Nummer 27 Zreitag, den 8. April Zahrgang (932 ie roden' fein, »«r| sch»" und W den e sie DK> )er M ein hen tmen, ®i! wn eiS» I ; der W j ChirnrP». eitet i* )ie f)ei6» or $* rioren. ® • me Mli hre hohd mar. U man aut mich, dii ?imar |ol neigt, «d jagte |i( die hmd ft. n Stus» jo Ä uh' ,6|t« „Was haben Sie vorhin gejagt? „Allerlei. Ich kann mich nicht mehr entsinnen. „So", jagte der Junge, und er zog unwillig die Augenbrauen zusammen. „Dann auf Wiedersehen." „Aus Wiedersehen", sagt« ich. „Haben Sie nicht vorhin gesagt, datz Sie mich mitnchmen wollen? „3a — jetzt besinne ich mich. Aber ich besinne mich auch, daß du gesagt hast: Nein, danke." , Bitte, fragen Sie mich noch einmal", sagte der Junge mit einem ernsthaften Gesicht, aber in den Winkeln seiner Augen lachte irgend etwas, wie man es manchmal bei Hunden sieht, wenn sie sehr erhitzt sind und die feuchte Zunge hängen lassen. „Gut. — Willst du mitkommen?" „Ja, danke", sagte der Junge, und er stieg ein. „Leg deinen Ranzen nach hinten zum Gepäck." „Ja, danke", sagte der Junge, und er tat, wie ihm geheißen war. Nun fuhren wir eine ganze Strecke schweigend nebeneinander her. Jch enttäuschte den Jungen wohl, ich fuhr recht langsam; ich war so glücklich, so eingehüllt in diesen warmen Frühlings-Spätnachmittag tm Obermaintal. , . . n -l „Fahren Sie zu Ihrer Herrschaft?" fragte der Junge nach einiger Zeit. Ich dachte über diese Frage nach. Zu meiner Herrschaft? War das ein mundartlicher Ausdruck für „Besitz", „Rittergut" oder dergleichen? „Zu welcher Herrschaft?" Der Junge wurde plötzlich rot, bis zu den Ansätzen seiner Haare. „Ich sehe schon. Sie sind gar nicht Schofför. Der Wagen gehört Ihnen?" Ach so. „Ja. Der gehört mir." „ , Der Jung« sah sich im Wagen um. Auch die Sitze hinter ihm betrachtete 6r Alles tadellos fein. Ich habe gar nicht gedacht, daß einem so etwas gehören kann." Da hatte ich sie: die Sprache dieser Zeiten! „Wo willst du denn hin?" „Nach Thüringen. In die Schule zurück." „Wolltest du heute noch weit nach Thüringen hineinkommen?" ,Mein. In Lichtenfels wollte ich übernachten." „Warum fährst du nicht Eisenbahn?" „Lausen ist billiger." ,. „Aber wenn du in Lichtenfels übernachten wolltest, das ist doch fast ebenso teuer, wie eine Fahrkarte vierter?" Der Junge lächelte. , „ „Fürs Uebernachten habe ich noch nie was bezahlt. „Diese Kunst möchte ich auch einmal erlernen." Der Junge hielt seinen lächelnden Mund dem Winde hm. „Fahren Sie auch nach Thüringen?" Ja." "Dann können Sie mich wohl, wenn es Abend wird, da im Gebirge irgendwo absetzen, — ja?" . .. „Du kannst auch noch in der Nacht ein ganzes «tuck mit mir mn- tommen^, -tn &er Nacht fahre ich nicht mit", sagte der Jung«, und er war wieder schroff und feindselig. „Wie du willst." nn Wir schwiegen. Dann aber hatten wir große Gespräche über den Wagen seine Leistungskraft, Höchstgeschwindigkeit, ich wurde tüchtig aus- gefragt wie ich über Schwingachsen dächte, über Zentralschmierung und Vorderradantrieb, lieber die Beschaffenheit der Straßen in Oesterreich und Italien mußte ich Auskunft geben, von den französischen Kolonien mußte ich erzählen, von den Autostraßen in Marokko. „Da oben liegt eines der schönsten Kloster von Deutschland — Vier- xebnheiligen —, wollen wir es ansehen?" Der Junge sah mich unter buschigen Augenbrauen schars von der «ecke an. Sogleich war er wieder in der Abwehrstellung. Wenn Sie von der Staatsstraße abbiegen, steige ich aus. Das war alles, was er über Vierzehnheiligen zu sagen hatte Ich verblieb also auf der Staatsstraße. Unauffällig und schnell sah ich mir zuweilen den Jungen von der Seite an. „Worüber denkst du denn nach, wenn du so tagelang wanderst? ^Worüber hast du zum Beispiel nachgedacht, wie ich dich ansprach?" Der Jung« überlegte. . ■ . , . . ®s kommt ein neuer Lehrer zu uns tn die Schule. Der wird mein Klassenlehrer. Ich habe nachgedacht, was für eine Nummer das sein ^Run? Was meinst du, was für eine Nummer das [ein wird?" Aprilabend im Einkehrgasthof. Von Edmund Finke. Der Blick ist schon ganz hinab in die Tiefe geglitten, wo ein Traum das Fliehende stillstehn heißt, wir träumen den Tisch und die Gläser inmitten, auch der Schatten am Türstock ist wohlgelitten, und die Herren sind nicht mehr so ganz verwaist. Die Türe ist offen, der Ostwind weht heiter an Autos vorbei und zerrissenen Schuh'n, der April ist so freudig, der Himmel wird breiter, die Wolken ziehn wie geharnischte Reiter in silbernen Panzern nach Avalun. Die Wünsche sind still, und der Mensch ruht geborgen, die Luft ist würzig und schwer wie Wein, und ein Lächeln steht selig über den Sorgen, Warum verzagen? Vielleicht wird schon morgen der Frühling wieder im Lande sein. Oer fliegende Hund. Novelle von Wilhelm Speyer. Alle Rechte im Rowohlt-Verlag. Ich hielt meinen Wagen an. „Willst du mittommen?" Der Junge sah mich erstaunt an. . „Ich könnte dich ein Stück mcknehmen. Schwer genug hast du es ja }u schleppen." . „Nein, danke", sagte der Junge feindselig. Ich'stttg Ä Wagen. Ich wollte sowieso am Vergaser etwas richten. r , . Der Junge ging nicht weiter. Er jah mir zu. Nach einer Weile steckte er seinen Kops neben meinen unter die Motorhaube. „Funktioniert der Vergaser nicht? . [nnr[nmer „Ich brauche zuviel Benzin. Ich will zusehen, ob ich ihn sparsamer einstellen kann." .. . . „Um wieviel Striche drehen Sie die «chraube suruct . , „Um zwei. Ich will beobachten, ob er dann noch dieselbe Leistung ha wie vorhin." , Der Junge legte die Hand auf den Kühler. „Sie fahren schon lange hintereinander weg? Ja " "Und schnell sind Sie wohl auch gefahren?" „Ja, auch schnell". „Darf ich fragen, von wo Sie kommen. „Heute morgen um drei bin ich aus Bozen fortgefahren. Der Junge wollte es nicht glauben. . , „Aus Bozen in Südtirol?" Er machte ein Gesicht, als sei em kaum beschwichtigtes Mißtrauen wieder wach gerooröen. sroip.heriet)eni" „3a, aus Südtirol." Ich stieg in den Wagen. „Aus^Wiedersehen. „Auf Wiedersehen", sagte der Junge, und er ging n>ei er. eg Mit dem Hut grüßen, das hätte er nicht. Sef°n.nt’J.p J »it)tc[ ieiner gewollt hätte, denn er hatte feinen. Aber ich M J-1™1 PJ 1 yanb= Mütze in seinem Ranzen. Sein braunes Haar war staubig von der Lano sstraße und hart von der dörrenden Sonne. hpfrnchtete den Ich stopfte mir erst noch meine Pfeife zündet« sie an betrachtete den Zungen, der davonging, und dann betrachtete ich mir i ~ & Fülle eines von attersher gehegten und gepflegten Landes! In den Wattigen Winkeln der Dörfer standen Stemhe, lige des lrank.schen Barocks Alte Türen mit geschwungenen Ornamenten ®h aian , f(nute5 Moose in den Ritzen der Steinfassungen; auf dem1 ® < J it bauten Störche ihr Nest. Ich kam von großen Wanderungen(lange chi!" ri er stz b „Nitz Sie ein» lorida, ii ging ,M >en bigh- iS an bin Mosril°i ) auf L rgen. Ä i könnt!«, ielköpsiM ns üppig* iurdftbrw, Jammer!. Golf W •n NaM« Dellt, ip rüden J«‘ jertrünw weggeb11’ n. DL " rat MO pürbiglb« fen) W” teuorlean? beert «* >er Negb. iqe @ freu3eI1 er 'M hl V& n U , fli' > ly’V (S w beb i’ quarrenden Ton in tiefstem Baß zum Besten; und wir fühlen es, überfallen von den widrigsten Quälgeistern der Natur, den Moskitos. Der Mann heißt Fey,' jein Vater kam aus Germany, ans der Gegend von Düsseldorf, er spricht kein Wort Deutsch mehr, er ist Eierhändier. — Gut! — Tausend Dank! — Good bye! Am anderen Tag ersteigen wir eine Terrasse, und da sind wir denn — Robertscove heißt die Siedlung — in einer ziemlich geschlossenen deutschen Kolonie von etwa 40 Familien. Die Leute heißen hier: Hensgen, Heinen, Lennertz, Thewiß, Zaunbrecher, Wirtz, Reiners, Bischoff — nicht wahr, die Namen klingen rheinisch und klingen nach dem Aachener Land. In der Tat, die Einwanderung kam aus der Gegend von Geilenkirchen. Vor 45 Jahren tarnen die ersten hierher, der Antrieb war ein Geilenkirchener Priester mit Namen Thewiß in Neuorleans. Er hatte zu seinem Neffen, einem Knaben, in Deutschland gesagt: Daß du mir nicht Soldat wirst! Und als dann um die gewisse Zeit der Nesse „ziehen" ging und sofort genommen wurde, da riß er aus und kam zu seinem Onkel nach Amerika. Das war der erste. Es folgten weitere. Frau Heinen erzählt, wie sie auf einen Segelfrachter kamen, wie ein Ochscnwagen sie in die Prärie absetzte — so, nun seht zu! Alle wären sie heimgekehrt, alle ohne Ausnahme, wenn sie das Geld zur Heimreise gehabt hätten. Also hals das Jammern nichts. Man schlug im Wald Bäume und machte rohe Bretter, die Siedlergeschichte begann. Und heute sind die Leute fast ohne Ausnahme wohlhabend, der eine, 300, 400, 600, der andere 1000 und mehr „Acker", was drüben etwas mehr-als Morgen bedeutet. Damals kostete der Acker 75 Cent, heute 60 bis 70 Dollar. Den Dollar nach feinem praktischen Wert in diesem Land umgerechnet, gäbe es 120 Mark für den Morgen, der im Rheinland 1000 Mark kostet. So verwundert es uns nicht, als wir den Bruder des Pächters unseres rheinischen Gutes, der im Jahre 1912 aus der Aachener Gegend auswanderte, hier in wenn auch noch nicht ganz freiem Besitze von 400 Acker finden. Freilich, die Kriegskonjunktur ist auch ihm nützlich gewesen. In den Jahren 1918 und 1919 brachte der Sack Reis 10 Dollar, der heute nur drei bis vier bringt; denn Reis baut die ganze Gegend. Auf dieser anscheinend trockenen Land- terrasse? Aber da tagen in der Landschaft allenthalben Holzgerüste aus, Bohrtürme, und darunter befindet sich der mit elektrischer Kraft betriebene Pumpbrunnen, der aus 100 und mehr Meter Tiefe das Wasser herauf- hvlt und es in einem baumdicken Strahl auf das Land wirft. Einen Fuß hohe Dämme werden mit einem einfachen Instrument über die Felder gezogen, und zwischen den Eindeichungen bleibt das Wasser stehn. Und in ihm reift der Reis heran. Keine Sorge, es geht den Leuten — aber nach harter, harter Arbeit, von der sie mit großem Stolz sprechen — gut in diesem Louisiana. Patriarchalisch wirkt es, wenn Vater Heinen auf der ebenerdigen Galerie seines stattlichen weißen Holzhauses steht und ins Land hinaus weist: hier nebenan wohnt und farmt mein Bruder, etwas weiter meine Schwester, da mein Aeltester, dort mein Sohn Joseph, da drüben mein Sohn Wilhelm, dort drautzen meine Tochter Berta mit ihrem Mann, 6 Meilen von hier mein Sohn Konrad, 20 Meilen von hier meine Tochter Anna — uni» so fort. 10 Meilen von hier, 20 Meilen von hier, das sind in diesem raumreichen Lande die geläufigen Bezeichnungen. Nein, niemand wünscht sich nach Deutschland zurück. Man weiß so wenig von Deutschland, daß sich herausstellt: man hat geglaubt, der Krieg habe 1917 begonnen, als Amerika eintrat in ihn. Die Eltern — sie kamen mit ihren Eltern als Kinder hierher — sprechen englisch und noch deutsch, mit Vorliebe rheinisches Plattdeutsch, ihre Kinder aber sprechen kaum noch Deutsch, und deren Kinder werden kein Wort deutsch mehr verstehen. Wes Brot ich esse, des Lied ich singe: man wohnt im englisch sprechenden Amerika. Eine Sorge aber bedenken die alten Leute: überall im Kreise farmen Kinder, Vettern und Enkel — wie die Töchter in solchen Sippen und Ber- wandtjchasten verheiraten? So ist es denn hier zwischen all den modernsten Ackermaschinen, elektrischen Pumpen, Benzintraktoren, mit denen die Pflüge, Sämaschinen, Zahn- und Diskuseggen bewegt werden, und den Automobilen, von denen auch der kleinste Farmer eins hat, doch fast biblisch: hier farmt mein Bruder, dort meine Schwester, 3 Meilen von Hier mein Sohn, 6 Meilen von hier meine Tochter... Und wie alt schmeckt das: auf den Farmen leben in Holzhütten, meist den ersten primitiven Holzhäusern der Farmer, die Neger ihr ,Leden für sich, abseits von den Weihen. Ich frage die Negerfrau, die ihre runde ^Gesundheit zwischen ihren sechs Kindern herumträgt, wie alt sie sei. — iJch weiß es nicht, Mama ist tot, ich glaube 36. — Und dann fragt sie, w>b es auch in meinem Lande Schwarze gäbe, die für den Weißen arbeiten; And als sie hört: nein — wer denn dort die Arbeit für den weißen Mann «verrichte. Und sie kommt aus dem Staunen nicht heraus, als sie vernimmt, Idaß dort der Weiße für den Weißen arbeite. Und dann lacht sie und ist ffroh, gewiß aus glücklichem Temperament, und wohl aud) darüber, daß Wir sie angerebet haben. Rinderherden gehen auf der Reisstoppel. Ein ruppiges Rindvieh; man üreibt es nicht ein und melkt es nid)t, aber dem Vater Fey find neulich ün einer Nacht 60 Stück feines Viehs davongeführt worden, wahrscheinlich ®on texanischen Rinderdieben; da man sich nicht täglich ums Vieh türm Wert, ward der Diebstahl erst nach Tagen bemerkt — von Rindern und Dieben keine Spur mehr. . Aus der Farm, auf der wir zu Gast sind, soll der kleine Wilfried rpriigel bekommen, aber er kriecht unter das Haus. Alle amerikanischen ländlichen und viele städtische Häuser, aus Holz erbaut, stehen auf «tein- •jnb Holzpfählen. Keller gibt es nicht, namentlich im Süden. Unter bq§^ Sians aber verkriechen sich auch oft die Schlangen und finden sich schon Wal in einer Schublade, z.B. die todbringende Klapperschlange, und wenn Die Männer zur Flutzeit die Dämme der Felder prüfend abfchreiten, llchlagen sie oft mit der Schippe die gefährliche Mokassinschlange tot. Der Gastgeber bereitet uns Neulingen „Barbecue“. In einem Erdloch »rennt Holz, über das Loch ist ein Gesiecht von Gartendraht gelegt, Darauf röstet das Fleisch; es wird gewendet und mit einer Brühe von ^enf, Zwiebeln und scharfen Gewürzen bestrichen. Wahncheinuch ein ^Ites Cowboyrezept hier an der Grenze von Texas. Der Barbecue ist an9ft fertig; ick) werde stürmisch gerufen ... Bank anstellt!" — Eine Dame spricht über Literatur. Emer ihrer Begleiter versichert: .Er ist weiß Gott, vorgestern am Abend mit ordinärer Post arriviert und hat, wie man sagt, bei den ,Drei Rosen' auf der .Wiese' Logis genommen." „Ich habe den Götzen mit der eisernen Hand in Berlin gesehen , meint die Dam« und schürzt die Oberlippe, „eine brutale Komödie. Es stinkt einen von den Brettern an, sie trampeln nut den Rüstungen auf, daß es nur klirrt. Man ist hineingerannt, um das alte Kostüm zu begasfen. jittcrt.*1 Und trinkst du es aus oder verschüttest du es ... einmal wird es leer sein" denke daran!" Rach etlichen lauschenden Schritten setzte sie bestimmten fast trotzigen Tons hinzu: „Du fällst auf deine Wertherzeit. Das macht dein Umgang mit den eigenen Werken. Ich wollte, Herder wäre schon da. Er ist der einzige, der dich darüber hält." Goethe lachte. Sie sah rasch auf. "Well^du" nicht merkst, Lotte, daß du jetzt aus meine Wertherzeit ein geringe eifersüchtig warst, und das ist hübsch an dir." „Glaub' was du willst", sagte sie kurz. „Herdern zu Hilfe rufen", meinte er laut mit einer ungeduldigen Bewegung. „Als ob ich nicht selber hinter Werther, Götz und allem, allem mit Furien des Gewissens stünde! Aber ich habe dir geschrieben, daß Karoline, sie allein ganz ohne meinen Beistand, ihren Generalsuperintendenten auf das artigste zum Schweigen gebracht hat, da er meinem Werther die durchwetterten Locken hat frisieren wollen. Und das bringt dich auf. Ruf dir nur Herdern zu Hilfe! Bald ist es da." Ich brauche Hilfe nicht, du aber. Und dazu reiche ich kaum mehr. "Weiß Gott, ich habe Hilfe nötig und just von dir!" Das sagte er unbefangen, daß ihr Gesicht den 'Merger verlor. „Wie immer", kam es besänftigt von ihr. „Es scheint mir der schönste Teil' meiner Liebe, daß du meiner bedarsst." „Mache mich nur weiter gut, Lotte", sagte er nicht ohne leisen Spott, „dann wirst du einmal den besten Menschen aus mir gemacht haben." „Das war nicht edel gemeint, Goethe. Wenn du allein bist und mir schreibst, dann meinst du' es besser. Du auch, auch du redest besser zu deinem Traumgebilde." Ihre Stimme war matter. (Fortsetzung folgt.) ^IHorttich; Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch, und Steindruckerei, R. Lange, Gießen. Hnb dann, was wollen Sie weiter, mein lieber Legationsrat, mit diesem Werther?" „Oh, beachten Sie die Seele, Madame, die hingerisiene Seele! Welch ein Sentiment, welch feurige Passion! Die ganze Welt war erschüttert!" „Und es ist aus mit einer Delikatesse in der Literatur. Er soll eine Amour von ihm sein, der ganze Werther, und man erzählt, die Leute die er damit betroffen, sind bis zur Irritation nibigmert. Enfin eine Indiskretion! Bedenken Sie, sich vor aller Welt ausgezogen zu wissen!" „Es ist die Kunst, ma chere, die neue Kunst, ihre Freiheit! ?,Der Mann ist Geheimrat, er ist geadelt, er sollte derlei aus dem Handel ziehen. Ich lese gerade des Geheimrat von Thummel entzückende .Wilhelmine'. Sehen Sie: auch ein Geheimrat, aber welch eine Noblesse we ch ein Charme, spirituell, pikant! Was sollen uns die deutschen Gesuhls- schlächtereienl" Die Dame ist empört und weiß nicht, daß der vernichtete Autor sie hören könnte, denn er steht nicht weit von ihr bei einem dicken Herren, der sich unter tiefen Bücklingen empfiehlt: „Dero Exzellenz Anwesenheit haben mir die 3ntontrnobitat einer ordinären Postfahrt zum beneideten Souvenir gemacht. Man hat mich schon gefragt. Ich stehe hier und in Leipzig feder Zeit zu dero Exzellenz 0ei)2)erltgiüe1 ^rr°Richter! Goethe reichte ihm freundlich die Hand. Herr Richter war also seinetwegen angegangen worden. Auch andere bemerkten ihn. Er verließ den Sprudel, um Charlotte .und ihre Gesellschaft am Reubrunnen zum Spaziergange zu treffen und dann mit ihr die Schokolade zu nehmen. Er fand sie itn Gehen. Sie reichte der Harfenspielerin, die ihre klägliche Kunst zum Heiltrunke hat, eine Münze so zartgeneigt und freundlich, daß ihm das Herz vor Liebe schlug. Als sie dann unter den Lauben des Böhmischen Saales in heiteren Gesprächen geruht und den köstlichen Hunger eines seit Stunden bewegten und nüchtern gehaltenen Körpers gestillt hatten, war es ihm möglich einige unbelauschte Worte an sie zu richten. Sie kamen durch die Allee bis an das Komödienhaus. Die andere Gesellschaft war zurückgeblieben, ein Graf Thun ritt hohe Schule. Man stand in der breiten Mltteallee, sah den Reiterstückchen zu, und das prächtige Fell des Goldfuchses schimmerte über dem Muskelspiele. „Du entziehst dich mir. Ich habe mich in Weimar nach dir verzehrt. Lange Wochen ...." ., ..... Di« Tepel-Aue, durch deren Bäume di« Sonne eines iugenbfrifd)en Morgens lockte, schien mitzusprechen. Ein schmaler Weg auf dem seicht- fallenden Rasenhang führte flußaufwärts, und das Wasser umrie elte Gesteintrümmer und Kiesbänke, auf denen üppiger Lattich stand. Etliche hundert Schritte voraus und noch in einem leichten Morgennebel verloren, denn die Berge hielten den Schatten lange, sahen sie gleichgewandten Blickes eine turmhohe Felsbrust gegen das Ufer gedrängt Auf dem schmalen Wege halten nur zwei Menschen nebeneinander Platz. Er ging, und sie folgte. , , , Das kurze Schweigen sammelte beider Herzen. „Und du, Lotte, hast du dich nicht nach mir gesehnt?" „ „Rach dir, mein Freund, nicht nach deinen Bedrängnissen. Er bekam eine finstere Stirn und nagte an seiner Lippe. Sie hob ue Singer leicht und strich ihm, rote ein Hauch so leise, quer über den Brauen hin schnell, ohne Scheu und lächelnd. Er konnte ihre Hand nidft fassen und sie an seine Lippen führen, die Menschen waren noch zu nahe; auch ließ ihre Haltung jeden gewandten.Rückzug vermuten. Du bist gekommen", sagte sie ernster, rascheren Schrittes, denn er war bei der Berührung stehen geblieben, „und es ist beinahe dahin, wonach ich mich gesehnt habe." . „Weil bu die Traumgestalt liebst, nicht den Menschen. Jeder Liebende, mein Freund", brachte sie eilig entgegen. Und sie wiederholte, da er stumm blieb: „Liebt nicht ein jeder nur seinen Traum in dem andern?" . , „ . . ., ,, „ „Das ist für uns nicht gut, Lotte; du hast mir zuviel angeschafsen. Mein Mensch möchte es kaum halten." . .Drohst du wieder, mein Goethe? Es ist eine Furcht in dir. Aus Furcht wirst du stets angespannter, ungeduldiger." „ . v . . „Nichts Ungeduldigeres als ein Gefäß, das übervoll in der Hand re»,. Weimar war geworben, von dem bie große Welt zunächst mit orübem Entsetzen, dann mit Neugier und endlich staunend oder erlednis- < (üftern sprach. Und er hatte es bis auf die Hefe getrunken, dieses Weimar, und hatte alle nur durstiger gemacht. Auch Herder strebte ungestillt for. Obne sie ohne Lotte, wäre er längst nicht mehr zu halten gewesen. S batte ihn an Grenzen und Maße zurückgebannt, kein anderes Wesen vermochte wie sik in ihn zu lauschen und so die treibenden Stemmen seines Innersten zu immer reinerer Gestaltung zu zwingen, traft ihres Herzens, kraft einer unveAetzlichen Zartheit, der Kühle ihres Blutes und gerade deshalb weil sie das alte Weimar, das er üb erstürmt und aus getrunken hatte unwandelbar, wie leibererbtes Wesen in sich trug, ©eine ^icbe zu ihr weckte den bildnerischen Zwiespalt, der einem schaffenden Menschen das Geben n>ert fein läfat, bis eine 9)Uffion erfüllt ift. «« r. Schien sie erfüllt? Er hatte einen engen Hof dem Bürgertum der Welt verbunden und war dabei ... war dabei h°^h>g geworden Ihn brannte der Durst nach Menschen und Welt, neuen Menschen, neuer Welt. Da war es die, vordem auch in Weimar nicht gewonnene, Freiheit der Begegnung und die anmutige, nie verpflichtende Geselligkeit der vorjährigen Kurwochen in Karlsbad gewesen, die ihn kaum bewußt zu einer Umwandlung trieben. Karlsbad hatte „ihn die stets enge s h . Bezirke der thüringischen Residenz unerträglicher suhlen lassen. Aber Karlsbad brachte ihm auch ein anderes: das Erlebnis bes Sprudelquells, de alle Einwölbung bedrohenden heißen Springers dessen ungebandlgte Kraft Verderbnis werden konnte. Hier sah er das lebendige Zeichen einer zur Heilsamkeit gezwungenen Dämonie, die gleichwohl ihre Entladung findet; ihr muß nur Raum geschaffen sein. Und so fand er tfier emen Ueberqang. Es war ihm nicht mehr rote ehedem möglich, schroff zu brechen, Gewordenes gewaltsam zu stürzen. Er wollte alles halten und in ein erweitertes Gefild einfügen. Zahm geworden — durch sie, durch Lotte, und freier zugleich, als sie ahnte! Schon am zweiten Morgen war er, zwar noch von wenigen erkannte aber von den meisten gewußt, mit seinem Porzellanbecher und dem Stock an dem Brunnen zu sehen. Dort losten sich die sonst herb geschlossenen Gesell chaftskreise, und wie vor Gott schien vor der heilkräftigen Naturgewalt, der man sich ergab, alles gleich. Die Erregung der snuhen Morgenstunde, das lebhaste Gedränge, züroeilen in bequemster ia salopper Kleidung, doch auch nicht ohne Coiffure, Puder, Schminke, Putz und Orden, die allgemeine Erwartung der Quellroirtfamtett und lebe Un- gebundenheit, die sie erforderte, zudem, daß sich die Kur unter den Äugen der drei Aerzte abspielte, die bei den Brunnen auf Banken faßen und ihre Patienten der Reihe nach zu sich luden — all das wachte die Menschen gegeneinander unbefangener und so sehr von ihrer beachtenswert gewordenen Natur eingenommen, daß sie sich gaben, rote sonst nur unter "^Bge" Sb “Ser, Geistliche und Militärs, sie mochten völlig unbekannt sein, traten auf einander zu, schwenkten die Hute tief, falu- tierten, machten ihren Kratzfuß, boten die Dose zu einer JJnfe »raj ober auch nur Rape. Und dann war für das Mundwerk kein Einhalt mehr Man erwies sich der neuen Bekanntschaft als eine Persönlichkeit tiefsinnigster Beobachtungsgabe und erstaunlich sicherer Lebenshaltung ober als eine Dame erlesensten Geschmackes und feinsten Gefühls, lief auch di« Plappermühle voll Alltäglichkeit. Es kam auf das Gesicht an, in dem man sich gefiel, um andern zu gefallen, und eine bezwingende Form glaubte jeder zu meistern. So war bie leichte Laune und lene sauste Freudigkeit zu sinden, die ersprießlich zum Wasser wirkte und auch einige Menschen von Geist erheiterte, bie sonst kaum Geschmack an dem Jahrmarkt der Eitelkeiten gefunden hätten. Haben Sie es schon beim Psefserküchler Urban, ,Zum goldenen Paperl' heißt das Schild, probiert? Verlangen Sie von. denen Pastarana- küchle. Ich esse sie unter den ersten Bechern auf meinem Logis. Die tarieren besser als das Salz. Runde Küchle mit Zucker und E, glaciert. Nein das Dejeuner dansant war fade. Ich wäre vor purem Ennui fast unigestanden. Uebrigens die Pendeloques und das Collier der kleinen Darczinika! Näher besehen, es ist der Mühe wert, denn sie hat ein charmantes Dekollete, ich sage Ihnen: alles Sumte, Pariser Bijouterie ..." , , . . . . . — , Ich geb’ vierzig Kreuzer und hab eine Supp und drei Schusseln dafür- mein Diener ißt um neun Kreuzer eine Supp und die Portion Rindfleisch. Bei der Mühten Wittib auf dem Kirchplatz zum .Sanssouci. Ich bins zufrieden und die Hauswirtin wärmt mir die Menage auf, es ist akkordiert und das Gedeck dazu." „Mühten sagen Sie, auf den^ Kirchplatz»" Ja oder wollen Sie einen besonderen Tisch, |o schicken Sie auf die Wiesen in den .Goldenen Löwen' zum Bartel Weißhaupt, auch m die .Sieben Kurfürsten' auf dem Ring Kost' aber einen (Bulben... — Zwei Herren unterhalten sich beim Springer über die Natur des Sprudels und der Sprudelsteine zufiirderst der alte Muller, der Steinschneider. Er hat ihn aus dem Fundament der Stadtkirchen gegraben, und der Doktor Becher hat ihn die Steine schleifen geheißen. Der Doktor hat seine Theoria darüber, er will zwo Gattungen scheiden, bie ein ist ftirdeni entstanden und heunt nit mehr, wird aber ausgraben, bie ander siehet man am Tage, und ist der gele Tossstein." „Ein inventiöser Mann, dieser Doktor! Er hat auch die Fabrikation des Salzes dort in dem Haus aus denen Kesseln entdeckt. Sie sollen ihn darob nickst wenig moleftiert haben seine Eoncitoyens, aus Furcht, daß mit dem exportierten salz die Gäste ausbleiben." „Ei was, das tut dem Doktor nichts an; der ist der reichste Mann im Ort. Bemerken Sie nur, rote man sich vor seiner