Gießener Mmienblättcr Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang l932 Freitag, den 8. Juli Nummer 52 An die Wolken. Von Christian Morgen st er n. Und immer wieder, wenn ich mich müde gesehn an der Menschen Gesichtern, so vielen Spiegeln unendlicher Torheit, hob ich das Aug über die Häuser und Bäume empor zu euch, ihr ewigen Gedanken des Himmels. Und eure Größe und Freiheit erlöste mich immer wieder, und ich dachte mit euch überm Abgrund Unendlichkeit und zerging zuletzt • wie Dunst, wenn ich ohn Maßen den Samen der Sterne fliegen sah über die Aecker der unergründlichen liefern. Neues von der großen Geefchlange. Von Hans T r ö b st. Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! Natürlich kannte ich die unheimliche Geschichte, die mir auf der Insel Timi im Dodekanes der Däne Nedland erzählt hat ... ein Ingenieur, der auf einer Faltbootreise um die Erde dort hängen geblieben war und der der Gemeinde nun ein Elektrizitätswerk zusammenbastelte. Die Geschichte hat ja seinerzeit auch in allen Zeitungen gestanden, die merkwürdige Geschichte von dem dänischen Fünfmaster-Schulschiff, das vor drei, vier j Jahren mit 60 Kadetten und 140 Matrosen an Bord auf eine Weltreise ging und das seitdem spurlos verschwunden ist. Obgleich es mit Funk- und I Radioanlagen ausgestattet war, obgleich es als Ballast eine-Holzladung I mit sich führte, die es „unsinkbar" machte — ein Schiff, nach dem man I bann später wochenlang mit Fliegern und vier Hilfsdampfern gesucht | hat ... Und das vielleicht doch einmal wieder aus dem Nichts auftauchen wird, I wie jene drei anderen Segelschiffe, die man — nachweisbar und amt- I üch mit allen Einzelheiten beglaubigt — auf dem Ozean treibend I gefunden hat und deren Geheimnis kein Mensch zu ergründen vermochte. I ;6ie waren unversehrt und unbeschädigt, voll manövrierfähig und sahen I - ling? - Unscheinbares kleines Mädchen und °wl Zartttchkeit von Anbeginn, und nie ein Mensch, der sie haben wallte, -ach-weiß >« alles- Einsamkeit, wachsend wie Flut von Jahr zu Jahr, Land JL-/ das auftauchen wollte, lockte und wieder ver ank, - und endichendttch die Einsicht, mein Gott, diese furchtbare, lahmende^Einsicht und Cr- gebung, daß es nichts damit fei, — nichts. Und damit tf J • beschließt, dich des Volkes anzunehmen, alten Frauen die ^"toffeln zu wärmen, fremde Säuglinge zu säubern, - was weiß ich Du meinst gereift zu fein nicht wahr, Du sprichst von einem Lebensinhalt, la nun ja - Du fyaft Ruhe gefunden und bist doch nur ermattet Und nun kommt ein Men ch zu dir, wie die Verkörperung™ Leere gegebenen Sehnsucht, die zurück will in de,n uwerstesHerz, aber du erkennst sie nicht mehr, deine eigene Sehnsucht mit dem fremden Gesicht ...“ Herkner stöhnte auf. Dann sprach er leise und kummervoll: „Geahnt hat sie es, Lusche, daß meine Siebe ein Teil von ihrem Leben ist, sie hat mich im Anfang nicht zurückgewiesen, sie hat mich heimlich angeftaunt, sie hat mich neugierig ausgeforscht, — sie hat mich wie spielend angezogen, — die Menschen haben ein böses Wort Dafür, aber Gott verzeihe ihr, sie wußte nicht, was sie tat, als sie mich hoffen ließ. Und dann ist sie ja auch zurückgeglitten — Schritt für Schritt..." Er wurde still und sah vor sich. Lusche hatte zu rudern ausgehört und wartete achtungsvoll eine Weile. „Herr Herkner," sagt« sie dann demütig, „wollen Sie nun, bitte, einmal steuern, damit wir richtig in die Schiffshütte kommen?" Und indem sie manchmal nach rückwärts sah, als traute sie seiner Kunst nicht ganz, brachte sie die „Fanny" an ihren Platz neben den großen, plumpen Fischerkahn", der „Petri Heil" hieß, und den Roller bestieg, wenn er zur Hechtstreise fuhr. Knirschend lief das Boot auf, Lusche löste die Ruder von den Stiften und befestigte Die Tau« an dem Trapez, das vom Dachbalken herab über Der Steuerbank hing. Herkner war ausgeftiegen und wickelte gleichfalls emsig Das Tau der Bootspitze um den Doppelhaken an der Wand. Dann sah er sich in dem dämmerigen Raum um, in dem ein leichter Geruch nach Teer und Werg herrschte, während Lusche unter Dem quietschenden und rasselnden Geleier des gezahnten Rades die Tür zum See herabließ, bis sie den Wasserspiegel berührte. „Spielst du hier manchmal?" fragte er angelegentlich. „Es ich hübfch hier. St« mal, AngelnI" Er macht« einen großen Schritt über eine modrige, geborstene Planke, unter Der man das Wasser blinken sah, und vertiefte sich mit Lusche in die verschiedenen Arten zu fischen, als gäbe es auf Der Welt nichts Wichtigeres für hin. * Lusche Durfte aufbleiben „bis zum letzten Schiff", aber heute war Das letzte Schiff mit Dem Juwelengeleucht seiner blauen, grünen und tief rubinroten Laternen längst vorübergebraust, und Lusche war immer noch auf. Es war ihr letzter Abend in ßanbsect, morgen um dies« Zeit würde sie schon ein paar Stunden unterwegs nach Norden sein, und zwar in Tante Katharinas Begleitung, deren Zeit gleichfalls abgelaufen war, während Mama mit dem Kleinen nach vierzehn Tage bei den Großeltern verweilte. Sv blieb es großmütig unbeachtet, als sie, klein und vorsichtig, wieder herauskam und sich auf die Stufen, Die vom Eßzimmer auf Die Loggia führten, neben Tante Katharina Niederließ und über Paul, der etwas tiefer saß. Großpapa mit einer Decke auf Den Knien, Großmama an seiner Seite und die Großtanten bei ihnen in Schals und Pelzchen gehüllt, — die alten Leute saßen fo ruhevoll um den Tisch herum, und Mondlicht schien von ihnen auszugehen, wie es draußen silberblau über Garten und See lag, so klar, daß die Berg« Drüben toi« durchsichtige Schatten sichtbar waren. Ein zärtlicher Dust van Heliotrop atmete zuweilen in Dem kaum merklichen Kommen unD Gehen Des Windes vorüber, und auf Dem Rasenplatz schrillten Die Maulwurfsgrillen, Die Lusche am Tage so gern mit Grashalmen aus ihren Löchern kitzelt«. Jetzt mußt« sie sich vorstellen, wie fie im Schutz Der Nacht freiwillig hervorgekommen waren und, vor ihren Höhlen hockenD, mit erhobenen Dickköpfen unb feierlichen Glotzaugen den Mond lobten, fich selbst betäubend mit ihrem eintönigen Gesang. Aber es war nichts zum Lachen bei dieser Vorstellung, — sie würden morgen um diese Zeit auch da fitzen unb schreien, unb bann war Lusche fort! Und die Unten, sie sangen ihr Hulala! Und in Dem hohlen Baum an Der kleinen Brücke saß die dicke Kröte, Deren Umfang ihr ein Verlassen ihrer Wohnung nicht mehr gestattete. Lusche beschloß, morgen noch einen Abschiedsbesuch vor jenem Astloch zu machen. — Mama unb Tante Maria saßen für sich auf Stühlen im Garten, Regina aber lehnt« an einem Pfeiler, Die Arme wie erschöpft hängen laffenb unb Den Kopf zurückgebogen. Zu ihren Fußen hockte eine zusammengekrümmte kleine Gestatt, Der Rubi Leckster, ben fein Unstern gerabe an Diesem Abend herbeigeführt hatte. Denn er „mopste" sich, wenn oorgelefen wurde, wie er unbefangen zu erklären p^Paül mopste sich ja auch, aber Das sprach man Doch nicht aus! Unter Der offenen Tür Des „Gartenzimmers" nämlich saß Anton Herkner unb las vor ober vielmehr, er sprach Verse in Die Nacht hinaus. Unb man vergaß ihn, vergaß, baß Dort ein Mensch saß, — eine Quelle war aus- gebrochen, kristallen aus buntlem Gestein, nun brang gteitenbe Flut hervor unb' Gestatten schwebten barüber wie bläulicher Rauch, — war s Baum unb Landschaft, Tier und Fels ober Mensch, trauervoll wallend, binftürmenb, selig tanzenb, — es quoll, es quoll unb ging über die Herzen hin. Ihr werdet ja alle so schön, dachte Lusche staunend unb meinte eigentlich nur Regina, deren zartes Prosil sie vor Augen hatte, deren Augen geschlossen und deren Lippen halb geöffnet waren, als dulde fie ben zärtlichen Ansturm eines anberen Munbes. Sahen nicht alle Regina an? Großpapas Bart sprühte Silberfunken, unb Großmamas milbes Antlitz glich der wunbervollen Monbesfcheibe broben hinter ben Wipfeln ber Pappeln. Ganz vorsichtig wollte Lusche zu Tante Katharina aussehen aber in biefem Augenblick schwoll Herkners Stimme an wie eine wachsende Woge, bebrohlich süß, wie ersehnter Tob, näher unb naher kommenb zurückweichend unb roieber fteigenb ... Katharinas Arm lag auf einmal um Lüsches schmale Schulter, unb Lusche rührte sich nicht mehr. Ein großes, zärtliches „Oh!" war in ihrer kleinen Brust, sie fühlte Tante Katharina» Herz schlagen unb ben Arm, ber sie hielt, beben. Unb plötzlich ftanb Anton Herkner bort unten, bas blasse Gesicht mit fremden dunklen Augen zu ihnen erhoben. Hatte er Denn ausg«hort zu sprechen? Aber ber tönenbe Atem seiner Verse war noch in ber Lust, alle spurten ihn, und keiner sprach. Nur Katharina — ihr Arm glitt von Lüsches Schulter, sie sah verwirrt auf Herkner, dessen Blick sie nicht losließ —, Katharina erhob sich und strich an ihrem Kleid herunter. Ein großer Genuß, Herr Doktor!" sagte sie vernehmlich, und vielleicht nahm nur Lusche es wahr, daß ihre Stimme anders klang als sonst. Irgend etwas tat weh in ihr, sie dachte: Warum sagt fie das nur? Herkner wandte sich jäh ab. Jedoch es war, als hätten Katharinas Worte ben andern ihre Unbefangenheit wiedergegeben. Auf einmal sagten alle etwas, und Herkner machte viele ungeschickte kleine Verbeugungen. Nur Regina ging schweigend zum See hinunter und setzte sich auf einen der beiden erzenen Löwen, stützte den Arm auf seinen Kopf und blickte regungslos über den See. „Es kommt Ablösung, es kommt Musik, meine Herrschaften", sagte Herkner endlich verlegen und wies hinaus, „der See tut sich auf, und, magisch vom Monde gezogen, steigen die Götter der Tiefe klingend empor. Wobei es einigermaßen verwunderlich ist, was für eine profane Musik sie zu bevorzugen scheinen." Wirklich kam über die Wasserfläche her rhythmisches Getön gezogen, als sänge der Mond. Dann aber ruckten Ruder, und in der glänzenden Lichtstraße erschien der Schatten eines Bootes, das langsam vorbeizog, ohne daß man seine Insassen erkennen konnte. Regina war von ihrem Sitz geglitten und auf den Rasenplatz getreten, wo sie am Uferrand entlang ging, nach dem unsichtbaren Lautenspieler spähend. In diesem Augenblick ging die Musik in eine eintönige Tanzweise über. Regina tat ein paar gleitende Schritte zurück, hob die Arme, daß die weiten Aermel ihres weißen Kleides wallend zurücksanken und — „Sie tanzt!" flüsterte Lusche atemlos Katharina zu. Ja, Regina tanzte. Sie tanzte auf der mondhellen Wiese, wo einzig ein über und über weih blühender Stock Hängerosen stand und eine alte Föhre, die sich schwarz über den See neigte. — Sie tanzte in sich versunken und feierlich, während die Musik sich verlor wie eine Täuschung. War es eine der drei Schwanenjungfrauen, die hier ans Ufer gerauscht war, ihr Federkleid aggestreift hatte und sich nun schwermütig der Wonne ihrer Glieder hingab? „Schön!" flüsterte Lusche und schmiegte sich an Tante Katharina, indem sie zu ihr aufsah. Aber Tante Katharinas Blick ging über sie hinweg, und als Lusche ihm folgte, traf sie auf Herkner, der an demselben Pfeiler stand, an dem Regina vorher gelehnt hatte. Seine Haltung, eben noch unter den Lobsprüchen der Gesellschaft gedrückt und unfrei, war leicht und fast anmutig, der Kopf erhoben, und ein beglückter Ausruf hingegebener Freude verklärte sein Gesicht. Er sah, er dachte, er fühlte nichts als Regina, nichts als die Offenbarung dieser bewegten Schönheit, von der er ahnte, daß sie ihm galt, als eine unmittelbare Wirkung seiner Kunst. Lusche fühlte Katharina tief aufatmen, und als sie wieder zu ihr aufsah, schnell und schüchtern, als spähte sie in ein Geheimnis, da fand selbst ihr ungeübter Blick in diesen gehaltenen Zügen mit den streng geschlossenen Lippen einen Ausdruck ungelöster, rätselhafter Qual, der sie betroffen machte. „Ich danke Ihnen!" rief Herkner und sprang die Stufen eilig hinunter, als Regina auf einmal, wie erwachend, die Arme sinken ließ und stehen- blied, das Antlitz lächelnd dem Hause zugewandt. „Ich danke Ihnen, mein Fräulein! Sie wissen nicht, was Sie mir gegeben haben. — Denn, nicht wahr", fügte er, wie zu sich selbst redend, hinzu, „nicht wahr, es kann ein Zauber nur durch einen stärkeren gebrochen werden, — wohl dem Entzauberten!" Er blickte nach diesen rätselhaften Worten die Gesellschaft lächelnd und entschuldigend an. „Guten Abend, allerseits!" sagte er dann sanft und war so schnell verschwunden, daß man kaum den Kies unter seinen Füßen halte ertönen hären. — „Run, das war ein wenig überstürzt", meinte der Geheimrat und trank sein Glas aus, „aber was meinst du, Marthachen, hat er nicht recht? Es ist gut, nach solchen Eindrücken still auseinanderzugehen. Regina, mein Kind, komm, gib dem alten Großpapa einen Kuß! Das hast du gut gemacht. — Und nun gehen wir schlafen." — „Ich finde diesen 'Aufbruch zum mindesten sehr unerzogen", erklärte Katharina mit Bestimmtheit, und wieder vernahm vielleicht nur Lusche den fremden Ton der sicheren Stimme. „Was willst du, liebes Kind, — ein Künstler!" erwiderte Tante Salla achselzuckend. Aber Katharina wußte, was sie sagte. „Das ist keine Entschuldigung!" beschloß sie ihr Urteil. * Man könnte auf den Steinen um den ganzen Garten herumgehen, dachte Lusche und starrte von ihrem Lager auf der Polsterbank hinauf zu dem dunkelblauen Halbrund der verschleierten Lampe, an der die Quästchea in der Erschütterung des fahrenden Zuges tanzten, — man könnte es, und ich habe es nicht versucht! Nun fühlte sie den Kieselstrand beweglich unter ihren Füßen und sah ihn, von Rohrstückchen und angeschwemmten Hölzern bedeckt; hier und da lag ein toter Fisch oder die ovalen, leeren Schalen einer See- muschel. außen braun, innen schön sanft und perlmuttern erglänzend. Dor dem „Tannenplätzchen" war der Strand am breitesten. Hier trat der 3arf) heraus und mischte fein stählernes, eisiges Wafser mit der lauen Aut des Sees. Er hatte sich ein ganzes Vorland angeschwemmt; das Gebüsch hier herum war sumpfig und ging in bewegliches, lispelndes Sch"! über, dazwischen stand eine flache Lache klaren Wassers. Darin wohnten die Unken und ruderten mit langgereckten Beinen hin und her. Sie waren grünschwarz und hatten den Rücken voller Warzen. Wenn sie aber tot waren, lagen sie still auf dem Grund und zeigten einen wunderschönen, rotgelben Bauch. Ick) habe dieses Mal keine Brücke über den Bach gebaut und bin fein einziges Mal auf den Kletterbaum gestiegen, auf den alten Kletterbaum. — Ein weinerliches Mitleid mit dem alten Kletterbaum überkam sie der hinter den Tannen bei der Küche auf einem tiefgrünen schattigen,' von öidjtem Gebüsch umgebenen Grasplatz stand, und von dem Lusche nicht um die Welt hatte sagen können, welcher Gattung er angehörte Er war uralt, morsch und verkrümmt, Moos Überzog seinen schiefen Leib wie ein grünes Fell, er hatte zackige, kleine Blätter und drohte mit harmlosen Dornen, die abbrockelten, wenn sie berührt wurden. Aber in diesem Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Brühl Sommer haste Lusche gleich hn Anfang der Ferien den neuen Kletter- ' bäum im Obernlandstrich entdeckt, in dessen verschränkten Aesten es sich saß wie in einem grünen Nest. Sie hatte ein Bvett über zwei Acste genagelt und pflegte dort oben zu lesen, wenn sie nicht mit ihrem Buch — ach, nirgends auf der Welt gab es solche Bücher wie in Landseck, in diesem Jahr hatte sie eine köstliche, bilderreiche Ausgabe von Haufts Werken entdeckt! —, irgendwo auf dem Bauch im Grase lag. lieber dem neuen hatte sie den alten Freund vergessen und vernachlässigt, und nun war es nicht mehr gutzumachen! Mit jeder Sekunde riß der Zug sie unbarmherzig weiter fwt durch die Nacht, und schon lagen Landseck und sein See entrückt auf einem unerreichbaren Stern, wo das selige Som- merlcben zu Hause war, die Kleinen spielten und die Großeltern wandelten mit unveränderlichen milden Göttergesichtern, — vor Lusche aber lag Berlin mit seinen steinernen Straßen und die Schule als einzige Gewißheit... „Weine doch nicht, kleine Lusche!" sagte Tante Katharina und beugte sich plötzlich über das Kind, das die Augen erschrocken voll aufschlug und jetzt erst merkte, daß sie naß von Tränen waren. „Wer weint denn?" murmelte cs, aber nun war es gar nicht mehr aufzuhalten. Lusche blickte hilflos zu Tante Katharina auf und versuchte, sich zur Wand zu drehen. Aber Tante Katharina trocknete ihr die Augen mit ihrem zarten Taschen- tuch, an dem ein feiner Dust hing, sie streichelte sie, und das war so wunderlich schön und ungewohnt, daß Lusche lächelte. „Weine nicht, Lusche, morgen ist alles wieder gut!" sagte Katharina noch einmal, und dann gab es Schokolade und kleine Brezeln, die wohl wieder wehmütig an den Landsecker Teetisch erinnerten, aber doch auch nach Vanille schmeckten, zärtlich, träumerisch und gemütsglättend. Lusche blinzelte Tante Katharina zufrieden an, — es war doch fast schöner, mit ihr zu reifen, anstatt mit Mama und den Kleinen. Wenn die Kleinen dabei waren, konnte sie auch nicht so behaglich liegen, das war selbstverständlich, — aber schön war es doch, auch wieder einmal „klein" zu sein. „Ihr einziges Töchterchen?" ließ sich jetzt, als der Zug hielt, die alte Dame in der anderen Wagenecke wohlwollend vernehmen. Katharina fuhr ein wenig zusammen, aber gleich wandte sie sich verbindlich hinüber. „Nur eine kleine Nichte", erwiderte sie lächelnd. „So, — ach so!" Die alte Dame bückte sich und vertauschte unter leichtem Schnaufen ihre Stiefel mit einem Paar lila Pantoffeln. „Nun, gebe Gott, daß wir am Morgen gesund in Berlin einlaufen! Wenn es Ihnen nichts ausmacht, möchte ich wohl gern meine Füße ein wenig hochlegen, ich bin eine alte Frau..." Die lila Pantoffeln rückten in bedrohliche Nähe von Katharinas grauem Seidenmantel, und Lusche runzelte empört die Stirn. Sie richtete sich auf und kam mit dem Oberkörper hinüber: „Tanke Katharina, hier ist mehr Platz, komm, ich mache mich ganz klein!" Katharina stand auf, holte ein Plaid aus dem Gepäcknetz, deckte cs Lusche noch über die Füße und beugte sich über sie: „Schlaf jetzt, mein Kind", sagte sie mit leichtem Nachdruck, „ich habe Platz genug". „Dein einziges Töchterchen!" flüsterte Lusche ihr noch fröhlich grinsend zu, und Katharina lächelte etwas matt. Und dann, als Lusche nach ein paar Minuten noch einmal die Augen mühsam aufriß, schloß sie sie gleich wieder und blinzelte nur vorsichtig durch die Wimpern. Weinte Tante Katharina? Ein-, zweimal fuhr sie sich mit dem Tuch über die Augen, und noch einmal sprangen funkelnde Tropfen unaufhaltsam über ihr Gesicht, das im Übrigen so marmorruhig war. Und dann saß sie still, den Blick hinaus in die Nacht gewandt, wo doch nichts zu sehen war als ihr eigenes Bild, schattenhaft in der spiegelnden Scheibe. Hatte Tante Katharina denn auch schon Heimweh nach Landseck? Oder, — Lusche dachte den Gedanken nicht mehr ganz zu Ende, aber Herkners Gestalt glitt an ihrem inneren Auge vorüber, ehe sie ganz in Schlaf versank. — Als sie fröstelnd erwachte, meinte sie überhaupt nicht geschlafen zu haben. Der Zug rollte mit Klirren und Stampfen ebenso dahin, wie zuvor, jedoch als sie die Augen auftat, füllte graues Morgenlicht die Fenster, und eine leise, leise Uebelkeit riet ihr, sich nicht hastig aufzurichten. Nun, das kannte sie, jetzt war Halle nicht mehr weit, und da gab es heißen Kaffee mit frischem Zwieback. Ueberhaupt — Landseck war nun freilich so fern wie nur je um Weihnachten herum —, aber —, ob Lolli ihr wohl morgen gleich den dritten Band von „Winnetou" in die Schule mitbringen würde, wie sie ihr vor den Ferien ganz fest versprochen hatte? Nur zwei Stunden würden sie morgen haben, und nachmittags durfte sie^ Lolli und Mieke einladen. Minna sollte ihnen Pfannkuchen holen uno Schokolade kochen; zum Trost hatte es Mama gestern in' der schmerzlichen Abschiedsstunde erlaubt. Komisch, daß nun auf einmal alles gar nicht mehr so schwer war. Ach so —, „komisch", das wollte sie sich ja abgewöhnen, Paul zuliebe. — Aber wie die alte Dame in ihrer Ecke beim Schlafen mit dem Kopfe nickte und ihr graues Zöpfchen immer mit — da--, war doch wirklich zu komisch! — Jetzt erst sah Lusche zu Tante Katharina hinüber, aber ihr Blick glitt schnell wieder zurück, als fürchtete sie, die Tante zu stören. Als sie nach einer Weile wieder hinsah, fiel ihr ein, was Herr Herkner einmal von Frauen gesagt hatte, die besser täten, sich vor dem grausamen Morgenlicht zu verbergen, und eine Welle rätselhaften Mitleids ging über ihr sorgloses Herz. Bleich, mit geröteten Lidern saß Katharina Claaßen >n ihrer Ecke, aber ihr Haar war makellos geordnet, wie am Abend zuvor. Sie saß aufrecht in ihrem faltenlosen, grauen Seidenmantel, die Hände in straffen Lederhandschuhen leicht übereinandergelegt, und mit demselben Ausdruck gehaltener, aber hoffnungsloser Ermüdung blickte sie auf die 'beschlagenen Fenfierscheiben, hinter denen der neue Morgen golden aufging. — lAus dem Novellenband „Hochwasser" von Ina Seidel, Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart.) fche Aniversitäts-Buch» und Steindruckerei, V. Lange, Gießen.