Nummer 10 Freitag. den 5.8ebruar Jahrgang 1932 einem Töpfermeister, Quartier. Ich traf ihn auf einem Bergweg am Nachmittag des Begräbnisses, und er sagte mir gleich, er wolle mir etwas Merkwürdiges erzählen. Er begann mit einigen Mitteilungen über den Vater des eben verstorbenen Schmiedes. Der soll ungemein geizig, sogar an Worten, gewesen sein. Seine Frau verlor er durch die Geburt des Sohnes. Herangewachsen übernahm sein Sohn di« Schmiede im Dorf; und der hat, wie mein Erzähler versicherte, der es von ihm selber hörte, niemals anderes Geld im Hause gesehen, als was er und was die Tante für di« geringen Verkäufe an Eiern und Butter einnahm. Der Vater schien niemals auch nur einen Pfennig heimzubringen; denn wenn er es vor dem Sohn verborgen hielt und in einem Möbelstück insgeheim unterbrachte, so hätte sich das Jahrzehnte lang kaum unbemerkt durchführen lassen. Also lebten die Drei einigermaßen kümmerlich und auch nach der Verheiratung des Sohnes die sich mehrende Familie eher schlechter als besser Freilich — Bargeld war vonnöten und fast eigentlich nur für die Steuern. Acker und Vieh lieferten die Nahrung, und es gab kaum ein Gerät oder Werkzeug, das nicht im Hause gefertigt werden konnte. Der alte Schmied verstand sich aus alles, sein Sohn mußte es lernen, und das Unmögliche erwarb die Schmiedearbeit im Tausch. Der alte Schmied starb, und kein Erträgnis seines jahrzehntelangen Werkes war irgend zu finden; auch auf keiner Bank lag das Geringste. Nun war es einige Nächte nach dem Hingang des Alten, daß der Doktor, mein Erzähler, der damals mit seiner jungen Frau bei dem Töpfermeister zu Gast weilte, von einer leichten Berührung ausschreckte, da er eben im Einschlafen war. Die Uhr konnte, wie er später sest- stellte, wenig über elf in der Nacht zeigen; im Markt lag um diese Stunde schon alles in tiefem Schlaf und auch seine Frau hatte er, wie er sich erinnerte, beim Zubettgehen so gesunden, ermüdet von einer Wanderung. Diese, die ihn angerührt hatte, fragte jetzt leise: „Riechst du nichts?" Schlaftrunken, überdies mit geringem Geruchssinn begabt, wallte er schon verneinen, als er nun auch einen wohlbekannten Geruch zu verspüren glaubte, der nur aus der Schmiede hervorkommen konnte; jenen unangenehm beißenden Geruch nämlich, der dadurch entsteht, daß der Schmied vor dem Beschlagen auf den schon gesäuberten Rosseshuf das glühende Eisen drückt, wohl um die Form leicht in das Horn zu prefien; aus dem stark versengten schwalkt dann eine heftige Wolke von Rauch und Gestank. Und der war, zu Anfang schwach, bald aber in so vollem Strome zu atmen, daß die Wachenden beide sich fragen mußten: Wie ist das möglich? Wer konnte zu dieser Stunde beschlagen lassen? Immer nach Feierabend lag die Schmiede verschlossen. Kein Laut war hörbar. — Nun der unerklärliche Geruch hörte so wenig auf, daß der Doktor sich erhob, um nachzusehen, ob Feuer in der Schmiede ausgebrochen war, und obwohl er sich sagen mußte, daß es dann einen anderen als diesen Geruch von verbranntem Horn geben durste. Das Haus konnte er ohne Störung verlassen, denn vor dem Zimmer, in dem das Ehepaar wohnte, lag eine Veranda, von der eine Treppe in den Garten hinabfuhrte; durch die unverschlossene Gartentür gelangte er ins Freie, wo es finster unb still war- nur unter den Linden in der Mitte des Marktes plätscherte der beständige Wassergruß in das Brunnenbecken Die Vorhalle, die er nun betrat, war ganz teer. Die Tur zur Schmiede war geschlossen; aber sie bestand zur oberen Hälfte aus Glas. Ein rötlicher Schein war darin, und die Augen den rußtruben Scheiben nähernd, sah er drinnen das Sonderbare: Auf dem breiten Herde ganz hinten war rote Glut. Davor stand ganz dunkel ab gewandt, jemand — ein Mann, der seiner Gestalt nach sowohl der verstorbene alte Schmied wie sein Sohn sein konnte, denn beide ähnelten sich ja. Wer es auch sein mochte — er trug nicht die Arbeits- tradjt Kittel und Schürze, sondern einen Anzug, der dem glich, worin allabendlich der alte Schmied heimwärts zu wandern pflegte. Eine Zeit- lang stand er so als ob er ins Feuer blühe, das nun langsam dunkler und dunkler wurde. Bei der letzten schwachen Röte erkannte der Betrachter von draußen, daß die Gestalt sich zum Amboß wandte bei ihm niederkniete unb unten am Boben sich etwas zu schaßen machte. Ueberbem „loick auch ber letzte Funken; brinnen war nur mehr Finsternis. Rütteln an ber Klinke ernües die Tür als fest verschlossen. Nach minutenlangem Warten rührte sich brinnen nichts. Uebrigens war auch von bem Brand- aeruch wie ber Doktor nunmehr erst inne würbe, nichts mehr zu spuren gewesen fobalb er ins Freie getreten war. Er erinnerte sich sogleich, den reinen, frischen Wohlduft der blühenden Linden kräftig geatmet zu h^Am andern Vormittag suchte der Doktor den Sohn auf und fragte ihn ob er bei Nacht in der Schmiede gewesen sei, was der, wie sich erraten läßt verneinte. Darauf erhielt er die Mitteilung van dem seltsamen Nachtbegebnis. Er äußerte — bem Verstorbenen auch an Wort- kargheit ähnlich — nichts bazu. Aber am Abend kam er und sagte er iei vielen Dank schuldig. Unter dem Amboß habe er eine Diele hochheben können und in einer Vertiefung die ganze väterliche Einnahme aus Jahrzehnten gesunden, einen großen Betrag, nebst genauer täglicher Februar. Don Jürgen Thiel. Wir wissen nicht das Wie der Dinge. Die Zeit formt ewig ihre Jchgestalt, Das heut Geschaffne ist schon mot'gen alt. Es ist, als ob die Welt im Kreise ginge. Ein Wehn und Fließen wie im ersten Lenze. Der Schnee zergeht, wann wird es Frühling sein? Ein Vogel jauchzt. — Gemach, noch kann es schnein. Das Wunder zögert an der Traumesgrenze. Noch ist der Tag kein freundliches Verbleiben. Er kommt und geht. Und noch befiehlt die Nacht. Allein das Leben ist schon aufgewacht. Bald wird «s seine blassen Blüten treiben. Wir wissen nichts. Noch fließen alle Dinge. Das Jahr formt feine neue Jchgestalt. Die Erde wittert süßeste Gewalt, Als ob es tief in ein Geheimnis ginge. Der Schmied. Erzählung von Albrecht Schaeffer. Copyright 1931 by I. L. A. Wien. Früher als sonst am Morgen erwachend, vernahm ich bas eintönige (jette tlagerufenbe Gebimmel bes Totenglöckchens vom .Kirchturm, womit allezeit dem Markt und den umliegenden Dörfern angezeigt wird, daß einer aus der Gemeinschaft, Mann, Weib ober Kinb, bavongeschkeben ist Wenig später hörte ich vom Hausmädchen auf meine Nachfrage, der alte Schmied P. sei gestorben. Er war vor einem halben Jahr vorn Schlage getroffen und nun wohl einem zweiten Anfall erlegen Die Schmiede ist das zweitnächste Haus neben dem meinen, das |elber fast versteckt in einem Winkel des Marktplatzes liegt. Vor der Schmiede befindet sich eine allerseits offene Halle, verrußt, mit Bretterbuden unb einem alten schrägen Dach über Pfosten. Hier werben bie Mrde beschlagen und bie eisernen Bänber um Raber von Wagen unb Karren gelegt. Das helle Klingeln vom Hammer auf dem Amboß gehört zu den heitersten Geräuschen des Werktags, bie ich kenne. Der Schmieb unb seine Söhne waren mir, wie sich benten läßt, gut bekannt, weil faft jeber Weg aus bem Hause mich burch bie Vorhalle führt. Entweber hatte ich dort den Schmied zu umgehen, wenn er sich über den Huf eines Rotzes bückte, der von dessen Besitzer oder Knecht gegengestemmt hochgehalten wurde; ober er kreuzte meinen Weg aus ber Tür ber Werkstatt hervor, mit kurzer Zange ein bnmpfenbes Eisen tragenb: ober auch ein Blick durch bie immer offene Tür zeigte ihn mir in ber Tiefe bes düsteren Raumes, am 2lmbsfs ober neben bem großen gemauerten Herbe mit rotgluhenbem Kohlenfeuer daraus. Klein war ber Schmieb, schwarzrußig immer, auch schwarz von Augen unb Schnurrbart, unb hielt sich gebückt, so baß er zumal in» Abenbbunkel gnomenhaft scheinen konnte. Semem Vater, von dem noch bie Rebe jein wirb, soll er ganz gleich gewesen fein, so daß die Leute nach dessen Tode kaum einen Unterschied merkten. Aber seine sechs Sohne sind' ohne Ausnahme von guter Größe, rotblond und breitschultrig; nur bie einzige Tochter miebeium ist, wie er selber, ganz schwarz. Daß ber Schmieb unter den wohlhabendsten ®runöoefiöern ber Gegend mar, dankte er zu einem Teil dieser seiner männlichen Fruchtbarkeit. Denn wenn er auch zwei Söhne im Weltkrieg uerlor unb einer anderswo als Schmied lebte, so sparten die übrigen ihm Knecht und Magd, ohne die er bei seinen mehrfachen Besitzungen nicht hatte Haushalten können. Ihm gehörte nämlich außer dem Wohnhaus am Markt mit der Schmiede ein in bem Dorf H. eine Biertelstunbe bergmrts^ gelegener Hof von zwanzig Stück Rinbvieh — bas ist >n dieser bescheidenen Gegend schon viel —, worin er eine zweite schmiede betrieb und auch selber wohnte; unb zubem ein kleinerer Ho, von einem halben Dutzend Rinbern einsam am Berghang gelegen, eine Einöde, wie da^ hier heißt. Dort hauste eine ältere Vase als Wirtschafterin und Bedienerin von Sommergästen, wahrend einer ber Sohne die Dorsschmiede Schotte. Dem Vater hatten nur bie Schmiede am Markt unb ber damals wett kleinere Hof im Dorf mit noch wenig ßanberei gehört. Auf melrfje Auf sein Sohn zu dem übrigen kam, das bildet den Knotenpunkt dieses Berichts. Meine Kenntnis davon verdanke ich einem Sommergast, einem gesprächigen alten Herrn und einstigen Gymnasiallehrer, auch Doktor, dessen Bekanntschaft ich vor einigen Jahren schon auf einem Spaziergang machte Er er zählte mir, daß er mehr als drei Jahrzehnte lang, mit geringen Unterbrechungen, bie sommerlichen Wochen seines Urlaubs in unserem Markt ober in ber Nähe verbracht hatte unb die meisten davon in jenem Einöde benannten Hof. In den erften Iahreu edoch hate e in bem jetzt mir gehörenden Hause, bei dessen damaligen Eigentümer, GietzenerZamilienblötter Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger waren. Wie schon gesagt, liebte der König bei Tafel das Disputieren, ward aber leicht ärgerlich über Widerspruch, an den er nicht ge» wohnt war. Dennoch benutzte ich jede Gelegenheit, wo ich ihn schlecht unterrichtet sand, um ihm die Wahrheit zu sagen. Einmal ward er ernstlich böse auf mich wegen des Fürsten von Weilburg, der ein sehr würdiger Mann und mein vertrauter Freund war. Der König sagte, er habe ihn vor Jahren gesehen, und nannte ihn einen Dummkops. Ich widersprach und nahm ihn gebührend in Schutz. Da legte der König die Serviette hin, und man stand nach einer ziemlich kurzen Tafel auf, während er sich ohne ein Wort in sein Zimmer zurückzog. Alle machten mir lange Gesichter; Finkenstein und Schulenburg traten auf mich zu und sagten:' „Mein Gott, Sie haben den König erzürnt." „Das sollte mir sehr leid tun", entgegnete ich, „ich habe ihm nur die Wahrheit gesagt." „Aber warum ihn ärgern?" Ich ärgerte mich nun selbst, erwiderte jedoch: „Ich hätte mein Schweigen für Feigheit gehalten. Ich sage Gott täglich die Wahrheit: ich werde sie auch dem König sagen. Wenn er sich auch einen Augenblick ärgert, wird er doch am nächsten Tage sinden, daß ich recht hatte." bewundert." , Daraus bemerkte er: „Ich begreife nicht, warum diese Leute sich trotz meines wiederholten Rats, ihren Handel nach Amerika auf dem nächsten Weg über Cadix zu betreiben, nicht von Hamburg losmachen können, das den größten Vorteil daraus zieht." Ick> entgegnete: „Der Grund liegt darin, daß die Kaufleute von Cadix erst nach 1% Jahren bezahlen, denn der Weg nach Cadix ist sehr weit und die Leinwandwaren müssen an der Elbmündung eingeschifft und von da nach Cadix befördert werden von wo man sie nach den amerikanischen Häsen bringt. Der Hamburger Kaufmann gibt dem Spanier, der Seinen in Amerika verkauft, 1% Jahre Kredit: der Schlesier aber kann nicht so lange warten, um seine Fabrikanten zu bezahlen und seines Geldes sicher zu sein. Der König verstand mich gleich und war befriedigt, über einen Punkt aufgeklärt zu sein, über den er schon viel gesprochen, den aber niemand gekannt oder klarzumachen verstanden hatte. , Als wir in die Vorstadt von Iägerndorf kamen, fragte der König, wo sein Hauptguortier sei. „In der Stadt", entgegnete man ihm. Er sah einen großen Hof und befahl, sofort alles aus der Stadt dorthin zu bringen. Er setzte sich vor die Haustür aus eine Holzbank und rief mich herbei, mich neben ihn zu letzen. Es währte ziemlich lange, bis das Ge= pack kam. Derweil unterhielt sich der König über allerlei, wobei er sich über den Hof. den er ausgesucht hatte, lustig machte. Er war voller Rauch und Schmutz und gehörte, wie wir erfuhren, einem Fürsten WMWZSW '°"Rtein^ErzähEsch!oß: durch einen Geruch sich anzuzeigen war nun eine besondere Findigkeit des Toten. Denn in der Nachbarschaft fernes- qleüben jemand dadurch aus dem «chlas zu wecken das war unmöglich, wie mir feiger der ich fast kein Geruchsvermogen besitze. Es war durchaus, meinte er lächelnd, berechnet auf die scharfe Tierna,e meiner guten Frau. mebenstem Taas darauf als ich zur Tafel des Königs kam, sagte er zu mi? ,Zch habe°dte Ehre, im Schweinestall Sr. Hoheit, de- Fürsten Liechtenstein zu wohnen." ... Eines Tages fragte er mich bei Tafel in Gegenwart mehrerer Gene- rale nachdem er viel vom Siebenjährigen Kriege gesprochen hockte. Sagen Sie mir, Heber Prinz, aber recht aufrichtig, wo habe ich nuch in jenem Kriege nach Ihrer Meinung am besten gehalten? Ich en npnnete- Damals, als Sie nach der Schlacht bei Hochlircy vir Armee die nach einem nächtlichen Ueberfall in Verwirrung fern mutzte, auk dem Höhenzuge nahe beim Schlachtfeld wieder ordneten, dadurch einem siegreichen Feinde Halt geboten, dann nach Reiße marschierten, das im Begriff war, sich zu ergeben und dort d'e Oesterreicher Zurrst Hebung der Belagerung zwangen. So trugen E. M. bie Ehre und den ®° Mein?Anttvorr" Wen°dem König Vergnügen »u machen, obwohl ich an den Gesichtern der anderen das Entsetzen über meine Kühnheit merkte, daß ich von einer verlorenen Schlacht sprach. Der König antwortete m . Das war nicht so schwer, wie Sie glauben. Ich dachte an die Schlmh bei Soor (1745): Prinz Karl war geschlagen und zog sich Muck. Em Korps von 5000 bis 6000 Sachsen unterstützte ihn um die Nachhut zu bilden. Meine Kavallerie machte nicht weit davon Halt Ich eilte hin und rief: „Marsch, vorwärts! Drauf! 34 mürbe mit Vivat und Viktoria empfangen, doch ich rief immerfort. "Marsch. un niemand wollte marfchieren. Ich ärgerte muf), 14I4lu9. *4 14 >»,■ mb ich denke ich versiehe zu schelten, wenn ich ärgerlich bin, doch ich konnte die Kavallerie keinen Schritt vorwärts bringen. Sie war trunken vor Freude und hörte mich ni4t ... Als ich auf den Höhen bei Hochkirch die Armee ordnete, sagte ich nur: Wenn ich damals meine Truppen, bie doch meine Untertanen waren und mir den Eid geleistet hatten, nicht zum Vorrucken bringen konnte, so" wirb es dem Daun sicherlich nicht besser gelingen, In der- Tat griff er mich in meiner Stellung nicht an. Wenn Sie jemals das Unglück hoben sollten geschlagen zu werden, lieber Prinz, was >4 gewiß nicht wün!4e denn es ist eine sehr verdrießliche Sache, so rate ich Ihnen, sich alsbald'aus die nächsten Anhöhen zu Ziehen, z.B. hier-bei: Oaaernborf auf diese Höhen. Dadurch macht man den Feind stutziger wirb nicht wagen bie eben gewonnene Schlacht wieder zu verlieren. ... In'Breslau bestand bie Tafel aus 12 bis 14 Personen. Der König saß an einer Ecke und ich links von ihm. Man speiste sehr gut auf dem schönsten Berliner Porzellan. Neben den König setzte man einen Stuhl ür feine Lieb lingshündin. Alle feine Hunde, fünf b.s sechs, kamen mir mit großer Zutraulichkeit entgegen. Dagegen tonnte der 2lbbe Bastiani, Domherr von Breslau, em sehr geistvoller Mann, benber £omg sehr gern hatte, nie fein Zimmer betreten, ohne baß alle Hunbe sich in der Reihe vor ihm aufstellten unb zu heulen begannen was den Komg belustigte. „Meine Hunde", pflegte er dann zu sagen, „können die Katyo- ^Einmal hatte ich mit dem König eine sehr lebhafte Unterhaltung über Religion. Wenn er bei Tafel auf dies Thema kam, mischte ich mich mcht in das Gespräch, sondern schlug die Augen nieder und schwieg. Der Komg merkte es wohl. Endlich wandte er sich lebhaft an wich und fragte. „Sagen Sie, lieber Prinz, glauben Sie an diese Singe? Ich antwortete in sehr festem Ton: „Ich bin nicht sichrer, Sie zu sehen, als daß Christus gelebt hat und als unser Heiland am Kreuze gestorben ist. Der König blieb einen Augenblick in Gedanken versunken, dann ergriff er plötzlich meinen rechten Arm, drückte ihn kräftig unb sagte: Wohlan, lieber Prinz, Sie sind ber erste Mann von Geist, ben ich gefunben habe, bet baran glaubt." . , ., . , . Als ich nach der Tafel durch das Vorzimmer ging, traf >4 dort den General v o n T a u e n tz i e n, wohl den größten und chärksten Mann, den ich gesehen habe. Er legte mir beide Hände auf die Schultern und sagte, in Tränen ausbrechend: „Nun, Gottlob, hab' ich es doch erlebt, daß em ehrlicher Mann Christum bekannt hat vor dem König." Der gute Greis überhäufte mich mit Liebkosungen. 3m Frühjahr 1779 begab ich mich über Braunschweig nach Berlin, wo ich sogleich eine Einladung des Königs nach Sanssouci erhielt. Wie man mir sagte, hatte er nach seiner Rückkehr nach Berlin einen sehr lebhaften Wortwechsel mit feinem Küchenchef Noel gehabt, da er ihm , erklärt hatte, jetzt, nachdem er den Krieg habe führen müssen, könne er ihm nur noch die Hälfte, nämlich 4 later, für jedes der acht Gerichte bezahlen Noel versicherte, bann werde keins gut und nach feinem Geschmack sein. Um es kurz zu machen, wollte der König nur noch vier Ge- ; richte zu vier Talern haben, doch am Tage meiner Ankunft befahl er, bie acht Schüsseln wieder aufzutragen. Soviel Gäste geladen waren, soviel Leibhusaren unb Lakaien traten jeher mit einer zugedeckten Porzellanschüssel ein, die mit allen möglichen ausgezeichneten Speisen angefuüt Friedrich der Große im Atter. Rach ben Denkwürdigkeiten des Landgrafen Karl von Hessen. Bon Fri.drich von Oppeln-Bronikowski. Der jüngere Bruder des nachmaligen Kurfürsten Wilhelm. I. von Hessen-Kassel Landgraf Karl, der in jungen Jahren zum dänischen Feldmarschalt unb Gouverneur von Schleswig aujgestiegen war und al solcher dein alternden Abenteurer Graf Saint-Germain bie letzte Freistatt ’iXernförbe be" Schleswig gewahrt hatte, hat 181C wemg bekannte aber vielseitig fesselnde Denkwürdigkeiten diktiert die erst 1860 in deutscher tteberjetzung von Dr. Bernhardi in Kassel erschienen ftnb. Wohl das Fesselndste daraus sind seine Erlebnisse im Bayerischen Erbfolgekrieq von 1778:79, den er mit feinem Bruder, dem spateren Kur- fürften im Gesolqe Friedrichs des Großen nutgemacht hat, und eine Ünterrebungen mit diesem. Durch fein freimütiges, °ber liebenswürdiges Wesen unb ein unabhängiges Urteil gewann er bald das Herz des greifen Helden, der in einsamer Gröhe dastand und m (einer Familie wie in (einer ausfterbenben Tafelrunde kaum noch Personen sand denen er sich voll anvertraute. Eine Ausnahme bildete nur sein ständiger Gesellschafter, der Schweizer be Katt, ber aber Anfang 1780 ein Vertrauen verlor unb erst un Ma, desselben Jahres e>nen Nach- olger in dem Marchese Lucchesi,>i fand. So gewahren Karls Aufzeichnungen neben ben Tagebüchern dieser Beiden hefe Einblicke in das Wesen unb die Eigenarten des alternden Königs und verdienen der Ber- »'"Ä's'Ä'l"W -- m f.« »..!*.«, für mich sehr interessant, aber alle anderen Gäste fürchteten sie und waren trostlos über ihre lange Dauer ... Wenn es eine Diskussion oder ein Wortgefecht gab, was er sehr liebte, fo verlängerte sich bie Tafelzeit ins Unenbliche. Ich hörte zu Anfang zwar, daß der Komg oft sage: „Meine Tafel ist eine Republik; jeher kann habet reden, was er will. Doch man fügte hinzu: „Aber er spricht nur allein." Ich suchte ihn daher bei jeder Gelegenheit zum Sprechen zu bringen, über sein Leben wie über seine politischen unb militärischen Ansichten, unb ich darf wohl sagen, daß ihm bas viel Vergnügen machte." . ... Hd) muh bei dieser Gelegenheit bemerken, dah niemand dem ftotug ' das Vergnügen machte, ihm etwas Angenehmes zu sagen, wogegen man sich gewissermaßen ein Fest baraus machte, ihm die unangenehmsten Nachrichten zu bringen. Ich habe ihm, wenn sich die Gelegenheit bot, stets bie reine Wahrheit gesagt, aber ich war erfreut, wenn ich ihm inbirett und ohne Schmeichelei sagen konnte, daß ich feine großen Eigen- chaften unb seine Großtaten in (einem Lande wie im Knegswesen zu schätzen wisse. Nicht minder aber hielt ich es für meine Pflicht, ihm zu widersprechen, wenn er falsche Ansichten über Personen und Dinge hegte, die mir besser bekannt waren als ihm ... Seine Ausfälle gegen bie Religion, besonders gegen die Kruzifixe an den böhmischen Landstraßen, waren mir unerträglich, doch an meinem völligen ^4u>ePen, selbst wenn er mich ansprach, merkte er wohl, wie sehr ich sie mißbilligte. Erst in Breslau sand ich Gelegenheit, mein Schweigen hierüber zu brechen, wie ich später erzählen werde." Nach dem Abmarsch ber Truppen in bie Winterquartiere begab sich her König nach Breslau. Unterwegs, in Lanbshut, als er bei Tafel (aß, inelbete man ihm eine ülborbnung ber reichsten Kaufleute unb Fabrikanten ber Stabt. „Sie werden mich auslachen, aber ich muß mit diesen Leuten über ihren Handel unb ihr Geschäft sprechen." Sie setzten sich ZU Viert dem König gegenüber, unb er fragte sie sehr eingehend aus. Ihre Antworten waren sehr freimütig und genau. Als sie fort waren, sagte er zu mir: „Sie werden über diese Unterhaltung gelacht haben." ,, . . „Nein, Majestät, ich habe Ihr Wohlwollen unb Ihre Sachkenntnis zu ten ne* Ite: lich nt- bie 3te, irdj ten, luf= den ich •fte, nir: acht Sin zu mit und und ante vor mir: aren inte, griff glü« nicht , sich itmrf nicht tönig dem ötuht imen tobe iönig ch in tönig atho- iiber nicht $önig ragte: ortete riftus ■rgtiff ohtan, habe, rt den n, den ätoetl I Greis Berlin, ■ Wie ;r leb- :rihn> (ine ct leriAfc m ®6‘ er ®{i aW ?r! foöiel ZS ward w r rlvür- r wider- ie S-l- Sehen Sie dort", erzählt er weiter, „diesen roten fettigen Boden unter den Dclbäumcn; wenn es morgen regnete, konnte gesät werden, und nächste Woche schon stünde die Erde so grün, wie dort hinten in der Niederung. In ein paar Monaten reifen hier die Ernten und machen einer zweiten, dritten und manchmal vierten Platz. Ja, ja, der Boden ist gut, aber heilte nützt das alles nichts mehr; es find zuviel Menschen, die ^"'°Sj^haben°aber Heuer eine Olivenernte gehabt, wie wenige der letzten Jahre; da gab es doch sicher auch mehr zu arbeiten und mehr zu ver- blCne(£j’ne prachtvolle Ernte, das ist wahr; aber es ging genau so rasch wiesrüher, weil mit jedem Jahr mehr Hände kommen d,e pflücken wollen. Und der Verdienst? Eine gute Ernte bedeutet viel Oel zu billigem Pre,je, also auch niedrigere Löhne; und schlechte Ernten beschranken k»e Arbeitstage, also ebenfalls wieder weniger Verdienst. Ob gut oder schlecht, es ° „Slfae?bietieue Regierung hat doch mehrfach die Löhne erhöht, auch *Ur Um weniges, ja, was nützt das, wenn die Lebensmittelpreise inzwischen auf das Mehrfache gestiegen sind! Man lebte früher nut 1 b>s 2 Pestten Tageslohn besser als heute nut 4,bie nur noch an wenigen lagen zu verdienen sind. Soll eine Ernte rasch emgebracht werden, g bt es zuweilen 6 und 8 Peseten. Ein guter Lohn! Doch meistens lassen sich hiHp Herren cs Gibt in Qcnu$, bic billiger Arbeiten. , . Die Zigarette'ist wieder aiisgegangen. Umständlich sucht er in feinem kurzen Jäckchen nach Zündhölzern, streicht ste an der Stiefelsohle an und Mäst ein paar Wolken in die Lust. Ich frage ihn, ob es denn hier keine kleinen Bauern gäbe, weil nichts, weder im Dorf noch im dfclb, auf ,h..r d.*««-- uni r.W«n$ro. yjuz'en des Landes, nur wenige hundert selbständige Bauern finden. Alles Land ist in den Händen von.ein paar Großgrundbesitzern. Das, was «ie hier ringsum sehen, gehört alles zum Besitz des Marquös von T. Aber das ist lange nicht alles; hinter dem Hügel, drei Wegstunden von h.er, Ueaen wei Dörfer mit 1200 Hektar, die gehören ebenfalls noch dazu. Bann hat er im Norden und Osten ein paar kleinere Besitzungen liegen die aber immer noch groß genug find, daß em paar Dorfer davon leb konnten Wir haben hier kaum Boden genug, um die Küchenkräuter zu pflanzen; alles mutz aus der Stadt gebracht werden, Brot, Fleisch, Hülsen- Ml Mk nun in Mr» lk-nft machen mit der Austeilung großer Guter, n[aub,n Man Ganz ehrlich kann ich auch an diese Hossnung nicht glauven. -urnn [jjon ,,, oft Äenderungen ver prochen. Meistens reichte der Eiser Lr um ein! Äiffion zu gründen; dann war für die Regierung hie Sacke erledigt. Ein paar Wochen später horte man weder von dem Broiekt noch von der Kommission etwas.- Madrid liegt weit ab, und wir hier Tinten sin^ ein geduldiges Volk. Es kann schon sein, daß es unseren Kindern einmal besser geht^ südlichen Provinzen dauert es lange bis die Geduld zu Ende ist, sonst hätte es das Elendimöb fmnaerroodjen die mit jedem Jahre wiederkommen, nicht gi"chgiiltig ertragen Aber es scheint mir doch, daß es eine abermalige Enttäuschung gerade der jetzigen Regierung nicht mehr ohne weiteres hmnehnien wurde an manchen Punkten hat sich schon des öfteren eine gefährliche Unruhe ^Inzwischen hat die Sonne den Horizont erreicht; die letzten Strahlen ÄS' ÄML !L°W K«bto»nr bie durch die dunklen Olivenwalder zur Stadt zuruckfuhrt. pankraz, her Gchmotter. Novelle von Gottfried Keller. (Fortsetzung.) Wenn sie geglaubt, daß ich nach dieser unbefangenen Eröffnung ganz- lick^t und wehrlos vor ihr darniederliegen werde, so hatte sie sich getäuscht. Vor dem vermeintlich guten und liebevollen yjeri gezittert, vor dem wilden Tiere dieser falschen gefährlichen Se b- «uAt zitterte ch so wenig mehr, als ich es vor Tigern und Schlangen zu !ü? gewohnt war. Im Gegenteil, anstatt verwirrt und verzweifelt zu Zle Schönheit ansthe^ mußte, die da vor mir glänzte. Doch dieses ist das Unl>S& S?nW Ä?''Sonne ganz braun gebrannt gewesen, fo würde schätzt dennoch so weiß ausgesehen haben, wie die Orangen- blükn über mir als ich ihr nach einigem Schweigen erwiderte. ,UnÖ "ä"ä>K s“ T >ch «>'. II*. .uchzmm« telMl. ■iS 2 Lirl .» n>ow o lein. 61. |ml «o»l .m wem« tole. « « Mann! daß Sie nun doch nicht der Gegenstand einer gar 1° bemüh ollen unb grenzenlosen weiblichen Hingebung sind? daß ich Aerrnste nicht da Als ich am nächsten Tage zur Tafel erschien, kam der Komg gerade 'feinem Zimmer. Er trat auf mich zu unb fagte mir taufenb verbrnd- j Dinge. Von Herrn de Gatt hatte ich bereits gehört, daß berJton.g im Nachmittag bei seinem Besuch zu ihm gesagt hatte. Ich habe noch ch einen Menschen gesehen, der so einen Kops hat rote ber Prinz Karl. ™ mag sagen, was ich will, nie läßt er von (einer Meinung ab. De Gatt hatte ihm entgegnet: „Aber, Sire, der Prinz ist überzeugt, di Sie gern Streitfragen erörtern. Deshalb erlaubt er sich zu wider- Jta Labei ist er gewiß, daß E. M. die Wahrheit l ebt, und darum sm er alles, wie er denkt." Der König fand, daß be Gatt recht hatte. Sevittaner Landschaft und Menschen. Don H. R o e s e l. Gleich hinter den Borstädten Sevillas beginnen bie fiibergrauen Wäl- bt der Oelbäume. Sie breiten sich über bie Ebene aus, ziehen über die st^n Hügel und verlieren sich in der Ferne. 20, 30, 50 Kilometer weit En die Straßen an diesen Anpflanzungen vorüber, die nur ab unb S11 einmal von den bunteigrünen Flecken einer Drangen* unb Sitronen Loae oder ein paar Dörfern unterbrochen werden. Stunden um Stunden k° n man so fahren, ohne aus diesen unermeßlichen Waldern heraus- frommen Die dichten Büsche an den Hängen lösen sich beim Jtafjer- tc Unen in sorgfältig parallel gepflanzte Anlagen auf, und was man weit Lichen als gmue Steinmauer zu erkennen glaubte werden zerrifstne m knotete, altersgraue Delbaumftämme. Hm unb wieder hebnsich b" L fiibergraue Meer heraus die Gipfel einiger Palmen und Eukalyptus- Icame und bezeichnen eine Ansiedlung oder Oelrnuhle, deren weihe Giebel b:i h.. nnntpn sßroDinr sitzen jetzt die Männer und Frauen zu Haufe. MgÄS’lÜen jetzt in die oelm^le Man kann v-elleicht in den nächsten Tagen em paar „der Orangenerm k rblenen; aber auch darauf warten schon Hunderte 11 t fangen sind hier klein; man mußte ins Valenciamsche Geb'et gehe ,Oott em ä--« sSxk l e Weinernten, und etwas später das Reispslanz Olioen* ter, November kam man wieder nach Haus, m achte hi er no ch 0 e Uhver rote mit und hatte genug Geld, um julebenunb^audj. ubre bie^mmen Wochen hinwegzukommen. Wir tauschen em pa f ) ihnen dauern bieten mir ihren Tabak an, ich shnen den ürJen. unb fcnDbVi3iiga«tBter’Äatisf genau überprüfen, iöb^ Kicker unb eben «Ä Ä. SSL. länge in Murcia und Malaga. Aber nirgends ist die Erde jo iruaji , mie'hier in unserem Andalusien." . ofnbalufien“ Ich merke, mit welch freudigem Stolz er noch da^ „ui | oa W - ber Garten Gottes, wie es früher genannt wurde -, bechnt,. ovgte.-Y tzm auf dieser fruchtbaren Erde nichts gehört, a verfallene Lehmhütte. ‘*n Die Büsche treten zurück und machen einem kleinen Dors mit ein paar :Sefen und Gärten Platz. Wie ein Trümmerhaufen liegen bie elenben ifohmhiiticn um bie Kirche. Ein paar Locher m den Wanden sind Turcn uo Fenster. Mit Kistendeckeln und dem Blech bunter Konservenbüchsen ta bie Dächer gedeckt. Im Hof, wo in einer Ecke em paar Steine und L Kessel darüber die Küche bedeuten, wälzen sich kleine Kinder mit Unden Katzen und jungen Ferkeln. Eine Ziege schnuppert an den illhenden Geranienstöcken und ein Kanarienvogel im Bauer freut s ch liier die warme Wintersonne. , ... Dor der Schenke fitzen ein paar Landarbeiter bei einem ©las Roten lui» reden eifrig auf einen Schreibenden ein. Wahrscheinlich ist es der Birgermeifter selbst, dem sie hier ihre Briese diktieren unb ber als cm» liier im-Dorf, neben dem Pfarrer, lesen unb schreiben kann. Sie erwidern !e haft meinen Gruß. Nach einer Weile schiebt einer (einen breitrandigen, feen Eordodeser in den Nacken und wendet sich mir zu: „ "war nicht vergnügt, Fräulein!' erwiderte ich. .Indessen wenn die Götter, wenn Christus selbst einer unendlichen Liebe zu den Menschen vielfach sich Hingaben und wenn die Menschheit von jeher ihr höchstes Gluck darin sand, dieser rückhaltlosen Liebe der Götter wert zu sein und ihr nachzugehen: warum sollte ich mich schämen, mich ähnlich geliebt gewähnt zu haben? Nein, Fräulein Lydia! ich rechne es mir sogar zur Ehre an, daß ich mich von Ihnen fangen ließ, daß ich eher an die einfache Liebe und Güte eines unbefangenen Gemütes glaubte, bei jo klaren und entschiedenen Zeichen, als daß ich verdorbenerweise nichts als eine einfältige Komödie dahinter gefürchtet. Denn einfältig ist die Geschichte! Welche Garantie haben Sie denn nun für Ihren Glauben an sich selbst, da Sie solche Mittel angewendet, um nur den ärmsten aller armen Kriegsleute zu gewinnen, Sie, die schöne und vornehme englische -Cante > .Welche Garantie?' antwortete Lydia, die nun allmählich blaß und verlegen wurde, ,ei! Ihre verliebte Neigung, zu deren Erklärung ich Sie endlich gezwungen habe! Sie werden mir doch nicht leugnen wollen, daß Sie hingerissen waren und mir soeben erzählten, wie ich Ihnen von jeher gefallen? Warum ließen Sie das in Ihrer Grobheit mcht ein klein Weniges merken, jo wie es dem schlichtesten und anspruchlosesten Manschen wohl ansteht, und wenn er ein Schafhirt wäre, so wurde uns diese ganze Komödie, wie Sie es nennen, erspart worden sein und ich hatte ""^Hätten" Sie mich in meiner Ruhe gelassen, meine Schöne', erwiderte ich j0 hätten Sie mehr gewonnen. Denn Sie scheinen zu vergessen, daß dies Wohlgefallen sich jetzt notwendig in sein Gegenteil verkehren mutz, zu meinen eigenen Schmerzen!' ,, .Hilft Ihnen nichts', sagte sie, .ich weiß einmal, daß ich Ihnen Wohlgefallen habe und in Ihrem Blute wohne! Ich habe Ihr Geständnis anqehört und bin meiner Eroberung versichert. Alles übrige ist gleichgültige jo geht es zu, bester Pankrazius, und jo werden biejemgen bestraft, die sich vergehen im Reiche der Königin Schönheit!' .Das heißt', sagte ich, ,es scheint dies Reich eher einer Zigeunerbande zu gleichen. Wie können Sie eine Feder auf den Hut Decken, die Sie gestohlen haben, wie eine gemeine Ladendiebin? gegen den Willen des Eigentümers?' , ... Sie antwortete: .Auf diesem Felde, bester Herr Eigentümer, gereicht der Diebstahl der Diebin zum Ruhm, und Ihr Zorn beweist nur aufs neue, wie gut ich Sie getroffen habe!' So zankten wir noch eine gute halbe Stunde herum in dem süßen Orangenhaine, aber mit bitteren harten Worten, und ich suchte vergeblich ihr begreiflich zu machen, wie diese abgestohlene und erschlichene Liebesgeschichte durchaus nicht den Wert für sie haben konnte, den sie ihr beilegte. Ich führte diesen Beweis nicht nur aus philisterhafter Ver- letztheit und Dummheit, sondern auch um irgendeinen Funken vom Gefühl ihres Unrechtes und der Unsittlichkeit ihrer Handlungsweise in ihr zu erwecken. Aber umsonst! Sie wollte nicht einsehen, daß eine rechte Gemütsverfassung erst dann in der vollen und rückhaltlosen Liebe aus- flamint, wenn sie Grund zur Hoffnung zu haben glaubt, und daß also diesen Grund zu geben, ohne etwas zu fühlen, immer em grober unsittlicher Betrug bleibt, und um jo gewissenloser, als der Betrogene einfacher, ehrlicher und argloser Art ist. Immer kam sie auf das Faktum meiner Liebeserklärung zurück, und zwar warf sie, die sonst ein so gesundes Urteil zu haben schien, die unsinnigsten, kleinlichsten und unanständigsten Reden und Argumente durcheinander und tat einen wahren Kindskopf kund. Während der ganzen Jahre unseres Zusammenseins hatte ich nicht o viel mit ihr gesprochen, wie in dieser letzten zänkischen Stunde, und nun sah ich, o gerechter (Sott! daß es ein Weib war von einem groß angelegten Wesen, mit den Manieren, Bewegungen und Kennzeichen eines wirklich edeln und seltenen Weibes, und bei alledem mit dem Gehirn — einer ganz gewöhnlichen Soubrette, wie ich sie nachmalen zu Dutzenden gesehen habe auf den Vaudevilletheatern zu Paris! Während dieses Zankes aber verschlang ich sie dennoch sortwährend^mit den Augen und ihre unbegreifliche grundlose, so persönlich scheinende Schönheit quälte mein Herz in'die Wette mit dem Wortwechsel, den wir führten. Als sie aber zuletzt ganz sinnlose und unverschämte Dinge sagte, rief ich,, in bittere Tränen ausbrechend: ,O Fräulein! Sie sind ja der größte Esel, den ich je gesehen habe!' * Sie schüttelte heftig die Wucht ihrer Locken und sah bleich und erstaunt zu mir auf, wobei ein wilder schiefer Zug um ihren sonst so schönen Mund schwebte. Es sollte wohl ein höhnisches Lächeln sein, ward aber zu einem Zeichen seltsamer Verlegenheit. ,Ia', sagte ich, mit den Fäusten meine Tränen zerreibend, .nur wir Männer können sonst Esel [ein, dies ist unser Vorrecht, und wenn ich Sie auch so nenne, so ist es noch eine Art Auszeichnung und Ehre für Sie. Wären Sie nur ein bißchen gewöhnlicher und geringer, so würde ich Sie einsach eine schlechte ©ans schelten!' Mit diesen Worten wandte ich mich endlich von ihr ab und ging, ohne ferner nach ihr hinzublicken, aber mit dem Gefühle, daß ich das, rvas mir jemals in meinem Leben von reinem Glück heschieden sein mochte, jetzt für immer hinter mir lasse, und daß es jetzt vorbei wäre mit meiner gläubigen Frömmigkeit in solchen Dingen. .Das hast du nun von deinem unglückseligen Schmollwesen!' sagte ich zu mir selbst, .hättest du von Anbeginn zuweilen nur halb so lange mit ihr freundlich gesprochen, so hätte es dir nicht verborgen bleiben können, wes Geistes Kind sie ist, und du hättest dich nicht so gröblich getäuscht! Fahr hin und zerfließe denn, du schönes Luftgebilde!' Als ich mich nun mit zerrissenen Gedanken vom Gouverneur verabschiedete, sah mich derselbe vergnüglich und verschmitzt an und blinzelte spöttisch mit den Augen. Ich merkte, daß er meine Assäre wohl kannte, überhaupt dieselbe von jeher beobachtet hatte und eine Art von schadenfrohem Spaß darüber empfand. Da er sonst ein ganz biederer und honetter Mann war, so konnte das nichts anderes sein, als die einfältige Freude aller Philister an grausamen und schlechten Bratenspäßen. Im vorigen Jahrhundert belustigten sich große Herren daran, ihre Narren, Zwerge und sonstigen Untergebenen betrunken zu machen und dann nut Wasser zu begießen oder körperlich zu mißhandeln. Heutzutage wird dies bei den debilbeten nicht mehr beliebt; dagegen unterhalt man sich mit Vorliebe damit, allerlei feine Verwirrungen anzuzetteln, und ie weniger solche Philisterjeelen selber einer starken und gründlichen Leiden- schast fähig sind, desto mehr fühlen sie das Bedürfnis, dergleichen mit mehr oder weniger plumpen Mitteln in denen zu erwecken, die sich dazu eignen, in solche herzlos aufgestellte Mäusefallen zu geraten. Wenn nun der Gouverneur seinerseits es nicht verschmähte, seine eigene Tochter als gebratenen Speck zu verwenden, so war hiergegen nichts weiter zu sagen, und ich nahm, obschon noch ein guter Gepäckwagen abfufjr, eigensinnig meinen schweren Tornister und Muskete auf den Rücken und führte einen zurückgebliebenen Trupp in die Nacht hinaus dem Regimente nach, das schon in der Frühe abmarschiert war. . Ich sah mich nach einem mühseligen und heißen Marjch nun m eine neue Welt versetzt, als die Kampagne eröffnet war und die Truppen der ostindischen Kompanie sich mit den wilden Bergstämmen an der äußersten Grenze des indo-britischen Reiches herumschlugen. Einzelne Kompanien unseres Regimentes waren fortwährend vorgeschoben; eines Tages aber, wurde die meinige jo mörderlich umzingelt, daß wir uns mitten in einem Knäuel von banditenähnlichen Reitern, Elefanten und sonderbar bemalten und vergoldeten Wagen befanden, auf denen stille, schöne hindostanischei Scheinfürsten faßen, von den wilden Häuptlingen als Puppen nutgefuhrt. Unsere sämtlichen Offiziere fielen an diesem Tage und die Kompanie, schmolz auf ein Drittel zusammen. Da ich mich ordentlich hielt und einige Dienste leistete, jo erlangte ich das Patent des ersten Leutnants der Kompanie und nach Beendigung des Feldzuges war ich deren Kapitän, Als solcher hielt ich mit etwa hundertundfünfzig Mann zwei Jahre lang einen kleinen Grenzbezirk beseht, welcher zur Abrundung unteres Gebietes erobert worden, und war während dieser Zeit der oberste Machthaber in dieser heidnischen Wildnis. Ich war nun so einsam, als ich je in meinem Leben geivesen, mißtrauisch gegen alle Welt und ziemlich streng in meinem Dienstverkehr, ohne gerade böse oder ungerecht zu jein. Meine Haupttätigkeit bestand darin, christliche Polizei einzuführen und unfern Religionsleuten nachdrücklichen Schutz zu gewähren, damit sie ungefährdetarbeiten konnten. Hauptsächlich aber hatte ich das Verbrennen indsicher Weiber zu verhüten, wenn ihre Männer gestorben, und da die Leute eine förmliche Sucht hatten, unser englisches Verbot zu übertreten und einander i bei lebendigem Leibe zu braten zu Ehren der ©attentreue, so mußten wir stets auf den Beinen sein, um dergleichen zu hintertreiben. Sie waren dann ebenso mürrisch und mißvergnügt, wie wenn hierzulande die Polizei ein unerlaubtes Vergnügen stört. Einmal hatten sie in einem entfernten Dorfe die Sache ganz 'schlau und heimlich so weit gebracht, daß der Scheiterhaufen schon lichterloh brannte, als ich atemlos herzugeritten kam und das Völkchen auseinanderjagte. Auf dem Feuer lag die Leiche eines uralten gänzlich vertrockneten Gockethahns, welcher schon ein wenig brenzelte. Neben ihm aber lag ein bildschönes Weibchen von kaum sechzehn Jahren, welches mit lächelndem Munde und silberner Stimme seine Gebete sang. Glücklicherweise hatte das Geschöpschen noch nicht Feuer gefangen und ich fand gerade noch Zeit, vom Pferde zu springen und sie bei den zierlick-en Füßchen zu packen und vom Holzstoß zu ziehen.. Sie gebärdete sich aber wie besessen und wollte durchaus verbrannt fern mit ihrem alten Stänker, jo daß ich die größte Mühe hatte, sie zu bändigen und zu beschwichtigen. Freilich gewannen diese armen Witwen nicht i viel durch solche Rettung; denn sie fielen hernach unter den Ihrigen der j äußersten Schande und Verlassenheit anheim, ohne daß das ©ouver- i nement etwas dafür tat, ihnen das gerettete Leben auch leicht zu machen. 1 Diese Kleine gelang es mir indessen zu versorgen, indem ich ihr eine ! Aussteuer verschaffte und sie an einen getauften Hindu verheiratete, der ! bei uns diente, dem sie auch getreulich anhing. j Allein diese wunderlichen Vorfälle beschäftigten meine Gedanken und erweckten allmählich in mir den Wunsch nach dem Genüsse solcher unbedingten Treue, und da ich für diese Laune kein Weib zu meiner Verfügung hatte, verfiel ich einer ganz weichlichen Sehnsucht, selber so treu zu fein, und damit zugleich einer heißen Sehnsucht nach Lydia. Da ich nun Rang und gute Aussichten besaß, schien es mir nicht unmöglich, bei einem klugen Benehmen die schöne Person, falls sie noch zu haben wäre, dennoch erlangen zu können, und in dieser tollen Idee bestärkte mich noch der Umstand, daß sie sich doch so viel aufrichtige und sorgenvolle Mühe gegeben, mir den Kopf zu verdrehen. Irgendeinen Wert muht du doch, dachte ich, in ihren Augen gehabt haben, sonst hätte sie gewiß nicht so viel daran gesetzt. Also gedacht, getan; nämlich ich geriet jetzt auf die fixe Idee, die Lydia, wenn -sie mich möchte, zu heiraten, wie sie eben wäre, und ihr um ihrer schönen Persönlichkeit willen, für die es nichts Aehnliches gab, treu und ergeben zu jein ohne Schranken noch Ziel, auch ihre Verkehrtheit und schlimmen Eigenschaften als Tugenden zu betrachten und dieselben zu ertragen, als ob sie das süßeste Zuckerbrot wären. Ja, ich phantasierte mich wieder so hinein, daß mir ihre Fehler, selbst ihre teilweise Dummheit zum wünschbarsten aller irdischen Güter wurden, und in tausend erfundenen Variationen wandte ich dieselben hin und her und "malte mir ein Leben aus, wo ein kluger und geschickter Mann die Verkehrtheiten und Mängel einer liebenswürdigen Frau täglich und stündlich in eben so viel artige und erfreuliche Abenteuer zu verwandeln und ihren Dummheiten mittelst einer von Liehe und Treue getragenen Einbildungskraft einen goldenen Wert zu verleihen wisse, so daß sie lachend auf dieselben sich noch etwas zugut tun könne. Gott weiß, wo ich diese geschäftige Einbildungskraft hernahm, wahrscheinlich immer noch aus dem unglücklichen «Shakespeare, den mir die Hexe gegeben und womit sie mich doppelt vergiftet hatte. Es nimmt mich nur wunder, ob sie auch selbst je mit Andacht darin gelesen hat! i (Schluß folgt.) Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steinäruckerei. Ä. Lange, Gietzen.