Geheim KmnlienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang J932 Montag, -en 6. Juni Nummer 43 Ballade. Von Ernst Moritz Arndt. Und die Sonne machte den weiten Ritt Um die Welt. Und die Sternlein sprachen: „Wir reisen mit Um die Welt"; Und die Sonne, sie schalt sie: ,Hhr bleibt zu Haus! Denn ich brenn euch die goldnen Aeuglein aus Bei dem feurigen Ritt um die Welt." Und die Sternlein gingen zum lieben Mond In der Nacht, Und sie sprachen: „Du. der auf den Wolken thront In der Nacht, Laß uns wandeln mit dir, denn dein milder Schein, Er verbrennet uns nimmer die Aeugelein." Und er nahm sie, Gesellen der Nacht. Nun willkommen, Sternlein und lieber Mond, In der Nacht! Ihr versteht, was still in dem Herzen wohnt In der Nacht. Kommt und zündet die himmlischen Lichter an, Daß ich lustig mit schwärmen und spielen kann In den freundlichen Spielen der Nacht. Brennendes Schiff. Von Alexander Thayer. Ich hatte in Bandoeng zu tun und fuhr zurück nach Batavia. In Batavia nahmen wir Ladung: Zinn in die unteren Laderäume Zucker, Tabak, Reis, Kampfer; an Deck verstauten wir eine Menge Teakholz und einige Weinfässer. , Dann lichteten wir die Anker und gingen in See Nach Zwei Tagen ankerten wir vor Semarang, um einige hundert Kisten Batiktucher z laden. Diese werden zu Tausenden in Djoka hergestellt und von dort nach dem ganzen Orient exportiert. Gleichzeitig löschten wir dort Ladung, Farbenkisten aus Deutschland, die eben diese Batikfabriken zur Hers lung ihrer Tücher benötigten. In Soerabaja nahmen wir noch zweihundert Chinesen an Bord, ich zusammengedrängt lagen die Kulis tagsüber aus dem Vorschiff Sonnenplache, und der Gestank wehte von unferm Schisse bis z , 500 Meter entfernten Land, so daß die Hafenbehorde uns befahl, die Anker zu lichten und dreitausend Meter weiter auf der Reede zu ankern. In den wenigen Kammern auf dem Oberdeck waren em,ge weiße Passa- Bicre untergebracht, ein englischer Missionar, dann Beamte der verfr ch tenden Firmen und eine junge Dame, Tochter eines englischen Blanch^n- besitzers auf Java, die nach Schanghai wollte, um einen holländischen Ingenieur zu heiraten. Sie war eine bildschöne, schlanke, blond g länderin und lag meist zurückgezogen auf ihrem Liegestuhl f Vootsdeck, mit ihrem Roman beschäftigt. So lichteten wir die Anker und fuhren an einem herrlichen Morgen 'n See, liehen Soerabaja langsam hinter uns. Niemand ahnte, daß es die letzte Reise der „Du Shun" sein sollte. , Am andern Tag ankerten wir vor Boeleleng °uf d°r sagenre,chen Ne( Bali. Nachdem die Ladung übernommen ist, liegenwirausdem Deck und starren in den sternenklaren Himmel. Mit uns der Dolmetscher, Herr Roosevelt, ein Nesse des früheren Präsidenten von Amer, a der hch letzt mühsam als Touristenführer und Dolmetscher auf ' durchbnngü Dann klapperten wir unsere Omnibusstrecke weiter; Celebes wo wir weitere zweihundert Kulis an Bord nahmen; brei Tage ging $ heimtückische Celebes-See und dann hinaus auf die endlose Flache d Stillen Ozeans. Die Hitze wurde unerträglich. Wenn der Wind gegen uns war, wehten d'e penetranten Düfte der auf dem Vorschiff lagernden Matzen zu »uf die Brücke. , , w Wir sahen abends in unserer kleinen Meffe oder lagen auf dem Bootsdeck im erfrischenden Wind, Unser Telegraphist s ß endliche bne, und der Kapitän spielte mit dem Ersten Offizier ft Schachpartie, bei welcher der Erste prinzipiell den Alten gewinnen ließ, um ihn in guter Stimmung zu erhalten, und weil ein Erster Offizier überhaupt nicht seinem Kapitän über sein darf, auch nicht beim Schachspiel. Heber das ganze Deck zog eine eigentümliche Mischung von beißendem Tabakgeruch aus der Ladung, Kampfer und dem Gestank unserer leben» den Fracht. Die Engländerin lag in ihrem Bordstuhl, umgeben von einer betäubenden Wolke eines feinen französischen Parfüms; der Missionar las in seinem Brevier, und die anderen Herren spielten. Da stürzte mit bleichem Gesicht der Maschinenches herauf und flüsterte dem Kapitän etwas ins Ohr. Der Kapitän sprang von seinem Stuhl, daß die Schachfiguren über das ganze Deck kugelten, und verschwand im Niedergang. Die Schraube blieb stehen, der überschüssige Dampf strömte zischend und brausend durch das Ablaßventil. Nach einigen Minuten kam der Kapitän zurück und ging nervös auf der Brücke auf und nieder. In der Maschine wurde inzwischen fieberhaft gearbeitet. Durch ein plötzliches Durchgehen der Maschine war ein Kolben aus seinem Lager gerissen worden. Mil Kränen wurde der Kolben wieder an seine Stelle gebracht, und nach vier Stunden war der Schaden behoben. Langsam wurde das Dampfoentil aufgesperrt. Schon bei dem schwächsten Druck ging die Maschine auf sechzig Touren! Da kam der Maschinenchef auf Deck, legte sich in einen Liegestuhl und zündete feine Pfeife an. „Die Maschine ist all right, Sir", sagte er. — „Warum zum Teufel fahren wir aber nicht", schrie, zornrot im Gesicht, der Alte. „Das ist eine andere Sache", erwiderte der phlegmatische Maschinenchef. „Wir haben die Schraube verloren! Glatt am Wellennock abgebrochen!" Wir stürzten in die Funkkammer. „Geben Sie sofort SOS", rief der Kapitän, „unsere Position, erbitten Sie Schlepperhilfe aus Manila!" „Entschuldigen, Herr Kapitän", entgegnete der Telegraphist, „mir ist heute die letzte Röhre durchgebrannt, Ersatzröhren find doch bei uns hier ein Luxus, den wir uns nie leisten durften. Mit diesem traurigen Rest kann ich keine Signale mehr geben!" Wir zerbrachen uns die Köpfe. Es war eine trostlose Situation. Wir waren abseits vom Kurs der meisten Dampfer, vor vier Wochen war der auf Gegenkurs laufende Dampfer unserer Linie nicht zu erwarten. Was aber das Aergste war, wir hatten nur Wasser für acht Tage! * Am nächsten Tag ging alles noch seinen ruhigen Gang, am zweiten Tag spürte man schon eine gewisse Unruhe unter den Kulis. Sie bekamen diesmal nur die halbe Ration Wasser. Am dritten Tage sichteten wir noch immer nichts. Als wir an Deck tarnen, fehlten zwei von unfern acht Booten. Offenbar hatte ein Teil der Mannschaft sich auf diese Weise retten wollen und war dem sicheren Verderben in die Arme gefahren. Die Kulis rotteten sich zusammen und wollten auf die mittschiffs gelegenen Aufbauten. Einige Revolverschüsse belehrten sie, daß wenigstens die ersten nicht lebendig heraufkommen würden. Am zehnten Tage aber brach die Meuterei los. Einen direkten Angriff auf die Brücke wagten die Kulis nicht, besetzten aber das untere Deck, während wir Offiziere, die weißen Passagiere und lie laskarische Mannschaft uns auf die Kommandobrücke zurückzogen. Das Bier, die Wasfersässer mit dem Rest unseres Wassers hatten wir auf das Dach des Navigationshauses geschafft und mit Persennings gegen die glühen- den Sonnenstrahlen geschützt. Unten am Bootsdeck kämpften sie wie irrsinnig um die Boote, fünfzig, hundert stürzten sich in ein Boot, eines kenterte sofort, nachdem es zu Wasser kam, ein andres fiel aus dem Block, schwebte an einem Ende in der Luft, während eine Traube zappelnder Menschen in der Luft hing. Einer klammerte sich an den andern, bis sie allmählich abbröckelten und ins Wasser fielen. Schreien und Brüllen aus dem aufgepeitschten Wasser verriet, daß die Haifische ganze Arbeit machten. In wenigen Minuten war kein Boot mehr an Deck, drei von den acht Booten konnten zu Wasier gebracht werden und fuhren eilig davon. Inzwischen hatte es aufgefrischt und eine lebhafte Nordwestdünung ließ unfern Dampfer von einer Seite zur andern rollen. Der Telegraphist bastelte unermüdlich an seinem Apparat. Aber auch mit bessern Mitteln, als ihm zur Verfügung standen, hätte man keinen Sender bauen können, der eine Reichweite von 2000 Kilometer besessen hätte. Nach zwei weiteren Tagen hatten wir nur noch zwanzig Flaschen Bier und 200 Liter Wasser. Von allen Setten kletterten die Kulis jetzt auf bas oberste Deck. Wir zogen uns in bas Steuerhaus zurück, verschalten die Fenster und überließen ihnen das ganze Schiff. Da wir sahen, daß wir uns höchstens nur Deutsche Dome. Von Ilse Riem. Ueberall in deutschen Landen ragen sie auf, schwer und wuchtig, erd- | gebunden, die romanischen Kirchen, — leicht und himmelstrebend, mit ; Säulen und edlem Maßwerk geschmückt, die gotischen Dome. An sie denkt man wohl zumeist, wenn man „Deutsche Dome" sagt, sind sie doch weck । zahlreicher vertreten als jene, in denen sich der romanische Stil noch rein und unvermischt bewahrt. Jahrhunderte bauten an ihnen, verschie- • bene Zeitalter drückten ihnen ihren Stempel auf und auch die romanisch begonnenen haben in ihren jüngsten Teilen leise Anklänge an die Gotik oder schon rein gotische Türme und Chöre. In jenen Zeiten, da die Architektur sich ständig fortentwickelte und anderseits Jahrzehnte und Jahrhunderte an einem Bauwerk schufen, konnten so die reizvollen Bauten des Uebergangsstils entstehen, in reinem romanischen Stile beginnend, sich langsam wandelnd und zuletzt mit gotischem Höhenstreben beschlossen. Aus den Tagen des Frankenkaisers Karl haben wir noch einige wenige Bauwerke. Dahin gehört der Westbau des Münsters zu Essen, St. Michael in Fulda, die Kirche von Lorch und das Münster zu Aachen ... Lieblingssitz Karls, Krönungsstadt der deutschen Könige. Aus Karolingerzeiten noch grüßt das Münster herüber, irgendwo hier unten in seinen Gewölben schläft geheimnisvoll sein Gründer, im Kaisermantel, die Krone auf dem Haupt. Geschäftig webt die Sage ihren Schleier, ihre bunten Hoffnungen und Möglichkeiten um seine Gestalt, Jahrhunderte kommen und gehen, Kaiser gehen aus und ein, die Zeiten wandern, sie bauen alle am Münster, immer bunter, immer mannigfaltiger wird das Gesicht der ehrwürdigsten deutschen Kirche. Um das karolingische Oktogon legt sich allmählich ein Kranz reizvollster gotischer Kapellen und Kapellchen, verschieden in Gestalt und Stil und Schmuck wie die vielen Meister, die sie gebaut. Da ist die Annakapelle, die reichste unter ihnen, um deren Schönheit schon ein leiser Hauch des Versalls mählich untergehender Gotik schwebt. Die Mathiaskapelle dagegen, die älteste des Kapellenkranzes zeigt noch die reiche und dennoch maßvolle Ornamentik edelster Gotik, in der noch nichts von Ueberladung zu sehen ist. Gleich dem Münster ist sie in Ober- und Unterkirche geteilt und sah nach der feierlichen Krönung den neuen Kaiser in Beratung mit den Kurfürsten des Reiches. Unverändert, nach den Plänen des ersten Meisters, sehen wir keinen deutschen Dom mehr vor uns. Zu zahlreich waren die Brände, die die Kirchen verwüsteten, zu oft Krieg und Rot im Lande. Und zu gewaltig waren die Pläne und Entwürfe, als daß sie ein einzelner hätte vollenden können. So folgen dem ersten Meister ein zweiter und dritter, jeder kommt mit seinen eigenen Gedanken, jeder setzt sie dem Werke des Vorgängers einfach auf, ohne weitere Bedenken. So kann man die verschiedenen Bauperioden deutlich erkennen. Aus Frankreich kommt, über die Rheinlande her, die Gotik herüber, die Kirchenfürsten erbauen in ihren Metropolen die begonnenen Dome in dem neuen Stil weiter und so entstehen jene zahlreichen Bauten des Uebergangsstils, in denen sich Rundbogen und Zwerggalerie mit Strebepfeilern und ragendem Turme mengen. Eine der ältesten romanischen Kirchen Deutschlands ist die Michaeliskirche in Hildesheim, zu welcher der Bischof Bernward 1001 den Grundstein legte. 1033 war der Bau vollendet und 130 Jahre später zerstörte ihn eine Feuersbrunst. Rach dem Wiederausbau entstand oud) jene berühmte gemalte Decke. ~ _ Drei große Kaiserdome besitzt das Rheinland, den zu S p e y er, z« Worms und im Goldenen Mainz. Nachdem der erste Bau zu Mach abgebrannt war, wurde 1036 ein neuer errichtet, ber aber auch die stach Holzdecke hatte und abbrannte. Dann wurde der Dom zum bn tenmai errichtet, und zwar im wesentlichen in der heutigen Gestalt. Auch hie, ging es langsam vorwärts, erst 1239 war er ganz vollendet. 1030 eg t Kaiser Konrad den Grundstein zum Dom zu Speyer, der BegrabnisstM der deutschen Könige, die 1689 von Ludwig dem Vierzehnten zerstört und ausgeraubt wurde. Im Anfang des vorigen Jahrhunderts wur>.e er in einer nicht ganz zweckmäßigen Weife wlederhergestellt. Auch der Don zu Worms, dessen Anfänge bis vor das Jahr 1000 zuruckrelchen, ist in 12 Jahrhundert erneuert. Mächtig und kraftvoll wirkt der Hohe Chor •mit der romanischen Zwerggalerie, flankiert von den beiden schwer» Der gewaltigste der deutschen Dome ist der zu Köln, um füns Schisst legt sich ein Umgang und ein Kapellenkranz. Acht Jahrhunderte baut« an ihm 1248 legte Erzbischof Konrad von Hochstaden in feierlicher Fürstenversammlung den Grundstein, am 15. Oktober 1880 wurde b?r Dom geweiht. Wechselreiche Jahrhunderte liegen dazwischen, Zecken, it denen der Dom Magazin und Schober war. 135 Meter ist er lang und 61 Meter breit, bis zum Dachfirst mißt er gleichfalls 61 Meter und feine beiden Türme erreichen die Höhe von 160 Metern. Gerhard von M war der erste Baumeister, ein Kölner Kind, der in Frankreich den go,,. kchen Stil studiert haben mag. Im 15. Jahrhundert trat ein ©tillftanii an der Arbeit ein und man gewöhnte sich allmählich an das unfertire Aussehen des Münsters. Dann machten die Romantiker das Mitlelalitk von neuem lebendig, man schaute auch wieder nach Deutschlands gewaltigstem, unvollendeten Dom und der Bau begann, durch Samw tungen gefördert, von neuem, bis endlich, endlich feine Glocken über Des Heilige Köln tönen konnten. Ist der Kölner Dom ein Wahrzeichen französischer Hochgotik, so ist der M a g b e b u r g e r rein deutsche Gotik. Kardinal Albrecht der Zw-i« legte 1209 den Grundstein und war auch zugleich der erste Baurnelsisi. Erst 1520 konnten die Bauhütten abgebrochen werden. Viel schwerer um ernster, gesammelter wirkt diese deutsche Gotik auf den Beschauer, ton Rankenwerk, das alles umspannt und fast verwirrend wirkt grogt, ruhige Flächen, sparsames Maßwerk, das ist hier das Wesentliche. Erwin v. Steinbach, der der berühmteste der deutschen Baumeister des Mittelalters war, schuf die lange Fassade des Straßbu-- q e r Münsters und die herrliche Rose. Von 1284 bis 1318 leitete er tM Straßburger Bauhütte, ihm folgte sein Sohn bis 1339. Wie nut feinst!» Spitzen, so ist seine ganze Fassade mit Bildhauerarbeit überzogen, Figuren von einer wundervollen, schlichten und doch so eindringlich-» Schönheit. , , „ Roch eines der gewaltigsten Münster sei genannt, jenes zu U IN 1377 begann der Bau, als der Chor vollendet war, war er für das »!- gonnene Langschiss schon zu klein geworden. Die steigenden Kosten schn-l- ten die Bürgerschaft von weiterem Bauen ab, erst im vorigen Jahrhundert wurde er vollendet. Roch viele deutsche Dome wären zu nennen, jener zu Limburg und jener zu Bamberg, der Dom zu H a l b c r ft a ö t und der JU Freiburg und alle die unzähligen andern. Wurden doch auch maW Abteikirchen geschaffen, die in ihrer Größe und Macht wohl als Dom anzusprechen wären. . _ Die Backsteinkunst Norddeutschlands gestaltete die Gotik wieder 1 ganz anderer Richtung um. Hier hatte man es mit einem (proben« Material zu tun, bas sich nicht wie der Haustein willig bem Steinmetz;» und bem Bildhauer darbot. Durch die Verwendung von farbig glasiert» Ziegeln schmückten die Meister des Ziegelsteinbaues ihre Kirchen, eil Schmuck, der gerade in seiner Schlichtheit, die nur durch das Materm ' wirkt, von wundervoller Schönheit ist. Ein typisches Beispiel dieser ftrew qeren, kargeren Kunst ist die Katharinenkirche in 23 r a n ö e n b u r g •« der Havel und, wenn auch in kleinerem Maßstabe, die Marienkirche i K ö n i g s b e r g in ber Neumark. Den Höhepunkt biefer Kunst aber billt die herrliche Zisterzienserkirche des Klosters C h o r i n , die auch noch > ihrer Zerstörung ein Zeichen ber ebelften und reinsten Gotik ist, wie mm irgendein anderer Dom in deutschen Landen. Vergangenheit wird lebendig, wenn wir diese stummen Zeugen trachten, an denen eine Fassade, einen Turm, ein paar Kapellen j« bauen eines Meisters ganzes Lebenswerk ausmachte, das er roeiterg.« in die Hände eines anderen, nur fein Meifterzeichen auf den Steim« hier und da gemahnt an ihn. Kunstharz. Neue lechnlfche Möglichkeiten. Von Dr. Emil Carthaus. Große, tief in das wirtschaftliche Leben eingreifende Erfindung!! wollen, um sich ganz geltend zu machen, Zeit haben. Das sieht man 1*8* wieder bei den Kunstharzen. Schon vor mehr als zwanzig 3atjren ti ber bekannte amerikanische Chemiker B a k e l a n d mit einem tünftliQ harzartigen Stoff hervor, ben er durch Einwirkung von zwei Mmeku-t Phenol auf ein Molekül Formaldehyd erhallen hatte und ber einige c Naturharzen nicht zukommenbe, technisch fehr wertvolle Eigenschaften saß. Abgesehen davon, daß dieses Kunstharz leicht herzustellen war, Y-»- es auch den Vorzug verhältnismäßig geringerer Gestehungskosten, m doch Phenol ein recht billiges Erzeugnis der auf der trockenen Desli» tion von Steinkohle beruhenden teerfarbeninbuftrie; Formaldehyd ->». ein in wässeriger Lösung als Formalin bekanntes, stechend riechen-- ' Gas, welches sich zu geringem Preise leicht aus Methylalkohol b°rsteu, läßt. Ist doch dieser, wie schon seine Bezeichnung als Holzgeist. ver» ein Destillationsprodukt aus Holz, das bei ber Fabrikation von Holz- t massenhaft als Nebenprobukt gewonnen wirb. Kocht man Phenol u noch einige Stunben halten konnten, warfen wir die Wafserfasser zu ihnen hinab. Ein grausiger Kampf umtobte bie Fässer. Wahrend eine Gruppe mit aller Gewalt versuchte, bie großen Gebinde nach ihrer Seite zu rollen, fielen ihnen andere in den Rucken und metzelten sie mit ihren Messern nieder. Ein Faß zersprang, und das kostbare Naß rann über den Boden. Was waren die wenigen Fässer für Hunderte vor Durst halb wahnsinnige Menschen! In ihrer Verzweiflung steckten diese schließlich die Ladung in Brand; der Dampfer brannte und begann zu sinken. Sind wir jetzt verloren?" beschwor mich die junge Engländerin. Verloren ist man erst dpnn, wenn man sich selbst aufgibt , antwortete ich ihr „wir werden jetzt versuchen, uns mit dem Berthon 311 retten, mit bern Rettungsfloß, wenn das Vorderschiff überflutet und die Tobsüchtigen weggeschwemmt werden!" Der Telegraphist packte seine Violine in ben Kasten, ber Stemarb brachte jedem von uns einen Rettungsgürtel, während der Kapitan die Schiffskasse holte und seinen kleinen Koffer packte. In diesem Moment rief der Mann aus dem Ausguck: „Rauchwolke nähert sich aus Nordost, hält gerade auf uns zu!" Die Wahnsinnstat der tobsüchtigen Kulis, das Schiff unter ihren eigenen Füßen in Brand zu setzen, war g-erabe unsere Rettung ein Dampfer, ber zwischen ben Philippinen und Australien fuhr, hatte die Flammen und bie Rauchsäule, die aus unserm Vordeck schlugen, bemerkt, und sofort Kurs auf bas drennenbe Schiff genommen. Ein Tobsüchtiger sprang noch angesichts der kommenden Rettung, als die Matrosen ihn packen wollten, aus Angst über Bord und ertrank. Wir stiegen in die Boote, als erste die Engländerin, als Vorletzter ber Telegraphist, seine geliebte Violine unter dem Arm, zuletzt der Kapitän in seltsamer Adjustierung: seinen neuen steifen schwarzen Hut hatte er auf bem Kopf, damit er nicht beschädigt würde, die Marinekappe unter bem Arm eingeklemmt, in ber einen Hanb seinen Kosfer, in ber andern trug er ben Sextanten und seinen Zeiß; am Rücken hatte er an einer Schnur den Käfig mit seinem Kanarienvogel hängen, den er nicht ben Wellen preisgeben wollte. Jeder von uns trug seine eilig zusammen- geraffte Habe. Als wir an Bord unseres Retters waren, des australischen Dampfers Sunland", sahen wir, wie sich eben bie halb ausgebrannt? „Pu Shun" zur Seite legte unb in ben Wellen versank. Bugüber ging sie unter, bas Heck hob sich noch einmal hoch in bie Luft unb zeigte bie nackte Schraubenwelle ohne Schraube ... K all Was Pressen zu ftt unschuldig. Oie pariser. Roman von Alsrod Bock. (Fortsetzung.) ♦ ** t tt geschwätzt, beschuldige. Himmelfahrtstag. Großvater, laut weinen. Formaldehyd in entsprechendem Mengenverhältnis zusammen, so entsteht eine im Aussehen an Honig erinnernde Flüssigkeit, die bei weiterem Erhitzen immer dicker und zäher wird, bis sie schließlich harte Stucke von gelbbrauner oder brauner Farbe bildet, die dem Harze unserer Nadelhölzer ähneln, aber, wie gesagt, noch wertvollere technische Eigenschasten als diese besitzen. Man kann Kunstharz durch Erhitzen und durch starken Druck unter der hydraulischen Presse in jede beliebige Form bringen und ihm dabei einen erstaunlichen Grad von Härte und Zähigkeit verleihen Und da der nach seinem Erfinder genannte Bakelit in den verschiedensten Farbennüancen herstellbar und, obwohl man bei seiner Darstellung von m>ei siarkriechenden chemischen Stoffen ausgeht, auch völlig geruch- und aeschmacklos ist, erstreckt sich das Feld seiner Verwendungsmöglichkeiten in der Technik so weit, daß seine Erfindung für diese geradezu als epochemachend bezeichnet werden kann. Wenn es trotzdem solange gedauert hat, bis sich das Kunstharz im Wirtschastsleben Bahn gebrochen hat so ist das zum Teil darauf zurückzusühren, daß die Erfindung Bakelands für alle Industrieländer durch so weitgehende Patentansprüche geschützt war, daß Chemiker, die ähnliche oder für gewisse Zwecke noch besser geeignete Kunstharze herzustellen suchten, von der praktischen Verwendung durch die hohen Lizenzforderungen abgehalten wurden. Erst nachdem die Patente zum Schutze der Fabrikation von Kunstharzen aus Phenol und Formaldehyd abgelaufen waren, warf sich die Technologie mit Macht und Erfolg aus dieses vielversprechende chemische Gebiet So kam man zur Darstellung der „Resole", die sich aus nur einem Molekül Phenol und einem Molekül Formaldehyd zusammensetzen und die merkwürdige Eigenschaft besitzen, daß sie durch fortgesetztes Erhitzen völlig unschmelzbar werden und so unter dem Namen „Resite" in der Technik mehrfache Verwendung finden. Ein anderes Kunstharz lernte man aus Harnstoff — einer Stickstofsverbindung der Kohlensäure, die man jetzt für^verschiedene wirtschaftliche Zwecke in größeren Mengen gewinnt — und Formaldehyd Ich hab' mir in der Stadt gekauft, was ich kaufen woll't, und hab' mir auch ein Pläsier gegönnt. Und war doch net zufrieden, 's tat mir was fehlen. Und war mir als so dämpig zumut, daß ich mir gar net mehr helfen könnt'. Du weißt's ja, wie's bei uns deheim is. Mein Bruder is mir wie ein fremder Mensch. Man spricht von GeschwUtcrn, die sein vom selben Blut. Meinem Bedunk nach kommt's auf die Gemütsart an. Der Philipp und ich, wir fein himmelweit verschieden. Etz meine Mutter, die is als am Beten. Mein Vater hat sein' Kopp voll. So sein ich immer für mich gewest. Und tat's gespllren, daß ich mich an was halten mußt. Nu seist du bei mich kommen, Karl. Und hatt'kt noch gar net Diel ge- schwaßt* da dacht' ich bei mir: Der is wie geschaffen für dich, lieber so was wird man sich klar und weiß net wie. Und s is doch eso, daß man's fühlt, mit dem kannst du gute Tüg' durchmachen und auch sch echte. Und sein auf einmal fo froh gewest, du kannst net ausdenken, wie froh. Sie hielt inne. Ihre Wangen waren mit Glut übergossen, und ihr Busen hob und senkte sich. „'s is mir ja schamelich", sprach sie weiter, „daß ich dir das e sag'. Das schrappe! ich so eraus. Ich fein in Verzweiflung, Karl. . willst du dich in die Wahlsachen stürzen? Ich setz den Fall, sic bringen dich durch, und du wirst Bürgermeister. Is das dann das Gluck all? Die Höh' tut kein' gut. Bleib' drunten, Karl. Sein wir zwei unstet genug? Wir wollen's den Leut emal weisen, was ein sirm Leben >s. Wieder stockte sie. Dann trat sie so nah an ihn heran, daß er das Wehen ihres Atems spürte. Karl" bat sie schier sassungslos, „verwerf' dich net mit meinem Vater, sonst machst du eine Scheid' zwischen dir und mir. Er rührte sich nicht, stand wie an den Boden festgewachsen All ihre Reinheit und Treue hatte sie vor ihm enthüllt Wie glühende Pfeile I hatten sich ihre Worte ihm in die Brust gebohrt Und er dachte: „Tat sich die Erde doch aus, daß sie dich mit deiner Qual verschlänge Da zog man ein schuldlos Mädchen in Parteiung und Hader, vergriff sich an etwas Heiligem und belud sich mit Sündenlast, von der keine Kirche, kein Pfarrer einen ledig sprach. Wie konnte die Natur nur so Zwerch- heiten treiben, daß sie dem teuslischen Vater die brave Tochter gab Den Vater haßte er in den Tod, die Tochter tat ihm in der Seele weh. Herrgott im Himmel, führte denn kein Weg aus diesem Zwiespalt heraus? Und wieder blitzte es in ihm aus: „Wirf alles von dir, was dich fesselt. Du findest allenthalben dein Brot. Nimm dir das Mädchen zur Frau. Sie ist des besten Mannes wert und bringt dir Gluck. Nur I eines Atemzugs Länge war's, daß er sich in diese Vorstellung verlor, gleich dröhnte es ihm wie Grabesstimme ins Ohr: „Du versprichst mir s in die Hand hinein, daß du's dem Wul heimzahlen tust. Es durch- fchlltterte ihn bis in den letzten Nero. „Sei ruhig Vater, ich zahl s ihm heiml" Fort mit den Hirngespinsten, fort mit der Schwachheit fiter war fein Platz, hier hatte er feines Racheram s zu walten. Und war denn ein Gedächtnis fo kurz? Noch eben hatte fte es ihm vor den Kopf gesagt: „Verwerf dich net mit meinem Vater sonst machst du eine Scheid' zwischen dir und mir." Ja, wußte sie so wenig „Bescheid, daß sie sich vor den Bösewicht stellte, ober war s nur die Anhänglichkeit des Kindes, die ihr die Worte eingegeben? Gleichviel. Ems gelobte er sich jetzt: sie durste nicht eher die Stube verlassen, bis er die Faden I bloßgelegt und seine wahre Farbe gezeigt. Lieber ihre Verachtung tragen, als noch länger den Heuchler spielen. Er wandte sich um. Sein Gesicht war aschfahl. Annegret", sprach er, „ich will zwischen dir und deinem Vater keine Une'intracht machen. Ein Kind soll ja fein' Vater ehren. Und ein schlechter I Vater is auch ein Vater." "fiaG Ruh?" gebot11 er. „Ich muß emal auf den Kloben schwätzen I Vielleicht, daß dir dann ein Licht aufgeht. Guck, Annegret, ^n iedes so mit Freuden an [eine Jugendzeit denken. Jung sein, heißt srahlich sein Ich hab' keine Jugendheit gehabt. Ich sein jung geroeft mit curom alten I Gesicht Demwegen beschellig** ich dein' Vater. Ein Tag tommt mir net in Vergeß und wann ich hundert Jahr' alt werd. s war Gekrauter- tag*" Und war ein Geblüh', net zu beschreiben. Das halbe Ort war aus den Beinen. Sellemal fein ich mit meinem Elleroater-f cnau auf I Snn tRnherPnnf Gemocht Forint* jeben 93oum. (9erob fom bos junge Laub e?7us^,L fagt er, der Wald is unf Nothelfer gewest. Der Vurgemeifter hat ihn uns weggerappfchl. Gott fei s geklagt die Ge- rechtiakeit is in Born gefallen.' Nu fein mir beibfmnmen der Hol) 3U gongen. Schritt für Schritt. Dann der Ellervater ha uet viel Lust. Droben fudit’ er sich ein Plätzi, wo man eine weite Aussicht hat. ,Bub, mnf er und w7es enabber, .da is unf Haus, und da liegen unf Aecker. Das all hat uns der Burgemeifter genommen. Morn zackern wir das fiunaerseld' Und fängt an zu gerrenft, daß mir s Herz zerschnitt. Den Sonntag drauf sein wir nach Paris gemacht. Und war ein ganzer Trupp, L dein Vater'um Haus und Hof gebracht hott'. Die Bauern sprechen I tfhroarier Acker is gut gewächstg für den Weizen. Ich fein auch fo I ein icbwarzer Acker geroeft, gut gewächstg für den Haß. Weißt du bann, was'd7s beißt einen Mensch aus He ftern Grund hassen? Ich gloub^ 7et Ick weiß es Annegret Das quillt In einem auf. Und geht durch : Leib 'unb Seel'. Ünb kennt keine Rücksicht und keine Ueberlegung. Und will nur Kühlung van bere Hitz'. Unb wirft sich aus den, ben o treffen j soll. Unb fragt net, ob beliebig eins steht, bas unfcf)cUig+tt mit sollen Herstellen. Dieses billige technische Erzeugnis ist burchsichtig und laßt sich durch Pressen zu Schmuck- und G e b r a u ch s g e g e n st a n d e n von prächtigem Glanz unb großer Farben,chLnheit in allen möglichen Abtönungen verarbeiten. Selbst für optische Zwecke konnte man es als G'asersatz benutzen, doch ist es Temperatureinflüssen zu sehr Zugang ich. Das hindert aber nicht, daß es sich vorzüglich zur Anfert gung von Cß^ und Trinkgeschirren eignet, wie man deren jetzt schon so viele sttht. Sind diese doch viel weniger zerbrechlich als solche aus Glas und Porzella, dabei aber nur halb so schwer. Unter ben verschrobenen anberen in ben lebten Jahren betanntgeroorbenen Kunstharzen sei hier noch bas Amin- Aidehydeharz genannt? Dieses benutzt man vielfach in ber Elektrotechnik, ba es gegen Kurzschluß schützt. Kunstharze sieht man heute schon überall in Form von Kafftetassen, «rottörben, Tischplatten, Kegelkugeln usw., auf ber Leipziger Messe war sogar ein Bakelitturm zu sehen. Eine sehr erweiterte Verwenbungsmöglichkeit hat ber Bakelit durch Tränkung von Papier, Seinen wie auch Drahtgeweben sind darauffolgen des Zusammenpressen mit ihm erlangt. Preßt man eine g 3'. ( der so erhaltenen Blätter zwi chen erhitzten, geglätteten Stahlpl tten einer starken hydraulischen Presse zusammen, so erha man eine• irt Kunstholz, bas härter als Naturholz ist unb eine vf? dauerhaftere Po,ttur xciat weil fie aeaen Alkohol, Se e unb anber Lösungsmittel völlig un empfinS ist Auch in der Autoindustrie findet das Kunstharz sehr weitgehende Verwendung. So bestehen die Zahnräder zum Antrieb, b Nockenwelle und das Steuerrad mancher Automobile ausi Bakelithart geroebe, das man ebenso wie die Bakelitpapierblatter^erstelltunter Ver, Wendung von Baumwolltuch oder Leinen anstatt Papier^ Andere Bi mobilteile wie die Bremsen, die Licht- ^3'0« man heute vielfach aus einem Gewebe von Asbest m Bronzedrah, mit Bakelit getränkt und zusarnrnengepreht ist oder aus Bakelit m taüeinlagen besteht. . . . ~ „ Das Pressen geschieht in Stahlfdrrnen, die aus zwei oder drei Teilen KtSXSÄÄSfe Möglichkeiten bilden, hat die Zahl der Bake 1 s ®eftfalen wo heute Jahre Außerordentlich zugenommen, namentlich WestfMen,^^ f0 schon weit über hundert tu Betrieb stad. -... ^Maltern ihrer Woh- Gehäuse ihrer Radioapparate, in den eleftr: f rf)sa,qcnffänben Bakelit nungen, in Etuis und manchen anderen Gebrauchsgeg narf) eincm vor sich haben. Verschiedene Fabriken bringen Verlabren her- Don dem allgemein gebräuchlichen etwas ab eich f. Durcoton, gcftellte Kunstharz unter besonderem Nan Ein Kaufhaus Taumalit, Thesit, Eskattt und ^estellan auf Schaufenstern ist sogar so weit gegangen 6^^9m7rnftein bestehend, zum Verkauf als aus „real amber , d. 1. echtem Verns , , gemacht sind, auszustellen, die in Wirklichkeit aus ber Art l 8^ unb die man aus künstlichem Harnstoff und F rniöaiirfiteit ihr jede be- bei ihrer Durchsichtigkeit, ihrem Glanz und Imitation von kiebige Farbe zu geben, wie kaum ein anberer S ofUur Btrnr Naturbernstein eignet. Bekannter geworden s Chemikers Bür - durch die Arbeiten unk' «7°stentl—n des^ stände aus Bakelit meister und die Ausstellung vieler Gebrauchsgegenpanoe auf der Leipziger Messe. muß. Guck, Annegret, in so einem Haß gegen dein' Vater sein ich dir nachgegangen, bloß daß he den Schnuppen net merken sollt', daß ich sein geschworener Widerpart bin. Etz mußt du mir net zuschätzen, ich wär' einer, der so was hat leicht verrichten können. Vorn ein schön Gesicht machen und dahinter die Zung' heraushängen, war sonst meine Sach' net. Ja, wann's eine gewest wär', die kein ausgeblasen Ei wert war, da wär' mir das Beschmieren am End' net so schwer gefallen. Dir wegen — das gesteh ich offen — fein' ich in Bangigkeit und Plag' gewest. Dann ich fah, wer du warft, und krag Respekt vor dir. Unser Herrgott weiß, wie mich die Kumedie molestiert hat. Ich hab' kein' ruhigen Schlaf mehr gehabt. Und hat mich hin und her gezusselt, daß ich gemeint hab', ich komm' vom Verstand. Aber einmal im Gerenn' gab's kein Hiis zurück. Guck, Annegret, fo war's. Alleweil tu' ich mein schwarz Hemd aus und lass' der Wahrheit die Ehr'!" Ihrer jungen Jahre ungeachtet war die Annegret schon durch mancherlei Bitternis gegangen. Was jetzt über sie hereinbrach, war mehr, als Fleisch und Blut ertragen konnte, traf sie ins innerste Herz. Auf den Karl hatte sie gebaut wie auf ihr Sprüchebuch. Wie geschrieben stand: „Du bist mein Fels, meine Burg. Du wirst mich mit deinen Fittichen decken." Ihm hatte sich ihr heiligstes Gefühl erschlossen, an ihm hatte sich ihre Hoffnung emporgerankt. Nun fah sie sich aufs schmählichste getäuscht. Und es war ihr, als müsse sie ihr zuckendes Herz in die Hände nehmen und den Glauben herausreißen an Gott und die Menschen. An ihres Vaters Schuld war nicht zu zweifeln. Doch was der Karl ihm auch vorgeworfen, es verblich vor der Schmach, die ihr widerfahren. Das Beste in ihr war mit Füßen getreten. Für alles andere hätte sie eher ein Verzeihen gehabt als für das Verbrechen an ihrer Liebe. Da sie jetzt vor dem Verräter stand, schien sie zu Stein erstarrt. Nur in der Tiefe ihrer Augen leuchtete etwas auf, das den Karl erbeben machte. Jede Sekunde, die sie hier länger blieb, dünkte ihr Erniedrigung ihrer selbst. Ihre Empörung aber, ihren wilden Schmerz raffte sie in das einzige Wort: „Du Schuft!" Und spuckte ihm ins Gesicht. Und ging. X. Noch vor Torschluß entfalteten die Parteigänger des Melchior Wallenfels eine fieberhafte Tätigkeit. Soweit ihnen die Pariser nicht zuvorgekommen waren, bezahlten sie die Steuerrückstände geringer Leute, damit diese als wahlberechtigt an die Urne treten tonnten. Der Brücken- hannes und der Jägermüller liefen von Haus zu Haus und versprachen das Blau vom Himmel,, dafern man ihnen Gefolgschaft leiste. Etliche Schlauberger nutzten die Gelegenheit aus, sich besondere Vorteile zu verschaffen. Der eine erwarb zu mäßigem Preis Gelände, auf das er jahrelang vergeblich geboten hatte, der andere erhielt die Erlaubnis, nach dem Hof feines Nachbarn ein Fenster zu brechen. Dieser erlangte den Verzicht auf eine Grenzmauer, jener schlug für seinen Garten einen Lattenzaun heraus. In der ,Krone", die dem „Lamm" gegenüberlag, floß das Freibier in Strömen. Eine Helferin war den Freunden des Altbürgermeisters erstanden, auf die sie nicht gerechnet hatten. Mitten im Sumpf des Parteigetriebes sproßte auf einmal als eine Blüte schöner Menschlichkeit das Mitleid mit der betrogenen Annegret empor und nahm dem Spechtskarl manche Stimme, die ihm sicher gewesen war. — Endlich brach der Tag der Wahlschlacht an. Am Abend zuvor war dem Schiwwerkäsper unweit des Röderkopfs ein großer, schwarzer Mann begegnet, dem das Feuer aus dem Halse schlug. Zugleich hatte ihn eine Windsbraut gefaßt, daß er zu Boden getaumelt war. Der Stoffel im Stümpcheseck hatte von faulen Eiern geträumt. Das bedeutete Streit. Um ein Uhr mittags begann die Wahlhandlung. Im Rathausfaal hatten der Altbürgermeister, drei Beisitzer und ein Kreisamtsgehilfe vor einem großen Tisch Platz genommen, auf dem die Urne stand. Die Beteiligung war zunächst gering. Erst gegen drei erschienen die Wähler, einzeln ober auch in Trupps von vier bis sechs Mann. In der Nähe des Rathauses befanden sich die Wahlbureaus. Jede Partei hatte ihre Liste, den Wahlgang zu überwachen. Unsichere wurden kurzerhand eingesperrt und bewacht, bis die Schlacht geschlagen war. Die Ortsangehörigen, die außerhalb arbeiteten, waren zeitig zusammengetrommelt worden. Für den Lohnausfall hatte man sie schadlos gehalten. Der Wollbart und der Krachköhler luden den gichtbrüchigen Schanzenpeter unter dem lebhaften Widerspruch seiner Frau auf einen Karren und brachten ihn vor das Rathaus. Der scheppe Anton wurde stark an- gesäusell ebendahin geschleppt und gab, verworrene Reden führend, seinen Stimmzettel ab. Die Pariser hatten dem Buschur und dem Pech- fetzer den Auftrag erteilt, den Gemeindeabdecker für ihren Kandidaten zu gewinnen. Der Abdecker leistete neben seinem Amt den Bauern im Viehstall als Geburtshelfer wertvolle Dienste. Schon vormittags gegen elf hatten sich der Vuschur und der Pechfetzer in seine Wohnung verfügt, hatten Bier und Branntwein auffahren lassen, in der Absicht, den Mann, wenn er sich einen Haarbeutel angetrunken habe, mit einem Zettel für den Spechtskarl bewaffnet ins Gefecht zu führen. Trinklustig und fidel hstte man schon ein paar Stunden verschwatzt, als plötzlich der Möhls- heinrich hereinstürzte. „Schinner", keuchte er, „meine Scheck is am Kalben, ’s geht net vorwärts. Du mußt mit." Der Schinder erklärte sich sofort zur Hilfeleistung bereit. Einmal bildete er sich aus seine „ärztliche Praxis" nicht wenig ein, bann waren ihm drei Mark für seine Bemühung gewiß. „Daß du net ausbleibst", riefen der Buschur und der Pechfetzer ihm nach, „wir warten hier aus dich." „Bekümmert euch net", sprach der Abdecker, „ich weiß, was ich zu tun hab'." An der Hofreite des Möhlsheinrich empfing ihn die Bäuerin. „Schinner, das Kalb is schon da. Aber deine drei Mark kriegst di doch. Als näher. Du seist unf Gast, 's is noch mehr Gesellschaft drin' In der Stube stachen dem Schinder frisch gebackene Eierkuchen, leckere Bratwürste und eine Batterie Bierflaschen in die Augen. Einer von den anwesenden Wallenselsianern machte den Vorschlag man wolle erst wählen, hernach schmecke das Essen um so besser. Gesagt getan. Jeder erhielt einen Zettel mit dem Namen des Altbürgermeisters, der Schinder wurde in die Mitte genommen, und der Trupp setzte fidf in Bewegung. Unterdessen hatten sich der Buschur und der Pechfetzer, Unrat n>ib ternd, vor dem Rathaus aufgepflanzt und sahen voll Staunen und grimm, daß sie überlistet worden waren. Nachdem der Schinder seiner Wahlpflicht genügt hatte, schritt er mit einer stolzen Gebärde an de« Parisern vorüber und gönnte ihnen die Worte: „Ihr braucht net mehr auf mich zu warten. Das Kalb is da. 6| lassen roir’s emal saufen." — Je näher die Stunde der Entscheidung rückte, desto hoher schlugen bi« Flammen der allgemeinen Erregung. Dem Beispiel der Eltern folgend, hatte sich auch die Schuljugend in zwei Parteien gespalten. Die standen heut in Schlachtordnung auf dem Teufelsgrund einander gegenüber, Dabei setzte es gewaltige Hiebe. Auf den Straßen bildeten sich Gruppen von Männern und Frauen und berechneten die Aussichten der Kandidaten. Im Rathaussaal waren beide Parteien vertreten und maßen sitz mit drohenden Blicken. Glock sechs wurde der Wahlakt geschlossen. Der Kreisamtsgehilfe, eim wohlbeleibter Herr mit blondem Spitzbart und angehender Glatze, öffnete die Urne und begann die Zettel zu fichten. Diese schienen sich eine Zeit- lang die Waage zu halten, allmählich aber schwoll bas eine Häuslein an.. Der dicke Balthes, den die Ungeduld verzehrte, platzte los: „Da kann man ja rein verzwatzeln!" Er wurde zur Ruhe verwiesen. Nun war das Zählgeschäft beendet. Im Saal herrschte feierliche Stille.. „Herr Bürgermeister", wandte sich der Kommissar an den Melchior Wallenfels, der die Lippen fest auseinandergepreßt unbeweglich dasah, „ich kann Ihnen leider nicht gratulieren. Ihr Gegner Specht hat mii hundertsieben Stimmen gesiegt. Aus Ihren Namen sind zweiundachlziA Stimmen gefallen." Der Bürgermeister erhob sich und versuchte seine Bestürzung hinter einem finsteren Trotz zu verstecken. „So hat mir’s noch keiner gemacht wie der Specht", stieß er heraus. „Aber 's is noch net aller Tag' Abend." Von seiner Anhängerschaft umgeben, verließ er daraus den Saat. Alsbald wurde das Ergebnis der Wahl durch den Ortsdiener bekannt- gemacht. Wo die Schelle rappelte, öffneten sich die Fenster. Alt und jung, strömte zusammen. Unter wüstem Geschimpfe auf ihre Gegner und deren: Wahlumtriebe zogen die Wallenfeliianer in die „Krone". Die Pariser entsandten ihrer sieben, dem Spechtskarl die Siegesbotschaft zu überbringen. In Erwartung der kommenden Dinge hatte die Spechtsmarie ein. Schwein geschlachtet. Festtäglich gekleidet trat sie der Abordnung entgegen. Die Freude halte die Spuren des nahenden Alters aus ihrem Gesicht verwischt, ihre Augen strahlten ein jugendliches Feuer. „No, ihr habt's durchgesetzt", srohlockte sie. „Das heiß' ich eine gute Nachricht. Was wird dem Gewaltmensch die Speuze* fliegen! Etz fein, ihm die Bürsten ausgangen. Kommt erein, eßt und trinkt!" Die Sieben hatten einen Hunger für zehn und machten sich ohne weiteres über die Speisen und Getränke her. „Wo ist dann der Karl?" fragte der Pechfetzer, mit vollen Backen kauend. „Wahrscheinlich im Stall", sagte die Spechtsmarie, „ich will ihn emal holen." Der Karl hatte sich den Nachmittag über nicht von der Hofreite entfernt. Nach seiner Auseinandersetzung mit der Annegret war er zuerst wie verstört umhergegangen. Dann hatte er sich aufgerafft, die innere Stimme gewaltsam zu betäuben. Die Bürgermeisterstochter hatte er nach ihrem vollen Wert geschätzt. Wenn eine das Zeug dazu hatte, mit einem tüchtigen Mann in guter Eheschaft zu verwachsen, ihm unentbehrlich zu werden wie Luft und Licht, bann roar’s die Annegret. Heut bei der Arbeit hatte er der seltsamen Einbildung nachgehangen, es könne ihm doch noch beschieden fein, sich mit dem Mädchen ein friebfam Leben zu zimmern. So sah man manchmal abends, wenn die Sonne unterging, hinter den Wolken ein schön Stück Land und wußte, daß es im Duns! zerging. Hand aufs Herz. Er hätte es gar nicht über sich gewonnen, den Kreis zu durchbrechen, der einmal um ihn gezogen war. Zu laut sprach in ihm die Vergangenheit, zu fest war das Band, das ihn mit den Seinen verknüpfte. Zwischen ihm und der Tochter des Wul war eine Mauer aufgerichtet, die keine Macht der Erde niederriß. Daß ihn die Annegret verachtete, darüber hatte sie ihn nicht im Zweifel gelassen. Sie tat’s mit Fug. Man mochte die Sache drehen und wenden, wie man wollte, er hatie schlecht an ihr gehandelt. Der Makel blieb auf ihm haften. Wie er ein kleiner Hasenmatz war, hatte ihn seine Mutter gelehrt: das ist gut, und das ist döse, tu das eine und meide das andere. Nun, da er als Mann neben ihr stand, hatte sie selbst ihn angestachelt. Böses zu tun. Sollte er sie deshalb schelten? Nein. Wen das Unglück in den Klauen gehabt, den durfte man nicht mit allgemeinem Maß messen. Im Lebenskampf flössen halt Gut und Böse zusammen. Und waren der Rätsel fo viele. Die zu losen ging über Menschenkraft. Aus feinem Grübeln weckte ihn die Mutter. „Wo steckst du bann?" rief sie ganz aus bem Häuschen. „Unf Leut fein da. Du feist gewählt. Ich gratulier dir auch." (Fortsetzung folgt.) * der Geiser. Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Druck und Verlag: Brühl'fche Universitäts-Vuch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.