SiehenerZamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Mrgang \9S2 Zreitag, den 6. Mai Nummer 55 ibere." 6t ‘eine?* 6, Sutnutunj, noch tneljr e er bei i. Ziemlih Das Klavier. Bon Wilhelm Busch. Ein gutes Tier Ist das Klavier, Still, friedlich und bescheiden, Unb muß dabei Doch vielerlei Erdulden und erleiden. " hqer. kanten gleich bt. riutnpljit, e unb in »hl gelegt uottenbm : erKätti an eintt schwmti, »an eintt lte mit |o emplanli, nicht am ien Snu|j wicht bod) i Schreidl iederhalitt neidete tt Ich saß im Münchener Hosbräuhaus beim Maibock. Ein Ehepaar setzte sich an meinen Tisch. Er war klein, zart, schmächtig und sehr schüchtern. Sie war groß, breit, vollbusig, gewaltig und sehr "selbstbewußt. Wir kamen ins Gespräch. Der Mann pries die Qualität des Maibocks in den höchsten Tönen; es gebe nichts Besseres; ein herrlicherer Genuß sei nicht auszudenken. Ich bemerkte aber, daß der Mann sehr lange Pauseck im Trinken machte, und dann, dem Anschein nach, immer nur einen einzigen Schluck nahm. .ns Tesch, -j—e-n!' ;gehen, ■ len Sch« bil auf b« Nein! hi« verschw« in mein« htel zücht nzes Sorin die riW । mieberw chlechi *; arldtett te ch ihm i*1 t anmerllt Kße geb« obmartenJ Lippe« of t > en it merlh i* tttfen m» /: >5. mb blinä* acht?" I* erroibtrlt' vorher »«6 rlich mich * iit 3®* nw'l^z einem lte beißi!» ntearS* bischer- «* Der Virtuos Stürzt darauf los Mit hochgesträubter Mähne. Er öffnet ihm Voll Ungestüm Den Leib, gleich der Hyäne. Und rasend wild. Das Herz erfüllt Von mörderlicher Freude, Durchwühlt er dann. Soweit er kann. Des Opfers Eingeweide. Wie es da schrie. Das arme Vieh, Und unter Angstgewimmer Bald hoch bald tief Um Hilfe rief. Vergeb ich nib und nimmer. Oer Maibock und die pfeife. Von Wilhelm v. Hebra. Um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts lebte in Steiermark ein Aann namens Irenaeus Atz. Atz war ein ausgezeichneter, vielgesuchter Arzt, rührend gut, nie an leinen Vorteil denkend, wohltätig und hilfsbereit. Jin ganzen Lande war tr jedermann bekannt. Er wurde in fast religiöser Art verehrt, wie ein heiliger, der er wirklich war, wenn auch nicht im kanonischen, so doch im I) umanen Sinne. Dieser wahrhaft altruistische Mensch hatte nur eine einzige Privat- »affion, die aber in höchstem Maßet die Pfeife. Er rauchte, wann und eie er nur konnte, und in seiner kärglichen Freizeit kannte er nur ein 3ergnügen und nur eine Erholung, die allerdings wieder eine Arbeit Dar: er schnitzte Pfeisenköpfe aus Holz, und auf jeden Kopf ein kleines Relief. Alle Reliefe stellten immer wieder dasselbe dar, immer wieder, chne Ausnahme, nur verschiedenartig gesehen und aufgefaßt: seine einzige -achter, die märchenschön in Antlitz und Gestalt und in der Seele engel- t leid), int Alter von siebzehn Jahren gestorben, des Vaters unsäglich ^liebtes Kind gewesen und nun das edelste Bild für eine unsterbliche Sehnsucht war. ‘ In den Reliefs war nicht große Kunst, aber ein seltsamer Reiz. oie. nzählten vom reinsten Empfinden, von untröstlicher Trauer und von ikliger, seligster Erinnerung. , , Atz schnitzte auf die linke Seite jedes Pfeifenkopfes seine Initialen, ITofj und deutlich, die Initialen l A, was zur Folge hatte, daß die luftigen Steierer, die in einem Witzwort nie etwas Böses und nie etwas Adträg- 1 ches sehen, auch dann nicht, wenn es dem höchstgeschätzten Menschen gilt, Ätzens Pfeifen den Beinamen die „Eselspfeisen" gaben. * Ich habe eine Pseifensammlung. Ich sammle mit Begeisterung. Ich sammle die Pfeifen nicht vom Gesichtspunkt der Schönheit, |ondern lon dem der Kuriosität, welcher Art immer diese sein mag * Eine „Eselspfeife" hat keinen Marktwert. Für mich aber hat sie einen lohen Wert. Sie fehlte in meiner Sammlung. Sie^ schien mir besonders, sonz besonders begehrenswert, als eine — in Hinsicht auf das rein Menschliche — ungewöhnlich interessante und ungemein anziehende Kuriosität wegen der Persönlichkeit des Schnitzers und wegen der traurig- ftonen Herzensgeschichte, deren Ausdruck die Reliefs waren. * Ich war feit langem auf der Suche nach einer „Eselspfeife . * Ich sagte: „Sie trinken aber langsam." „Natirli", erwiderte er, „bal ma mit eim Maß ausfomma muaß, die zwoa Stund, die mir wolln dableiben." „Sie trinken in zwei Stunden nur eine Maß?" „Nia net mehra net." Die Frau fügte hinzu: „Mehra gibt's net." „Die Zeiten sind schlecht", sagte ich, „da müssen viele auch bei bescheidenen Freuden Beschränkung üben. Auch ich habe mir schon vieles abgewöhnt." Die Frau erwiderte protzig: „A so is net. Mir Harn a Göld. Gnua Göld Ham mir. Drei Häuser hab i gerbt, vo nie im Vatern. I bin aber net fiern Leichtsinn unb fiers Drauslosleben. 'S Göld aussahaun, söll mag i net, unb söll erlaub i net." Da geschah es ganz unwillkürlich, daß meine Augen, ^vohl mit einem erstaunten Ausdruck, ihren Leibesuinfang betrachteten. Sie bemerkte es und sagte: „S Essn, dös is was anders. Essn muaß ma, und, bat mans muaß, ko ma auch guat essn. Aber saufn, dös is a Luxus und fünft nix. Sis eh gnua, bal er ane Maß derf saufn oo dem teirigen Maibock." Der Mann schlug erschreckt und verlegen die Augen nieder. Er schien ratlos, wie er sich verhalten solle. Er nahm, vielleicht um Ablenkung zu haben, die Pfeife aus dem Rock und stopfte sie. Ich erblickte auf der Pfeife des Tifchnachbarn die Initialen ! A. Ich bat sofort, die Pfeife betrachten zu dürfen. Als ich die Pfeife in der Hand hielt, war ich mir dessen klar, daß sie eine echte „Eselspfeife" war. Ich erkannte das typische Relief. Ich erinnerte mich noch genau der Beschreibung und der Abbildungen in einem alten Buche über „Merkwürdige Pfeifen". Der Tischnachbar erzählte, daß er die Pfeife bei einem Trödler zu Admont in Obersteiermark gekauft habe. Nun hatte ich keinen Zweifel an der Echtheit mehr. Der Instinkt des Sammlers, dem des Jägers wohl, vergleichbar, die Sammlerleidenfchaft, die Sammlerwut erwachten in mir, und, je schwieriger es sich in der Folge erwies, die Pfeife zu erwerben, desto heftiger wurde mein Verlangen, desto eifriger und scharfsinniger suchte mein Gehirn nach Mitteln und Wegen, mein Ziel doch zu erreichen: Ich fragte: „Was haben Sie für die Pfeife bezahlt?" „Sie war net teier. Drei Schilling hads kost. Dös fan net amal zwoa Markt." „Wollen Sie sie mir für drei Mark verkaufen?" „Na net." „Ich biete Ihnen vier Mark." „I gebs net her." „Ich biete fünf Mark." „I mag net." „Warum?" „Weil i net mag." „Die Pfeife ist doch keine fünf Mark wert." „Söll woaß i." „Warum nehmen Sie bann nicht bie fünf Mark bafür? „Weil i net mag." „Lieben Sie diese Pfeife so sehr?" „Na. Mir is wurscht, ob i aus bera Pfeifn rauch ober aus anct anbernen." „Warum geben Sie sie dann nicht her." „Weil i net mag." Ich sah: da steht, in typischer Form, der Eigensinn des schwachen, unterjochten Menschen vor mir, dieser Eigensinn, der gerade die törichtsten Gelegenheiten nutzt, Selbständigkeit und Willenskraft zu zeigen. So kaufte ich die „Eselspscife", für die ich anfangs drei Mark geboten, die ich für zehn Mark nicht bekommen hatte, für zwei Mark und achtundzwanzig Pfennig- Nacht im Urwald von Sumatra. Von Hermann Hesse. Wir waren kurz vor Sonnenuntergang von einem Ausflug im Ruderboot zurückgekehrt, müde nach der großen Schwüle und dem stundenlangen Plätschern auf dem breiten braunen Strom zwischen den ewigen Wäldern. Wir waren dem chinesischen Dampserchen begegnet, das jede Woche auf dem Batang Hari fährt und heimwärts nach Dsambi unterwegs war. Wir hatten ein paar Tauben und einen Nashornvogel geschossen, hatten ein paar große grüne Schmetterlinge gefangen und uns zuletzt beeilen müssen, um vor der Nacht zurückzukommen. Als wir anlegten und steif vom langen engen Sitzen über den kleinen Landesteq vor unserer Hütte stiegen, ging oben die Sonne dunstig über dem Walde unter, der Strom blinkte trüb heraus und die Ufer wurden schon finster, als bräche der Wald von beiden Seiten herein und wolle die schmale Lichtbahn erdrücken. Ehe die Nacht und die Krokodile kamen, war eben noch Zeit, sich am Ufer zu entkleiden, ein paar Eimer voll Flußwasser über den Kopf zu gießen und die vielen Stusen zur Veranda unseres Pfahlbaues hinan- iuifteiqcn wo der dicke wohlwollende Chinese schon das Abendessen bereit hielt. Ich blickte hinaus: es war schon dunkel geworden, auf der Veranda schimmerte die kleine Oellampe, kaum hob sich noch das weiche Palmblätterdach vom schwarzen Himmel ab. Was Nacht ist, weiß man nur hier in den Tropen, in den Regenzeiten. Wie ist sie schon und sremd und feindlich, diese tiefe satte, vollkommene Dunkelheit, dieser schwarze dicke Vorhang von Samt, wie ist sie unergründlich, finster, feucht und geladen, aller guten und böfen Dinge voll! Wir setzten uns um den großen Eisenholztisch, wir aßen Fische und Zwieback, wir trffnten dazu von den vielen schweren, guten, ungesunden Benommen taumelte >ch zum Loch des Fensters, das m Lach. der Blitze vor mir schwankte und seine Ränder verschob. Da schaute, auf einen Schritt Entfernung, der Wald mich an, ein umgeruhrtes Meer von formen, von Astgeschlinge, Laubmassen und Fasern wogend und in M zweislung sich wehrend, von den Blitzen uberslogen und ,a bis ms zuckende dunkle Herz hinein verwundet, krachend und empört Ich stand am Fenster und starrte in das Unwesen geblendet und betäub und suhlte mit überwachen Sinnen das rasende Leben der Elemente sich c Meßen und vergeuden, und stand dazwischen, mit meinem europäisch n Gehirn und Wesen, das sich dem Toben nicht unterordnete, und sah 'N gepeinigter und doch lustooller Neugierde zu und dachte an viele Nachte und Tage meines Lebens, an alle die vielen Stunden, da ich so w,e h - irgendwo auf Erden gestanden war und sremde Erscheinungen betrachtet hatte geführt und verlockt von dem seltsamen Trieb des Zuschauens. Es kam mir nicht sinnlos vor, daß ich hier iwi Osten des Sump- Urwaldes von Sumatra stehe und einem tropischen Nachtgewitter zuseye, ich empsand auch nichts von Gefahr, sondern ich suhlte voraus und a? mich noch hundertmal, an weit von hier entfernten Orten, einsam un° neugierig stehen und dem Unbegreiflichen mit Verwunderung zusehen, dem das° Unbegreifliche und Vernunftlose in mir selbst Antwort gab un sich verbrüderte. Genau mit dem selben Gefühl von Ergriffenheit un° doch unverantwortlicher Zuschauerschaft hatte ich als kleiner Knabe Tierfterben oder Schmetterlingsgruppen aufbrechen |ehen, mit bem |ctDin Gefühl hatte ich in die Züge von Sterbenden und m ule Kelche von Blumen gesehen — nicht mit dem Wunsche, diese Dinge zu erklären, iw mit dem Bedürsnis, dabei zu sein und ja keinen der seltenen Augenbl.ck zu versäumen, in denen die große Stimme zu mir sprach, in denen und mein Empfinden hinschwand und wertlos wurde, weil es nur ein dünner Oberton zu dem tiefen Donner oder noch tieferen Schweigen oe unbegreiflichen Geschehens wurde. Die Stunde war da, die seltene, lang erharrte, und ich stand uni* sah im weißen Licht der taufend Blitze den Urwald fein Geheimnis vergessen und in tiefer Todesangst erfdjauern, und was da zu nur (pro®, n>ar genau dasselbe, was ich zehn- und hundertmal im Leben geyort >am- beim Blick in eine Alpenschlucht, beim Fahren durch einen Mecrsturw. beim Sausen des einbrechenden Föhns auf einem Grat in den 'Bergen-- und was ich nicht ausdrücken kann und doch immer wieder zu ericoti. trachten muh. Und plötzlich war alles zu Ende, und das war sonderbarer und unheimlicher als der ganze Gewitterlärm. Kein Blitz, kein Donner mey, nur namenlose dicke Finsternis und das Niederstürzen eines wilden fl'1 riqen, selbstmörderisch wütenden Regens. Ringsum nichts mehr als - tiefe, wühlende Rauschen der Himmelswasser und der Geruch des au|9 “'ÄTÄ iS Ä"r HÄM Finsternis schrien ringsum die hunderttausend grohslügeligen Insekten, Mätern unb schrill ober auch tief und dunkel surrend, laut wie em Streich, orcbelter Wir halfen bem Chinefen den Tisch abraumen, nur einige al dien' blieben stehen, das schwache Lampenlicht floß matt an der ge- «r.rhtonon Wand hin und in die offene Nacht hinaus. Die Flinten lehnten ain^ Eingang uralte schwerfällige Gewehre, das Schmetterlingsnetz ba= nebemGiner Uzte sich in den Liegestuhl unter der Hängelampe und verluckite in einem Tauchnitzband zu lesen, der andre begann die jlintcn abzurAen Mit weichem Klaps stieß ein dicker Kaser .m Fluge immer wieder gegen die Pfosten, sechsmal, zehnmal. nirüh es war kaum halb zehn Uhr, sagten wir einander Gutenacht unb^ainaen hinein Ich warf die Kleider ab, ohne Licht zu machen, und hüpfte rasch im Dunkeln unter das hohe Moskitonetz, streckte mich aus meiner guten Matratze aus und sank in ben me.«^« muben mer in bem ich seit langem alle meine Nachte hmbracyte. vis war niap nnfi'a hie Augen zu schließen, nur mit Mühe vermochte ich ba-> Bieretf des chfenen Fensterloches zu erkennen. Da draußen war es kaum um einen Sckiatken Heller als zwischen meinen Bambuswanden und Bast- ihrem nie unterbrochenen Treiben und Zeugen, nran horte viel^>ere und atmete den krautigen Geruch vom üppigen Wachstum. Das Leben ist hier wenig wert die Natur schont nicht und braucht nicht zu tparen.2lber mir Weißen haben längst ihre Fülle angezapft, wir haben unsere Bam- bushütten und unsere malayischen Waldfaller, es Hingt hier Svm erstemal seit die Welt steht, Axtschlag und Arbeitsgetose durch das Dickicht. I Vor kurzem wurden hier noch in wilden schnöden istreiszugen d - Anwohner niedergeschossen, die dunkeln furchtbar scheuen Kubus. Die I Seelen der Gemordeten schweben nachts überm Fluh, aber sie werben nur I von ihren Brüdern gefürchtet, und wir Weiße bemächtigen uns herrisch und räuberisch der Wildnis, erteilen Befehle in sehr verdorbenem Malayisch und sehen die alten dicken Eisenholzstamme ohne Ruh.ung fallen. Man braucht sie zum Werftenbau. In blassen Halbgedanken dämmerte ich ein, hing müde, fdjroule otun= ben zwischen Traum und Wirklichkeit. Ich «ar ein Kind und war am Weinen und eine Mutter wiegte mich mit Gesumse, aber fie fang Malayisch und wenn ich die bleischweren Augen offnen und sie ansehcn wollte so war es das tausendjährige Angesicht des Urwaldes das über mich gebeugt hing und mir zuflüsterte. In seinen Tiefen trabte Elefant unb Jaguar lachte der Spottvogel und schlich der urweltliche Legua . Gegen deir ^Urwald norden wir noch eine gute Weile nicht anfomrnen. Darrah die Malaria unsere Leute, der Rost unsre Nagel und Flinten, ba blühte unb verweste das Leben schnell und fieberhaft. Eine mächtige Erschütterung weckte mich plötzlich; ich sprang heftig in die Höhe unmittelbar aus bem Schlaf, fiel wieder um, stand nochmo auf und zog, nun wirklich erwacht, den Mückenschleier auseinander. U furchtbar grelles Licht schlug mir blendend weiß entgegen, und erst nad) Augenblicken erkannte ich, daß es das Licht von vielen, von Hunderten, ohne Pause aufeinanderfolgenden Blitzen war. Der Donner brach mit Gekeuche hinterher, die Lust war bewegt wie der Atem eines Keuchenden, und voll von Elektrizität, die sich auf der Haut wie Ameisenkribbeln suhlte. Trotzdem gab ich nicht nach. Ich sagte: , „Sechs Mark." »Nix zmacha", war die Antwort.* Dee Mann setzte wiedermal den Maßkrug an die Lippen, hob ihn tsm s ss Er öffnete den Mund. Da fragte sie rasch, daß er zu feinem -tisorr vie Zeit mehr sand, energisch und scharf: Nunaate 1 eV ni L ,CtbSieroffieHernenftmirflung ber Oper liegt meines trachtens nicht barm, Probleme auszuklügeln unb darzustellen — niemanb ratr ! neben- los" wie Mozart — sondern in einem ehrlichen und zu H^en gehenden Musizieren, abseits von jeder Mode, abseits von leder Richtung, einem Musizieren, das auch dem Sänger gibt was des Sangers ist Unsere ganze moderne Musikkunst der letzten 20 b s 309a r Ja das Volk weit öfter aus den Opernhäusern und Konzertsaenhmaus getrieben als hineingezogen. Wir modernen Komponisten müßen wwd einmal lernen, daß eine Kunst nur dann wahrhaftes Kulturwerk wer den kann, wenn das Volk im edelsten «inne mit unseren Werken mm singt, wie es bei Mozart, Weber unb nicht zuletzt bei Richarb Wagne I mitgefungen hat. Wttit - 3n di, Hit«, m Glttidj, m ber P c" leljntu * SMetz fo I ompe unb | >>c Slinten . *9c immft' i ®utcnad|| achm, M t mich ouj - stlbsG» war n# tos Bimt taum a und Ich ) fodjen ii viele liett s Leden i|l raren. $fc njere !ta zum erjl» ras Mi* len bie Ur Rubus. Bit werben m ins heniß lerborbentn ie Rühmt >wü!c 61b nb mar i® er sie |m| sie achh» 5,- bas iito ibte Cfefad che Leg» antoim» t Flinten, Ü mg hesü? j1 nb noch» inanber. ® mb erst * n Hundes" >x brach 111 Reud)t*L ibbein M im Licht s He, auf cm' ecr °°" ? unb m * ja W" ist. Ich l* nenle curoP*. , unb I*. i viele * "Ä *•? /’■> iin) srisf-« r I'äti 1 n.„ deiu" i, >N "C, d eil es „iC Mai. Von Theobor Storm. Die Kinber schreien „Vivat hoch!" In die blaue Luft hinein; Den Frühling fetzen sie auf den Thron, Der soll ihr König fein. * Die Kinder haben die Veilchen gepflückt. All, all, die da blühten am Mühlengraben. Der Lenz ist da; sie wollen ihn fest In ihren kleinen Fäusten haben. Oie pariser. Roman von Alfred Bock. (Fortsetzung.) Der Wind hat sich aufgemacht. Die Aeste knarrten und stöhnten. Aus dem Gehölz kam ein angstvolles Rufen. War's ein Mensch ober war s der Walbkauz, der fo schrie? , „ , ,, . . Eben passierte man den Distrikt Finkelheg, als der Hannvelte rief. „Ich seh' was!" , .. „Wo?" fragte der Bürgermeister. Der Knecht wies seinem Herrn die Richtung. Vom Stamm einer mächtigen Eiche hob sich etwas Dunkles ab. Der Bürgermeister beschleunigte seine Schritte. Die andern taten s ihm nach. Die Bachschulzmarie befiel ein Zittern, daß ihr die Beine schier den Dienst versagten. Allo, allo!" drängte ber Rohnspeter vorwärts. Nun war man zur Stelle. Die Laternen verbreiteten ihr mattes Licht. An ben Stamm ber Eiche gelehnt saß ber Psarrer unb schien zu schlummern. Aus seinem Gesicht lag ber Ausbruck tiefen Friedens, ja ein Lächeln spielte um seinen Mund. Der Bürgermeister beugte sich vor: „Herr Parrer, Herr Parrer?" Der rührte sich nicht. Da kniete der Heilmannshenner nieder, ber Barbier unb ein halber Doktor war, legte bas Ohr an des alten Herrn Brust unb ergriff feine Hand. Alle stellten sich im Halbkreis herum. Jedes Wort erstarb auf de« ^Jetzt erhob sich ber Heilmannshenner roieber und sprach, fein feistes Gesicht in Fallen legend: „Burgemeifter, he hat's überstanden! Die Manner nahmen die Mützen ab, bie Weiber begannen zu schluchzen. Sogleich warb ber Tote auf bie Tragbahre gelegt, und der Zug trat seinen Rückmarsch an. Der Bürgermeister aber eilte mit seinem Kn eckst voraus, der Psarrerin die traurige Botschaft zu bringen.--- Es war um bie zweite Morgenstunde. Der Bürgermeister war aus ber Pfarre in seine Behausung zurückgekehrt. Er dachte noch nicht an Schlaf. Ruhelos wanderte er in feiner Amtsstube auf und ab. Er war wahrhaftig nicht fürchterich, allein ber plötzliche Tob des Ortsgeistlichen hatte ihn'doch verschreckt unb bas Gejammer ber Pärnerschen hatte ihm auch zu gesetzt. Auf neununbsechzig hatte es der Pfarrer gebracht, war ihm also um drei Jahre voraus gewesen. Er selbst spurte mchts von Alter lind Schwachheit. Auf dem Feld stellte er noch seinen Mann. Wenn S Klopssische absetzte. Kotz Kränk! nahm er noch manchem den Kitzel. Seine Fäuste waren im Dors bekannt. Freilich, der Tob vergaß keinen. Das war nicht anders in ber Welt. Der Pfarrer hatte bie Zeit her geträufelt. Es war wohl eine Blutstockung, bie ihn so jäh niebermarf. Letzten Sonntag noch hatte er in seiner Prebigt ben Weltsknechten, den Krakehlern unb Sausnasen ihr Fett gegeben. Er hatte auf strenge K.rck-enzuckst gehn - ten Ihm dem Bürgermeister, war bas ganz recht. Kirche unb Obrigkeit mußten Hand in Hand gehen. Unb baß ber Gemeinde nicht zu wohl wurde, bafiir sorgte er als politischer Kopf. Er hatte es immer vermieden, dem Pfarrer in kirchlichen Dingen fein wahres Gesicht zu zeigen. Er glaubte nickst an Hölle unb Teufel, auch über bas ötartebud) (ein in Hessen auf bem Land sehr verbreitetes Gebetbuch) war er hinaus; aber er verschloß seine Gedanken in sich. Einmal zwar war ihm cm bitteres Wort entschlüpft. Das war selbigmal, als sein Aeltester, ber Heinrich, in Darmstadt bei ben Dragonern ben Tobessturz tat. Da war ber Pfarrer gekommen unb wollte ihn tröffen. Und seine Widerrede war gewesen: Herr Parrer 's heißt, ehre Vater unb Mutter, auf daß dir s wohl gehe unb du lang 'lebst auf Erden. Mein Heinrich war ein guter Sohn hat Vater und Mutter geehrt und hat so sruh fortgemußt. Wo bleibt da droben bie Gerechtigkeit?" Und ber Pfarrer hatte gesprochen: -Burger» meister, Ihr läster! Gott. Euch sehlt die Demut. Gott widersteht den Hoffärtigen aber ben Demütigen gibt er Gnade. Legt den alten Meirichen ab und zieht einen neuen an." Darauf war er grob geworden und ber Pfarrer war ohne Abschiedsgruß gegangen. Auch im -torf hatten sie gepifpert: „Der Heinrich hat für bie Sünden seines Vaters sterben muffen." Wäre jemand vor ihn getreten mit solchem Backhausgesthwatz, er hätte ihn kurzkrümmelklein geschlagen. Den Gottesdienst besuchte er. Das mußte man. Schon ber Leute wegen. Mit bem Pfarrer bahnte sich später wieder ein Halbwegs gutes Verhältnis an. Dieser hatte ben Wipp, seinen Zweitgeborenen, unterrichtet, bis ber in bte Kreisstabt auf bas Gymnasium kam. In ber Familie sollte ein Hochstubierter fein. Wie nun der Heinrich gestorben war, trat ber Philipp an bes Erstgeborenen stelle unb gab Gymnasium unb Studium auf. Jenes Mal Ijatte ber Pfarrer gesprochen: „Bürgermeister, überlegte Euch zweimal, eh Ihr ben Bub auf ben Hof tut. Ich schätz', er taugt zum Lanbwirt nicht Prost emahl- ieit' Das fehlte noch, baß man sich vom Panier ins Werk schwatzen ließ. Rasch gesagt unb schlecht bedacht. Der Pärner behielt recht. Bald würbe bas oanze Dorf es gewahr: Der Vater war ber Schaffer, ber Sokm ber Späterer Das Zockern paßte dem Stubierten nicht. Eine Beschäftigung mußte er haben. Was tat man nicht für fein Kmb! so richtete rt ihm Me Sägemrchse efn. Die war ein Faß ohne Boden und verschlang eine Uninasse Seih. Da stand man groß da, war Bürgermeister und galt als reicher Mann. Und die Sorgen fraßen einen auf. Droben auf dem Kirchenplatz hörnte der channbalzer drei. Der Bürgermeister hielt in seiner Wanderung inne und legte die Hand an die breite Stirn. Kopfschmerzen hatte er bis dahin noch nicht gekannt, Heut abend sparte er so etwas. Teufel auch! Das kain von dem nächtlichen Trubel. Er trat an den Schreibtisch und blies das Petroleumlämpchen aus. Dann knüpfte er das Leibchen auf und begab sich hinter den großen Akten- schrank, wo seine Bettstatt aufgeschlagen war. II. Vom Oberdorf führte in nicht viel mehr als zehn Minuten ein Bizinal- weg zum Fichtenhof. Ehemals von den Eigentümern, den Freiherren von Humbracht, bewirtschaftet, war dieser später in Pacht gegeben worden. Als im Jahre 1796 die französischen Truppen brandschatzend das Hessenland durchzogen und auch den Fichtenhof plünderten, rettete der Ackerknecht Daniel Specht dem Freiherrn Renatus von Humbracht das Leben. In Anerkennung dieser Tat vermachte der Gutsherr seinem Knecht einen Wald, den Röderkopf. Der war im Verlauf von sechzig Jahren Gemeingut vieler Erben geworden. Zur Zeit, da der Bürgermeister Wallenfels sein Amt antrat, teilten sich neun Familien in seinen Besitz. Diese waren durch Brandschäden und Mißernten in Not geraten. Des Bürgermeisters Trachten war auf den Röderkopf gerichtet. Den Bedrängten gewährte er Darlehen um Darlehen und ließ sich ihre Liegenschaften verpfänden. Die Zinsen summten sich an, ohne daß er auf Zahlung bestand. Eines Tags aber, als ihm das Maß voll zu sein schien, legte er die Maske des nachsichtigen Gläubigers ab und ging gegen seine Schuldner.schonungslos vor. Er kündigte ihnen die Hypotheken und erwarb bei der darauf folgenden Versteigerung um einen Spottpreis den Wald. Den verkaufte er wieder mit beträchtlichem Nutzen an feine Gemeinde und wurde über Nacht zum vermögenden Mann. Die Ausgepfändeten hatten als selbständige Bauern den Pflug geführt, nunmehr als Steinklopfer ein dürftig Leben zu fristen, gab ihr Stolz nicht zu. Daher wanderten sie nach Frankreich aus. Unter den Emigranten war der Bauersmann Heinrich Specht mit seinem Weib und seinen Jungen, ein Nachkomme jenes Knechts, dem einst sein Herr den Röderkopf verschrieben hatte. In Paris sand er wie öte meisten seiner Landsleute als Straßenkehrer Beschästi- aung. Im Faubourg St. Marcel war eine ganze Kolonie von Oberhessen beisammen. Ein deutscher Prediger sorgte für die religiösen Bedürfnisse, ein deutscher Lehrer erteilte den Kindern Unterricht. Die Lebensmittel waren nicht teuer. Auf dem Bastilleplatz hielt der rote Pröscher von Schotten echte hessische Zervelatwurst feil. Die Franzosen kamen den deutschen Dickköpfen freundlich entgegen. Diese hatten sich über nichts zu beklagen, nur daß das Heimweh an ihrem Herzen nagte. Wenn der Spechtskarl mit wehmütig klingender Stimme sang: „Vater, lieber Vater droben. Laß es einmal nur gejchehn. Meine traute Heimat laß mich Nur noch einmal Wiedersehn", trat gar manchem das Wasser in die Augen. Während der Arbeitszeit war tu langen Gesprächen keine Gelegenheit. Desto lebhafter flogen in den Feierstunden die Reden hin und her. Meist war es der Bürgermeister Wallenfels, der im Mittelpunkt der Unterhaltung stand. Da war feinet, der nicht ein Stücklein von seiner Getvalttätigkeit, seiner Herrschsucht und Habgier zu erzählen wußte. Stieg so das Bild des Verhaßten vor ihnen auf, dann brannten ihre alten Wunden, und sie knirschten mit öen Zähnen in ohnmächtiger Wut. Und es geschah, daß der Heinrich Specht von schwerer Krankheit heimgesucht wurde, der er nach langem Siechtum zum Opfer fiel. Eh" er die Augen schloß, nahm er seinem Sohn das Gelöbnis ab, dermaleinst den Bürgermeister entgelten zu lassen, was er der Familie angetan. Bis zum Ausbruch des Kriegs blieben die Oberhessen in Paris. Dann wurden sie mit den übrigen Deutschen ausgewiesen. In den letzten Augusttagen des Jahres 1870 trafen sie wieder in ihrer Heimat ein. Nicht als Verzweifelte und Bedürftige, wie sie ausgezogen waren, sondern als Menschen, die einen freien Blick gewonnen hatten und auf einen gespickten Beutel pochen konnten. Ihr Eigentum war längst in andere Hände Übergegangen. Nun bauten sie sich im Unterdorf an und bildeten eine stille Genossenschaft, öen Tyrannen zu stürzen. Lilien war klar, ob auch noch Jahre bis zum Ablauf seiner Amtszeit hingehen würden, daß man sogleich mit der Agitation beginnen müsse. Hierbei war die Spechtsmarie, die Witwe des in Paris verstorbenen Heinrich Specht, das. eigentlich treibende Element. Sie stammte vom Fichtenhof, wo ihr Vater über vierzig Jahre lang das Amt des Schweizers versehen hatte. Als Kind war sie einmal helinger Weise in die Stadt gelaufen und hatte dort, hungrig wie eine Kirchenmaus, vom Fensterbrett eines Bäckerladens einen Weck stibitzt. Die Büifersfrau, die es bemerkte, schenkte ihr noch einen dazu und sprach: „Tu das nicht wieder!" Beschämt war sie fortgefchlichen. Daheim fühlte sie das Bedürfnis, sich bei jemand auszusprechen, und offenbarte ihrem Spielgenossen, dem Heinrich Specht, was sie pexiert hatte. Der gestand, er habe seiner Mutter während der Kirmes ein Zweigrofchenstück aus dem Geldstrumps gestrippt. Beide drückte die gleiche Schuld. Sie sahen sich mit ernsten Blicken an und gelobten einander, nie mehr zu stehlen. Sobald der Heinrich Specht in das heiratsfähige Alter getreten war, nahm er die Marie vom Fichtenhof zur Frau. In ihrer Eheschaft fiel kein böses Wort. Ihr Stolz war ihr Bub, der Karl. Ntit zehn Jahren war der schon so stark, daß er älteren Jungen Respekt einslößte. Dabei hatte er einen offenen Kopf. In Paris war er von den Dörflern einer der ersten, die die französische Sprache erlernten. Auf dem Bastilleplatz wurde er mit einem fliegenden Buchhändler bekannt. Der erzählte ihm, hier habe Frankreich seine Freiheit wiedergefunden. Vor der Notre-Dame schloß er mit einem alten Invaliden Freundschaft. Dieser führte ihn in den gigantischen Bau und zeigte ihm den Platz, wo der erste Napoleon sich die goldene Krone aufs Haupt gesetzt hatte und vom Papst gesalbt worden war. Durch die Rosetten fiel das Tageslicht gedämpft herein und brach sich in tausend bunten Farben. Im Himmel konnte es nicht schöner sein. Auf den großen, freien Plätzen, den Boulevards, vor den stolzen Gebäuden füllte sich seine Seele mit Bildern, die nicht wieder verblaßten. Obgleich die Abreise von Paris in größter Hast vor sich gegangen war, glückte es ihm doch, allerlei Andenken mitzunehmen. Noch lange nachher trug er sein Käppi. An Sonn- und Feiertagen zeigte er sich mit einer vierreihigen, silbernen Uhrkette, die er von einem Althändler in der Rue d'Arras erstanden hatte. Im Dorf wurde er nach saft achtjähriger Abwesenheit als ein halber Ausländer zuerst mit Mißtrauen behandelt. Indessen drängte er sich niemand aus. Der einzige, an den er sich, abgesehen von den Pariser Gefährten, enger anschloß, war der Lehrer Moldenhauer, der unter öen unaufhörlichen Schikanen des Bürgermeisters zu leiden hatte. Der Umgang war der Spechtsmarie eben recht, denn sie wollte, daß der Gedanke an das Werk der Rache in ihrem Sohn lebendig bleibe. Unverrückt ihr Ziel im Auge behaltend strebte sie zunächst danach, ihren Besitz zu befestigen und zu vermehren. Als ihr das gelungen war, setzte sie alles in Bewegung, was ihren Zwecken zu dienen geeignet war. Wallenfels stand auf der Höhe seiner Macht. Die Gemeinderäte mußten nach seiner Pfeife tanzen, weil fast jeder von ihnen etwas zu vertuschen hatte. Alle empfanden höchst unbehaglich den Druck des Obergauners, ihn abzuschütteln wagten sie nicht. Eine oft gehört« Klage war, daß der Bürgermeister bei der Verteilung der Steuern parteiisch verfuhr, sofern er kleinen Leuten, die nicht zu seinen Kreaturen zählten, Lasten auferlegte und die Söhne reicher Bauern davon befreite. Den Lehrer, der mit redlichem Willen bemüht war, bessere Schulverhältnisse zu schaffen, fuhr er an, was er sich denn dabei denke, daß er den Kindern der Armen höhere Plätze anweise. Auf di« Gescheitigkeik komme es gar nicht an. Er mache di« Menschen widerbürtig. Wenn es künstig an Säuschweizern und Steinklopfern fehle, werde man ihm das ankreiden. So zahlreich die Akte der Willkür waren, deren der Dorsgewaltige sich schuldig machte, gefiel es ihm doch manchmal, ein paar armen Schluckern aufzuhelfen, ja sie mit Wohltaten zu überhäufen. Diese sangen dann sein Lob in allen Tonarten und gingen für ihn durchs Feuer. In seiner Familie trat er nach dem jähen Tode seines ältesten Sohnes minder schroff und rücksichtslos auf. Seine Frau, die Lifekathrin, war die Tochter des Talmüllers in Friedborn. Als junges Mädchen hatte sie in Herleshausen die Predigten eines Missionars gehört und war entschlossen, ihn nach Südamerika zu begleiten. Dem widersetzte sich ihr Vater. Ein langer Zwist endete damit, daß sie die Waffen streckte und den Mann heiratete, den ihr die Patin zusührte. Das war der Melchior Wallenfels. Sobald sie ihre Pflicht als Hausfrau erfüllt hatte, zog sie sich in ihre Kammer zurück und las erbauliche Schriften, opottete ihr Mann: „Ei, du Mucker- sche, gelle, du willst mit Schuh' un Striimpf' in den Himmel?" ließ sie das ruhig über sich ergehen. Des Bürgermeisters Zweitgeborener, der Philipp, verursachte dein Vater viele bittere Stunden. Zum Landwirt hatten ihm Neigung und Fleiß gefehlt. Als Sägemüller hielt er zwar auf einen flotten Betrieb, doch fehlte ihm die Geschäftsfertigkeit, das Unternehmen nutzbringend zu gestalten. Bei seiner Unfähigkeit kehrte er noch den Großhans heraus. Wenn er — was mehrmals in der Woche der Fall war — in der Kreisstadt erschien, traf er mit Kumpanen zufammen, die ihm schmeichelten und sich von ihm freihatten ließen. Die Mädchen spielten in seinem Leben eine große Rolle. Er knüpfte Nerhätt- nisse an, die nicht ohne Folgen blieben, und fein Vater mußte den Beutel ziehen. Die Annegret, des Bürgermeisters Tochter, hatte ein Jahr lang die Haushattungsschule in her Stadt besucht und hatte dort mancherlei angenommen, was ihr im Dorf den Beinamen „Die Fiirnehme" eintrug. An Burschen, die sie umwarben, fehlte es nicht, dach dachte sie noch nicht daran, das fxiratsbrot zu backen. Der Bürgermeister machte nach keiner Seite hin seinen Einfluß geltend. Einmal war die Aufsicht der Annegret auf dem Hof schwer zu entbehren, dann hatte sie eben erst die Zwanzig überschritten. Kam die Zeit, würde er schon für den Bräuern sorgen. — lieber alles, was auf dem Hof und in der Amtsstube des Bürgermeisters vorging, waren die Pariser aufs genaueste unterrichtet. Ein glücklicher Zufall arbeitete ihnen in die Hände. Das 'Kreisamt hatte die Gemeinde aufgefordert, zwei Straßen anzulegen, die die Verbindung mit öen umliegenden Ortschaften verbessern sollten. Vom Staat war eine Beisteuer unter der Bedingung versprochen worden, daß die Arbeit bis zu einem gewissen Zeitpunkt vollendet sein müsse. Der Bürgermeister rührte sich nicht und ließ die Frist verstreichen. Die Gemeinde, war seine Rede, könne das Geld sparen. Er hatte sich gründlich verrechnet, denn nun ließ die Regierung die Straßen bauen und legte her Gemeinde hie Kosten aus. Das machte böses Blut im Dorf. Von her Anhängerschaft des Bürgermeisters schwenkten viele zu seinen Gegnern ab. Bei den Gemeinderatswahlen, die bald darauf stattsanden, brachten die Pariser zwei ihrer Kandidaten durch. Das war ihr erster, namhafter Erfolg. Fortan sah sich Wallenseis zwei unabhängigen Männern gegenüber, die seine Amtshandlungen überwachten und sein rechtswidriges Verfahren, soweit sie es nicht verhindern konnten, aufs schärfste brandmarkten. Und doch war sein Einfluß noch so groß, daß die einen meinten, es würde vieler Hiebe bedürfen, eh dem alten Baum die Axt bis ans Mark dränge, die andern seinen Sturz gar für unmöglich hielten. Zu jener Zeit hatte er zwei miitelschlägige Bauern, die sich wegen eines Fetzens Ackerland stritten, zu einem Sühneversuch geloben. Als er sah, daß feine Vermittlung zwecklos war, faßte er die Protokollmacher beim Kragen und wamste sie gehörig durch. Das half, denn nun verglichen sie sich. Der Vorfall wurde viel besprochen. „Der Bürgermeister", hieß es, „spannt den Gewattsmenfch vorn hin, das is wahr, aber ein Mordskerl is he doch!" (Fortfetzung folgt.) 'Bttanltxortltdy Dr. Hans Thyriok. — Druck und Verlag: Vrühl'sche Universitäts-Vuch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.