SiehenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger < Ärone Müt ■ ’aujtni !'ch ieiit '«h aoi ?• äUetiti Üi ’-bernti «Wl« t sich nie* iriftr 6t, -«er b« &r 11» Jahrgang 1(952 Montag, -en 9. Mai Nummer 36 ■ Sebonlt ... ^s>:5y! 6f jgnr jinjt H cc.jlzni tarn ieii 5i M 7t'.7tiXl >! tu nette 1?:* i ä-: ratet!, trriüt ibt S lu l>f e all«« f els tta* W ?ieijt r empfi» Mlchütteli neüser bei Seinen, 5« Scbne m Sittti M- a Säge W die $!!■ ünnopien Das Nosenband. Aon Friedrich Gottlieb K l o p st o ck. Im Frühlingsschatten sand ich sie. Da band ich sie mit Rosenbändern. Sie fühlt' es nicht und schlummerte. Ich sah sie an; mein Leben hing Mit diesem Blick an ihrem Leben! Ich fühlt' es wohl und mußt' es nicht. Doch lispelt' ich ihr sprachlos ,)u Und rauschte mit den Rosenbändern: Da wachte sie vom Schlummer auf. Sie sah mich an; ihr Leben hing Mit diesem Blick an meinem Leben. Und um uns ward's Elysium. Meli. Novelle von Selina L a g e r l ö s. Copyright 1932 by I. L. A. Wien. Jeder, der sie auf der Strafe sieht, kann nicht umhin, zu denken: *3ie unglücklich sie ist! Ein armes, buckliges Kind, wie unglücklich sie ist! ie ist nicht älter als sieben Jahre, und schon hat sie das lange Gesicht i nd die langen, dünnen Hände. Wenn sie auf die Strotze hinaus soll, ' letzt ihr die Mutter einen langen Mantel an, mit einem grotzen Kragen, b r _tn tiefen Falten über den Rücken fällt. Sie ist klein und zart, niemand würde glauben, datz sie alter als i uf Jahre ist. Auch Hot man sie bis jetzt immer für zu klein geholten, n in die Schule zu gehen, aber nun zum Herbst soll sie anfongen. »Ach, Amelie, wie lustig dos für dich fein wird, in die Schule zu l menen und Kameradinnen zu haben, mit denen du spielen kannst. Das j t: etwas anderes, als immer daheim bei Mutter zu hocken." Sie erhebt ihr kleines, durchsichtiges Gesichtchen und lächelt hoffnungs- Aber sicherlich sind all das von Kameradinnen, Schute und Spielen ! t te Worte für sie. Dieses kleine, empfindliche Wesen ist natürlich ge- Ifcaungen, ein ganz anderes Leben zu führen als ein gewöhnliches Kind. Und richtig, kaum datz si« mit dem Schulbesuch angefangen, Hot sie Ia»ch schon wieder ausgehört. Ihre Mutter flüstert leise, datz Meli es nicht [»rtrug. Sie wurde so müde, datz sie den ganzen Nachmittag liegen mutzte. So gratuliert man ihr, datz sie daheim bei Mutter bleiben darf, so I"i:e man ihr früher gratuliert Hot, von dort fortzukommen „Jo, jetzt lacrst du bei Mutter lesen lernen, Meli, und, du mutzt dir einen Hahn I Erschaffen, der bei jedem netten Buchstaben, den du lernst, kräht " |. »Rein, Meli soll noch nicht lesen lernen", sagte ihre Mutter. „Sie [ nun zuerst Klavierspielen lernen." „Soll Meli spielen?" I. »Ja, Meli spielt so gern. Und jetzt geht sie zu einer Lehrerin, die Iunterrichten will. Dos mocht Meli nicht müde, allein mit der Lehrerin I einem hübschen Zimmer zu sitzen und zu spielen. Aber in der Schule p war so viel Lärm." .Und dann flüstert die Mutter wieder, datz Meli irgenbeme Arbeit i’Ber Hause hoben mutz, sie mutz mit einer Schultasche irgendwohin |3*)en, um zu fühlen, datz sie wie andere Kinder ist. Aber nach ein paar Wochen ist auch dos Spielen aufgegeben. Meli l’Iarn davon Rückenschmerzen. Sie ist zu klein, sie mutz bis zum nächsten »Ohr warten. — Was für ein Leben wird dos werden, denkt man, für eine, die so 0>vach und verkrüppelt ist. Wie unglücklich sie ist! .. Aber Melis Mutter merkt, datz das Kind bekümmert aussieht, als '* davon spricht, datz das Spielen oufhören miitzte. „Aber das macht br nichts, denn Meli Hot zu House so viel zu tun. Nicht wahr, Mett? »Ja", sagt das Kind und nimmt seine Mutter bei der Hand und eilt h inwärts, um all die vergessenen Pflichten zu erfüllen, die ihrer haneiu u'd die Mutter geht mit, sieht sich ober um und wirft einem einen Blick 11 der gewitz keinen Kummer ousdrückt, viel eher bewundernden Stotz. . 2as ist ein Blick, der einem zu denken gibt. Melis Later arbeitet bei ^em Tischler, Melis Mutter ist ein armes Ding, die Tochter eines t ubenarbeiters. Als sie heiratete, war sie frisch, tüchtig, laut und otel- ein bitzchen derb, ein bitzchen gewöhnlich, ja gerade wie jede ander«. ->-r jetzt ist sie sehr verändert, ihre Stimme ist weicher geworden und |1 Züge werden weiblicher mit jedem Jahre. Macht das Meli 9* treter, M ? er lMI tirfex * i»ta litt® Sk S’3* va Srai* - . . >(iiÄ Melis Eltern haben sich ein kleines Häuschen ein paar Minuten vor der Stadt gebaut, auf dem freien, offenen Felde drautzen. Ihr glaubt nicht, was das für ein Platz ist! Die Stabt ist eine alte Bergwerksstadt, und vor den Toren standen in früheren Zeiten eine gange Menge Schmelzhütten zum Rösten des Erzes. Die Hütten find nun verschwunden, aber die Natur hat sich von ihnen noch nicht erholen können. Sie ist wie tot, und niemand hat sie wieder auferstehen lassen. Melis Vater hot ein paar Quadratmeter vor seiner Hütte mit einem Drahtzaun eingefriebet. Cs ist vielleicht beabsichtigt, bah ba ein Garten werben soll. Aber vorberhand ist alles mit ziemlich grotzen grauen Felsblöcken bedeckt, und dazwischen liegen kleine kantige Schlackenstücke. Es ist dort wie überall in dieser Gegend der Stadt. Man sieht keine Erde, und es wächst kein Hälmchen. Es ist ein sonniger Sommertag, und die kleine Bucklige ist in ihrem Garten, der nur aus grauen Felsblöcken und vielfarbigen Schlacken besteht. Sie ist allein, denn ihre Mutter fürchtet die Sonne und hält sich am liebsten im Zimmer auf, während die Kleine sich mitten in der Sonnenglut am wohlsten fühlt, sie kann nie genug Wärme haben. Aber manchmal springt sie auf und läuft zu ihrer Mutti hinein, um zu erzählen: „Ich unterhalte mich so gut! Willst du nicht kommen, Mutti, und sehen?" Das Unterhaltende ist eine Heuschrecke, die sich so unvorsichtig betragen hat, datz sie sich das eine Schenkelbein gebrochen hak. Aber sie hot doch Glück dabei gehabt, datz bas Malheur gerade in Melis Garten passierte, der sonst einer Heuschrecke nicht so sehr viel zu bieten hatte. Und jetzt hat die kleine Bucklige dos Tierchen mit ihren langen, schmalen Fingern ausgenommen und untersucht den Schaben. Dann beginnt sie rasch unb behend bas Bein mit einem gespaltenen Zündhölzchen zu schienen; zweifellos wird die Heuschrecke bald geheilt sein. Und nun wird sie behutsam auf den Rücken gelegt, damit sie nicht in die Versuchung kommt, bas kranke Bein zu benützen unb den Verbund zu verschieben. Sie wird in einen kleinen Käsig gesperrt, der aus alten Spielkarten gemocht ist, und bekommt einen Plotz in Melis Spital. An der Nordseite des grötzien Felsblocks, der sich nach unten zu ausbuchtet, so datz er gleichsam eine kleine Grottenwölbung bildet, stehen einige kleine Käsige, manchs aus Strohhalmen, andere aus Pappe, aus Holzstäbchen ober Draht, sie finb in bem kleinen, gewölbten Raum unter bem Stein in zwei Reihen aufgestellt, arbentlich wie die Betten in einem Spital. Hierher wird auch die Heuschrecke gebracht, denn die Grotte unter bem Stein ist nichts Geringeres als ein Krankenhaus. Das hat einer unenblichen Menge Unglücklicher Pflege unb Gesunbheit gebracht, unb auch jetzt ist es voll von kleinen, heilungsuchenden Patienten. Hier hat bie arme Bucklige, die zu schwach ist, um in die Schule zu gehen, ihre Arbeit gesunden. Als die Heuschrecke betreut ist, nimmt sie Käfig für Käfig vor, um seinen Inwohnern ihre Pflege ungebeten zu lassen. Sie hat ba eine schöne, weiße Taube, die schwere Wunden am Rucken unb am Kopfe hat. Das arme Tier ist in den Krallen eines Habichts gewesen, aber im letzten Augenblick gerettet und zu Meli gebracht worden. Und das kleine Mädchen hot auf irgendeine übernatürliche Weise bie Kunst erlernt, Wunben zu behanbeln; die Taube versteht es, sie schmiegt sich an sie unb legt ben Kops an ihre eingefallene Wange, als sie aus bem Käfig genommen wirb. Dann ist ein Sperling ba, ber hat sich ben Flügel gebrochen, aber er würbe roieber eingerichtet unb sest an ben Körper gebunben. Er ist balb gejunb. Ganz lebensfroh saust er in bem Käsig hin unb her, unb Meli lacht ihn aus, weil er immer roieber umfällt, wie er auch mit bem flugbereiten Flügel wackelt unb um sich schlägt, um sich im Gleichgewicht zu erhalten. Neben bem Sperling sitzt eine kleine Maus, bie ganz still ist unb bas eine Bein in die Luft streckt. Das ist ein trauriger Anblick für Meli, beim bie kleine betrübte Maus kann sie nicht gejunb machen. Die eine Pfote würbe ihr an ber Mausefalle ganz abgeschlagen, nun kann sie bie Wunbe wohl heilen, aber bie arme Maus mutz ihr ganzes Leben lang hinken ober auf brei Beinen laufen. Da finb auch ein paar Kätzchen, so klein, so winzig klein; sie haben keine Augen unb können mit ihren kleinen Beinchen nicht gehen, kaum kriechen. Sie finb nicht krank, aber ihre Mutter Hot sie verlassen, unb so hat man sie zu Meli gebracht. Man kennt Meli schon in ber Nachbarschaft, man weiß, baß alles, was schwach unb hilflos ist, Hilfe unb Schutz bei ber kleinen Buckligen finbet. Ganz tief brinnen sitzt ein Kanarienvogel in einem Käfig aus Stohl- draht. Er ist ruppig, seine Febern finb nicht mehr gelb, fanbern zu Weitz verblaßt. Man sieht auf ben ersten Blick, baß er krank ist: er will roeber fingen noch essen. Er gehört ber alten Frau im Milchgeschäft, hat ben ganzen Winter hindurch in ihrem kleinen, dunklen Zimmer gesessen unb gesungen, ohne sich nach Licht ober Luft zu sehnen. Aber seit ber Sommer gekommen ist, hat er immer ganz still auf ein unb bemjelben Pflöckchen bricht. ist dir?' „Um Gottes willen, was „Ich bin nur so froh." „Nun, bann geh' doch hinaus zum Vogel und steh noch, ob er l Sowie stc gegangen ist, se-hen die Ellern sich an und lächeln vor lauter innerem Glück. Der Vater aber sagt in auswallendem Dankgcsuhl: „(Ss gibt kein glücklicheres Kind in der ganzen Stadt." (Deutsch von Marie Franzos.) Ä?. S.WÄ- -s daß sich das Kind so großes Vertrauen erworben hatte. Aber hier kann Meli auch nichts anderes tun, als dasitzen und m die ichwarze,, Vogelaugen blicken. Sie sitzen beide gleich stumm gleich regungslos der Kranke und die Krankenpslcgcrin. Wenn man das Mädchen sragte' wie es dem Vogel geht, antwortete es nur nn 6>usterton. I-Kt ruft die Mutter. Meli hört es an der Stimme, daß irgendeine arabeFreude bevorsteht. Die läuft in fröhlicher Erwartung hinein, ihre Hünen ^braunen Augen strahlen. Und drinnen steht eine Nachbarslrau mit dem arme" Küchlein,' das sich das eine Bein ein kleines gelbes, flaumiges Junges, nur em paar -Lage alt, und kann gar nicht gehen. Die Frau hatte es hilflos aus dem Boden liegend g - ftinden, und man hätte es töten müssen, wäre Meli mcht gewesen. Bas kleine Mädchen lacht: das ist ja die einfachst« Sacye von der Welt Sie nimmt das kleine Küchlein zwischen ihre kunstersahrenen Hande und behebt den Schaden in wen gen Augenblicken mit ein paar Stäbchen ünd etwas Garn Ihre Mutter und, die Fremde stehen daneben und beobachten wie die mageren Finger mit den einfachen Werkzeugen hantieren. Und dieses eine Mal vergibt die Nachbarsfrau die Schwache und Unförmlichkeit des Mädchens, um sie aufrichtig zu bewundern. Aber Meli eilt hinaus zum Kanarienvogel und fetzt sich wieder zu ihm um ihn zu beobachten. Nach einer Weile kommt sie ganz blaß zu igrer Mutter und erzählt, dah der Vogel ein bißchen gezwitschert ha und aus ein anderes Pflöckchen gehupft 'st DMelcht wird er letzt gesund. Glaubst du, Mutti, daß er letzt endlich gesund wird, fragt sie. Was hast du denn mit ihm gemacht?" fragt die Mutier ebenso ernst. Da erstattete Meli Bericht über die Kur, die sie angewendet hat. , Glaubst du nicht, Mutti, daß es so gut ist?" fragt st«. Sie geht wieder hinaus, und die Mutter bleibt sinnend sitzen. Sie kann Gottes Güte nicht begreifen, der ihr ein solches Kind gegeben h-m Ein Kind, das Dinge versteht und weiß, von denen sie nichts ahnt. Lin Kind, das ein solches Wunder an Güte ist. Und die Gedanken der Mutter kreisen um Melis Arbeit draußen im Krankenhaus". Aber sie denkt nicht an die armen .Batienten, sondern an Mell selbst. Sie fragt sich, ob soviel Gitte nicht b'nmal belohnt norden wird. Sie träumt von dem Tage, an dem der liebe Gott Meli die Gesundheit schenken wird. Sie fühlt, daß die Tochter einen ganzen Schatz von Wohltaten einfetzt, die einmal vergolten werden müssen «ie weiß nicht wie, sie träumt nur. Ach, diese Traume haben ihrem Lesen Weich heft und Ruhe gegeben! Als der Vater nach Hause kommt zum Mittagessen — er i)at nur aanx kurze Zeit, denn der Weg von der Werkstatt ist weit , eilt «r foqleid) hinaus zu Meli, um zu hören, wie es den Patienten geht. Sie zemt sie ihm, einen nach dem andern. Er nimmt sie behutsam zwischen feine großen Hände, er kennt sie alle, man merkt, bafe er gut öreunb mit ihnen ist. Er wundert sich, wie er dazu gekommen ist, all, dies kleine Getier zu lieben. Heute bei der Arbeit hat er sich emmal ubers andere auf dem Gedanken ertappt, wie es wohl dem Kanarienvogel gehen mag. Wenn Meli wüßte, was für eine bedeutende Rolle ihr Krankenhaus lvielt' Während es der Mutter die milden Traume schenkt, erweckt es beim Vater Tätigkeitslust und Erfindungsgabe. Sem Hirn arbeitet um Mittel ausfindig zu machen, Meli zu helfen. Es ist nie mehr stumpf “"»Äm Nachhauseweg hat er eine Mausesalle erblickt, die jemand auf die Straße geworfen hatte. Die hat er gleich nutgenommen und sich gefragt, ob Meli sie gebrauchen kann. Vielleicht kann sie als Bett >m Spital dienen. . Und Meli nimmt die Mausefalle, geht weg und versteckt sie in ifycm Vorratshaus, das sie sich unter einem andern großen Stern gegraben hat. Es ist sehr rührend und lehrreich, einen Blick in Metts Borratshaus zu wersen diese kleinen, aus der Straße ausgesammelten Strohbunde zu sehen, aus denen sie ihre Betten verfertigt; diese winzigen Stofslappchen, die ihr Verbandszeug bilden, diese kleinen Sckstackenstuckchen, aus denen sie ein wenig Vaselin, ein wenig Pflaster gesammelt hat, ein wenig Aetzung für Vögel und Mäuse. Als sie alle drei, Vater, Mutter und sie, beim Mittagstisch sitzen, kann Meli kaum einen einzigen Bissen herunterwürgen. Sie denkt an den Kanarienvogel, ihr Herz ist draußen bei dem Kranken. Vielleicht ltirbt er ietzt, wo sie von ihm gegangen ist. .. Wie furchtbar wäre es, wenn er sterben sollte, und wie wurde die alte Frau in dem Milchladen leben können ohne ihren kleinen Vogel. Melis Vater redet zu ihr; er verspricht, ihr etwas (Brunes für die Vögel miüubringen, und abends wird er so jeihg fommen, daß er >yr Reifen kann, aus dieser Mausefalle einen richtigen Käfig zu machen. Und die Mutter ermahnt sie, zu effen. Aber im selben Augenblick, als Meli Messer und Gabel zur Hand nimmt, hört sie von draußen klaren Vogelgesang, einen ganzen langen, perlenden Triller. , , , .. . . Das ist der Kanarienvogel! Sie fpringt aus, setzt sich aber gleich wieder hin. „Wird er jetzt gesund? Glaubst du nicht, Mutti, daß er letzt gesund wird?" fragt sie jubelnd. Aber die Aufregung, in der das kleine, ,zarte Wesen sich befunden hat, war so hestig, daß sie' jetzt, wo die Spannung weicht, in Tränen aus- n'C'1®oetl)e war Zelters Sieben, Treue sein Sinn. Ich sehe bas ®ilbnis an, möchte diesen alten, schönen, kräftigen Mund küssen und ich weiß nicht, was mich bewegt, baß ich diese Zeilen mit Katzen schreibe. Freunbjchast, o Freundschast! Du andere Ehe. Kräftiger holder Bund, der den Knaben beglückt vor der ersten Liebe, ober die ben Mann noch beglückt nach ber letzten. Weib und Mann strömen von Abend unb Morgen zusammen in den heiligen See der Geheimnisse, und ein neues und brütet "fte^gt glänzend aus ihm hervor. Aber dem Freunde-Paa bleibt alles nach innen gewandt; das gezeugte Leben ihrer Innigkeit quillt rätselhaft in die Leben ein zu einem reidjen Gluck der Beförderung. Auch wohl einmal tritt es glühend hervor w>e das edle Bernste,nharz aus dem Fichtenbaum. Dämon und Phmtias, in euerer doppelt seelischen Tat Liebe erhebt oder versenkt, Ehe bindet, Freundschaft tragt, 21us Neben und Binden von Liebe und Ehe wird auch «ni Tragen, aber Freundschaft ist frei und unmittelbar. Und nun welch Gluck über den Glücken, die Freundschaft des Einzigen erreicht zu haben, des Heros, n solche Nähe zu komnien dem ewigen Himmelsttcht, bas er falt, bie®o- beit schauen, sühlen, verehren zu können in der nahen, festen Gestalt. Eheleute werben einanber ähnlich durch bie Gewohnheit eines ttebevo Sichanpassens. Aber dieses hier ist eine Aehnelung höherer Art. sie ist wie die Flügelentfaltung des Reptils, Wandlung und Aufstieg in höheres Sein bi.kch unablässiges Bemühen, wie es die Erläuterung des S.lesius- Wortes durch Carofsa besagt: „Wenn uns gegeben wäre ™rfort ein Wesen zu schauen und zu denken, so wurden wir uns langsam in bas felbe verwandeln. So glaubten Heilige, unb so verbürgt es die Form ber Sonnenblume." Ininem Zprä ch"mit Ferruccio Busoni bem Komponisten in Berlin äußerte sich dieser absprechend über Zelter; er nannte ihn einen Ellenbogcnmenschen", unb wie ein „Provinztyrann' kommt er chm vor. Auf meinen Einwand, daß wohl nicht umsonst- Goethe auf dem Krankenbett und gebrochen von Leidenschaft — ju Ulnte von ßM>ejjot» czunb Zelters ergriff, um zu klagen, war die Erwiderung, er bezweifle nicht daß Zelter ein treuer Freund Goethes getuefen fei (was ich damit ni-bt' halte beroeifen wollen), worauf das Gespräch abbog. d'Jtun ist Gereiztheit gegen Zelters Verkennung seiner zettgenossischen Musik, insonderheit ber Beethovenfthen bei einem Komponisten nur zu begreislich; aber ich wünschte boch, ich hatte ■»chmellers Porträt ihm va?halten können. Ein Ellenbogenmensch? Die Briefe: enthalteri bet mrier lei Nachricht über bie ausgebehnteste stabtburgerttche Tätigkeit Zelters von der Verwendung ber Ellenbogen nicht den Hauch einer Andeutung, sondern viel eher scheint es, als habe seine Mitburgerschaft über Gebühr Aemter unb Arbeiten auf seine Schultern geloben, beren Breite und Stämmigteit sie wohl kannten; und baß er sich selten weigerte, beutet nur cutt'Tätigkeitsdrang, auf die eigene Kenntnis feiner Krafte"nd da Bewußtsein, daß, wenn em Platz gut ausgefutlt werden sollte, er d Geeignete war. Hätte er lieber komponieren follen? SDUrJ^int, etwas in ihm wußte, daß er Handwerker war, ob chon Meister im Fach, Große zu fühlen fähig, doch nicht zu bilden. - Unb Tyrann? Das Wort bedeut t Unterbrüder —, aber dies Bildnis und feine Briefe zeigen nur eme Erscheinung von Ruhe, Stolz und Freiheit. Man kann nicht unterdrücken was man nicht sieht, aber man braucht feine Kraft gegen das Niedrige, wenn es sich andrängt. Zelter liebte es, die Wahrheit zu 1«»^, erstens, weil er sie wußte, unb zweitens, weil er sie gut sagte —. was nM allemal hieß: verbindlich. Wenn er derbe war, so war ers, insofern da- Wort enthalten ist in biderbe, einem ausgestorbenen Wort sur e>nen ausgeftorbenen Menschenschlag. Zelter war grob, aber nur auf »un|J Seine Grobheit, heißt bas, war nicht Ausfluß von Krankungssucht, wo nicht Bosheit, fonbern nur die Form, zu der feine Derbheit gerann, wenn fie unwillig erregt wurde. Goethe, meinte Bufoni, habe ihn peschali wegen seiner Gabe des Anekdotenerzählens und Witzkolporteurs, als eiu« Art Hofnarren. Wie aber Goethes Aussprache seines Herzenskumme - 1 um Ulrike gar nichts beweist für Zelters Treue, aber alles für ft>n Werl weil er cs war, nach dem Goethes Bedrängnis griff, so beweist aud , bie Kunst des Anek dotenerzählens das gleiche: Leute, die das konnten e - hätte Goethe unter den Berlinern schockweise sinben können; aber « nahm Zelter. Ach, und wie? Für den Hofnarren diese Sonigsgcbaror ■ Als Zelters Frau starb, erwiderte der Freund dem Gebrochenen am > Mitteilung nur mit spärlichem Trostwort; aber indem er ifai mit ve ersten Satz seines Brieses das brüderliche „Du hmreicht, zieh er M zugleich offener Arme an die Brust. Die Zelter als göttlich empfand, du Brust war's, und da richtete der eben Gebeugte wie ein Rohr sich an | göttlichen Brust auf, bie ihn stützt. Oh, dies ist für ben Witzbold nicht, I Zelter war, wie ber asiatische Paktolus-Fluß, goldhaltig. Der Reich I der Gehalte in seinen Briefen ist von unerschöpflicher Mannigfaltigkeit —< U Goethes Zelter. Zu feinem 100. Todestage. Don Albrecht Schaeffer. Ich habe die dem dritten Band ber Briefe beigegebene Schwellers-he Zeichnung seines Kopfes, ben gealterten Zelter zeigend, aufgeschlagen vor mir stehen, und ich staune über die Erhabenheit dieser mächtig aus faltigem Flcsich geprägten Züge. Und welch ein Geheimnis dämmert in ihrer liefe und gibt dem großen Antlitz dieses ^Bedrohliche seiner Majestät? Es ist Goethes Gesicht, das aus der -Liefe dämmert, unbeschreiblich, herzerschütternd und so unverkennbar zu sehen, daß man das Bildnis des Dichters bezeichnen könnte, das man hier zu ahnen glaubt. Ja es ist dies über alles geliebte Gesicht des Freundes, dem der unfterblid/ßiebenbe ähnlich wurde, durch ein Menschenalter der ftcttschen (£he Der (Beliebte, der ewig schien, starb, unb Zetter verhüllte sich unb starb ihm nach. Sein Sinn war erfüllt, seine Seele zerbrach m einem unvergeßlichen Harakiri ben unzerbrechlich gewesenen Leib und e ite ihm nach in bie Reinheit. Aber (ein uns bewahrtes Antlitz beutet uns ben heiligen Sinn seines Ledens: Ich liebte unb wurde bem (Beliebten ähnlich, nach' bem gültigen Wort: Mensch, was bu liebst, in das wirst du ver- ■nicU ich N bc. ider Bund, Nann noch n und Bor- neues uni lunde-Po« 3nnigteil eförberuni. rnsteinhnr! lt feelifche» trägt, äns agen, aber t über bei s Heros, in t, die Eck ten Gefielt liebcoolln Sri: fie if in hüheni es Silefiue imerfort ein am in i»- t Form in -L ^Verfi* er- til» ■ «u 'h" „W -c I< 'S?- S-S 'M* len, in ®t,! > ihn ein» er ihm » >m Krank'' as ich *' itjtnÜW* iften nut Porträt ,n bei nie 6 qteit M AndentA über* Breite«® igerte, ** äfte 0"d lallte, er " ch-in'-Ä ro;e ich denn die Bekanntschaft seiner Person zu der [d)ägbarften meines Hebens diesen Brieswechsel zu dem schönstersreulichen, den erquuktichsten Büchern rechne, die mir bekannt sind. Der eigentlid>e Quell seiner Wohl- taten ist freilich der gleiche wie bei der Dichtung: die Lebendigkeit der Sprache Zelters Sprache ist von einer Dichtigkeit und Sättigung, Saftigkeit und Gedrungenheit, die nur zu wetteifern haben mit Zartheit und I Biegsamkeit, ja mit einer fast weiblich sich dehnenden Zärtlichkeit in allen Augenblicken des sich Hineinlebens in ein Hohes, Schönes, eine Musik I ran Haydn, ein Gedicht von Goethe. Die schönsten in den Briesen sind die Stellen, wo er [ein Empfinden beim Lesen einer Goekheschen Dichtung I -um Ausdruck bringt, mit einer Innigkeit ohnegleichen und einer Seim heit der Wortkunst, das Empfundene süß zu gestalten,, es wie ein ganz blumiges oder wie ein zartgeblasenes Sarbenglas aus sich herauszulassen I und sürsichtig hinzustellen. Da lohnte es sich einmal für Goethe, so groß zu sein, da Zelter ihm seine Größe fing und lieblich zuruckbot wie in Schmetterlingsflügeln. Unb wiederum, wenn er Goethes vielfachen Wünschen nach genauer I Beschreibung von Schauspielern und Sängern — sei es zu Engagements- I werfen sei es nur, um sich zu unterrichten — nachkam, so ist das Ver- I cnugen erstaunlich, das man bei der Vorstellung jo verschollen belangloser und gleichgültiger Figuren empfindet, so viel ist Leben darin so 1 * Diel Grazie und Darstellung, solche Treffsicherheit des Blicks m den Äcrv des Lebens, und so viel Kunstwifsen um die zur Gegenständlichkeit 1 erwünschten wenigen Züge. Zelter auf Reisen, Goethes bestes Behagen I ift ein Kapitel für sich, das gelesen sei nicht beschrieben. So war Zelter ein Mann nach dem Herzen Goethes. Em sehr deutscher Mensch, der seinem Volk heilig bleibe, weil er Unsterblichkeit nicht I empfing, sondern sie erwarb. Oie Hände. Eine psychologische Skudie. Von Dr. Herbert Schmidt-Lamberg. „Man hat niemals seine Hände zittern sehen —" das tat wenige Tage nach Edi ons Tode sein Freund Henry Ford niebergefdjrieben. Ihm ,ft es ausgefallen, daß selbst in den allerletzten Monaten des großen Erfinders dessen Hände eine ungewöhnliche Sicherheit und Feinheit behal- I ten hatten. Und diese Sicherheit der Bewegung und die große Feinheit des Griffes und des Empfindungsvermögens in den Fingern Ctmons haben ohne Frage sehr viel zu seinen umwälzenden Entdeckungen bei- I getragen^ Er selbst hat einmal während seiner Anwesenheit in Berlin zu Rathen an gesagt, daß „Tast- und Taktgefühl ausichlciggebend bei der richtigen Bewertung neuentdeckter Zusammenhänge seien. Edisons Hönde waren lang und schmal, seine Finger waren se>ngegliedert, d.e oberen Gliedteile langer als die mittleren. Die Nagel waren von Natur aus zugespitzt und scharf, die Fingerspitzen voll durchblutet und «ewo.bt. Wenn er in das Gewirr der Drähte und Spulen an seinenelektrotechnv schen Apparaten griff, dann hatte man unbedingt das Gefühl daß lerne Hand dort nichts beschädigen, drücken oder gar zerstören konnte, daß >m Gegenteil die Schmiegsamkeit und Anpassungsfähigkeit dieser Hande auch die feinsten Fehler auffinden würden, die sogar das menschliche Auge nicht erblicken und begründen konnte. , , ! Wie 'die Hand, so die Schrift! Bei keinem Menschen hat sich das mehr ausgeprägt als bei Edison, der zwar feste und sichere Buchstaben schrieb, dabei aber alle Einzelheiten der Schriftzeichen sorgsam> betont«i nnd aus, führte. Und hier hat er ohne jeden Zweifel c"'en Berührungspunkt zu einem Mann, der zwar eine ganz andere.^»nd besitzt als der große Er sinder sie hatte, der aber genau wie er ne bervt*^yCrf‘ icrriüene Uauibahn feines Lebens mit der plötzlichen scharfen Kurve nach oben aufmmeifen hat mU Mussolini. Die Hand Mussolinis ,st schwer und flei rfiig- er versteht, sie mit Wucht an den wichtigen Stellen seiner Reden m?t9bcr muskulösen Seitenpartie auf den IiW iau(en f Dabei sind seine Finger kurz und gewohnheitsmäßig eng flamme I gepreßt. Er beherrscht das Spiel seiner Finger derart, daß er au ) o erregten Auseinandersetzungen niemals gleitend unb !p'bl"^,b>e Fing beweg" er weiß, daß seine Hände beobachtet werden und m yr noch als fein Gesicht dem Gegner Veranlassung zur Beurteilung emrs Innere geben. Die Handwurzel ist dick und fleischig. die Sehnen stark w e E sen drahte. Und doch hat Miissokini eme 6-radezu -legan e Ar , mck dieser Hand gewisse Bewegungen zu machen die Gesten des Le sei.e chiebei des Abtuns ausdrücken. Wenn er nut 6er H°nd vernemt .st der Hano jede Grobheit genommen. Die Hand >st warm und - ' ^Qn-0 öc6 mit Entschlossenheit, aber niemals mit ftritit Besuchers, ihr Besitzer weih, daß man ihren Lebensaußerungen sntir '"‘^"Seines Diktators die Hand eines demokratischen P^europä-» entgegenzusetzen, ist eine Versuchung, der man nicht ;brcr Art ift bk Änd de^ verstorbenen Aristide Br . a n d s b : uns n ihrer an das Bild des ganzen Mannes gibt. Knöchern uni) b ), f Druck letzten 30 Jahren immer gewesen, und doch sagt man un^ d°v^ dieser Hand einst warm und lebendig war, als 2fnf i1 mar Aus ständiger Gast in den Künstlergasthausern des . . dem Idealisten wurde der Skeptiker, aber ein wenfchh , > ,ucHeriid>: titer, kein trüber Pessimist. Die Hand Briands war sacht und sucy l fein Griff war vorsichtig und prüfend, er tastete gew>.E . @elenf= Händedruck den Gegner ab. Charakteristisch waren d i miichobersläche knochen der Finger, mit denen er sumerlen nero.o « ™berge trommelte. In besinnlichen und nachdenklichen Mon e m^id) die Finger mit der Innenfläche, tue bis 3um letzten ~ 0 fl T war, über den nächstliegenden flachen Gegenstand em Buch, ei u-y, ein Blatt Papier. Ick) habe diese Bewegung »uletzt gesehen, al r n Grabe Gtrefemnnns einen Kranz medergelegt hat e und diese F.nger ein paarmal leise ordnend über die feiöenen Krm zs I künstlerischsten Es ist eigenartig, daß man auch zwischen der Hand s Aünstler, aller europäischen Staatsmänner und dem politifd)f Aehnlich- Zwischen deck Hand Briands und der Hand Pu c c i n, s so viele eteynucy feit entdecken kann. Puccini, der regen Anteil an den politijck)en Ge schicken seines Vaterlandes und der Welt nahm, der sogar seine Libretti teilweise nach diesen Vorgängen formte und maskierte, hatte dieselben langen, bleichen und knochenstarken Finger, hatte auch die Gewohnheit, in Minuten der Unentschlossenheit mit diesen Fingern erregt zu trommeln. Und er soll auch dieselbe tastende Hand bei den Begrüßungen geboten haben, wobei nur sicher ist, daß er beim Klavierspiel in einer Art Schweben und Gleiten, beinahe ohne die Tasten zu berühren, jedes Motiv, und war es noch so stark und himmelstürmend, aus dem Instrument herauszuholen wußte. Seine Hände flatterten bei der Niederschrift seiner Noten, so stark war er bewegt von seinen Einfällen. Wenn er den Taktstock schwang, dann muhte er aus dem gleichen Grunde fast die Mitte des Stabes ergreifen: sonst hätten die zitternden Finger den Stab fallen lassen. Erst mit dem fortschreitenden Erfolg eines Werkes wurde fein Grifs sicherer, und der Komponist verließ meistens nach einem mit dem ersten Konzertmeister des Orchesters gewechfelten, festen Händedruck seinen Dirigentenplatz. „ Eigenartige Hände, wie man sie selten trifft, hatte der verstorbene Zündholzkönig Ivar Kreuger. Wer diese gelblichen, langgegliederten und säst unbeweglichen Hände kannte, der hat zu Lebzeiten Kreugers gewußt, daß dieser Mann nichts fahren läßt, was er einmal befaß, daß er stets Neues zwischen diese festen und muskulösen Finger nehmen würde und daß er erst bann die Hand öffnen könnte, um das Gehaltene freizugeben, wenn diese Hand leblos sein würde. Er hat sie wirklich nicht eher geöffnet, die druckfeste Hand blieb bis zur letzten Sekunde energisch unb selbstbewußt, sie war noch starr und widerspenstig, als man ihr die Pistole in Paris entwinden muhte. Einem Toten. Und man kann über Ivar Kreuzers Handlungen schreiben und denken was man will, feine Hand ift ein Beweis, dafür, dah hier kein Wahnsinniger am Werke war: solche glatten und sicheren Hände gibt es in keinem Irrenhaus« der Welt. Auf den ersten Blick kann die Hand eines Stalin abschreckend roirten. Denn sie scheint ohne feinere Gliederung vom Arm bis zu den Fingerspitzen die gleiche Breite zu haben: vierschrötig, derb und ungelenk. Ein eckiger Stock, bereit, in jedem Augenblick niederzusausen, um alles zu vernichten was sie aushalten will. Aber dann entdeckt man plötzlich, daß die Finger schmal und spitz, daß sogar die Nägel feingeschniiten und . schmal sind. Und der Griff der Finger ift fast schmiegsam, nichts wird gerissen und geschleudert, alles wird geglättet und geordnet. Diese beiden so gegensätzlichen Merkmale sind bezeichnend für die Karriere dieses eigenartigen Menschen: für den wenig prüfungsgewohnten Blick der Masse ift er der stiernackige, unnachgiebige und eiserne Mann, für die Geschäfte eines Grohstaates der biegsame und kluge Politiker. Diese Hand ist die Hand des russischen Volksführers, wie er heute fein muh; allerdings ist durch ihre Härte und starke Knochenbildung angedeutet, daß sie im Falle der Wahl wohl immer der Gewalt als entscheidendem Mittel den Vorzug geben würde. Die nicht zu langen Finger über einer wulstigen Handfläche lassen nicht erkennen, ob diese Hand auch ebenso lange eine Sache halten kann, wie sie sie mit Sicherheit ergreift und preßt. Eine Hand, die nichts Endgültiges über das Schicksal ihres Besitzers aussagen kann j)er Maler, von dem aus bestimmten Gründen in den letzten Monaten wieder sehr viel gesprochen wurde, einer der idealistischsten und gottseligsten Menschen des 19.Jahrhunderts, van Gogh, kann deswegen hier nicht fehlen, wett seine Hände jeden Teil seiner Lebens- und Entwicklungsgeschichte in typischer Veränderung ausgedruckt haben. Girou- dour beispielsweise erzählt uns, daß er niemals beobachtet habe, daß die Hände eines Menschen derart mit Hoffnung und Enttäuschung an Ausdruck gewechselt hätten, wie die Hände van Goghs. A s er sein Zieh die Schaffung des Arbeitskollektivs, endgültig gescheitert sah, hatten sich seine zarten, sehnigen, trockenen und sicheren Malerhände binnen 24 stunden in nervöse, erhitzte, gerötete und sogar geschwollen erscheinende Hande verwandelt. Während er als junger Mensch schmale, sehnige und weiße Hände besaß, die einen festen Griff und sicheres Taktgefühl hatten, schil- | bert uns ein Freund seiner letzten Monate und auch fein 58ruber, ber ihm so schnell ins Grab nachfolgte, bah feine H-mbe weich und Mass geworden seien, die Sehnen ohne Spannung und der Griff unsicher, I feucht und gleitend. Niemals habe ein Maler von diesen Qualitäten mehr I Arbeitsfähigkeit durch die Veränderung feiner Handbeschaffenheit ein- gebüht, als gerade van Gogh. Er selbst litt darunter unb versteckte seine tzänbe in den letzten Wochen gern vor Besuchern unter der Bettdecke. In dieser Haltung ist er auch gestorben. Oie pariser. Roman von Alfred Bock. (Fortsetzung.) I Für die Spechtsmarie war es ausgemacht, daß ihr Sohn sich um das Bürgermeisteramt bewerben müsse. Es war von großer Bedeutung, day sie den Heilmannshenner, den Barbier, zu sich herüberzog. Der war an I ben Wochentagen als Baumpsropfer, Heilgehilfe unb Geschäftsvermittler I tätig Sonntag vormittag rasierte er seine Kunben. Dann ging fern 'Ulunb wie geschmiert. In unauffälliger Weife brachte er das Ge,prach auf bie künftige Bürgermeifterwahl unb sagte, er habe gehört, dem Melchior Wallenfels solle ein jüngerer Kandibat entgegengefteUt werden, der einen Kops habe wie ein Kirchturm unb em geregelt Werk. Aus die I Frage wer benn bas sei, antwortete er, Genaueres wisse er nidjt bem Leutgeschwätz nach fei’s ber Spechtskarl. Bei geringen Bauern brückte er sich minder vorsichtig aus und empfahl geradezu den Pariser als einen rechtschaffenen Menschen, ber auch bem armen Mann etwas gönne. Aus b e(e Weise kam ber Stein ins Rollen. Die Helfer ber Spechtsmarie bearbeiteten beim Mähen, Dreschen unb Kartostelausmachen die wahlfähigen Taglöhner und Knechte, bezahlten ihnen einen höheren Lohn und I gaben denen die verheiratet waren, nack) dem Nachtessen noch ein Stuck Sveck ein paar Eier, wohl auch einen Topf Milch mit nach Haufe. Daß I der Lammwirt, der dem Bürgermeister spinnefeind war, sich zu den Pa- eifern schlagen würde, war vorauszusehen. Gäste, die für die Kandidatur Specht gewonnen weroen sollten, bediente er mit besonderer Aufmerksamkeit, säumigen Zahlern gewährte er Kredit, ja er verabreichte verschiedentlich Bier und Branntwein umsonst. Erkundigte sich ein Neugieriger, wem man das Glück zu verdanken habe, erwiderte er: „Trink" nur, 's is einer, der's kann!" — In einer von Rachgier erfüllten Umgebung war der Spechtskarl zum . Mann gereift. Was der Bater ihm auf die Seele gebunden, lebte unver- i geilen in ihm fort. Zuweilen packte ihn die Erinnerung, daß ihm die Arme bei der Arbeit schlaff heruntersanken. Und sein« Gedanken flogen ( auf wie schwarze Vögel und wanderten in das ferne Paris. Auf dem ; Siechbett im engen Stübchen lag der Bater und faßte deich schmerzenden Kopf mit beiden Händen. Verhalten drang der Lärm der Straße herauf. Die Mutter weinte vor sich hin. Endlich schlummerte der Kranke ein. Ms er erwachte, schien er ein wenig gekräftigt. Er sprach vom Großvater Specht. Der war, bevor seine Kinder die Heimat verließen, beim Bürgermeister gewesen und hatte ihm vorgestellt, er sei zu alt, mit nach Paris zu gehen, er wisse nicht, wo er künftig sein Haupt niederlegen solle. Wallenfels hatte ihn ins Armenhaus gewiesen. Dort war er denn auch gestorben. Er ruhte wenigstens in heimischer Erde. Aber hart war's, in fremdem Land begraben zu werden. Und der Karl vermeinte des Vaters Stimme zu hören: „Du weißt, was der Bürgermeister deheim bei uns im Salz liegen hat. Ich hatt' im Sinn, ein Jahrer sechs, auch sieben hier zu schaffen. Wann's dann gelangt hält', gedacht' ich Heimzumachen un net eher zu ruhen, bis der Hund auf's Hauklotz kommt. Das is nu vorbei. Aber du seift da als mein Sohn un versprichst mir in die Hand hinein, daß du's dem Wut* heimzahlen tust." Und der Karl gab seinem Bater die Hand: „Verlaßt Euch draus, ich zahl's ihm heim." Er sah des Sterbenden Blick aus sich gerichtet. Ein rasender Schmerz zerriß ihm die Brust. Sich an dem Würger zu rächen, der seiner Familie den letzten Blutstropfen ausgesaugt, der des Vaters frühen Tod verschuldet, betrachtete er als heilige Pflicht. Nach menschlichem und göttlichem Recht. Wie geschrieben stand: Auge um Auge, Zahn um Zahn. — Es war etwa ein Jahr vor der Bürgermeisterwahl. Dem Dors war ein reicher Erntesegen beschert. Die Alten schritten mit sorgenfreier Stirn einher, die Jungen ließen ihrer Lustigkeit freien Lauf. Eben hatten die Burschen unter den Klängen einer Musikkapelle den Kirmesbaum gerichtet. Den Hut mit dem Kirmesstrauß geschmückt, ritt der Rohnspeter durch die Gossen und sang: Morn is Kirmes, juchhe! Kirmes is die ganze Woche, Und wenn der liebe Sonntag kimnck. Dann haben m’r nix zu koche Als lauter dürre Knoche." Die Jugend gab dem Reiter das Geleite, und des Jubels war kein Ende. — In der frisch geweißten, geräumigen Wohnstube saßen an blank gescheuertem Tisch die Spechtsmarie und ihr Sohn beim Dreiuhrkasfee einander gegenüber. „Wie is es dann", hob die Bäuerin an, „gehst du morn bei die Kirmes?" „Ich hab's vor", versetzte der Karl. Die Marie nahm bedächtig einen Schluck Kaffee und sprach weiter: „Mit wem tanzst du dann den ersten?" Der Karl gedachte bloß als Zuschauer das Fest zu besuchen. Auf die Mädchen war er sein Lebtag nicht gelüstrig gewesen. „Ich — tanzen?" lachte er. „Ich glaub', 's is Euch net gut. Heber die Possen sein ich enaus." Die Marie schob ihre Tasse beiseite und legte die Arme aus den Tisch. „Possen hin, Possen her. Mach dich an dem Bürgermeister seine Annegret." Der Karl fuhr in die Höhe. „Is das Euer Ernst?" Die Augen der Bäuerin blitzten. „Stein völliger Ernst. Ich will emal das Kind beim rechten Namen nenn. Mit der Korest'**, das soll nur Kumedie*** sein. Aber dernach is leicht möglich, daß der Melcher"*** und seine Leut irr werden und net merken, wie der Has läuft. Letzt sagt's die Bachschulzmarie, die Annegret guckt dir als nach. Ein' Bursch hat je net, und ein Prinz wird sie net holen, schwätz nur ein bisst fein, und öu kannst sie um den Finger wickeln. Und wann's dem Vater net paßt — ich sein dir gut defür — die Tochter bringt's ihm bei." In leinem gerechten Haß gegen den Bürgermeister stand der Karl seiner Slutter nicht nach. Aber wie sie Masche an Masche fügte, wenn die Zeit gekommen war, das Netz über den Wut zu werfen, dagegen war ei der reine Stümper. Der Plan mit der Annegret war auch so eine Masche. Fraglos nicht gestern oder heut entstanden, sondern langher überlegt. Dem Todfeind einen Streich zu spielen, ihn über seine wahren Absichten zu täuschen, gab's keinen Weg, den er nicht ging. Zwar hatte das Ntädchen ihm nichts getan. Und wenn sie so unschuldig war wie die Fliege an der Wand, sie mußte halt mit dem Schuldigen leiden. Wo's jetzt dem Wul zu Leibe ging, war die Losung: Gegen den Strom gefischt und Gist gegen Gift. — * Bösewicht. “ Liebessache. “* Komödie. *** Melchior. Anderntags beim Tanz sprach er die Bürgermeisterstochter, die er sonst geflissentlich gemieden hatte, mit Öen Worten an: „Seist du gefrägt^" Auf ihr „Nee" ließ er das übliche „Häng in" folgen. Bielmal tanzten sie miteinander und waren auch in den Pausen unzertrennlich. Die Annegret fand an dem stattlichen Mann Gefallen. Wenngleich von unverfälschter bäuerische Art, ragte sie doch über ihren Kreis empor und hatte von Menschen und Dingen ihre besonderen Gedanken. Nun tarn einer, der • draußen in der weiten Welt . gewesen war, der erzählen konnte und vielerlei weckte, was lange in ihr geschlummert hatte. Sie sprach es ganz I unbefangen aus: „'s is mir grab', als wären wir immer beisammen ! gewest und haben doch nie nix miteinander geschwätzt." Was sich da ! anspann, sah der Bürgermeister zuerst mit Argwohn, später mit Befriedigung. Der Spechtskarl war ein tüchtiger Mann, dem man ein Kind i gern anvertraute. Und wohl zu beachten: hielt aus dem feindlichen Lager der Besten einer um die Annegret an, bedeutete das eine Niederlage für die Pariser, die das Bild des Wahlkampfes völlig veränderte. — III. Die Hofreite des Bürgermeisters bildete ein fast regelrechtes Viereck, das von dem Wohnhaus, der Scheune und den Stallungen umgrenzt wurde. Hinter der Scheune zog sich der Obst- und Gemüsegarten hin. Die Giebelwand des zweistöckigen Wohnhauses, eines alten Fachwerkhaus, war mit Bildern aus dem Tier- und Pflanzenleben geschmückt. Auf dem Hauptbalken über der Tür stand der Spruch: Das schönste Wappen in der Welt Das ist der Pflug im Ackerfeld. Von dem mit Steinplatten belegten Hausflur gelangte man, die Küche zur Rechten lassend, in die Amtsstube des Bürgermeisters, an die sich die Wohnstube und die Schlaskammern der Bürgermeisterin und ihrer Tochter schlossen. Im oberen Stockwerk fiel die schön eingerichtete gute Stube aus. Eine Stiege führte zum Bodenraum. Hier lag der Flachs in Gebinden geschichtet. Von den Dachsparren hingen Beutel mit getrockneten Zwetschen, Hotzeln und Schnitzen herab. Ueberall herrschte Ordnung und Sauberkeck. Es war früh um sieben. Die Nacht über hatte ein heftiger «türm gewütet. Der flaute nun ab. Am Himmel hing zerrissenes Gewölk. Zögernd, als ob er Bedenken trage, der herbstlichen Landschaft sein Licht zu spenden, war der Tag heraufgekommen. Der Bürgermeister hatte eben erst fein Bett verlassen, während seine Leute bereits seit fünf Uhr bei der Arbeit waren. Aus seinem Gesicht lag ein Ausdruck von Aergerlichkeit. Die Nachwirkung des gestrigen Abends. Er war um Mitternacht aus dem „Einhorn" heimgekehrt. Dort hatte der Schmidtkonrad dem Born- fchorsch gegenüber geäußert, er beabsichtige, auf seinem Lehmacker eine Backsteinbrennerei anzufangen, doch brauche er noch vier oder fünf Morgen Land. Seine Grenznachbarn waren der Bornschorsch auf der einen, der Bürgermeister auf der anderen Seite. Der letztere schien gar nicht für ihn zu existieren. Das wurmte den Dorfgewaltigen. Wollte der Halunke ihm bloß die Zunge ziehen, oder wollte er ihm seine Mißachtung bezeugen? Jetzt vor der Wahl war's am besten, sich nichts merken zu lassen' Gelangte der Plan zur Ausführung, würde er, der Bürgermeister, die Kaufnokul machen und Gelegenheit finden, ein Wörtchen drein zu reden. Die Annegret trat in die Stube und brachte ihrem Baler den Morgenkaffee. Sie war von mittelgroßer, schlanker Gestalt, hatte üppig blondes Haar, blaue Augen und einen auffallend kleinen Mund. Von einem bösen Fall, den sie als Kind getan, war eine Narbe auf ihrer Stirn zurückgeblieben. Sie hatte die Schweine gefüttert. Daran anknüpfend sagte sie: „Die Schlacht sau' haben sich bedeutend gemacht. Die 'ein bald fett." Da der Bürgermeister schmieg, sprach sie weiter. „Der Hannvelte fragt, ob he die Gäul' zum Zockern nehmen soll." „He soll die Küh' nehmen", befahl Wallenfels. „Die Gaul' haben sich geil’ genunk strabeleziert. Die schaffen heut nix." ; „'s is gut", sagte Annegret und ging. Nach einer Weile ließ sich der Hannvelte drophen vernehmen, und zwar so laut, daß es sein Herr in der Stube hört?. „Ich seh' net, daß die Gäul' matt fein. Mit den Küh', das is ein langweilig Gemächt." ( Der Bürgermeister zog die Brauen zusammen und sprach vor sich hin: ; „Satansknochen, ich reiß' dir den Kopp ab!" t Der Hannvelte war in letzter Zeit lässig geworden und muckte auf. t Beim Fruchtschneiden hotte er so wenig vor die Sense genommen, daß t die Mäher sich darüber belustigten. Vergangene Woche hotte er den r Pfuhl in die Straßengosse lausen lassen. Zufälligerweise bemerkte es der > Gendarm, der sonst dergleichen Vergehen unnochsichtlich zur Anzeige brachte. Dos mußte ihm, dem Bürgermeister, passieren! Er war draus l und dran gewesen, den fauler. Knecht zu entlassen. Dann halte er sich i eines andern besonnen. Der Hanuoelte war verheiratet und wohnte im r Unterborf. Gab man ihm den Laufpaß, stellten ihn die Pariser in Dienst, e Und wenn's nur darum geschah, daß sie sich seiner Stimme versicherten. - Unter Umständen kam's bei der Bürgermeisterwahl auf eine Stimme an. - Vor der Tür räusperte sich wer. Gleich darauf stolperte der Orts^ » diener herein. Im Dorf hatten sie ihm den Spitznamen „Rundbrenner" e beigelegt. Mit Fug. Denn er zog von Hous zu Haus, erzählte Neuig- i teilen und ließ die Schnäpschen, die man ihm darreichte, mit Würde die d Kehle hinunterlaufen. Es war einmal vorgekommen, daß der Bürgermeister in einer dringlichen Angelegenheit seines Untergebenen bedurfte. Der war nirgends zu finden. Do griff feine resolute Frau zur Ortsschelle und rief öffentlich aus: „Wer den Ortsdiener bei sich hat, soll ihn gleich zum Bürgermeister schicken!" Mit eins erschien der Gesuchte aus der Bildfläche und eilte der Behausung seines Vorgesetzten zu. (Fortsetzung folgt.) 'Verantwortlich: l)r. Hans Thyrioi. — Druck und Verlag: Brühl'fche Universitäts-Buch- und Steind ru ckerei, R. Lange, Gießen.