GietzenerSmiiilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Nummer 78 Zreitag, den 7. Oktober Jahrgang (952 Barbara Allen. Von Theodor Fontane. Es war im Herbst, im bunten Herbst, Wenn die rotgelben Blätter fallen, Da wurde John Graham vor Liebe krank. Vor Liebe zu Barbara Allen. Deine Läufer liefen hinab in die Stadt Und suchten, bis sie gefunden: „Ach, unser Herr ist krank nach dir, Kamm, Lady, mach ihn gesunden." Die Lady schritt zum Schloß hinan, Schritt über die marmornen Stufen, Sie trat ans Bett, sie sah ihn an: „John Graham, du ließest mich rufen." „Ich ließ dich rufen, ich bin im Herbst, Und die rotgelben Blätter fallen, Hast du kein letztes Wort für mich? Ich sterbe, Barbara Allen." „John Graham, ich hab ein letztes Wort, Du warst mein All und Eines: Du teiltest Pfänder und Bänder aus, Mir aber gönntest du keines. John Graham, und ob du mich lieben magst, Ich weiß, ich hatte dich lieber. Ich sah nach dir, du lachtest mich an Und gingest lächelnd vorüber. Wir haben gewechselt, ich und du, Die Sprossen der Liebesleiter, Du bist nun unten, du hast es gewollt. Ich aber bin oben und heiter." Sie ging zurück. Eine Meil oder zwei, Da hörte sie Glocken schallen; Sie sprach: „Die Glocken klingen für ihn. Für ihn und für — Barbara Allen. Liebe Mutter, mach ein Bett für mich, Unter Weiden und Eschen geborgen; John Graham ist heute gestorben um mich. Und ich sterbe um ihn morgen." Der Kriegskommiffar des Königs. Roman von Friedrich F r e k s a. Copyright 1931 by August Scherl, G. m. b. H., Berlin. Die Frau Pfarrerin, eine hochgewachsene, selbstsichere Frau, trat, sich ein wenig bückend, aus der niedrigen Bforte des Pfarrhauses hinaus und rief über die Schulter der Magd zu: „Auf die Suppe achten, daß sie nicht überkocht! Ich muß die Kinder holen; sie sind wieder einmal verspielt!' Dann schritt sie in rauschenden, derben Röcken die aufgeweichte Landstraße hinunter. .. ,, Wutzow war ein langatmiges Dorf. Die Hauser, die mit schwarz gewordenem Stroh gedeckt waren, verrieten eine gewisse Wohlhäbigkeit. Der Schulze, der gerade Mist auflud, grüßte. Er rief ihr zu: „Die Kinnings sind da buten dal!" — Sie nickte; sie wußte schon, wo sie ihre vielköpfige Brut finden würde. Und richtig, hinter den letzten Häusern, auf der Flur zwischen Dorf und Wald sah sie die Kinder mit den Dorflungen tollen. „Friedrich Wilhelm! Heinrich! Theodor! Christine!", rief sie; aber im Lauf schon fing sie das kleine Mädchen, das sich sofort an ihrer Hand hin und her wand und bat: „Laß mich doch! Es ist grab so schon! Zwei Jungens kamen herbei und liehen die Schultern hangen, da sie mütterliche Bestrafung fürchteten. „Wo ist Heinrich?" schrie sie die Mutter an. „Im Wald! Er ist der Räuber und wir di« Soldaten! Die Mutter ging mit dem Mädchen, das sie fest an der Hand H elt, auf den Wald los und rief: .Heinrich!" Die andern Kinder wiederholten im Ehor: „Heinrich!" — Aber der Junge zeigte sich nicht. Die Mutter ging in den Wald hinein und rief abermals: Heinrich! Und schließlich steigerte sie ihre Stimme zu einem heftigen Schrei: „Heinrich! Der Wolf!"--Nach einer Weile wiederholte sie den Schrei. Aus dem Waldweg hörte sie Hufe klappern. Sie gmg dem Reiter entgegen. Da brach aus dem Gebüsch ein kleiner Flachskopf, und tm selben Augenblick preschte der Rester heran, der di« Uniform der Ordonnanzoffiziere des Königs von Preußen trug. In der Hand hielt er einen langschäftigen Pistol und rief: ,Wo ist der Wolf, Frau?" Die Pfarrerin fing den Knaben aus und nahm ihn trotz seiner Größe auf den Arm und sagte: „3d) rief, Wolf, weil ich vor zwei Jahren den Jungen von einem befreien mußte, der ihn fast schon im Fang hatte. Das war am Ende des harten Winters! Und wenn ich ihn jetzt haben will, rufe ich immer: Der Wolf kommt!" Der Offizier richtete sich auf: „Sie scheint eine resolute Person zu [ein. Was hatte Sie als Waffe?" „Df), nichts als einen großen Steinl" „Respekt, Respekt!" antwortete der Reiter und lüstete den Hut. „Kann Sie mich führen? Zum Schulzen und zum Pfarrherrn?" „Dessen Frau bin ich!" Wieder verneigte sich der Reiter. Die Frau schritt an seiner Seite dahin und ließ den Jungen zu Boden. Als sie aus dem Dunkel des Waldes herauskamen, gesellten sich die andern zu ihnen, und Friedrich Wilhelm schrie, seinen Rohrstock schwingend: „Stillgestanden! Präsentiert das Gewehr!" — Alle Jungens sprangen in Reih und Glied und standen da wie eine Mauer. Selbst die kleinen Mädchen liefen herzu und standen steif da, während Christine strampelte: „Mutter, laß mich doch auch!" Der Kurier nickte vom Roß. „Jungens", sagte er, „und auch Sie, Frau Pfarrerin, gilt's! Nehmt euch zusammen und ertragt's mit Ergebenheit in Gottes Ratschluß: Seine Majestät König Friedrich Wilhelm I. von Preußen ist versammelt worden zu seinen Vätern! Gott sei seiner Seele gnädig! Betet ein stilles Vaterunser!" Die Jungen liehen die Köpfe hängen, aber Friedrich Wilhelm, der kleine Kommandeur, schrie: „Beten!" lind auf dieses Kommando falteten sie über den Stöcken die Hände. Der Reiter verharrte stumm, bis sich die Blicke hoben. „Amen!" sagten sie. Der Kurier bedeckte sein Haupt, ritt davon, lieber dem grauen Reitermantel schlug im Rhythmus des Galopps der Zopf. Den Jungen war die Lust zum Spielen vergangen. Die Neuigkeit, die sie doch nicht ganz begriffen, brannte in ihrem Herzen. „To Huus! To Huus!" riefen sie und sprengten auseinander. Die Pastorin ging mit ihren vier Kindern ins Dors hinein. Der Schulze begegnete ihnen und stieß heraus: ,Wat bat nu woll wem! Nu kommt da woll een nijen König von Preußen! Wals all jivt!" Da schrie Theodor: „Jst's denn -möglich, daß ein König überhaupt sterben kann? Warum heißt er dann König?" „Ja, bat is nu man woll so, min Jung!" sagte der Schulze. „Da des Sommers erfreu:, jeden Morgen durch den sandigen Waidessaal eine halbe Stunde roet zum Strand hinüber. Zwischen den Föhrenstämmen leuchten die weit», langen Strandhosen der Damen in allen Farben. Aber es verteilt sich. Jeder kann sich hier selber überlassen bleiben, wenn er will; und d:- meiften, die Herkommen, wollen es. Auch an dem stillen, urwüchsige, Strand gibt es keine Menschenansammlungen mit Strandkorb vermiete Flaggenkrieg und sonstigem „Badebetrieb". Nur Ruhe, Frische, Raun für alle. Die See spült merkwürdigerweise weder Seegras noch Alge, noch Onallen auf den Sand. Nur hie und da eine Tracht kleiner runter Steine in vielen Farben. Der bekannte, faulige Jodgestank bleibt einem erspart. Was mir fehlt, sind die Möven; man sieht nur dann und roam! ein paar. Kommt Westwind auf, so wird die Brandung alsbald sehr stark, w t sonst eigentlich nur an der Nordsee, an der Küste von Sylt. Dabei bfeilt jedoch immer eine leuchtende Milde in Licht und Luft bestehen. * / Dies ist das Land des (unberufen) unzerstörbar schönen Wetter;. Gestern hat es zum ersten Mal seit vier Wochen geregnet, aber beule strahlt schon wieder der reine Himmel. Vor einiger Zeit hatte sich tu Glanz so zur Glut gesteigert, daß mir nach Grau und Regen seufzt-, und meinten, sie mußten kommen. Eines Abends lagen die Gewähr rings um den Horizont getürmt und wetterleuchteten die ganze Nach:. Aber der Sternenraum blieb klar und kühlte sich ab ohne Wolke undBb-. Während dieser schwülen Zeit waren uns Tage und Nacht fiebr g verwandelt. Der Wind stand heiß und schwächlich vom Haff her, das |d)ci am Morgen in zäher bräunlicher Schlaffheit glänzte. Die dunstige Sonn schien erstickend nahe. Das Kieferngebüsch war von Tausenden von Kren? spinnennetzen Überglitzert. Die Frösche quarrten inbrünstig im «ch: Die ganze Welt war wie versenkt vor Glut. Sumpfige Brutwarm-t lastete. Wie im Treib hause Gottes. Die Helligkeit der beiden Nää t ließ uns nicht schlafen; denn diese Zone taucht zur Zeit der längst» Tage nicht tief genug in die Nacht; man ahnt schon die Mitternacht sonne noch nördlicherer Breiten; um zwei Uhr war es bereits fast taghell Durch das fahle Licht schrien die Krähen. * Wir fahren im Jagdwägelchen mit zwei zähen kleinen Pferden nh Elchrevier nördlich von Nidden. Etwa eine Stunde weit hinaus in r« Gebiet, das abermals einen ganz anderen Charakter zeigt: lichtes Birker und Erlengehölz auf weiter, sandig-mooriger Fläche. Helle, linde Wr! abgeschiedenheit. Fern das Haff als schmaler dunkelblauer Streif. Es geht schwankend über Stock und Stein, ohne Weg und Sw) durch Busch und Schilf. Sand und Sumpf. Ein Reh schreckt auf. (h« Hase. Ein Kuckuck vom nahen Ast. Wir kutschieren lange umher. Drei Stunden schon. Die Elche — sind ihrer an die fünftig in diesem Revier — haben wegen der Dum« offenbar einen Ausflug in wasserreicheres Gebiet unternommen. r > Zweige schlagen uns ins Gesicht. Plötzlich, ganz nahe, fünf, sechs Mer: wert, sehen wir zwei braungraue Hinterteile aus dem Gebüsch ragen Langsam, ohne Scheu drehen die hochbeinigen Tiere sich zu uns herum: ein alter Schaufler mit mächtigem Buckel und einem bärtigen Bat-..' Abrahams-Kopf und ein mächtiger stelziger Bock als junger 3|aat »'• neben. Sie glotzen uns ruhig an mit den weit auseinanderftehen».: Augen, die fast rüffelartig vornüberlapenden Nasen gesenkt. Sie stet da mit der lässigen Ruhe eines uralten Geschlechts. Aber sie wahren 0- Abstand. Als wir ausftelgen und uns noch näher an sie heranpursck wollen, stelzen sie gelassen hinters Buschwerk, wo sie wieder stehenbleivr Wir erspähen nachher noch drei andere; auch eine Kuh mit eine wollig hellbraunen Jungen, das fast wie ein dickes kleines Lama aw- fchaut. „Nicht zu nah ran", warnt der Kutscher. Die Alte greift scr- an, mit den Vorderhufen schlagend. Die seltsamen Urwelttiere werden geschont. Nur böse alte Hir;m> die in der Brunst jüngere Rivalen töten, werden abgeschossen. Rosa Glut im Westen leuchtet über dem Hellgrün und den njei&t Dünenkämmen dahinter, während wir heimwärts holpern. Em rm - Seewind streicht mit leisem, abendlichem Sausen herüber. Morgen , es wieder schön. verantwortlich: vr. Hans Thyriot. — Druck und D erlag: DrühlscheUntversitäts-Duch» und Steindruckerei, R. Lange, Gieße 1.