GieheimZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang |932 Montag, den 5. September Nummer 69 Abendphantasie. Von Friedrich Hölderlin. Bor seiner Hütte ruhig im Schatten sitzt der Pflüger, dem Genügsamen raucht sein Herd. Gastfreundlich tönt dem Wanderer im friedlichen Dorfe die Abendglocke. Wohl kehren jetzt die Schiffer zum Hafen auch, in fernen Städten fröhlich verrauscht des Markts geschäft'ger Lärm: in stiller Laube glänzt das gesellige Mahl den Freunden. Wohin denn ich? Es leben die Sterblichen von Lohn und Arbeit: wechselnd in Müh' und Ruh' ist alles freudig: warum schläft denn nimmer nur mir in der Brust der Stachel? An. Abendhimmel blühet ein Frühling auf: unzählig blühen die Rosen, und ruhig scheint die goldne Welt; o dorthin nehmt mich, purpurne Wolken! und möge droben in Licht und Luft zerrinnen mir Lieb' und Leid! — Doch, wie verscheucht von törichter Bitte, flieht der Zauber; dunkel wird's, und einsam unter dem Himmel, wie immer, bin ich. — Komm du nun, sanfter Schlummer! zu viel begehrt das Herz: doch endlich, Jugend, verglühst du ja, du ruhelose, träumerische! Friedlich und heiter ist dann das Alter. Das Schwalbennest. Erzählung von Frida Schanz. Der Wirt des stattlichen Gasthofs „Zur Post", im reizend gelegenen Alpendors, hatte mit schallender Stimme die Stiegen empor „Stasi!" gerufen. Ein junges Ehepaar, nagelneu bekleidet und mit nagelneuem Reisegepäck, war mit dem Postauto angekommen und wollte Unterkunft für etliche Tage. „Das große Balkonzimmer im Anbau!" ordnete der Wirt an. Doch nicht Stasi, das junge fesche Stubenmädel, nahm den Bescheid entgegen, sondern statt derer kam die ältere Angestellte, die Kellnerin Marie, auffallend geschäftig die Holzstiege herunter. „Wenn's recht ist, möcht' ich den Herrschaften gern das Zimmer zeigen." „So?" , War die andere nicht zur Hand? Dem Gastwirt war es gleich. Diese saubere gediegene Marie machte ja ebenfalls einen guten Eindruck. Bisserl ernst und altmodisch war sie ja woht, mit der feschen Jungen verglichen: sonst war an ihr nichts auszusetzen. Daß sie, die ruhige, ältere Person, die Junge soeben mit ungewohnter Heftigkeit gebietend beiseite geschoben, ja, ihr einen regelrechten Puff versetzt hatte: „Das da möcht' jetzt ich gern mal besorgen!", sah den nun wieder eigentümlich ruhigen Gesichtszügen der Alternden niemand an. Dumm, verdutzt, hatte die hübsche Stasi der Kollegin nachgeschaut. „Du mei! Die hat's wichtig! Weil sie die Stuben im Anbau mit eingerichtet und die Wochen über oft drin nachgeschaut hat, meint sie letzt, sie hat sie gepachtet." , .. _ . So ähnlich' Wichtig genug war allerdings der Marie die Sache Als ob sie es bis in Herz und Nieren hinein prüfen wollte, sah sie sich unter verstohlen gehobenen Wimpern das Ehepaar, das ße durch den großen leeren Tanzsaal nach dem Anbau hinübergeleiten mußte, an. „Sind nett — beide", entschied sie im stillen. „Nur noch recht wie auf Draht gezogen. Ist ihnen schon sicher recht, daß sie sich gekriegt haben. Hätten sie sich nicht gekriegt, wären sie auch nicht dran gestorben. Was rechte Liebe ist und einander gemütlich gut sein, müßen die wohl erst noch lernen." * Ja! Die rechte Liebe! Die Kellnerin Marie im bayerischen Alpendorf hatte von der ihren einen ganz besonderen Begriff. Fast mit Unruhe, als gönnte sie es ihnen nicht ganz, ließ sie das norddeutsche Paar ins große, neu eingerichtete Zimmer schauen. Sie fanden es beide „sehr nett". Nicht die Hakigen, spitzigen Muster, die bis in die Dorfwirtshäuser hinein auf einmal Mode waren. An den hellrosa Wänden standen Schränke und zwei Betten von gebeiztem Holz: einfach, gediegen. Die geblümten Steppdecken lustig und sanft, bunt wie ein sommerlicher Bauerngarten. Ueber die Geranien des Balkons weg freie Aussicht über wogende Wiesen voll Trollius, Margueriten und rosa Pechnelken in bläuende Waldberge bis zu silbernen Felszinnen und blitzenden Gletschersäumen. „Und da! — Ohl, sieh doch mal!" Die junge Frau schaute ihren Mann mit großen Augen an. Vergnügt lachte sie auf. Scharf und hell schrillte vom offenen Fenster her Vogelruf. Rundum durch den Raum kreisten Schwalben. Ein Schwalbenpaar sauste mit seinem unnachahmlich schlanken, auf den Menschen wie lautere Glückseligkeit wirkenden Flug ein paarmal in immer engeren Kreisen um den blanken Metallteller, der über der milchweißen Beleuchtungsglocke von der Mitte der Decke herunterhtng. lieber diesem Teller wölbte sich ein dunkles, eiförmiges Etwas. Vogelköpfchen hoben sich über den Rand des Gebildes. Gelbe Vogelschnäbel, schwarze blitzende Aeuglein wurden sichtbar, tauchten auf. „Ein Schwalbennest!" Ein Kinderausdruck ging über das gepflegte Gesicht der jungen Frau. „Wie goldig!" rief sie. Der Gatte äußerte sich kopfschüttelnd: „Das ist wirklich allerhand!" * „Ich bin daran schuld. Wenn Sie es wünschen, kann die ganze Sache schnell beseitigt werden", begann jetzt die Marie mit schuldbewußtem Ernst eine kleine Verteidigungsrede. Von dem unter das Nest gebreiteten, reichlich beklexten Stapel Zeitungen, hatte sie die treuen blauen Augen tapfer zu den kritisch scharfen Blicken des männlichen Gastes erhoben. „Außer mir", sagte sie, „hat niemand in die Zimmer hier hineingeschaut, seit das Haus da angestückelt worden ist Der Wirt hat mit seinen neuen Eisanlagen zu tun, die Frau liegt mit einer bösen Kniesache im Krankenhause in der Stadt. Ja — und also — die Schwalben! Ich meine: so lange ich lebe, habe ich sie nicht so massenhaft und in einer solchen Quartiernot gesehen, wie in diesem Jahre. Unterm Vordach vom Hause hat der Wirt keine Nester mehr geduldet, drüben am Schuppen war schon bald kein Platz in der Reihe unterm Dach mehr, so viele bauten. Zu Hunderten waren die armen Dinger bei der Hand, so oft die Straße mal nach dem Regen recht glitschrig aufgeweicht war. Wie wild haben sie mit den Schnäbeln den Lehm mit Hälmchen und Haaren vermengt. Restanfänge wurden angeklebt und gebaut, wo sich nur eine Stelle fand. Wo eine Tür oder ein Fenster offen stand, wutschten die Schweiberle in Schuppen und Stuben auf Bauplatzsuche. Hier hatte ich mal einen einzigen Tag gelüftet, weil es noch nach Tünche rod). Da war die Be- (djerung da. Das Nest auf dem Balkon, das sie zuerst angefangen hatten, wurde im Stich gelaßen. Wer weiß, wodurch es ihnen verleidet wurde. Da drinnen hat's ihnen eben besser gepaßt. Da wurde gekleistert und gebaut. Ich war nur sroh, daß schlechtes Wetter war und niemand nach den neuen Zimmern fragte — bis heute!" Die junge Frau lachte leise. „Da sind wir Ihnen wohl recht in die Quere gekommen?" Marie gab es zu. „Ich hätt's schon gern gesehen, wenn die Kleinen erst hätten fliegen können. Seit sechs Tagen sind sie ausgekommen. Wenn ich das Nest jetzt herunterhole, wird ja große Not sein." „Lassen Sie's mal vorläufig noch", sagte der junge ®atte, von einem seltsam erwartungsvollen Blick seiner Frau bezwungen, in leutseligem Ton. „Wir reisen ja doch morgen weiter. Spätestens übermorgen. Die Schwalbenkinder werden ja nachts nicht schreien!" Die Gebirgsgegend, deren Mittelpunkt in den Augen einer nicht mehr ganz jungen Kellnerin das Schwalbennest bildete, war herrlich, viel herrlicher, als das junge Paar, das nur ein Zufall hierher verschlagen, geahnt hatte. In großem Schwung lagen nähere und fernere Reihen herrschender Höhen um das breite grüne Tal. Zu einer immer mehr gelebten Aufgabe wurde es den beiden, die Eroberung dieser, zu immer großartigen'Ausblicken führenden Höhenwelt mit einiger Vollständigkeit zu betreiben. , _, Die Kellnerin Marie war sehr froh darüber. Nun hatten ihre Schwalben für Atzung und Zwitschergesang, für Flugunterricht und Flugversuche tagsüber reichlich Ruhe. Wenn die Menschenkinder höhenselig heimkehrten, kam van letzten abendgoldenen Flügen meist auch das Schwal- denvaar heim. Oder Eltern und Kinder schliefen bereits, friedlich ins Nest geduckt, mit traulichen, nacht- und nestfrahen Zwitscherlauten: nur hier und da einmal ihr Dasein bekundend. Diese heimlichen Laute gehörten dem jungen Paar jetzt schon förmlich zum Leben. Die Schwalbenfamilie war ihnen eine Reisebekanntschaft geworden, von der sie auf bunten Postkarten in die Heimat meldeten, von der sie sich auf ihren immer roaagemuiiger werdenden Höhentouren oft rasthaltend mit ein paar luftigen Worten unterhielten. „Das große schlanke Vogelkind, das nie genug bekam — der kleine Plumpsack, dessen Flugversuche trotz aller Bekehrung noch nicht bis zum Fenster gereicht hatten", ste kannten fie alle, jedes einzelne kannten fie. Ein besonderer, gemütlicher Ton, auf die gemeinsame Bekanntschaft mit einer Schwalbenfamilie begründet, verband sie mit der Kellnerin und Zimmerbesorgerin Marie. * „Fräulein Marie!" Die junge Frau war eines Tages auf eine anstrengende Kletterpartie vom Herrn Gemahl nicht mitgenommen worden. Sie sollte sich auf keinen Fall überanstrengen! fie sollte unbedingt einmal ruhen. „Fräulein Marie!" rief sie vom Balkon, auf dem fie mit einer Handarbeit faß, in die Stube hinein, in der ein leeres Nest unter der Zimmerdecke verkündete, eine glückliche Familie fei heute zum erstenmale vollständig ausgeschwirrt. „Nun find Sie wohl froh und zufrieden, Ihren .Lieblingen das Nest gerettet zu haben?!" Die Antwort war ein kleiner, tief auffchluchzender Seufzer, halb leid, halb Glück. Dann eine Richtigstellung: „Gnä Frau, Fräulein Marie paßt aber nicht auf mich. Ich bin Frau — Witwe Burger. Jäger Burger hieß mein Mann." Vom Nestzerstören fing fie dann an zu reden. Sie wisse, was es hieße, ein zerstörtes Nest! Sechs Jahre hätten fie als stille Brautleute gespart, ihr Mann und fie, um sich ihres zu bauen. Gut feien fie einander gewesen. Sie hätte nach der Heirat noch mitverdient, als Aushilfskellnerin hier in der „Poft", wo fie Hauptkellnerin gewefen fei. Als ihr Kind geboren war, hat das ein bißchen nachgelaffen. Das Kind. — Das Kind! Sie konnte kaum reden vor lauter Liebe, als fie das erwähnte. Zwei Jahre fei fie mit dem guten Manne und dem herzigen Kind glücklich gewefen. Dann hatten fie ihr den Mann erschaffen, irgendeiner von den vielen Wilderern, die es in der Gegend gab. Wer — das fei bis heute nicht erforscht. Die junge Frau fragte — von dem harten Unglück und dem harten Ton, in dem davon berichtet wurde — tief betroffen: „Und Ihr Kind?" „In Nürnberg, bei meiner Mutter ist's. Hier hab' ich's nicht behalten können. Ich muß für feinen Unterhalt verdienen. — Seit drei Jahren ist's in diesem Frühjahr zum erstenmale mit der Mutter auf ein paar Wochen hiergewesen. So ein lieb's Ding ist's. Aber mich kennt's ja gar nicht. Mich mag's nicht. Ganz wild mit dem Kopf hat's geschüttelt, als ich bei der Abfahrt gefragt hab': Magst nicht bei mir bleiben, Meili?' Schlleßlich hat's ein bifferl gewinkt: .Komm doch du mit!' Lieber Gott, das hat mich schon so gefreut. So einsam bin ich dann aber heimgegangen." Die junge Frau sah auf, als blicke sie aus finkendem Schallen wieder ins Helle. „Ja, Frau Burger, ginge das denn nicht? Möchten Sie das nicht?" „Hab' keine Stelle bekommen können. Hab' mich ost und oft bemüht. Alles ist ja heutzutage so schwer!" Daraus wußte die junge Frau vorderhand freilich kein kleinstes Trostwort zu sagen. Sie besann und bedachte es dann, als die Marie mit Zimmeraufräumen fertig und gegangen war — aber mit einem sehr netten, stillen Lächeln. In den Tagen rüstigen Wanderns, den Abenden, Nächten und Morgen wohliger Ruhe unter dem Schwalbennest, war ihr Herz dem Herzen ihres Mannes so zutraulich nahegekommen, daß sie ihn nach seiner Heimkehr von der großen Tour einmal fragen wollte: ob es nicht möalich fei, in seiner Fabrik in Nürnberg eine so gediegene Person wie diese Schwalbenbeschützerin — vielleicht in irgendeiner Aufsichtsstelle — bei gutem Gehalt möglichst bald anzustellen. Mauritius, die Insel der tausend Seltsamkeiten. Ein Land mit 400 000 Einwohnern, das keiner kennt. Von C. L. Stewart. Mauritius ist in der ganzen Welt durch eine Briefmarke berühmt, die zu den größten Kostbarkeiten der Philatelie gehört. Im übrigen ist diese interessante Insel mit ihrer riesigen Einwohnerzahl eine der wenigst bekannten Gegenden der Erde. Der folgende Bericht über einen Besuch aus Mauritius darf darum wohl besondere Aufmerksamkeit beanspruchen. Ich war nach Mauritius gekommen, weil mein Dampfer beauftragt war, ein paar hundert Tonnen Mehl abzuladen. Ich war darauf gefaßt, mich während des Aufenthalts an Land schrecklich zu langweilen. Denn was gab es schließlich hier zu sehen? Dann erfuhr ich, daß in der Hauptstadt Port Louis 40 000 Menschen lebten, Menschen jeder Nationalität, von der französischen bis zur papanesischen. Wo so viele verschiedene Typen sind, mußte es doch Interessantes geben! * „You no can play. Must go ’wayl" — Kannst jetzt nicht spielen, mußt Weggehen!" Der ausdruckslose chinesische Croupier einer der vielen Spielhöllen in Port Louis, aus die ich zuerst stieß, bestand darauf, mir das Setzen von ein paar Rupien zu verbieten. Das Spiel wurde unterbrochen, während ich darauf wartete, daß er feine Meinung änderte. Vierzig schiefe Augen starrten mich aus Gesichtern von der Farbe alten Pergaments an. es war nichts aus ihren Gesichtern zu lesen — waren sie nur interessiert, oder planten sie kurzen Prozeß mit mir zu machen? üch versteifte mich nicht darauf, es zu ergründen. In der Stadt Port Louis gibt es eine ganze Reihe von Spielhöllen, die nach einem Klub- Prinzip betrieben werden und nur Abonnenten, die zur Aufrechterhaltung der Klubs beitrogen, zulasten. Solange fie bei diesem System bleiben, befinden sie sich vollständig in den Grenzen des Gesetzes, wenn sie aber einem Fremden erlauben, zu spielen, müssen sie eine Strafe bezahlen, die viel höher ist als die Summe, die sie einem Touristen abnehmen könnten. Ich beobachtete das Spiel eine beträchtliche Welle und sah, daß es eine ziemlich lange gerade — oder ungerade — Angelegenheit war. Der Croupier nahm eine Handvoll Metallspielmarken mit Löchern in der Mitte und warf sie über den Tisch. Dann zählte er sie zu vieren und tat sie in seinen Becher zurück. Wenn nur noch ein paar Marken aus dem Tisch übrig waren, wurden die Wettenden aufgeregt. Eins—zwei— drei—vier ... eins—zwei—drei—vier ...! Die Ungerade hatte gewonnen. * Port Louis ist schmutzig und überfüllt. Seine Hauptstraßen in den Geschästsvierteln machen keinen günstigen Eindruck. Sie werden von kleinfenstrigen Läden eingefaßt, die abends mit schweren Läden ver- schlosten werden, zum Schutz gegen die Wirbelstürme, die jedes zerbrechliche Material zerschmettern, Häuser in tausend Stücken pfeifend durch die Lust senden und bas Meer in einen riesenhaften Kochkessel verwandeln, der zahllose Schisse zertrümmert, und den Inseln ihren schlechten Ruf verschafft hat. Aber es sind interessante Straßen. Indische Läden, französische Salons, japanische, chinesische und arabische wechseln ab. In den japanischen Läden kann man getrockneten Katzenwels und Pakete japanischer Eßwaren von abstoßendem Aussehen kaufen. Zu den Mahlzeiten setzen sich alle Angestellten an einen kreisrunden Tisch in der Mitte des Ladens, von dem die Waren abgeräumt werden, und schaufeln sich mit Eh- stäbchen Reis in den Mund. Die Geschicklichkeit, mit der sie in die gemeinsame Fleischschüssel in der Mitte fahren und sich ein Stück heraus- holen, muß man gesehen haben. Es ist keine lange Mahlzeit — zehn Minuten genügen selbst dem größten Esser. Wenn ein Künde eintritt, muß einer der Angestellten seine Reisschüssel verlassen, um ihn zu bedienen. * Mohammedanische Moscheen, chinesische und japanische Tempel, katholische Kathedralen und Gebetplätze der Hindus rahmen die Straßen ein. Die eigenartigen Läden der mohammedanischen Juweliere, wo silberner und goldener Nasen-, Ohren-, Arm-, Bein- oder Halsschmuck gemacht wird, sehen mit den krummbeinigen Arbeitern und den altmodischen Kohlenpfannen wie Bühnenausstattungen aus. Autos und große dreißig- sitzige Autobusse rasen mit absichtlicher Nichtbeachtung der mauritanischen Polizisten vorbei. Eine abendliche Schaustellung, die ich in Port Louis besuchte, ist eine so einzigartige Unterhaltung, wie man sie sich nur wünschen kann. Während ich durch die schmutzigen Straßen streifte — die Polizisten warnen einen, durchzugehen, wenn sie einen sehen —, hörte ich Akkorde orientalischer Musik. Als ich ihnen nachging, fand ich ein chinesisches Theater auf einem freien, von einem hölzernen Zaun umgebenen Platze in vollem Betrieb. Stundenlang beobachtete ich die Mimik prächtig gekleideter chinesischer Männer und Frauen und die akrobatischen Kunststücke eines chinesischen Charlie Chaplin. Lange Partien, jene, die den größten Beifall fanden, schienen ganz unverständlich, aber die auffallende Musik, die glänzenden Kostüme und die gelegentlichen artistischen Darbietungen fesselten mich stark. Es wurde 5 Uhr, bis die Vorstellung zu Ende war. Neun oder zehn Stunden gründlichen Vergnügens sind ziemlich viel für eine Nacht. * Port Louis ist stolz auf feine Autobusse. Auf den Seiten der Wagen steht: „Vollständig versichert". Für 0,80 Mark kann man eine wunderschöne, wenn auch nervenerschütternde Fahrt durch die Palmen- und Rohrplantagen in die Berge machen, wo die europäischen Viertel in Curepipe und Vacaos gebaut sind. Kleine Dörfchen schmücken die Wegseite; ein plötzlicher Aufstieg zur Spitze enthüllt ein Panorama von eigenartig geformten Gipfeln, mit der blauen See, die an die felsige Küste brandet, in der Ferne * Kein Teil Afrikas ist dichter bevölkert als Mauritius. Die Insel mißt 30mat 24 Meilen, mit einem Umfang von ungefähr 1100 Kilometern. Bei einer Gefamtbevölkerung von 400 000 kommen 500 Menschen auf die Quadratmeile. Port Louis ist in einen kleinen Schlupfwinkel zwischen den Hügeln gestopft, 20 000 Menschen kommen hier auf die Duabratmeite. Daher ist es kein Wunder, daß ein großer Teil der Bevölkerung vor einigen Jahren von einer Epidemie dahingerafft wurde ♦ Eine einzige Berusskiaffe Südafrikas schickt mehr Besucher nach Mauritius als alle andern zusammen. Ich traf viele südafrikanische Jockeys, die für die Rennsaison der Insel eingetragen waren. Pferderennen ist ein beliebter Hazardspiel-Sport in PortLouis, und eine Lotterie ist organisiert, wo bei jedem Rennen Lose gezogen werden. Jeder Laden hat eine Lotterietafel, wo Billettbücher angenagelt sind. Chinesen, Inder, Japaner und die Europäer in Port Louis, alle nehmen Lose für diese Lotterien, die vom Gouverneur genehmigt sind. * Wenn Mauritius in einem etwas weniger gefährlichen Teil des indischen Ozeans läge, würde es schnell als Reiseziel berühmt fein. Aber die häufigen Regentage, von November bis April, und die Zeit der Wirbelstürme, die anfängt, wenn der Regen aushört, und fortbauert, bis der Regen wieder anfängt, sind für die Touristen abschreckend Auch die Möglichkeit eines Zyklons — eine tötete 1200 und verletzte 2000 Menschen in 90 Minuten — wirkt nicht gerade daraufhin, einen Aufenthalt auf der Insel reizvoller zu machen. Diese Tatsachen machen Mauritius zur nahezu unbekannten Insel. Fast die einzigen, die eine persönliche Kenntnis von Mauritius haben, sind die Mannschaften der Frachtdampfer, die den Bewohnern die Lebensnotwendigkeiten bringen und Zuckerladungen abholen. Kunst und Natur. Don Heinrich Wölfflin. Heinrich Wölfflin, der Meister der kunstgeschichtlichen Stilanalyse, tritt nach langer Pause wieder mit einem Werk hervor, das in langjährigen tiefgründigen Studien gereift ist und ein Zentralproblem deutschen Kunstschaffens, ja deutschen Wesens überhaupt erörtert: „Die Kunst der Renaissance. Italien und das deutsche Formgefühl" (bei F. Bruckmann in München). Der große Gelehrte, der einst mit seiner Einführung in die italienische Renaissance feinen Ruhm begründete, beleuchtet das Thema „Italien" diesnral nur nach feiner Bedeutung für uns Deutsche. Das Verlangen nach dem Süden, gleich als ob dort das Land der Verheißung für uns läge, fällt gerade mit der Stunde stärkster eigner Schöpferkraft zusammen. Das ist auf dem Gebiet der Dichtung bei Goethe nicht anders gewesen als in der Epoche der Hochblüte deutscher bildender Kunst zu Anfang des 16. Jahrh. Diese deutsche Kunstblüte ist etwas Einheitliches und in ähnlichem Sinne etwas Klassisches wie das italienische Cinquecento, und wenn man sie als „Renaissance" bezeichnet, darf man nicht erwarten, daß das im , Norden dasselbe bedeutet wie im Süden; deutsche und italienische Renaissance können sich nicht gleichen. Italien enthält für den germanischen Norden etwas Wesensfremdes. Aber darauf erhebt sich die Frage: Was ist italienisches Formgefühl und inwieweit kann der Norden daraus eingehen? Die Antwort gibt Wölfflin für die Renaissancezeit durch eine Betrachtung im Querschnitt, indem er die Gegensätze italienischen und deutschen Formgefühls unter bestimmten Gesichtspunkten auszeigt und als Ausdruck eines besonderen Lebensgefühls charakterisiert. Damit werden zugleich ganz spezifische nationale Werte von allgemeiner Bedeutung herausgestellt. Als Beispiel dieser fruchtbaren Analyse seien hier aus dem Abschnitt ,Lunst und Natur" die einleitenden Betrachtungen mitgeteilt. Die Dieser optima ganze Kunst des Sichtbaren beruht auf Nachahmung der Natur. Satz ist für Italien selbstverständliche Voraussetzung. „Natura artifex" (Die Natur ist der Meister der Kunst) heißt es bei 8, B. Alberti und Lionardo nennt die Malerei die Tochter oder wenigstens die Enkelin der Natur, denn alle sichtbaren Dinge sind aus der 9iatur geboren, und aus ihnen ist die Malerei hervorgegangen. Der Künstler ist Gott verwandt, denn was er tut, ist nichts anderes als ein Nachbilden dessen, was in der Schöpfung Gottes zutage tritt. Und gleichlautend heißt es am Ende der Renaissance in den Dialogen des Francisco de Hollanda: „Nach meinem Urteil ist diejenige Malerei die vorzüglichste und gleichsam göttlich, welche irgendein Werk des Ewigen vollkommen nachbilde't ... ein jedes dieser Dinge vollkommen in seiner Art nachzubilden, bedeutet in meinen Augen (Michelangelo ist als »precher gedacht) nichts Geringeres als die Schöpfertätigkeit Gottes l nachzuahmen." Das wertvollste Kunstwerk aber wird das fein, das „das vornehmste, feinste und kunstvollste Gebilde" wiedergibt, womit natürlich die menschliche Gestalt gemeint ist. Die Kunst ist eine zweite Natur. Und auch die Baukunst, die nicht aus die Darstellung eines Gegebenen sich stützt, hält den Zusammen- I Hang fest. Die schönen Proportionen stecken in der Natur, der Künstler L muß sie nur zu finden wissen. Sie sind den Proportionen des mensch- ; lichen Körpers grundsätzlich verwandt. Es ist unser Leben, das in der i Architektur atmet, und es besteht auch kein gattungsmäßiger Unterschied iwischen profaner und sakraler Architektur. Das Natürlich-Schöne ist an 2iud) die deutsche Renaissance ist ein Bekenntnis zur Natur. Es ent- . 'Vridjt ganz italienischer Anschauung, wenn Dürer verkündigt: „Denn I -vahrhastig steckt die Kunst in der Natur und wer sie heraus kann reihen, der hat sie." Aber wie? Klingt das Wort hier nicht wie eine : Kritik, wie die Beteuerung einer persönlichen Ueberzeuguna, die eben vicht die allgemeine ist? In der Tat, so naturfromm der Deutsche ist, ' 's liegt ihm im Blut, auch über das Greifbar-Natürliche hinauszugehn, i Er macht sich von der Schönheit Vorstellungen, die sich mit keiner Wirklichkeit mehr decken. Er überläßt sich einem Zug zum Phantasti- > chen, der etwas ganz anderes bedeutet als die einzelnen Phantafie- pschöpfie, die auch der italienische Boden hervorgetrieben hat. Unter - Loslösung von der Basis des Natürlich-Organischen kann er st-y bis ms t Sijarre und Ungeheuerliche steigern. Dürer selbst klagt sich an, daß er rst spät den Geschmack am Seltsamen überwunden und den Wert Des Natürlichen und Einfachen erkannt habe. Aber was wäre Dürer für uns, wenn wir alles abstreifen wollten, ! »as über das Natürliche hinausgeht? Und wie sehr würde das Bilo | unserer großen Kunst verarmen, wenn wir nur das gelten lagen I sollten, was dem Begriff der Naturnachbildung zu unterfteUen ist. । ^ürer hat heroisch gerungen, die Natur zu erfassen und ihren einzig- -ttigen Wert zur Geltung zu bringen, aber es gab daneben eine anocre f Sunft, eine natürlich-übernatürliche, wenn man will, die doch auch \ Gegenwart war und von der sich völlig zu scheiden unmöglich gewesen I 3[>re. Jene höchst lebendigen Kirchenwerke von der Art des JJioos- i -urger Altars - eine märchenhaft funkelnde Formenwelt, die in, phan- ; Östlichen Aufgipfelungen nach oben drängt — sie lassen sich nia)t a :?m Zusammenhang der deutschen „Renaissance' ausschalten.^Und es , 1 sicher, daß ihr Stil nicht als gegen die Natur laufend empfunden ' ^rden ist, sondern nur als über die Natur hinaus gesteigert i Was ist Natur? Für jedes Volk und für I-des Zeitalter etwas I roheres. Aber wer darf wagen, bestimmt zu umreißem was die mit ! sven Sinnen erfaßte Wirklichkeit jeweilen bedeutete? Wenn wir hier | ?r Frage trotzdem nicht ganz ausweichen, so geschieht es mit dem | '°rbehc>lt, nur' einige allgemeinste Richtlinien aufzeigen zu dürfen. Wenn, wie eben gesagt, die bildende Kunst von Lionardo Tochter oder Enkelin der Natur genannt wird, so ist es immer die Vorstellung des einzelnen Geschöpfes, die ihn leitet: das Höchste, was die Natur hervorbringt, ist der organische Körper und dieser organische Körper, vor allem der menschliche, ist auch der eigentliche Gegenstand der Kunst. Man kann ihn in Ruhe ober in Bewegung zeigen, man kann ihn in den Zusammenhang eines Geschehens verflechten oder nicht, die Phantasie des Beschauers wird stets mit dem Einzelorganismus als dem Urelement sich beschäftigen. Die vollständige Durchdringung und Verlebendigung dieses Urelementes macht den Ruhm der Kunst aus. Demgegenüber ist die deutsche Phantasie nicht nur darum eine andere, weil sie der menschlichen Gestalt keine solche Vorherrschaft vor den unzähligen übrigen Erscheinungen der Welt einräumt, sie ist vor allem eine Phantasie des Vielen und nicht der Einzelfigur, des Formen- fchwarms und nicht der isolierten Form. Das Interesse für die Einzel- gcstalt fehlt nicht, aber die Vorstellung des Formkomplexes, das Ineinander verschiedener Existenzen ist das Primäre. Das „Rasenstück" des jungen Dürer lagt unserer Empfindung mehr als die noch so sorgfältigen Einzelstudien von Pflanzen, die er sonst noch gemacht hat. Wie die Gräser an sich beschaffen sind, ist nicht gleichgültig, aber das eigentlich Erregende ist der Eindruck der Koexistenz oder, um es deutsch zu sagen, das Gefühl des lebendigen Zufammenstehens und Sich-Be- rührens in einem solchen Stück Natur So erschöpft sich das Leben des Baumes für den Deutschen nicht in der Zeichnung von Krone, Stamm und Wurzel, es ist immer der Busch, die niebern Gewächse des Bodens, die mit an den Stamm sich herandrängen. Man kann da nicht isolieren, die Natur gebiert nicht einzelne Geschöpfe, sondern entlädt sich in einem Schwall von Formen: ein massenhaftes Dasein, dem sich nicht ungern der Charakter des Gedrängten und Stoßenden beimischt .. Das geht auf eine grundsätzlich andere Wertung des Sichtbaren überhaupt zurück. Es kann für uns die gleiche metaphysische Bedeutung nicht haben wie für Italien, weil wir das Göttliche nicht in endliche Verhältnisse eingegangen denken können. Die Germanen beten das Unsichtbare an, heißt es bei Tacitus. Die transzendentale Kunst für uns scheint nicht die Bildnerei, sondern die Musik zu sein. 3Raf Krespel. Novelle von E. T. A. Hoffmann. (Fortfeßung.) Ihr wißt, daß ich auf solche phantastische Dinge ganz versessen bin, und könnt wohl denken, wie notwendig ich es fand, Antoniens Bekanntschaft zu machen. Jene Aeußerung des Publikums über Antoniens Gesang hatte ich selbst schon öfters vernommen, aber ich ahnte nicht, daß die Herrliche am Orte fei und in den Banden des wahnsinnigen Krespels wie eines tyrannischen Zauberers liege. Natürlicherweise hörte ich auch sogleich in der folgenden Nacht Antoniens wunderbaren Gesang und da sie mich in einem herrlichen Adagio (lächerlicherweise kam es mir vor, als hätte ich es selbst komponiert) auf das rührendste beschwor, sie zu retten, so war ich bald entschlossen, in Krespels Haus einzudringen und die Königin des Gesanges aus schmachvollen Banden zu befreien. Es kam alles anders, wie ich es mir gedacht hatte; denn kaum hatte ich den Rat zwei- bis dreimal gesehen und mit ihm eifrig über die beste Struktur der Geigen gesprochen, als er mich selbst einlud, ihn in seinem Hause zu besuchen. Ich tat es, und er zeigte mir den Reichtum seiner Violinen. Es hingen deren wohl dreißig in einem Kabinett, unter ihnen zeichnete sich eine durch alle Spuren der hohen Altertümlichkeit (geschnitzten Löwenkopf usw.) aus, und sie schien, höher gehängt und mit einer darüber angebrachten Blumenkrone, als Königin den andern zu gebieten. „Diese Violine", sprach Krespel, nachdem ich ihn darum befragt, „diese Violine ist ein sehr merkwürdiges, wunderbares Stück eines unbekannten Meisters, wahrscheinlich aus Tartinis Zeiten. Ganz Überzeugt bin ich, daß in der innern Struktur etwas Besonderes liegt, und daß, wenn ich sie zerlegte, sich mir ein Geheimnis erschließen würde, dem ich längst nachspürte, aber — lachen Sie mich nur aus, wenn Sie wollen — dies tote Ding, dem ich selbst doch nur erst Leben und Laut gebe, spricht oft aus sich selbst zu mir auf wunderliche Weise, und es war mir, da ich zum ersten Male daraus spielle, als wär' ich nur der Magnetiseur, der die Somnambule zu erregen vermag, daß sie selbsttätig ihre innere Anschauung in Worten verkündet. — Glauben Sie ja nicht, daß ich geckhaft genug bin, von solchen Phantastereien auch nur das mindeste zu halten, aber eigen ist es doch, daß ich es nie über mich erhielt, jenes dumme tote Ding dort aufzuschneiden. Lieb ist es mir jetzt, daß ich es nicht getan, denn seitdem Antonie hier ist, spiele ich ihr zuweilen etwas auf dieser Geige vor. — Antonie hört es gern — gar gern." Die Worte sprach der Rat mit sichtlicher Rührung, das ermutigte mich zu den Worten: „O, mein bester Herr Rat, wollten Sie das nicht in meiner Gegenwart tun?" Krespel schnitt aber ein süß- faures Gesicht und sprach mit gedehntem singenden Ton: „Nein, mein bester Herr Studiosus!" Damit war die Sache abgetan. Nun mußte ich noch mit ihm allerlei zum Teil kindische Raritäten besehen; endlich griff er in ein Kistchen und holte ein zusammengelegtes Papier heraus, das er mir in die Hand drückte, sehr feierlich sprechend: „Sie sind ein Freund der Kunst, nehmen Sie dies Geschenk als ein teures Andenken, das Ihnen ewig über alles wert bleiben muß." Dabei schob er mich bei beiden Schultern sehr sanft nach der Tür zu und umarmte mich an der Schwelle. Eigentlich wurde ich doch von ihm auf symbolische Weise zur Tür hinausgeworfen. Als ich das Papierchen aufmachte, fand ich ein ungefähr ein Achtelzoll langes Stückchen einer Quinte, und dabei geschrieben: „Von der Quinte, womit der selige Stamitz' seine Geige bezogen bäte, als er fein letztes Konzert spielte." — Die schnöde Abfertigung, als ich Antoniens erwähnte, schien mir zu beweisen, daß ich sie wohl r Johann Karl Stamitz (1719 bis 1761), Mannheimer Kammer- mufitbirettor, Komponist und Geigenvirtuose. nie zu sehen bekommen mürbe; dem war aber nicht so, denn als ich den Rat zum zweiten Male besuchte, fand ich Antonien in seinem Zimmer, ihm helfend bei dem Zusammensetzen einer Geige. Antoniens Aeuheres machte auf den ersten Anblick keinen starken Eindruck, aber bald konnte man nicht loskommen von dem blauen Auge und den holden Rosenlippen der ungemein zarten, lieblichen Gestalt. Sie war sehr blaß, aber wurde etwas Geistreiches und Heiteres gesagt, so flog in süßem Lächeln ein feuriges Inkarnat über die Wangen hin, das jedoch bald im rötlichen Schimmer erblaßte. Ganz unbefangen sprach ich mit Antonien und bemerkte durchaus nichts von den Argusbltcken Krespels, wie sie der Professor ihm angedichtet hatte, vielmehr blieb er ganz in gewöhnlichem Geleise, ja er schien sogar meiner Unterhaltung mit Antonien Beifall zu geben. So geschah es, daß ich öfter den Rat besuchte, und wechselseitiges Aneinandergewöhnen dem kleinen Kreise von uns dreien eine wunderbare Wohlbehaglichkeit gab, die uns bis ins Innerste hinein erfreute. Der Rat blieb mit seinen seltsamen Skurrilitäten mir höchst ergötzlich; aber doch war es wohl nur Antonie, die mit unwiderstehlichem Zauber mich hinzog und mich manches ertragen ließ, dem ich sonst ungeduldig, wie ich damals war, entronnen. In das Eigentümliche, Seltsame des Rates mischte sich nämlich gar zu ost Abgeschmacktes und Langweiliges; vorzüglich zuwider war es mir aber, daß er, sobald ich das Gespräch auf Musik, Insbesondere auf Gesang lenkte, er mit seinem diabolisch lächelnden Gesicht und seinem widrig singenden Tone einsiel, etwas ganz Heterogenes, mehrenteils Gemeines auf die Bahn bringend. An der tiefen Betrübnis, die dann aus Antoniens Blicken sprach, merkte ich wohl, daß es nur geschah, um irgendeine Aufforderung zum Gesänge mir abzuschneiden. Ich ließ nicht nach. Mit den Hindernissen, die mir der Rat entgegenstellte, wuchs mein Mut, sie zu übersteigen, ich mußte Antoniens Gesang hören, um nicht in Träumen und Ahnungen dieses Gesanges zu verschwimmen. Eines Abends war Krespel bei besonders guter Laune; er hatte eine alte Cremoneser Geige zerlegt und gesunden, daß der Stimmstock um eine halbe Linie schräger als sonst gestellt war. Wichtige, die Praxis bereichernde Erfahrung! — Es gelang mir, ihn über die wahre Art des Violinfpielens ins Feuer zu setzen. Der großen, wahrhaftigen Sängern abgehorchte Vortrag der alten Meister, von dem Krespel sprach, führte von selbst die Bemerkung herbei, daß jetzt gerade umgekehrt der Gesang sich nach den erkünstelten Sprüngen und Läufen der Instrumentalisten verbilde. „Was ist unsinniger", rief ich, vom Stuhle aufspringend, hin zum Pianoforte laufend und es schnell öffnend, „was ist unsinniger als solche vertrackte Manieren, welche, statt Musik zu sein, dem Tone über den Boden hin- geschütteter Erbsen gleichen? Ich sang manche der modernen Fermaten, die hin und her lausen und schnurren wie ein tüchtig losgeschnürter Kreisel, einzelne schlechte Akkorde dazu anschlagend. Uebermäßig lachte Krespel und schrie: „Haha! mich dünkt, ich höre unsre deutschen Italiener oder unsere italienischen Deutschen, wie sie sich in einer Arie von Pucitta oder Portogallo oder sonst einem Maestro di Capella übernehmen." Nun dachte ich, ist der Zeitpunkt da. „Nicht wahr", wandte ich mich zu Antonien, „nicht wahr, von dieser Singerei weiß Antonie nichts" und zugleich intonierte ich ein herrliches, seelenvolles Lied vom alten Leonardo Leo. Da glühten Antoniens Wangen, Himmelsglanz blitzte aus den neubeseelten Augen, sie sprang an das Pianoforte — sie öffnete die Lippen — Aber in demselben Augenblick drängte sie Krespel fort, ergriff mich bei den Schultern und schrie im kreischenden Tenor: „Söhnchen — Söhnchen — Söhnchen!" Und gleich fuhr er fort, sehr leise singend und in höflich gebeugter Stellung meine Hand ergreifend: „In der Tat, mein höchst verehrungswürdiger Herr Studiosus, in der Tat, gegen alle Lebensart, gegen alle guten Sitten wurde es anstoßen, wenn ich laut und lebhaft den Wunsch äußerte, daß Ihnen hier auf der Stelle gleich der höllische Satan mit glühenden Krallensäusten sanft das Genick abstieße und Sie auf die Weise gewissermaßen kurz expedierte; aber davon abgesehen, müssen Sie eingestehen, Liebwertester, daß es bedeutend dunkelt, und da heute keine Laterne brennt, könnten Sie, würfe ich Sie auch gerade nicht die Treppe herab, doch Schaden leiden an Ihren lieben Gebeinen. Gehen Sie sein zu Hause und erinnern Sie sich freundschaftlichst Ihres wahren Freundes, wenn Sie ihn etwa nie mehr — verstehen Sie wohl? — nie mehr zu Hause antreffen sollten!" — Damit umarmte er mich und drehte sich, mich festhaltend, langsam mit mir zur Ture heraus, so daß ich Antonien mit keinem Blick mehr anschauen konnte. — Ihr gesteht, daß es in meiner Lage nicht möglich war, den Rat zu prügeln, welches doch eigentlich hätte geschehen müssen. Der Professor lachte mich sehr aus und versicherte, daß ich es nun mit dem Rat auf immer verdorben hätte. Den schmachtenden, ans Fenster heraufblickenden Amoroso, den verliebten Abenteurer zu machen, dazu war Antonie mir zu wert, ich möchte sagen, zu heilig. Im Innersten zerrissen, verließ ich H.; aber wie es zu gehen pflegt, die grellen Farben des Phantasiegebildes erblaßten, und Antonie — ja selbst Antoniens Gesang, den ich nie gehört, leuchtete oft in mein tiefstes Gemüt hinein wie ein sanfter tröstender Rosenschimmer. Nach zwei Jahren war ich in B. angestellt, als ich eine Reise nach dem südlichen Deutschland unternahm. Im duftigen Abendrot erhoben sich die Türme von H.; sowie ich näher und näher kam, ergriff mich ein unbeschreibliches Gefühl der peinlichsten Angst; wie eine schwere Last holte es sich über meine Brust gelegt, ich konnte nicht atmen; ich mußte heraus aus dem Wagen ins Freie. Aber bis zum physischen Schmerz steigerte sich meine Beklemmung. Mir war es bald, als hörte ich die Akkorde eines feierlichen Chorals durch die Lüfte schweben — die Töne wurden deutlicher, ich unterschied Männerstimmen, die einen geistlichen Ohoral absangen — „Was ist das? — was ist das?" rief ich, indem es wie ein glühender Dolch durch meine Brust fuhr! — „Sehen Sie denn nicht? Da drüben auf dem Kirchhof begraben sie einen!" In der Tat befanden wir uns in der Nähe des Kirchhofes, und ich sah einen Kreis schwarzgekleideter Menschen um ein Grab stehen, das man zuzufchlitten im Begriff stand. Die Tränen stürzten mir aus den Augen, es war, als begrübe man dort alle Lust, alle Freude des Lebens. Rasch vorwärts von dem Hügel herabgeschritten, konnte ich nicht mehr in den Kirchhos hineinsehen, der Choral schwieg, und ich bemerkte unfern des Tores schwarzgekleidete Menschen, die von dem Begräbnis zurückkamen. Der Professor mit seiner Nichte am Arm, beide in tiefer Trauer, schritten dicht bei mir vorüber, ohne mich zu bemerken. Die Nichte hatte das Tuch vor die Augen gedrückt und schluchzte heftig. Es war mir unmöglich, in die Stadt hineinzugehen, ich schickte meinen Bedienten mit dem Wagen nach dem gewohnten Gasthofe und lief in die mir wohlbekannte Gegend heraus, um so eine Stimmung loszuwerden, die vielleicht nur physische Ursachen, Erhitzung auf der Reise usw. haben konnte. Als ich in die Allee kam, welche nach einem Lustorte führt, ging vor mir das sonderbarste Schauspiel auf. Rat Krespel wurde von zwei Trauermännern geführt, oenen er durch allerlei seltsame Sprünge entrinnen zu wollen schien. Er war wie gewöhnlich in seinen wunderlichen grauen, selbst zugeschnittenen Rock gekleidet, nur hing von dem kleinen dreieckigen Hütchen, das er martialisch auf ein Ohr gedrückt, ein sehr langer schmaler Trauerflor herab, der in der Luft hin und her flatterte. Um den Leib hatte er ein schwarzes Degengehenk geschnallt, doch statt des Degens einen langen Violinbogen hineingefteckt. Eiskalt fuhr es durch die Glieder; der ist wahnsinnig, dacht' ich, indem ich langsam folgte. Die Männer führten den Rat bis an sein Haus, da umarmte er sie mit lautem Lachen. Sie verließen ihn, und nun fiel fein Blick auf mich, der dicht neben ihm stand. Er sah mich lange starr an, bann rief er dumpf: „Willkommen, Herr Studiosus! — Sie verstehen es ja auch" — damit packte er mich beim Arm und riß mich fort in das Haus — die Treppe herauf in das Zimmer hinein, wo die Violinen hingen. Alle waren mit schwarzem Flor umhüllt: die Violine des alten Meisters fehlte, an ihrem Platze hing ein Zypreffenkranz. — Ich wußte, was geschehen — „Antonie! ach Antonie!" schrie ich auf in trostlosem Jammer. Der Rat stand wie erstarrt mit ubereinandergeschlagenen Armen neben mir. Ich zeigte nach dem Zypressenkranz. „Als sie starb", sprach der Rat sehr dumpf und feierlich, „als sie starb, zerbrach mit dröhnendem Krochen der Stimmstock in jener Geige, und der Resonanzboden riß sich auseinander. Die Getreue konnte nur mit ihr, in ihr leben; sie liegt bei ihr im Sarge, sie ist mit ihr begraben worden." — Tief erschüttert sank ich in einen Stuhl, aber der Rai fing an, mit rauhem Ton ein luftig Lied zu fingen, und es war recht graulich anzufehen, wie er auf einem Fuße dazu herumsprang, und der Flor (er hatte den Hut auf dem Kopfes im Zimmer und an den aufgehängten Violinen herumstrich; ja ich konnte mich eines überlauten Schreies nicht erwehren, als der Flor bei einer raschen Wendung des Rates über mich herfuhr; es war mir, als wollte er mich verhüllt herabziehen in den schwarzen entsetzlichen Abgrund des Wahnsinns. Da stand der Rat plötzlich stille und sprach in seinem singenden Ton: „Söhnchen? — Söhnchen? — warum schreist du so, hast du den Totenengel geschaut? — das geht allemal der Zeremonie vorher!" — Nun trat er in die Mitte des Zimmers, riß den Violinbogen aus dem Gehenke, hielt ihn mit beiden Händen über den Kopf und zerbrach ihn, daß er in viele Stücke zerplitterte. Laut lochend rief Krespel: „Nun ist der Stab über mich gebrochen, meinst du, Söhnchen? nicht wahr? Mit nichten, mit nichten, nun bin ich frei — frei — frei — heifa, frei! — Nun bau’ ich keine Geigen mehr — keine Geigen mehr — heisa, keine Geigen mehr." — Dos fang der Rot noch einer schauerlich lustigen Melodie, indem er wieder auf einem Fuße herumsprang. Voll Grauen wollte ich schnell zur Türe heraus, aber der Rot hielt mich fest, indem er sehr gelassen sprach: „Bleiben Sie, Herr Slu- diosus, halten Sie diese Ausbrüche des Schmerzes, der mich mit Todesmartern zerreißt, nicht für Wahnsinn, aber es geschieht nur alles deshalb, weil ich mir vor einiger Zeit einen Schlafrock anfertigte, in dem ich ausfehen wollte wie das Schicksal oder wie Gott!" — Der Rat schwatzte tolles, grauliches Zeug durcheinander, bis er ganz erschöpft zusammensank; auf mein Rufen kam die alte Haushälterin herbei, und ich war froh, als ich mich nur wieder im Freien befand. — Nicht einen Augenblick zweifelte ich daran, daß Krespel wahnsinnig geworden war, der Professor behauptete jedoch das Gegenteil. „Es gibt Menschen", sprach er, „denen die Natur oder ein besonderes Verhängnis die Decke wegzog, unter der wir andern unser tolles Wesen unbemerkter treiben. Sie gleichcn dünn- gehäuteten Insekten, die im regen, sichtbaren Muskelspiel mißgestaltet erscheinen, ungeachtet sich alles bald wieder in die gehörige Form fügt. Was bei uns Gedanke bleibt, wird dem Krespel alles zur Tat. — Den bittern Hohn, wie der in das irdische Tun und Treiben eingeschachlete Geist ihn wohl oft bei der Hand hat, führt Krespel aus in tollen Gebärden und geschickten Hasensprüngen. Das ist aber sein Blitzableiter. Was aus der Erde steigt, gibt er wieder der Erde, aber das Göttliche weiß er zu bewahren; und so steht es mit seinem Innern Bewußtsein recht gut, glaub’ ich, unerad)tet der scheinbaren nach außen herausspringenden Tollheit. Antoniens plötzlicher Tod mag freilich schwer auf ihn lasten, aber ich wette, daß der Rat schon morgenden Tages seinen Eselstritt im gewöhnlichen Geleise weiter forttrabt." — Beinahe geschah es so, wie der Professor es vorausgesagt. Der Rat schien andern Tages ganz der vorige, nur erklärte er, daß er niemals mehr Violinen bauen und auch auf keiner jemals mehr spielen wolle. Das hat er, wie ich später erfuhr, gehalten. Des Professors Andeutungen bestärkten meine innere Uebergeugung, daß das nähere, so sorgfältig verschwiegene Verhältnis Antoniens zum Rat, jo daß selbst ihr Tod eine schwer auf ihn lastende, nicht abzubühende Schuld sein könne. Nicht wollte ich H. verlassen, ohne ihm das Verbrechen, welches ich ähnele, vorzuhalten; ich wollte ihn bis ins Innerste hinein erschüttern und so das offene Geständnis der gräßlichen Tat erzwingen. Je mehr ich der Sache nachdachte, desto klarer wurde es mir, daß Krespel ein Bösewicht sein müsse, und desto feuriger, eindringlicher wurde die Rede, die sich wie von selbst zu einem wahren rhetorischen Meisterstück formte. So gerüstet und ganz erhitzt, lief ich zu dem Rat (Schluß folgt.) verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl’s che Univerfitäts-Buck- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.