GietzenerKmilienblötter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger ——■——■—I I — Jahrgang <932 5reitag, den 9. September Nummer 70 September. Von Hans Thyriot. Das sind die Hellen Tage, schnell zerronnen, die wie Standarten bunt vorüberfliegen; am Abend sieht man wie aus Glas gesponnen im letzten kühlen Licht die Landschaft liegen. Noch einmal, ehe die Schneegans zieht, noch einmal, ehe der Regen fällt, noch einmal, ehe die Eisblume blüht, vergoldet der Sommer zum Abschied die Welt. Oer Hochzeitsmarsch. Von Selma Lagerlöf. Nun will ich ein« schön« Geschichte erzählen. . Vor vielen Jahren sollt« im Kirchspiel Svartsid in Varmland ein« sehr große Hochzelt gefeiert werden. Zuerst die kirchliche Trauung, nachher drei Tage lang eine große Schmauserei. Und an ,edem der drei Tage sollte vom frühen Abend bis tief in die Nacht hinein getanzt werden. Da es soviel Tanz geben sollte, war es natürlich sehr wichtig, einen guten Spielmann herbeizuschaffen. Das machte dem Großbauer Nils Olofson der die Hochzeit ausrichtete, fast mehr Kopfzerbrechen als irgend etwas andres. Den Spielmann, den sie in Svartsw hatten, wollte er nämlich nicht laden. Der hieß Ian Oester, und der Großbauer wußte wohl, daß Ian in großem Ruf stand; doch der Musikant war o arm, daß er manchmal in zerrissenem Wams und barfuß zum Hochzeitsfest kam. Und einen solchen zerlumpten Kerl wollte der Großbauer nicht an der Spitze beSEnd?ich^mtMoß er sich, einen Boten zu einem Burschen im Jösse- sprengel zu schicken, der allgemein Spiel-Martin genannt wurde und ihn zu fragen, ob er kommen und bei der Hochzeit aufspielen wolle. Spiel-Martin bedachte sich keinen Augenblick, sondern antwortete sogleich, daß er nicht nach Svartsjö fahren und dort spielen wolle, weil in diesem Kirchspiel ein Spielmann wohne der tüchtiger sei als all« andern in ganz Värmland. So lange sie den hatten, brauchten sie keinen andern $U Ms Niels Olofson diesen Bescheid erhalten hatte, ließ er sich ein paar Tage Bedenkzeit. Dann schickte er einen Boten zu einem Spielmann, der im Storakilkirchspiel wohnte und Olle aus Sabh hieß, und fragte, ob er kommen und zur Hochzeit seiner Tochter aufspielen 21blr. 9“n aus Säby antwortete dasselbe wie Spiel-Martin Er bat, Nilsi Olofson Zu sagen, so lange es in Svartsjö einen so vortrefflichen Spielmann gebe wie JanOester, werde er dort nicht spielen. Nils Olofson paßte es nun gar nicht, daß >hm dre Spielleute den oufzwingen wollten, den er nicht haben mochte. Er fand, gerade ,etzt sei es eine Ehrensache für ihn, einen andern Spielmann zu bekommen als 3aiffitapaar Tage, nachdem er die Antwort von Olle aus Säby erhalten hatte, sandte er seinen Knecht zu dem Spielmann Lars Larson, der aus der Peterswiese im Kirchspiel Ullerud wohnte. Das war ein wohlbestallter Mann, der einen schonen Hof sein Eigen nannte. Er war klug und bedächtig, kein Brausekopf wie die andern Spielleute. Aber ihm kam, wie den andern, gleich Jan bester 'N den Sinn, und er fragte, warum denn der nicht auf der Hochzeit spielen solle Nils Olafsons Knecht hielt es für das klügste, zu erwidern, daß Jan Oester in Svartsjö daheim sei, daß man ihn also alle Tage Horen könne. Wenn Nils Olofson eine so große Hochzeit ausnchte, wolle er den Leuten etwas Besseres und Selteneres bieten. „ r „ „Ich bezweifle, daß er etwas Besseres bekommen kann , sagt« Lars „Ach, Ihr wollt wohl dasselbe antworten wie Spiel-Martin und Oll« aus Säby", sagte der Knecht und erzählte, wie es ihm da ergangen war. Lars Larson hörte die Erzählung des Knechtes ausmerksam an; dann 1°ß er lange schweigend und grübelte. Endlich gab er doch seine Einwilligung. „Bestelle deinem Herrn, daß ich für die Einladung danke und komnien werde", sagte er zu dem Knecht. ... Am nächsten Sonntag suhr Lars Larson nach der Soartsioer Kirche. Er fuhr gerade über den Kirchenhügel, als die Hochzeitsschar sich aus- gustellen begann, um nach der Kirche zu ziehen. Er kam in seinem eigenen Wagen mit einem guten Pferde gefahren, war in einen schwarzen Duch- »nzug gekleidet und nahm die Violine aus einem polierten Futteral. Nils Olofson begrüßte ihn freundlich und dachte bei sich, das sei doch ein Spielmann, mit dem er Ehre einlegen werde. Gleich nach Lars Larson kam auch Jan Oester, mit der Geige unterm Arm, zur Kirche herauf. Er ging geraden Weges aus die Schar zu, die die Braut umstand, ganz, als sei er geladen, bei der Hochzeit aufzuspielen. Jan Oester kam in der alten grauen Friesjack«, die man schon seit vielen Jahren an ihm kannte; weil es aber «ine so große Hochzeit war, hatte sein Weib versucht, die Löcher an den Ellbogen auszubessern, und große grüne Flicken darauf gesetzt. Jan Oester war ein großer, schöner Kerl und hätte sich stattlich an der Spitze des Hochzeitszuges ausgenommen, wenn er nicht so schlecht gekleidet und sein Gesicht nicht von Sorgen und hartem Kampf mit dem Unglück so gefurcht gewesen wäre. Als Lars Larson Jan Oester kommen sah, schien er ein wenig mißmutig. „Ja so, Ihr habt Jan Oester auch herbestellt", sagte er halblaut zu Nils Olofson. „Na, «s kann ja nicht schaden, wenn wir zwei Spielleute sind. Bei einer so großen Hochzeit!" „Ich hab« ihn nicht hergerufen!" beteuert« Nils Olofson. „Ich begreife nicht, warum er gekommen ist. Warte nur: ich will ihn gleich wissen lassen, daß er hier nichts zu suchen hat." „Dann hat ihn irgendein Störensried herbestellt", sagt« Lars Larson. „Aber wenn Ihr meinem Rat folgen wollt, dann tut nichts dergleichen, sondern geht hin und heißt ihn willkommen. Ich habe gehört, er sei ein jähzorniger Bursche, und niemand kann wissen, ob er nicht Zank und Händel anstiften würde, wenn Ihr ihm sagtet, daß er nicht geladen ist." Das sah auch der Großbauer ein. Jetzt, da der Hochzeitszug sich gerade auf dem Kirchenhügel ordnete, durfte es keinen Zank geben. Nils ging deshalb auf Jan Oester zu und hieß ihn willkommen. Darauf stellten sich die beiden Spielleute an die Spitze des Zuges. Das Brautpaar ging unter dem Baldachin, die Ehrenjungfrauen und Führer der Braut folgten, Paar hinter Paar, dann kamen die Eltern und die Verwandten. Ein langer, ansehnlicher Zug. Als alles bereit war, ging ein Brautführer zu den Musikanten und bat sie, den Hochzeitsmarsch anzustimmen. Beide Spielleute setzten die Geigen ans Kinn, aber weiter kamen sie nicht: so blieben sie stehen. E? war nämlich ein alter Brauch in Svartsjö, daß der vornehmste bc- S '?ute den Hochzeitsmarsch anstimmte. Der Brautsüh^r sah Lars Larson an, als erwarte er, daß der Anfänge. Doch Lars Larson sah Jan Oestrr an und sagte: „Jan Oester muß anfangen." Jan Oester konnte aber nicht begreifen, daß der andre, der so sein gekleidet war wie nur irgendein vornehmer Herr, nicht mehr sein solle als er, der in seinem zerrissenen Frieskittel aus der elenden Hütte kam, aus Armut und Not. „Nein! Um Gottes willen!" sagte er nur. „Nein! Um Gotteswillen!" Er sah, wie der Bräutigam den Arm ausstreckte, Lars Larson an« stieß und rief: „Lars Larson soll anfangen!" Als Jan Oester den Bräutigam das sagen hörte, nahm er sogleich die Geige vom Kinn und trat einen Schritt zurück. Lars Larson rührte sich aber nicht vom Flqck, sondern blieb ruhig und gelassen auf seinem Platz stehen. Aber auch er hob den Bogen nicht. „Jan Oester soll anfangen", wiederholte er. Er sagte die Worte eigensinnig und beharrlich wie einer, der gewohnt ist, seinen Willen durchzusetzen. Im Hochzeitszug entstand Unruhe über die Verzögerung. Der Brautvater kam heran und bat Lars Larson, anzufangen. Der Küster wär« schon in die Kirchentür getreten und winke ihnen, sich zu sputen. Der Geistliche stünde schon am Altar und wart«. „Dann mußt du Jan Oester bitten, daß er zu spielen anfängt", sagte Lars Larson. „Wir Spielleute halten ihn nun einmal für den Tüchtigsten unter uns." „Das mag wohl fein“, sagte der Bauer, „aber wir Bauern halten wieder dich, Lars Larson, für den Wackersten." Auch die andern Bauern versammelten sich um sie. „Fangt nun an!“ sagten sie; „der Pfarrer wartet schon. Di« Gemeinde lacht uns ja aus." Lars Larson stand ebenso hartnäckig und unerschütterlich da wi« zuvor. „Ich verstehe nicht, warum die Leute dieses Kirchspiels durchaus nicht wollen, daß ihr eigener Spielmann über alle andern gestellt wird“, sagte er. Nils Olofson raste vor Wut darüber, daß alle sich verschworen hatten, ihm Jan Oester aufzuzwingen. Er trat dicht an Lars Larson heran und flüsterte: ,Hetzt merke ich, daß du es bist, der Jan Oester hergerufen hat, und daß du das Ganze angezettelt hast, um ihn zu ehren. Aber nun sput« dich und fange zu spielen an, sonst jage ich den Lumpenkerl mit Schimpf und Schande vom Kirchenhügel fort." Lars Larson sah ihm gerade ins Gesicht und nickt« ihm zu, ohne den geringsten Groll zu zeigen. „Ja, ihr habt recht“, antwortete «r. „Das muß ein End« nehmen." Er winkte Jan Oester, an feinen früheren Platz zurückzukehren. Hierauf ging er selbst ein paar Schritt« vor und drehte sich um, so daß alle ihn sehen konnten. Dann schleuderte er den Bogen weit von sich, zog sein Messer aus der Tasche und schnitt alle vier Geigensaiten durch; sie sprangen mit scharfem Klang. „Man soll nicht von mir fügen, daß ich mich mehr dünke als Jan Oester", rief er. r Mit Ian Oester aber verhielt es sich so: seit drei Jahren ging er ein- Her und grübelte über eine Weise, von der er fühlte, daß sie in ihm lebe, We er aber nicht über die Saiten brachte, weil er daheim immer von grauen Sorgen gebunden war und ihm nie etwas widerfuhr, das ihn über die tägliche Plage hinausheben konnte. Als er jetzt Lars Larfons Saiten springen hörte, warf er den Kopf zurück und sog die Lust m tiefen Zügen ein. Seine Gesichtszüge waren gespannt, als lausche er Tönen, die aus weiter, weiter Ferne zu ihm klängen. Dann begann er zu spielen. Die Weife, über die er drei Jahre gegrübelt hotte, stand auf einmal klar vor ihm; und während sie ertönte, ging er mit stolzen Schritten zur Kirche hinab. Nie vorher hatte die Hochzeitsschar solche Weise vernommen. Sie zog sie so unwiderstehlich mit sich fort, datz niemand stehenbleiben tOnUni> alle waren so froh über Jan Oester und Lars Larson, datz der ganze Hochzeitszug mit feuchten Augen in die Kirche kam. Gesang des Meeres. Von Conrad Ferdinand Meyer. Wolken, meine Kinder, wandern gehen wollt ihr? Fahret wohl! Aus Wiedersehen! Eure wandellustigen Gestalten kann ich nicht in Mutterbanden halten. Ihr langweilet euch auf meinen Wogen, doch die Erde hat euch angezogen; Küsten, Klippen und des Leuchtturms Feuer; ziehet, Kinder! Geht auf Abenteuer! Segelt, kühne Schiffer in den Lüften! Sucht die Gipfel! Ruhet über Klüften! Brauet Stürme! Blitzet! Liefert Schlachten! Traget glühenden Kampfes Purpurtrachten! Rauscht im Regen! Murmelt in den Quellen! Füllt die Brunnen! Rieselt in die Wellen! Braust in Strömen durch die Lande nieder — Kommet, meine Kinder, kommet wieder! III Mann erobern Peru. Pizarros Zug nach Lajamalca vor 400 Jahren. Von Herbert A. Jansen. Kaum einer der Vielen, die die Nachrichten über die Revolution in Quito lasen (die Unruhen sollen dort 500 Todesopfer gefordert haben) weiß, daß vor genau vierhundert Jahren dieses Land der Ausgangspunkt. eines viel größeren Umsturzes war; daß jenes selbe Quito die Geburts- ftadt des letzten Inkas Atahualpa ist, der in der Geschichte vom Untergang Perus eine so verhängnisvolle Rolle spielt. Und doch ist es diese Geschichte von der Zähigkeit und vom Glück eines Mannes wohl wert, noch einmal erzählt zu werden ... In Trujillo, einer kleinen spanischen Stadt -in einem Tal der Sierra Guadelupe, bringt im Jahre 1471 eine Dienstmagd ein uneheliches Kind zur Welt. Als Vater gibt sie einen Obristen des spanischen Fußvolkes an nennt das Kind Fernando Pizarro. Die Mutter kümmert sich kaum um den Jungen, und so ist der kleine Fernando froh, als er nach Jahren des Hungerns und Bettelns die Schweine hüten darf. Die Abenteuerlust packt ihn, und da er nichts zu verlieren hat, wandert er nach Sevilla, dem damaligen Ueberfeehafen Spaniens. Er versteckt sich als blinder Passagier an Bord einer Karavelle, die mit einer Ladung von Soldaten und Abenteurern nach Panama segelt. In Panama tritt er ins Heer ein, wird Landsknecht, macht Streiszüge und Gefechte mit und trägt manche Narbe davon. Aber er lernt mit offenen Augen, erkennt die Gefahren und Möglichkeiten eines Feldzuges in diesem Lande, weiß um die Gesinnung der Indios und um die Wesensart der spanischen Soldaten: selten hat ein Feldherr so gründlich, so von der Pike auf gedient, wie Fernando Pizarro. So wird er 50 Jahre alt, hat den Dienstgrad eines Feldwebels erreicht, besitzt ein Stück sumpfiges Land nahe der Stadt Panama und bekommt sowiel Pslichtabgaben, daß er eben davon leben kann. Da bringt ein Mann aus dem Süden die Nachricht von den sagenhaften Reichtümern eines paradiesischen Landes, das noch viele Hunderte von Kilometern südlicher liegt, als je ein Spanier kam. Pizarro ahnt ungeheure Möglichkeiten, er will sein Glück einmal aus eigene Faust versuchen. Seine geringen Mittel reichen nicht, und so verbunhet er sich mit zwei wohlhabenden Männern, dem Soldaten Diego de Almagro und dem Geistlichen Hermanda de Luque. Boll Unternehmungslust wird ein kleines Schiff gekauft und ausgerüstet; aber trotz aller Bemühungen melden sich nur hundert Leute zu dieser verwegenen Fahrt. Mitte November 1524 beginnt die Fahrt nach Süden. Der Erfolg dieser ersten Expedition ist trostlos^ Nach Monaten vergeblichen Suchens und Kämpfens muß er zurück — das Schiff ist leck, die Soldaten, verwundet und mutlos, weigern sich, weiterzusahren. Da bringt Almagro, der mit einem zweiten Schiff bei besserem Wind weit nach Süden vorgestoßen war, neue Nachricht vom Reichtum des Landes. Mit unglaublicher Energie stellt Pizarro mühselig eine zweite Expedition zusammen und segelt mit dem Lotsen Bartolomeo Ruis südwärts bis zur Insel Gallo (2 Grad nördliche Breite); dort zwingt die Jahreszeit und widriges Wetter zu vorläufigem Halt. Doch dem Statthalter in Panama dauert die Sache zu lang. Er kann nicht ruhig zusehen, wie Pizarro Hunderte von Soldaten seinen ehrgeizigen Plänen opfert. Kurzerhand schickt er Tasur zu Schiff nach Gallo mit dem Befehl, alle noch lebenden Spanier zurückzubringen, selbst gegen den Willen Pizarros. Als Tafur an der Insel landet, wollen auch wirklich alle nach Panama zurück. Da zieht Pizarro mit bloßem Schwert eine Linie in den Sand, von Osten nach Westen: „Hinter uns liegt Panama, ruft er, t>or uns der Süden mit seinen unermetzlichen Schätzen — wer ein Man, und Ritter ist, der folge mir!" — Und es finden sich zwölf, die die ßinie überschreiten. Sie warten sieben endlose Monate auf Gorgone, de: „Hölleninsel", auf Verstärkung und Nachschub, die Pizarro brieflich vor Almagro und Luque aus Panama angefordert hat. Endlich taucht das Schiff auf; aber es bringt nur Lebensmittel und Waffen. Gleichviel;' Pizarro kennt nur ein Ziel: nach Süden! Pizarro erlebt nun feinen phantastischen Traum: bei günstigem Win) kommt er schnell voran. Die Urwälder und Sümpfe verschwinden, bebaute Ebenen dehnen sich weit am Ufer; überall wird Pizarro gastfreundlich empfangen; die Indios verehren den Mann mit dem hellen Gesicht un) der blinkenden Rüstung als „Kind der Sonne" und bringen ihm kostbar: Geschenke. Pizarro beklagt sein Schicksal, daß er gerade jetzt keine Sol- baten hat, keine Machtmittel, um diesen Reichtum, der über alles Er warten groß ist, auszunützen. Er begreift nicht, daß das fein Glück ist; denn noch steht das Inka-Reich, noch herrscht eiserne Disziplin in dem gut geschulten Heer der Indios, und Pizarro hätte mit allen Spaniern Panamas feine Streitmacht ausstellen können, die stark genug gewesen wäre, hier mit Gewalt einzudringen. Und als Pizarro nun in Santa, 9 Grad südlich des Aequators, 2400 Kilometer entfernt von Panama, umkehrt, ahnt er kaum, daß der Statthalter von Panama ihm jede Hilst versagen wird. ; So bleibt dem nun Achtundfünfzigjährigen nichts weiter übrig, als sich nach Spanien einzuschissen und von der Regierung unmittelbar Hilst für feinen geplanten Kriegszug zu erbitten. Sein Bericht von dem neu entdeckten Land Peru, die mitgebrachten Schmuckstücke und Tiere, machen am spanischen Hof einen tiefen Eindruck. Am 26. Juli 1529 wird ein Vertrag ausgesetzt, nach dem Pizarro das Recht der Durchforschung uni Eroberung der Landschaft Peru erhält, Rang und Titel eines Statthal- ters von Peru zugesichert bekommt unter der Voraussetzung, daß. er den Feldzug auf eigene Kosten und Gefahr unternimmt und durchführt. Im Januar 1530 segelte Pizarro mit drei Schissen von Sevilla nach Panama ab, von Panama im Januar 15.31 mit 190 Mann und 27 Pferden nach Süden. Die Zeit hatte inzwischen für ihn gearbeitet. Jrn Jahre 1525 start Huayna Capae, der zwölfte und mächtigste Jnkakönig. Unter ihm wurde der blühende Staat Quito dem Jnkareich einverleibt. Capae bestimmte bei feinem Tode, daß das Reich geteilt werden solle; fein Stiefsohn Atahualp« sollte Quito erhalten, sein Sohn Huasear Peru. Nach fünf Jahren giib kicher Regierung und Frieden zwischen den beiden Brüdern griff Ata hualpa seinen Stiefbruder an, besiegte dessen Heer, und nahm Huascar selbst gefangen. Sa war das Jnkareich durch inneren Zwist zerrissen. Nun hatte Pizarro leichtes Spiel, als er in San Matteo ans ßani ging und langsam durch das ßanb bis Tangarala nach Süden »orbrang. Der Titel „Statthalter von Peru" genügte ihm nicht; er wollte der wirf liche Herrscher des Landes fein. Dazu mußte er Atahualpa friedlich ober mit Gewalt besiegen. Und als er hört, daß dieser sich mit einem Heer von 50 000 Mann in Cajamalea befindet, faßt er den tollkühnen Entschluß, bis zu ihm vorzudringen. So rückt er — vor vierhundert Jahren — im September 1532 mit 177 Mann, darunter 67 Reitern, in die Wildnis der Cordilleren ab. 900 Kilometer lagen zwischen ihm und Cajamalea, dreitausend Meter hohe Pässe mußte er Überschreiten, und wenn er glücklich ankam, stand er einem kampfbereiten Heer von 50 000 Mann gegenüber. War es der Mu: der Kreuzfahrer, der diese Leute beseelte? War es grenzenlose Habsucht nach den Schätzen des Landes, ober unstillbare Machtgier? Pizarro setzN alles auf eine Karte: nach Cajamalea! Unerträglich war die Kälte der Gebirges für die an die drückende Hitze von Panama gewöhnten Spanier. Die Reiter mußten die scheuenden Pferde vorsichtig am Zügel hinter sich herzerren, an Ab gründen vorbei, unter überhängenden Felsblöcken hindurch. Pizarros Energie hält sie alle aufrecht, treibt sie alle: nach Caja- malca! Die Pferde verlieren die Hufeisen, die kantigen Felsen zerschneiden ihnen die Huse; Pizarro läßt Silberplatten aus den Stempel™ brechen und die Pferde mit silbernen Hofeisen beschlagen. Er muß vorwärts! Und eines Tages liegt Cajamalea in strahlender Morgensonne von ihnen im Tal. Wie Schnee ziehen sich Tausende von weißen Zelten brübem am Hang hinaus: das Indo-Heer. Pizarro läßt absitzen, läßt die RUstun gen blank putzen, die Fahnen aufrollen. So bricht er, strahlend wie ein Sonnengott, mit blinkenden Rüstungen und wehenden Fahnen, leuchtend aus den dunklen Schluchten der Anden hervor, mit klingendem Tro» peten, langsam und stolz in Schlachtordnung. Die Stadt ist verlassen. Pizarro bezieht Quartier, sendet Boten zu Atahualpa, bittet ihn für den nächsten Tag, den 16. November 1532, zu einer Unterredung. Inzwischen baut er den Marktplatz von Cajamalea: zu einer teuflischen Falle aus, legt feine Leute genau verteilt in den Hinterhalt: er muß Atahualpa lebendig gefangen nehmen, dann wird der gewaltige Jnkaheer nicht wagen, ihn anzugreifen. Und Atahualpa komnn am nächsten Tag mit 6000 feiner Leute in unerhörtem Prunk, aber gänzlich unbewaffnet. Ein Dominikanermönch tritt ihm entgegen, Kruzifix u» Bibel in der Hand, und bittet ihn, sich dem Kreuz und Kaiser Karl zu unterwerfen. Atahualpa fragt: „Wo ist euer Gott?" Der Mönch reich- ihm die Heilige Schrift; Atahualpa blättert darin, wirft sie in plötzlE aufflammendem Zorn zu Boden und ruft: „Wir werden euch vertreiben. Der Mönch dreht sich um: „Rächt Christus, euern Herrn!" Die Spanien brechen in der Dämmerung mit lautem Geschrei aus dem Hinterhalt, d« Reiterei schlägt erbarmungslos auf die Wehrlosen ein. Atahualpa will» gefangen genommen — Perus Schicksal ist entschieden. Auf Pizarros Rat läßt Atahualpa ungeheure Mengen von Gold bet1 beischasfen, um sich loszukaufen. Er hat versprochen, ein großes Zimmer so hoch er reichen kann, mit Gold zu füllen, wenn die Spanier ihn freu lassen. Als das Lösegeld saft bezahlt ist, muß Pizarro weiterziehen; e kann den wertvollen Gefangenen nicht genügend bewachen lassen, riag.- ihn deshalb kurzerhand an, er habe gegen sein Versprechen versucht, aber mals ein Heer zusammenzubringen, und verurteilt den unglücklM Fürsten zum Tod durch Verbrennen. Und nur dadurch, daß dieser die Lause über sich ergehen läßt, wird er zum Erdrosseln begnadigt. So stirbt am 29. August 1533 Perus letzter Inka. Mit unwahrscheinlichem Geschick organisiert der Schweinehirt und gemeine Soldat Pizarro die Verwaltung und Kolonisation des Landes. Er setzt einen Scheintönig Mangoeapac unter spanischer Oberhoheit ein und regiert klug und maßvoll. Erst im Jahre 1536 bricht ein verzweifelter Aufstand der Peruaner unter Mangocapacs Führung aus. Aber Pizarro hat die Stadt Cuszo fest in der Hand, und selbst ein gleichzeitiger Feldzug seines alten Freundes Almagro gegen ihn kann ihn nicht erschüttern. Er laßt Almagro ergreifen und 1538 hinrichten. Da bekommt er die Nachricht, daß Almagros Sohn sich mit einigen Ossizieren verbündet habe, um ihn zu töten. Doch schenkt er diesen Gerüchten keinen Glauben oder ift des Blutvergießens müde. Am 26. Juni 1541 überfallen die Mörder den 70jährigen in feinem eigenen Haus. Er wehrt sich verzweifelt, und als er schwer verwundet niedersinkt, zeichnet er mit seinem eigenen Blut ein Kreuz aus den Boden, neigt sich darüber, um es zu küssen, und empfängt so den tödlichen Streich. Schiffahrt auf dem Mein. Von Alfons P a q u e t. Die Schleppdampfer mit den wohlbekannten Uniformen ihres farbigen Anstriches, den breiten Radkasten und den platten Böden, die kiellos wie Bretter sind, diese starken und gemächlichen Zugschisfe mit der Sprache ihrer Dampspfeifen, ihrer Läuteglocken und ihrer Flaggensignale, das sind die eigentlichen Fuhrwerke des großen rheinischen Wasserweges. Vor Mainz liegen die haushohen Barken. Noch ist die weichende Macht am Himmel und ein urweltliches Gemisch von Dunst und Feuer und Wind. Der Dampser kommt, sie abzuholen. Die Matrosen knöteln die Drähte. Schon schweben die Kähne im Bogen herum. Vor dem Wäldchen an der Mainspitze beginnt der Zug. Von Kiel zu Kiel spritzen die kalten weißen Schäume. Das Wachthündchen bellt über das Deck. An der Leine flattern die Wäschestücke. Die Schiffersrau, hinter den Fensterscheiben mit den Blumentöpfen, steht am Herd. Der Strom im Rheingau ist eine großartige Marine. Wässriger Glanz des Stromes und der 'Landschaft, mit entfernten Dächern, bewegten Schiffen, silbergeränderten Wolken, truimphiercndem Blau. Ueber Bingen blutet der Berg wie ausgeschnittenes Fleisch. In der Enge von Ahmnnns- hausen sind auf einmal Alpenwände mit kurzem, grünen Matten. Man muß von oben irt den Eichenwäldern dem Schiff im Fluß folgen, wie es schwindet, um in den schmalen, glänzenden Ellipsen wieder aufzutauchen. Der Rhein erscheint als ein Kette kleiner Teiche, geheimnisvoll gebunden und zerschnitten. Gehöfte, Aussichtstempel schauen hinunter wie Köpse über den Rand von Schützengräben. Die mageren Knöchel der Berge greifen überall an das Wasser. Es gibt auf der ganzen Welt kein Stromstück wie den Mittelrhein. Schiffahrt, Strombau, Weinbau greifen ineinander. Hinter Bingen schlüpft das Schiff mit seinem Rauchbüschel aus der offenen und Hellen Breite des Rheingaues in die Enge der zueinander strebenden Hohen. Der Strom fließt seinen Weg wie ein unendlich ausgezogenes Perspektiv. Der Schisser steht aus der Ruderkanzel seiner langen schwarzen Barke. Mit Seil und Kette hantiert der Matrose. Hinter dem Jnselgebusch liegt ein Fischerkutter mit emporgehängten Netzen, in denen noch Schlamm und Algen kleben. Er ruht aus von der Nachtarbeit, zu dem oorüber- sahrenden Steuermann ruft der Fischer hinauf; er bietet ihm einen Salm an, den er dem Hotelwirt in Bingen mit Gewinn verkaufen kann. Der Lotse steht mit seinem Fernglas am Ufer von Caub oder St. Goar; er nähert sich dann mit knappen Ruderschlägen dem zögernden Dampfer: mit einem Satz ist er an Deck und greift, mit einem Kopsnicken zu den alten Bekannten, in das Steuerrad. Das sind die strombesahrenen und -erfahrenen Wassermänner, die jeden Strudel des Fahrwassers kennen, wie es sich in den harten Ufern hin- und herwirft. Bergumrifse und alte Gasthäuser in schmalen Dörfern, graue Türme vor den Weinbergen, die abenteuerlichen Felsgestalten der Ruinen, alles hat für diese Leute das vertrauteste Gesicht. Alles hat seinen Namen, der Schiffer kennt st- von Kind an. Alle diese Fahrwasser, die selten die Mitte des Flusses halten, werden anders befahren, das eine mit dem starren Steuer, das onoere mit dem bewegten. Der Wellenschlag eines begegnenden Dampfers laßt einen Augenblick die Schaufelräder blind schlagen, der Schlepper roll! auf dem Wasser wie auf Steinen. Auf den Böschungen stehen mannshoch die weißen Kilometerzahlen. Mitten in der Strömung ragen bebend d,e Schiffahrtszeichen, eine dreieckige Tafel, eine rote Bo.e mit der Laterne und der darauf ausruhenden Möve. ,• v v- , „ Jede Insel im Rhein hat Namen und Geschichte. Da sind die bewaldeten Werte, die seildünnen Sandbänke, tue mit Gestrüpp und altem Gemäuer bewachsenen Auen und ihre Ausläufer, mit dem von Wind und Flut zerzausten Weidenbusch ... Es gibt Walder, d,e b-' Hochwasser in der trüben Flut verschwinden, flache Kiesrucken, d e schon. bei Mittelwasser in der dunkelgrünen Flasche des Stromes verschlissen find, die Hungersteine, die sich jahrzehntelang im Wasser verbergen. JhAuf- tauchen im Fluß bedeutet Trockenheit und Mißernte im Land, sie tragen eingehauene Inschriften aus uralter Zeit. Fiir den Schifter ist jeder Bach bedeutsam, der aus dem Gelten tälchen hervorfließt. Jeder schiebt sein kleines Delta in das schmale Flußbett. Auch die Nahe oder die Lahn legen Schwellen vor sich h.m Aus dem Neckar und aus dem Main hervor, vom fernen Oberryem und von den feurigen Defen der Industriestädte om Strom tommen bie Kähne und sammeln sich zu sechs ober mer an ben Seflen ber Schlepp Zuweilen läßt kick einer, schwer beloben, von ber Strömung abtBarts treiben. Dann fährt er langsam wie biS holzfarbenen Floße mit.ihrer wippenben Fläche ihren langen Rudern und ihrer mit lanncnreifig unb roter Flagge geschmückten Hütte. Auch bie Eisenbahnzuge, bie aussen Gleisen zu beiben Seiten des Tales voruberschweben. z g l tung des Stromes, in ber bie Kähne bie Dampfer und bie Floße fahren. Die Musik der Läutewerke und das lnngverhallenbe Rollen , Güterzüge füllt bas Rohr bes Tales. Eine Kirmes, am Sommertag ftl einer Dorfstraße am Ufer bes Rheines, mit ben Tonwirbeln ber Karus^ feile unb ber Dampfpfeifen, bes Blechorchesters in der Allee, dem un»> geduldigen Klingeln ber Fähre, ben oorüberbraufenben Eisenbahnzügen^ dem Warnungsschrei bes Autos, bem Gejohle ber zwanzigjährigen Men«^ schen —: bas ift eine Jazzmusik, bie in ber ganzen Welt nur am Mittel-' rhein möglich ist. Unb bann am Abend nach ber strotzenben unb bunten? Hitze bes Juli-Nachmittags bie beruhigende, träumerische Kühle des- Abends, das stille Gleiten ber Schisse im Strom, bas siebenfältige Echo- bes Walbhorns aus ben Tälern. Nat Krespel. Novelle von E. T. A. Hoffmann. (Schluß.) Ich fand ihn, wie «r mit ruhiger Miene Spielsachen drechselte. „Wie kann nur", fuhr ich auf ihn los,' „wie kann nur auf einen Augenblick Stieben in Ihre Seele kommen, ba ber Gebaute an bie gräßliche Tat Sie mit Schlangenbifsen peinigen muß?" — Der Rat sah mich verwun- bert an, ben Meißel beiseite legenb. „Wieso mein Bester?" fragte er; — „fetzen Sie sich doch gefälligst auf jenen StuhlI" — Aber eifrig fuhr ich fort, inbem ich, mich selbst immer mehr erhitzenb, ihn geradezu anklagte, Antonien ermordet M haben, unb ihm mit ber Rache ber ewigen Macht brofjte. Ja, als nicht längst eingeweihte Justizperson, erfüllt von meinem Beruf, ging ich fo weit, ihn zu versichern, baß ich olles anmenben würbe, ber Sache aus bie Spur zu kommen unb so ihn bem weltlichen Richter schon hienieben in bie Hänbe zu liefern. — Ich würbe in ber Tat etwas verlegen, ba nach bem Schlüsse meiner gewaltigen pomphaften Rebe der Rat, ohne eine Wort zu erwidern, mich sehr ruhig anblickte, als erwarte er, ich müsse noch weiter fortsahren. Das versuchte ich auch, aber es kam nun alles so schief, ja fo albern heraus, daß ich gleich wieder schwieg. Krespel weidete sich an meiner Verlegenheit, ein boshaftes, ironisches Lächeln flog über fein Gesicht. Dann wurde er aber sehr ernst und sprach mit feierlichem Tone: „Junger Mensch! Du magst mich für närrisch, für wahnsinnig halten, das verzeihe ich dir, ba wir beibe in bemfelben Irren- Hause eingesperrt sind; wie magst du dich aber unterfangen, in ein Leben einbringen zu wollen, feine geheimsten Fähen erfaffenb, bas dir fremd blieb und fremd bleiben mußte? — Sie ist dahin, und das Geheimnis gelöst!" — Krespel hielt inne, stand auf unb schritt die Stube eimgemale auf unb ab. Ich wagte bie Bitte um Aufklärung; er sah mich starr an, faßte mich bei ber Hanb unb führte mich an bas Fenster, beibe Flügel öffnenb. Mit aufgestützten Armen legte er sich hinaus, unb so in ben Garten herabblickenb, erzählte er mir bie Geschichte feines Lebens. — Als er geendet, verlieh ich ihn gerührt und beschämt. Mit Antonien verhielt es sich kürzlich in folgender Art. — Vor zwanzig Jahren trieb die bis zur Leidenschaft gesteigerte Liebhaberei, die besten Geigen alter Meister aufzusuchen und zu kaufen, den Rat nach Italien. Selbst baute er damls noch keine und unterließ daher auch das Zerlegen jener alten Geigen. In Venedig hörte er bie berühmte Sängerin Angela—i, welche bamals aus bem Teatro di S. Benedetta in ben ersten Rollen glänzte. Sein Enthusiasmus galt nicht ber Kunst allein, bie Signora Angela freilich auf bie herrlichste Weife übte, fonbern auch wohl ihrer Engelsschönheit. Der Rat suchte Angelas Bekanntschaft, unb trotz aller feiner Schroffheit gelang es ihm, vorzüglich durch sein keckes und dabei höchst ausdrucksvolles Violinspiel sie ganz für sich zu gewinnen. — Das engste Verhältnis führte in wenigen Wochen zur Heirat, bie deshalb verborgen blieb, weil Angela sich weder vom Theater, noch von dem Namen, der die berühmte Sängerin bezeichnete, trennen ober ihm auch nur bas übeltönenbe „Krespel" hinzufügen wollte. — Mit ber tollsten Ironie beschrieb Krespel bie ganz eigene Art, wie Signora Angelo, (obalb sie feine Frau worben, ihn marterte unb quälte. Aller Eigensinn, alles launische Wesen sämtlicher erster Sängerinnen fei, wie Krespel meinte, in Angelas kleine Figur hineingebannt worben. Wollte er sich einmal in Positur setzen, so schickte ihm Angela ein ganzes Heer von Abbotes, Maestros, Akobemikos über ben Hols, bie, unbekannt mit feinem eigentlichen Verhältnis, ihn als den unerträglichsten, unhöflichsten Liebhaber, der sich in bie liebensroürbigeßaune ber Signora nicht zu schicken wisse, ausfilzten. Gerabe noch einem solchen stürmischen Auftritt war Krespel auf Angelas Lonbhous geflohen unb vergaß, auf feiner Cremo- nefer Geige phantasieren!), bie fieiben bes Tages. Doch nicht lange bauerte es, als Signora, bie bem Rat schnell nachgefahren, in ben Saal trat. Sie war gerabe in ber Laune, bie Zärtliche zu spielen, sie umarmte ben Rat mit bißen schmachienben Blicken, sie legte bas Köpfchen auf feine Schulter. Aber ber Rat, in bie Welt feiner Akkorbe verstiegen, geigte fort, bah bie Wänbe widerhallten, unb es begab sich, baß er mit Arm und Bogen die Signora etwas unsanft berührte. Die sprang aber voller Furie zurück; „bestia tedesca"2 3, schrie sie auf, riß dem Rat die Geige aus der Hand und zerschlug sie an dem Marmortisch in tausend Stücke. Der Rat blieb erstarrt zur Bildsäule vor ihr stehen, bann aber, wie aus bem Traume erwacht, faßte er Signora mit Riesenstärke, warf sie burch bas Fenster ihres eigenen Lusthauses unb floh, ohne sich weiter um etwas zu bekümmern, nach Venebig — nach Deutschland zurück. Erst nach einiger Zeit würbe es ihm recht beutlich, was er getan; obschon er wußte, baß die Höhe bes Fensters vom Boden kaum fünf Fuß betrug, und ihm die Notwendigkeit, Signora bei obberoanbten Umständen durchs Fenster zu werfen, ganz einleuchtete, so fühlte er sich von peinlicher Unruhe gequält, um so mehr, da Signora ihm nicht undeutlich zu verstehen gegeben, daß sie guter Hoffnung fei. Er wagte kaum Erkundigungen einzuziehen, unb nicht wenig überraschte es ihn, als er nach ungefähr acht Monaten einen gar zärtlichen Brief von ber geliebten Gattin erhielt, worin sie jenes Vorganges im Landhaufe mit keiner Silbe erwähnte unb ber Nachricht, daß'sie von einem herzallerliebsten Töchterchen entbunben, bie herzlichste Bitte hinzufügte, bah ber marito amato e padre felicissimo* boch nur 2 Deutsche Bestie. 3 Geliebte Gatte unb glücklichste Vater. gleich nach Venedig kommen möge. Das tat Krespel nicht, erkundigte sich vielmehr bei einem vertrauten Freunde nach den näheren Umständen und erfuhr, daß Signora damals, leicht wie ein Vogel in das weiche Gras herabgesunken sei und der Fall oder Sturz durchaus keine andere als psychische Folgen gehabt habe. Signora sei nämlich nach Krespels heror- scher Tat wie umgewandelt; von Launen, närrischen Einfällen, von irgendeiner Quälerei ließe sie durchaus nichts mehr verspüren, und der Maestro, der für das nächste Karneval komponiert, sei der glücklichste Mensch unter der Sonne, weil Signora seine Arien ohne hunderttausend Abänderungen, die er sich sonst gefallen lassen müssen, singen wolle. Uebrigens habe man alle Ursache, meinte der Freund, es sorgfältig zu verschweigen, wie Angela kuriert worden, da sonst jedes Tages Sängerinnen durch die Fenster fliegen würden. Der Rat geriet nicht in geringe Bewegung, er bestellte Pferde, er setzte sich in den Wagen. „Halt!" rief er plötzlich. — „Wie", murmelte er dann in sich hinein, „ist's denn nicht ausgemacht, daß, sobald ich mich blicken lasse, der böse Geist wieder Kraft und Macht erhält über Angela? — Da ich sie schon zum Fenster heraus- geworsen, was soll ich nun in gleichem Falle tun? was ist mir noch übrig?" — Er stieg wieder aus dem Wagen, schrieb einen zärtlichen Brief an seine genesene Frau, worin er höflich berührte, wie zart es von ihr sei, ausdrücklich es zu rühmen, daß das Töchterchen gleich ihm ein kleines Mal hinter dem Ohre trage, und — blieb in Deutschland. Der Briefwechsel dauerte sehr lebhaft fort. — Versicherungen der Liebe — Einladungen — Klagen über die Abwesenheit der Geliebten — verfehlte Wünsche — Hoffnungen usw. flogen hin und her von Venedig nach H., von H. nach Venedig. — Angela kam endlich nach Deutschland und glänzte, wie bekannt, als Prima Donna auf dem großen Theater in F. Ungeachtet sie gar nicht mehr jung war, riß sie doch alles hin mit dem unwiderstehlichen Zauber ihres wunderbar herrlichen Gesanges. Ihre Stimme hatte damals nicht im mindesten verloren. Antonie war indessen herangewachsen, und die Mutter konnte nicht genug dem Vater schreiben, wie in Antonien eine Sängerin vom ersten Range aufblühe. In der Tat bestätigten dies die Freunde Krespels in F., die ihm zusetzten, doch nur einmal nach F. zu kommen, um die seltene Erscheinung zwei ganz sublimer Sängerinnen zu bewundern. Sie ahnten nicht, in welchem nahen Verhältnis der Rat mit diesem Paare stand. Krespel hätte gar zu gern die Tochter, die recht in seinem Innersten lebte, und die ihm öfters als Traumbild erschien, mit leiblichen Augen gesehen, aber sowie er an seine Frau dachte, wurde es ihm ganz unheimlich zu Mute, und er blieb zu Hause unter seinen zerschnittenen Geigen sitzen. Ihr werdet von dem hoffnungsvollen Komponisten 58... in $. gehört haben, der plötzlich verscholl, man wußte nicht wie; oder kanntet Ihr ihn vielleicht selbst? Dieser verliebte sich in Antonien so sehr, daß er, da Antonie seine Liebe recht herzlich erwiderte, die Mutter anlag, doch nur gleich in eine Verbindung zu willigen, die die Kunst heilige. Angela hatte nichts dagegen, und der Rat stimmte um so lieber bei, als des jungen Meisters Kompositionen Gnade gefunden vor seinem strengen Richterstuhl. Krespel glaubte Nachricht von der vollzogenen Heirat zu erhalten, statt derselben kam ein schwarz gesiegelter Brief von fremder Hand überschrieben. Der Doktor R ... meldete dem Rat, daß Angela an den Folgen einer Erkältung im Theater heftig erkrankt und gerade in der Nacht, als am andern Tage Antonie getraut werden solle, gestorben sei. Ihm, dem Doktor, habe Angela entdeckt, daß sie Krespels Frau und Antonie seine Tochter sei; er möge daher eilen, sich der Verlassenen anzunehmen. So sehr auch der Rat von Angelas Hinscheiden erschüttert wurde, war es ihm doch bald, als sei ein störendes, unheimliches Prinzip aus feinem Leben gewichen, und er könne nun erst recht frei atmen. Noch denselben Tag reiste er ab nach F. — Ihr könnt nicht glauben, wie herzzerreißend mir der Ra den Moment schilderte, als er Antonien sah. Selbst in der Bizarrerie seines Ausdrucks lag eine wunderbare Macht der Darstellung, die auch nur anzudeuten ich gar nicht imstande bin. — Alle Liebenswürdigkeit, alle Anmut Angelas wurde Antonien zuteil, der aber die häßliche Kehrseite ganz fehlte. Es gab kein zweideutig Pferdefüßchen, das hin und wieder hervorgucken konnte. Der junge Bräutigam fand sich ein; Antonie, mit zartem Sinn den wunderlichen 58ater im tiefsten Innern richtig auf» fassend, fang eine jener Motetten des alten Padre Martini, von denen sie wußte, daß Angela sie dem Rat in der höchsten Blüte ihrer Liebeszeit unaufhörlich vorsingen müssen. Der Rat vergoß Ströme von Tränen, nie hatte er selbst Angela so fingen hören. Der Klang von Antoniens Stimme war ganz eigentümlich und seltsam, oft dem Hauch der Aeolsharfe, oft dem Schmettern der Nachtigall gleichend. Die Töne schienen nicht Raum haben zu können in der menschlichen Brust. Antonie, vor Freude und Liebe glühend, fang und fang alle ihre schönsten Lieder, und B... spielte dazwischen, wie es nur die wonnetrunkene Begeisterung vermag. Krespel schwamm erst in Entzücken, dann wurde et nachdenklich — still — in sich gekehrt. Endlich sprang er auf, drückte Antonien an seine Brust und bat sehr leise und dumpf: „Nicht mehr fingen, wenn du mich liebst — es drückt mir das Herz ab — die Angst — die Angst. — Nicht mehr fingen." „Nein", sprach der Rat andern Tages zum Doktor R., „als während des Gesanges ihre Röte sich zusammenzog in zwei dunkelrote Flecke auf den blassen Wangen, da war es nicht mehr dumme Familienähnlichkeit, da war es das, was ich gefürchtet." — Der Doktor, dessen Miene vom Anfang des Gesprächs von tiefer Bekümmernis zeugte, erwiderte: „Mag cs fein, daß es von zu früher Anstrengung im Singen herrührt, ober hat die Natur es verschuldet, genug, Antonie leidet an einem organischen Fehler in der Brust, der eben ihrer Stimme die wundervolle Kraft und den seltsamen, ich möchte sagen, über die Sphäre des menschlichen Gesanges hinaustönenden Klang gibt. Aber auch ihr früher Tod ist die Folge davon, denn singt sie fort, fo gebe ich ihr noch höchstens sechs Monate Zeit." Den Rat zerschnitt es im Innern wie mit hundert Schwertern. Es war ihm, als hinge zum erftenmate ein schöner Baum die wunderherrlichen Blüten in fein Leben hinein, und der solle recht an der Wurzel zersägt werden, damit er nie mehr zu grünen und zu blühen vermöge. Sekti Entschluß war gefaßt. Er sägte Antonien alles, er stellte ihr die Wahl, ob sie dem Bräutigam folgen und feiner und der Wett Verlockung nachgeben, so aber früh untergehen, oder ob sie dem Vater noch in feinen alten Tagen nie gefühlte Ruhe und Freude bereiten, (a aber noch jahrelang leben wolle. Antonie fiel dem Vater schluchzend in die Arme; er wollte, das Zerreißende der kommenden Momente wohl fühlend, nichts Deutlicheres vernehmen. Er sprach mit dem Bräutigam, aber unerachtet dieser versicherte, daß nie ein Ton über Antoniens Lippen gehen solle, so wußte der Rat doch wohl, daß selbst 58... nicht der Versuchung würde widerstehen können, Antonien fingen zu hören, wenigstens von ihm selbst komponierte Arien. Auch die Welt, das musikalische Publikum, macht' es auch unterrichtet fein von Antoniens Leiden, gab gewiß die Ansprüche nicht auf, denn dies Volk ist ja, kommt es auf Genuß an, egoistisch und grausam. Der Rat verschwand mit Antonien aus F. uni kam nach H. Verzweiflungsvoll vernahm 58... die Abreise. Er verfolgte die Spur, holte den Rat ein und kam zugleich mit ihm nach H. — „Nur einmal ihn sehen und dann sterben", flehte Antonie. „Sterben? — sterben?" rief der Rat in wildem Zorn, eiskalter Schauer durchbebte fein. Inneres. — Die Tochter, das einzige Wesen auf der weiten Welt, das nie gekannte Luft in ihm entzündet, das allein ihn mit dem Leben versöhnte, riß sich gewaltsam los von seinem Herzen, und er wollte, daß das Entsetzliche geschehe. — 58... mußte an den Flügel, Antonie fang, Krespel fpielte luftig die Geige, bis sich jene roten Flecke auf Antoniens Wangen zeigten. Da befahl er einzuhalten; als nun aber 58... Abschied nahm von Antonien, sank sie plötzlich mit einem lauten Schrei zusammen. „Ich glaubte (fo erzählte mir Krespel), ich glaubte, sie wäre, wie ich es vor- ausgesehen, nun wirklich tot, und blieb, da ich einmal mich selbst auf die höchste Spitze gestellt hakte, sehr gelassen und mit mir einig. Ich faßte den B..., der in feiner Erstarrung schafsmäßig und albern anzusehen war, bei den Schultern und sprach (der Rat fiel in feinen singenden Ton): ,Da Sie, verehrungswürdigster Klaviermeister, wie Sie gewollt und gewünscht, Ihre liebe Braut wirklich ermordet haben, so können Sie nun ruhig abgehen, es wäre denn. Sie wollten fo lange gütigst verziehen, bis ich Ihnen den blanken Hirschfänger durch das Herz renne, damit fo meine Tochter, die, wie Sie sehen, ziemlich verblaßt, einige Couleur bekomme durch Ihr sehr wertes Blut. — Rennen Sie nur geschwind, aber ich könnte Ihnen auch ein flinkes Mesferchen nachwerfen!' — Ich muß wohl bei diesen Worten etwas graulich ausgesshen haben; denn mit einem Schrei des tiefsten Entsetzens sprang er, sich von mir losreißend, fort durch die Türe, die Treppe herab." — Wie der Rat nun, nachdem 58... fortgerannt war, Antonien, die bewußtlos auf der Erde lag, aufrichten wollte, öffnete sie tieffeufzend die Augen, die sich aber bald wieder zum Tode zu schließen schienen. Da brach Krespel aus in lautes, trostloses Jammern. Der von der Haushälterin herbeigerufene Arzt erklärte Antoniens Zustand für einen heftigen, aber nicht im mindesten gefährlichen Zufall, und in der Tat erholte sich diese auch schneller, als der Rat es nur zu hoffen gewagt hatte. Sie schmiegte sich nun mit der innigsten kindlichsten Liebe an Krespel; sie ging ein in seine Lieblingsneigungen — in feine tollen Launen und Einfälle. Sie hals ihm alte ©eigen auseinanderlegen und neue zusammenleimen. „Ich will nicht mehr fingen, aber für dich leben", sprach sie oft lächelnd zum Vater, wenn jemand sie zum Gesänge aufgefordert und sie es abgeschlagen hatte. Solche Momente suchte der Rat indessen ihr soviel wie möglich zu ersparen, und daher kam es, daß er ungern mit ihr in Gesellschaft ging und alle Musik sorgfältig vermied. Er wußte es ja wohl, wie schmerzlich es Antonien sein mußte, der Kunst, die sie in solch hoher Vollkommenheit geübt, ganz zu entsagen. Als der Rat jene wunderbare Geige, die er mit Antonien begrub, gekauft hatte und zerlegen wollte, blickte ihn Antonie sehr wehmütig an und sprach leise bittend: „Auch diese?" — Der Rat wußte selbst nicht, welche unbekannte Macht ihn nötigte, die Geige unzerschnitten zu lassen und darauf zu spielen. Kaum hatte er die ersten Tone angestrichen, als Antonie laut und freudig rief: „Ach, das bin ich ja — ich finge ja wieder." Wirklich hatten die silberhellen Glockentöne des Instruments etwas ganz eigenes Wundervolles, sie schienen in der menschlichen Brust erzeugt. Krespel wurde bis in das Innerste gerührt, er spielte wohl herrlicher als jemals, und wenn er in kühnen Gängen mit voller Kraft, mit tiefem Ausdruck aus- und nieberftieg, dann schlug Antonie die Hände zusammen und rief entzückt: „Ach, das habe ich gut gemacht! das habe ich gut gemacht!" — Seit dieser Zeit tarn eine große Ruhe und Heiterkeit in ihr Leben. Oft sprach sie zum Rat: „Ich möchte wohl etwas fingen, Vater!" Dann nahm Krespel die Geige von der Wand und spielte Antoniens schönste Lieder, sie war recht aus dem Herzen froh. — Kurz vor meiner Ankunft war es in einer Nacht dem Rat fo, als höre er im Nebenzimmer auf feinem Pianoforte spielen, und bald unterschieb er deutlich, baß 58... nach gewöhnlicher Art prälubiere. Er wollte auf- stehen, aber wie eine schwere Last lag es auf ihm, wie mit eisernen Banden gefesselt vermochte er sich nicht zu regen und zu rühren. Nun fiel Antonie ein in leisen hingehauchten Tönen, die immer steigend und steigend zum schmetternden Fortissimo wurden, dann gestalteten sich die wunderbaren Laute zu dem tiefergreifenden Liede, welches 58... einst ganz im frommen Stil der alten Meister für Antonie komponiert batte. Krespel sagte, unbegreiflich sei der Zustand gewesen, in dem er sich befunden, denn eine entsetzliche Angst habe sich gepaart mit nie gefühlter Wonne. Plötzlich umgab ihn eine blendende Klarheit, und in derselben erblickte er B ... und Antonien, die sich umschlungen hielten und sich voll seligem Entzücken anschauten. Die Töne des Liedes und des begleitenden Pianofortes dauerten fort, ohne daß Antonie sichtbar sang oder B... das Fortepiano berührte. Der Rat fiel nun in eine Art dumpfer Ohnmacht, in der das Bild mit den Tönen versank. Als er erwachte, war ihm noch jene fürchterliche Angst aus dem Traume geblieben. Er sprang ist Antoniens Zimmer. Sie lag mit geschlossenen Augen, mit holdselig lächelndem Blick, die Hände fromm gefaltet, auf dem Sofa, als schliefe sie und träume von Himmelswonne und Freudigkeit. Sie war aber tot. Verantwortlich: Or. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Univerfitäts-Duch« und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.