GiehenerZainilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1932 Zreitag, den 5. August Nummer 60 Zn der Sistina. Von Conrad Ferdinand Meyer. In der Sistina dämmerhohem Raum, Das Bibelbuch in seiner nerv'gen Hand, Sitzt Michelangelo in wachem Traum, Umhellt von einer kleinen Ampel Brand. Laut hinein spricht er in die Mitternacht, Als lauscht ein Gast ihm gegenüber hier. Bald wie mit einer allgewalt'gen Macht, Bald wieder wie mit seinesgleichen schier: „Umfaßt, umgrenzt hab ich dich, ewig Sein, Mit meinen großen Linien fünfmal dort! Ich hüllte dich in lichte Mäntel ein Und gab dir Leib wie dieses Bibelwort. Mit wehnden Haaren stürmst du feurigwild Von Sonnen immer neuen Sonnen zu. Für deinen Menschen bist in meinem Bild Entgegenschwebend und barmherzig du! So schuf ich dich mit meiner nichtigen Kraft: Damit ich nicht der gröhre Künstler sei, Schaff mich — ich bin ein Knecht der Leidenschaft — Nach deinem Bilde schaff mich rein und frei! Den ersten Menschen formtest du aus Ton, Ich werde schon von härterm Stoffe sein, Da, Meister, brauchst du deinen Hammer schon, Bildhauer Gott, schlag zu! Ich bin der Stein!" Dinge wagt man öffentlich auszi Folgen zu denken: Gestern muß: Oie Geschichte eines Bildes. Von Karl Wickerhauser. Das war in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als die Malerei der sranzösischen Impressionisten gedieh. Das Publikum und die Zeitungen aber — sie schimpften und rissen Witze. Monet, Manet, Renoir, Boudin und Pissaro, Degas und Cezanne sind uns heute oerehrungswürdige Namen. Doch damals galten diese M ehrungswürdige Namen. Doch damals galten diese Männer für ein ge- fährliches Gemisch von Tollhäuslern, Nichtskönnern und Verbrechern. Der „Figaro" schrieb: „Die Rue de Peletier hat Unglück. Nach dem Entsetzen des Opernbrandes bricht ein neues Verhängnis über das Viertel herein. Bei Durand Ruel wurde eine Ausstellung eröffnet, in welcher angeblich Malereien zu sehen sind ... Eine Gruppe armer Irrer, die der Wahnwitz des Ehrgeizes in seinen Fängen hat, hat sich bei Durand Ruel zusammengefunden. Sie nehmen Leinwand, nehmen Pinsel und Farbe, werfen auf gut Glück einige Striche hin und setzen ihren Namen darunter ... Solche Dinge wagt man öffentlich auszustellen, ohne an die verhängnisvollen Folgen zu denken: Gestern mußte man in der Rue de Peletier einen Menschen verhaften der nach dem Verlassen der Ausstellung wie em wut- kranker Hund die Passanten biß ..." . So die Stimmung der Widerstand, die Feindschaft gegen jene Künstler. Die Richtung hatte wenig Freunde, die Freunde hatten kein oder nur wenig Geld: s««« f«..* r Gönner und Beschützer selten fanden sich Käufer ober Mäzene. Einer der spärlichen u„u Beschützer war der große Bariton Faure, so berühmt damals wie heute unbekannt und verschollen. Faure liebte es, als ein Kenner und Liebhaber der neuen Kunst zu gelten. Obwohl das Publikum über leben Zeterte, der solche Schandbilder zu kaufen wagte, und ihn in die Gefühle des Haffes und der Verachtung einbezog: Faure war ja selbst ein Künstler, olso von vornherein nicht ganz richtig im Kopf, da durfte er sich bie|e Tollheit eben noch leisten. . . . „ . Man sah sie ihm nach, indem man sie prinzipiell mißbilligte. Und Faure tat etwas für die junge Kunst — mit Maß und Ziel, versteht sich, er war ein vorsichtiger Narr, ein sparsamer Verschwender, vor allzu großen Ausgaben für feine malerische Schwäche wäre er zuruckgeschreckt. Er hatte einige schöne Manets für billiges Geld getauft, pier tying em kleiner Degas, dort ein Cezanne — „in den Farben recht nett. Ja gewiß, reichlich verrückt — aber was wollen Sie" (zu einem schaudernden Besucher), „diese Dinge machen mir Vergnügen." . Auch für Claude Monet hatte Faure eine kleine Dorüebe Zwychen den beiden bestand eine oberflächliche Freundschaft, zu welcher czaure viel Gönnertum und unendliches Wohlwollen besteuerte. Monet kam dann und wann mit einem Bild zu dem Bariton, und wenn der Bariton bei guter Laune war, und wenn ihm die Sache außerdem gefiel, so ließ er sich herbei, das Bild zu kaufen. Es gab einen festen Preis dafür — und der Preis war fünfzig Franks. Eines schönen Tages fand sich der junge Maler wieder einmal, ein Bild unter dem Arm, bei dem berühmten Freunde und Käufer ein. Faure begrüßte ihn sehr liebenswürdig, sagte „Verehrter Meister!" zu ihm in einem Ton, als wolle er jenem eine Freunde machen: „Sie sind mir stets willkommen, und ganz besonders dann, wenn Sie mir ein neues Meisterwerk bringen." Der Maler lächelte schwach. „Ich weiß nicht, ob es ein Meisterwerk ist. Ich habe jedenfalls mein Möglichstes getan." Und er reichte ihm das Bild hin. Faure fetzte feine kunstkritische Miene auf und sagte: „Nun, wir wollen mal sehen." Er hielt das Gemälde dicht vor seine Augen, er stellte es hin und trat ein paar Schritte zurück, er schlich sich von der einen und dann von der andern Seite daran heran, kurz, er tat, was angesichts eines Werkes der Malerei alle Welt tut — und hierauf ließ er ein langgezogenes betrübtes „Oh!" hören. „Aber das ist ja gar nichts, mein lieber Freund, das ist weniger als nichts. Sie wissen doch: wenn ich Ihre Bilder kaufe, ohne viel über den Preis zu reden, so kaufe ich sie wegen der Malerei. Nun, diese Malerei ist hier nirgends zu finden. Als Sie das machten, vergaßen Sie anscheinend, daß es auch so etwas wie Farben gibt. Nein, mein Lieber, bloß die Leinwand und ein bißchen Weiß in Grau — das ist nicht genug. Nehmen Sie das Ding wieder mit heim, bringen Sie ein paar schöne Farben und Formen drauf, und ich werde es vielleicht kaufen. Ich sage: vielleicht. Was — glauben Sie — soll denn das Ding da vorstellen?!" „Ich glaube nicht", antwortete Monet mit leiser und fester Stimme. „Ich weiß, daß dieses Bild Morgennebel und Sonnenaufgang über Vstheuil vorstellt. Ich fuhr arp frühen Morgen in meinem kleinen Boot auf die Seine hinaus und wartete auf die erste Lichtwirkung. Die Sonne ging auf, und hier — auf die Gefahr hin, daß es Ihnen nicht zusagt — hier habe ich gemalt, was ich sah." „So — ja — ach so!" sagte Faure, von neuem in die Betrachtung des Bildes vertieft. Er war bereit, auf die Argumente des Malers einzugehen. Er war sogar bereit, nach einigen unumgänglichen Verbesserungen das Bild zu kaufen. „Jetzt verstehe ich wenigstens, was Sie wollten. Ja natürlich — dies ist die Seine und dies hier soll der Nebel sein. Die Sonnenstrahlen kommen noch nicht ganz durch. Man sieht alles nur undeutlich, aber das war ja vielleicht Ihre Absicht. Daran ist der Nebel schuld, wollen Sie sagen. Freilich — ich verstehe schon. — Und trotzdem, trotzdem fehlen hier die Farben. Wie gesagt, hier ist zuviel Weiß in Grau. Noch ein bißchen mehr Malerei da und da, mein lieber Meister, und ich werde das Bild kaufen." Claude Monet verabschiedete sich von seinem Gönner sehr freundschaftlich. Er besaß viel Höflichkeit und noch mehr Geduld. Er ging nach Hause und stellte den „Sonnenaufgang" in eine Ecke, mit der Bildfläche zur Wand gedreht. Er änderte nichts daran. Er begann mit etwas anderem. 1879, sechs Jahre später, hatte Claude Monet noch immer erbitterte Feinde, aber sie waren nicht mehr so mächtig wie früher, die impressionistische Schule hatte sich durchgesetzt und befand sich auf dem Wege zum strahlenden Erfolg. Monet selbst besaß damals schon ein großes Atelier. Er mußte nicht mehr mit Bildern hausieren gehen, sondern die Liebhaber der Malerei tarnen zu ihm, um seine Werke zu bewundern und das eine oder das andere zu kaufen, soweit sie mit der Steigerung der Preise eben Schritt halten konnten. Und da kommt einmal Faure, der Gönner und Bariton, zu Claude Monet. Er will sich ein Bildchen nach seinem Geschmack aussuchen. Faure ist stolz auf sein Fingerspitzengefühl, auf seinen Weitblick, denn eine harmlose Liebhaberei ist zu einer herrlichen Kapitalsanlage geworden — und Faure sagt, daß er es vorausgewußt hätte. Faure begrüßt den Maler sehr lebenswürdig, er sagt „Verehrter Meister" zu ihm in einem Ton, als wollte er sich selbst, dem Freund eines so berühmten Mannes, eine Ehre antun. Faure sieht sich in dem großen Atelier um und erblickt auf einer der Staffeleien ein neues Bild. „Ah, mein Lieber", sagt er voller Bewunderung, „da haben Sie wieder einmal etwas ganz Zauberhaftes geschaffen!" Er stellt sich mit der Nase dicht davor, er tritt ein paar Schritte von dem Gemälde zurück, er schleicht sich von der einen und von der andern Seite dran heran, kurz: er tut, was vor einem Werk der Malerei alle Well tut. „Einfach unübertrefflich", sagt Faure. „Was für ein wunderbarer Lichtnebel! Die Kirche mit ihren Türmen, die Gartenhäuser, die weißen Mauergesimse — und das alles bringt ganz schwach durch den Nebel, die Formen sind weich und undeutlich,' die Farben weiß und grau, aber in wieviel Tönungen! — Sagen Sie mir schnell Ihren Preis, lieber Meister. Was wollen Sie dafür?" Das berühmte Wort, daß für alle Zeiten lebe, wer den „Besten (einer Zeit qenuq getan" gilt. Wir alle sind geprägt oder doch influenziert von der Zeit wir sind nicht ihre Kinder — denn Himmel und Erde haben uns durch die Liebe geschaffen —, aber ihre Schüler, und wir wissen, wir fühlen es kaum. Bon den Maschinen, den Motoren, den Apparaten, die wir uns erfunden haben, kann keine Macht und kein Wille uns losem wir haben teil an der Epoche, die uns trägt oder durch uns hindurch vergeht und die Dichter haben auf besondere Weise teil an ihr. Nicht daß sie Hymnen auf die Techniken und die Gates Chantants, die Boxkampfe und die Masfenuinzüge dichten, wie es kindlich das von feinem eigenen Neusein berauschte Rußland der Sowjets fordert, macht ihre Zugehörigkeit zu dem Jahrhundert aus: doch dort, wo der Mensch in diesem Jahrhundert neu wieder ersaßt wird, fein tiefgebeugtes Haupt im vorapokalyptischen Sturm über ihm, kann Dichterschast fein, ob sie in Vers ober Prosa sich offenbare. Mit dem Sportflugzeug über die Anden. Aus den Spuren der Inkas. Bon Elly Beinhorn. Noch ungefähr einmonatiger Ueberfahrt über den Pazifik von Sydney nach Panama, legte die „Sonic" in Balboa, dem Hafen der Kanalzone von Panama an. Ich habe viel auf meinen Flügen sehen können und mir fmo viele Wunder der Welt voller Stolz gezeigt worden — aber dies hier ist das Eindrucksvollste, was ich jemals gesehen habe. Hier hat man ganze Arbeit getan. Nachdem die Amerikaner das ganze Gebiet der Kanalzone aufgekauft haben — die Franzosen mußten die angefangene Arbeit an dem Kanal der Moskitos wegen liegenlaffen — haben sie diese 70 Kilometer (anqe Wasserstraße guer durch die Landenge geschasfen, und heute ziehen die größten Schiffe bequem vom Pazifik zum Atlantik. In drei Schleusen werden die Schiffe mehr als 10 Meter über Meereshöhe heraufgepumpt, und es sieht einfach unglaublich aus, wenn solch ein Ozeanriese fpielenO fast zwischen den Mauern hindurchgezogen wird, so daß an jeder Seite nichl ein halber Meter von der Bordwand zum satten Grün der Wiesen rechts und links des Kanals bleibt. , . Soweit der Panama-Kanal. Für mich hatte die Sache aber hier nocy ihre besondere Seite. Balboa hatte keinen Flugplatz und Christobal war Militärflugplatz, auf dem Zivilisten nichts zu suchen hatten. Außerdem tag Christobal am Atlantik und meine „Klemm" auf dem Pier ürn Pazistu Nachdem ich aber erst die Erlaubnis des Kommandeurs der Fliegergruppe eingeholt hatte, brachte ich meine, in zwei Kisten verpackte „Klemm ooer bester deren Bruchteile herüber nach Christobal, klaubte ein Stückchen naq dem anderen heraus — Gott sei dank: es war alles heil und in Ordnung' lieber die Strecke herunter nach Guayaquil kursierten tolle An der aanzen Küste sollte nicht ein einziger Landeplatz oder auch nu der winzigste Platz zum Notlanden fein. Sie Berge ganz mit Urwato oe deckt steil ins Meer abfallend: überall schwerste Tropenregen, in denen Da wird der ruhige Monet aufgeregt: „Und Sie erinnern sich nicht. Sie haben wirklich vergessen, daß Sie mir für dieses selbe Bild vor sechs Jahren meine fünfzig Franken abschlugen? Ja, das ist der Sonnenauf- qanq über Vetheuil, den Sie mir damals ablehnten — und ich schwöre es Ihnen: ich habe nichts weggenommen und nichts hinzugesetzt ich habe keinen Strich daran geändert. Es ist alles so, wie es am Ansang war. Aber ich will Ihnen etwas sagen, mein lieber Faure: dieses Bild verkaufe ich Ihnen weder heute für fünfzig noch für tausend Franken. Sie trugen es nicht, auch wenn Sie mir fünfzigtausend dafür bieten! Der „Sonnenaufgang über Vetheuil" blieb im Atelier zu Glverny, als Claude Monet seine Heuschober und die große Reihe seiner Kathedralen — der einen und einzigen Kathedrale zu Rouen — matte. Monet begann die Wasserrosen zu malen, und der Sonnenaufgang über Vetheuil blieb bei ihm Er konnte sich von dem Bild nicht trennen. Monet malte die Wasserrosen, er wurde halb blind — beide Augen waren vom grauen Star befallen und die Operation schob eine völlige Erblindung des alten Mannes nur'hinaus —, Monet malte weiter an den Wasserrosen, halb blind vollendete er das Werk. Er hatte Angst davor, zu seinen Lebzeiten wollte er den ungeheuren Zyklus nicht ausgestellt wissest. Dann starb er, ein Achtzigjähriger. In seinem Atelier hängt heute noch der Sonnenaufgang über Vetheuil. Oer Dichter und die Gegenwart. Von Felix Braun. Einem Vortrag des feinsinnigen österreichischen Dichters, der in dem Sommer-Heft des „Insel-Schiffs" veröffentlicht wird, entnehmen wir das folgende Bekenntnis, das ein wichtiges Problem unserer Tage behandelt. den kann, und da eine Sphäre der Einweihung gefordert wird, wie sie, das Zeitschicksal der Kunst ahnend, schon srüh Stefan George für altem möglich ansah und vorschrieb, oder eine Mauer von Strenge und Dunkel, beit wie sie Paul Valery um seine Verse und in ihnen selbst aussuhrte, wird eine Insel, eine Zuflucht des Gedichtes ausgespart, das für sich keine unmittelbare Voraussetzung mehr besitzt, sondern nur dort Duldung erfahrt, wo es vom Hochmut der Dichter geschützt wird Aber indem ich zugebe, daß von dem selbstverständlichen Besitz des Dichters der weitaus größte Teil ihm weggeschwunden ist, vielleicht sogar das Haus selbst, unter dessen Stiege er wohnen konnte; indem ich em- räume, daß der Zeitgeist seiner Kunst nicht gewogen scheint und so der Musik und der Malerei, während Architektur und Tanz von ihm Aufgaben und Förderung empfangen: spreche ich nicht etwa eine Schuld der Zeit oder der Menschen aus. Sich zu beklagen, hat nicht Sinn: denn wen oder was wollte der Angeklagende für verantwortlich erklären? Bis zum lieber- druß lesen wir die stets wiederkehrenden Phrasen von der „Amerikanisierung" von der „Mechanisierung" und ähnliche; allein gesetzt schon iene Worte, unter denen man sich wenig vorstellen kann, bestünden zu Recht: was besagten sie gegen die Existenz des Dichters? Nicht unfruchtbar ist das Erlebnis Amerikas für das Werk Knut Hamsuns gewesen^ und es kommt noch der Augenblick, da ein zweiter Glanz der weihen Menschheit von den Hochhäusern der Neuen Welt erstrahlen wird. Der Dichter, der in Europa vergeht, wird überall aus Erden wieder erstehen. Wie es in allen Weingärten der Alten Welt die eingeborene Rebe nicht mehr gibt, weil sie dem zerstörenden Insekt nicht Widerstand leisten kann, sondern nur noch die starke amerikanische: so könnte auch von dem gewaltigeren Kontinent ein neues Ferment auf unsere Kraft übertragen werden, das dem erschöpften Geist heilend zu Hilse käme. Die Zeit ist viel für die Kunst und die Künstler; ihre Gesetze und Wirkungen zu ergründen, wollen wir nicht ablassen. Aber nimmt sie nicht zu viel Raum in unserem Betrachten und Vorhersagen ein? Zeltkunst, Zeltdrama Zeitgedicht: schon die Tatsache solcher Wortverbindungen bezeugt die Vermischung des Künstlerischen mit dem Ephemeren, um nicht zu sagen: mit einem journalistischen Prinzip, das nun wphl heute alles durchdringt und bestimmt sogar unser inneres Leben und Denken. Was soll dem Dichter die Forderung, dem Augenblick genug zu tun? Er, dem auferlegt ist das Vergängliche festzuhalten, sollte ihm Nacheilen? Er, der an dem Tode des Schönen leidet, sollte nicht mehr zu Denen gehören, die es erretten müssen? Wenn Kunst Spiel ist, nun, so ist schon das niedrigste Spiel „Zeitvertreib" genannt. Auf die Ueberroinbung der Zeit kommt es allem Streben dem geringsten wie dem erhabensten, an. In jedem Genuß, vom fleischlichen bis zum mystischen, wird Zeit mitverzehrt, und einzig, wo Zeit nicht mehr empfunden wird, dort, bloß dort ist Liebe. Wo nur wäre ein dem Menschen eingegebenes Sehnen, Leiden oder Tun, das nicht der Zeit entgegen oder voraus zu fein begehrte? Und als Ganzes, Abge- meffenes gewissermaßen aus ihrem eigenen Vergehen geschnittenes Raumstück sollte man sie so hoch schätzen, daß nach ihr gewertet werden Sehr geheimnisvoll ist bas Wesen ber Zeiten. Es ist, wie wenn im Himmel über uns Umbrehungen sich vollzögen, burch bie bald diese, bald jene Sterne zu verstärktem ober verringertem Einfluß über uns tarnen. Nicht bloß ber Monb, auch bie Planeten kehren uns „Phasen" ihrer Gestalten zu unb die Erde wird ihnen ebenso erwidern. Wie anders sollten sich die langen leeren ober bunklen Zeiträume ohne Geisteslicht erklären, in welchen großen Nationen bie Wellen ihrer Geschlechter zwischen Geburt unb Tob haben oerbranben lassen? Zwischen Walter von Der Nogelweise unb Klopstock liegen sechs beutsche Jahrhunberte ohne einen großen Dichter, unb wenn man Grimmelshausen als ben mächtigen Epiker, ber er ist, bafür setzt, bleiben es immer noch vier! Nach Calberons Tob hat Spanien keinen Weltbichter, nach Goya.kernen Weltkünstler mehr empfangen, unb inbem ich von ben Dichtern ber norbi- schen Länber spreche, bie in Knut Hamsunund Selma L a g e r t o f Die qröhten poetischen Genien Der heutigen Welt besitzen, wirb mir wohl Die Frage bewußt, bie in manchem von Ihnen sich melben muß: Ob auch bie nachkommenbe Jugenb, sofern sie ber Kunst noch sich zuwenben wirb auf solcher Höhe sich werbe zu bewahren vermögen? Denn noch war bas Jahr- hunbert in betn biefe größten Dichter Skanbinaviens geboren würben, em ber Poesie günstiges. Wirb bas jetzige, bas uns schon mitten in sich halt unb so fest und streng daß wir das Vergangene als Ganzes mchr mehr sortwalten fühlen, wird das harte, karge, auf einen Rückweg bedachte bie Persönlichkeit nieberbrütfenbe, bas Massenwesen beschwörenbe, bas Chaos neu roitternbe, ben Zeichen eines okkulten unb kämpferischen Tierkreis- bitbes sich nähernbe zwanzigste Jahrhunbert ben Dichtern erlauben, Dichter zu fein? Einer ber es wahrhaft war, ber große englische Romancier D. H. L a w r e n c e, hat mit den ersten Worten feines Buches „Lady Chatter- leys Lover“ unsere Epoche in solchem Sinne erkennbar gezeichnet als „essentially a tragic age“, das sie ist, auch wenn mir uns weigern, sie für tragisch zu nehmen. Und er fährt fort: „Der Zusammenbruch ist geschehen, wir sind mitten unter den Ruinen und daran, neue Wohnstätten aufzubauen neue Hoffnungen zu hegen. Es ist eine ziemlich harte Arbeit: hier führt noch keine bequeme Straße in bie Zukunft, aber wir gehen um bie Hinberniste herum ober klimmen über sie empor. Wir haben das Leben bekommen da macht es nicht aus, wie viele Himmel eingestürzt sind. Wohl — 'nur: Steht der Dichter selbst unter ben Neubeginnenden? Er, ber entroeber bie Menschen stellvertritt ober als der Einsame ihnen gegenüber für Höheres wacht, kann er bann noch sein, wenn es wahr ist. baß „bie Himmel eingestürzt sind"? Hat er noch bas Anrecht auf bas Sem, wenn bieses Sein selbst burch ein ungeheuerlich Kollektives ober Anonymes in Frage gestellt wirb, bas bie Geschicke ber Menschheit furchtbarer unb unerbittlicher noch gestalten muß, als sie auf ber ganzen bisherigen Leibensbahn unseres Geschlechtes erlebbar gewesen? Ich fürchte baß er begonnen hat, nicht, sich zurückzuziehen, aber zuruck- zutreten. Vieles bereits ist ihm versagt, weil bie Empfänglichkeit ber Menschen für bas, was er geben kann, nicht mehr besteht. Was einst ber Rhapfobe ober ber Skalde war — erscheint er uns noch? Ertragen wir es selbst in Versen ber Romantik, van ber „Leier", der „Harfe", vom Gesang" ber Dichter zu lesen? Das große Epos, dem Virgil, Dante, Ariost, Tasto, Milton, Klopstock ein Leben weihten — ist es noch möglich? Die Prosa bes Romans hat es burchaus ersetzt, und selbst diese minder strenge Kunstform schwebt in der Gefahr, von niemandem mehr nach ihren Massen, Gliederungen, Provortionen gewürdigt zu werden. Die Tragödie in Versen wird non feinem Theater mehr gewünscht: Goethes „Tasto" steht uns schon ferne, und die Werke der Späteren scheinen an ein noch unnachsichtigeres Schicksal gebunden. Ja. sogar das lyrische Gedicht, für das allein Der Dichter noch Das Recht auf Das Wort von einer, wenn auch nicht zahlreichen Leserschaft eingeräumt behielt, vermöchte es etwa auch nur einen Strauß Rosen zu begleiten ber für eine Geliebte bestimmt wäre, unb kann überhaupt ber Augenblick als ernst vorgestellt werben, in bem eine Frau aus einem Briefumschlag ein Blatt hervornähme, barauf eine Botschaft in Versen ftünbe? Rainer Maria Rilke war ber Letzte, ber es wagen durfte so zu schreiben: aber nur, inbem er eine sehr bistanzierte Voraussetzung bafür schuf. Dieses ift’s: ber Dichter wirb in bie llebertreibung der Distanzen gebrängt, wenn überhaupt noch am Vers festgehalten wer- ran keine zehn Meter weit sehen könnte. Na, das sah ja mal wieder recht □eiter aus. Meine Aengste wegen des schlechten Wetters waren übertrieben gewesen es war nicht viel schlechter als in der Monsumzeit auf den Sunda- □nfeln. Glücklicherweise hatte ich auch einen ziemlich guten Tag erwischt. Als dann verschiedene schwere Regenschauer einsetzten, war ich gewarnt und ging ganz dicht auf den Wasserspiegel herunter, so daß ich gerade noch die Konturen der Küstenlinie undeutlich im Auge behalten konnte. Für eine Notlandung sah die Sache aber auch wirklich böse aus: Urwald, Urwald! Unb zwar der dichteste und höchste, den ich je bisher auf allen Flügen sah. In den Bais viele der riesengroßen Tiger-Haie, die an der nordwestlichen fiüfte von Südamerika besonders zahlreich vorkommen. Bei Buenaventura, wo die deutsch-kolumbianische „Skadta" ihre erste Station hat — leider nur Wasserflugstation — flog ich den Landsleuten einige Begrüßungs- runden, die sie mit Aufziehen der deutschen Flagge beantworteten. Nachdem ich diese Strecke gesehen habe, habe ich den allergrößten Respekt vor den Männern, die jahraus jahrein unermüdlich dort in den Fiebernestern ihren Menst tuen und so die beste Werbung für die deutsche Heimat darstellen. Die Kordillere, trotzdem sie hier meist nur 2000 Meter hoch ist, war zum Ueberfliegen keine reine Freude. Hoffnungsloses Gelände unter mir, neben mir und Über mir. Urwaldberge, sonst nichts. Kein Haus, kein Hüttchen kein Stein zu sehen. Wald! Aber als ich dann nach stundenlangem Flug über den Paß gerutscht kam, konnte ich gleich nach Cali hereingleiten, das in einer weiten Hochebene liegt. Wirklich: die Bezeichnung „Grüne Hölle" ist für große Teile Südamerikas die bezeichnendste. An den Flußmündungen ins Meer einige kleine Eingeborenensiedlungen, wo sicher ganz primitive Menschen, die sich bestenfalls von Fischen ernähren, wohnen mußten. Ich bedauere es, daß ich jetzt keine Heinkel-Amphibie hatte, mit der ich einfach vor ihren Hütten landen und für einige Tage ihr Leben beobachten konnte. Na, vielleicht rin andermal. Schließlich kam ich doch — trotz aller Unterei — nach Guayaquil- Ecuador. Schon solange ich noch in Panama saß, hatten alle sübamerika- nischen Zeitungen ausführlich über mich berichtet, so daß auch hier wieder Empfang Sekt usw. fällig war. Und an jedem Platz eine Masse Deutsche, denen meine Ankunft wirklich eine von Herzen kommende Freude war — und erst recht für mich, nachdem ich solange nicht deutsch gesprochen hatte. Und die beiderseitige Freude war Belohnung genug für alle Muhen und Gefahren. . , In Guayaquil bekam ich dann auch den ersten kleinen mumifizierten Menschenkopf zu sehen. Ich hatte schon viel über diese „Sitte" der Kopfjäger Südamerikas gehört, aber wenn man dann solch ein Produkt dieser abscheulichen Tätigkeit vor sich sieht, ist man doch ehrlich erstaunt, wie lseltsam menschlich und anständig so ein faustgroßer Menschenkops aussieht. Er wirkt eigentlich mehr künstlerisch, und die Vorstellung, daß dieses Besicht gelebt und geatmet haben sollte, ist eigentlich unmöglich. Kurz hinter Guayaquil verwandelt sich das Bild vollständig: steinige Wüste, riesige Oelfelder mit Tausenden von Bohrtürmen, dann spater m ganz ungewohnte flache Sandküste übergehend. Unbewohnt eigentlich nein: bewohnt von Millionen von Bügeln und deren Nahrung Don Fischen. Tausende von Pelikanen scheuchte ich auf, weil ich wegen der guten Küste ganz dicht über den Wasserspiegel fliegen konnte. Nicht viel zahlreicher die Guanovögel, non' denen unzählige tot am Strande lagen. Es herrscht zur Zeit eine schwere Seuche unter ihnen, deren verheerende Wirkung ich deutlich erkennen konnte. Viele versuchten, sich bei meinem brausenden Herannahen zu erheben und zu entfliehen, aber^fte waren schon zu schwach Es konnte einen jammern, und ich gab schnell mehr Tas, um sie nicht durch mein Niedrigfliegen zu sehr zu erschrecken Nie vorher habe ich solche riesigen Vogelschwärme gesehen und manchmal war ich selbst in eine Wolke von schlagenden Flügeln gehüllt, daß ich Muhe hatte, sie nicht in den Propeller oder in die Flächen zu bekommen. Wieder ein anderes Land: Peru. Trujillo, eine kleine peruanische Stadt ist direkt neben den Ruinen von Chan-Chan angelegt, den Rumen einer alten Indianersiedlung, wo die Chimus gewohnt haben, bis sie von den Inkas, der herrschenden Kaste, unterworfen waren, die sich, bevor om Europäer ins Land kamen, alle Gebiete von Kolumbien bis herunter nach Chile unterworfen hatten. ,, ,,,__ In Chan-Chan sollen nach der Berechnung von Wissenschaftlernüber 5000 Menschen gelebt haben. In den völlig versandeten Rumen erkennt man noch die großzügige Anlage der Gebäude; bei den Grabungen hat man viele Gegenstände von hohem Kunstwert gefunden. Jetzt folge td) ben Spuren der Inkas bis herunter nach Santiago. Da lagen unter mir Ruinen der alten Forts, die sie sich zum Schutz gegen raubernbe 3nbmner- stamme aus dem Inneren und Piraten von der Wafferfelte her angelegt "^Märchenhaft schön wurde der Flug, als im Westen di° gew°»igen schneebedeckten über 5000 Meter hohen Kuppen der Anden sichtbar wurden. Der Himmel hat hier nachmittags ein ganz besonderes B au, das oer ganzen Landschaft einen so fremden, geheimnisvollen Ton g'bü Im Stillen war ich wieder einmal glücklich über dieses wundervolle Erlebnis das mir mein kleines Flugzeug geben konnte: mit donnerndem Motor über einen der gewaltigsten und schönsten Teile der Erde. -rmkital , Die Küste ist felsig und sandig, nur gelegentlich durch ein Mußt cm weit und scharf abgeschnittener grüner Streifen, aus dem sich Ansie fnmÄ Ä Rber das war beim drittenmale jetzt nicht sehr aufregenb g l'ch Zuletzt eben an alles, sogar an den Aequator. Erstaunlich war h, nur, daß es an der ganzen Küste hier, so dicht unterm Aequator durch den humboldtstrorn so auffallend kühl ist. Ich kam dadurch m t meiner M düng in Schwierigkeiten. Wegen der neuen Tanks hatte ich W nur ö Rllernotwendiqste mitgenommen und mich mehr aufH'ü qj . fror ich hier wie ein Schneider, verwöhnt rote ich durch die Hitze der Sundas war. Lima, die Hauptstadt Perus, war die große südamerikanische Uebei raschung für mich. Eine große schöne Stadt, die in Spanien genau so gut oder vielmehr nicht so gut, liegen konnte. Meine Wohnung im Country- Club — mit eigener Schwimmhalle, Golf und Poloplatz! Mit dem Präsidenten von Peru hatte ich einen Tee mit einer stundenlangen Unterhaltung. Er ist glühender Peruaner und hatte, und hat auch heute noch, gegen viele Widersacher in diesen unruhigen südlichen Ländern zu kämpfen. Ich glaube, er ist schon zehnmal durch Attentate verletzt worden. Und da sitzt er nun allein in dem Riesenpalast, der aus der Zeit Pizarros stammt, und regiert seine Peruaner. Das waren also die ersten Eindrücke von Südamerika, meinem letzten Erdteil, zu dem ich fliegen konnte. Und nun muß ich erst einmal Schluß machen', weil ich jetzt den Orden der Militärsliegerei bekommen soll. Auf dem See. Von I. W. von Goethe. Und frische Nahrung, neues Blut saug' ich aus freier Welt; wie ist Natur so hold und gut, die mich am Busen hält! Die Welle wieget unfern Kahn im Rudertakt hinauf, und Berge, wolkig himmelan, begegnen unserm Lauf. Äug', mein Äug', was sinkst du nieder? Goldne Träume, kommt ihr wieder? Weg, du Traum! so goto du bist; hier auch Lieb' und Leben ist. Auf der Welle blinken tausend schwebende Sterne; weiche Nebel trinken rings die türmende Ferne, Morgenwind umflügelt die beschattete Bucht, und im See bespiegelt sich die reisende Frucht. Jur „Wald- und Wafferfreude Novelle von Theodor Storm. (Schluß.) Schon längst, mit dem Instinkt der'Liede, hatte er herausgefunden, weshalb feit nun schon vielen Tagen sein Liebling so seltsam stumm und blaß einherschlich; als er ihr jetzt in das erregte junge Antlitz blickte, dessen Züge heut eine eigentümliche Schärfe zeigten, ergriff er lebhaft ihre beiden Hände: „O Mamsellchen", sagte er und hob seine grauen Augen in anbetender Entsagung zu ihr aus; „Sie sollten sich das nicht gar zu sehr zu Herzen nehmen; es gibt noch andere, die es ehrlich meinen!" Sie blickte ihn traurig, aber freundlich an: „Ich weiß das, guter Sträkelstvakel; aber ich versteh' dich nicht." „Wenn ich nur reden dürste, Mamsellchen!" „Weshalb denn solltest du nicht reden dürfen?" — Sie horchte noch einmal hinaus; aber es war nichts zu hören. Strökelftrakel hatte sich abermals die Stirn getrocknet. „Der Unter- lehrer" sagte er, „er ist fern feiner Herr; aber ich kenne ihn, er ist ein guter Älensch; Sie wissen, Mamsellchen, er versteht auch seine Orgel recht mit Schick zu spielen, und er hat doch nun das schöne Brot dort in der Stadt bekommen — wenn Sie gütigst ihm erlauben wollten, wieder einmal anzufragen!" , Ruhig hatte Kätti ihm zugehört. „Am Ende bist du schon als Freiwerber an mich abgesandt!" sagte sie und lehnte müde das dunkle Köpfchen an eine der Verandasäulen. Sträkelstrakel wurde sehr verlegen. „O Mamsellchen", sagte er zögernd; „aber wenn es denn so wäre!" . Sie antwortete nicht; sie hatte sich jählings ausgerichtet. Von der Dorfstraße her kam deutlich das rasche Rollen mehrerer Wagen. Raich trat sie auf den kleinen Musikanten zu unb legte fest die Hand auf seinen Arm: „Schweig, Sträkelstrakel! Sprich nicht mehr; ich will nichts weiter von dem Narren hören!" , Als er sich umblickte, war sie verschwunden; draußen bei der Anfahrt aber erhob sich das Getöse der ankommenden Gäste, und von der Felstreppe heraus erschien der Doktor, um sie zu begrüßen __Der Nachmittag verging, während Satti hinter verschloßener Tür in ihrer Kammer saß; als es drunten stiller geworden war ging sie vorsichtig in das Haus hinab. Der Saal war leer, in der Veranda sah sie zwei altere Damen beim Pikettspiel sitzen; aber hinter dem ©arten, vom Fluß herauf scholl ein fröhliches Stimmengewirr. E,n paar Augenblicke stand Kätti, den Kopf vorgeneigt, und mit verhaltenem Atem, als ob sie aus dem fernen Schall sich einzelne Worte aufzuhaschen muhe; bann, saft roiber ihren Willen, schlich sie in ben Garten. Die juqenbliche Gesellschaft hatte bas größte ber beiben Boote los- getettet unb war jetzt im Begrisf, sich einzuschiffen; ber Doktor unb bie blonde Dame waren die letzten, unb eben ergriff sie feine Hanb, um eiiijufteigen. Stätfi sah es genau aus ihrem Versteck, und ihre Augen verschlangen alles, was sie sahen. Als das Boal strainauswärls abgefahren war, blieb sie zuerst in dumpfem Sinnen stehen, AVer nicht lange, so war sie auch zum Fluh hinabgegangen: und bald folgte jenem größeren Boote das zweite kleinere mit gleichmäßigem, leisem Ruberschlag: die Schifferin, die es lenkte, verstand es, stets denselben gemessenen Raum zwischen beiden Booten innezuhalten, — Was wollte sie? — Sie wußte es selber nicht: aber ihre Augen hafteten wie gebannt an dem vollen Nachen, der im Glanz der Abendsonne mit Lachen und Gesang vor ihr den Strom hinaufsuhr. Weiter oben, an derselben Seite, wo auch das Dorf belegen war, erhob sich ein mäßig großer Hügel, den, wie eben jetzt, die Gäste der „Wald- und Wiesenfreude" der schönen Aussicht halber aufzusuchen pflegten, um dann durch Wald und Wiesen wieder heimzukehren. Auch heute hatte man einen Burschen vorausgefchickt, der später mit dem leeren Boot zurückzurudern hatte: denn auf dem Hinwege freilich liehen die jungen Männer es sich nicht nehmen, ihre Damen selbst zu fahren, Kütti wußte das: es war gewöhnlich so. Und endlich sah sie, wie das Boot vor ihr an jener Anhöhe landete und wie die Damen unter Handreichung der Herren an das Ufer sprangen, — Leise hielt sie ihr Ruder an. Aber was hatte die Gesellschaft dort? Es muhte ein Unfall geschehen sein: man drängte sich zusammen und schien lebhaft zu verhandeln. Dann wurde eine von den Damen — Kätti konnte nicht erkennen, welche — mit Hilfe eines Herren in das Boot zurückgefllhrt: es war augenscheinlich, daß sie hinkte, sie mochte sich den Fuß vertreten haben. Jetzt gingen wieder alle an das Fahrzeug, und aufs neue schien man hin und her zu reden: die Verletzte schien dankend, aber lebhaft abzuwehren. Bei dem Flimmern der Abendsonne sah Kätti alles wie ein Schattenspiel: jetzt aber gewahrte sie deutlich, wie die Dame, von dem Arm des Herrn gehoben, in das Boot hinübertrat, wie dieser sich dann rasch nach einem Ruder bückte und vom User abstieß, während die übrigen unter Tücherschwenken dem ■ Hügel zugingen. Kätti fuhr mit der Hand nach ihrem Herzen; sie zweifelte nicht, wer jene beiden waren, die jetzt selbander den einfomen Strom herabgefahren kamen. Ihr eigenes Boot befand sich eben seitwärts von der Einfahrt in den kleinen Binsenhafen; jetzt lenkte sie hinüber, und mit eingezogenen Rudern glitt es durch die enge Oeffnung. Aus dem rings umschlossenen Raum war es nicht möglich, den Fluß hinaufzusehen: aber nach der einen Seite standen die Halme weniger dicht, so daß sie das Boot hinein- drängen konnte und von hier aus eine Durchsicht nach dem Wasser zu gewann. Von drüben trat gleicherweise eine hohe Binfenwand fo nah heran, und die Wasserbahn an dieser Stelle war dadurch so schmal, daß niemand unerkannt vorüber konnte. Das Mädchen hatte die Hände über ihre Knie gefaltet und den dunkeln Kopf darauf gelegt; man hätte glauben können, daß sie betete; aber ihr 1 Ohr horchte stromaufwärts in die Ferne, ihre Pulse hämmerten; was sie an Gedanken hatte, ging diesen einen Weg. Und jetzt, jetzt endlich in der ungeheuren Stille erfaßte ihr Ohr das Rauschen eines Ruderschlags. Sie fuhr empor und streckte sich mit dem ganzen Leibe nach jener Richtung, während ihre Hände sich an den Rand des Bootes klammerten. Gierig, j als paffe sie aus eine Beute, lauschte sie auf das nah und näher tönende ' Geräusch, das gerade auf sie zuzukommen schien. Allein sie hörte nichts von dem, was sie zu hören dachte: keine Worte, keinen Laut von Menschenlippen! Jetzt aber — es war, als ob die Ruder eingezogen würden, sie vernahm deutlich das Abtropfen des Wassers; und jetzt, vom Strom getragen, glitt draußen das Boot rauschend an ihrer Binsenwand entlang. Kätti hatte sich aufgerichtet, zitternd bogen ihre Hände die nächsten Halme auseinander; aber so weit sie ihre Augen öffnete, es ward nicht anders: Wulf Febbers war. der Schiffer, das blonde Mädchen lag in feinen Armen. Aber nur noch einen Augenblick, dann fuhr sie jäh empor. „Es lachte jemand!" rief sie und sah sich mit erschreckten Augen um. Der Doktor ließ sich nicht so leicht beirren. Aufs neue umschlang er feine Braut und küßte sie. „Du träumst", sagte er zärtlich; „wir sind allein; wer sollte denn auch lachen, daß du mein geworden bist!" Aber ungesehen hinter der dunkeln Binfenwand mar in diesem Augenblick ein verbleichendes, junges Antlitz auf den Rand des Bootes hin- gefunken. — Das Abendrot überglänzte den Himmel und verging, der Tau versilberte das schwarze Haar des schönen Mädchenkopfes, und fern im lichten Blau des Aethers schimmerte der Stern der Liebe. Da erst richtete sich Kätti wieder auf. Lange bückte sie in den milden Glanz des ruhigen Gestirnes; dann betrachtete sie aufmerksam ihre Hände, ihre kleinen Füße; sie löste ihr schönes Haar und ließ es durch die Finger gleiten, vis sich plötzlich ihre Arme streckten und sie mit beiden Händen nach den Rudern griff. „Rur die Wirtstochter!" rief sie. „Die Tochter aus der ,Wald- und Wafferfreudest" Ein bitteres Lächeln flog um ihren Mund; vielleicht auch hat sie wieder laut gelacht; aber niemand hat es hören können, das Fahrzeug, welches die beiden Glücklichen trug, war schon längst den Strom hinab. Der Doktor hatte, wie er der Kühle wegen wohl zu tun pflegte, während dieser Nacht ein Fenster seines Wohnzimmers offengelasfen. Als am andern Morgen sein Blick dahin fiel, gewahrte er auf der Fensterbank das französische Dictionnaire, das Kätti an jenem Morgen so eifrig mit sich fortgenommen hatte. Sie hatte es alfo schweigend ihm zurückgebracht und wollte es nun nicht mehr gebrauchen. Da er zögernd das vom Nachitau feuchte Buch in feine Hand nahm, fiel ein Zettel mit Kätkis kleiner Schrift heraus: „Das Beutelchen mit den Gold- und Silbermünzen" — fo hatte das rechtsunkundige Kind geschrieben — „nehme ich mit mir, und es braucht daher keiner meinethalben zu sorgen. Aber meine übrigen Erbgelder soll mein Bater haben; nur soll er davon an Strätelftratel hundert Taler geben. Ich darf wohl hoffen, daß Sie dies für mich besorgen werden." lind weiter nichts; der Name „Kätti" stand darunter. Bestürzt starrte Wulf Fedders auf diese Zeilen; das Lachen, das gestern seine schöne Braut erschreckt hatte, fiel ihm plötzlich schwer aufs Herz. Grübelnd sann er nach, ob er irgendeine Schuld an sich entdecken könne; aber er sand keine. Eine heftige Sehnsucht nach dem Mädchen wallte in ihm auf; aber er sagte sich mit Nachdruck, daß das nur Mitleid fei. Noch ein paar Augenblicke; dann ging er durch den Garten nach dem Haupthause hinauf, wo er Herrn Zippel, wie zur Reise gerüstet, mit Hut und Stock im Gastzimmer antraf. „Ist Kätti hier?" srug er hastig. „Kätti?" entgegnete Herr Zippel zerstreut. „Sie wird noch in den Federn liegen." „Nein, nein! Sie ist fort!" „Fort?" Herr Zippel rannte aus der Tür und kam nach ein paar Augenblicken wieder. „Ja, ja! Ihr Bett ist unberührt! Aber weshalb? Warum?" „Ich weiß es nicht", erwiderte der Doktor mit etwas unsicherer Stimme; „aber lesen Sie das!" Herr Zippel nahm ihm den bargebotenen Zettel aus der Hand. „Hm, richtig! Richtig!" rief er, indem er mit ausgespreizten Fingern sich alle Haare in die Höhe zog. „Wieder die alte Dummheit! Aber wissen Sie, dies da mit dem Gelde, bas ist eine neue! Auf bas Gekritzel zahlt mir niemanb auch nur einen Schilling. Nun, es schabet nichts; leben Sie wohl, Herr Doktor; ich will in bie Stabt!" Der Doktor hielt ihn noch zurück. „Was wollen Sie bort? Wollen Sie es roieber in bie Blätter setzen lassen?" „Wie meinen Sie bas? Ja freilich wirb es in bie Blätter kommen! — Aber meine Kätti ist dennoch ein Genie; sie hak bas rechte Teil erwählt; mit diesem Publikum ist nichts zu machen! Glauben Sie, daß die ,Wald- und Wasserfreude' existieren kann, wenn keine Gäste kommen? Oder glauben Sie es nicht?" Er sah ein paar Sekunden lang dem Doktor starr ins Angesicht, bann streckte er wie beschwörend seine Hand gegen bas Fenster, durch welches man auf bie Gartenanlagen uni) bie Trümmer bes neuen Walb- unb Wiesenwasferllades sah. „Irgendein bummer E'-ü", rief er, „welcher nach mir kommt, wirb aus meinen Gebauten sich Dukaten prägen; bas ist der Lauf ber Welt! — ich gehe aufs Gericht, um meine Insolvenz zu Protokoll zu geben!" Er erhob stolz ben Kopf, unb seinen Spazierstock schwingend, schritt er zur Tür hinaus. --Einige Tage später saß brüben in ber Stabt Wulf Febbers neben feiner hübschen, blonden Braut. Sie plauderte schon lange unb schien eifriger zu fragen, als er zu antworten. „Unb sie ist jetzt zum zweiten Male fortgelaufen?" Hub sie aufs neue an. „Ja, zum zweiten Male." „Und ihr habt keine Spur von ihr gefunden, gar keine?" Er schüttelte den Kopf. „Nicht weiter als bis unten an der Flußmündung, wo auch das Boot gefunden wurde." „Du Aermster, wie haft du dich wohl abgemüht!" „Du übertreibst, Cäcilie; ich habe mich nicht abgemüht." Sie neigte den Kopf und sah ihn von unten auf mit ihren blauen Augen an. „Leugne es nur nicht! Und — weißt du? — wäre es eine andere gewesen, ich hätte eiferfüchtig werden können!" Ein leichtes Rot überflog fein Antlitz. „Du?" rief sie neckisch drohend unb erhob ben Finger ihrer weißen Hand. Wulf Febbers sah sie büjter an. „Wollen wir nicht lieber von etwas anbcrem reden als immer nur von jenem armen Mädchen?" Die junge Dame strich sich sorgsam ihre Kleider glatt und richtete sich in ihrem Sessel auf. „Weißt du?" sagte sie. „Sie interessierte mich doch; ich wußte nur nicht, wo ich sie hintun sollte; nach dieser Geschichte aber bin ich ganz im reinen! Nicht wahr, sie hatte so ruhelose Augen? Es war ein rechtes Vagabondenangesicht!" Ein Vierteljahrhundert ist seitdem vergangen. Das Gewese der „Wald- und Wasserfreude" wurde schon derzeit in dem Zippelschen Konkurse von dem früheren Besitzer für seinen ältesten Sohn zurückerworben, und mit diesem ist die alte patriarchalische Bauernwirtschaft, sind die billigen Preise und die Gäste wieder eingezogen. — Vor dem Abnahmehaufe, drunten am Flußufer, liegt noch immer der große Stein, auf welchem einst Wulf Fedders feine Anwandlung jugendlicher Träumereien überstand. Statt feiner konnte man noch vor wenig Jahren einen kleinen alten Mann dort sitzen sehen, der bei einer der jetzt in dem Hause wohnenden Arbeiterfamilien von der Gemeinde in die Kost verdungen war. Zuweilen, an milden Sommerabenben, wenn brinnen bie Hausbewohner schon zur Ruhe waren unb nur bie einsame Sternennacht im Flusse widerschien, zogen von borther klare Geigentöne über Dorf unb Anger. Wer noch wach war unb aufmerksam hinüberlauschte, hätte wohl einzelne Passagen eines Mozartschen Adagios erkennen mögen; dazwischen tauchte eine sehnsüchtige Melodie empor und verklang und kehrte wieder, bis — oft in später Nacht — das Geigenspiel verstummte. Drüben aber in der Stadt, in dem Archiv der alten Landvvgtei, zu deren Bezirk bie einstige „Walb- unb Wassersreube" gehört, liegt unter ben Akten über Verschollene ein Heft mit ganz vergilbtem Deckel; es enthält bie Verwaltungsnachweise über Kättis Erbgelber, beren Zinsen längst bas Kapital uerboppelt haben. Der gegenwärtige Lanbvogt ist Wulf Febbers, welcher halb nach seiner Verlobung alle Gebanken an künftigen Gelehrtenruhm mit ber sicherer zum häuslichen Herbe sührenben Beamtenlaufbahn vertauscht hatte. Alle Jahre einmal, bei ber Revision der Vormundschaften unb Kuratelen, gehen jene Akten burch seine Hände. Dann gebenkt er plötzlich roieber der dunkelfarbigen Kätti unb feiner Schülerzeit unb jener Tage in ber „Wald- unb UBafferfreube". Aber er hat gar viele Akten unb zu Hause eine blonde Frau und viele Kinder; bevor er noch den Weg vom Amtslokale nach | seiner Wohnung zurückgegangen ist, hallen diese (Erinnerungen ihn schon längst verlassen. Verantwortlich: Or. Hans Thhriot. — Druck unb Verlag: Drühl'fcheUniversitäts-Buch- unb Steindruckerei, D. Lange, Gießen.