GiehenerKMilieMNer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1952 Montag, den 8. August Nummer 6t Sommerbild. Von Friedrich Hebbel. Ich sah des Sommers letzte Rose stehn. Sie war, als ob sie bluten könne, rot: Da sprach ich schauernd im Vorübergehn: So weit im Leben ist zu nah am Tod! Es regte sich kein Hauch am heißen Tag, Rur leise strich ein weißer Schmetterling: Doch ob auch kaum die Luft sein Flügelschlag Bewegte, sie empfand es und verging. Oie Brüder vom guten Vollmondgesicht. Flämische Legende von Charles de Co st er. I. Zu der Zeit, da in Brabant der gute Herzog regierte, saßen zu Uccle in der Herberge zur Trompete die Brüder vom guten Vollmondgesicht, also wohl benannt: denn ein jeder hatte ein fröhlich Gesicht, geziert zum Zeichen eines satten Lebens mit wenigstens einem Doppelkinn: also war es bei den Jungen: die Alten aber hatten deren mehr. Folgendermaßen ward ihre Bruderschaft gestiftet: Als Pieter Eans, der Herbergswirt oben erwähnter Trompete, sich eines Nachts entkleidete, um schlafen zu gehen, vernahm er in seinem Garten eine klägliche Stimme, die da rief: „Die Zunge verdorrt mir, netze, netze! Ich sterbe schlimmen Durstes." Er dachte zuvörderst, es sei dies irgendein Zecher, legte sich gar friedlich nieder, trotzdem es immerzu im Garten rief: „netze, netze, ich sterbe schlimmen Durstes!" und also kläglich, daß Pieter Gans sich erheben mußte und an das Fenster trat, um zu erfahren, wie denn der Dürstende beschaffen sei, der also heftig schrie. Und er erblickte eine breite, helle Flamme von hoher und seltsamer Art, die über den Rasen dahinlief: da wähnte er, dies könnte wohl die Gestalt einer angstgequälten Seele aus dem Fegefeuer sein. So betete er mehr denn hundert Litaneien: aber umsonst, denn er vernahm immerzu den Rus: „Netze, netze, ich sterbe schlimmen Durstes!" Beim Hahnenschrei vernahm er nichts mehr und sah zu seiner Freude die Flamme erloschen. Als es Tag geworden, ging er zur Kirche: dort erzählte er dem Pfarrer das Erschaute und ließ eine schöne Messe lesen für die Ruhe der armen Seele, gab dem Geistlichen einen Goldpeter, daß man ihrer noch mehr läse, und gestärkt kehrte er heim. Aber in der folgenden Nacht hob wiederum die Stimme an zu klagen und also jämmerlich, wie ein Mensch im letzten Lebenskämpfe. Und desgleichen während mehrerer Nächte. Darüber ward Pieter Gans gar trübsinnig. Wer ihn vorher gesehen hatte, mit seinen rosigen Wangen, dem |atten Bäuchlem und dem fröhlichen Gesicht, wie er die Frühmetie mit Flaschen und die Vesper mit Kannen las, der hätte ihn sonder Zweifel nicht wiedererkannt. r ...... m Denn er wurde so welk, dürr, hager und von so kläglicher Gestalt, daß die Hunde bei seinem Anblick bellten, wie sie solches bei den Bettelleuten tun. II. Dieweil er sich nun also in Trübsinn und Verzweiflung verzehrte und ganz allein in einem Winkel wie ein Aussätziger saß, kam von ungefähr zur Herberge Meister Jan Blaeskaek, der Bierbrauer, ein fröhlicher und ganz verschmitzter Kumpan. Als dieser sah, wie Peter Gans ihn stumpf und wirr anblickte, trat er zu ihm, schüttelte ihn und sprach: „Auf, wach' auf, Kumpan, ich mag dich nicht gleich einem Leichnam sehen." — „Wehe", erwiderte ihm Pieter Gans: „ich bin kaum viel mehr wert, Gevatter. „Und woher kommt dir diese schwere Melancholie?" Da versetzte Pieter Gans: „Komm an einen Ort, da uns niemand vernehmen kann. Dort will ich dir die Geschichte weitläufig berichten. Und sie taten also. — Wie Blaeskaek alles wohl vernommen, sagte er: „Mitnichten ist solches eines armen Christen Seele, sondern des Teufels Stimme heißt es befriedigen. Daher geh in deinen Keller und bringe ein gutes Faß voll Bier: das wollen wir in deinen Garten rollen, bis zur Stelle, wo die helle Flamme geleuchtet hat." „So werde ich tun", versetzte Pieter' Gans. Aber zur Vezperzeit vermeinte er, daß das Bier allzu kostbar sei, dem Teufel hinauszugießen, und stellte an den Ort, wo die Flamme geleuchtet hatte, em großes Beeten voll klaren Wassers. Um die Mitternacht vernahm Pieter Gans eine noch kläglichere Stimme, welche rief: „Netze, netze, oder ich sterbe schlimmen Durstes." Und er sah die helle Flamme wie besessen auf dem Wasser des Beckens tanzen, und zugleich war dasselbige unter großem Gepolter so heftig zertrümmert, daß die Stücke bis an die Fenster des Hauses flogen. Da begann er vor Angst zu schwitzen und zu meinen und klagte: „Es geht mit mir zu Ende, mein lieber Gott, zu Ende geht es mit mir. Was bin ich nicht dem Rate des weisen Blaeskaek gefolgt, denn er ist ein Mann von klugem Rat. Herr Teufel, der Ihr Durst habt, tötet mich nicht diese Nacht, Ihr sollt morgen feines Bier trinken, Herr Teufel. Ja, es ist weit berühmt im ganzen Lande, denn es ist des Königs Bier und des guten Teufels, der Ihr das gewißlich seid." Die Stimme aber rief unaufhörlich: „Netze, netze!" „Wehe, wehe: habt ein klein wenig Geduld, Herr Teufel: Ihr werdet morgen mein also gutes Bier trinken. Es hak mir manchen Goldpeter gekostet, und ich will Euch ein volles Faß geben. Seht Ihr denn nicht, daß Ihr mich nicht diese Nacht umbringen dürft, sondern erst morgen, so ich nicht Wort halte? Und so jammerte er bis zum Hahnenschrei, und als er diesen vernahm und bemerkte, daß er nicht gestorben sei, sprach er fröhlich die Morgenmette. Bei Sonnenaufgang machte er sich auf und holte selbst das Faß voll Bier aus seinem Keller, stellte es auf den Rasen und sprach: „Da ist frischeres und besseres zum trinken, habt somit Erbarmen mit mir, He» Teufel." III. Zur dritten Stunde kam Blaeskaek zu hören, was sich Neues zugetragen'habe. Wie er aber fortgehen wollte, ward er von Pieter Gans zurückgehalten, und dieser sprach zu ihm: „Ich habe das Geheimnis meinen Dienern verheimlicht, besorgend, sie möchten es dem Geistlichen hinterbringen, ich bin daher fast allein im Hause. Ihr braucht daher nicht vorschnell aufzubrechen, denn es könnte sich hier Schlimmes ereignen, und dazu wird es gut sein, Mut im Leibe zu haben. Allein habe ich keinen, aber zu zweien haben wir dessen übergenug. Auch geziemt es sich, uns kriegsmäßig zu rüsten. Und anstatt zu schlafen, wollen mir lustig zechen und trinken." — „Aber vom Alten, wenn ihr mir vertrauen wollt", sagte Blaeskaek. Ungefähr um Mitternacht hörten die beiden Gesellen, die in einer niedrigen Halle mit aufgenefteltem Wams, jedoch nicht ohne Besorgnis zechten, die gleiche Stimme, aber nicht mehr kläglich, sondern heiter, wie sie Lieder in einer seltsamen Sprache sang: auch vernahmen sie gar liebliche Weisen, gleichwie von Engeln stammend, die (mit Verlaub zu sagen) im Paradies zu viel Ambrosia getrunken hätten, desgleichen himmlische Frauenstimmen, Tigergebrüll, Seufzer, das Geräusch von verliebten Küssen. „Heda", rief Pieter Gans, „was mag das fein? lieber Jesus! Das find Teufel ganz sicherlich. Sie werden mir die Tonne völlig leeren. Und sie werden mein Bier köstlich finden und werden von neuem davon trinken wollen, und jede Nacht werden sie stärker rufen: Netze! netze! Und ich werde noch zum armen Manne werden, weh mir! weh mir! Höre, Geselle Blaeskaek" — und bei diesen Worten zog er seinen Knyf, das ist, wie ihr wissen werdet, ein starkes, gut geschliffenes Messer —, „höre, wir müssen sie mit Gewalt verjagen, aber den Mut dazu habe ich nicht." — „Ich gehe", antwortete Blaeskaek, „aber nicht gleich, erst beim Hahnenschrei. Man sagt, daß die Teufel dann nicht beißen." Vor Sonnenaufgang krähte der Hahn. Und er hatte an diesem Morgen eine so kriegerische Stimme, daß es gleich schmetternden Trompeten klang. Und wie sie die Trompeten vernahmen, siehe, da hielten alle zechenden Teufel mit ihrem Gebaren und Liedern ein. Pieter Gans und Blaeskaek waren darob sehr froh und liefen mit großer Eile in den (Barten. Pieter Gans suchte flink seine Tonne: er fand sie zu Stein verwandelt: und oben darauf saß wie auf einem Gaul ein Knäblein, splitternackt: ein feines und hübsches Knäblein, zierlich bekränzt mit Weinlaub, und Trauben hingen ihm Über die Ohren. Und er hielt in der rechten Hand einen Stab, mit einem Tannenzapfen am Ende und rings umwunden von Weinlaub und Reben. Und obgleich das Knäblein von Stein war, so schien es doch lebend, solch ein gutes Vollmondgesicht war ihm zu eigen. (Bar heftig waren Gans und Blaeskaek bestürzt, als sie besagtes Knäblein betrachteten. Und sie befürchteten Teufelsspiel und Buße durch den Geistlichen und schworen, keinem ein Work zu jagen, und stellten die Gestalt, die nicht sonderlich groß war, in einen schwarzen Keller, wo es nichts zu schlürfen gab. IV. Hiernach gingen sie selbander nach Brüssel, um Rat zu holen bei einem allen Manne, von Berus Gemüsehändler, der, obschon ein Sudel- koch, doch vom gemeinen Manne geschätzt wurde wegen gewisser Fleifch- pasteten von Kaninchen wohl zubereitet mit seltenen Kräutern, für die er nicht viel heischte. Und die gottseligen Leute glaubten, er habe Gemeinschaft mit dem Teufel, dieweil er auf wunderbare Weise die Menschen und Tiere mit seinen Kräutern heilte. Er verschenkte auch Bier, welches er von Dlaeskaek kaufte. Häßlich war er anzusehen, hatte die Gicht und einen Kropf, war welk und gelb wie eine Quitte und runzlig wie alte Aepfel. Er hauste in einer Wohnung von üblem Aussehen, da wo am heutigen Tage die Brauerei von Claas van Bolxen steht. Gans und Dlaeskaek suchten ihn auf und fanden ihn in der Küche, wie er seine Kaninchenpasteten but. • Als der Gemüsehändler den Gans so elend und trübsinnig sah, fragte er ihn, ob er etwa ein Uebel habe, von dem er geheilt sein wolle. Da sagte Blaeskaek: „Er bedarf nur Heilung von der schlimmen Furcht, welche ihn seit einer Woche quält." Und er erzählte ihm ausführlich die Geschichte des kleinen pausbäckigen Knäbleins. — „Herr Gott!" sagte Josse Cartuyvels, denn das war der Name dieses Doktors der Kaninchenpasteten, „ich kenne wohl diesen Teufel und will euch sein Konterfei zeigen." Und er führte sie hinauf zu ob erst seiner Wohnung und zeigte ihnen auf einem artigen Bilde, wie genannter Teufel in Gesellschaft wackerer Frauenzimmer und fröhlicher, bockssüßiger Gesellen ein Gelage hielt. — „Und welches ist der Name", fragte Blaeskaek, „dieses fröhlichen Knäbleins?" — „Bacchus, vermeine ich", sagte Josse Cartuyvels. „In früheren Zeiten war er ein Gott, aber bei der Ankunft unseres gnädigen Herrn Jesu Christi" — und hier bekreuzigten sich die drei — „verlor er jegliche Macht und Göttlichkeit. Er war ein guter Geselle und vorzüglich der Erfinder des Weines, Bieres und des Kräuterbieres. Möglich ist, daß er deswegen, anstatt in der Hölle, nur im Fegfeuer weilt, wo er ahn' Zweifel Durst betommen hat und mit himmlischer Erlaubnis ein armseliges, einziges Mal und nicht öfters auf die Erde fahren durfte, allda jenes klägliche Lied zu singen, das Ihr in Eurem Garten vernommen habt. 2M>er ich vermeine, daß ihm nicht bewilligt war, in einem Lande feinen Durst zu klagen, wo Wein getrunken wird, sondern Bier allein; und fo i^t er zu Meister Gans gekommen, wohl wissend, allda das beste zu finden." Da sagte Gans: „In der Tat, Freund Cartuyvels, in der Tat das beste Bier im ganzen Herzogtume, und er hat mir eine volle Tonne vertrunken, ohne mir dafür die kleinste Münze Goldes, Silbers, ja nicht einmal Kupfers zu bezahlen. Das ist nicht die Art eines ehrbaren Teufels." Spricht zu ihm Cartuyvels: „Ihr irrt Euch gar sehr und versteht nichts von Eurem Heil. So Ihr aber auf mich hören wollt, so wird Euch besagter Bacchus offenbaren Nutzen bringen; denn er ist der Gott der fröhlichen Zecher und der wackeren Herbergswirte, und er will Euch begünstigen; also vermeine ich." — „Was sollen mir aber tun", fragte Blaeskaek. — „Mir ist berichtet worden, daß dieser Teufel ganz vernarrt ist in die Sonne. Zieht ihn zuvörderst aus seinem schwarzen Keller und stellt ihn an einen Ort, wohin die Sonne scheint, ich vermeine auf eine alte Truhe in der Stube, wo die Zecher fitzen." — „Süßer Jesus", rief da Pieter Gans, „solches Tun ist Abgötterei." — „Mitnichten", versetzte der Pastetenbäcker, — „ich meine, daß er an dem Otte ausgestellt, von dem ich sprach, voller Freude sein wird, wenn er den Dust der Tonnen und Kannen einschlürft und heitere Reden vernimmt. Und so werdet Ihr die Leiden der armen Toten christiglich mildern." Ihm erwiderte Pieter Gans: „Wenn aber der Geistliche Wind bekommt von diesem Bilde, das allen ohne Scheu sich zeiget?" „Er wird Euch nicht der Sünde zeihen können, denn Unschuld verbirgt sich nicht. Ihr sollt sogar diesen Bacchus offen Euren Verwandten und Freunden zeigen und könnt sagen, Ihr hättet ihn von ungefähr in der Erd: gefunden, in einem Winkel Cures Gartens. So wird er als alter Plunder erscheinen, was er ja auch ist. Nur auf eins gebt acht, nennt nicht feinen Namen vor irgend jemand, heißt ihn im Scherz Meister Vollmondgesicht und stiftet zu feiner Ehre eine fröhliche Bruderschaft." „Also wollen wir tun", erwiderten Pieter Gans und Blaeskaek, und sie nahmen Abschied, nicht ohne dem Paftetenhändler zwei schöne Sechser für seine Mühe zu geben. Er wollte sie züriickhalten, auf daß er ihnen von seinen herrlichen Kaninchenpafteten vorsetzte, Pieter Gans jedoch war taub und sagte sich, daß dies Teuselskochkunst sei und ungesund für einen christlichen Magen. So zogen sie fort und wanderten gen Uccle. V. Während sie fürbaß zogen, sprach Gans zu Blaeskaek: „He, Geselle, welches ist deine Meinung über diesen Koch?" — Ihm versetzte Dlaeskaek: „Sproß eines Ketzers, Heide und Verächter alles Guten und Tugendhaften. — „Haft recht, mein Lieber, hast recht. Und ift's nicht große Ketzerei, wie er uns zu erzählen wagt, daß dieser Pausback auf feinem Fasst Wein, Vier und Kräuterbier erfunden habe, wo doch an jedem Sonntag in der Kirche gelehrt wird, daß der heilige Noah, auf Geheiß unseres Herr Jesu Ehristi (und hier bekreuzigten sich die beiden) derlei Dinge erfunden Hobe." — „Soll ich von mir reden", sprach Blaeskaek, „ich habe es schon mehr denn hundertmal vernommen." Und sie setzten sich auf den Rasen und begannen eine schöne Genter Wurst zu verzehren, die Pieter Gans mitgenommen hatte in Voraussicht des kommenden Hungers. (Fortsetzung folgt.) Oes Knaben Wunderhorn. Don Hermann Dreyhaus. Zwischen Hoffen und Bangen lag Königsberg, als im Jahre 1807 der Frühling heraufzog. Die Schlacht bet Preußifch-Eylau hatte den Sieges- lauf Napoleons gehemmt, von Rußland nahte Hilfe. Im Vertrauen dar- auf wagte die Königin Luise, das abgelegene Memel mit der zweiten Refj. denz des preußischen Staates zu vertauschen. Mit ihrer Schwester Friederike zusammen nahm sie in einem vornehmen Bürgerhause Wohnung. Nach der langen und abenteuerlichen Flucht von Jena bis Memel empfand sie ein defonderes Verlangen nach Menschen, die ihr Trost und Aufheiterung waren. „Heute gibt es ein seltenes Vergnügen", scherzte sie an einem blühenden Maienmorgen mit Friederike, „man wird uns darmstädtisch kommen." „Wieso?" , Deutsche Dichtung hat sich angemeldet. Arnim führt sie mit dem Wunderhorn. Gustel Schmink wird daraus fingen, der Staatsrat Staege- mann begleitet sie." „Arnim kommt, der braune Junge? Ich sehe ihn noch, wie er bei deiner Hochzeit als Page traumverloren hinter dir herstarrte, und wie dann plötzlich Tränen in seine Augen traten." Luise seufzte. „Dichter sind Seher. Vielleicht ahnte er schon als Knabe unsere Zukunft." Eine beklommene Stille trat ein. Friederike umarmte ihre Schwester. „Verzeih, daran wollt ich nicht erinnern! Doch sag, was bringt uns Arnim Darmstädtifches?" Das Wort wirkte wie ein Zauber. „Darmstädtisches? Jka, Jka, unsere Jugend! Arnim hat in dem .Wunderhorn' all die Lieder gesammelt, die wir bei der Großmutter gesungen haben. Du wirft's hören. Weißt du noch: ,Es blus ein Jäger wohl in das Horn', wenn Bruder Georg immer dazwischen quäkte und Onkel Georg einmal mit einem richtigen Netz kam und uns beide in den Rosenhecken aus der Braunshardt fing?! „In den Rosenhecken auf der Braunshardt... Darf man daran noch einmal denken? Wirklich, solche Erinnerungen und der kleine braune Arnim, das gibt ein Slück Heimat! Luise lächelte. „Auch der Osten ist unsere Heimat, Jka. fiebrigem», Arnim ist kein Bub mehr, aber ein stattlicher junger Mann." „Was hat ihn uns folgen lassen?" „Weswegen soviele hier sind. Sie wollen bei ihrem König sein — bis ^^Glückliche Luise! Die Treue deines Volkes ist größerer Reichtum als die Macht über Länder und Reiche." * Die Stimmen wohl eines guten Dutzends von Gästen erfüllten den Salon in dem Gustel Schmink, die Tochter eines Königsberger Kammer- zicnrates, Volkslieder aus „Des Knaben Wunderhorn" gesungen hatte. Sie hatte durch die anmutige Art ihres Vortrages die Stimmung hervorgezaubert, bei der die Herzen zusammenfchlagen, wenn sie von der Liebe Lust und Leid vernehmen. Zwijchen den Liedern sprachen der ernste Skaegemann und der feurige Schenkendorf eigene Gedichte, erfüllt von Verehrung für die Königin und voll Trost über die Leiden der schweren Zeit. 2(rnim erzählte, wie er von Heidelberg aus mit seinem Freunde Clemens Brentano die Lieder gesammelt auf dem Lande in Bauerw Häusern, in den Städten in vergessenen Blättern der Ratsarchive und auch wohl in den Schenken der kleinen Leute oder bei den Soldaten. Jedesmal, wenn Gustel Schmink gesungen hatte, war er in sich versunken. „Wie bei deiner Hochzeit", flüsterte Friederike Luise ins Ohr. Sein Beifall erschien fpontan, und doch wurde er verhalten, wenn fein Auge dem Blick der Sängerin begegnete. „Wir wollen schließen mit dem Sieb unserer Heimat", erklärte Staeae- mann, als er sich zum letztenmal an das Spinett setzte. Ein kurzes Vorspiel Gustels Sopran begann: „Aennchen von Tharau ift's, die mir gefällt." Arnim fuhr zusammen. Lange hatte er mit Clemens Brentano um die Aufnahme dieses Liedes in die Sammlung gekämpft. Es erschien dem Freunde zu gefühlvoll. Nach langen Zureden erst hatte er nachgegeben. Und nun fang ein junges Mädchen das Lied, das eigentlich in den Mund eines Mannes gehörte: „Krankheit, Verfolgung, Betrübnis und Pein Soll unserer Liebe Befestigung fein." Was hörte er da? Seine schlanke Gestalt neigte sich vornüber, als wollte er jedes Wort einzeln von den schönen Lippen saugen. Dann lohnte er sich wieder zurück. Er schloß die Augen. „So wird die Liebe in uns mächtig und groß Durch Kreuz, durch Leiden, durch allerlei Not." Das Lied schien für den Augenblick geschaffen zu sein, in dem man in Königsberg lebte. Und wie er ein ganz klein wenig die Augen öffnete und Gustel Schmink in dem Glanz der sinkenden Maiensonn« stehen sah, da formten sich feine Lippen zu dem Wort „Bettina", 2lber er wagte nicht einmal, es zu hauchen. Es blieb als Geheimnis in der Brust. Und doch \ wurde es gleich wieder hervorgelockt, als der Vers entlang: Ich will dir folgen durch Wälder, durch Meer, Durch Eis, durch Eifen, durch feindliches Heer." Sollte das eine Aufforderung fein? Unbeweglich faß Arnim noch, als das Lied geendet, als beifallsfreudig die Hände sich der Sängerin entgegen» streckten. „Er ist doch noch ein Bub", tuschelte Friederike ihrer Schwester zu. Dann aber hatte Arnim sich zurückgefunden. Bei dem allgemeinen Ausbruch fiel es ihm nicht schwer, seine starke Erregung zu verbergen. Nur stutzte er, als die Königin ihm ihren Dank für die herrliche Liedergabe ausfprach und leicht neckend schloß: „Des Knaben Wunderhorn scheint voll von Wundern für den Knaben selbst zu sein!" Durch die Empfehlung der Königin hatte der bald hier, bald dort wohnende Achim von Arnim in dem Landhaus« .des Kommerzienrates Schmink draußen am Oberteich eine Dauerwohnung erhalten. Wie er sie gezogen, fragte er sich: warum soviel Fürsorge um einen jungen Menschen? Königsberg ist überfüllt von Flüchtigen und Militär. Gar mancher irrt von einer Wohngelegenheit zur andern, froh, daß er überhaupt ein Dach Liberm Kopf hat. Warum sollte er bevorzugt sein? Und schließlich, warum blieb er überhaupt in Königsberg? Bei dem Gedanken wollte er sich ichelten. Gehörte er Nicht in dieser Notzeit zu seinem König? Das Ja auf diese Frage erschien nicht so ganz eindeutig. Seit die Königin ihn mit Sen Wundern des Wunderhorns geneckt, erinnerte er sich gern dieses Wortes. Gustel Schmink, die Tochter seines Gastfreundes, — bedeutete sie Das Wunder des Wunderhorns? Sa dachte er auf der Gartenbank unter der blühenden Kastanie. Hier m Osten kam der Frühling viel später als am Neckar. Aber sein Kommen zeschah plötzlicher, herrisch und verlangend. War so sein Empfinden für Iustel Schwink? Was hieß das? Bewegt stand er auf. Er wollte in die Stadt fliehen. Ihr Leben und Treiben sollte ihn ablenken. Da trat ihm Gustel Schwink vor dem Hause entgegen. Hatte sie seine Gedanken erraten, als er sie beim Singen beobachtete? Vas Mädchen war ja gar nicht Gustel Schwink, das war Bettina Bren- lano, des Freundes Schwester, die er geflohen hatte, weil sich unerbittlich -wischen sie das Hindernis des verschiedenen Glaubens stellte. Gustel Schwink — Bettina Brentano! Eine plötzliche Lustigkeit über« (am hin, Heidelberger Studentenübermut! Er brach einen Fliederzweig ib und reichte ihn Gustel, wobei er als Morgengruß das „Aennchen von Ifjarau" sang, ganz wie er es von ihr bei der Königin gehört. Als er jeenbet, lachten beide aus tiefster Brust. Arnim nahm Gustel an der Hand inb jagte mit ihr zu der Bank unterm Kastanienbaum zurück, wo sie unter Lachen und Scherzen sich niederließen. Beider Augen leuchteien. Auf einmal sah Arnim das Mädchen lange und ernst an. Dann sagte er mit übermütigem Blitzen seines Blickes: „Nun weiß ich, daß selig von sehen kommt." Aber fein Blick fand keine Antwort. ♦ „Des Knaben Wunderhorn ist voll von Wundern für den Knaben!" So ungefähr hatte die Königin gesagt. — Der Sommer schritt zur Höhe. Der „Aennchen-von-Tharau-Rausch hatte sich bei Arnim in eine innige Siebe zu Gustel Schwink gewandelt. Doch je mehr er seine Gefühle offen« i arte, um so weniger schien ihn Gustel zu verstehen. Arnim litt von Lag zu Tag mehr. Endlich offenbarte er sich dem Herzensbruder Clemens 'Brentano: „Ich muh und will fort, es koste mir, was es wolle! Ich bin nübe, kalten Marmor zu erwärmen, oder vielmehr durch meine anhäng- iche, zudringliche, fremdartige Nähe ein lebenslustiges Wesen zu erstarren. Was mir lieb an ihr ist, der gute Geist, den ich unter der Flamme ihrer Stirn suchte und beschwor, ist mir nicht erschienen. Ich konnte ihn nicht ieschwören, das Feuer meiner Wünsche aber drängt sich in mir schmerzlich zusammen." Da stand er nun: er mußte fort. Nur quälte ihn der Königin Wort >om Wunder für den Knaben. Gustel Schwink war nicht das Wunder, las war ihm klar geworden. Wo aber lag das Wunder? Als Preußens Geschick sich durch die Niederlage bei Friedland und hn Frieden von Tilsit erfüllt, verließ Arnim Königsberg. In dem stattlichen Haus am Frauenplan in Weimar herrschte eine sröhliche Aufregung. Der Geheime Rat von Goethe war bester Laune. 5d)on hatte sich Bettina, das Kind, eingefunden, und man erwartete den Bruder und seinen Freund. Eine große Spannung lag über Bettina und nachte sie zu jedem Schabernack geneigt. Trotzdem verpaßte sie den Augen- Hilf der Ankunft des Wagens, der die Ersehnten brachte. So sahen Brentano und Arnim zuerst den Dichter selbst. Sein großes -luge ruhte mit Wohlgefallen auf den beiden jugendlichen Gestalten. Er lenkte ihnen nochmals, daß sie gerade ihm „See Knaben Wunderhorn Seroibmet hatten. Und er fügte in ernster Bedächtigkeit hinzu, wie aus er Sammlung sich ihm das Wunder des Volkstums täglich mehr erschließe, las sich ihm in feinen Studentenjahren in Straßburg zuerst gezeigt habe. Lebhaft fuhr er fort: „Für die Jugend ift’s der Wunder voll, des Knaben Wunderhorn, für die Jugend, für di« Knaben!" Arnim zuckte zusammen. Das Mort der Königin!" dachte er. Da stürmte Bettina ins Zimmer. Herzlich begrüßte sie den Bruder. Sie wollte das Gleiche mit Arnim tun. Allein der war nicht mehr der •le Freund und Wanderkamerad. „Bettina", hauchte er. Dann gaben sich eibe förmlich die Hand. , ,, Aufmerksam beobachtete Goethe den kleinen Austritt. Er schmunzelte. As er die drei allein ließ, scherzte er: „Glaubt mir s, das Buch ist voll >on Wundern für — den Knaben!" * An dem linden Sommerabend gingen Arnim und Bettina allein in e» Park. Als tiefe Stille sie umfing, brach Arnim das Schweigen. „Der Meister hat recht. Wunder stecken in dem Wunderhorn. Di« Königin sagte es mir schon. Durch sie hab ich's gelernt... Er zögerte. „Wie hast du's gelernt?" , „ «Im .Aennchen von Tharau' hab ich dich gesucht... „Und?" v , „Aennchen führte mich zu dir, Bettina. Was an Abgrund zwischen • ns lag, es ist vorbei: .Aennchen von Tharau, mein Licht, meine Sonn', Mein Leben schließ ich um deil ’s herum. Trotz des Dunkels fanden sich beider Argen. Schlicht sagte Bettina: Die Lieb« ist stärker als der Glaube!" Dann küßten sie sich. Als sie heimkehrten, erwartete sie der Meister. Er führte sie i s ^beitszimmer. Goethe nahm ihre Hönde und legte si^ Zusammen. Ein Mein spielte um sein gütiges Antlitz: „Des Knaben Wunderhorn fliot ur der echten Liebe Klang. Das ist ein Wunder! ßin weißer Fleck verschwindet von der Landkarte. 90 Tage Wüstenritt durch unentdecktes Land. Von E rn st L o r s y. London feierte vor kurzem H. St. John Philby, der die große süd- arabische Sandwüste im März dieses Jahres in oftwestlicher Richtung als erster durchquert hat. Im Januar 1931 hatte sie Bertrand Thomas, gleichfalls ein Engländer, in südnördlicher Richtung bezwungen. Damit verschwindet endgültig der zwölfte weiße Fleck von der Erdkarte, der ein unbekanntes Land von der halben Größe Deutschlands bezeichnet hat. Elf weiße Flecken bleiben noch: sechs auf der nördlichen Halbkugel, das Nordpolgebiet, die arktischen Inseln Kanadas, das Ungavagebiet im kanadischen Staate Nord-Quebec, große Gebiete Nvrd- sibirens, Teile von Tibet, ein Teil der Libyschen Wüste; fünf auf der südlichen Halbkugel, die Antarktis, das Patagonische Eiskap, der Gran Chaeo zwischen Bolivien und Peru, das große Gebiet zwischen den Flüssen Westbrasiliens, Südkolumbieus und Venezuelas, endlich Teile des Dürregebietes in Zentralaustralien. 60 v. H. des Festlandes waren um 1800 unbekannt, 1900 waren es 10, gestern waren es 5, und heute find es nur noch 4 v. H. Wie sank die Mauer des Unbekannten um dieses eine Prozent, um Rub' al Khali, das leere Quartier? Mit 19 Arabern, hauptsächlich aus dem Murra-Stamme, und 32 edlen Kamelen aus der Urnanija-Rafse brach Philby ins Nichts auf. Von den Dulaichija-Quellen ging es zunächst östlich durch die Wüste Dschafura und durch das Land Djchiban bis zur Bahraim-Bucht am Persischen Golf, Nachts gefror das Wasser in den Schläuchen. Am vierten Reisetage begann der mohammedanische Fastenmonat; Philby hielt ihn gewissenhafter ein als seine Genossen: eine Stunde vor Sonnenaufgang nahm man die Hauptmahlzeit, Reis, ober Reis mit Datteln; dazu zwei Taffen Tee und einen Topf warme Kamelmilch; davon ließ sich ganz gut (eben. Don der Bahrain-Bucht ging es in südwestlicher Richtung. Von Dir Fadhil wandte man sich dem Süden zu. Plötzlich zog ein langgezogener weißer Fleck die Aufmerksamkeit der Karawane auf sich: ein Kiesstreifen im Sand. Sofort sprang alles von den Kamelen, und alle Hände sammelten Süßwassermuscheln und Feuersteingeräte. Es muß hier einst ein See oder ein Flußbett gewesen sein, und di« Urjäger lauerten wohl dem Wild auf, das zum Abendtrunk herkam. Muscheln und Geräte wurden gesammelt, und di« Fachleute in London studieren sie noch immer, um ihr Alter festzustellen, aber die Wanderer trieb es "unwiderstehlich vorwärts in die Wüste, östlich, in der Richtung von Wabar, wo sie die Schlüssel zu zwei Geheimnissen suchten. Hier irgendwo sollte jene geheimnisvolle, versunkene Stadt liegen, von der die Wüstenbeduinen immer wieder erzählen und die Thomas vergebens gesucht hatte, ferner ein riesiger Eisenblock, „groß wie ein Kamel". Nach einem langen, beschwerlichen Marsch war man endlich in unmittelbarer Nähe des Punktes angekommen, wo die aste Stadt gesucht wurde. Eine neuere Sage erzählt, daß hier, schon in den Zeiten des Islams, die stolze Stadt des Königs 'Ad ibn Kin'ad gestanden hat, des bösen Königs, der sich vermaß, Allahs Gebote zu verspotten. Er umgab sich mit neunzig Konkubinen, neunzig Janitscharen und neunzig edlen Zeltern, lebte ein Leben ununterbrochener Orgien, und trug offen seine Verachtung der Lehre des Propheten zur Schau. Eines Nachts aber entlud sich der Zorn der beleidigten Gottheit in einem mächtigen Himmelsfeuer, das über fein freches Haupt kam und die Sündenstadt im Nu zerstörte! Die Sonne stand schon tief, als Philby, auf eine kleine Sanddüne steigend, hinter der die gesuchten Trümmer liegen mochten, die Szene überblickte. Das erste, was er bemerkte, waren zwei tiefe Erdtrichter, ganz nah« aneinander, Zwillingstrichter. Er lief hin, ihr Rand, etwas erhöht, wie es schien, trug einen Kranz aus irgendeiner schwärzlichen Masse. Es muß Lava (ein, sagte er sich mit klopfendem Herzen; aber dann sind diese Löcher ja Krater, und dann stehe ich auf einem Vulkan! Einst hatte er Feuer gespien und ringsherum alles zerstört: Tier und Pflanze, Mensch und Menschenwerk. Hier haben wir es, sagte er sich aufgeregt, da halten wir ihn also in der Hand, den Schlüssel der Sage von der bestraften Sündenstadt. Das Sodom der Wüste ist ein Pompeji der Wüste, und dies ist der Vesuv, der sein Tod wurde. Das Himmelsfeuer ist erklärt; suchen wir die Sündenstadt! Seine Leute hatten inzwischen eine Handvoll schwarzer, blanker Kiesel gesunden, die sie für Perlen der Dbalisten des bösen Königs hielten, die nur das Himmelsfeuer ein wenig versengt hatte. Den kamelgroßen Eisenblock hatten sie nicht gefunden, nur einen Klumpen von Menschenkopfgröhe. Als dieser Klumpen später, samt den schwarzen Perlen, in London untersucht wurde, stellte sich jedoch heraus, daß es sich um größere und kleinere Meteorsplitter handelte! Dadurch wurde alles klar: die Zwillingstrichter waren nicht Krater, sondern einfache Löcher, die das Meteor bei feinem Aufprallen der Erde gerissen hatte, die Lava war keine Lava, einen feuerspeienden Vulkan hatte es nicht gegeben! Und wie erklärte sich die Sage von der Zerstörung der Sündenstadt? Das Himmelsfeuer war ein Meteor! Wer den Sturz eines glühenden Meteors auf die Erde erlebt und überlebt hatte, der, meinte Philby, darf wohl sagen, Gottes strafende fianb gesehen zu haben, und — wird man hinzufügen dürfen — derselbe Mann kann in seiner Vision, die ein Meteor entzündet hatte, auch eine Sündenstadt erblickt haben, riesenhaft und phantastisch, wie ihre Strafe war. Das Meteor, meint Philby, könnte irgendwo in den Sandwellen um Wabar begraben liegen, mit dem sich die zerfallenden Lehmmauern des arabischen Sodom vermischen, aus dem seine Einwohner in hellem Schreck geflohen waren. Durch singenden Sand, dessen Ton desto leiser wurde, je mehr Feuchtig- feit in die Luft kam, wanderte man zu den Brunnen von Schanna, dem südlichsten Punkt der Reise. Nach langem Hin und Her setzte Philby seinen großen Plan durch: westlich einzubiegen und die Reise durch den fünf» hundertfiebzig Kilometer breiten, vermutlich wasserlosen, unbekannten Teil des Leeren Quartiers zu wagen. Man schickte die Lasttiere vor. Nach vier Tagen erblickte man sie in der Nähe des vereinbarten Treffpunktes. Die Zelte waren in der Mittagsstunde aufgeschlagen, das verhieß nichts Gutes: erschöpfte Kamele ruhten in ihrem Schatten. Nun wurde, gegen Philbys Ansicht, beschlossen, die Durchquerung des noch unbekannten Teiles der südarabischen Sandwüste vorläufig aufzugeben und zur nächsten Quelle, Naifa, zurückzukehren. Nun glaubte Philby, es würde es nimmermehr schaffen. Man marschierte zurück; dieser Teil der Wanderung war der traurigste. Am Morgen des 2. März wurde Philby von Regentropfen geweckt, die an seine Zeltwand schlugen. Tagelang jagten schwarze Wolken über den Himmel, Wirbelstürme fegten durch die Bodenmulde, drohten die Zelte davonzutragen und die Geräte vor den Zelten unter Sand zu begraben. Dennoch war man guter Dinge. Man beschloß, die Lasttiere nordwärts nach Rijadh zurückzusenden. Eine kleinere, leichter ausgerüstete Partie sollte mit allen verfügbaren Wasserschläuchen die ostwestliche Durchquerung des Leeren Quartiers noch einmal versuchen. Aus elf Männern, fünfzehn Kamelen und einer Hündin bestand die Partie, die Sulajil erreichen wollte. Sie sollte sich ausschließlich von Datteln ernähren, denn zum Reiskochen reichte der Inhalt der vierundzwanzig Wasserschläuche nicht. Drei Tage lang marschierte man im Schatten der schwarzen Wolken, gelegentlich erfrischt von Regenschauern. Am vierten Tage hatte sich der Sturm gelegt, aber es wehte noch eine kühle Brise. Am Abend dieses Tages erreichte man den Punkt, wo man vor zehn Tagen traurig den Rückzug angetreten hatte. Tags darauf brannte die Sonne wieder mit ganzer Kraft auf den Rücken. Nun betrat man den Kieselgürtel Sahma, der ebenso kahl und leblos wie der Sand war; auch die letzten Raben waren verschwunden. Man legte vergeblich Gewaltmärsche ein, um so bald wie möglich zu Weideplätzen zu kommen, am sechsten Tage standen die Tiere erschöpft da, nicht einmal von der Sehnsucht nach Futter getrieben, und sahen melancholisch zu, wie die Menschen im armseligen Schatten eines schwarzen Strauches, am Feuer aus seinen dürren Aestchen, Kaffee kochten. Man war in der Mitte der uferlosen Wüste; der nächste Brunnen war 320 Kilometer entfernt, und so hing alles von den Kamelen ab. Man hatte sich dem Schicksal in die Hand gegeben, und Philby empfand es mit einer Art Genugtuung, daß ein zweiter Rückzug jetzt unmöglich war. Der 11. März war ein entscheidender Tag. Bon einer Sandwelle blickte man auf einen Kieselozean, genannt Abu-Bahr, „der Vater des Meeres". Mit zusammengebissenen Zähnen marschierte man, beinahe ohne Rast, über eine vollkommen kahle und merkwürdig glatte und ebene Kieselfläche. Am Nachmittag des folgenden Tages erblickte man die schwarze Linie des Hochlandes von Tuwaich, des Rückgrats der arabijechn Wüste, in dessen Falten das Ziel lag, Sulajil. Tierleben stellte sich ein. In der Nacht zum 14. März lagerte man im Dickicht am Wadi Dawasir, es blttzte und donnerte, als applaudierte der Himmel zum Erfolg. Am nächsten Morgen aber erschien ein Trupp Frauen mit drohend erhobenen Stöcken — sie waren indessen nur fürs Herdfeuer gesammelt worden — und geleiteten die Wanderer im Triumph zu ihren Wohnstätten. Der Schulze von Sulajil schlachtete das fette Kalb zu Ehren der Männer, die zum erstenmal das Leere Quartier bezwungen hatten; es war aber ein ausgewachsener Hammel. Hohe Schule im klassischen Stil. Eine Vorsührung der spanischen Hosreitschule in Wien. Bon Hans Wildgrube. Mitten in der Stadt, hinter lärmvollen Gassen, träumt ein Stück uraltes Wien. Ueber enge Stiegen, in denen die Gasflammen flackern, durch enge, dumpfe Korridore kommt man durch das alte Gebäude Hinauf in den ersten Stock. Da öffnet sich plötzlich, als wäre ein Vorhang vor den Augen weggezogen, eine blendende, weiße Halle, ruhig und vornehm in ihrer Ausstattung, Säulenreihen, schimmernd wie Alabaster, wandern rings an Balkdnen entlang, streben aus breiten Logen und tragen neue, weiße Brüstungen, Balkone und Galerien. Teppiche aus dem unermeßlich reichen Bestände der Schatzkammer des ehemals kaiserlichem Besitztums hängen über den Brüstungen. Dieses Rot und Blau der Gobelins ist so warm, daß der Alabaster der Säulen, Wände und Galerien fast durchsichtig wird wie Milchglas. Vorne eine breite Muschel mit goldenen Verzierungen, Stuckarbeiten an der Front, an »der Decke. Unter der Muschel die ehemalige Hofloge. Geschmückt mit alten, dunklen Gemälden, Reiterszenen, Jagdgruppen, prachtvolle Pferde mit berühmten Namen. Ueber dieser großen Loge weiße Figuren, Reliefs und Blattrosetten. Und unten der braune Samt der Manegelohe. In der Mitte der großen Reithalle die zwei Pilaren. Dieses Bild überrascht den Fremden. Sie Inneneinrichtung in ihrer Einfachheit, ihrem schimmernden weißen Ton, wirkt vornehm und groß. Und docb warm und vertraulich. Das ist Melodie der Architektur des österreichischen Barocks. Sein Meister: Fischer von Erlach! Welch ein Kontrast: grau und unscheinbar von außen, Glanz und Schwelgen von Farben im Innern ... * Jetzt fällt die Sonne durch die hohen Fenster. Breite, goldene Bänder flattern in der Halle. Goldene Gitter, flirrend und schimmernd, legen sich auf den braunen, weichen Reitschulboden. Die Wände leuchten, ferne und doch lebhaft, die Teppiche flammen auf, glühen in Rot und vrunken in Blau. Jetzt Trompeten und Hörner. Es rauscht durch die Halle. Türen öffnen sich. Pferde kommen langsam herein. Prachtvoll aufgezäumt. Mit funkelndem Gold, Mähnen und Schweif geflochten. Farbige Schabracken. Dumpfer Huflärm. Auf den Pferden die „Bereiter" und „Oberbereiter". Alle in der historischen Uniform. Weiße Hosen, enganliegend, Lackstiefel, brauner Frack, Zweispitz. Parade der Pferde: wiegend, in leisem Beben. Die Zweispitze schaukeln leise im Rhythmus der Gangart. Ein längst entschwundenes Jahrhundert macht feine Reverenz. Die „hohe Schule" zäigt die Bewegungen des Reitpferdes, das Kön- nen des Pferdes; fie zeigt die Gangarten und Sprünge in der voll- kommenften Art. Ohne besonderes Talent des Reiters sowohl als auch des Pferdes ließe sich dies nicht durchführen. Deshalb kann man mit Fug und Recht von einer Akademie des Reitens sprechen und die Spanj. sche Reitschule neben die andrer Künste stellen. Lernen und Studieren allein ist unzureichend. Zu den Figuren gehören die Piaffe, die Tour, die Volte, die Pirouette, die Croupe, die Levade, die Courbette, die Croupade. Das schönste ist wohl die Capriole: das Pferd springt in die Lust und schlägt in der Lust mit den Hinterbeinen aus, so daß man glaubt, der ganz» Körper sei waagrecht. Diese Capriole gehört zu den faszinierenden Herrlichkeiten der hohen Schule: sie ist ihr Höhepunkt . . . * Die hohe Schule der Reitkunst beginnt ihre Vorführungen. Sind wir noch im zwanzigsten Jahrhundert? Oder sind wir zurückgewandert zu Ludwig XIII. von Frankreich? Was man hier sieht, ist die einzige spanische Reitschule, getreu der Ueberlieferung, wie man sie sonst nirgends sehen kann; an keinem Orte der Welt. Historische Reitkunst, hohe spanische Schule. Präzis, mit äußerster Sorgfalt und vornehmstem Takt, tiefem Pflichtgefühl. Die heutige Zeit rauscht irgendwo vorbei. Diese Menschen, die hier hohe Schule zeigen, sind der heutigen Zeit fremd, fern ihren Sensationen. Sie leben nur ihrer Kunst, ihren Pferden; üben tagaus, tagein. Tragen Titel und Uniform wie ehemals, leben zwischen Dienststunden, wie ehemals unter ihren kaiserlichen Herren. Heute aber um der Sache willen, in ehrlicher Liebe zur Reitkunst... * Und diese Pferde! Lippizaner, echtes Geblüt; ältestes Pferdegeschlecht für den Boden dec hohen Reitkunst, der hohen Schule. Sie wurde oingefiihrt von Ludwig XIII. Anfang des 17. Jahrhunderts. Das Gestüt der Pferde war in früheren Zeiten in Lipiza und wurde von Karl VI. gegründet. Dieser Ort ist Oesterreich durch den Vertrag vom St. Germain oerlorengegangen. Heute werden die Pferde in Slldsteier» mark weitergezüchtet. Steiniger Boden ist für sie notwendig. Diese Schimmel und Braunen sind leicht wie Flaumfedern in ihrem Bewegungen. Dabei stark und von kräftigem Wuchs. Wenn man sie vom den Logen und der Gr ie aus sieht, gleichen sie den Daunen, die dahin- schweben, lautlos, geschmeidig, lastbefreit, ordenleicht. 9lun beginnen sie, dem Programm nach, das alle Szenen der spanischen hohen Schule enthält, ihre Produktionen. Sie gehen seitwärts, vollführen prachtvolle Courbetten, sind zierlich im Schrittwechsel während des Galopps. Faszinierend in den Pirouetten. Alles dies im Stile dec hohen spanischen Schule, leicht, elegant, bllrdelos. Und dazu rauschen von der Galerie Geigen und Cello einen Walzer.. Könnte es etwas andres sein, als Strauß: „Rosen aus dem Süden?" Oh, diese Pserde kennen ihn ... Unerhört schöne Stunden hier in der Reitschule. Seltsames Schauspiel.. Das Auge erfreut sich an den „Touren", an den „Pas de deux", an den „Hebungen der Schule über der Erde", an den „Courbetten", der „Vorführung zwischen den Pilaren" und schließlich an der „Gehorsamsprobe" Noch einmal kommen sie und tanzen die Quadrille, ganz nach der alten Etikette, nach der höfischen Zucht und Ordnung. Als ob heute noch Kaiser und Kaiserinnen, Fürsten und hohe Gesellschaft in den Logen säßen. Nun aber gehört sie endlich auch uns. Fremde sitzen da aus allen Ländern und schauen beglückt zu. Schon staunend in diese Wundermmrege, staunend vor soviel Arbeit und Mühe und soviel Erfolg. Sie empfinden alle: das hier hat mit Zirkuskünsten nichts zu tun, das ist reine Kunst des Reitens, des höfischen Reitspieles, das gepflegt wird und werden muh wie jede andre Kunst, mit Fleiß und Ausdauer, mit Talent und großem Gewissen, mit Liebe. Weil es nicht darauf ausgeht, den Zuschauern etwas dem Pferde Eingelerntes zu zeigen, sondern etwas Eigenartiges, Einmaliges zu schenken, aus sich heraus. Im Rahmen der Kunst... Fast unbeweglich, verwachsen mit dem Pferde, sitzen die Reiter in dem Sattel, ohne Bügel, nur eine Gerta in der Hand. Manchmal blitzen die Schabracken, rubinrot oder chinagelb, einen Augenblick lang, während der Lipizaner seine Kapriolen schlügt. Lautloses Kreisen, Galoppieren. „Pluto Sylvana", der Braune, ist lebhafter, er schnaubt einige Augenblicke lang. Die Zweispitze werden abgenommen, dem Publikum wird gedankt. „Syglavi Andalusia" nickt mit seinem prachtvollen Kopfe, als wollte er sich noch einmal in Ruhe zeigen, und geht dann als letzter aus der Schule. Die Vorstellung ist aus. Zögernd erheben sich die Leute, als könnten sie sich kaum trennen von dem eben gesehenen Schauspiel... Die Spanische Hofreitschule, und die „Vorführungen der spanischen hohen Schule", wie der Titel heißt, gehören zu den Schätzen Oesterreichs. Während des Umsturzes wurde der große Bestand an Pferden ziemlich gelichtet (andre Nationen holten sich je einen Teil); anderseits wurden die prachtvollen, wertvollen Pferde in Unkenntnis über ihren Wert leichtfertig weggegeben. Immerhin konnte noch rechtzeitig durch einen raschen Zugriff ein Teil gerettet werden, so daß die Zucht nun weitergefllhrl werden kann. Mit aller Sorgfalt wird an dem Wiederaufbau der ehemaligen Größe gearbeitet. Für Sportsleute ist diese Reitschule mit ihren Vorführungen ein erlesener Genuß, für Pferdefreunde eine Freude, für Pferdeliebhaber ein wunderbares Schauspiel und für jeden Fremden eine unvergeßlich schöne Stunde. Heute weiß Wien, welch einen Wert es da besitzt, und es schätzt f'e nun, und vergißt nicht mehr, den Fremden auf die Spanische Hofreitschule aufmerksam zu machen und den „Vorführungen der hohen spanischen Schule" den ihnen gebührenden Platz zuzuweisen. Sie ist eine Kostbarkeit, nach der sich andre Staaten sehnen, eine Kostbarkeit, die es nirgends gibt als in Wien. Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivi. — Druck und Verlag: Vrühl'sche Universitäts-Duch» und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.