach Art des Aufstiegs von Piceard. Eine solche Vorhersage lohnt sich wirtschaftlich und rechtfertigt so bie aufzuwenbenben Kosten. Dann aber möchte man zum Langstreckenverkehr solche großen Höhen aussuchen, benn ba die Lust beispielsweise in 16 Kilometer Höhe nur noch ein Zehntel der Dichte hat wie über dem Meere, so vermindert sich der Luftwiderstand dementsprechend. Dadurch lassen sich geradezu unvorstellbar große Geschwindigkeiten erzielen, so daß man z. B. damit rechnen kann, in 12 Stunden von Deutschland nach Neuyork zu fliegen. Aber nicht nur bie Geschwindigkeit ist in diesen bedeutenden Höhen größer, sondern auch die Verkehrssicherheit und die Regelmäßigkeit des Fluges. Die in diesen Höhen zu erwartenden Winde spielen bei Verkehrsgeschwindigkeiten von etwa 400 Kilometer in ber Stunde keine erhebliche Rolle mehr, denn je schneller man fliegt, desto geringer wird ber Einfluß des Windes auf bie Reisegeschwindigkeit. Fliegt ein Flugzeug z. B. mit 100 Kilometer Stundengeschwindigkeit gegen einen Wind von 50 Kilometer Stundengeschwindigkeit, so beträgt [eine Reisegeschwindigkeit nur 50 Kilometer, ist also auf die Hälfte herabgesetzt. Bei 400 Kilometer Stundengeschwindigkeit des Flugzeugs gegen denselben Wmd legt es immer noch 350 Kilometer in der Stunde zurück, büßt also nur ein Achtel an Geschwindigkeit ein. Auch die „Ortung", das heißt die Feststellung des Platzes, wo sich das Flugzeug befindet, macht in den großen Höhen deshalb keine Schwierigkeiten, weil Sturm, Wolken und Nebel weit überflogen werden: ununterbrochen wölbt sich der klare Himmel über dem Flugzeug und gestattet zu jeder Tages- und Nachtstunde Ortsbestimmungen nach den Gestirnen, die man auch bei Tage sieht, zur Ergänzung der Leitung durch den Funk. Man wird auch in diesen großen Hohen, wo mit keinerlei Hindernissen zu rechnen ist, in ausgiebigem Maße von der selbsttätigen Kurssteuerung Gebrauch machen können, durch die bas Flugzeug Die Richtung unb die Höhe genau einhält, auf bie es einmal angesetzt ist, ohne baß ber Führer einzugreifen ober zu steuern braucht. Sollte ein Motorschaden bas Flugzeug zur Notlandung zwingen so kann man im Gleitfluq noch etwa 200 Kilometer zurücklegen was nahezu eine Stunde dauert, hat so Gelegenheit, einen Flugplatz oder auf dem Meere ein Schiff anzusteuern, unb Zeit, bie erftrderlichen Funknachrichten auszutauschen, also z. B. Hilfe von Schiffen zu erbitten ober wenigstens ihren Stanbort festzustellen. Zur Erreichung bieser Ziele finb verschiedene technische fragen ju lösen Zunächst taucht die Frage auf, ob denn die Flügel in dieser verdünnten Luft das Flugzeug Überhaupt noch tragen Diese Frage last sich eigentlich von selbst, denn je dünner die Luft ist, desto geringer wird ber Stirnwiderstanb, unb besto schneller fliegt das Flugzeug, je schneller es aber fliegt, von desto bünner'er Lust wird es bei gleicher Flugelgroße noch getragen. An den Flügeln sind deshalb keine besonderen Aende- rungen erforderlich, ebensowenig an den Steuergliedern, die auch >n b er dünnen Lust wirksam bleiben, wett bie Geschwmdigkeit des sie beeinflussenden Fahrwindes entsprechend größer ist. er viel zu lässig gewesen, das Ungeziefer unschädlich zu machen. Das hatte sich schwer gerächt. Mit seiner Bürgermeisterherrlichkeit war's nun vorbei. Zwar würden seine Anhänger gegen die Wahl Einspruch erheben. In vier, sechs Wochen, darauf konnte man rechnen, ging der Tanz von neuem los. Heber den Erfolg gab er sich keiner Täuschung hin. Im günstigsten Fülle erhielt er drei, auch vier stimmen mehr als heut. Das war gehupft wie gesprungen. Er mußte sich damit abfinden, daß er sein Amt verloren hatte. Aber doch nur sein Amt. Und das Amt verlieren hieß nicht, sich selbst verlieren Eh daß er seinen Feinden das Schauspiel bot, als geschlagener Mann im Dorf herumzulatschen, hackte er sich lieber die Zehen ab. Die mußten erst noch geboren werden, vor denen er die Flagge strich. Er, der Melcher Wallenfels! Die Pariser hatten die Zügel in Händen. Nicht zufrieden damit, würden sie ihn Tag und Nacht umlauern, ihm allen Tort anzutun. Sie mochten's nur versuchen. Sie würden ihn auf der Schanze finden. Gab die Regierung der Beschwerde seiner Freunde statt, lag ihm ob, die Amtsgeschäfte weiter zu führen, bis abermals gewählt worden war. Noch stand die Genehmigung zum Abtrieb des Röder- kopfs aus. Dahinter steckte die Forstbehörde, mit der sich das Kreisamt nicht gern in Widerspruch setzte. Gelang's ihm in der Zwischenzeit, den Beschluß des Gemeinderats zu vereiteln, so sicherte er den Betrieb der Mühle und tränkte dem neuen Bürgermeister eins ein, woran der lange zu würgen hatte. Die Schulhausfrage wurde wieder ausgerollt, und bei der Ebbe in der Gemeindekasse waren die Zänker und Stänker oben. Ein Ausdruck der Befriedigung trat in sein Gesicht. Kotzdonner! Ins Gras zu beißen verspürte er noch gar keine Lust. Heberschaute er die nächste Zeit, gab's Arbeit für ihn in Hülle und Fülle. Hnd ruhte alles auf seinen Schultern. Die Starken waren immer allein. Das hätte die Natur so eingerichtet. Wer sollte ihm auch helfen? Etwa sein Sohn? O je! Der hatte Mühe, sich in seiner Mühle zu behaupten. Wenn er ihn nicht fallen ließ, geschah's nur vor der Welt. Die Familie mußte man hochhalten, das verstand sich von selbst. Er streckte sich auf der Bettstatt aus. Seine Willenskraft zwang den Anfall nieder, das Stechen im Hinterkopf ließ nach. Bequem legte er sich auf die rechte Seite und fiel in einen tiefen Schlaf.-- In dieser Nacht kämpfte Hannbalzer, der Nachtwächter, einen schweren Kampf. Kaum, daß ihn die müden Knochen noch trugen. Sollte er’s, wie seine Gepflogenheit war, bei dem Hornruf auf dem Kirchenplah bewenden lassen, oder sollte er, wie die Vorschrift lautete, allstündlich seinen Rundgang machen? Er entschied sich für das Letztere. Mit großen Herren mar' nicht zu spaßen, und man wußte nicht, wessen man sich vom neuen Bürgermeister zu versehen hatte. Aechzend trottete er straßauf, straßab. Um Mitternacht war er auf dem Sandplatz angelangt zwischen „Krone" und „Lamm". Pslichlmäßig blies er in sein Horn und setzte einen Spruch darauf: „Zwölf ist's. Nun scheidet sich die Zeit, Richt auf den Herrn dein Sinnen, Es kommt der Herr der Herrlichkeit Und führet dich von hinnen. Tut auf das Herz, laßt ihn hinein, Der Herr will euer Führer fein." Aus beiden Wirtshäusern drang ein Heidenlärm. „Da saufen sie sich die Kutt' voll", dachte der Hannbalzer, „und unsereins hat nix devon. So'n Wuppdich könnt' mir auch nix schaden." Er hob die Laterne. „Sapperment! Der nau’* Bürgermeister!" In der Tat war's der Spechtskarl, der unter dem Vorgeben, feine Bläß habe das wild' Werk**, früher als die andern aufgebrochen war. „Gu'n Abend, Hannbalzer!" „Gu'n Abend, Burgemeifter! Wünsch' Euch viel Glück zum Amt!" „Großen Dank!" „Wir bleiben doch gute Freund'?" „Warum dann net?" „Das hör' ich gern." „Heut Nacht is Polen auf." „Das is efo, Burgemeifter." „Mach's gut." „Ihr auch." Der Spechtskarl schritt die Sandgasse hinunter. Der Nachtwächter ließ sich auf einem Holstein nieder. Vielleicht, daß sich doch noch einer erbarmte und ihm den ersehnten Wuppdich brachte. Was war das? Da drückte sich einer vor dem „Lamm" herum, zog einen Fetzen Papier hervor und heftete ihn an. Kreuzgewitter, das war das Schultesemännche! Just kam der Buschur heraus und faßte den Schlicher ab. „Dreckdeubel, was machst du da?" Das Schultesemännche fuhr zusammen und stotterte: „Das sein meine Sachen." Flugs zündete der Buschur ein Schwefelholz an, beleuchtete das Papier und las: „Das Glück ist eine blinde Kuh, Es läuft den dümmsten Ochsen zu." Flatsch! hatte das Schultesemännche eine Ohrfeige weg. „Feuer und Mord!" Hüben und drüben wurden die Fenster geöffnet. „Was is los?" „Ebei, ebei!" * neue. * * Eine Krankheit der Kühe, wobei sie keine Milch geben. Die Pariser waren schnell wie der Wind zur Stelle. „Hier lest emat!" rief der Buschur. „Ein Gewitter muß die Hunde verschmeißen!" Nun traten auch die Wallenfelsianer auf den Plan. Schimpfwörter flogen hin und her. Schon hatten sich zwei beim Kragen. „Uff sei" hetzte der Krachköhler. Das war das Signal zur allgemeinen Prügelei. Wie die Hämmer fausten die Fäuste nieder. Dabei erscholl ein wildes Geschrei. Der Nachtwächter humpelte fort und holte den Ortsdiener herbei. Der war heut ausnahmsweise nüchtern. Ohne sich lang zu besinnen, zog er vom Leder und hieb auf den Menschenknäuel ein. Die Wucht seiner Klinge und mehr vielleicht noch das allgemeine Staunen, den ewig betneipten Rundbrenner so energisch die Polizeigewalt ausüben zu sehen, trieb die Raufenden auseinander. Blutend, mit zerfetzten Kleidern rückten sie in ihre Standquartiere. Der Rundbrenner blieb auf der Wahlstatt zurück, steckte das Schwert in die Scheide und sprach: „Der alt' Burgemeifter is gepurzelt, der neue hat noch nix zu be« deuten. Alleweil sein ich der erste Mann im Ort!" XI. Mehr denn eine Woche hatte die Annegret verstreichen lassen, ohne auch nur einen Schritt über den väterlichen Hof hinaus zu tun. Endlich machte sie sich auf, ihren Freund, den Mandlersfranz, zu besuchen. Aus der Straße folgten ihr mitleidvolle Blicke. Schien es doch, als habe sie eine lange Krankheit überstanden. Ihr Gesicht war blaß und schmal, um ihre Augen zirkelten sich duntte Ringe. Fröstelnd zog sie ihr Halstuch fester zusammen, der Gang zum Ziegenpfad wurde ihr schwer. Als sie sich dem Häuschen des Blinden näherte, hörte sie Geigentöne. Lauschend blieb sie an der Türe stehen. Eine wundersame Weise war's, die ihr da entgegenklang. Aus der liefe kom's, wie Klageruf, strömte in breiten Strichen hin und schwang sich zu ruhiger Klarheit hinauf. Zuletzt gingen zwei Stimmen nebeneinander und endeten in einem sanften Akkord Die Harmonien drangen der Annegret durch die Seele. Hnd es war ihr, als träufle jemand Balsam in ihre Wunde, als richte eine liebende Hand sie auf. Ihr starrer Schmerz löste sich, und ihre Augen süllten sich mit befreienden Tränen. „Wie arm bist du gegen den da drin", dachte sie. „Dem hat's unser Herrgott gegeben, daß er sich alles vom Herz herunterspielen kann." Diesen Gedanken spann sie weiter, als sie danach dem Freund gegen« Übersaß. „Sellemal", erwiderte ihr der Franz, „wie mir mein Lehrer in der Anstalt die Geig' geschenkt hat, sagt' er: .Mandler, du hast was gelernt und kannst dich hören lassen. Daß du jetzt als Musikant herumziehst, mücht' ich nicht erleben. Spiel' für dich und halt dein Handwerk in Ehren!' Das war mir aus der Seel’ gesprochen. Seit dere Zeit hält' ich schon viel Geld mit meiner Geig' verdienen können, aber ich wollt' net. Die Leut schwätzen, ich wär' kreuzdumm. Ich lass' sie schwätzen. Ich will dir emal auseinanderlegen, was mir so im Kopf erum geht bei meinem Spiel. Das soll sonst keins wissen. Etz vor dir versteckel’ ich mich net. Guck, Annegret, wann die Bauersleut im Frühjahr aus'm Feld sind, schauen sie net viel um sich. Das is natürlich. Dann die Arbeit will getan fein. Nu kommt der Sonntag. Da is alles geruhig. Hnd 's is net nur das saubere Hemd, das man antut, ’s is auch, daß man andere Gedanken kriegt. Da geht einer auf fein’ Acker enaus und sieht, wie die Frucht steht. Hnd nimmt auch emal eine Blum’ in die Hand oder ein Blatt. Hnd betracht' sich das. Ja, das find viele taufig Blumen und Blätter. Hnd haben ihre besondere Färb' und Form. Hnd sind in ihre Ordnung eingestellt, unterschiedlich und doch verwandt. Wann man's genau untersucht, is es zuletzt gar wink*, wodraus unser Herrgott das all geschaffen hat. Akkurat so is es mit der Musik. Da sind nur zwölf Tön'. Dadrauf baut sich alles auf. Die Lieder, die du singst. Hnd was der Lehrer auf der Orgel spielt. Hnd noch viel mehr, was du net kennst. Ich hab' in der Anstalt Sachen gehört, dadebei hab' ich während denken müssen, das kann kein Menschenwerk fein, das hat unser Herrgott so einem Tonmeister bloß gelehnt**. Hnd trag eine Ahnung devon, wie das all im Himmel droben wunderherrlich zusammenklingen muß. Guck, Slnnegret, ich mach' ja gewiß net viel aus meinem Spiel. Ader was mir dademit für eine Wohltat geschieht, das kann ich dir gar net beschreiben. Man kann seinen Frieden Haden im Gemüt und kommt doch emal eine Stund’, roo’s in einem rumort und wo man die Flügel hängen läßt. Etz babegegen Hilst bie Musik. Die treibt bas Griesgrämige eraus unb macht, baß man still wirb unb getrost. Bulben und Leiden ist Menschenlos, aber Hosfnung hat einen tiefen Grund. Manchmal, wann ich so meine Geig' am Hals hab', is mir's gerad', als hält' ich wieder mein Augenlicht. Unb seh' bie gidjelroief, wo wir beibfammen gespielt haben, unb ben Hesselbach unb brüber bie Wolken. Unb seh' noch mehr. Himmelhohe Berg' unb bas Meer unb große Stäbt’ mit vielen Menschen. Unb flieg’ so über bie Welt. Unb wirb mir warm unb wohl. Guck, Annegret, bas gibt mir meine Musik. Unb müßt' mich vor mir selber schämen, wann ich bas unter bie Leut' tragen wollt'. So was kann man nur einem weisen, bem man von Grunb aus gut is." Tief Atem holend hielt er inne. Noch immer hatte er die Geige in der Hand. Die legte er nun mitsamt bem Bogen behutsam in ben Kasten und breitete ein Tüchlein darüber hin. Andächtig hörte bie Annegret zu. Ihr war's, als weite sich bie niebere Hütte unb wachse zur hohen Kirche empor. (Fortsetzung folgt.) * wenig. ** geliehen. Deran^wortlich: Or. Hans Thyriot. — Druck und Berlag:Brühl’sche Universitäts-Buch» und Steinbruckerei, A. Lange, Gießen.