Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (952 Montag, den 5. Dezember Nummer 95 Knecht Rupprecht. Von Theodor Storm. Von drauß', vom Walde komm ich Herr Ich muß euch sagen, es weihnachtet sehr! Allüberall auf den Tannenspitzen Sah ich goldene Lichtlein sitzen: Und droben aus dem Himmelstor Sah mit großen Augen das Christkind hervor. Und wie ich so strolcht durch den finstern Tann, Da rief's mich mit Heller Stimme an: „Knecht Rupprecht", rief es, „alter Gefell, Hebe die Beine und spute dich schnell! Die Kerzen fangen zu brennen an, Das Himmelstor ist aufgetan, Alt' und Junge sollen nun Von der Jagd des Lebens einmal ruhn: Und morgen flieg ich hinab zur Erden, Denn es soll wieder Weihnachten werden!" • Ich sprach: „O lieber Herre Christ, Meine Reise fast zu Ende ist: Ich soll nur noch in diese Stadt, Wo's eitel gute Kinder hat." „Hast denn das Säcklein auch bei dir?" Ich sprach: „Das Säcklein, das ist hier: Denn Aepfel, Nuß und Mandelkern Fressen fromme Kinder, gern." „Hast denn die Rute auch bet dir?" Ich sprach: „Die Rute, die ist hier: Doch für die Kinder nur, die schlechten. Die trifft sie auf den Teil, den rechten." Christkindlein sprach: „So ist es recht: So geh mit Gott, mein treuer Knecht." Von drauß', vom Waide komm ich her: Ich muß euch sagen, es weihnachtet sehr! Nun sprecht, wie ich's hierinnen find! Sind's gute Kind, sind's böse Kind? Oer Pudel und die Tabaksdose. Anekdote von Wilhelm Schäfer. Indessen die großen Dinge geschehen, wollen die kleinen auch ihren Schritt machen, und manchmal sind sie im Eifer den großen voraus. Au der Zeit, da die Franzosen das linke Rheinufer noch im Namen des Kaisers regierten, obwohl der Herbstwind von 1813 schon in den Blättern rauschte, da in den Berichten einzelner Flüchtlinge schon der Kanonendonner von Leipzig über den Rhein drohte und also das Land von den Sturmzeichen der kommenden Ereignisse unruhig war: trat eines Morgens in Bingen ein holländischer Schiffer mit seinem Hund ans Uier, der ivenig von diesen Zeitläuften wußte und am Meggerstand lediglich ein Pfündchen Fleisch oder zwei einzukaufen gedachte. Er wollte sich gerade mit einem graubärtigen Kahlkops, der mit dem Hackmesser an seiner Fleischbank hantierte, über ein mageres Rippenstück einigen, als der Handel übel gestört wurde. m , .... . ... Denn unterdessen hakte der schwarze Pudel des Hollanders sich am Nachbarstand mit einer Bratwurst -kürzer bedient. Als das Hetzgeschrei hinter ihm herkam, hielt der Kahlkopf fein Hackmesser noch m der,Hand: obwohl ihn der Handel nichts anging, weil es nicht feine Bratwurst war, mochte er aus eigener Erfahrung einen Zorn -auf Hunde haben die mit einer Wurst im Maul davonrennen wollen: mit einem bö|en Fluch warf er das Hackmesser nach dem Tier und traf es fo quer ins Kreuz, daß es augenblicklich mit gebrochenem Rückgrat hinf-ank. Der «chister, dem |em Pudel auf langen Fahrten vertraut wie ein Mensch geworden war, und der ibn unter dem schweren Messer lautlos fallen und sterben sah wurde augenblicklich von der Wut gepackt: -er warf dem Metzger iem Rippenstück mitten ins Gesicht, und zwar so wuchtig, -daß der Betroffene betäubt ■‘tirsÄM X!*-» *• **•* >'»»"- zu lachen beginnen als schon, die Wurst zu retten, der zweite RetMr an kam und seinen Nachbarn hinsinken sah! 'hm fuhr der einmal ent- sochte Zorn in die Fäuste und dem baumlangen Holländer an die Gurgel. Während die beiden sich balgten, wobei der Stand schon halb ineinander brod), kam auch der Kahlkopf wieder zu sich und die von den anderen Ständen tprangen ihm bei, den Hollander zu verbleuen, der bald unter dem Zorn der vereinigten Metzger auf dem näßlichen Boden lag. Es wäre nach seiner Gemütsart dabei geblieben, wenn mcht lern Kmcht, gerade m:! anderen Schifferknechten aus einer Weinwirstchaft kommend, schon -im Dampf eines hitzigen Bretzenheimers gestanden hätte. Kaum sich er den Ftachskopf seines Schiffers unter den Metzgerfäusten hinsinken, als er auch schon hinzu -sprang: und da -ihm die Kameraden, rauflustig wie er, folgten, wurde aus der Prügelei im Handumdrehen eine Schlacht zwischen -den Metzgern und Schiffern, der mehr als ein Rippenstück zum Opfer fiel. In den Ständen waren Frauen und Kinder mit Marktkörben gewesen, deren Hilfeg-eschrei -in -die Gassen von Bingen hinein scholl, als ob die Kosaken schon durch den Strom schwämmen^ Die Gesellen und Lehrlinge -in den umliegenden Werkstätten sprangen -im Schurzfell heraus, und wer von den Meistern etwa beim Wein saß, ließ sein Glas stehen. Durch den Zuzug der Handwerker wurden die Schiffer bald überwältigt und In eine Flucht geschlagen, die sich über Kähne und Laufbretter unter den Steinwürfen und dem Hohngefchrei der Sieger unglücklich genug vollzog. Unterdessen waren auch schon die französischen St-adisoldaten alarmiert worden; als sie die Harmlosigkeit dieser Volkserhebung erkannten, rückten sie mutig vor. Sie fanden auf -dem Schlachifeld, wo die Metzger ihre verwalkten Fleifchbestände vor allzu hilfreichen Händen schützten, als einzigen Verwundeten auf dem nassen Boden den Holländer dafitzen, dem'augenscheinlich ein Arm lahmgefchlagen war und der mit der ungeschickten Linken 'feinen toten Pudel streichelte. Er ließ das Tier auch nicht -aus -der Hand, -als sie -ihn aufstöberten und gefangen ins Stadthaus abführten. Da aber hatte der Lärm eine merkwürdige Wirkung gehabt. Der Kommandant der kleinen Befatzun-g, der ehemals Gemeindefchreiber in Avignon gewesen war und kaum ein Wort Deutsch verstand, hielt gerade die Feier eines nationalen Jahrestags ab, mit goldenen Schnüren und Orden auf feiner geblähten Brust. Mitten in feine Rede hinein kam der Lärm, und -da -die zur Feier -befohlenen Sta-dtherren allerlei ahnten, mochten sie es nicht günstig finden, noch auf welscher Seite getroffen zu werden: während der blaßge-wordene Kommandant ans Fenster trat und die Seinigen ihm nachdrängten, benutzte einer nach dem anderen di-e Gelegenheit zur Tür, so daß die Franzosen in dem Stadthaussaal wie auf einem sinkenden Schiff blieben und bänglich genug auf den Marktplatz hinunter sahen, wo eine vielfache liebermacht den einzigen Gefangenen mit dem toten Pudel unter dem Arm eskortierte. Gerade hatten sie den Holländer eing-elocht und der Korporal stand vor dem Kommandanten, Meldung zu machen, als der Spektakel den zweiten Anlauf nahm. Die Schisser, erbittert von ihrer Niederlage und -durch Gerüchte von Toten und Gefangenen gereizt, kamen wieder mit Waffen, wie sie der Augenblick gab, seltsamen Geräten aus vergangenen Kriegen und Schlltzenfestflinten, doch immerhin kriegerisch genug, den Bingern Eindruck zu machen, so daß der Haufe sich geschlossen in die Stadt hinein -drängen konnte. Als sie -in einer rasch wachsenden Menge von Neugierigen gegen das Stadthaus anrückten, wollte der Zufall, daß gleichzeitig die zur Feier bestellte Böllerschüsse auf der alten Burg Klopp abgebrannt wurden, -die nun wie Schlachtendonner klangen. Die Stadtsoldaten hatten schon zum Mittag ab geschnallt, als der neue Lärm sie Überraschte: sie hielten es angesichts dieser Bewaffnung für klüger, sich im Wachtstckal zu verschanzen, und ließen die Menge zur Treppe hinaus drängen. Nur der Korporal oben im Saal, der ein schwarzer Lothringer war, schlug fein Gewehr auf die Schifferknechte an, die, von der Masse der Nachdrangenden vorwärts genötigt, auf den erschrockenen Kommandanten den Eindruck einer gefährlichen Entschlossenheit machten. Er rief die Waffe des Korporals mit einem scharfen Befehl zurück und sah ergeben zu, wie sich der Saal statt mit wohl-gekleideten Stadtherren mit bewaffneten Gestalten füllte, die zum Aeußersten gerüstet schienen. Der Knecht des Schiffers, wieder ein Holländer, machte den Sprecher: und obwohl die Bingener feine Sprache kaum mehr verstanden als die Franzosen, nickten sie herausfordernd zu jedem Wort. Der Kommandant fand in der Eile keinen Dolmetscher und stand fassungslos vor dem Aufruhr: so tat er, was auch sonst in Ratlosigkeiten seine Gewohnheit war: er holte seine Schnupftabaksdose aus blankem Messing hervor. Es war nur eine Gebärde der Verzweiflung, doch vor der drohenden Menge fah sie wie eine Kaltblütigkeit aus, die bald genug eine seltsame Fügung bewirkte: denn als er, noch immer ratlos, feiner Gewohnheit folgend dem nächsten zuerst eine Prise anbot, war bas der Schuhmacher Osterwind, den -die Bingener den Franzofensresser hießen und der die unvermutete Ehre mit einem unbedachten Dankblick aus feinen wässerigen Trinkeraugen zu würdigen wußte. Irgendein Funke der Einsicht mochte den Kommandanten leiten, als er mit der gleichen Höflichkeit weiterging: und weil es kleinbürgerliche Leute waren, uxihrend der Schreiber von Avignon mit goldenen Schnüren und Orden saft einen leutseligen Canbesfürften vorstellte, spitzten sich die Finger, einer nach dem andern. So wanderte der Kommandant mit seiner Messingdofe den Kreis ab bis zu dem hitzigen Knecht des Holländers, der schließlich nichts als feinen Schiffer wollte und darum die Höflichkeit auch nicht verweigerte. Als man sich aber erst einmal auf -die PrKe und den dazugehörigen Kratz- fuß geeinigt hatte, verschwanden die Schiitzenstinten van selber hinter ■bem Rücken (fs war der Tag der Vergeltung noch nicht, es war nur eine Seifen- blase, durch einen Pudel aus der Stimmung kommender Ereignisse gezogen und mit einer Prise zum Platzen gebracht; denn als der erst« Nieser kam, prustete auch schon verstohlenes Gelächter, das bald zur allgemeinen Heiterkeit anfchwoll, als einer nach dem anderen, nicht oe* wähnt zu schnupfen, zu niesen ansing, und also statt der Flinten sich die Nasen der Aufrührer lösten. Bald konnten die Schifferknechte mit dem befreiten Holländer abziehen, der seinen Pudel nicht weniger kopfschüttelnd unter dem Arm trug, als der Kommandant noch immer seine Ta- baksdofe in der Hand hielt Die Binger aber, einmal aus ihrem Gewerbe- fleih gestört, sanden den Weg zur Arbeit an diesem Tag nicht mehr zurück; aus der Jahresfeier der Franzosen wurde ein Abschiedsfest für die Wei chen, wie es ein Witzbold nannte. Und wenn der Kommandant seine-gestörte .Anisprache auch nicht vollenden konnte, saßen ihrer in den Wirtschaften genug, die den Schaden mit anderen Reden wettmachten, während der befreite Holländer das Laufbrett des Schiffes von, Ufer abgezogen hatte und verdüsterten Gemüts feinen Pudel in den Rhein versenkte, der allein das Opfer dieser vermeintlichen Volkserhebung geworden war, von deren Gefahr und kaltblütigen Abwendung ein Geheimbericht des Kommandanten noch große Worte nach Paris sandte, indessen dort schon der Kaiser sein letztes Aufgebot raffte. Klaus Störtebecker und die Vitalienbrüder. Bon Alfons von Czibulka. An einem Herbsttage des Jahres 1402 lief aus den Toren Hamburgs Diel Volk auf dem Graasbrook zu Häuf, wie man das damals noch einsame, unbebaute Wiesenland am Ufer der Elbe nannte, auf dem man angesichts des Stromes, der Schisse, Masten und Wimpel die Seeräuber zu richten pflegte feit alters. Kops an Kopf also stand die Menge und starrte gebannt aus den bunten, festlichen Zug, der aus dem Tore herum kam und sich durch die Gassen des Volkes zum Richtplatz bewegte. Die Stadtpfeifer voran, der Fron im scharlachroten Mantel mit seinen Knechten, deren einer das Schwert trug, und hinter ihnen, von den Wachen geleitet, in ihren besten Gewändern die wilden, verwegenen Gestalten der vielen Bitalienbrüder, die man mit ihrem großen Hauptmann Störte- becker, der, düster und hochmütig um sich blicken«, an ihrer Spitze zum Tode schritt, bei der Insel Neuwerk vor Curhaven gefangen. Siebzigmal blitzte das Schwert des Meisters Rosenfeld als ein schauriges Blinkfeuer über den silbergrauen Strom, von dem her ein scharfer Seewind wie zum letzten Gruße über das weite Grasland strich, und bis zu den Knöcheln stand der Henker hn Blute. Staunend und vor Grauen sich schüttelnd, sah das Volk, wie der wilde Störtebecker, der sich vom Rate erbeten, daß jenen seiner Gesellen Gnade werden sollte, an denen er enthauptet vorüberschritte, nun, als sein Kopf über das Gerüst gerollt war, ohne Haupt bis zum fünften Manne ging. Bis ihm der Henker einen Prügel vor die Füße warf, damit der geköpfte Seeräuber da« Schauspiel des Tages nicht gänzlich verdürbe, wenn er am Ende ohne Kops bis zum Siebzigsten ginge. Als aber der Fron fein schon vom Blute dampfendes Schwert zum letzten Male geschwungen, da gab er den Ratsherren, die ihn fragten, ob er nun endlich müde wäre, die fröhliche Antwort, er wäre es so wenig, daß er sich getraue, noch den ganzen Hamburger Rat auf der Stelle zu köpfen. Was dieser so übel nahm, daß zum Abschluß des solennen Schauspiels Meister Rosenfeld wegen feines kecken Wortes sogleich selbst vom jüngsten Ratsherrn enthauptet wurde. Mit einem so wilden, von Kraft überschäumenden Bilde, aus dem man den Atem jener Zeit zu fühlen meint, und in dem auch die derben Späße nicht fehlten, läßt die Volkssage den Seeräuber Störtebecker sein Leben beschließen. Köstlich ist es zu sehen, wie sich in dieser farbenglühenden Szene das Empfinden der Menge an jenem Tage widerspiegelt. Wie sie den kühnen Meerfürsten, von dem die Sage gleichsam schon bei Lebzeiten Besitz ergriffen, fast zum Helden macht, und das Volk dennoch der Haber sticht vor Freude, daß der Seeräuberschrecken vorüber ist. Wie so ost, weiß auch hier die Sage — sind von ihr auch nur Bruchstücke überliefert — anschaulicher und kraftvoller als alle geschichtliche Forschung darzustellen, was in jener Zeit die Gemüter bewegte. Denn die Geschichte weiß von Störtebecker wenig. Hin und wieder nennt sie seinen Namen. Aber von seinem Leben erzählt sie nur, daß «r vielleicht aus Wismar stammte, einer der obersten Hauptleute der Bitalienbrüder war und bald nach dem Jahre 1400 mit einer Schar seiner Spießgesellen unter dem Schwerte des Hamburger Henkers endete. Und doch sind nur wenige Weisen durch Jahrhunderte so viel gelungen worden als das heute verklungene Lied vom Störtebecker. Von seinen Burgen und Schlupfwinkeln, von feinen Taten und unermeßlichen Sckzätzen ist zwischen Ostfriesland und Danzig die Ueb erlief erung noch heute lebendig. Ein Wunder ist es nicht. Denn nichts konnte in jenen Jahrzehnten tiefer an das Gemüt der vielen rühren als das höllische Treiben der 'liitalienbrüber, die draußen auf dem nahen Meere, oft wirklich vor aller Augen die Kauffahrteischiffe anfielen und den Handel der Hansestädte gefährlicher bedrohten, als alle Kriege es vermochten. Daß Klaus Störtebecker gelebt hat und einer der Anführer der Freibeuter war, bestreitet auch die Geschichte nicht. Also wird die Sage wohl im Recht sein, daß sie gerade ihn aus seiner Zeit heraushob, ihn gleichsam, wie sie das so gerne tut, aus dem Gewöhnlichen, Alltäglichen und Engen ins Symbolische erhob, ihn zum Träger des Empfindens der breiten Masse machte — die, fürchtete sie den Störtebecker auch wie das höllische Feuer, dennoch den reichen Handelsherren diesen bösen Aderlaß durch die Piraten gönnte — und so zugleich mit dem Bilde seines Lebens einen Querschnitt durch jene Epoche gab. Diese aber war bewegt, wild und ungewöhnlich genug, daß in ihr ein so abenteuerreiches Leben in unbekümmerter Wildheit dahinstürmen konnte wie es die Sage von Klaus Störtebecker erzählt. Denn bald nach der Mitte des 14. Jahrhunderts begann die Ostsee von Raubgesindel zu wimmeln. Freibeuter haben auf allen Meeren ihr Wesen getrieben, seit es eine Handelsschiffahrt gab. Doch um jene Zeit nahm das Piraten- unwelen in der Ostsee in einem Maße zu, wie es bis dahin noch nicht erhört war. An rückfichtsloisem und herbem Vorgehen gegen diese Räuber sehlte es nicht. So pflegte Herzog Heinrich von Mecklenburg jeden Räuber, den er fing, mit eigener Hand aufzuhängen. „Du most mi dorch den Ring fiten r sprach er väterlich und knüpfte sein Opfer kunstgerecht an den nächsten Baum. Deshalb ritt er auch niemals ohne einen Vorrat von Stricken, die er am Sattel hängen hatte, über Land. So ist er auch als Heinrich der Henker in die Geschichte eingegangen. Aber mit diesen Versuchen, Ordnung und Sicherheit zu schassen, vergrößerten die Städte und die Fürsten fürs erste nur das Uebel. Denn alles Raubvolk, dem das .Handwerk nun zu gefährlich oder zu wenig einträglich wurde, warf sich auf die Meere und lief den wenigen Seeräubern zu, die es damals erst gab. Was für den Handel natürlich weit gefährlicher war als die Räuberplage auf dem Lande. Das Unwesen wuchs in kurzer Zeit so beispiellos an, daß für Jahrzehnte aller Seehandel in der Ostsee fast unmöglich wurde und es hen Städten geradezu ans Leben ging. Bald gab es keine Stadt und keinen Reeder mehr, die nicht an Schiff und Gut die empfindlichsten Verluste erlitten hätten. Denn die See wimmelte von dem heillosen Volk der Teufelskinder, wie ein alter Chronist die Piraten nennt, und oft konnte man die hochbordigen, wehrhaften Raubkoggen vor 6en Häfen selbst auf die aussegelnden Kauffahrer lauern sehen. Nacht für Nacht stand der blutrote Schein brennender Meerschlösser oder in Flammen ausgehender Schisse über der dunklen See. Daß man gemeinsam eine Seepolizei aufstellen und Kriegsschiffe ausschicken müffe, darüber waren sich die Städte einig. Dennoch geschah I jahrelang nichts. Denn da die Ausführung solcher Friedekoggen, wie man sie nannte, natürlich Geld kostete, so entspann sich auf den großen zu Lübeck und Rostock, zu Wismar und anderswo abgehaltenen Tagfahrten erst einmal ein gewaltiger Kuhhandel zwischen den Ratsherren und Sendboten der einzelnen Städte über die Verteilung der Lasten. Als Waldemar III. von Dänemark gestorben war, hatte der unmündige Sohn Olaf der Norwegerkönigin Margarete unter ihrer Vormundschaft den dänischeif Thron bestiegen. Bei ihrem großen Plane, mit dem sie sich 1 trug, alle nordischen Reiche unter ihrem Zepter zu einen, erkannte die Königin bald, welche Dienste ihr das seemännisch vorzügliche, tollkühne Seeoolk gegen die mit ihrem Gegner Albrecht von Schweden verbündete Hansa leisten könnte, deren immer reicher aufblühender Handel ihr ohnehin ein Dorn im Auge fein mußte. So öffnete sie willig den Freibeutern Städte und Häfen, wo sie ihren Raub bergen konnten, und stellte ihnen Raubbriefe aus, die der Ehronift mit erfrischender Offenheit Stehlbriefe ; nannte. | In dieser höchsten Not beschlossen die Städte, jegliche Handelsschiff- i fahrt in der Ostsee überhaupt einzustellen, um sozusagen diesen Stäuber» ! staat auf dem Meere vom Lande her zu blockieren. Aber was halfst Diese Blockade spürten die Städte nicht minder als jene, denen sie galt. Die Waren wurden selten. Die Preise stiegen ins Ungemeffene. Bankrott und Armut drohte den Handelsherren, und so ließen sie, war es auch mit Strafen an Leib und Gut bedroht, ihre Schiffe dennoch heimlich in See stechen. Also fehlte es den Piraten trotz der Blockade nicht an Beute. Da verfiel man auf ein seltsames, doch, wie es schien, wirksames Mittel. ! Man verpachtete die Ausrottung der Freibeuter gegen eine bestimmte Summe an den Hauptmann und späteren Bürgermeister von Stralsund, Wulf Wulfrarn. Dafür gehörte ihm die Deute. Der aber verstand fein Handwerk. Und hätte nicht wieder die Politik einen Streich gespielt, er wäre der Plage Herr geworden. Denn schon nach kurzer Zeit verließen die Seeräuber, die der Hauptmann mit seinen Friedekoggen von Schlupfwinkel zu Schlupfwinkel jagte, daß ihnen der Atem verging, in Scharen ihre Schiffe. Da starb im Jahre 1389 der Knabe Olaf von Dänemark. Nun ver- wirklichte Margarete ihren alten Plan und nannte sich auch Königin von Dänemark und Schweden, wenngleich doch Herzog Albrecht von Mecklenburg schon seit fast einem Vierteljahrhundert die schwedische Krone trug und nun selbst den Titel eines Königs von Dänemark und Norwegen annahm. Natürlich kam es zum Kriege. König Albrecht unterlag und wurde gefangen. Schweden gehörte der Königin. Nur Stockholm, das durch die Mecklenburger Herrschaft fast ganz in deutschen Händen war, hielt sich noch, wurde von den Truppen Margaretes belagert und von der See her blockiert. Da waren es Herzog Johann von Mecklenburg und Ne Städte Wismar und Rostock, die die 'Partei des gefangenen Königs ergriffen und ihm wenigstens die Hauptstadt zu retten versuchten. Doch es fehlte an Mannschaft. Was konnte dann in dieser Not willkommener b in : als das wilde Schiffsvolk der Raubkoggen, das, wohl durch den Stralfun- der Hauptmann versprengt und geschwächt, sich immer noch auf dem offenen Meere, in entlegenen Schlupfwinkeln ober im Lande umhertrieb 1 So wurde denn in den beiden Städten ein Aufruf angeschlagen, in dem t es wörtlich hieß, daß jeder, der gegen Ne Reiche Dänemark und Nor- wegen abenteuern wolle, um dort zu rauben, zu plündern und zu brennen, aber auch Stockholm mit Lebensmitteln zu versehen, sich in Wismar ober Rostock einfinden möge,- wo man ihn mit Raubbriefen ausstatten werde. Das ließen sich die Freibeuter nicht zweimal lagen. Eben das war das Gefährliche, daß diefer Ausruf all« Abenteuerlustigen in Aufruhr brachte, auch viele adelige Herren den Seeräubern I zuliefen und mit ihnen Ordnung und Manneszucht unter die Freibeuter kam. Wie ja überhaupt nun erst ihre gefährlichste Zeit begann. Denn es ! verbündeten sich nicht nur zwei Hansestädte mit ihnen, wodurch jebes gemeinsame Vorgehen ber Hansa unmöglich würbe, sondern es erhoben sich nun auch aus ihrer Mitte verwegene, ja heldenhafte Führer, in deren Hände die Freibeuterfchiffe zu einer furchtbaren Waffe wurden. Weil die Piraten den Auftrag hatten, Stockholm mit Lebensmitteln, also mit Viktualien zu versehen, fo nannten sie sich fortab Bitalienbruder und führten biefen Namen auch weiter, als sie längst mit der Verproviantierung dieser Stadt nichts mehr zu tun hatten. Auch Gleichebeuter hießen sie, weil sie, Me es Immer und übereil beim Piratenvolk der Brauch gemejen ist, ihre Beute ehrlich teilten. Dem SchifssvoU der Kauffahrteischisfe, gleichgültig welcher Flagge, erstarrte 'Mark und Blut, wenn sie durch das Dunkel der Nacht, durch den Morgen- oder Abendnebel das Gellen der Befehlspfeifen von den Raubkoggen hörten, sich dann die hohen, breiten Schatten, über denen die schwarzen Wimpel wehten, Bord an Bord an die Kausfahrer heranschoben, die Feuerbrände und Enterhaken flogen, und an der Spitze des heulenden, johlenden Satansvolks die wilde Gestalt Störtebeckers oder Gödeke Michels auf das verlorene Handelsschiff niederjprang. Um diese Zeit — es ist das Jahr 1390 — nennt die Geschichte wirklich neben dem obersten Führer der Bitalienbrüder, Gödeke Michels, zum ersten Male Störtebeckers Namen als den eines jungen Hauptmanns der Gleichebeuter. Bon der Insel Gotland und der reichen Stadt Wisby, die sie sich zum Raubnest und Hauptquartier ausevsehen hatten, schwärmten sie wie böse Wespen über die ganze Ostsee und wagten sich, was früher kaum geschehen war, auch durch den Sund in die Nordsee hinaus, so daß auch diese bald von Wasfenlärm und Seeraub widerhallte. Vergebens ergingen gemessene Befehl« der Städte Wismar und Rostock und des mecklenburgischen Herzogs an ihre Freunde^ di« Schiffe der Verbündeten, also vor allem di« hansischen, zu schonen. Di« Bitauenbrüder kümmerten sich um solche Mahnungen nicht. Wieder kam es so weit, daß man all« Handelsschiffahrt einstellen niuhte, wollte man nicht alles verlieren. Aber auch darum scherten sich die Freibeuter nicht. Wurde die Beut« auf den Meeren selten, dann warfen sie sich aus die Küstenstädte und Seeburgen, mordeten und raubten, brandschatzten Malmö und hausten grauenhaft im reichen Bergen, das damals unter dem „hansischen Kontor" ein Hauptplatz deutschen Handels war. Sie wagten sich selbst die Elbe bis Hamburg hinauf und häuften überall auf ihren Seezügen Schätz« auf Schätze, die, waren sie auch nicht so unermeßlich wie die Phantasie des Volkes sie sich ausmalte, dennoch erstaunlich genug gewesen sein mögen. Manchmal freilich erreichte da und dort ein Raubschiff sein Schicksal. So, als eine Schar Gleichebeuter eine nach Stralsund heimsegelnde Handelskogge Überfiel, im Kampf unterlag und an di« hundert Seeräuber gefangen wurden. Da man sie noch fürchtet«, wenn sie in Ketten lagen, jo setzte man jeden Bitalienbrüder zu leichterem und ungefährlicherem Transport« in eine leere Tonne, schlug dann den Deckel, in den man ein Loch geschnitten hatte, wieder darauf, so daß nur die Köpfe des Gesindels yervorfahen. Schichtete di« Tonnen übereinander und führ diese greulich fluchende und lammemde Ladung gleich zu dem Richtplatz von Stralsund, wo der Henker den Tonnen samt und sonders die Köpfe ab- mähte. Aber was konnte das helfen! Für hundert Geköpfte lief dem Störtebecker und Gödeke die dreifache Zahl von Abenteurern zu Ehe man die Führer fing, konnte man dem liebel nicht steuern. Da gab nach endlosen Verhandlungen Margarete den Kdmg Albrecht frei, der sechs Jahre ihr Gefangener gewesen war. Als ihr nun durch die Kal'marische Union die Kronen Dänemarks, Schwedens und Norwegens wirklich zufielen, machte sie ihren Frieden mit den Städten. Damit ging den Vitalien-brüdern auch der letzte Schein von Rechtmäßigkeit verloren. Denn auch Wismar und Rostock und der Mecklenburger erklärten di« Kaperbriefe für null und nichtig. Aber das betrübte di« Gleichebeuter nicht. Weil sie auch Überall für vögelfrei erklärt wurden — was nichts daran änderte, daß Wismar und Rostock ihnen noch heimlich die Markte zum Verkauf ihres Raubes öffneten —, einzelne Städte und der Hochmeister des deutschen Ordens ihnen gefährlich zu Leche ruckte so dehnten sie ihr« Seezüge in immer entferntere Gebiete aus. Zogen nach Rußland oder an bi« spanischen und französischen Küsten. Der 'nächtigste Haufe aber, mit ihnen di« Piratenfürsten Gödeke, Störtebecker, Wichmann und der Magister Wigbold ließen sich in Dftfrieslanb nieder, wo damals noch unzählige Häuptlinge über ein rauhes Volk als Herren faßen und einander in unaufhörlichen Fehden zerfleischten. In diesem fnedlosen Gebiete, das ihnen mit seinen Küsten, Kanälen und vorgelagerten Inseln treffliche Schlupfwinkel bot, fanden sie gerade bei den mächtigsten Häuptlingen freundliche Aufnahme, weil der eine sie gegen den andern ^raucben ju können glaubte. Schlösser und Burgen stellten ihnen die Friesenfursten zur Bersügunq. Noch heute wird da und dort eine Ruine gezeigt, Lus Störtebecker und Gödeke Michels gegen d>° hansischen Englandfahr «nsgezogen sind. Das wurde letzt ihr eintrag! chftes Gewerbe, sich auf d,e Seeitraken zu werfen, die die deutschen Hansestadt« mit Holland und Lag ^d verbänden Äett sie aber auch englische Schisse nicht. ichonten, so glaubte Richard II., der wußte, wie «inst Wismar und Rostock die See räuber beschützt hatten alle diese Greueltaten geschähen im Emoerstand- mit A keuLn Hansa. Da gebot er. deren Schiffe aufzuheben, wo '""Well nan'burd) diesen Kaperkrieg, den die Städte natürlich mitbem gleichen Vorgehen beantworteten, ein wirklicher Krieg wit Engla d drnbte es überdies glücklich so weit gekommen war, daß die Kausfahrer 0M merlt än der Ostsee m°t der Ausrottung der Räuber zu beginnen. Während dort seit d r Hochmeister der Insel Gotland bezwungen der UNMstzWZZW WÄÄ ff Atu & - "'M SSI -TsK Schocke und Simon von Utrecht mit einer i Neuwert, wo Denn diesmal kämpften die Piraten um ihre Köpfe. Siebzig Seeräuber, darunter Störtebecker und Wichmann, würden gefangen und im Herbste 1402 zu Hamburg enthauptet. Bald darauf ereilte auch Gödeke und den Magister Wigbold das gleiche Schicksal. Die Köpfe der Seeräuber steckte man, wie es in jener rauhen Zeit noch der Brauch war, zur Warnung für, ihre übrigen Spießgesellen am Ufer der Elbe auf Pfähl« Doch verging noch manches Jahr des neuen Jahrhunderts, bis das Raubvolk von der Nord- und Ostsee verschwand, und der Schiffshauptmann Bockeimann auf dem Fockmaste feiner großen Danziger Kriegskogge, dem „Mariendrachen", einen gewaltigen Besen hissen konnte, zum Zeichen, daß er die beiden Meere von den letzten Resten der Bitalienbrüder reingefegt habe. Trost. Von Theodor Fontane. Tröste dich, die Stunden eilen. Und was all dich drücken mag, Auch das Schlimmste kann nicht weilen. Und es kommt ein andrer Tag. In dem ew'gen Kommen, Schwinden, Wie der Schmerz liegt auch das Glück, Und auch heitre Bilder finden Ihren Weg zu dir zurück. Harre, hoffe. Nicht vergebens Zähltest du der Stunden Schlag, Wechsel ist das Los des Lebens, Und es kommt ein andrer Tag. das hin- kön- Oer Kriegökommiffar des Königs. Roman von Friedrich F r e 11 a. Copyright 1931 by August Scherl. G. m. b. !)., Berlin. (Fortsetzung.) Da hieß es auf einmal, der König fei in der großen Schlacht bei Kunersdorf geschlagen worden. Alles schien damit verloren zu s«n. Heinrich sah alte Offiziere meinen. Es war nur ein Glück, daß Russen und Oesterreicher uneinig waren. Der König raffte an Truppen zusammen, was er konnte, operierte geschickt und konnte am Ende des Feldzugs so feste Stellungen einnehmen, daß der Feind aus dem großen Siege wenig gemacht hatte. Hier erschrak Heinrich: Diese frische, lebenslustige, breite Frau war heimgegangen — verdorrt wie irgendein Gras auf dem Felde, wenn der Herbst kommt? Er raffte sich auf und las weiter: „Teilen Sie meinem lieben Schwiegersohn in der Anverlobnis, dem Kriegskommissar Heinrich Fritsche zu Stettin, mit, daß meine Tochter Klara eines Tages davongegangen ist in aller Heimlichkeit und mir nicht hinterlassen hat, wohin sie sich gewandt. Schreiben Sie ihm, ich hätte immer gehofft, das Mädchen würde zurückkehren: denn sie hat ihre Flucht auch vor der Bekanntschaft verheimlicht, hat erzählt, sie würde ins Braunschweigische zu Verwandten gehen. Ich bitte nun meinen Schwiegersohn herzlich, er soll es bem Mäbchen nicht zum Uebel anrechnen, soll sich ihrer erbarmen denn ich hege die feste Hoffnung, daß sie nur fortgereift ist, um zu ihm zu kommen Wie oft hat sie des Abends geseufzt: ,War ich nur bei meinem Heinrich, dann wär' all die Unruhe fort, bie in mir ist! Den Rest der Zeilen, der einen persönlichen Trosi und eine Ermahnung des Herrn Pastors Grünengrund enthielt, überflog Heinrich nur. Er saß wieder an feinem Tisch, stützte den Kopf in die Hand, pruste wieder und wieder das Gelesene. Also war es Klara ernst gewesen, zui ihm zu kommen; es war ein Notschrei des Mädchens gewesen und er hatte ihn nicht verstanden. Jetzt irrte sie in der Welt umher, und nicht einmal den Brief, der ihm das alles anzeigte, hatte er zur Zeit geöffnet. Wo mochte fie jetzt fein? Hatte sie vielleicht angeklopft an seiner Tur, und er hatte auch das nicht gehört? Alles Sinnen und Denken Heinrichs war von den Geschäften genommen. Schon um vier erhob er sich, um um fünf arbeiten zu nen, und die Kerzen auf seinem Arbeitstisch erloschen oft erst um Mitternacht. Als er in einer Nachtstunde zurückgelegte Schriftstücke durchsah, fand er zu seinem Erstaunen einen Brief, den er feit vierzehn Tagen nicht geöffnet hakte. Der Brief trug eine fremde Handschrift, war persönlich an ihn gerichtet und hatte ihn darum nicht gekümmert. Er erbrach das Siegel und las, indem er eine lange höfliche Anrede überschlug und zugleich aus der Unterschrift ersah, daß der Briefschreiber der ihm als Seelsorger der Frau Pfarrerin Mahlmann wohlbekannte Pastor Grünengrund aus Halle war, eilig diese Zeilen: „--Und liegt mir nun bie Pflicht auf, Ihnen mitzuteilen, was mir die nun in bie Seligkeit hm- gegangene Frau Pfarrerin auf dem Totenbett anvertraut hat .." Heinrich wurde während des Winters wieder nach Stettin geschickt, um von Pommern aus die Magazine für bie im Osten operierende" Abteilung des Heeres sicherzustellen. Hier fand er alles unverändert; auch die Schweden hatten, trotz ihrer Uebermacht, und obgleich fie im General von Lantinghausen einen neuen Oeberbefehlshaber hatten, wenig ausgerichtet. Die Bevölkerung bewies ihre Liebe zum Vaterlande: Die Pommern gaben den letzten Groschen, den letzten Scheffel Korn, das letzte Kalb her, um bie Armee nicht Not leiden zu lassen. Doch in den Berichten mußte Heinrich oft schreiben: „Geht cs so weiter, so wird ' Land bald nur noch von Bettlern bewohnt ..." Wie lange er mit seinen Gedanken und Selbstoorwürfen dagesessen ! hatte, wußte er nicht, als er plötzlich ausschaute und sah, die eine der Kerzen war im Verlöschen, zuckte in langer roter Flamme aus, ward blau, schwand und hinterließ einen üblen Dampf. Er reckt sich Loas war das gewesen mit diesen drei Frauen in Halle? Sie waren hinein- , gewachsen in sein Leben durch ein Ungefähr, und nun waren sie heratzs- gewischt aus seinem Leben durch ein Ungefähr. Hatten sie überhaupt gelebt? Er las noch einmal diese Zeilen, und — seltsam — sie klangen, als wären sie in längst vergangener Zeit geschrieben, als gingen sie ihn gar nichts an, und er schalt sich wegen seines Herzens Härtigkeit. Aber aas war da zu schelten? Er dachte seines Vaters, schloß seine Hände zum Gebet und bat jenen, der alles weiß und über alles richten darf, um Vergebung, wenn er iwas Böses unwissentlich begangen, lieber diesem Gebet, das er stumm gesprochen, verlosch auch die andere Kerze. Müde und zerschlagen ging er zur Ruhe. Nach wenigen Stunden ward er von seinem Husaren geweckt. Obwohl sein Kops wie taub war, begab er sich wieder an seine Arbeit. Er hatte keine Zeit mehr, eigenen Gedanken nachzuhängen. Sein Amt war zu schwer, neuer Dienst war ihm : aufgetragen: Für das Jahr 1760 sollte er die Festung Kolberg verproviantieren. Ein starkes russisches Heer von zwölftausend Mann unter dem General Demidow war im Anmarsch. In Kolberg ließ sich Heinrich nur so viel Zeit, die kranke Mutter zu umarmen und Dorchen, die ihm an den Hals flog, zu beruhigen. Dann ging er sofort in den Dienst und stellte sich dem Kommandanten vor, einem alten Obersten von Heiden, den er noch von seiner Jugendzeit auf dem Dorfe her kannte, da es der damalige Hauptmann liebte, wenn er zur Jagd bei den Wedells eingeladen war, Sonntags des Vaters Predigt zu besuchen. > „Die Russen sollen uns Pommern kennenlernen!" grollte der alte Herr. „Die Garnison ist nicht mehr wie früher; die Offiziere haben alle Felderfahrung und tun nur hier Dienst, um die Narben und Verwundungen zu verschmerzen. Aber der Geist ist der gleiche wie draußenl Die Wachisoldaten stehen auch ihren Mann, und die Gesinnung der Bürger ist pommersch. Sorge Er, mein Sohn, nur dafür, daß die Leute das Töppchen voll haben! Solange die Mägen nicht knurren, murren die Geister auch nicht!" Allüberall wurde gearbeitet. Denn, wie es bei einer so abgelegenen Festung nun einmal ist, Wälle und Gräben waren nicht in allerbester Ordnung viel Buschwerk hatte sich angesetzt — es muhte geschafft werden, daß das Glaeis klar war. In der Stadt gab's genug Aufregung. Denn die älteren Garnisonsoldaten waren als Handwerker verwandt worden, um Uniformen auszusticken, Stiefel zu befohlen, Gewehre zu schäften; jetzt sollten sie auf - einmal wieder reglementsmäßigen Dienst tun. Heinrich rüstete Wagenkolonnen aus, die hinaus mußten, um die Lebensrnittel der nahen Dörfer ' zu räumen, die ja doch fönst in Feindeshand gefallen wären. Viel Aengst- liche strömten auch in die Stadt; darunter die alte Frau von Wedell in Begleitung Christinens. Sie nahmen Wohnung in einem der schönen Bürgerhäuser. So war am dritten Abend nach dem Einzug Heinrichs die Familie im kleinen wieder einmal im Hause der Mutter vereint. Der alten Pastorin ging es gar nicht gut. Die Schule war zusammengeschmolzen, trotz der Bemühungen Dorothees. Auch war sie zumeist bettlägerig. Mit Christine verstand sie sich nicht; denn die war ganz ein Edelfräulein geworden, bas die Rase über den dürftigen Haushalt rümpfte. Friedrich Wilhelm war nach der Schlacht von Leuthen Offizier geworden und kommandierte ein Freikorps. Er war nie ein guter Schreiber gewesen; die Mutter erhielt nur kurze Nachricht von ihm. Und Theodor war fern, wie Joachim Nettelbeck berichtet hatte, in Indien Kaufmann. Ihn noch einmal um sich zu haben, war die Sehnsucht der Mutter. Dorchen hatte sich zurückgezogen; Bruder und Schwester waren bei der Mutter allein, aber das Gespräch stockte, denn die Mutter tat die alte Frage: „Was soll aus dir werden, Christine? Einen Bürger magst du nicht heiraten, aber du bist jung und brauchtest einen Mann!" Christine zuckte die Achseln. „Es wird ja einmal wieder Friede werden", meinte sie, „und ich habe mir gedacht, ich werde bann nach Paris gehen ober einer anberen großen Stabt. Es gibt vornehme Damen genug, bic eine Reisebegleiterin brauchen, bie Französisch unb Italienisch zu reben versteht unb auf dem Cembalo ober mit ber Gitarre begleiten kann." Die Mutter schüttelte ben Kopf. „Also wirft bu nicht viel Besseres als eine Zofe sein", sagte sie, „während bu als Frau eines rechtschaft en Prebigers, Professors ober Doktors ein Leben im Familienkreis führen könntest!" Christine zuckte bie Achseln. „Was ist das schon, Mutter? Ein Tag eirund unb gleich wie ber anbere; jebes Jahr ein Kinb — bas heißt Verunstaltung auf brci ober vier Monate. Vorschnell wirb man alt unb schwach!" Unb bade! sah sie bie Mutter mit einem so bezeichnenben Blicke an, baß Heinrich ihr barsch gebot: „Hör auf!" „3a", erroiberte Christine, „ich sehe es ein: Wir passen nicht mehr zusammen!" Unb sie erhob sich unb ging. Heinrich begleitete sie durch die unruhige Stadt bis zum Wedellschen Hause. Zum Abschied reichte er ihr die Hand: „Warum mußt du die Mutter so kränken?" „Ich wollte es nicht", jagte Christine, „aber kann ich dafür, daß sie mich bei Fremden hat aufwachsen lassen? Bin wie ein verpslonztes Aprikosenstämmchen; du versetzt es in ben alten Boben nicht roieber zurück!" Zu Hause klang Heinrich eine schöne Stimme ins Ohr, bie zur. Laute bas Lieb fang: „Befiehl bu deine Wege..." Er trat ans Fenster und sah neben dem Bett ber Mutter Dorchen sitzen Der Schein ber Kerze weckte Lichter in ihrem goldenen Haar, bas, nicht gepubert, ben Kops umrahmte wie bas Christinens. Er sah, wie das Mäbchen bie Mutter aufbettete und ihr eine Tasse mit heißem Getränk brachte. Ja — Dorchen war ber Ersatz für Christine geworben. Er betrachtete sie bewegt. Wie schön war bas Mäbchen: kräftig und stark unb dabei doch in. ber Bewegung zart unb gehalten! In ihrer Stille erinnerte sie an Emma — nur, baß sie blonb war unb bie anbere braun gewesen. Unb er gebuchte ber anberen Schwester Klara, mit der er immer noch verlobt war, für bie er sich verpflichtet fühlte unb bie sich aufgelöst hatte, wie ein blauer Dunst in der Ferne. Die Russen hatten inzwischen die Stadt eingeschlossen unb schickten einen Parlamentär, der, ein weißes Tuch schwenkend, begleitet von einem blasenden Trompeter, zum Stadttor angeritten kam. Dem Offizier wurden, während er durch die Kasematten geführt wurde, die Augen verbunden. In der Stadt selbst ward er von ber Binde befreit und zum Rathaus geleitet. Hier empfing ihn der Oberst Heiden und hörte das Versprechen mit an, bie Stadt solle geschont werden, die Garnison freien Abzug erhalten mit Säbeln und Fahnen, ohne Gewehre. Heiden erwiderte mit fester Stimme: „Solange mir das Hemd nicht auf dem Leibe brennt, ein Stein in Kolberg noch auf dem andern steht, meine Soldaten noch ein Stück Kommißbrot zu essen und eine Patrone zum Feuern in der Tasche haben, übergebe ich die mir vom König anvertraute Festung nicht!" „So gegenwärtigen Sie", erwiderte der Offizier, ein Fürst Gagarin, „daß wir die spröde Festung im Sturm gewinnen!" Es war ein schöner, hochgewachsener blonder Mann, der liebenswürdig sprach, als stände er auf dem Parkett eines Schlosses. Er grüßte und ging. Zwei Offiziere geleiteten ihn. Heinrich folgte nach Vor dem Rathaus standen viele Bürger und ihre Frauen, um den fremden Offizier zu betrachten, „den Feind"; auch Heinrichs Schwester Christine war gekommen. Sie sah schön aus, wie immer, in einem lavendelblauen Kleid mit Tiillspitzen. Der Fürst Gagarin machte vor ihr halt, verbeugte sich: „Was für eine Schönheit! Sie allein ift's wert, daß wir Russen Kolberg nehmen müssen! Auf Wiedersehen, Mademoiselle!" rief er und warf ihr eine Kußhand zu. Heinrich war entrüstet, aber die beiden Offiziere verständigten sich mit einem Blick, verbanden dem Fürsten Gagarin die 'Augen, unb ber eine sagte: „Es ist nicht gut, Herr Oberst, daß Sie sich vor der Bataille in Kolberg' bie Augen verbrennen!" So wurde der unverschämte Mensch'hinausgeführt, und Heinrich ging auf feine Schwester zu, um sie aus dem Blickseuer der Anwesenden zu führen. Aber zu feinem Erstaunen fand er sie nicht entrüstet. Seife fugte sie, als sie eine stille Straße ereichten: „Was für ein schöner, galanter Mensch!" — Daß es nun Ernst wurde, ersahen die Belagerten daraus, daß die Russen anfingen, zu schanzen und Batteriestützpunkte zu bauen für das Belagerungsgeschütz. Die Bürger traten zusammen, um die Ernährung auch der iMermeren sicherzustellen. Da zeichnete sich besonders der alte Braumeister und Bürgerworthalter Nettelbeck aus, der seine Braukessel zum Suppekochen zur Verfügung stellte. Jeder Familienvorstand der Aermeren erhielt eine Nummer, und die Leute konnten einmal am Tage Nahrung von den Nettelbecks holen. Die Magazine für die Soldaten waren gut gefüllt, aber es blieb ein Geheimnis zwischen Heinrich und dem Obersten von Heiden, daß es mit der Munition knapp bestellt war. Ein Schiff, das von Stettin im letzten Moment Ersatz herbeibringen sollte, war von den Schweden gekapert worden. Eines Morgens langte aus Königsberg zu Schiff Joachim Nettelbeck an. Heinrich war erstaunt, was für ein hübscher, stattlicher und kräftiger Seemann er geworden war. Er versammelte sosort an vierzig andere preußische Seeleute um sich und ließ sich mit ihnen zu einer Feuerlösch- tompanic ausbilden. Die Dächer aller Häuser wurden auf Befehl des Obersten von Heiden hoch mit Mist und Erde bedeckt; damit die Geschosse der Feinde nicht so leicht durchschlagen sollten. UeberaU war Wasser bereitgestellt auf den Böden und Speichern. Die Einwohner selbst hatten sich für die Stunden der Beschießung auf Befehl in den Kellern wohnlich eingerichtet, und alles wartete nun in Angst und Bangen ab, was kommen würde. Am 29. August eröffneten die russischen Batterien ihr Feuer. Die Granaten zischten; die schweren, großen Brandbomben brausten im rauschenden Fluge daher. Im 91 u waren alle Straßen verödet. Vorsichtig schauten aus der Deckung die Menschen nach oben. Die schweren Bomben konnten sie mit bloßen Augen erkennen. 9iun krachte es. Gleich zu Anfang durchschlug eine der großen Bomben das Haus eines Schusters vom Boden bis zum Keller. Wie durch eine Fügung Gottes fiel sie in ein Wassec- faß und tat keinen Schaden. Diese Geschichte lief von 'Mund zu Mund. Ein Kornspeicher fing Feuer. Da kam die Seemann Löschkompanie herangeeilt, mit Nettelbeck an der Spitze; wie die Katzen kletterten sie hinauf und löschten zum guten Glück den Brand. Von den Dächern der Häuser prasselten die Steine, als wäre es ein schwerer Hagelschlag Aus den Kellerluken jammerten die Kinder und Frauen; hier und da schrie ein Getroffener auf und bat mit Wehgeschrei um Hilfe. Heinrich, zu dessen Obliegenheiten auch die Verwaltung eines großen Lazarett; gehörte, eilte auf bie ersten Nachrichten von Verwundungen dahin, um zu Helsen. Wie erschrak er, als er mitten auf dem Marktplatz, wo sich doch selbst beherzte 9)länner an die Mauern drückten, Dorchen mit einem großen Tragkorb am Arm dahingehen sah! Er hastete heran und fragte sie, weshalb sie sich nicht in den Keller geflüchtet habe. Sie aber antwortete schlicht: „Ich stehe überall in Gottes Hand! Ohne seinen Willen fällt kein Sperling vom Dach! Ich mußte diesen Gang unternehmen, um der armen Frau Glaserin, die vor Schreck niedergekommen ist, einige Srquictungsmittet zu bringen." (Fortsetzung folgt.) verantwortlich: l)r. Hans Thyriot. — Druck und Derlag: Brühl'sche Univer!itäts-Duck- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.