Gießener Kmiilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <952 Montag, den 8. Zebruar Nummenj Tanzlied. Von Gustav Falke. Lachendes Kind, drolliges Kind, Blitzblick und Grübchen in Wangen, Nur einen Walzer noch, nicht zu geschwind, Seliges Wiegen so, la la la, la la la, Will es im Himmel nicht besser verlangen. Munter im Kreise. Bald sind verstummt Brummbaß und Fiedel und Flöten. Eh' uns der Werkeltag wieder umsummt, Nur einen Walzer noch, la la la, la la la, Warum unschuldige Höflichkeit töten. Mutter, bevor sie den Vater nahm. Hat es nicht anders getrieben. Wenn nach der Arbeit der Sonntag kam, Ach, einen Walzer nur, la la la, la la la, Und nun sollt es die Tochter nicht lieben. Taschen voll Lebenslust, Geld grab genug, Gilt noch ein Zaudern, ein Fragen? Fangen wir heute die Freuden im Flug, Nur einen Walzer noch, la la la, la la la, Morgen heißt's wieder sich placken und plagen. Oer Maskenball. Von Heinrich Mann. Kindheitserinnerungen haben gewiß auch mein Leben beeinflußt, aber ich kann es nicht wissen, ich habe sie nicht in Form eines Katechismus gesammelt. Wenn mir eine einfallen soll, fallen mir viele ein. Ich wühle eine. Winternachmittag im Lübeck der Siebzigerjahre. Ich sehe eine Straße steil abfallen. Sie ist glatt gefroren und fast dunkel. Jede Gaslaterne beleuchtet nur das Haus, vor dem sie steht. Eine entfernte Flurglocke verkündet klappernd, daß jemand jenes Haus betrat. Ein Mädchen führt den kleinen Jungen, der ich bin. Ich reiße mich aber los, die Straße ist so eine herrliche Schlitterbahn. Ich gleite sie hinab, ich gleite schneller. Die Querstraße naht. Den Augenblick, bevor ich dort bin, tritt eine ganz vermummte Frau heraus, unter ihrem Tuch trägt sie etwas. Ich kann mich im Lauf nicht halten, ich fahre gegen sie, sie war nicht gefaßt auf den Anprall. Da es glatt ist, fällt sie. Da es dunkel ist, entkomme ich. Aber ich habe Geschirr zerbrechen gehört. Die Frau trug unter ihrem Tuch Geschirr. Was habe ich angerichtet! Ich stehe, mir klopft das Herz. Das Mädchen ist endlich nachgekommen, ich sage: „Ich kann nichts dafür." „Die Frau hat nun kein Essen mehr", sagt das Mädchen. „Ihr kleiner Junge auch nicht." .Kennst du sie, Stine?" „Sie kennt dich", behauptete Stine. „Wird sie kommen und es meinen Eltern sagen?" Stine bejahte es drohend, ich erschrecke. Wir machen unsere Besorgungen, denn morgen wird zu Hause ein Fest sein, außerordentlicher sogar als jedes andere Fest: ein Maskenball. Dennoch vergesse ich den Rest des Tages nie ganz die Drohung, di« hinter mir ist. Noch in meinem Bett horche ich, ob es läutet, ob die Frau kommt. Sie hat nun kein Geschirr mehr, ihr Junge kein Essen. Aber auch mir ist nicht wohl. Nächsten Tages, als Stine mich aus der Schule holt, ist das erste, daß ich nach der Frau frag«. „War sie da?" Das Mädchen besinnt sich, sagt nein, verheißt mir aber, die Frau werde mich sicher finden ... Bis zum Abend fürchte ich es noch, dann ergreifen mich Leichtsinn und Eifer des Hauses, das den Ball erwartet. Es ist überhell und es duftet nach Blumen, nach ungewöhnlichen Gerichten. Ich darf Mama bewundern. Schon kommen als erste Gäste ihre jungen Freundinnen samt dem 5räu= lein aus Bremen, das eigens herbeireiste, das bei uns wohnt und das ich nicht missen möchte. Später werden sie Larven tragen, ich aber fühle mich eingeweiht, ich weiß, wer diese Zigeunerin und wer Coeurdame ist. Jetzt muß ich schlafen gehen, schleiche aber dann nochmals, wenig bekleidet über di« Treppe. Der Ball hat angefangen. Die vorderen Räume sind leer, dennoch erkenne ich sie kaum wieder, der Ball hat olles verändert. Tritt jemand ein, entweiche ich unhörbar in das nächste Zimmer, so mache ich die Runde, phantastisch angezogen von dem Fest im Saal, dem farbigen Glanz, der hervorströmt, von der Musik, dem Scharren auf Parkett, von Stimmengewirr und warmen Düften. Endlich gelange ich bis hinter die Tür des Saales, es ist gewagt, aber es lohnt. Nackte Schultern, mild vom Licht überzogen, Haare, schimmernd wie Schmuck, und Juwelen, die blitzen vom Leben, wenden sich mühelos im Tanz. Mein Vater ist ein fremder Offizier, gepudert, mit Degen, ich bin durchaus stolz auf ihn. Mama Coeurdame schmeichelt ihm mehr als je. Aber mein Urteil erstirbt -vor dem Fräulein aus Bremen, ich fühle nur, daß sie dahingleitet, an einen Herrn geschmiegt, der hoffentlich nicht weiß, wer sie ist. Ich weiß es. Ich stehe mit sieben Jahren hinter der Tür des Ballsaales, ratlos ergriffen von dem Glück, dem alle nachtanzen. Der Saal hat einen zarten, hellen Geschmack, später werde ich wissen, daß dies Rokoko heißt und gut zehn Jahre vor dieser Zeit sich von Paris aus verbreitet hat. Auch die Masken gingen von dort aus, auch die Tänze, die Quadrillen, der Galopp. Jede Einzelheit ist nachträgliche Ausstrahlung des kaiserlichen Hofes Napoleon III. und der schönen Eugenie. Ihr Hof ist verschwunden, aber ihre gesellschaftlichen Sitten haben Zeit gehabt, bis in nordische Kleinstädte zu dringen. Die Kultur des Salons war nie wichtiger als damals, Höflichkeit nie wieder so bekannt. Man spielte Charaden, gab Rätsel auf, die Damen bemalten die Fächer ihrer Freundinnen mit Aquarellen, Herren, die sie verehrten, schrieben ihre Namen darauf. Jene Welt unterhielt sich mit Schreibspielen, sonderbaren Erfindungen, ich habe sie erst verstanden, als ich las, daß in dem engsten Kreise Napoleons zuweilen jemand einen Aufsatz diktierte. Das Spiel war, zu entdecken, wer am wenigsten orthographische Fehler machte. Bürgerliche Spiele, sie paßten auch nach Lübeck. Glanz und Höhe aber war der Maskenball. Die Sucht, sich zu verkleiden, lag nicht nur den glücklichen Abenteurern, die bisher in Paris geherrscht hatten, auch deutsche Honoratioren waren von ihr gepackt. Zuletzt kamen immer „lebende Bilder", zur Schaustellung der eigenen Schönheit und Bedeutung in Situationen, die endlich ihrer würdig waren... Der Knabe hinter seiner Tür wartete angstvoll, ob es ihm gelingen werde, auch noch die lebenden Bilder zu sehen. Plötzlich wird die Tür von mir fort-gezogen, jemand hat mich gefunden. Es ist einer der Lohndiener, er ruft mir zu, drunten frage nach mir eine Frau. Meines bleichen Schreckens achtet er nicht, feine Frackschöße eilen weiter. Ich bin allein und Herr meiner Entschlüsse. Bin ich es? Wenn ich nicht zu der Frau hinuntergehe, wer weiß, sie dränge vielleicht bis in den Ballsaal. Offene Katastrophe, lieber noch opfere ich mich. Die Frau steht beim Hauseingang, wo wenig Licht ist. Hinter sich hat sie ein dunkles Zimmer. Sie ist vermummt wie gestern, sie rührt sich nicht. Sie ist die Statue des Gewissens, aufgestanden aus der Nacht. Ich nähere mich immer langsamer, ich will fragen, was sie von mir verlangt, aber die Stimme versagt mir. „Du hast mir mein Geschirr zerbrochen", sagt sie von selbst, und ganz dumpf: „Mein kleiner Junge hat nichts zu essen." Ich schluchze auf, ergriffen sowohl von dem Geschick des anderen Jungen wie von dem meinen, das mich hierher brachte. Wenn ich ihr aus der Küche zu essen holte? Aber die Küche ist voll von den Mädchen und Dienern, ich würde unerträgliches Aufsehen erregen. „Warten Sie", stammele ich und mache mich auf in das dunkle Zimmer hinter ihr. Dort lagen die Mäntel der Gäste. Ich wühle mich hindurch, ich gelange zu Dingen, die mein sind, Soldaten und Bücher. Ich nehme sie, gern nähme ich sogar die geliebte Vase, die ein Schwan mit ausgebreiteten Flügeln ist. Aber die Vase ist nicht mein. Ich bringe alles der Frau, sie packt es in ihren Korb, sie geht. Schon bin ich gelaufen, schon in meinem Beit. Ich schlafe ruhiger ein als am vorigen Abend... Rätselhaft ist nur, daß bei meiner Rückkehr aus der Schule alle verschenkten Sachen wieder an ihrem Platze sind. Ich begreife es nicht. Auch Stine, die ich einweihe, ist scheinbar erstaunt. Aber sie muß lachen. Verdacht auf Stine ist mir erst lange nachher gekommen, und auch dann nur, weil sie gelacht hatte. Sie selbst war der nächtliche Besuch gewesen, die Statue des Gewissens, di« unglückliche Mutter des durch meine Schuld hungernden Jungen. Wahrscheinlich hat in Wirklichkeit niemand gehungert. Wer weiß, ob auch nur Geschirr zerbrochen war. Stine, als gute Schauspielerin, hat der von ihr geschaffenen Gestalt gesteigerte Tragik mitgegeben. Ich habe dennoch nicht vergessen, daß ich, sieben Jahr« alt, aus glücklicher Versunkenheit in den äußeren Glanz des Lebens jäh gerissen wurde, um hinzutreten vor die Armut und meine eigene Schuld. Ein Eindruck. Auch eine Lehre? Damals kaum, Armut ward nicht oft sichtbar im Lübeck der Siebzigerjahre. Wenn ich mit meiner Großmutter spazieren ging, saßen am Rande der Landstraße manchmal Steinklopfer oder ähnliche Männer und aßen aus einem Topf. „Guten Appetit, Leute!" sagte meine Großmutter herzlich und ermunternd. Die „Leute" stutzten kurz, dieser Ton war immerhin schon ungewohnt. Dann aber dankten sie. Königlicher Karneval. Aus dem Tagebuch eines Hofmannes. Von Dr, Georg Kuhn. Heut ist der König von Potsdam herübergekommen, und der Karneval beginnt. Es ist freilich ein seltsamer Abgesandter, den sich da der tolle Gott des Faschings ausgesucht. Sagt doch Seine Maiestat stets, diese paar Berliner Wochen kämen ihn schlimmer an als der slebeniahrlge Krieg. Aber es gehört nun halt zur Beglückung seiner Volker, gehört zur 'Pro perität seiner Haupt- und Residenzstadt, daß der große König sich einmal im Jahre zur Schau stellt, wie eine seltene Rarität. Wo blieben die Fremden, wäre er nicht da? Und dann gehört die Feier des Karnevals mit ihren Opern und Bällen, Aufzügen und Ridottl zur unerläßlichen Hofsitte, wie der selige Rohr ja schon in seiner „Zeremonial- wissenschast" ausgeführt. Bitterböse sah er aus und richtete die großen Feueraugen starr vor sich hin, wie er so um Mittag hereingeritten kam, staubbedeckt, im^schabl- gcn blauen Rock, vorn mit einer enormen Quantität spanischen Tabaks garniert, die vergilbten Wasserstiefel hoch hinaufgezogen. Ich hätte ihm in den, Augenblick nicht in die Quere kommen wollen. Das Volk aber, das doch so mancherlei an ihm zu tadeln hat, wenn er fern ist, das kehrt sich nicht an schlechte Laune und grimme Augen und jubelt ihm zu. Ein Leben ist in den Straßen, ein Gedränge und eine Freude! Wahrlich, der Karneval fängt an, wenn der alte Fritz einreitet! ... Nun haben wir ihn wieder für die ganze Zeit zum letzten Mal zu Pferde gesehen. Er, der Soldat, der sich sonst auf dem Gaul festbinden läßt, wenn er krank ist, fühlt sich jetzt als Prunkstück und zeigt sich nicht anders als in königlichem Pomp und Aufzug. So ist er gleich heut Abend zur Prinzessin Amalie zum Souper gefahren; so werden wir ihn jetzt zwei-, dreimal wöchentlich sehen, wenn er sich in die Oper begibt, zu einem seltenen Besuch oder wohl auch auf die Redoute. Voran gehen acht königliche Läufer mit Stäben, Federmützen und Schürzen in zwei Reihen; aber sie sind nur'noch „Läufer" dem Namen nach, denn den Posten haben alte Kriegsinvaliden, die das ganze Jahr über ruhen und jetzt nur sehr langsam vorwärts kommen. Deshalb muß auch die unförmige Staatskarosse, einst eine Glanzleistung des Wagenbaus, heut ein alter Kasten, ein recht behutsames Tempo einschlagen. So wackelt das acht- spännige Gefährt mit seinen acht Fenstern rund herum einher, die Pferde mit den altmodischen Geschirren und Federbüschen auf den Köpfen, Kutscher und Vorreiter in der blauen Livree mit den roten Ausschlägen. In den vier Nebentritten der Kutsche stehen vier Pagen, rot mit Gold, in seidenen Strümpfen und Federhüten, und ganz hinten unter dem Bedientensitz hockt noch ein Stallknecht. Bei der Prinzessin ist eine ganz kleine Gesellschaft, und da fühlt sich der König am wohlsten. Er bleibt drei Stunden an der Tafel und bezaubert alle durch die Magie seiner Unterhaltung; er spricht vom neusten Damenputz und von den diesjährigen Festlichkeiten, als hätte er nichts anderes im Kopfe; er neckt Fräulein von Knesebeck mit ihrer neusten Amour und zieht den alten Pöllnitz wegen seines Religionswechsels auf. Wer ahnte in diesem galanten Causeur den zürnenden donnernden Jupiter; aber ach! wir sollen auch den bald zu spüren bekommen! Es ist das erste große Prinzen- und Prinzessinnendiner. Alle sind in zwei langen Reihen aufgestellt und müssen warten. Sobald serviert ist, öffnen sich die Flügeltüren und der König erscheint im Saal. „Treten Sie näher, meine Herrschaften", sagt er, und nun defiliert alles in militärischer Ordnung an ihm vorbei. Als letzter schließt er sich dem Zuge an und gibt das Zeichen zum Setzen. Die Stimmung ist sehr gedrückt, denn man hat es bald heraus, daß er schlechter Laune ist. Er schilt auf alle Welt, und jeder hat Angst, daß er bald an die Reihe kommt. Der alte Graf Podewils erregt seinen Zorn, und er sagt ihm u. a., er habe nie begreifen können, wie der verstorbene Grumbkow, der doch ein kluger Mann gewesen sei, seine Töchter an Dummköpfe habe verheiraten können; und dabei war Podewils' erste Frau eine Grumbkow! Er zankt mit den Prinzen und schimpft auf die Hofdamen, wie wenn er auf dem Exerzierplatz wäre. Alles atmet erleichtert auf, als das Mahl zu Ende ist, und man macht sich schleunigst aus dem Staube. Es ist, als hätte die Erde gebebt, und jeder wäre nur auf seine Rettung bedacht... Die prinzlichen Herrschaften entschädigen sich aber für solche Katastrophen mit heitereren Festlichkeiten. Beim Prinzen Heinrich finden große Maskeraden statt und beim Prinzen Ferdinand hübsche Theateraufführungen. Bald verkleiden wir uns alle als Affen, denen der Mensch ja in seiner Nachahmungssucht wirklich ähnlich ist, oder als Bären, wobei einer den Führer macht; dann wieder gibt es ein Fest von über 1400 Masken, bei dem der ganze Adel und die Bürgerschaft anwesend sind. Asien hat seine prächtigsten Kostüme herleihen müssen, uiid besonders die türkische Gesandtschast, die vergangenes Jahr so viel Aussehen erregte, hat Schule gemacht. Das Theaterspiel beim Prinzen Ferdinand muß uns viel von der öffentlichen Bühne ersetzen, denn die wird immer schlechter. Der König besucht zwar noch die Oper, aber selbst an den Kerzen zur Beleuchtung wird gespart. An den Intendanten Baron von Arnim schreibt er: „Machen Sie die Liebhabereien billig, denn in meinem Alter gibt man nicht mehr viel dafür aus." Und ähnlich sagte er neulich: „Es wäre auch kein großes Unglück, wenn es beim nächsten Karneval kein französisches Schauspiel gäbe." Di« neue Truppe des Herrn Fierville ist jedenfalls so elend, daß der König bei den tragischen Stellen beinahe vor Lachen erstickt. .Die deutschen Komödianten des Herrn Döbdelin aber, die mit einem Soldatenstück von einem gewissen Lessing, in dem auch der große Friedrich vorkommen soll, einen großen Zulauf haben, kann ein Mann von 'Adel nicht besuchen; es geht da zu wüst und ungehobelt zu; kann sich doch jeder für einen geringen Preis den Eintritt erkaufen! Die Aufführungen unserer Prinzen sind also eine Labsal. Jüngst hat man es sogar gewagt, die weiblichen Rollen in Racines „Phädra" mit Herren zu besetzen, und Prinz Heinrich als Heldin wie Prinz Ferdinand als Jsmene spielten mit so leidenschaftlichem Feuer, daß man das Komische der Situation ganz vergaß und alle Zuschauer hingerissen wurden. Doch die hohen Herrschaften haben auch noch andere Vergnügen als diese ernsten und erhabenen. Ein Hauptspaß der Prinzessinnen ist Blindekuh zu spielen, und nach dem Souper — natürlich, wenn der „Alte nicht dabei ist — geht es an ein Tollen, Springen und Lachen durch die Sale, daß die steifen würdevollen Kammerherren und die betagten Hofdamen gar nicht mitkönnen. Und tanzen wollen sie alle; tanzen, das ist die Hauptsache. Deshalb sind die großen Redouten im Opernhause die auch der König besucht, so drückend voll. Es wirkt allerdings nicht gerade belebend auf das Vergnügen, wenn man Seine Majestät aus feiner Loge zuschauen oder ihn, mit großer Suite, auf den Krückstock gestützt, durch die Reihen der Tanzenden schreiten sieht. Verachtung und Unwillen blitzen oft aus seinen Augen, liegen auf seinen Zügen; und dabei trennt auf den Opernbällen noch eine strenge Schranke die Bürgerlichen vom Adel. Nur wer durch die rote Farbe der Maske und des Capuchons als Herr oder Dame von Stand gekennzeichnet ist, darf durch die hölzerne Barriere. Unsere jungen Kavaliere sind allerdings mehr außer, als hinter den Schranken zu suchen, und da der König nur kurze Zeit bleibt, schlagen die Wogen der Lust bald hoch empor. Im Vorjahr war deshalb den Offizieren befohlen, schon um 10 Uhr nach Hause zu gehen, und dies Jahr wird es wohl auch noch dahin kommen. Ja, die Opernredouten genügen noch nicht, und deshalb find sogar im Bergeschen Komodienhaus, wo die deutsche Truppe spielt. Privatredouten eingerichtet, bei denen die Prinzen nicht fehlen und gegen hohen Eintrittspreis die eleganteste Welt sich amüsiert. Auf solchen Festen merkt man erst, wieviel Fremde da sind. Der König und der Karneval ziehen nicht nur aus dem ganzen Reich, sondern aus der ganzen Welt Gäste an. Natürlich sind auch die meisten Generale und Regimentskommandeure da, um ihrem Kriegsherrn bei der Gratulations- cour zu Neujahr und nachher die Aufwartung zu machen. In den Gesellschaften stößt man auf diese alten Haudegen, die lieber von Leuthen und Kunersdorf als von den neuesten Federkoiffüren und dem griechischen Modetanz sprechen. Stundenlang stehen sie schon vorher herum, denn sie können sich nicht an die neue Sitte gewöhnen, nach der man letzt erst um 8 Uhr statt um 6 Uhr zum Souper erscheint. Es gehört nun einmal zum guten Ton, recht spät zu kommen. Der König zeichnet die wackeren Krieger, die sonst neben den Elegants und manch zweifelhaften Aus- länbern eine schlechte Rolle spielen, überall aus, wo er sie sieht. Er beschenkt sie aus seiner Sammlung kostbarer Tabaksdosen oder mit Pferden oder mit Geld. Auch die Prinzen und Prinzessinnen gehen nicht leer aus. Früher hielt Seine Majestät bis zum Schluß des Karnevals in Berlin aus- jetzt kehrt er schon am Vorabend seines Geburtstages in aller Stille nach Potsdam zurück. Wie stets, sagte er auch diesmal zu den anwesenden Generalen, er gehe zwar früher fort, aber sie sollten noch ruhig an den letzten Karnevalslustbarkeiten teilnehmen. Auch die meisten Fremden lud er ein, noch länger zu bleiben. In Potsdam aber wickelt sich der alte König mit einem Seufzer der Erleichterung in seinen warmen Flausch und streichelt seine Windspiele. „Das Vergnügen ist doch die größte Schinderei", murmelte er und rüstet sich zu den großen Revuen' und Manövern, die im Februar ihren Anfang nehmen. Deutsche Fastnachtsbräuche. Von Dr. Kurt Haack. Die heiteren Tage der Fastnacht, deren durch die Jahrhunderte geheiligtes Recht auf Frohsinn und Lustbarkeit durch den lastenden Ernst unserer Zeit wohl beschränkt, aber nicht gänzlich unterdrückt werden kann, nähern sich wiederum ihrem Ausklang, der zugleich ihr Gipfel ist. Die Hauptfeier beginnt ja mit dem sogenannten „seiften Donnerstag" und erreicht ihren Höhepunkt bann am Sonntag, Montag und vor allem am Dienstag. Die ungeheuer zahlreichen und z. T. sehr seltsamen Gebräuche, die sich im Laufe der Jahrhunderte in der Fastnacht vereinigt haben, leiten in ihrem eigentlichen Kerne ihren Ursprung aus der Tatsache her, daß die Fastnacht einen wichtigen Jahresabschnitt, den Frühlingsanfang, bedeutet. Die Bräuche lassen sich daher zu dem Fruchtbarkeitsglauben der heidnischen Vorzeit in Beziehung setzen, wenngleich freilich auch das christliche Element manches umgeformt hat und vor allem der der Menschheit nun einmal innewohnende Drang nach Uebermut und Genuß sich ungebändigt Bahn bricht. Betrachten wir diesen ganzen Faschingszauber, Feste, Tänze, Aufzüge, Vermummungen, mit dem Auge des Forschers, so drängt sich eine bestimmte Reihenfolge und Gruppierung der scheinbar unzusammenhängenden Bräuche von selbst auf. Schon die Vorbereitungen zum Fasching werden im Dorf mit viel Bedacht und einer gewissen Feierlichkeit getroffen. In den Spinn- ftuben vereinigte man sich zu den sog. „Fastelabendverbänden", in denen das Programm durchgesprochen und bann öffentlich angezeigt würbe. Diese Anzeige, bie bisweilen unter Lärm und Trommelschlag erfolgt, ist in manchen Gegenden mit einer symbolischen Handlung, einer förmlichen Ausgrabung der Fastnacht, verbunden. Es tun sich in dieser Vorbereitungszeit bestimmte Gruppen zusammen, die diese frohe Zeit gemeinschaftlich feiern. Der Lehrer übt mit den Kindern bie Gesänge ein, bie bei den „Heischegängen" ertönen sollen; Burschen und Mädchen probieren bie Tänze unb Spiele, bie sie ausführen wollen. Zunächst beginnen bann, als Lorklang bes ganzen Festes bie Umzüge. Diese Umzüge werben charakterisiert burch ben möglichst großen Lärm, ber mit ihnen verbunben ist. Wie bie Umzüge überhaupt ursprünglich aus Bittgängen für bie Fruchtbarkeit der Fluren herzuleiten find, so schließt auch das dabei erzeugte Getöse den tieferen Sinn in sich, daß man mit dem Lärm bie ber Fruchtbarkeit feinblichen Mächte verscheuchen, bie bösen Dämonen erschrecken uiib ben schlummernden Frühling aufwecken will zu neuer Lebenskraft. Während die Kinder sich mit bescheibenen Lärmgeräten, wie Rummeltöpfen und Schnarren, begnügen, feuern bie Burschen ihre Flinten ab, schlagen bie Trommeln unb vollführen ein sorgsam eingeübtes gellenbes Peitschenknallen; sie behängen sich mit Glocken und Schellen, und Geschrei bars natürlich auch nicht fehlen. Abschreckend auf bie bösen linbe. ">cht Cale, amen |t bie auch lerabe Loge durch dlitzen t aus Übel. Herr rriere. r ben >lagen i den > dies geister sollen auch die Masken wirken, die der Keim find für alle 93er« inimrnungs- und Maskenfeste der Fastnacht. Vielfach sind es Tiermasken, üic die Darstellung eines Pferdes oder eines Bären, in denen altheid- , gche Vegetationsdämonen" verkörpert werden. In anderen Gegenden iraqen'die Umherziehenden Tiere mit sich herum, einen Fuchs, einen Hahn tber einen Bock; auch in diesen Tieren haben wir Symbole der Früh- tnqskrast zu erkennen. Die Symbolik wird weitergeführt, indem die Verirrter der einzelnen Berufe und Handwerke Jnnungsreichen mit sich tra- ,en Die Metzger haben in ihrem Fastnachtszug eilt Kalb oder einen Achsen; die Drescher erscheinen mit geschmückten Dreschflegeln; die Fischer , geleiteten in den bayerischen Donaugegenden große Kähne auf Rollen lerum- die Schornsteinfeger laufen mit berußtem Gesicht einher, und diese Schwärzung des Gesichts wird dann als Schreckmaske von anderen Fast- gachtsseiernden übernommen. Mit der lärmenden Lust, der eine tiefere mythische Bedeutung zugrunde liegt, verbinden sich praktische Zwecke. Be- lonbers die Kinder und die jungen Leute benutzen diese Umzuge, um 8eld und Eßwaren einzusammeln. Aus den Erträgnissen der Bittgänge iuerben bann Mahlzeiten veranstaltet, die bcr Lehrer vielfach in ber »outen chous, en bie Welt König n aus e unb itions« Jesell- n unb hischen nn sie )t erst einmal itferen Aus- jt. Er Pjer- : nidjt Berlin Stille jenben in ben en lub >r alte flausch größte n' unb cheilig- unfeter nähern eptseier i ihren iq. sich in' - iftnacht «beutet, t heid- ristliche eit nun bänbiflt Tanze, n«t I'ch imwen- arsw'> 6pinn= , denen würbe- otgU** -mliche." orber-'- iiM bei de" ren * , b