Jahrgang (952 Montag, den 7. November Nummer 86 tau' Herrschaften sind in Gesang WeylaS. Bon Eduard M ö r i k e. Du bist Orplid, mein Landl Das ferne leuchtet; Bom Meer dampfet dein besonnter Strand Den Nebel, so der Götter Wange feuchtet. Uralte Wasser steigen Verjüngt um deine Hüften, Kindl Vor deiner Gottheit beugen Sich Könige, die deine Wärter sind. l alt« M-ß m Wohl« des tzchj Heinrich m eringen eign den Mich isches 3an$ reute wtfc Arena di Verona. Von Martin Wagenschein. Das Geräusch des fahrenden Zuges, in dem wir uns Verona nähern, wird fast übertönt von dem Trillern unzähliger Zikaden. Ihr Konzert, im Wechsel anschwellend und verlöschend, flutet in unsere offenen Wagenfenster aus der Dämerung der Felder. Vereinzelt liegen darin die Häuser; in jedem brennt ein Licht, um das die Menschen versammelt sitzen. Mitten in dieser zirpenden Dämmerung, umgeben von einem Kranz dieser vereinzelten Häuser, liegt die Stadt Verona. Und mitten in ihr steht das runde alte römische Amphitheater, die Arena. Es erhebt sich hoch und fremd über die Häuser und die Piazza vor ihr, auf der die Menschen, von der Tageshitze erlöst, ihr geselliges Leben führen. Sie sitzen vor den Cafes um mehrere Musikkapellen gedrängt, davor zieht der dichte Strom lebhast und ernst plaudernd, und weiter hinten, am Helldunkel des Parks, sieht man die spielenden Kinder — flitzende, barfüßige, braune Knaben und lächelnde seilspringende Mädchen, — die der nächtlichen italienischen Straße den eigenartigen Hauch der Unschuld geben. Plakate verkünden, was morgen in der Arena sein soll: „L Africana soll gespielt werden, um 9 Uhr abends beginnt es; 25 000 Zuschauer können hinein; ein Orchester von 150 „proiessori"; Massenchöre, mit „bimbi" sogar, 600 Statisten, und vor allem: Gigli kommt, Benjammo Gigli der neue Caruso. Er wird die Arie aus „Martha" singen, mitten« hinein in die „Afrikanerin" scheint es. 50 Prozent Fahrpreisermäßigung Wenn das Licht ausgeht: Wie eine Muschel, die im Weltraum schwebt, erscheint uns die Arena. Der Mond ist weitergegangen und scheint mit schiefem Kopfe zuzuhören. Hinter den Kulissen ragt ein großes gelbes Segel vor, es bewegt sich wunderbar im Wind: das Schiff des übernächsten Aufzuges. — Zu Beginn des Spieles wieder das Geschrei der Seitlichen, erst zornig, dann Bravo!, als man ihnen eine neue Lücke läßt, durch die sie auf die Bühne sehen können, wo nun ein neuer Akt beginnt. Manchmal machen die Segel einen welligen Tanz zur Musik, einzelne Worte werden verständlich (Lia Llibärtäh!!), einmal, in einer Stille, gelingt es dem Lärm der Außenwelt (Geräusch der Straße, Schrei einer fernen Lokomotive) sich über den Rand der Arena zu werfen — sonst nur Musik und Himmel. Drei Sternschnuppen zählte ich in einer Arie. Der Himmel wetterleuchtet. Fledermäuse flattern vor der hellen Szene, und eine läßt sich an dem Mast des Schiffes nieder. Das Spiel: bewegt, beteiligt, frei. Die Rückwirkung der großen Massen auf den Spieler muß hier sehr stark sein. Die Musik: Reich, süß, ernst und wechselnd. Pause wieder: Das Licht fällt in die Schüssel der Arena. Die letzten Bravorufe vermischen sich mit den ersten „Gelati!“. Auch hinter der Bühne ist nun alles besetzt. Es ist noch immer warm. Die Eisverkäufer verdienen. Ihr Ruf ist schon ganz abgeschlifsen und klingt wie „Dschaddijh!" , _ _ Dunkelheit. Die Arena dehnt sich wieder. Fledermäuse und Sternschnuppen. Der Mond sinkt- Das Schiff! In einem Meer von riesigen grünen Wellen. Ein ungeheures Tuch ist dieses Meer, unter ihm bewegt es sich Auf dem Schiff, das beunruhigend schwankt, steht ein ganzer Chor und singt. Schwärme glänzend armierter Angreifer stürmen das Deck. Ihre Helme blitzen, das Meer rast. mag im h- die eigenti wen das« :chie gebick eit mar, a ndnfanM lateinisch« • n er bei d hm die 6M i Musikus -i mierwies.« ! zu finit"1 auf W'i »enn er w ifer: Vino! Wir stehen auf, änderte er h er stundet ih. 6o geta Martin fa in Halle, 'ntererinnm Wir stehen auf, um uns zu strecken und essen von den Pfirsichen, die wir mitgebracht haben. Warm sind sie und saftig. — Einige hohe der Loge erschienen. Es ist nach 10. fc.erü Mlfl! (d ra kilt U Geistlicher d 'einen ti "ert und 3 Mich an J » u Migen l<">g fort, e zu berich " diesem d .l'ch eicht! Men £M rbeklagte, Wofoptjen । "•95, zu uw ungeheuer an SBeite gemonnen ju tjaben, feitbem fie con Menschen erfüllt ist. Man glaubt ein Volk zu sehen. Es scheint kein Ausweg mogllch außer in den Himmel. - Obgleich er, langsam dunkelnd unb feine■ ©lut oe. lierenb offen über uns ist, spürt man kaum einen frischen Hauch. Aus ben tiefsten Schichten der Steine zieht die Wärme noch heraus, die Menschen beizen selbst, und eine Wolke von Wärme scheint, wie Rebel in einem offenen Tal. in dieser Arena "^..^“/'^nr^he^hes^belK Das Flirren von 10 000 Fächern begleitet d'e Unruhe des heiteren Schwatzens und der Ausrufe der Verkäufer: „Gelatu rufen sie (Gefrorenes), in einer ganz weichen Aussprache D,alattihhl. H sa) Waffelbecher, in denen gutes vielfarbiges Eis sitz werben Masten gekauft. Meist „kleine Leute" sitzen hier mit Kind und Segel, sechs i. von allen italienischen Stationen. „ .. Wir gehen hin. Deffnung des Theaters 7 Uhr. Die Menschen strömen in die Eingänge wle Sandkörner in ein Sieb. — Die Bühne ist am einen Ende des elliptischen Arenabodens gebaut, so daß etwa ein Drittel der Rundung unbesetzt bleiben muß. Wir setzen uns auf die Steinstufen, weit oben, um dem Himmel unb der Luft näher zu sein. Die Sonne scheint nicht mehr hinein, aber sie hat es den ganzen Tag getan, und nun strahlen die Sterne. Diese dumpfe Wärme, die von unten in uns kriecht und die zunehmende Füllung des Rundes mit Menschen erzeugen ein Gefühl der Bedrängung. Zwei Stunden lang gueUen die Zuschauer ununterbrochen in me Cuy gange, lebhaft sprechend, in heiterer Erwartung, Brötchen und Fruchte unter dem Arm. Bald kommen Verkäufer, junge schone Kerle, die von Depots aus allerlei Hera,.schleppen und auf Tabletts balancierend durch Helle Ausrufe anbieten: Mineralwasser („Pellegnno! ), Limonaden aller Farben, „Frutti canditi" (bas sink» Zltronenschnitten unb Pflaumen auf Hölzchen gespießt unb in flüssigen Zucker getaucht; man lutscht ste), Bonbons, besonbers „caramelle Unitä", auch Kissen, kleine graue Dinger, um nicht auf ben harten Steinen zu sitzen. Schabe, baß wir uns keine verschafften. Denn als es losgeht ist die Lage diese: Wir sitzen auf heißen Steinen und können uns nicht anlehnen, da hinter uns Beine herunterhängen, und können unsere Leine nicht ausstrecken, ohne die tiefer Sitzenden in den Rucken zu treten und ihnen die schönen Kleidchen schmutzig zu machen. — Doch haben a^e Me Laune Es sind setzt so viele, daß kein Stein mehr frei ist; auch die Treppen ^Die°Arena, auch als sie noch leer war schon groß.genug scheint der Platz (1,30 Mark). Wir sehen nur Italiener. Es gibt auch vornehmere Plätze: Unten im Grunde der Arena, vor der Bühne, stehen Stühle, tausend vielleicht, und dann ist in unserer Nähe noch eine Art Loge eingerichtet, in der manchmal der König sitzen soll. — Der Platz reicht nicht, unb Hunberte klettern hinter ober neben bie Bühne. Auf bem jenseitigen Ranb gehen ferne kleine Gestalten vvr oem fahlen Himmel aus unb ab. Ein furchtbarer Gong übertönt bas Murmeln ber Masse, ein riesiges schallenbes Blech scheint es zu fein, bas sehr an bas Geräusch erinnert, das der Vesuv hören läßt, wenn man oben auf dem Krater steht. — Dann geht bas Licht aus, ein weiches „Ah!" unterbricht eine Sekunde lang den Lärm der Stimmen, und das Auge sieht ein völlig verändertes Bild: Die Nacht ist da, ber Himmel, noch einmal ist bie Arena größer geworben, sie erscheint wie riesiges graues Gestein, In besten Furchen bie fahlen Köpfe gesät finb. Hunbert Zigarettenlichter leuchten wie Hirtenfeuer auf weiter Steppe hier unb bort. — Ein Klatschen wie von schweren Regentropfen übertönt bas Gemurmel. Denn sie spielen schon. Schon lange scheint es. Man hört nichts, man sieht es. Die 150 proiessori bewegen bie Arme; ber Dirigent fuchtelt. Die Bühne ist noch unsichtbar: bas Rampenlicht blenbet sie ab, ohne baß ein Vorhang nötig wäre. Man spricht ruhig weiter. Man zischt auch nicht Ruhe. Die Ouvertüre gilt nicht. Im Gegenteil. Seitlich ber Bühne erhebt sich ein Geheul: Sie merken bort, baß sie nichts sehen werben, unb verlangen, baß bie Kulissen (o verschoben werben, baß sie etwas sehen. Sie schreien wie bie Wilben und bekommen ihren Willen. Auf bem Rand gegenüber ist jetzt ein Strom von Menschen in Bewegung, die sich Plätze suchen. Der Mond über ihnen. Der Himmel ist jetzt dunkel. Wir sitzen zwei Stunden. Ganz allmählich wird die Musik hörbar und bringt burch bie Bran- bung ber Stimmen, gerade laut genug, um ihrs Süßigkeit zu zeigen, nicht mehr. Ruhig wird es erst, wie die ersten Arien ausklingen. Da der Schauplatz so groß ist, der Schauspieler so klein und fern und noch hinter einer Wand von Unruhe seine großen Bewegungen macht, habe ich stark den Eindruck von Marionetten, das Gleichnishafte ber Oper wirb ungewöhnlich beutlich. Ein Mann geht, eine Frau erscheint, sie zerreißt ein Papier, Unmengen von Bischöfen unb Kriegern ziehen auf. Ein ganzes Konzil von pomphaften Geistlichen erhebt sich wie ein Mann unb beginnt mit erhobenem Arm einen mächtigen Chor. Völlige Stille halten bie Zuschauer erst bei ber Schlußarie. Der Beifall, kurz unb wie ein Schrei antjebenb, fällt unqebutbig noch in ben letzten mitrcijjenben Ton bes Sängers (noch nicht Gigli!). In bas broufenbe Klatschen — auch bie Schauspieler tun es, gegenseitig —, flammt schon bas abblenbenbe Rampenlicht, klingt bas Geräusch bes Umbaues und die Rufe der Ver- jurg auf 85 wohl >n sante« “11 SM deuten!«M mu hi«, P!,H rben, ei’« 'M f fein '-.M d erhi«b en. W* ’ nn |e|n.?'. o s°M wann E hn , nb reute b1 „ -r M en-"?L: >r und . »,'S am E» Mit* hen O dl« ntl<":Se(k fit er “Kl I* »7 ifl*' SiehenerZamilieMälter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Indessen fließt die Zeit, und der Mond geht still unter. Zwei Men- Ken, die aus dem oberen Rand des Theaters sitzen, hat er als Silhouetten sein gelbes Licht genommen. In der Pause mutz ich aus meinem Platz kleine Sprünge machen, um nicht steif zu werden. Stellenweise bin ich nur noch Haut und Knochen. Brötchen werden verkauft (panino fresco!) und Photographien der Arena während des Spiels. Man setzt sich auf Pfirsichkerne. Ich möchte morgen hier nicht kehren. Die Stimmung steigt und die Müdigkeit. Die Männer ziehen die Kragen aus und die Frauen die Schuhe. Ein schöner Junge sammelt die leeren Flaschen ein und steckt sie alle lachend in sein Hemd. Ungeduldige Rufe: „Gigli!" Eine Fledermaus sitzt an dem weißen Pfeiler hinter uns. Was hält sie von der Veränstaltung? Um Mitternacht beginnt ein neuer Akt. Ein riesiges Gedränge. Unübersehbares Massen aller Rassen bevölkern die Bühne in Aufzügen und Tänzen, Chören und Arien. Bis schließlich alle zurückweichen und in der Mitte den längst erwarteten Herrn Gigli — im Gewand der Oper, kurze braune Joppe — zurücklassen: Auf den Schrei der Begeisterung, der ihn empfängt, antwortet er in einer sympathischen einfachen und leichten Art und singt nun, als Einlage: „Marrta! Marrta! ..." Durch eine vollkommene Stille trägt seine reiche und natürliche Stimme klar jedes Wort. Ihr; beherrschte Kraft kann jede Rührseligkeit auf sich nehmen. Während der eleganten Schlußfigur seiner Arie ein spürbarer Kampf in der Masse: zwischen dem Wunsch, atemlos noch zu lauschen, und der Begierde, den Beifall loszulassen, der so lange schon drängt. Und so setzt sein letzter Ruf unmittelbar sich fort in dem ersten des Volkes. Er singt nun noch ein viel gehörtes Volkslied — ein Flügel ist inzwischen herangerollt gekommen, an dem ein winziger schwarzer Herr ihn begleitet — bei dem viele leise mitsingen und sich wiegen, und dann rufen sie ihm zu, was er nun fingen soll. Viele Vorschläge! Aber „Marrta Marrta" verlangen sie vor allem. Erfolglos. Die Zeit scheint nicht zu reichen. Ein Schmerzensschrei, als er dis Oper weitersingt! Bis zwei Uhr muh sie zu Ende fein. Wir gehen um ein Uhr. In ein anderes, noch größeres, noch längeres Schauspiel: Mit dem Rachtschnellzug nach Venedig. Marie Antoinettes letzte Fahrt. Von Stefan Zweig. Ein Abschnitt aus dem im Insel-Verlag zu Leipzig erschienenen neuen Buch „M arte Antoinette" von Stefan Zweig, worin der Dichter in einer meisterhaften Darstellung das erschütternde Schicksal der Frau schildert, die leichtsinnig und ahnungslos Krone und Leben verspielt. Gegen 11 Uhr werden die Türen der Conciergerie geöffnet. Draußen steht der Schinderkarren, eine Art Leiterwagen, dem ein mächtiges, schweres Pferd vorgespannt ist. Ludwig XVI., er war noch in seiner geschlossenen Hofkarosse feierlich und respektvoll zum Tode geführt worden, beschützt durch die gläserne Wand vor der gröbsten Neugierde, dem schmerzhaftesten Haß. Inzwischen ist die Republik in ihrem feurigen Lauf unermeßlich weiter geschritten; sie verlangt Gleichheit auch für die Fahrt zur Guillotine: eine Königin braucht nicht bequemer zu sterben als jeder andere Bürger, ein Leiterwagen ist gut genug für die Witwe Capet. Als Sitz dient einzig ein zwischen die Sprossen geschobenes Brett ohne Polster oder Decke: auch Madame Roland, Danton, Robespierre, Hebert, alle, die Marie Antoinette in den Tod schicken, werden auf dem gleichen harten Brette die letzte Fahrt machen; nur ein kurzes Stück Weges ist die Gerichtete ihren Richtern voraus. Zuerst treten Offiziere aus dem büftern Gang der Conciergerie, hinter ihnen eine ganze Wachkompanie, die Hand am Gewehr, dann kommt ruhig und sicheren Schrittes Marie Antoinette. Der Henker Samson hält sie an dem langen Strick, mit dem man ihr die Hände auf den Rücken gebunden hat, als ob Gefahr bestünde, daß fein Opfer, umringt von Hunderten von Wächtern und Soldaten, ihm noch entlaufen könnte. Unwillkürlich sind die Umstehenden von dieser unvermuteten und unnötigen Erniedrigung überrascht. Keiner der üblichen höhnischen Schreie erhebt sich. Ganz lautlos laßt man die Königin bis zum Karren schreiten. Dort bietet ihr Samson die Hand zum Aufstieg. Neben sie setzt sich der Priester Girard im bürgerlichen Gewände, aufrecht aber bleibt mit unbeweglichem Gesicht der Henker stehen, den Strick in der Hand: wie Charon die Seelen der Verstorbenen, führt er unbewegten Herzens feine Fracht täglich zum andern Ufer des Lebens. Aber diesmal halten sowohl er wie seine Gehilfin während der ganzen Fahrt den Dreispitz unter dem Arm, als wollten sie sich vor der wehrlosen Frau, die sie zum Schafott bringen, für ihr trauriges Amt entschuldigen. Der erbärmliche Wagen rattert langsam über bas Pflaster. Man läßt sich absichtlich Zeit, jeber soll genau bas einzigartige Schauspiel betrachten können. Auf bem harten Sitz spürt die Königin jedes Holpern des groben Karrens über das schlechte Pflaster bis ins Mark, aber, unbewegt das blasse Gesicht, mit ihren rotgeränderten Augen starr vor sich hinschauend, gibt Marie Antoinette kein Zeichen von Angst oder Schmerz der eng- gereihten Neugier preis. Alle Seelenkraft strafft sie zusammen, um bis zum Ende stark zu bleiben, und vergebens spähen ihre grimmigsten Feinde, sie bei einem Augenblick des Versagens oder Verzagens zu ertappen. Aber nichts macht Marie Antoinette irre, nicht, baß bei ber Kirche Saint-Roch bie angesammelten Weiber sie mit ben üblichen Hohnrusen empfangen, nicht, daß der Schauspieler Grammont, um Stimmung in die düstere Szene zu bringen, in der Uniform eines Nationalgardisten vor dem Totenkarren einherreitet und, den Säbel schwenkend, ausruft: „Da ist sie, die infame Antoinette! Jetzt wird sie hin, meine Freunde." Ihr Antlitz bleibt ehern verschlossen, sie scheint nichts zu hören, nichts zu sehen. Die auf ben Rücken gebundenen Hände steifen ihr nur den Nacken höher empor, geradeaus blickt sie vor sich hin, und all die bunten und wilden Bilder der Straße bringen nicht mehr ein in ihre Augen, die von innen her überschwemmt sind von Tob. Kein Zittern regt ihre Lippen, kein Schauer bebt über ihren Leib; ganz Herrin ihrer Kraft sitzt sie da, stolz und verächtlich, unb selbst Hsbert muß am nächsten Tage in seinem „Pere Duchesne" gestehen: „Die Dirne ist übrigens kühn und frech bis zum Tode geblieben." Der riesige Revolutionspalast, bie heutige Place de la Concorde, ist schwarz von Menschen. Zehntausende stehen seit ftühmorgens auf ben Beinen, um bas einmalige Schauspiel nicht zu versäumen, wie eine Königin, nach bem groben Worte Heberts, „vom nationalen Rasier- Messer halbiert wirb". Stunbenlang wartet schon bie neugierige Menge. Um sich nicht zu langweilen, plaubert man ein wenig mit einer hübschen Nachbarin, man lacht, man schwätzt, man kauft ben Ausrufern Journale ober Karikaturen ab, man durchblättert die neueste aktuelle Broschüre „Les Adieux de la Reine ä ses mignons et mignonnes“ ober „Grandes fureurs de la ci-devant Reine“. Man rät unb munkelt, wessen Kopf morgen unb übermorgen hier in ben Korb fallen wirb, unb zwischenburch holt man sich ßimonabe, Brätchen ober Nüsse von ben Strahenhänblern: bie große Szene ist schon einige Gebulb wert. lieber biefem neugierig mogenben schwarzen Gewühl erheben sich starr, bas einzig Leblose im menschenbelebten Raum, zwei Silhouetten: die schlanke Linie ber Guillotine, bieser hölzernen Brücke, bie vom Dies- eits ins Jenseits führt; von ihrem Stirnjoch blitzt in ber trüben Dttober- onne ber blanke Wegweiser, bas frisch geschliffene Beil. Leicht unb frei chneibet sie gegen ben grauen Himmel, vergessenes Spielzeug eines chaurigen Gottes, unb bie Vögel, bie nicht bie finstere Bebeutung biefes grausamen Instrumentes ahnen, spielen in unbekümmertem Flug über sie hin. Streng aber unb ernst erhebt sich baneben, bas Tor bes Tobes stolz überragend, das riesige Standbild der Freiheit auf dem Sockel, der früher das Denkmal Ludwigs XV. getragen. Still fitzt sie da, bie unnahbare Göttin, bas Haupt gekrönt von ber phrygifchen Mütze, sinnend bas Schwert in der Hand; sie fitzt da, steinern im Stein, die Göttin ber Freiheit, unb träumt vor sich hin. Ihre weißen Augen starren hinweg über bie ewig unruhige Menge zu ihren Füßen unb weit hinaus über bie nachbarliche Mordmafchine, irgend etwas Fernem und Unsichtbarem entgegen. Sie sieht nicht bas Menschliche um sich, nicht bas Leben, nicht ben Tob, bie unbegreiflich unb ewig geliebte Göttin mit ben träumenden Augen aus Stein. Sie hört nicht die Schreie aller derer, die sie anrufen, sie spürt nicht bie Kränze, bie man um ihre steinernen Knie fegt, und nicht bas Blut, bas bie Erbe zu ihren Füßen büngt. Ein ewiger Gebanke, fremb unter ben Menschen, sitzt sie stumm unb starrt in bie Ferne, auf ihr unsichtbares Ziel. Sie fragt nicht unb weih nicht, was in ihrem Namen geschieht. Plötzlich regt sich bie Menge, schäumt auf unb wirb mit einem Male stumm. In bieser Stille hort man jetzt roilbe Rufe von ber Rue Saint- Honore her, man sieht die vorausrückende Kavallerie, und jetzt biegt um bie Ecke ber tragische Karren mit ber gefesselten Frau, bie ein ft Herrin von Frankreich war; hinter ihr steht, ben Strick stolz in ber einen Hanb, ben Hut bemütig in ber andern, Samson, ber Henker. Völlig still wirb es aus bem riesigen Platz. Die Ausrufer rufen nicht mehr, jebes Wort verstummt, so still wird es, baß man bas schwere Stapfen bes Pferbes und das Aechzen ber Räber vernimmt. Die Zehntaufenbe, bie eben noch munter schwatzten unb lachten, sehen plötzlich beklommen mit einem gebannten Gefühl bes Grauens auf bie blasse gebundene Frau, bie keinen von ihnen anblickt. Sie weiß: nur diese letzte Probe noch! Nur fünf Minuten Sterben noch und bann Unsterblichkeit. Der Karren hält vor bem Schafott. Ruhig unb ohne Hilfe, „mit einem noch steinerneren Gesicht als beim Verlassen bes Gefängnisses", tritt bie Königin, jebe Hilfe zurückweisenb, bie bretternen Stufen bes Schaffotts empor; sie schreitet genau so leicht unb beschwingt in ihren schwarzen, hochstöckeligen Aklasschuhen biese letzten Stufen hinauf wie einst bie marmornen Treppen von Versailles. Einen verlorenen Blick jetzt noch über bas wibrige Gewühl hinweg in ben Himmel vor ihr! Erkennt sie brühen im herbstlichen Nebel bie Tuilerien, in benen sie gewohnt und Unsägliches erlitten hat? Erinnert sie sich noch, in bieser letzten, schon allerletzten Minute, bes Tages, ba eben biefelben Massen sie begeistert im gleichen Garten als Thronfolgerin begrüßten? Man weiß es nicht. Nie- manb kennt bie letzten Gebauten eines Sterbenben. Und schon ist es vorbei. Die Henker fassen sie rücklings an, ein rascher Wurf auf bas Brett, ben Kopf unter bie Schneide, ein Riß am Strang, ein Blitz des nieder- faufenben Messers, ein bumpfer Schlag, unb schon packt Samson an den Haaren ein entblutetes Haupt unb hebt es sichtbar empor über ben Platz. Mit einem Stoß rettet sich jetzt bas atemftotfenbe Grauen der Zehn- taufenbe in einen roilben Schrei. „Es lebe bie Republik!" bonnert es wie aus einer von rafenbem Würgen befreiten Kehle. Dann zerstreut sich beinahe hastig bie Menge. Parbleu, es ist wirklich schon ein Viertel über zwölf geworben, hohe Zeit zum Mittagbrot, jetzt rasch nach Hause. Wozu noch länger herumstehen! Morgen unb alle bie nächsten Wochen und Monate kann man doch auf bem gleichen Platz beinahe täglich basfelhe Schauspiel nochmals unb nochmals sehen. Es ist Mittag. Die Menge hat sich zerstreut. In einem kleinen Schubkarren fährt ber Nachrichter bie Leiche weg, ben blutigen Kopf zwilchen den Beinen. Ein paar Gendarmen bewachen noch das Schafott. Aber niemand kümmert sich um das langsam in bie Erbe fidernbe Blut, ber Platz wirb roieber leer. Nur die Göttin ber Freiheit, in ihren weißen Stein gebannt, ist unbeweglich auf ihrem Platz geblieben unb starrt weiter und weiter auf ihr unsichtbares Ziel. Sie hat nichts gesehen, nichts gehört. Streng blickt sie über das wilde und törichte Tun der Menschen hinweg, in die ewige Ferne. Sie weiß nicht und will nicht wissen, was in ihrem Namen geschieht. Eben sich honettem M Dies. Oktober, und frei ug eines ng dieser lug über >des stolz er früher nnohbore lenb te öttin der i himvlg aus über idjibarem ben, nicht iutnenben anrufen, legt, unb Gedanke, :erne, auf in ihrem :orde, tfi auf den Die eine Rasier. Menge, hübsche, Journale öroschüre .Grandes len Kopf hendurch jänblern: lern Mod ne Saint- setzt biegt jft Herrin icn chond, 1 wird is Wort tef > eben noch einem F die keim« Nur R 'gen, di, *8* ihre f'tzt „tQSe in uhn und y- : ? ii |(nu,n mit eine® tritt iie Schaßt ff >ohni ten, H* leitetH® nichts ion F *• ’Ä der « "L«ni [fr 808 Rufe, die man gern hört. Au» den Erinnerungen eine» Bordfunkers. Von Kurt Henschel. Die drei Buchstaben SOS, die von Seeschissen in höchster Not gefunkt »erden, genießen eine gewisse Popularität als Unheilskünder weit über »ie Seefahrerkreise hinaus. Aus die Gefahr hin, die schicksalsschwere Bedeutung des SOS herabzufetzen, will ich aus meinen Funkerfahrungen verraten, daß man beim Klang des SOS bisweilen auch ungetrübte Freude empfinden kann. Trotz der Erinnerungen an grausige Kata- chophen geht der SOS-Ruf dem Funker im allgemeinen nicht so durch Mark und Bein wie der menschliche Hilferuf einem einsamen Wanderer n sinsterer Nacht, und zwar deswegen nicht, weil man sich wegen seiner verhältnismäßigen Häufigkeit an ihn gewöhnt hat. In einer einzigen Drkannacht auf dem Nordatlantik hörte ich ihn von vier verschiedenen stellen. Diese Art allerdings, also die bei hoher See und die damit häufig verbundene Aussichtslosigkeit von Rettungsmaßnahmen gesandten Ruse jört man jedoch bei aller Gewohnheit nur in tiefer Erschütterung. Aehn- ich verhält es sich mit dem SOS von Passagierdampfern.. Wenn man nach bei dem heutigen Stand der Sicherheitseinrichtungen erstaunt sein muß über den Umfang von Katastrophen, wie ihn die des französischen .Georges P h i l i p p a r" und der italienischen „P r i n c i p e s s a Mafalda" bei spiegelglatter See aufwiesen, so ist doch hier ehrliche Beforgnis angebracht. Nach Ansicht der Seeleute ist der Passagier ja ein Wesen, das noch aus dem sicheren Rettungsboot herausfallen und er- sinken kann. Natürlich sprechen alle SOS-Rufe von' schwerer Gefahr, mindestens für das Schiff allein, doch lassen sie sich meist mit einem nassen und einem trockenen Auge betrachten, wenn nicht gelegentlich überhaupt das zufällig an der Waterkante beheimatete Sprichwort von t«er Uh! und der Nacktigall gilt. Jährlich sinken zahlreiche Schiffe in die Tiefe, ohne daß die Oeffent- | Weit davon erfährt, besonders, wenn nicht das kostbarste Schisfsgut, der Sassagier, vom Unglück betroffen wird. Nach den Berichtszahlen des ermanischen Lloyd .gingen 1931 380 Handelsschiffe mit insgesamt >41824 Bruttoregistertons gänzlich verloren, 118 im Sturm, 94 durch ' Strandung, 35 durch Brand usw. Beschädigt wurden dagegen 12 075 Schisse. Weit größer als die Zahl der verlorenen ist demnach die der geretteten Fahrzeuge«, und das Reiten ober fachmännisch „Bergen" ist iS, was dem Seemann Vergnügen bereitet, und zwar so großes, daß ler wachthabende Offizier, wenn ich ihm ein SOS meldete, elektrisiert zur Sorte stürzte und freudig erregt ausrcchnete, ob und wann wir „ihn" laben können. Trafen wir einen Dampfer, der einen Unglückswurm im ' Schlepp hatte, so begegnete ich stillen oder vernehmlichen Vorwürfen: Warum hast du ihn nicht gehört?" Es fehlte auch nicht an gelegentlichen k Ermahnungen. Gewiß erklärt sich dieser Eifer zum guten Teil aus Mchstenliebe und Kameradschaftlichkeit, an denen es dem in Nähe der Zefahr lebenden Seemann gewiß nicht mangelt, doch das Geheimnis, ueshalb das SOS für ihn oft auch einen angenehmen Klang hat, ist in :nbern Ursachen zu suchen. Zum Verständnis hierfür muh ich vom Wesen ks SOS-Ruses, dem die Bedeutung von „Save our ship" oder „Save eur souls" unterlegt wird, noch anführen, daß er nur ausgesandt werden krf, wenn ein Schiff sich tatsächlich in Gefahr, ohne fremde Hilfe verloren zu gehen, befindet. Das kann natürlich schon der Fall fein, ehe kebensgefahr für die Menschen an Bord besteht. Ein Dampfer mit schwerbeschädigter Hauptmaschine, ohne Ruder ober Schraube, mit Wellen- ‘ euch usw. ist hilflos dem Spiel ber Elemente ausgeliefert. Unter ben ermähnten beschäbigten Schiffen befnnben sich neben 2020 mit Maschinenschäden, 587 gestrandete und 2456 kollidierte. Ein großer Teil von diesen nußte, wenn sich nicht andere Hilfe bot, das SOS-Signal ausfenöen. Ist dies aber einmal ausgerufen worden, so besteht die Verpflichtung, sich retten zu lassen; ber Kapitän des Unglücksdarnpfers ist nur berech- igt, sich einen ober einige Retter auszusuchen, wenn er sich davon Vorteile verspricht und die Gefahr das zuläht. Ist.die Gefahr etwa neunzig- iwzentig, so bleibt dem betroffenen Schiff die Möglichkeit, unter Ve- mtzung des sog. Dringlichkeitszeichens mit Vorrang zu {unten und zunächst einmal die Aufmerksamkeit aller Nachbarn auf sich zu lenten. Weniger die Strafbestimmungen der Seebehörden sind es, die einen SUimtan Mm sparsamsten Gebrauch des SOS-Rufes zwingen, fonbern derKosten- | Htntt ist ausschlaggebend. Für die Bergung eines Schiffes wirb ein f Sergelohn fällig, dessen Höhe vom Werte des Schisses, seiner Ladung und \ wn ber Größe ber Gefahr abhängt, es handelt sich in ber N^gel um Su n- l «en, die ein Vermögen barstellen. Vom Nettobergelohn, "°^?zug aller I ^kosten, erhält wiederum die Besatzung des bergenden Sch ffes einen I wesentlichen Anteil. Hiervon entfallen auf den Kapitän fünf, auf den I ffunter ein bis eineinhalb Prozent ufm. Daher also die Sreube> ctrn SOS, I las für manchen Seemann dasselbe bedeutet, wie für den Landbewohner F In Treffer in der Lotterie; es ist — glücklicherweise— auch ebenso selten [ »le dieser. Ich hatte jedenfalls tein Gluck in diesem Spiel. Ms em großer | Holländer vor Estlands Küste im Sturm "us einem Felsen fa6, eine f stunde Fahri von uns entfernt, hatte ich einen Bampfer fW) I Maschine unter ben Füßen, daß wir dem H°ll°nber auf seinem Felsen i| ochstens hätten Gesellschaft leisten tonnen unb baher einem ezmizcyen »en Ozean überholte uns ein flinker amer.tanisch r Kreuzer ausge ! !^)net in bem Augenblick, in bem ein stolzer M°g'fdampfer, weng^ I -feiten vor uns, im Gewitter auf ein Rifs lief- . mocfeis lVS-Fall hatten wir bas Gespenst, im Hgufe: W r trieben im V°ckew [ zwischen den sinnischen Schären; em starker russischer Eisbrecher youe l'V, Ts'k"-Mck«ch-»'E »-Mlich »«« Mil Iltetet dem Seesehrer nicht nur hufullsgewiiinig^ze Reedereien, d |^rgungsgesellschaften, leben vorwiegenb von ben Pechvögeln dr ee I Wahrt. Diese Gesellschaften besitzen> [ ’■ afte bis zu 3000 Pferben stark sind unb bte guntftatwnert mu -p | prät unb allen Schikanen ununterbrochen tm ^tried haben. V «m m, s« ' cbel und anderen Gefahrenmomenten liegen sie in den Flutzm . 9 unter Dampf unb lauschen durch das Ohr des Funkers auf das Meer hinaus. Kern Mann der Besatzung darf an Land und auf ein Signal des Funkers — auf einzelnen Dampfern mittels Lichtanlagen — stürzt jeder auf feinen Posten und hinaus geht die wilde verwegene Jagd. Wer zuerst die Seine am Unglücksschiff festmacht, hat Anspruch auf Bergung und Lohn, was nicht ausschließt, daß die „Konkurrenz" zur Hilfe herangezogen werden kann. Selbstverständlich kämpfen diese kleinen Fahrzeuge selbst oft mit schwersten Gefahren, und manche stille Heldentat wird hier gewohnheitsmäßig vollbracht. Ja wenigen Nachkriegsjahren find mir allein drei Untergänge deutscher Bergungsdampfer im Norb- feegebiet bekannt geworden: einer stieß mit dem zu bergenden Schiff zusammen, einer riß sich an bem im Wasser gesunkenen ben Boben auf, unb ein dritter versank im Sturm, nachdem er einen Norweger von Gibraltar bis vor die heimatliche Küste geschleppt hatte. Bei den Bergungskosten und der vertragsgemäßen Heiligkeit des SOS-Rufes wird jeder Kapitän ihn nach Möglichkeit vermeiden. Ueber seine Notwendigkeit können die Meinungen an Bord auseinandergehen, und so kann ein Funker zwischen zwei Parteien und in eine Gefahr geraten, die mit der eigentlichen Seenot wenig zu tun hat, wie es meinem Dienstvorgänger auf einem hochbetagten kleinen Frachtdampfer, der oft in seenotähnliche Sagen geriet, erging. Das Dampferchen hatte in ber Norbsee mehr Wasser geschluckt, als es vertragen konnte. Schon ftanb das Wasser ziemlich hoch im Maschinenraum, und zum Uebersluß versagten die Pumpen. Die Leute bildeten eine Kette zum Deck herauf unb gossen eimerweise bie See zurück. Die Heizer aber glaubten, daß ihr letztes Stündlein nahe sei und drangen mit Vorschlaghammer und anderem Handwerkszeug auf Kapitän unb Funker ein, um bas SOS zu erzwingen, bas ber Kapitän nicht für erforderlich hielt. Der Kapitän wehrte die Meuternden mit der Waffe ab, unb ber Funker gehorchte seinem SOS-Verbot ungeachtet ber schweren Bedrohungen, wofür er später öffentliche Belobigung erntete; denn das Schiff erreichte Cuxhaven mit Mühe unb Not, währenb es bei Aufgabe Der Selbsthilfe vermutlich versunken wäre. Allerbings war es auf ber letzten Strecke nicht allein geblieben; einige Bergungsdampfer, aufmerksam geworden durch ben Telegrammverkehr zwischen Schiss unb Reeberei, folgten in geziemender Entfernung, wie Füchse einem kranken Wild. Ein weiteres Sicht auf die materielle Seite des Bergungsdienstes wirst folgende hübsche Geschichte, von ber ich zwar nicht weiß, wie weit sie Seemannslatein barstellt. Ein Italiener sand sich bei schlechtem Wetter an ber Norbseeküste nicht mehr zurecht. Er lockte einen Bergungs- bampfer heraus, teilte ihm bei dessen Erscheinen aber mit, baß er des Beistandes nicht mehr bedürfe und dampfte hinter dem heimkehrenden Schlepper hinterher, in ber Hoffnung, auf diese kostenlose Weise den Hafen zu erreichen. Das ärgerte ben Bergungskapitän, ber sich geprellt fühlte, unb er nahm Kurs auf bas Wattenmeer. Böse Zungen rebeten ihm später nach, baß er sich den fetten Biß nicht entgehen lassen wollte und den schwerbeladenen Italiener deshalb auf die Untiefe lockte. Beide Kapitäne waren sich aber gewachsen; denn dem Italiener kam das Wasser auf einmal nicht mehr geheuer vor, er drehte wieder nach der offenen See und entging der sicheren Strandung (mit nachfolgender Bergung). Zusammenfassend läßt sich wohl sagen, baß ber SOS-Ruf nicht nur Grauen verbreitet, unb je mehr ber Verbienst Zahl unb Eile ber Retter vergrößert, um so geringer wirb das Grauen — zum Segen der Beteiligten — werden. Den Bergungsdampfern sei daher eine gewisse Beutelust wegen ihrer außerordentlichen Gemeinnützigkeit gern verziehen. Es ist eigentlich überflüssig, noch zu sagen, daß alle, ob Ozeanriese ober Bergungsbampfer, ben Wettlauf nach bem Hilferufenben auch bann, unb dann erst recht, antreten, wenn „nur" Menschenleben zu retten sinb, wosiir kein materieller Sohn winkt. Der Kriegskommissar des Königs. Roman von Friebrich F r e k s a. Copyright 1931 by August Scherl, G. m. b. H., Berlin. (Fortsetzung.) Da die Abende wärmer wurden, fetzte sich die Frau Pastorin, eine rundliche, bewegliche Frau, nach damaliger Sitte häufig auf die grün- gestrichene Bank vor ihrer Haustür, um di« frische Luft zu genießen. An einem solchen Abend geschah es, daß sie Heinrich anredete, als er vorbeikam und artig bie Mütz zog. „Er scheint mir ein sehr fleißiger Studiosus zu sein, mein Lieber! Ich sehe von meinem Fenster aus, daß Er den ganzen Tag hinter den Büchern sitzt und nicht mit anderen Kollegen auf der Straße herumstolziert und Unfug treibt. Darin gleicht Er ganz meinem seligen Eheherrn, als ich ihn Anno 1720 hier zu Halle kennenlernte. Auch er wohnte uns gegenüber, und wenn ich aus dem Fenster schaute, sah ich ihn, wie er den Kops über die Bücher beugte, und er schaute nicht auf. Fünf Monate hatte gedauert, bis endlich sein Blick auf mir ruhen blieb." Heinrich wußte nicht, was er antworten sollte. Er fand nur bas Wort: „Auch ich habe meinen Vater leider allzufrüh verloren; auch er mar Pfarrer unb lebte heute noch, wenn nicht der schreckliche Brand gewesen wäre." „Ein Brand?" rief die Pastorin. „Setz' Er sich neben mich — erzähl Er mir! Ein Brand ist etwas Schreckliches. Ich habe zweimal einen erlebt: hier zu Halle in meiner frühen Jugend, als des Oelkaufmanns Dahlmann Speicher ab brannte; und dann in unjerm Pfarrdorf. Da kam in Kretscham Feuer aus, weil sie Pfeifentobak im Bett geraucht!" Heinrich mußte nun des langen und breiten berichten, und die Pfarrerin fragte ihn dabei genau nach feiner Familie und seiner Mutter. Und wie er dann aufftanb und sich geziemend verabschiedete, sagte sie: „Ich hoffe, ich werde mit Ihm noch des öfteren eine so aimable Konversation haben wie heute abend!" Als er sich verbeugt hatte und aufschaute, hörte er ein Kichern. Die Pfarrerin wandte sich hastig um, und Heinrich gewahrte bie jüngere der beiden Schwestern in ber Tür; sie bog sich vor verhaltenem Lachen. „Klara, hast du etwa Bauchweh?" fragt die Mutter. Da prustete das Mädchen heraus: „Ich hätte nie geglaubt, daß der ' Herr Studiosus em Wort herausbringen konnte! Wie stumm ist er an uns vorbeigega-ngen, wenn er uns begegnete. Nicht einen guten Abend hat er uns geboten oder einen guten Tag!" „Das wär' auch nicht ganz geziemend gewesen!" sagte die Mutter. In dem Augenblick wurden Schritte im Gang hörbar, und Klara rief: „Emma, komm doch heraus! Er kann wirklich reden! Er hat eine Zunge im Munde — sie ist ihm nicht fcstgewachsen!" Jetzt nun trat die von Heinrich Angebetete herfür. Während die Schwester das Mäulchen lausen ließ, stand sie groß und errötend da, schlug die Augen zu Boden und faltete die Hände über der Schürz«. „Ich habe die Bekanntschaft mit unserm Herrn Nachbar gemacht", sagte bi« Mutter. „Komm, Emma, reich dem jungen Herrn die Hand. Nimm dir an Klara ein Beispiel. Die ist mobil und nicht verschämt!" Also ward dann die Bekanntschaft gemacht. Wer Heinrich brachte kein Wort mehr heraus; er stotterte nur, er müsse noch des Abends eine Lektion vorbereiten, fo er einem jungen Herrn zu halten hätte, und bäte um Pardonierung. Unter mehrfacher Verbeugung verabschiedet« er sich, kam in sein äimmer und meinte voller Entrüstung vor sich selbst, er hätte die schönst« elegenheit seines Lebens verloren, das Mädchen, das er «rsehnte, zu sprechen. Und als er zu Bett ging, war es ihm, als schleppe er eine große Last. Am andern Tag« traf er di« beiden Mädchen auf der Straße. Klara winkte ihm zu; Emma sprach nur mit den Augen. Er wagte es, „Guten Tag!" über die Gasse zu rufen. Abends saß wieder die Pastorin auf der Bank und rief ihn an, und die beiden Mädchen kamen heraus und setzten sich mit Handarbeiten dazu. Sie plauderten und sprachen dies und das, und auch Emma erzählte, wie schön es in ihrem Thüringer Pfarrhaus gewesen. „Ach", sagt« sie, „hier vermisse ich alles! Wie gern hab' ich auf einem grünen Rasenfleck im Garten unsre Wäsche gebleicht! Die Vöglein hüpften in den Obstbäumen, und die Blumen dufteten. Di« Sonne schien warm; mir haben nie die Wäsche länger liegenlassen als bis zehn; denn di« Mittagssonne verbrennt zu leicht das Linnen und die Spitzen." Di« Mutter lobte das Mädchen, zeigte die feinen Handarbeiten vor, die sie machen konnte, und sagte: „Für einen jeden Mann, der sie heimführt, wird sie ein Schatz fein!" — Schon des Morgens schaute Heinrich ängstlich aus, ob das Wetter auch halten würde; denn die abendliche Plauderstund« auf der grünen Bank war ihm ein« liebe Gewohnheit geworden. Aber nach zwei Wochen, als «s während des Gesprächs zu regnen anfing, nötigte die Pfarrerin ihn, ins Haus einzutreten. Das Zimmer, das sie vor ihm öffnete, war spärlich eingerichtet. Ein Kanapee mit grünem Brokat an der Längswand, davor ein runder Tisch mit vier Stühlen; zwischen den Fenstern stand ein Spiegel, dessen Rahmenvergoldung bereits abblätterte; an den Wänden hingen ein paar Kupferdrucke. Der schönste Schmuck des Zimmers war ein Cembalo, an dem Emma stand und Noten zusammenlegte. Heinrich sah, wie das Mädchen errötete. Die Pfarrerin aber, rief eifrig: „Zeig doch, was im gelernt hast!" utrb wandte sich an Heinrich, indem sie ihn mit einer Handbewegung bat, Platz zu nehmen: „Immer ist sie töricht und stellt ihr Licht unter den Scheffel! Hat die schönste Stimme und ist so musikalisch, daß sie sogar Lieder in Musik setzt!" „Liebe Mutter!" bat das Mädchen und schlug die Hände zusammen. Indem trat Klara ein: „Aber gewiß mußt du uns etwas vorspielen!" Und eifrig wandte sie sich an den Besucher: „Ganz reizend hat sie ein Gedicht des göttlichen Gellert komponiert! Gleich such' jch's heraus!" Emma begann ein kleines Vorspiel und Hub mit einem leisen, aber wohllautenden Sümmchen an zu singen: »Der Tod der Flieg« heißt mich dichten. Der. Tod der Mücke heischt mein Lied; Und kläglich will ich dir berichten. Wie jene starb und die verschied. Sie setzte sich, die jung« Fliege, Voll Mut auf einen Decher Wein, Entschloß sich, tat drei gute Züge, Und sank vor Lust ins Glas hinein. Die Mücke sah die Freundin liegen. .Dies Grabmal', sprach sie, .will ich scheu'n; Am Lichte will ich mich vergnügen Und nicht an einem Becher Wein.' Allein verblendet von dem Schein«, Ging fie der Lust zu eifrig nach, Verbrannte sich die kleinen Beine Und starb nach einem kurzen Ach. Ihn, die ihr, euren Trieb zu nähren, In dem Vergnügen selbst verdarbt, Ruht wohl und laßt zu euren Ehren Mich sagen, daß ihr menschlich starbt!" Heinrich bemerkte, wie das Mädchen, während «s sich ganz seiner Auf- gabehingab, freier wurde und ihn zum Schluß mit dem schönsten Blick beschenkte. Die Frau Pfarrerin konnte sich nicht genugtun, das Kind zu loben. So gerieten sie in ein Gespräch über die Vorzüge und poetischen Schönheiten des Dichters Gellert. Die Pfarrerin rühmte, wie er das Menschenherz kenne; sie fragte Heinrich, ob er sich auch schon mit diesen seinen neumodischen Gedichten beschäftigt hätte. Er geriet durch diese Frage 'in Verlegenheit, da er sämtliche Fabeln uuö Poeme des Leipziger Poeten auswendig konnte und bedacht war jedes Blatt von ihm beim Buchhändler zu kaufen. Bescheiden fragte er: „Ist Ihnen eines der neuesten Erzeugnisse, „Die Guttat", bekannt?" Und da die Mutter mit den Tächtern aushorchte, stand er auf, hielt sich mit der Linken an der Stuhllehne fest, entbreitete die rechte Hand und deklamierte: „Wie rühmlich ist's, von seinen Schätzen Ein Pfleger der Bedrängten sein Und lieber minder sich ergötzen, 2(1 s arme Brüder nicht erfreun! . Beaten fiel heut ein Vermögen Von Tonnen Golds durch Erbschaft zu. .Nun', sprach sie, .hab ich einen Segen, Von dem ich Armen Gutes tu’.' Sie sprach's. Gleich schlich zu feinem Glück« _ Ein siecher Alter vor ihr Haus Und bat, gekrümmt auf seiner Krücke, Sich eine klein« Wohltat aus. Sie ward durchdrungen von Erbarmen Und fühlte recht des Armen Not. Sie weinte, ging und gab dem Armen Ein großes Stück verschimmelt Brot." „Was für Töne doch der Göttliche auf feinem Saitenspiel beherrscht!" rief die Mutter. „Wie neckisch er sein kann! Freilich, manchmal ist er ein ungezogener Spötter, und ich fürchte fast, er hält von uns Frauen nicht viel. Frivol Ms, daß er Claris für ihre Eifersucht durch Venus in ein Täubchen verwandeln läßt!" Emma fetzte sich wieder ans Cembalo und spielte Lieder. Und auss angenehmste verlief dies« Stunde des Abends. Von dem Tage an war Heinrich regelmäßiger Gast im Pfarrhause, ob es gut Wetter war oder regnete. Sie lachten, scherzen, gaben sich Scharaden und Rätsel auf, und wer das Rechte zuerst erriet, erhielt zum Preise, da es mitwsilen Herbst geworden war, Walnüsse oder Pflaumen. An Sonntagen bewirtete die Frau Pastorin ihren Gast mit Bratäpfeln und selbstgebackenem Kuchen: oder sie reichte einige Tassen Warmbier und eine trocken« Semmel dazu. Dann und wann fordert« Heinrich die Fam li« auf, mit ihm des Sonntagsnachmittags einen Spaziergang auf ein Dori in der Umgegend zu machen. Dort zahlte er dann selbst, was genoffen ward: ein paar Schüsseln saurer Milch, Obst und etwas Brot. Auf dem Heimweg sangen sie, während sie über die Fluren durch di« laue Nacht dahinschritten, Lieder, am liebsten den schönen Sang: „Guter Mond, du gehst io stille ..." Wem Gott Glück leiht, dem gibt er es gern ganz. So fand Heinrich ein paar reiche Studenten für Privatstunden, und dieser Zuschuß kam ihm wohl zustatten, so daß er jeder der beiden Schwestern zum Heiligen Christabend ein kleines Geschenk machen konnte: eine mit Pelz eingefaßte Haube, wie sie damals die Bürgertöchter in Halle häufig als Schutz gegen Kälte und schlechtes Wetter trugen. Der Frau Pastorin überreichte er eine in Horn gefaßte Brille, di« sie beim Lesen sehr benötigte. Seiner Mutter schickte er ein warmes Wintertuch, das er vom Postillon in Luckenwalde hatte kaufen lassen, nach Kolberg. Einen so vergnügten Weihnachtsabend wie den des Jahres 1752 hatte er feit dem Tod seines Vaters nicht mehr erlebt. Di« Frau Pastorin hatte eine Krippe aufgebaut und sie rechts und links mit einer Mandel Lichter beleuchtet. Zart goto, blau und rot schimmerten die schönen Figuren der Könige und der Hirten. Es war ein künstlicher Hintergrund gemalt, um den Stall anzuzeigen, aber Ochs und Eselein waren fein säuberlich aus Holz gedreht, und fromm kniete Vater Joseph neben der Krippe, in der das Kindlein lag, behütet von seiner lieben Mutter Marie. Die Pfarrerin sang mit ihren Töchtern, während Heinrich vor diesem Wunder stand: „Es ist ein' Ros' entsprungen ..." Das war ein Lied, das aus dem Süden heraufgekommen war und toas er noch nicht kannte. Dan» erhielt er zur Bescherung von jeder der Töchter zwei Paar wollens Winterstrümpfe und von der Frau Pastorin ein Paar Handschuhe, rot und schwarz, die fie selbst gestrickt hatte. Hernach gab es das Festgericht: Karpfen mit einer polnischen Biersoße und dazu ein Gläschen Punsch. Die Mutter räumte mit Klara den Disch ab. Heinrich und (Emma traten an die Krippe, deren Lichter im Niederbrennen waren. Er fühlt« des Mädchens Schulter an der feinen — da gaben sie sich den erste» Kuß-... Als am nächsten Tag Heinrich vor dem Haus der Pfarrerin stand, um seinen Besuch zu machen, trat Klara heraus und bedeutet« ihm, sie ausj der Gasse zu begleiten. Er erfuhr, -daß Emma viel geweint hätte und sich krank fühl«. Sie habe der Mutter den Kuß gebeichtet und schäme sich nun. Heinrich kam sich selbst sehr verwerflich vor. Zaghaft trat erZns Haus, klopfte an die Tür des Wohnzimmers, in dem er die Pfarrerin beim Kaffee, das Gesangbuch lesend, fand. Sie begrüßte ihn mit großem Blick, und er brachte seine Entschuldigung vor: Die Liebe hätte ihn so weit! gebracht, daß er das Mädchen des abends geküßt hätte; aber er sah« wohl ein, es wäre ein Unrecht für all die Siebe und Güte, die er im Haufe der Pfarrerin genossen; er bäte sie um Verzeihung und um bi« Hand ihrer Tochter, so sie es ihm oerftatte. Die Pfarrerin nickte sehr ernst mit dem Kopfe und sagte, sie musst es überdenken und mit Emma besprechen. — So lebte er ein paar lagern großer Pein, erfuhr nur, was drinnen im Hause geschah, von Klara, die sich zu ihm hinausstahl, wenn sie ihn erblickte. Endlich, am Silvesterabend, ward er eingeladen. Die Mutter vermahnte die beiden, sich nicht den Trieben zu überlassen, wenn sie fid)1 auch liebten; sie sollten sich als anverlobt betrachten und die Hand geben, und warten, bis ihr Bund gesegnet würde durch den Pfarrer. — Und. fie reichten sich die Hände, versprachen sich's. Die Mutter trocknete ihre Tränen; Klara aber lachte, wofür sie von der Pfarrerin geziemend verwiesen wurde. (Fortsetzung folgt.) verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Univerf itäts-Duch« und ©teijibruderei, R. Lange, Gießen.