Nummer 2 Zreitag, den 8. Januar Jihrgang (932 seh gleicht. den Saal umgaben, ' Nur in den Wangen war eine sanfte Röte, Winternacht im Dorf. Von Uli Wieselmann. Der Saum der kleinen Häuser war so kantig, daß Sie aus dem Schnee wie schwarze Zacken standen. Eis klirrte hart in Zapsen, spröd wie Glas, Sie zum Reiten abholen? „Ja, — bitte." „Um welche Zeit?" um 16 Uhr " Sie gaben"sich die Hand, dann schieden sie. Er schritt zur Garderobe, ließ sich den Pelz reichen, setzte eine Zigarette in Brand und ging in die schneehelle Winternacht hinaus, in der die endlosen Sterne klar, klar an einem dunkelblauen Himmel standen. SiehenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger WnÄS'dktam an'ber kühlen Marmorsäule und sah dem Getümmel ,u gCbt fiel sein Auge bei einer Wendung in einen rechts von 'hm aus weißem Grunde hängenden Kristallspiegel, der, an den^Rändern breit S"L. *?, s»™ ew'Ä "ch'N'-7 nS seltsam und komisch vor. Er haßte diese glänzenden Feste, diese Massen veraessm hat, ohne noch ihren Namen recht gewußt zu haben, wo man einzig dazu da ist, die ernste Pflicht zu erfüllen, mit den Damen, die man fennt9 sein bestimmtes Pensum herunterzutanzen und vielleicht noch em roe,Sieme?rba5 alles verachtete. Er tanzte ungern, obwohl er ein vor- trefflicher Tänzer war; er begriff nicht recht, wie dieLeute am Tanz so viel Vergnügen finden konnten. Wo er sich wohlsuhlen sollte, muß es andersh ergehen Wenige, die sich verstanden, in behag icher Stube in der das prasselnde Feuer aus dem Kamin rote Streiflichter, über den Teppich warf Dazu eine ungezwungene Unterhaltung oder eine interessant Erzählung oder der Vortrag eines schonen Liedes — das mochte er Und wenn dann die Frauen das Rauchen gestatteten, erreichte d e Behaglichkeit für ihn den Höhepunkt. Dann zündete er sicheine ÄGarette an soa mit e nem inneren Wohlgefühl den aromatischen Duft in sich auf -und nun l°a7n ihm die Gedanken nur so zu und die Worte gingen ihm noch einmal so leicht von den Lippen. Wenn er dann erzählte lauschten ihm alle Anwesenden mit Vergnügen. Erverstand'ausgezeichne erzählen Die schlichtesten Geschichten umkleideten fid) tn seinem ^unde mit einem warmen Glanz von Poesie^ Aber was sollte er hier? Er fühlte sich befangen. In dieses Getriebe paßte er md)t ~ , Seine Augen gingen schon eine Weile suchend durch den Saal. Jetz ' schienen sie gefunden zu haben, wonach sie verlangten. Sie wurden ein wenig größer und nahmen ein lebhafteres Leuchten an. «rsn»«.« Das Mädchen, auf dem fein Auge lag, ging am Anne ihres Talers langsam durch den Saal und fächelte sich Kühlung zu. Sie trug em Mech aus himbeerfarbener Seide, bas ^)als unb Ülacfen oy।in i ß* schien 7art wi- Samt und war so blendend weiß, wie die Narz, sen- bläten die duftend auf ihrer Brust lagen. Auch die Stirn war bleich Nur in den Wangen war eine sanfte Rote, so sanft und heimlich, wie s aus jungen ApfAblüten glänzt. Sie sprach wenig und schien nie zu fragen Jetzt legte sie ihren Arm auf die Schulter des Mannes neben dem sie schritt um den Tanz wieder aufzunehmen — da setzte die Musik das Spiel aerobe ab. Er sagte ihr Worte des Bedauerns und führte sie aul ihren Platz, wo sie sich mit einem leichten Gruß von iljm trennte Die Augen des Mannes an der Marmorsäule ruhten noch immer auf ihr. Da setzte die Musik wieder ein, mit einem prickelnden Walzer von Strauß. Er zupfte flüchtig an seiner Weste, trat aus dem Schatten II. Punkt 16 Uhr ritt er bei ihr vor. Es mar eine klingende Kälte. Der frisch gefallene Schnee knirschte unter den Hufen des Gauls, über dessen Fell sich eine Reifkruste gezogen hatte. Ihr Pferd, ein Rappe, wurde schon von einem Reitknecht auf- und abgesuhrt. (£r sprang aus dem (Sattel unb übergab bte Äugel bem Knecht. Da trat sie aus der Tür. Sie trug ein schwarzes Kostüm unb einen flachen Hut, um ben ein hinten heradhängenber Kreppschleier geschlungen war Die Augen brannten groß barunter hervor. Sie sah bleich aus. Ihre Züge waren marmorn still, wie immer, wenn sie ihm gegenuberftanb. Er zog ben Hut, unb sie reichte ihm die Hand. Er half ihr auf den Rücken ihres Tieres, bann faß er selbst auf. Nun ritten sie nebeneln- anber davon. Sie sprachen blutwenig unb bas ©lei$gultigfte oon ber Welt. Wohin sie zu reiten befehle? Sie nannte ein Wäldchen, das etwa eine halbe Stunde vor der Stadt lag, bann waren sie roieber ftttt. Als sie durch das Stadttor geritten waren, lag eine wette schnurgerade Landstraße vor ihnen. Sie war mit alten Pappeln bestanden, die kahl in die Winterluft ragten. n .. Die Rettenden hatten einen kurzen Galopp emgeschlagen, den sie bis zu dem Wäldchen beibehielten, das nun mit feinen schneebehangenen Tannen dicht vor ihnen lag. Die Landstraße durchschnitt es Sie machten kehrt. Es wurde Zeit, daß sie an den Heimweg dachten Und sie schw^- aen Rur das Schnauben und das Getrappel der Pferde und manchmal der Ruf einer Krähe zog durch die Winterlust — kein Laut e ner menschlichen Stimme. In seiner Brust tobte es. Er hatte sich gestern Abend geschworen, heute ein Ende zu machen. — Run? Er sah erregt geradeaus. Da bemerkte er, wie sich die Lichter der nebelumhüllten Stadt langsam aus der Dämmerung losten - immer mehr und mehr —, immer heller und heller. Es stieg ihm siedend heiß den Rücken hinauf. Wenn es heute nicht geschah, geschah es niemals. Und die Stadt war schon so nahe ... Und bann, nach ber langen Stille sprach er die Worte, über die, als sie über seine Lippen tarnen, er selbst erschrak: „Sie mären fo Won gestern Abend, Anni, ich hätte sie m ine Arme nehmen und küssen mögen." . , u „Warum haben Sie s ... , , , ,, —. Da bereute sie's schon, noch ehe sie's ausgesprochen hatte. Sie biß die Lippen zusammen, stieß dem Pferde die Sporen ,n die Weichen und sah nach rechts, ihm abgemanbt, zu Boden. Dort flogen ihre Schwiten über das bläulich glänzende Schneefeld, gespenstisch groß und scharf umrissen: zwei schlanke Tiere, und darauf zrnei lugenbliche Menschenleiber. Sie etwas vor ihm und höher als er. Ihr Schleier hinter ihr Richtwaage blickte sie so. Sie fühlte plötzlich, wie sich ein Arm um ihre Höste legte. Und sie war gar nicht entrüstet darüber sie zuckte nicht einmal zusammen, es schien ihr ganz m der Ordnung so Sie lache1 und streckte nun auch den Arm nach ihm aus, so daß er ihre Rechte in hervor und durchguerte das Parkett. Run bemerkte sie ihn. Sie fuhr leise zusammen, unb ihre Brust hob und senkte sich schneller, so baß bie Narzissen in ein leises Zittern kamen. , _ _.. Er drang noch rechtzeitig zu ihr, ehe em anderer kam. Sie erhob sich. Er fragte: „Aber Sie sind wohl schon verpflichtet? Sie entgegnete nichts. Sie nahm seinen Arm, und nun tanzten sie. Es tanzte kein anderes Paar so gut. Viele Augen richteten sich mit Wohlgefallen, manche mit Neid auf sie. Sie sprachen kein Wort. Sie fühlten sich, sie spurten ihre Nahe — unb schwiegen. Er merkte, wie sie zuweilen bebte, unb hatte ihr am liebsten ins Ohr geflüstert: „Ich habe dich lieb" unb auch ihr war so, als müßte sie es tun. Aber sie unterließen es beibe. Es war ihnen schon oft so ergangen. Sie wußten, sie liebten sich, und wenn sie sich fern waren, so. waren sie voll Sehnsucht nacheinander. Aber die erlösenden Worte fanden sie nicht. Es waren zwei wunderliche Menschen. Sie schämten sich, ihre Regungen laut werden zu lassen Sie empfanden so stark — aber sie waren zu verstockt, ihre Empfindungen m Worte zu kleiden. Ihr war, als müsse sie meinen. Warum waren sie sich gegenüber in Worten so ungeschickt? Er mar es doch sonst nicht. Als bie Instrumente verstummten, hatten sie noch kern Wort gemetzelt. Aber er hatte einen Entschluß gefaßt: es sollte ein Ende wer- ben Waren sie denn törichte Kinder? Wollten sie sich denn durchaus Znguälen, bis es zu spät wurde? Bis sie sich w-rlnren hatten? Er fragte sie, als er sich verabschiedete: „Darf ich morgen kommen. Sie zum Reiten abholen?" Und Drähte waren festliche Girlanden. Die Straße schlief und summte. Vor mir Ich, wie ein Kater über Zäune streicht; Ich' gehe langsam über knirschen Schnee, Erstaunt, wie wenig mir mein Schatten Winternovelle. Von Hans Bethge. I. Er lehnte an einer der kühlen Marmorsäulen die ... und sah in das Gewimmel. Es war ein Wirrsal ohnegleichen Flutende Gewänder in Seide und Spitzen, Perlen und blitzende Sterne, Blumen, köstliche Blumen an reizenden Schultern und schön gewelltes Stauen« haar Unb bann'biTrnngengeröteten Gesichter. Die einen mit bem holden rainm her ^uaend andere auch noch junge, mit ben Mienen der Men- f*on^nnn Welt bie ihre Erfahrungen hatten, die so gern hatten jung ch "nen mö?en' bi ab er die Spuren bes Daseins unverlöschlich in ihren 'Zwen tnigen' Endlich mübe, abgebrauchte, die gar nicht mehr Luft Nn?en anders zu erscheinen, als sie waren. Auf bem Ganzen lag der hcUe Schimmer einer Fülle elektrischer Lampen. Das eintönige Stimmen- a stirr b sw^ len dÜrch ein Lachen ober einen Zuruf unterbrochen würbe Longen Klängen eines Orchesters übertönt, zu denen sich d.e Paare mit 6gr seinen pressen konnte. Worte kamen nicht von ihren Lippen. Das verstanden sie nun einmal nicht. Aber ihre Lippen suchten einander ... und fanden sich. „ , , , , Der Schatten auf dem Schneefeld hatte sich verändert. E» war letzt ein Ungeheuer mit acht Beinen und zwei Köpfen, was dort lief. Aus seinem Rücken saß ein seltsam verschlungenes Menschenpaar ... Oer Geschichtsschreiber des Großen Kurfürsten. Zu Samuel Pufendorfs 300. Geburtstag. Von Dr. Friedrich Spreen. Drum flieht der wilden Wölfe Stand Und knüpft des Staates dauernd Band. So lehren vom Katheder Herr Pufendorf und Feder. In diesen lustigen Versen aus Schillers Gedicht „Die Weltweisen" lebt noch hundert Jahre nach seinem Tode Pufendorf als Staatsrechtslehrer fort, freilich in einem leicht komischen Licht. Der „Vater des Naturrechts", von dem sein Grabstein kündete: „Seine Seele ist in den Himmel ausgenommen, sein Ruhm fliegt über den ganzen Erdkreis", hatte das Schicksal der großen Vorläufer erfahren: eine Zeit, die auf seinen Schultern stand, sah in ihm nur noch den langweiligen Schulmeister, aus dessen „Einleitung zur Historie" Generationen Geschichte gelernt hatten. So sank sein Name in Vergessenheit, während seine Ideen mächtig fortlebten. Erst Heinrich von Treitschke hat in seiner prachtvollen Abhandlung diesem Geisteskämpfer des Barocks, dem ersten Künder des Ruhmes des Großen Kurfürsten, den verdienten Platz im Pantheon der Deutschen angewiesen, hat gezeigt, was unsere Kultur ihm verdankt, und seitdem hat man sich immer wieder mit ihm beschäftigt, hat. sein bekanntestes Werk „Ueber die Verfassung des Deutschen Reiches" öfters herausgegeben, und es ist Dankespflicht, bei der 300. Wiederkehr seines Geburtstages dieses Mannes zu gedenken, der in einer Notzeit deutscher Geschichte an der Größe und dem Wiederaufstieg seines Vaterlandes nicht verzweifelte und die geistigen Waffen für eine bessere Zukunft schmiedete. Pufendorfs Kampf galt fein ganzes schaffensreiches Leben hindurch den dunklen Mächten der Verknöcherung und Erschlaffung, des Rückschrittes und Aberglaubens, die nach dem Dreißigjährigen Kriege die deutsche Wissenschaft und Kultur in ihrem lähmenden Bann hielten. Als der 29jährige Gelehrte 1661 von dem freisinnigen und bildungsfreundlichen Kurfürsten Karl Ludwig von der Pfalz als Professor des Völkerrechts nach Heidelberg berufen wurde, da fiel er bald durch feine kühne Kritik, feinen scharfen Spott, feinen ungewohnten Freimut auf. Als ein Feind Oesterreichs, dessen unheilvolle Stellung im Deutschen Reich er früh erkannt hatte, trat er als Mitglied des Spruchkollegiums häufig gegen den Wiener Hof auf, und als Kaiser Leopold bei einem Besuch in Heidelberg die Juristen der Hochschule ärgerlich fragte: „Wie kommt es, Ihr Herren, daß ich bei Euch immer Unrecht bekomme?", antwortete Pufendorf schlagfertig: „Weil Kaiserliche Majestät immer Unrecht haben!" In dieser Zeit seiner brausenden Jugend und aus diesem Geiste einer scharfen Beobachtung der Wirklichkeit entstand seine berühmteste Schrift „Ueber die Verfassung des Deutschen Reiches", die er — natürlich in der lateinischen Gelehrtensprache — unter der Marke eines Italieners, Severinus de Monzamdano, veröffentlichte. Der geistreiche Ausländer betrachtet von feiner höheren Kulturstufe aus mit ironischer Verwunderung die Ungeheuerlichkeiten des deutschen Reichsrechtes und sagt, er habe vergeblich versucht, aus gelehrten Büchern die politischen Zustände dieses gewaltigen Volkes zu verstehen, das sich dreißig Jahre lang mit Hilfe der Fremden zerfleischt und selbst so furchtbare Schläge lebenskräftig überdauern konnte. Aber erst durch den Augenschein habe er sich von dem ganzen Umfang dieses nationalen Unglücks überzeugt und feine tieferen Gründe erfaßt. Nach einem knappen, noch heute sehr lesbaren Abriß der deutschen Geschichte wird die Notwendigkeit einer absoluten Monarchie behauptet, die allein Ordnung in die verrotteten Verhältnisse bringen könne, Oesterreichs selbstsüchtige und schädliche Rolle dargelegt und die staatsrechtliche Unmöglichkeit der Reichsverfassung nachgewiesen: Monzamdano sagt das Ende der Habsburgi- Ben Dynastie in Deutschland voraus und den Untergang dieser Verjüng, die wie ein den Abhang herunterrollender Stein in den Abgrund stürzen müsse. Besonders in dem Kapitel von Deutschlands Kräften und Krankheiten zeigt sich die Vaterlandsliebe unter der italienischen Maske; er beklagt die Zerrissenheit und Zwietracht dieses Volkes und verlangt einen Bundesstaat souveräner Fürsten, wie er dann von Bismarck geschaffen wurde. Das geistvolle und wuchtige Buch rief einen Aufschrei der Entrüstung hervor, aber dieser Sturm war heilsam für die Aufrüttelung der Geister. Pufendorf setzte seinen Kampf von Schweden aus fort, wo er juerft als Professor in Lund und dann als Historiograph des Königs Karl Gustav wirkte. Der staatliche Mann mit den feurigen Augen und dem geistvollen Zug um den vollen Mund zeigte auch als Politiker und Diplomat seine Gaben. Durch sein „Natur recht", das er 1672 herans- gob, wurde er der einflußreichste Vertreter dieser Richtung, beherrschte bis auf Kant die deutsche Rechtsphilosophie und war auch für die anderen Länder lange maßgebend. Mit [einen Anschauungen war er feiner Zeit weit voraus. Er lehrte, daß die Staatsgewalt nur den politischen Willen aller Bürger darstellte, daß die Menschen zuerst einen Gesellschaftsvertrag und dann einen Herrschaftsvertrag abgeschlossen hätten, daß auch der Fürst persönlich feine Bürgerpflicht zu erfüllen habe. Vor allem aber stritt er für die Befreiung des Staates aus den Banden der Kirche, gegen die Theologen, die damals noch das öffentliche Leben beherrschten, und erklärte: „Ehristus und die Apostel haben kein neues System der Politik gelehrt, sondern die Fortbildung des Rechtes der menschlichen Vernunft überlassen. Das den Menschen von einer höheren Macht ins Herz geschriebene Gesetz, wie die menschliche Vernunft es beleuchtet, ist diese natürliche Grundlage. Die Pflicht der Humanität verbindet alle Menschen, und das Naturrecht Ist Sache der Menschheit." Der dadurch enkfeffelte Streft wurde von Pufendorf in einer Reihe glänzender Schriften ausgefochten, die er unter dem lateinischen Titel „Eris Scandica“ sammelte. Es ist dies die erste aufrührende Weltanschauungsfehde der neueren deutschen Kultur, das erste reinigende und befreiende Frühlingsgewitter, das von ferne die Hochzeit des deutschen Geistes verkündete. Diese lateinischen Blitze und Donner, die die barocke Scholastik vernichteten, sind heute verschollen und haben nicht die künstlerische Größe, die Lessings Streitvorschriften unsterblich machte; aber sie sind die Vorläufer dieser Taten und haben einen vollständigen Sieg errungen, der die Grundlage für alle weitere Entwicklung legte. Diese „Apologien" Pufendorfs übten den entscheidendsten Einfluß aus Christian T h o m a s i u s, der nun in deutscher Sprache und mit seiner journalistischen Feder seines Meisters Ideen zum Allgemeingut der Deutschen machte und z. B. auch Friedrich dem Großen die Gedankenwelt Pufendorfs vermittelte. Wie wenig der große Schriftsteller selbst imstande war, in die Menge zu bringen, das zeigt der grobe und plumpe Stil seines einzigen deutsch geschriebenen Werkes „Einleitung zur Historie der vornehmsten Reiche und Staaten", und doch war gerade dieses Buch besonders wirksam, weil es durch ein Jahrhundert als historisches Lehrbuch diente und lange die Anschauungen der Geschichtsschreibung bestimmte. Als Historiker hat Pufendorf in der letzten Zeit seines Lebens unvergänglichen Ruhm gewonnen. Er schrieb die schwedische Geschichte vom Auftreten Gustav Adolfs in Deutschland bis zur Thronentsagung Christines und dann noch die Geschichte Karl Gustavs nach den Alten mit klarer Sachlichkeit und in dem feierlich-pomphaften Stil des Barocks und schuf sein größtes geschichtliches Werk als Historiograph des Großen Kurfürsten, der ihn kurz vor feinem Tode in feine Dienste berief. Die Siebe zu Deutschland, der Haß gegen .Frankreich, die Verehrung der Ideen von Humanität und Duldung verband den Gelehrten mit dem genialen Herrscher, und mit derselben Großzügigkeit und dem stolzen Selbstgefühl, mit dem ihm die uneingeschränkte Benutzung der Archive gestattet wurde, zeichnete Pufendorf in feiner Geschichte Friedrich Wilhelms des Großen das Charakterbild des Herrschers, wie es seitdem in der Geschichte ausgeprägt ist. Mit unbeirrbarem Wahrheitssinn entwarf er ein tongeniales Porträt der Fürsten, das erste Meisterwerk der brandenburgisch-preußischen Geschichtsschreibung. So ist Pufendorf ein echt deutscher Charakter, eine Kämpfernatur von derber Kraft und überlegener Geistigkeit, ein Verkünder neuer Wahrheiten, ein Bahnbrecher künftiger Größe. „Er steht in der Reihe jener arbeitssrohen Männer, die unsere zum Tode erschöpfte Nation langsam wieder einführten in den Kreis der Kulturvölker", sagt Treitschke. „Er war der erste Deutsche, der die rettungslose Fäulnis des alten Reiches klar erkannte; und er zuerst hat uns das Recht erobert, weltlich frei zu denken über die weltliche Natur des Staates." <- Zukunstsaufgaben der Technik. Von Karl Ammon. Immer und immer wieder hört man die Ansicht, die Technik habe uns eigentlich bereits alles gebracht, was das Herz begehrt. Die letzten 50 Jahre hätten uns die Ausnutzung der Elektrizität mit einer Vollkommenheit beschert, die kaum noch zu übertreffen sei, ja der Jahrtausende alte Traum des Fliegens sei in unseren Tagen Wirklichkeit geworden — kurz, es gäbe eigentlich kein Ziel mehr, dem die Technik nachjagen könne. Diese Ansicht ist irrig, wie wir an einigen Beispielen zeigen möchten. Da ist z. B. die elektrische Glühlampe. Als ich vor nahezu 30 Jahren einen Hausstand gründete, konnten wir uns noch kein elektrisches Licht leisten. Damals gab es nur die Kohlenfadenglühlampe, die einen so hohen Stromverbrauch hatte, daß seine Kosten für einen jungen Haushalt untragbar waren. Da kam bann die Metallfadenlampe, die infolge ihres wesentlich geringeren Strombedarfs den Siegeszug des elektrischen Glühlichtes erst möglich machte. Und doch ist auch sie eigentlich nod) der Gipfel der Verschwendung, denn sie erzeugt ja in der Hauptsache Wärme, die wir von ihr gar nicht haben wollen, besonders natürlich im Sommer nicht, und nur nebenbei etwas Licht. Das soll nun in absehbarer Zeit anders werden. Sie alle, meine verehrten Leser, kennen die roten, blauen, gelben und grünen Leuchtröhren der Werbebeleuchtung über Schaufenstern und an Giebeln. Leuchtröhren leuchten nicht so hell, daß man etwas mit ihnen beleuchten könnte; dazu ist, wie der Fachmann sagt, ihre Leuchtdichte viel zu gering. Nun sind aber diese Fachmänner am Werk und streben danach, die Leuchtdichte zu erhöhen und die Gase in den Röhren, die beim Durchfließen des elektrischen Stromes das bunte Licht ergeben, so zu mischen, daß weißes, dem Sonnenlicht vollkommen gleiches Licht entsteht, also ein Licht, bei dem man alle Farben ebenso sieht wie bei Tage. Die Glühlampe der Zukunft wird also keinen Glühfaden mehr haben, sondern ihr ganzer Gasinhalt wird in weißem Lickst erstrahlen, das nicht blendet und vor dem jetzigen elektrischen Glühlickst den Vorzug einer geradezu märchenhaften Billigkeit haben wird. Ein anderes Gebiet. Der Mensch ist eine Brennkraftmaschine, also technisch gesprochen ein Dieselmotor, dem der Brennstoff in Gestalt von Fleisch und Gemüse zugeführt wird. Nun hört man immer die Voraussage: Unsere Nachfahren würden sich einmal den Brennstoff nicht mehr in der bisherigen rohen sondern in veredelter Form zuführen, also etwa in Gestalt von Tafeln, aus Tuben oder in ähnlicher Weise. Wenn das jemand ausspricht, so antworten die Nichttechniker gewöhnlich ganz entrüstet: Das wird nie kommen, und sie würden sich schön dafür bebauten, Gänsebratentabletten statt wirklichen Gänsebratens einzunehmen. Aber es wird doch kommen, ja wir stecken in dieser Entwicklung schon mitten darin, und nur, weil sie verhältnismäßig langsam geht, merken wir das nicht. Schon lange essen wir keine Getreidekörner mehr, wie es die Mäuse und die Vögel noch immer tun. Eine Fabrik, die Mühle, macht Mehl daraus, aber auch das essen wir noch nicht; es kommt vielmehr in eine zweite Fabrik, die Brotfabrik, und erst deren Erzeugnis genießen wir. Wir essen auch keine Zuckerrüben, ja wir verspeisen nicht einmal den daraus gewonnenen Syrup sondern erst die aus ihm herauskristallisierten an jedem sind, nach heran, wo sich eine Gruppe gebildet hatte; manchmal blieb er lauschend stehen, und Queis wußte: da wurde von Gertie Rose gesprochen; manchmal wandte er sich enttäuscht ab, und bann las man aus seinem Gesicht: tutierte. . Sie faßte gar nicht, was auf sie einstürmte. Sie verneigte sich nur wieder und immer wieder. Sie hörte ihren Namen aus dem Publikum, fremde Menschen riefen ihn. Einen Augenblick dachte sie: „Peter". Ihr war, als hätte sie seine Stimme gehört, sie versuchte ihn in der Menge zu entdecken: unmöglich. Ihr Herz klopfte. Ihre Knie zitterten. Jetzt merkte sie: es war doch eine maßlose Anstrengung gewesen, ein Hochgepeitschtsein. Die Nerven ließe«: nun nach. Fast war sie froh, als Fleischmann rief: „Schluß — den Eisernen! Er rief es, trotzdem draußen immer noch Beifall war. Sie wankte in ihre Garderobe, sank auf ihren Stuhl, die Blumen im Arm. Froh war sie, stolz, aber matt, müde. So sah sie eine ganze Weile, genoß, daß es plötzlich still um sie war, empfand dankbar, daß auch Frau Schneider und die Negendank nichts sagten. Sie saß und dachte: „Wie schön ist es doch zu sitzen." Erft nach einer Weile richtete sie sich ein wenig auf, sah aus ihre Blumen, löste die kleinen Umschläge vom Draht, riß sie auf: Der Autor hatte Rosen geschickt, Queis Tulpen, an einem kleinen bunten Strauß hing ein Brief mit lauter Mädelnamen: das war das Pensionat von gestern. Das letzte waren rote Nelken: von Peter. Gertie hob sie zum Gesicht: der liebe Kerl, der gute Peter, er hätte nicht so verschwenden sollen. Frau Schneider zeigte auf einen wundervollen Korb Chrysanthemen. „Der ist heute früh schon gekommen, gnädiges Fräulein, mit Eilboten aus Berlin." Sie reichte ihr den Begleitbrief: „Unserer lieben Gertie. Vaters Handschrift. _ ... . „ Da verlor Gertie die letzte Fassung: sie ließ den Kopf vornuberfallen bis auf die Platte vor dem großen Spiegel und weinte. Eine Stunde später war aller Kummer, alle Müdigkeit vergessen. Sie hatte den Ehrenplatz an der langen Tafel im Prinzenhof: zwischen dem Autor und Fleischmann. Ihr gegenüber saß Queis neben der Wölling und etwas weiter unten Peter. Ein paar Fremde hatten sich auch eingefunden, der Koburger Intendant und der große Herr aus Hamburg, vor dem selbst Fleischmann Respekt hatte. Fleischmann! Sie hatte ja so lachen müssen: er hatte noch im Theater von einem neuen Kontrakt zu reden angefangen: zwei Jahre fest. Und gestern hatte er sie noch herauswerfen wollen. Auch der Hamburger hatte sie schon gefragt: „Wie lange sind Sie hier gebunden, Fräulein Rose? Gefreut hatte sie es: war sie denn jetzt plötzlich berühmt? Sie war doch dieselbe Gertie wie ehedem, sie hatte doch nicht anders gespielt wie auf den Proben. Aber sie begriff auch: der Erfolg macht's. Und sie sagte sich: nur heute nichts ab schließen. L Eins tat ihr leid: Peter hatte gar keine frohen Augen, eie hatte ihm nur kurz die Hand geben, ihm für die Nelken danken können, als sie in den Prinzenhof kam. Alle hatten sie ja umdrängt. Sie mußte ihm nachher etwas zuliebe tun. Man aß, man tränt. Reden wurden gehalten: auf den Autor, auf Fleischmann, auf sie. Man rief „Hoch!", stieß an. Alles war froh, alles war zufrieden. Nur Peter nicht. „ . Er stand zwar auch mit den anderen auf und machte die Runde, um mit Gertie anzustoßen, er sagte ihr auch seinen Glückwunsch, aber in ihm war ein Wünschen: „Wenn du sie doch für dich allein hättest, nur fünf Minuten. Neulich gehörte sie noch dir, heute aller Welt." Er war enttäuscht. Nicht einmal, daß er ihr sagen konnte, wie er sie gefunden, wie er sie bewundert, was er über sie gehört. — ~ Die Stunden liefen davon. Man brach auf. Die Wallmg nahm Gerties Arm, sie sah, wie müde die Kleine war. „Mein Mann und ich bringen Sie heim, Kind. Wir wohnen ja in der Nähe." Queis und Peter standen zusammen, als sich Gertie verabschiedete. „Ich bin mit Ihrem Wagen hier, gnädiges Fräulein. Wollen wir morgen in Scherkalden eine kleine Nachfeier halten? Kleinster Kreis alter Freunde: Sie, Peter und ich? Abfahrt zwölf Uhr vor Ihrer Tür? Einen Augenblick zögerte Gertie. Gewiß, sie hatte Zeit, sie spielte erst Dienstag wieder. Aber sie zögerte doch. _ Da sah sie in Peters Gesicht, sah feine bittenden Augen. So mckte sie: „Gern. Also um zwölf." Sie gab Queis die Hand, dann Peter. „Hab' Dank, Gertie", sagte er. Alles verzögerte sich etwas am nächsten Morgen. Leo und Peter fuhren später vom Prinzenhof ab, als sie geplant hatten. Sie mußten dann vor dem Hause in der Jenaer otrafjc auf Gertie warten, die sich einfach verschlafen hatte. Ihre gesunde Jugend hatte aufholen wollen, was in den letzten Nächten durch nervöses Wach- iiegen dem Körper, was in den letzten Tagen durch seelische Erregungen dem Innern an Kräften abgezapft worden war. Die Wirtin hatte sie nicht wecken lassen, und so war es fast Mittag, als sie die Augen aufschlug. Dafür war ihr springfrisch zumute. Sie sah die Fülle der Blumen, die sie trotz aller Müdigkeit gestern nacht noch versorgt hatte, und alles Erinnern war da: sie hatte eine Schlacht gewonnen. (Sortierung.) klatschte mit, unentwegt, pausenlos. Er stand rote festgewurzelt auch er. , „ v „ QZ, Draußen stieß er auf den Vetter. „Mfo was sagst du, Leo. Queis war ehrlich entzückt. „Das hätte ich der Siemen gar nicht zugetraut." .... „Ich hab's gewußt; ich versichere dir: ich hab s gewußt. Eine ganz große Künstlerin." _ ,, m , ... Nun lächelte Queis ein wenig überlegen. „Sachte, Peter, sachte. Es steckt was in ihr gewiß. Aber gleich: ganz große Künstlerin .. . Peter ließ sich nicht irremachen. „Du wirst es erleben.' Und dann: „Ich muß jetzt weiter. Ich muh horchen, was die Menschen sagen, damit ich ihr's nachher erzählen kann." „Hast du alles für nachher feftgemacht?" „Ich habe mich erkundigt. Sie kommen in den Prinzenhof. Queis nickte: „Ist mir recht. Ich bleibe heute nacht hier. Du wohl auch? Mein Wagen hatte plötzlich Panne; ich mußte Fräulein Roses Roadster nehmen und fitze bei Dunkelheit nicht gern am fremden Steuer. Willst du morgen mit nach Scherkalden kommen?" „Ich weiß noch nicht. Ich muß erst fehen, was Gertie macht. — Fort war er. .. Der andere blickte ihm nach und lächelte wieder: Da drängte sich Peter Zwei wollen zum Theater. Roman von Hans-Cafpar von Zobeltitz. Copyright 1930 by Carl Duncker-Verlag, Berlin. (Nachdruck verboten.) l‘w*| r । - i auf seinem Platz und begriff die Leute nicht, die hinausdrangten, um ihren Schwatz im Foyer zu machen. Mehr noch: er mißbilligte ihr Benehmen, er verachtete sie. Wie konnte man gehen, solange noch Aussicht war, daß sich der Vorhang noch einmal hob. Er wartete bis zuletzt, erst als der Beifall ganz eingeschlafen, ging Tabletten" in Gestalt von Zuckerstückchen. Aehnlich Ist es mit den fiatao= bahnen: Wir essen sie ebenfalls in Tafeln, nämlich als Schokolade. Fleischertrakt bekommen wir schon lange in kleinen irdenen Töpfchen, und manche Fische essen mir aus Tuben, z. B. als Anchovis- ober Sardellenpaste. Diese Beispiele mögen genügen und zeigen, daß es zur Gänsebraten- und Spargeltablette vielleicht gar nicht mehr so weit ist, wie manche Leute glauben. Die Erbswurst und die Suppenwürfel schreien ordentlich nach Gesellschaft, wenn man auch die Nahrungsmittel der Zukunft wahrscheinlich aus billigeren Rohstoffen wie Holz, Kohle usw. Herstellen wird. m „ ,, . . .. . Da mir gerade bei der Umwandlung von Brennstoffen m andere sind, so wollen wir auch eine andere Hoffnung vieler Menschen erwähnen, nämlich die daß es gelingen werde, aus der Kohle oder aus flüssigen Brennstoffen immer mehr Energie herauszuholen und auf diesem Wege die Elektrizität zu verbilligen. In der Tat ist der Brennstoffverbrauch .zur Erzeugung einer Kilowattstunde in den letzten 30 Jahren auf etwa ein Drittel zurückgegangen, aber leider ist man damit am Ende angekommen, da man mit diesem Verbrauch so dicht an der theoretisch möglichen Grenze angelangt ist, daß eine weitere wesentliche Verbesserung nicht mehr möglich ist. Wenn wir also die Energie in den Formen, in den wir sie brauchen, insbesondere also als Licht, Wärme- und Bewegungsenergie — die elektrische Energie ist ja für uns eine Zwischenstufe, die wir nicht unmittelbar ausnutzen — billiger haben wollen, fo müssen wir uns schon nach anderen Energiequellen umsehen. .... , Nun hört man immer das Wort Energieerzeugung, ja dieses Wort findet sich sogar in Fachzeitschriften. Es ist ein törichtes Wort, denn Energie kann man nicht erzeugen: man kann nur eine Energieform tn den gleichen Betrag einer anderen Energieform umwandeln, also etwa Wärme in Bewegung, Bewegung in Elektrizität und diese wieder in Wärme oder in Bewegung. Die Energie, über die wir verfügen, stammt ausnahmslos aus dem Weltall. Meist bekommen wir sie aus Zweiter Hand nämlich von der Sonne; aber einen Weg haben wir doch schon gefunden, uns die Energie des Weltalls ohne Mitwirkung der Sonne nutzbar zu machen, wenn auch über einen kleinen Umweg: Die Ebbe- und Flutkraftwerke, von denen augenblicklich ein gewaltiges auf der Grenze zwischen Kanada und den Vereinigten Staaten im Bau ist, stellen aus dem Weltall kommende Kräfte unmittelbar in unseren Dienst. Damit wird ein Weg beschritten, dessen Ausbau in anderer Form die größte Zukunstsaufgäbe der Technik ist. Unsere jetzige Hauptenergiequelle die Kohle, geht eines Tages zu Ende, und es ist belanglos, ob dies in hundert, tausend ober zehntausend Jahren der Fall sein wird, da diese Zeiträume im Weltgeschehen und auch im Leben der Menschheit verschwindenden Bruchteilen von Sekunden vergleichbar sind. Ehe diese Cnergie- quellen erschöpft sind, müssen wir andere haben, wenn nicht der »roßte Teil der Menschheit zum Aussterben verurteilt sein soll. Auf die Atomzertrümmerung zu hoffen, scheint mir trügerisch, denn zur Zertrümmerung der Atome ist wahrscheinlich ebensoviel Energie erforderlich, rote sie liefert. Dagegen kann voraussichtlich der künstliche Aufbau schwererer Atome aus leichteren Energie liefern, und zwar in einem Ausmaße, dessen gewaltige Größe uns fast unvorstellbar ist. Und doch sind auch die auf diese Weise gewinnbaren Energiemengen verschwindend klein gegen die die wir dereinst unmittelbar aus dem Weltall einfangen werden. Man sieht aus diesen Beispielen, daß die Zukunstsausgaben der Technik noch lange nicht erschöpft sind, wenn wir auch die Elektrizität und das Fliegen haben. Es werden sich immer wieder neue Ausgaben finden und der Mensch wird sich die Energien der Natur über den engen Bezirk der Erde und unsere Sonnenwelt tjinausgreifenb in zunehmendem Matze dienstbar machen. Unsere Nachfahren aber werden die Kopfe .darüber schütteln in wie kindlicher Weise wir in unseren Kraftwerken jur ihre Vorstellungen verschwindend kleine Energiemengen in andere umgeroam beit unb sie durch Drähte den Verbrauchern zugeleitet haben, wo doch Ort schier unvorstellbar große (Energiemengen allgegenwärtig denen man nur zu greifen braucht. sich enttäuscht ab, und bann las man auf feinem Gesicht: Die Banausen haben ein anberes Thema. „Glückliche Jugend", dachte Leo Queis. Es wurde ein Bombenerfolg. Wie eine Mauer stand nach dem dritten Akt das Publikum, klatschte, rief nach dem Autor, rief nach Gertie, rief nach Fleischmann. Immer wieder mußten die Darsteller an die Rampe, und alle schoben freiwillig und neidlos Gertie nach vorn. Sie mutzten anerkennen: Dies junge Ding hatte den Abend gemacht, und sie erkannten es gern an. Der Vorhangzieher zählte und meldete den Rekord der Spielzeit: fechsundzwanzigmal hatte er ziehen müssen. .. Gertie schwindelte. Blumen wurden ihr in den Arm gedruckt. Die Kolleginnen küßten sie. Der Autor umarmte sie. Fleischmann lobte, gra- Sie dachte zuerst nicht an die Verabredung, schellte, erbat ihr Frühstück und die Morgenzeitung, Aus sie stürzte sie sich und richtig: es war schon eine Vorbesprechung da: „Großer Erfolg, der nicht nur dem recht guten Stück sondern vor allem der neuen Entdeckung Fleischmanns zu danken ist, der lugendlichen Gertie Rose. Ein starkes Talent, humorbegabt und mit echten Herzenstönen." Wieder und wieder las sie es, froh, stolz. Das hatte der gute Professor geschrieben; sie vergab den Pensionsmüdels die ganze Quälerei am Samstag. , „ Da hörte sie draußen eine Hupe, ihre Hupe. Sre stürzte an ihr Nachtschränkchen, blickte auf ihre Armbanduhr, die dort noch lag: halb eins. Nun aber schnell. Dem Mädchen klingelte fie: „Sagen Sie den Herren, ich wäre in zehn Minuten fertig, sie möchten sich gedulden." Zehn Minuten — und dabei war sie noch im Schlafanzug und Morgenrock und wußte noch nicht einmal, was sie anziehen sollte. Queis machte kein sehr heiteres Gesicht, als das Mädchen die Botschaft brachte. „Und Mutter Brandel hat Schleie für ein Uhr", sagte er, „ausgerechnet Schleie, die das Stehen nicht vertragen. Er lief auf und ab, denn es war herbfikühl geworden. „Ich dachte, wenigstens aus diese Gertie Rose wäre Verlaß. Aber man lernt ja nie aus, bei Frauen mutz man eben immer eine halbe Stunde zulegen." Peter wollte Gertie verteidigen, aber Leo wehrte ab: „Hör' auf, du bist in diesem Falle Partei." Endlich kam Gertie mit Autokappe und Ledermantel. Queis setzte sich sofort ans Steuer. „Keine lange Begrüßung! Einsteigen! Mein Essen wartet." Mit dem ihr vertrauten Griff klappte Gertie den Notsitz nach vorn. „Unsinn, Sie in Ihrem dünnen Mantel. Hier komme ich hin, ich bin dafür angezogen und kenne den Rummel." Er widersprach: „Auf keinen Fall ..." Da griff Queis ein: „Halte das Geschäft nicht,auf, Peter." Sie fuhren an, kamen selbst in der Stadt gut vorwärts, die sonntagsstill war. Dann kam die Chaussee, da legte Leo zu. Gertie sah durch den Schlitz des leichten Roadsterverdecks die Straße entlang, die sich anfangs schnurgerade hinzcg. Jetzt kam eine scharfe Rechtsbiegung. „Na", dachte sie, „Jnnenkurve in der Fahrt." Sie kannte doch ihren Wagen, aber schon fing Queis das Tempo ein wenig ein. Sie war beruhigt: er ist doch vorsichtig. Aber im gleichen Augenblick schrie sie auf. Ein Motorfahrer kam ihnen in einem Höllentempo entgegen mitten aus der Straße, in der Absicht, die Kurve zu schneiden. Es mußte einen Zusammenprall geben, mußte Unwillkürlich zog Gertie den Kopf zwischen die Schulter. Sie fühlte, wie Queis den Wagen scharf nach rechts riß. Das leichte Ding gehorchte sofort. Ein gewaltiger Ruck. Gertie wollte noch einmal ausschreien, sie fühlte, sie wurde emporgeschleudert, heraus aus dem Notsitz. Aber der Schrei kam nicht mehr von ihren Lippen. Es war dunkel, schwarz, Nacht. — Irgend jemand faßte Gertie und hob ihren Oberkörper. Sie fühlte es, fühlte gleichzeitig einen dumpfen Schmerz in ihren Schultern, hörte ein Sausen in ihren Ohren. Sie versuchte die Augen zu öffnen, es gelang, sie spürte Helle, Licht. Sie preßte einen Laut heraus: „Ja." Man lieh sie wieder zurückglellen. Einer sagte: „Warten — sie wacht auf." Ein anderer: „Gut." Gertie dachte: „Ich höre ja, ich verstehe ja." Sie nahm alle Kraft zusammen, zog den rechten Arm an sich: „Ich muß hoch", riß die Augen gewaltsam auf, sah zwei Männer über sich gebeugt, fremde Gesichter. Da kam ihr alles Bewußtsein zurück. „Nun geht's?" fragte der eine. Sie richtete sich auf, es ging. Die letzten Vorgänge wurden ihr blitzartig klar. Den Kopf hob sie. Angst brach in ihr auf. Zwei Worte brachte sie heraus. „Peter — Queis?" Der Herr mahnte: „Ruhe. Dor allem Ruhe. Tut Ihnen etwas weh?" Sie fuhr mit beiden Händen nach ihrem Kopf. „Nein — nein — nein." Sie stieß die Silben zitternd heraus. „Aber die anderen, wo sind die anderen?" „In unserem Auto. Versuchen Sie doch erst sich zu beruhigen. Kommen Sie." Er stützte sie unter die Arme; sie folgte der Bewegung; auch der andere griff zu. Sie stand, sah fünf Schritt von ihr ihren Wagen halb- umgestürzt an der Böschung, die Kühlerhaube zusammengepreßt, das Verdeck oufcjeriffen. Leer. Grauenvoll. Ihr Körper begann wieder zu zittern, zu fchwanken. fr8eben sie?" Wie schwer das Sprechen war. „Ja, sie leben." „Sind sie verletzt?" „Regen Sie sich nicht auf. Die beiden Herren leben, sie sind aber noch ohne Bewußtsein. Wir haben sie schon in den Wagen gebettet. Können Sie gehen?" Sie nickte, ließ sich führen. Oben auf der Chaussee standen, zwei große Limousinen. Auf die vordere gingen sie zu. An der hinteren waren mehrere Personen beschäftigt. „Sehen Sie nicht hin", sagte der Herr. „Wißen Sie in Weimar Bescheid? Kennen Sie ein Krankenhaus?" Sie entsann sich. „Ja gleich am Anfang der Stadt. Aber nun sagen Sie mir doch, was ist mit den anderen?'' „Wir wissen es nicht. Aber sie (eben, das versichere ich Ihnen." Er schob sie in den Wagen. „Wir müssen erst einmal fahren." Sie lehnte sich zurück, schloß die Augen. Wieder kam das Beben. Jemand rief taut: „In Ordnung. — Folgen!" Die zwei fliegen ein, einer ans Steuer, der andere neben fie. Der Wagen begann zu rollen. Vom Volant her kam der Satz: „Gut, daß wir gerade kamen." Gertie hörte die Worte. Sie richtete sich auf. „Und der Motorradfahrer?" „Wir haben keinen Motorradfahrer gesehen." Sie suchte sich die Erinnerung zusammen. „Er kreuzte uns doch aber. Graf Queis wollte ihm ausweichen: Da geschah es. Ich sah im Notsitz." „Wir dachten es uns so." Sie wurde ungeduldig: „Und die beiden? So sagen Sie es mir doch. Wir sahen den umgestürzten Wagen, hielten, liefen hinzu. Glücklicherweise hatte sich der Motor irgendwie gedrosselt. Beide Herren waren bewußtlos. Wir versuchten die Türen zu öffnen, es ging nicht. Inzwischen kam der hintere Wagen an. Wir rissen gemeinsam das Verdeck ab." Sie unterbrach ihn: „Ja doch, ja doch, waren sie verletzt?" „Aeußerlich nur wenig. Das andere können wir nicht beurteilen. Der Herr am Steuer ..." „Was denn — was denn?" drängte sie. „Er war eingeklemmt." Sie schloß von neuem die Augen, hob die Hand zur Stirn. „Furchtbar!" „Haben Sie Schmerzen?" „Nein — nein." Die ersten Häuser von Weimar tarnen: Siedlungsvillen. Dann das große Gebäude des Krankenhauses. „Dort rechts!" rief Gertie dem Herrn am Steuer zu. Der nickte, bog in die Vorfahrt ein. Sie stiegen aus. Gertie blieb am Auto stehen. Eine Schwester kam, die Herren gingen auf sie zu, sprachen mit ihr. Sie lief zurück, drehte sich noch einmal um, rief: „Den anderen Wagen gleich an den Seiteneingang rechts!" Im Haus gingen Klingeln. Wieder war eine Schwester da. „So, Fräulein, kommen Sie herein." Ruhig ließ sich Gertie führen. Es ging über Gänge bis an eine Tür, ein weißes Zimmer öffnete sich. „Ziehen Sie sich den Mantel aus", sagte die Schwester, „legen Sie sich. Sie müssen jetzt auch Ruhe haben " Da wachte Gertie aus ihrer Lethargie auf. „Schwester, Schwester, id) kann nicht hierbleiben. Ich muh zu den anderen, zu den beiden Herren." Die Schwester schüttelte den Kopf. „Das hat gar keinen Zweck. Helfen können Sie doch nichts." „Aber wann erfahre ich denn ..." „Sobald wir selbst etwas wissen." Dann war Gertie allein. Sie trat ans Fenster. Ein Garten lag da. Zwei Männer gingen auf und ab, aus den Mänteln sahen unten blau- weiß gestreifte Hofen heraus. Gertie folgte ihnen mit den Blicken, ohne das Bild eigentlich zu erfassen. Was war? Was wurde? Queis — Peter — Peter. Der liebe gute Peter. Aber fie lebten ja beide, sie lebten ja. Aber was fehlte ihnen? Sie trat vom Fenster zurück, fetzte sich auf das Bett, starrte vor sich hin. Wenn nun etwas geschah? Das Furchtbarste eintrat? Sie drängte den Gedanken zurück. Es durfte nicht fein, nein. Sie faltete die Hände: „Gott, hilf du." Kam denn die Schwester nicht? Die beiden muhten doch längft im Haus fein. Sie ging zur Tür, wollte auf den Flur, um zu sehen, wo die Schwester bliebe, trat bann wieder zurück: es hatte ja keinen Sinn. Wie allein sie doch war. Keinen Menschen zur Hilse. „Die Eltern", dachte sie, „Isa . Ja, Isa muhte sie benachrichtigen — Isa. Isa muhte kommen, zu Peter kommen. Die Tür ging. Sie schreckte zusammen. Ein junger Arzt im langen weißen Kittel stand vor ihr. „Was ist?" Sie schrie es fast. Er hob di« Hand. „Nichts Schlimmes. Wollen Sie sich nicht erst setzen?" Er zog einen Stuhl heran. „Bitte." Sie setzte sich. Eine seltsam« Beruhigung ging von der weißen Gestalt aus. ’ „Also, gnädiges Fräulein, es ist anscheinend noch günstig abgelaufen. Der jüngere Herr hat ein« Gehirnerschütterung erlitten, er liegt noch in schwerer Ohnmacht, äußere Verletzungen sind nicht festzuftellen, auch an weitere innere glauben mir nach dem Befund nicht." Gertie atmete auf. „Und ...?" „Bei dem älteren Herrn liegt der Fall etwas komplizierter. Er hat schwere Quetschungen erlitten, zwei Rippen sind gebrochen. Wir müssen da gleich einen Eingriff vornehmen; er ist schon im Operationssaal. Er war aber bereits wieder bei Bewußtsein, wir wissen: Graf Queis-Scher- kalden. Aber auch hier liegt zur Zeit keine akute Gefahr vor." Sie nickte. „Und Sie selbst, gnädiges Fräulein? Haben Sie Schmerzen?" „Nein, mir fehlt nichts. Ich danke Ihnen. Aber bitte sagen Sie mir die ganze Wahrheit." „Ich sagte sie. Kann ich Ihnen sonst noch irgendwie dienen?" „Ich möchte telephonieren. Nach Berlin. An Herrn von Weihers Schwester." Der Arzt verbeugte sich. „Darf ich Sie führen?" Dringend meldete Gertie Berlin an. Es war fast sofort da. Jfa war am Apparat. (Berties Stimme flog. „Isa, bekomme keinen zu großen Schreck. Wir hatten einen Auto- unfall. Graf Queis, Peter und ich. Es ist nichts Ernstes. Isa, hörst du? Nichts Ernstes, nichts allzu Ernstes. Peter hat eine Gehirnerschütterung. Nein, nicht schwer. Queis zwei Rippen gebrochen. — Sprich doch nicht dazwischen, Isa. — Nicht schlimm — nicht ernst. Ich sprach den Arzt. Mir fehlt nichts. — Aber du mußt kommen, Isa. Sofort kommen, verstehst du? Sofort. Zu mir, Jfa Und zu Peter. Hör' doch: nein, keine Gefahr. Rufe die Eltern an. Sie sollen mit dir im Auto herfahren. Jawohl im Auto. Bitte, bitte! — Sei verständig. — Ich rufe sie auch noch an. Um sieben könnt ihr hier fein. Städtisches Krankenhaus. Kommst du? — Eisenbahn dauert zu lange. — Also du kommst. — Danke." Sie hing an. Eine Schwester stand hinter ihr, fing sie auf. Langsam sank sie in sich zusammen. Die Schwäche schloß ihr die Augen. Ohnmächtig trugen sie Gertie wieder in das weiße Zimmer. (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Dru<^ und Verlag: Brühl'sche Aniversitäts'Buch- und Steinbrudetei, -K. Lange, Gießen.