GiehenerZamilienblNer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1952 Sreitag, -en 4. November Nummer 86 Oer 6. November 4632. Don Theodor Fontane. Schwedische Heide, Novembertag, Der Nebel grau am Boden lag, Hin über das Steinfeld von Datorn Holpert, stolpert ein Räderkarrn. Ein Räderkarrn, beladen mit Korn; Lorns Atterdag zieht an der Deichsel vorn, Rlels Rudbeck schiebt. Sie zwingens nicht, Das Gestrüpp wird dichter, Niels aber spricht „Buschginster wächst hier über den Steg, Wir gehn in die Irr, wir missen den Weg, Wir haben links und rechts vertauscht — Hörst du, wie der Dal-Elf rauscht?" — „Das ist nicht der Dal-Elf, der Dal-Elf ist weit, Es rauscht nicht vor uns und nicht zur Seit, Es lärmt in Lüften, es klingt wie Trab, Wie Reiter wogt es auf und ab. Es ist wie Schlacht, die herwärts bringt, Wie Kirchenlied es dazwischen klingt, Ich hör' in der Rosse wieherndem Trott: Eine feste Burg ist unser Gott!" Und kaum gesprochen, da Lärmen und Schrein, In tiefen Geschwadern bricht es herein, Es brausen und dröhnen Luft und Erd, Darauf ein Reiter auf weißem Pferd. Signale, Schüsse, Rossegestampf, Der Nebel wird schwarz wie Pulverdampf, Wie wilde Jagd, so fliegt es vorbei; — Zitternd ducken sich die zwei. Nun ist es vorüber ... da wieder mit Macht Rückwärts wogt die Reiterschlacht, Und wieder dröhnt und donnert die Erd, Und wieder vorauf das weiße Pferd. Wie ein Lichtstreis durch den Nebel es blitzt, Kein Reiter mehr im Sattel sitzt, Das fliehende Tier, es dampft und raucht, Soin Weiß ist tief in Rot getaucht. Der Sattel blutig, blutig die Mahn Ganz Schweden hat das Roß gesehn; Aus dem Felde von Lützen am selben Tag Gustav Adolf in seinem Blute lag. Gustav Ado f. nach Zur 300. Wiederkehr seines Todestages. Von Hermann Sibeth (GDS.). Am 6. November nach dem Julianischen, am 16. November dem verbesserten, Gregorianischen Kalender, sind es ^^undert SW« her, seit Gustav Adols, der große Schwedenkonig, auf dem Schlachtfelde bei Lützen fein Leben verlor. Mit seinem Namen verknüpft sich die Erinnerung an den Dreißigjährigen Krieg: den unheilvollsten und oet- heerendsten, der Deutschland je heimgcsucht hat. Gustav Adolfs große Be- dcutung für das Schicksal Deutschlands und die Entwicklung des Prote stantismus rechtfertigt es, in diesen Tagen auf sein Leben, seine Taten und seine Persönlichkeiten einen Blick zu werfen. m iir. Dem ftoufe Wasa entsprossen, ein Enkel Gustav Wajas, des B.grun- ders dauernder schwedischer Selbstündigkeitz der "ußerdem u' chwe die Reformation eingeführt hatte, folgte Gustav Adolf im Jahre 1611 siebzehnjährig, seinem Dater Karl IX. auf dem Throne > g gegen die Danen, Russen und Polen bildete er sich W*um üelD_ Herrn Im Jab re 1630 landete er mit seinen schwedischen Truppen cs waren nur 15 000 Mann Fußvolk und 3000 Reiter — »n Pommern, um in die deutschen Angelegenheiten bestimmend..^ugretfen. K »U- S!S! Mächten""den 'schonest^sicheren'^Sieg." Johannes Pwu^^ ^war ääW m>, und Sachsen aufgehalten worden war, aber kurze Zeit daraus, Im September desselben Jahres (1631), schlug er, vereinigt mit den Sachsen, bei Breitenfeld nördlich von Leipzig Tilly vollständig. „Der Tag von Breitenfeld', sagt Heinrich von Tire lisch ke in seinem Vortrag „Gustav Adolf und Deutschlands Freiheit", war der Tag der Befreiung. Der deutsche Protestantismus war gerettet, die Parität der Bekenntnisse gesichert. Von einer Ausrottung und Beraubung der Protestanten, wie sie das Restitutionsedikt geplant hatte, konnte fortan nicht mehr die Rede fein . Im Frühjahr des nächsten Jahres gelang es Gustav Adolf, München, die Hautstadt Maximilians, zu erobern. Er stand jetzt auf der Höhe des Glückes und des Ruhmes. Ganz Deutschland mit Ausschluß von Oesterreich hatte er in seiner Gewalt. Da trat ihm Wallenstein entgegen, der auf die Bitten des Kaisers wieder ein Heer aufgestellt hatte. Dieser besetzte Sachsen. Gustav Adolf wurde dadurch genötigt, ihm dorthin zu folgen. Sv kam es zur Schlacht bei Lützen, von der uns Einzelheiten bekannt sind. Vor dem Eintritt in den Kampf wurde im schwedischen Heere, in welchem unter Gustav Adolfs Führung noch religiöse Begeisterung und Manneszucht herrschten, ein Gottesdienst abgehalten. Dabei wurden die Lieder „Ein feste Burg ist unser Gott" und „Verzage nicht, du Haustein klein", gesungen. Dann rückte Der König, hoch zu Roß, an der Spitze des Heeres gegen den Feind vor, nachdem er zuvor noch die Worte ausgerufen hatte: „Nun wollen wir dran. Das walte der liebe Gott. Jesu, Jesu, hilf mir heute streiten zu deines Namens Ehr." Gustav Adolf, der bei seiner Kurzsichtigkeit im Nebel zu nahe an den Feind geraten ist, fällt im Kampfe. Sein verwundetes Roß, das, mit Blut bespritzt, umherirrt, kündet den Schweden den Tod ihres Königs. Um ihn zu rächen, greifen sie — jetzt unter der Führung des Prinzen Bernhard von Weimar — erneut den Feind an, aber erst mit dem Einbruch der Nacht endet der Kampf. Im Schutz der Dunkelheit zieht sich Wallenstein zurück. Die Schweden haben gesiegt, aber ihr König ist nicht mehr. * Was hatte Gustav Adols erreicht und was bedeutete sein Tod für Deutschland? „Dem Protestantismus hat er feine Selbständigkeit im Reiche zurückgegeben; niemand wird ihm diesen Ruhm entreißen." (Leopold p o n Ranke.) Sein Tod war ein Segen für Deutschland, sagen i die einen: ein Verhängnis, so lautet die Gegenmeinung. Die Frage, was i aus Deutschland politisch geworden wäre, wenn Gustav Adolf weiter ge- j lebt hätte und siegreich geblieben wäre, wird wohl stets offen bleiben; ! denn seine Zukunsispläne kennen wir nicht genau. Auch die Frage nach ' dem Grund für fein Erscheinen in Deutschland, die ja mit der ersten eng zufammenhängt, ist von den Forschern sehr verschieden beantwortet worden. Während nach C. G. H e l b i g s Auffassung vor allem religiöse Beweggründe des Königs Handeln bestimmt haben, bestehen für Gustav Droyfen und Franz Mehring, einem Verfechter der materialistischen Geschichtsausfassung nur politische Beweggründe. Leopold von Ranke und Heinrich von Treitschke nehmen einen summierenden Standvunkt ein: danach wäre Gustav Adolfs Handeln religiösen und politischen Absichten entsprungen. Schroff ablehnend urteilt Onno Klopp. Nach seiner Auffassung brach Gustav Adolf in Deutschland ein, „um zu nehmen, was nicht sein mar". Eine wirkliche Synthese hinsichtlich der verschiedenen Anschauungen in bezug auf Gustav Adolfs Handeln und Planen scheint mir Georg Wi11rocks Standpunkt zu bedeuten, wenn er in feiner Darstellung „Gustav Adolf" (Stuttgart 1930) sagt: „Gustav Adolf kämpfte auch an den deutschen Flüssen, vor den Mauern Nürnbergs und auf den sächsischen Ebenen für fein eigenes Reich und fein Volk. Wenn er aber mit gutem Gewissen die Feld- und Waffenhilfe feiner Schützlinge in Anspruch nahm, wenn er sie künftig zu einem dauernden Bund unter der Leitung Schwedens vereinigen wollte, so war der Grund offenbar der, daß er die Geschicke der europäischen Völker als miteinander verknüpft betrachtete, wie sie es heute noch sind und schon damals waren, daß er deshalb mit vollem Recht behaupten konnte, fein Kampf für die Selbständigkeit Schwedens fei zugleich ein Kampf für die freie Entwicklung Des staatlichen Lebens, des Glaubens und des inneren Aufbaus in allen Ländern ..." Mit der verschiedenen Beurteilung Gustav Adolfs in bezug auf feinen Einzug in Deutschland, seinem dortigen Kamps und feine Pläne für die Zukunft hängt zusammen, daß auch [ein Charakterbild in der Geschichte schwankt — wie das seines großen Gegners Wallenstein: vom „hergelaufenen Abenteurer", vom fremden Eindringling, der „wie ein Räuber in unser Reich eingebrochen" sein soll, bis zu dem von Gott gesandten Retter. Bestimmend für die betreffende Haltung gegenüber dem König ist dabei leider wiederholt mehr die Zugehörigkeit zu der einen oder anderen Konfession als nüchterne Sachlichkeit. Erwärmend ist das Charakterbild, daß Heinrich von Treitschke in seinem oben erwähnten Vortrag von Gustav Adolf entworfen hat. „So recht als ein Mann nach des Volkes Herzen", sagt er da, „erschien der siebzehnjährige Jüngling, blond, mit strahlenden, blauen Augen" .. „heiter und lebensfroh, von altnordischer Einfachheit, ein Meister in der Kunst des Gesprächs, und tat es not, dann kam auch die herzerschütternde, volkstümliche Beredsamkeit feines Großvaters über ihn." ... „Wie war er froh des reinen gotischen Heldenbluts in seinen Adern. Unzertrennlich, ununterscheidbar für sein eigenes Bewußtsein verflocht sich mit diesem kriegerischen Nationalstolz der Ernst des evangelischen Glaubens .. " Er lebte im evangelischen Glauben, er kannte die Kraft des Gebets, und aus vollem Herzen fang er jein Sieb' „Verzage nicht, du Häuflein klein" ... „Zum ersten Mal feit Luthers Auftreten ersteht unserem Volke wieder ein Mann, zu dem jeder in Haß ober Liebe aufblicken muß." — Leopold von Ranke sagt in seiner „Geschichte Wallensteins"; ,;für Gustav Adolf war der evangelische Name alles; er stritt für bas Bestehen bes Protestantismus mit vollem Herzen. Er hatte benselben zum Prinzip seiner Heerführung gemacht: er selbst gehörte ihm mit freubigem unb sicherem Bekenntnis an, heiter von Natur, durch unb burch populär, ein Mann ber beutschen Bürgerschaften, bie ihn mit Freuben selbst als ihren Herrn begrüßt hätten. Die Verehrung, bie man ihm zollte, war ihm fast zu stark." — Georg Wittrock schreibt an einer Stelle seiner oben erwähnten Darstellung „Gustav Abolf": „Wer Sbie Mühe nimmt, ohne vorgefaßte Meinung in seine Briefe unb ssagen, wie auch in sein Werk tiefer einzubringen, wirb einen leben- bigen, allen Einbrücken zugänglichen Menschen finben, mit warmem Fühlen, starkem Willen, einem manchmal aufbrausenben Temperament, der bie Gabe zu befehlen, aber auch zu gewinnen unb zu überzeugen besaß — einen Mann, keineswegs frei von den Fehlern bes Königshauses Wasa, aber in selten reichem Maße mit seinen besten Eigenschaften ausgerüstet. Der Tatenburst, ber Weitblick, bas vor keiner von ber Zeit gestellten Aufgabe zurückschreckende Verantwortlichkeitsgefühl, all bas ist ohne Zweifel mit einem freigeborenen Ehrgeiz verbunden, ber sich unb Schweben die höchsten Ziele steckt. Aber mitten in weitreichenden Unternehmungen, ja, in ber glänzenden Periode ber größten Erfolge überrascht unb bas klare, maßvolle Urteil, bas bie Begrenztheit ber eigenen Kräfte unb ber äußeren Machtmittel unbeirrt erkennt." * Das evangelische Deutschlanb ehrt sein Anbeuten, um dessen Willen, was er für den evangelischen Glauben getan hat. Dem Eingreifen Gustav Adolfs ist es zu danken, daß in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges die deutsche evangelische Kirche bestehen geblieben ist. Das zeigte sich zuerst im Jahre 1648 beim Friedensschluß zu Münster unb Osnabrück. Da würben beide Bekenntnisse von neuem als gleichberechtigt anerkannt und es wurde diese Erneuerung des Augsburger Religionsfriedens auch auf die Reformierten ausgedehnt. Fortan konnte sogar jeder einzelne Deutsche sich zwischen dem evangelischen und katholischen Glauben entscheiden, während bis dahin nur die Fürsten das Recht der Gewissensfreiheit besaßen. Und die damalige Verteilung der Bekenntnisse ist bis zum heutigen Tage bie gleiche geblieben. Religiöser Streitigkeiten wegen würbe kein Krieg mehr geführt. Die Verehrung für ben großen König zeigte sich in verschiebener Form. Auf Leipzigs weiter Ebene bei Breitenfelb verkünbet ein Denkstein: „Gustav Abolf Christ und Held, rettete bei Breitenfeld Glaubensfreiheit für die Welt!" Bei Lützen bezeichnet ein Denkmal die Stelle, wo fein Leichnam gefunden wurde. Im Jahre 1832 wurde der „Gustav- Adolf-Verein" gegründet zur Unterstützung armer evangelischer Gemeinden, bie unter überroiegenb katholischer Bevölkerung leben. Die Anregung zu bieser Gründung gab die Zweihundertjahrfeier des Todestages Gustav Adolfs am 6. November 1832 auf dem Schlachtfelde bei Lützen. Aus diesem Grunde wurde von ber evangelischen Bevölkerung Deutschlands in diesem Jahre, in ber Zeit vom 30. Oktober bis 6. November, zusammen mit ber Dreihunbertjahrfeier bes Tobestages Gustav Abolfs bie Hunbertjahrfeier bes Gustav-Abolf-Vereins begangen, nachdem schon am 19. September der Gustav-Adolf-Verein selbst aus Anlaß seines hundertjährigen Bestehens auf feiner ersten öffentlichen Hauptversammlung eine Festfeier in Leipzig abgehalten hatte. Wer sich in bie Arbeit bes Gustav-Adolf-Vereins einführen läßt, wirb u. a. auch mit ben Nöten des Grenz- unb Auslanb-Deutschturns vertraut werben, mit ben bärtigen Kämpfen um Volkstum und evangelische Art, unb wirb ben evangelischen Volksschaffen jenseits ber Reichsgrenzen bie Eingangsworte bes Felbliedes Gustav Adolfs zurufen wollen: Verzage nicht, du Häuflein klein, Obschon die Feinde willens sein, Dich gänzlich zu verstören .. Die Schlacht bei Lützen. Von ***. Aus einem im Gebrüder-Enoch-Verlag, Hamburg, erschienenen biographischen Roman „GustavAdolf, der Löwe aus Mitternach t". Die Sonne ging nicht auf an dem Novembermorgen über Lützens Gefilden. Die Finsternis schien Herr zu bleiben auf der Erde. Grau, undurchsichtig wälzte sich ber Nebel. Der König sah fahl aus, sein Antlitz unb Bart troffen von Feuchte. Sein Herz schlug bange, wie es vor keiner Schlacht gewesen. Um neun hellte es sich auf. Der König ritt vor bie Front in gelbem Koller, ohne Harnisch, von ber Schulter zur Hüfte die blaue Binde: „Tut das Beste, Kinder! Schlagt euch, wie es Männern ziemt! Sonst soll eures Gebeins nimmer ein Rest nach Schweden kommen!" Er betete: „Christus, hilf mir heute siegen, zu deines Namens Ehre!" Um einhalbzehn wurde es lichter. Die Windmühlen, in bleichem Schein, standen wie Kreuze auf ben Hügeln. Nun lohten Feuer, Lützen brannte, bie Kreuze starrten schwarz aus dem roten Rauch unb Dunst. Der König sah auf, riß bas Schwert aus ber Scheide, schwang es über seinem Haupt: „Vorwärts!" Der erste Kanonenschuß, bas Zeichen zum Vorrücken, bonnerte. Hinter bem König preschte ber Herzog von Lauenburg, ber Hofmarschall, des Königs Pasche ßeubelfinq, ein paar Adjutanten, Reitknechte. Der König kam an die Gräben, Musketenfeuer schlug ihm entgegen. Die Stückkugeln fegten in Schwedens Reihen. Des Königs Goldfuchs brach zusammen. Der Reitknecht führte, während die Kugeln pfiffen, ben Schimmel vor. Besonnen zog Gustav bie Pistolen aus ben Halftern und steckte sie in die roten Samttaschen des Sattels, unter dem der Schim- mel bäumte. Ruhig stieg Gustav auf. Er trabte vor. Aus ben Gräben pfiff ber Eisenprall so dicht, baß bie Musketiere stutzten. Der König setzte bem Roß die Sporen ein. Hinüber im Sprung vom Feld auf bie Straße, ein zweiter Sprung, von ber Straße über ben anberen Graben. Da bissen bie Musketiere bie Zähne zusammen unb klapperten nach. Schwebens Mitte war vorgedrungen, zäh, unter großen Verlusten, lieber die Chaussee weg gewann der Angriff Raum bis in Wallensteins Batteriestellung. Die Kanonen wurden herumgerissen und feuerten gegen den Feind. Da jagten schwarze Schwadronen heran, zermalmend, an ber Spitze ber Führer, eine Streitaxt schwingenb. Pappenheim war ba! Die müben Sieger ftanben unb trotzten. Es half nichts, sie mußten zurück, Schritt für Schritt wurden sie verdrängt. Der König, immer noch auf ber Rechten vordringenb, erhielt Nachricht, fein Zentrum weiche. Er ritt an bie Spitze bes Reiterregiments Smalanb. Der König sprengte voran. Da waren bie Gräben wieder. Abermals hinüber. Der Schimmel schoß wie ein Pfeil dahin. Aber bie Klepper ber Smaländer kommen nicht rasch genug nach. Der König erhält einen Schuß in den linken Arm, das Armbein zersplittert unb ber spitze Knochen bohrt ein Loch burch ben Aermel. Gustav greift mit ber Rechten bie Zügel. Ihm wirb leicht und plötzlich wieder schwer. Der Lauenburger ist hinter ihm. Aber wo sind sonst die Seinen? , Brinat mich heraus! Doch daß niemand etwas merkt!" Er wendet. Ein Schlag. Der König taumelt auf den Hals des Pferdes. Der Schuß kam ganz aus ber Nähe, er hat dem König ben Rücken burchbohrt. Gustav Abolf wankt: „Ich hab g.enug! Rettet euch!" Er sinkt aus bem Sattel. Der Schimmel blutet aus einer Wunbe am Hals, fetzt will) auf, schleift ben König Dessen Haupt schleift elend über ben Boben. Der Fuß gleitet aus bem Bügel, fällt nieber. Der Körper bleibt liegen. Nur ber junge Page hält bei bem König. Er menbet ben regungslos ßiegenben auf ben Rücken. Des Königs Gesicht ist zerfchürft, mit Blut beronnen. Er öffnet bie Augen. Sie finb schön, groß unb blau. Der Page hastet: „Nehmt mein Pferb!" Der König breitet die Arme aus. Der Page, ein halbes Kind noch, umfaßt den schweren Mann und will ihn heben. Des Königs Blut rinnt über ßeubelftngs Kleid. Da bricht ßeubelfing zusammen. Reiter hinter ihm hauen und stechen auf den Knaben ein. Er sinkt mit ausgebreiteten Armen über den König. Sie reißen ihn weg. Grobe Fäuste fassen den König, schütteln ihn: „Wer bist du?" Die brechenden Augen sind auf den Frager gerichtet, der Mund öffnet sich. Da hält der Geharnischte sein Pistol dem Sterbenden mitten ins Gesicht, brennt los und zerschmettert bes Königs Haupt. Schüsse ... Die Schweben kommen. Sie werben vertrieben. Neue Feinde. Sie reißen dem Toten Waffen unb Kleider vom ßeib. Nackt liegt des Königs ßeichnam, neben ihm wie tot der Page. Vor und zurück jagt bie Schlacht. Furchtbar wie noch nie ber Kampf. Die Roste von Freunb unb Feind jagen bahin über den toten König. Die Schlacht flutet vor, die Schlacht ebbt zurück. Pappenheim fällt, des Königs Tod wird bekannt ... Da geschieht das Wunder: der tote König siegt, siegt durch das Wunder seiner Person. Keiner der Seinen will leben; was hat das ßeben noch für einen Sinn, nun der Edelste dahin ist. Das Regiment der Gelbröcke fällt, Mann für Mann, wie sie gestanden haben. Das blaue Regiment bleibt bis auf den letzten Mann. Die Manen des Königs ziehen feinen Streitern vorauf, die Bernhard nun führt, vorauf zum Sieg. Saturn steht im Haufe des Todes, aber Venus, des Königs Stern, bleibt in strahlendem Glanz dicht bei ber Sonne. Das ßeben hat den Tod überwunden. Musikantsngeschichte. Don Hans Hör. Reinhold Zerfaß lud zu einer kleinen musikalischen Abendgesellschaft in fein stilvolles, laubumsponnenes Häuschen, und die Freunde beeilten sich, rechtzeitig zu kommen. Sie wußten, welcher Genuß sie erwartete. Sie schätzten nicht nur die Kompositionen des jungen Meisters, di« Sinfonien, Chorwerke und Opern, die in vielen europäischen Theatern und Konzertsälen unb in amerikanischen Musikhallen ertönten; sie liebten ihn selbst, den stillen Vierzigjährigen, sie erkannten in ihm einen ausgeglichenen Menschen, der immer seinen zurückhaltenden Geschmack bewies. Die Bilder seines Heimes, die Bücher, die Blumen, die er liebte, das schlichte, würzige Mahl, zu dem er seine Gäste lud, — sie waren von derselben Art, wie seine eigenwillige, schone Musik. Ja, sie bewunderten ihn, obwohl sie alle um das „Geheimnis" seiner Vergangenheit wußten, um eine Schuld, die ihnen durch leichtfüßige Gerüchte schon vor vier Jahren bekannt geworben war, damals, als der Musiker von Köln in bie ruhige, rheinische Gartenstabt kam ... Obwohl schwatzhaftes Volk viel Abenteuerliches über Reinholl) Zerfaß zu berichten wußte ... obwohl der Künstler ein Einsiedlerleben führte, das manchem neugierigen Menschen absonderlich erschien. Wenn Zerfaß nicht musizierte, war es still in bem Heime des Komponisten. Da war nur eine ehrliche, wortkarge Aufwartefrau — und da wär noch ßuitpolb, der Einäugige, der Diener, das Kuriosum des Hauses. Man lachte viel über den Mann, dessen rechtes Auge stets von einer Binde verdeckt war, ber im faltigen Gesicht einen komischen Ernst zur Schau trug und jeden Besucher mit linkischer Feierlichkeit empfing. Man amüsierte sich, wenn er übertriebene Verbeugungen verschwendete. Warum wählte der Komponist gerade diesen Mann, der für jeden anderen-Beruf offensichtlich viel tauglicher war? ... So fragten sich die Gäste auch an diesem Abend. Ludwig Ockel, der Bildhauer, dem ßuitpolb mit umständlicher Gebärde Hut und Mantel abnahm, witterte hinter dem Einäugigen schon lange ein kleines Schicksal. Da er sich mit Zerfaß gut verstand, beschloß er, den Musiker bei der ersten passenden Gelegenheit — wie er es nannte — „ein bißchen auszufragen". Der Bildhauer liebte solche Originale. Es wurde ein schöner, eindrucksreicher Abend. Man hörte Beethoven, Lrnhms und eine neue Schöpfung des Hausherrn. Später saß man bei -inem herben, rassigen Moselwein um den metallenen Rauchtisch. Und ils die Stimmung immer vertraulicher wurde, konnte sich Ockel nicht mehr »ezähmen. In seiner burschikosen Art fing er an, „ein bißchen auszuragen": „Nun, sag' uns mal, Reinhold, wo hast du eigentlich den Prachtkerl, den Luitpold, aufgefischt?" Er war betroffen, als der lächelnde Hausherr plötzlich tiefernst wurde and mit großen Augen erst ihn, dann die anderen Gäste ansah. Er wurde rot und fühlte sich erlöst, als Reinhold langsam und leise zu prechen begann: „Ein Prachtkerl? ... Ja, er ist ein prächtiger Kerl, reilich nicht in dem Sinne, wie du es meinst, lieber Freund. Ich weiß, daß er euch komisch erscheint — mir ist er nie eine Zielscheibe des Witzes gewesen. Ich habe ihn nirgends aufgefifcht — aber er hat mich gerettet, als ich zu ertrinken drohte." „Ja, ich wäre zugrunde gegangen, wenn er mich nicht gefunden hätte. Ihr alle, meine Freunde, wißt ja, daß ich vor fünfzehn Jahren nicht >aran dachte, ein Notenschreiber zu werden. Ihr wißt von einer dunklen Affäre, die mich aus der Bahn warf ... Schüttelt nicht die Köpfe! Ihr ■gabt bisher geschwiegen — und ich danke euch für diese Rücksicht. Ihr eid ja schon lange unterrichtet über die Vergangenheit des Musikers Reinhold Zerfaß, der einst ein viel nüchterneres Geschäft betrieb. Man >at euch mancherlei erzählt von dem jungen Devisenhändler einer Essener Bant, der dem Anblick der lockenden Geldsorten nicht gewachsen war, »on dem kleinen Bankbeamten, der eine Künstlerin mit Kolliers beschenkte — und zum Defraudanten wurde. Und das ist die Wahrheit. Freilich wißt ifji nicht, daß dieser Willensschwäche Mensch srüh verwaist war und einen .»crständnislosen Vormund hatte. Ihr könnt nicht ermessen, wie sehr sich >er einsame junge Mann nach einem Halt, nach einem lieben Wort sehnte »ird alle seine Träume einer Frau entgegenbrachte, die ihn sojort ver- tougnete, als er schuldig wurde." „Erspart mir Einzelheiten. Der Chef meiner Firma bewahrte mich w dem Bittersten, vor dem Gefängnis. Da der unterschlagene Betrag richt allzu hoch war, unterließ er eine Anzeige. «Er hatte mich hoch- geschätzt und zu größeren Aufgaben ausersehen. Nun aber wurde ich fristlos entlassen. Ich lag auf der Straße — und welche Firma möchte vohl einen Defraudanten einstellen? Ihr müßt wissen, daß ich meinen Beruf nicht liebte. Als Knabe hatte ich das Konservatorium, dann einige Surfe der staatlichen Musikschule besucht. Ader mein Vormund höhnte iiber meine schwärmerischen Träume, in denen ich mich schon als Dirigent eines großen Orchesters sah. So geriet ich nach dem Abiturienten- (jxrmen in einen „Brotberuf", so wurde ich Bankbeamter ... und Defraubant. „Ich war damals wie heute in allen kleinen Dingen des Lebens i in durchaus unpraktischer Mensch. So fand ich mich auch in meiner Notlage nicht zurecht. Ich nahm nicht einmal die Unterstützung in Anspruch, !’ie mir gesetzlich zustand. Denn mich duldete es nicht mehr in der totabt, in der ich Schande erlebt hatte. Ich floh vor Scham, wanderte ziel- und tonlos in die Welt. Mein Geld ging zur Neige, meine Kleider zerfaserten mein Haar verwilderte. Ich war mittellos und obdachlos geworden Klöster und Krankenhäuser, die an den Straßen lagen, gaben nir Speise. Wochenlang wanderte ich so durch die deutsche Westmark, mit benommenem Kopfe, betäubt von der Wucht meines Absturzes. Ich tonnte keinen Gedanken zu Ende denken. Am Tage wanderte ich durch iäe Dörfer und Wälder, und am Abend schlief ich in der stickigen Lust, im trostlosen Schummellichte der Obdachlosenasyle und Polizei herberg en - mitten zwischen den Kumpels, den „Kunden", den Tippelbrüdern Trotz Ungeziefer und Hunger schlief ich bodenlos tief in bleierner Ohnmacht. Ich iberbörte es sogar, wenn sie stichelten, well ich „immer noch femtat imb „Sie" zu jedem Nachbarn sagte, weil ich nervös wurde, wenn ich linen Fremden um eine Gefälligkeit bat. Allmählich beschlich mich die ttsährliche Vorstellung, daß es schön fein müsse, Zu sterben. Suß, be- ireiend ... Da war es nur noch ein Schritt bis zum Letzten. „Vor diesem Letzten aber bewahrte mich der Einäugige, Luitpoldder 3rachtkerl. Als er mich an jenem unvergeßlichen Abend in der berge lines Eifelstädtchens traf, hörte ich aus vielen Zurufen der anderen Landerburschen, daß er „ein Bekannter war Schon ..fünf Jahre war ir auf der Watoe. Bei einer Schlägerei in seiner fränkischen Heimat ' alle er ein Auge' verloren. Er war geachtet und gesurchtet von.allen Kunden". Sie sagten ihm viele schöne und verführerische Fähigkeiten -ach, und einer meinte: Er hat einen feinen Instinkt. Ja »r bat ibn den feinen Instinkt". Als er mich sah, wie ich zu- hm'mengetauert in einer" Nische der schmutzigen Fremdens “ M™ “ itner Talle Kornkaffee saß, fühlte ich, wie mich sein Bl.ck emschatzre ilnd plötzlich lächelte er. Oh, es war unbeschreiblich erfahren 'ach all den Wochen, in denen ich nur Abweisung undSpott erfahr litte. Mit schwerer Pranke klopfte er mir aus d,e Schulter - - "AU »ohl ein Neuling? Kannst dich noch nicht Zurechtsinden?, Nur mal den Kopf hoch, Junge! Es wird noch alle Tage Brot gebacken - Nach üner Viertelstunde, in der er eine Riesenportion Fleischwurst u eine Kanne Kassee bewältigte, kam er wieder zu mir. „ < Junge! Du mußt auf andere Gedanken geraten. Es ist erstacht Uyr - da wollen wir uns noch ein wenig das «tadtchen ä sh ■ . Eine Eingebung durchdrang mich: Geh mit! Geh.mit 3ch folgt । bm. „Heute ist hier Schützenfest, Junge" sagte er breit.„Ia,^ch habe titon die vielen Fahnen bewundert , erwiderte ich f s sch sh mildtätige „Na - da wollen wir mal sehen ob mir noch einige rmlötauge | ^°elen finden!" Ich antwortete nicht, d-nnm Lesern Äugens m I an einem offenen Fenster vorüber, aus dem traate erstaunt: ■‘abiomufiE herausdrang. Ich blieb stehen, und Luitpo f G -Mas ist dir denn?" v ... „ , . „ „Das ist die „Zauberflöte" ... das ist Mozart. Hein,"bi? eigentlich Bankbeamter ... aber ich habe ... ich bin ' !->t fünf Monaten —" „Ich will nicht wissen, was du ausgelöffelt hast, sondern was du kannst. Spielst du ein Instrument?" Unwillkürlich mußte ich lächeln über die plump-praktische Frage: „Ja, ein bißchen Klavier, Geige und Orgel." „Donnerwetter, Kerl! Und da hungerst du herum, du Dummkopf? Du verdienst ja Prügel!" Etwa zweihundert Meter weit führte er mich bis zu einem Gasthof, in dem es laut und festlich herging. Lachende, rufende Menschen gingen ein und aus. „So, warte hier!" befahl Luitpold. „Ich komme sofort wieder." Ich gehorchte willenlos, ohne Ueberlegung. Nach drei Minuten stand er schon wieder vor mir: „Komm herein!" „Und was soll ich da tun?" „Spielen wirst du, Klavier spielen. Geld wirst du verdienen. Frag' nicht lang und denk' nicht lang!" Heute weiß ich nicht mehr, wie ich an das alte Klavier kam. In meiner Erinnerung lebt nur noch ein verschwommenes Bild von lachenden, gutmütigen Gesichtern, von Zigarrenrauch und Girlanden. Ich spielte drauf los: Schlager, die ich mechanisch heruntertastete, Volkslieder, die begeistert mitgesungen wurden. Nach jedem Stücke umbraufte mich das Beifallklatschen. Ein dicker, witziger Kellner schob mir ein Glas Bier nach dem anderen hin. Und Luitpold sammelte viele Münzen auf einen Teller, den er vor mir entleerte. Allmählich wurde 'ich wärmer, freudiger. Der Alkohol, dessen ich entwöhnt war, wirkte im Blute, und plötzlich — ich weiß nicht, wie es geschah — spielte ich keine Schlager mehr. Nun ließ ich all mein Leid aus dem Klavier klingen, ließ Schumann und Tschaikowsky sprechen, und schließlich phantasierte ich über eigene Einfälle. Ich glaube noch heute, daß ich nie in meinem Leben wieder so gut gespielt habe wie damals." „Als ich erschöpft endigte, lag eine Minute Kirchenstille im Saal. Sie hatten mich verstanden. Dann aber brandete der Beifall strahlend und ehrlich. Und dann berührte ein gutgekleideter Herr meinen Arm: „Vielen Dank für den Genuß, junger Herr. Ich möchte Sie näher kennenlernen, Sie dürfen nicht Weiterreisen, bevor wir uns ausgesprochen haben. Sie sind ein Talent, das sich nicht in der Gosse verlieren darf." „So lernte ich den Rektor Manders kennen, den Mann, der mir bald daraus ein Stipendium ^verschaffte, bas mich zur musikalischen Vollbildung führte. Aber voll Scham und falschen Stolzes wie ich war, hätte ich auch diese Gelegenheit mißachtet — wenn Luitpold nicht eingegriffen hätte. Am nächsten Morgen wollte ich weiter wandern. Ich wollte keine Beichte ablegen. Ich wollte kein Ausfragen ertragen." „Wie — du gehst nicht zu dem Rektor?" grollte Luitpold stirn- runzelnd. „Du verdienst wirklich Prügel! Du wirst sofort hingehen, sonst schleppe ich dich an den Haaren hin, verstanden?" Ja, so besohl der Luitpold. Und vier Monate später besuchte ich die Hochschule für Musik in Köln." „Was ist noch viel zu sagen? Ist es verwunderlich, daß ich, nachdem ich Erfolg hatte, den Mann, der mich rettete, von der Landstraße holte und in mein Haus nahm? Hat er nicht auch hier seinen schonen Charakter bewiesen? Hat er nicht geschwiegen? Hat nicht der Mann, der mir einst rauhe Worte sagte, als bescheidener Diener für seinen emporgekommenen Freund gearbeitet? Ist er nicht ein selbstloser Mensch, ein Prachtkerl?" — Lange schwiegen die Gäste. Als sie in später Stunde aufbrachen, konnte der Diener, der ihnen die Garderobe reichte, vor grenzenlosem Staunen kein Wort finden. So reiches Trinkgeld hatte er noch nie bekommen. Am meisten jedoch wunderte es ihn, daß sie ihm nicht mit huldvoller Gönnermiene, sondern freundschaftlich, fast abbittend die Hand reichten. Und als ihm Ockel fünf Hamburger Zigarren in die Tasche steckte und ihm die Hand drückte, stammelte er verlegen: „Ja, was ist denn passiert, lieber Meister?" Oer Kriegskommissar des Königs. Roman von Friedrich F r e k s a. Copyright 1931 by August Scherl, G. m. b. H., Berlin. (Fortsetzung.) Mit gutem Winde kamen sie nach Kolberg, und in der Abenddämmerung trat Heinrich ein ins Hous feiner Mutter, die er zu überraschen üob'Cidjt'C. Im dunklen Gang fühlte er sich angehalten. Eine leise Mädchenstimme fauchte ihn an: „Wo will Er hin?" Aber da ein Lichtstrahl auf ihn fiel, rief es lauter: „Ach — Sie sind es, Herr Heinrich? Die Freude für die Mutter! Aber nur leise — sie schläft!" . Jetzt erkannte Heinrich in dem großen Mädchen seine kleine Schülerin Dorchen von damals. Und er erfuhr von der leise Wispernden, daß die Mutter eine große Aufregung erlebt hätte. Ein Brief von Theodor war angekommen, in dem er mitgeteilt hatte, er wäre auf einer holländischen Faktorei an der Küste von Westguinea tätig. Heinrich setzte sich sacht ans Bett der Mutter und wartete, bis sie auswachte Das war dann ein fröhliches Erwachen, und im Gedenken an Theodor erzählte die Mutter auch von ihrem Aeltesten, Friedrich Wilhelm der nunmehr königlicher Förster in Ostpreußen geworden war. Diese sechs Wochen der Ferien gingen schnell dahin. Abends kam Joachim Nettelbeck; Dorchen sorgte wie ein Hausmütterchen, bereitete Tee den der junge Rettelbeck für den Haushalt aus Holland mitgebracht hatte Sie taten Kümmelschnaps hinein; das war damals die Art an der ganzen Ostseeküste, den Tee zu trinken. Heinrich, der eine große Freude gewonnen hatte an den Eellertschen fabeln sprach diese dem Dorchen vor und machte sie auf den ,chalkhasten Humor' und die meisterhafte Form aufmerksam. Und bannt Dorchen die Fabeln nicht wieder vergäße, schrieb er ihr jeden Tag eine solange er da war, in ein Büchlein und gab ihr dieses, als er auf die Universität zog, zum Andenken. , Die Mutter bot in dieser Zeit alles auf,, um ihrem heben Jungen bas Leben schon zu machen. Sie kochte ihm seine Leibgerichte: Kloße mit Pflaumen ober Speckpfannkuchen; morgens brachte sie ihm em Schälchen Kaffee ans Bett. Inzwischen hatte sie auch seine Ausrüstung vollendet. Sechs neue Hemden gab sie ihm mit, zu denen sie den Flachs eigenhändig gesponnen, sechs Paar neue Strümpfe und eine warme, gestrickte Unterjacke. An barem Gelbe konnte sie nicht mehr als jährlich hundert Taler erübrigen; doch hatte Heinrich die sichere Hoffnung, noch ein Stipendium von fünfzig Talern zu erlangen und gute Freitische. Anfang Oktober machte er sich auf die Reife, um sich als studiosus theologiae in Halle immatrikulieren zu lassen. Da schlechtes Wetter war und er auch Jett gewinnen wollte, spendierte er sich die Extraausgabe, von Kolberg bis Berlin in der Ordinären Post zu fahren, die damals zweimal in der Woche über Stargard ging. Die Postkutsche war ein blau angestrichener Leiterwagen, über den ein Plandach von geteerter Leinwand gespannt wurde; angenagelte Bretter dienten als Sitzbänke. Hier saß nun der Studiosus zwischen Koffern und Kisten eng zusammengepreßt, in der Gesellschaft von allen möglichen Menschen. Von denen hatten einige, wie er selbst, das Passagiergeld, wie sich's gehörte, auf dem Postbureau bezahlt; aber die meisten winkten von der Straße unterwegs dem Postillon zu, der sie daun gegen ein Trinkgeld mitfahren ließ. Die Wege waren ausgefahren und schlecht; der Wagen schwankte im Regen hin und her; die Kisten und Kasten tanzten auf den Füßen der Passagiere herum. Endlos schien Heinrich die Reise, und er war froh, als sie nach vier Tagen in Berlin einfuhren. Hier nahm ihn eine bescheidene Herberge in der Adlerstraße auf. Die Wirtin war aus Kolberg gebürtig, und sein Seelsorger hatte ihn an sie empfohlen. Die Unterkunft war recht gut und der Preis niedrig. Von einem andern Studenten, der auch nach Halle wollte, vernahm er, daß die Kollegien erst nach Mitte Oktober begännen. Da dachte er, es würde gut fein, einige Tage in Berlin zu verweilen. Die Hauptstadt Preußens bot des Interessanten und Merkwürdigen viel, so daß er an einem Tag doch nicht alles hätte besehen können. Prachtvoll hoch und sauber waren die Gebäude, lang und breit die Straßen, angefüllt mit geputzten Menschen und glänzenden Karossen, denen mitunter zwei Läufer vorausrannten, während hinten zwei Lakaien auf dem Trittbrett standen. Jenem, der durch die Friedrichstraße oder Unter den Linden daherging, ward es klar, daß er sich hier in der Residenzstadt eines ruhmvollen Königreichs befand. Gern hätte Heinrich als guter Preuße seinen König gesehen, doch hörte er, der Hohe Herr hielte sich in Potsdam auf. Da nahm er sich vor, diese Stadt aufzusuchen, zumal ja dort auch seine Mutter gebaren war und ihre Schwester, die an einen Pfarrer der Garnisonkirche verheiratet war, daselbst lebte. Das Wetter war gut und Heinrich des Fahrens in der Ordinären Post satt. So gab er sein Gepäck mit einer Frachtgelegenheit auf und marschierte vom frühen Morgen in einem starken Marsch hinein nach Potsdam. Da er sehr müde und auch schmutzig von der Fußreise war, mochte er nicht am gleichen Tage bei seiner Muhme einkehren, sondern schlief mit Handwerksburschen in einer wohlfeilen Herberge. Am andern Morgen wusch er sich, stäubte seine Kleider aus, putzte die Schuhe, ließ sich für drei Groschen frisieren und stellte sich alsdann im Pfarrhaus als der Sohn der Schwester der Frau Pastorin vor. Mit der größten Freundlichkeit ward er aufgenommen mußte gleich in das Haus ziehen und wurde die acht Tage, die er in Potsdam verweilte, wie ein eigenes Kind behandelt. Das war eine sehr glückliche, echt christliche Ehe, die er sah. Nur hatte der Herr in seiner Güte wohl etwas zuviel Segen walten lassen, denn es spielten sechs Jungen und fünf Mädchen umher, und das war selbst für ein wohlhabendes Pfarrhaus zu viel. Das Ziel aller Spaziergänge Heinrichs war das Schloß Sanssouci mit seinem Garten. Hier wohnte ja der König und Held, der Preußen in so kurzer Zeit vergrößert hatte. Endlich gelang es ihm auch, den leibhaft zu sehen, dessen Anblick er so sehr begehrte. Er betrachtete den wohlangelegten Gemüsegarten, als plötzlich ein hübsches Windspiel, weiß von Farbe mit gelben Flecken, hervorsprang, ihn anbellte und, da er mintte, ihm spielend schmeichelte. Er kniete in den Sand nieder, streichelte und kratzte es hinter den Ohren, während es dafür die Hände leckte. Plötzlich vernahm er hinter sich eine Stimme: „Die Biche scheint Ihn gern zu haben — laßt sich sonst von niemand anfassen!" Als er nun den Kopf hob, stand ihm der König Friedrich, den er nach mehreren Bildnissen, die er in Potsdam gesehen, erkannte, gegenüber. Er wurde feuerrot vor Verlegenheit, erhob sich aus seiner knienden Stellung und stammelte nur: „Eure Majestät!" Der König lächelte freundlich. „Er scheint ein Fremder — seinem Anzuge nach Studiosus. Woher kommt Er? Was will Er studieren?" Heinrich faßte Mut und antwortete: indem er sich auf beiden Beinen stramm hinstellte, wie er es vom Vater gesehen: „Bin in Halle geboren, Eure Majestät, aber von Kindheit an in Pommern erzogen, wie auch mein seliger Vater gebürtig aus dieser Provinz war, so daß ich mich als Pommer betrachten muß. Will jetzt nach Halle gehen, dort Theologie studieren. Unmdlich glücklich fühle ich mich, daß mein' sehnlichster Wunsch, Eure Majestät sehen zu dürfen, erfüllt ist!" Der König fragte: „Also Er wollte mich gern sehen? Hat Er denn schon so viel von mir gehört, daß bei Ihm dieser Wunsch frei entstanden «ft? Oder mag Er aus bloßer Neugier forschen, ob ein König aussieht wie em anderer Mensch?" Heinrich wagte zu bemerken, daß sein seliger Vater stets in aufrichtigster Verehrung von Seiner Majestät gesprochen, und es gäbe tn Pommern kein Haus, vornehm oder gering, dessen Bewohner nicht mit der innigsten Liebe ihres Herrn und Königs gedächten und in der Seit der Not für ihn beteten. ''S*?. — ihr Pommern seid treue und brave Menschen!" erwiderte der König und fragte nun, wer der Vater des Studiosus gewesen sei Worauf Heinrich in aller Kürze Leben und Schicksale der Familie Fritsche mitteilte. Darauf nickte der König und sagte: ,Zetzt schau' Er mich noch einmal recht ordentlich ernt Er mag dann seinen Landsleuten erzähl«,, wie ich aussehe! Und nun gehe Er nach Halle und studiere fleißig! (Sind guten Rat will ich Ihm zuvor geben: Werde Er mir dort kein ÜDlufir und Kopfhänger! Denke Er stets daran, ein ordentlicher Geistlicher nnj den Spruch beherzigen: Richtet euch nicht bloß nach meinen Worte», sondern nach meinen Taten! Hat Er seinerzeit ausstudiert und sei« Examina gehörig bestanden, dann mag Er sich gelegentlich an mich wenden und mich an unsere jetzige Begegnung erinnern. Will dann zsi< sehen, ob ich etwas für Ihn tun kann!" Nach diesen gnädigen Worte, nickte der König noch einmal und setzte seinen Spaziergang fort. Heinrich aber eilte ins Pfarrhaus, um seiner Muhme zu berichte», was für ein freudiges Ereignis ihm begegnete, und an diesem Tag ward noch viel vom König erzählt: von seiner Eigenart, sich einfach 51 tragen in der ungeschmückten blauen Uniform eines preußischen Dberftea der Garde, von seinen Tischgesellschaften. Nur der Pfarrer beklagte, das der König sich mit ausländischen Gottesleugnern und Philosophen um gäbe. „Aber", meinte er, „vielleicht ist es Sache eines Königs, zu wissez was überhaupt von den Menschen gedacht wird!" Heinrich hatte Potsdam lieb gewonnen; ungern nur wanderte er fori zu Fuß gen Halle, durch eine häßliche Gegend, in der er ftunbentanj nichts als magere Sandfelder und dürftige Kieferwälder sah. So gelangt! er in die berühmte Stadt Wittenberg, in der der Doktor Martin Luthe: den besten Teil seines großen Werkes vollbracht hatte. In Halle, (eine Geburtsstadt, traf er am 20. Oktober ein. Trotz ^dunkler Kindererinnerunf kannte er nichts mehr wieder. Arn nächsten Morgen gab er Empfehlungsschreiben an alte Bekannt und frühere Kollegen seines Vaters ab. Wit besonderem Wohlwollen nahm ihn der berühmte Professor Franke, der Gründer des Halleschn Waisenhauses und anderer wohltätiger Anstalten, auf. Heinrich muht« bewundern, was hier ein Mensch aus Glaubenseifer mit geringen eigenen Mitteln geschaffen hatte. Aber so sehr er den Mann und den Mensche» verehrte, ihm widerstrebte es, diese Welt nur als ein ironisches Jammer tu! anzusehen, aus dem i>er Professor jede Lust und Freude verbann! wissen wollte. Heinrich hatte dös Glück, eine kleine, friedliche Wohnung im Haust eines alten Halloren zu erlangen. Diese Halloren bildeten die eigentliche Zunft der Arbeiter an den großen Salinen werken, in denen das Salz gewonnen wurde. Hier tat nun Heinrich Blicke in eine echte gebundeni alte Zunft, in der ein Mensch auf den anderen eingestellt war, einer j den andern achtete und das Werk getan wurde in Gemeinsamkeit. Er studierte eifrig nicht nur Theologie, sondern auch lateinische uni ■ griechische Klassiker. Französischen Privatunterricht nahm er bei dein. Friseur der Halloren, der aus Paris gebürtig war und ihm die Stunt« zu einem Groschen gab. Italienisch tauschte er mit einem Musikus aus, einem Flötisten, den er dafür in der deutschen Sprache unterwies. Sein! Ziel war, nach bestandenem Examen eine Hofmeisterstelle zu finden bei irgendeinem vornehmen jungen Mann und mit diesem auf Reisen zu I gehen. Er sagte sich, daß er dies nur erlangen könne, wenn er ncb« den alten Sprachen auch -die modernen beherrsche. Von Halle aus machte er häufige Spaziergänge nach Burg Giebichen- stein, die Saale entlang; aber auch Leipzig erreichte er auf Fußreisen, und diese helle, hübsch gebaute Stadt und ihr bedeutendes Leben und Treiben auf den Straßen taten ihm nach der Enge Halles wohl. Im Sommer kam ihm der Verkehr mit den Halloren zugute. Di« waren durchweg gute Schwimmer, und sie brachten ihm besondere Fertigkeit im Schwimmen bei, das Tauchen und allerhand Kunststücke. Auch Geld floß ihm zu Er lernte einen jungen, reichen Edelmann: aus Mecklenburg kennen, der, wie die meisten wohlhabenden jungen. Edelleute, wohl studierte, aber nicht viel arbeitete. Er mußte, um in. feiner Heimat beim höchsten Gerichtshof an gestellt zu werden, eine juri- stische Arbeit in lateinischer Sprache einliefern. Da er kein fertiger Lateiner war, hals ihm Heinrich bei der Uebersetzung und erhielt dafür abends stets eine warme Mahlzeit und danach vier Dukaten. Davon lief er sich ein mit Fries gefüttertes Winterkleid machen; denn fein Anzug aus dem alten Priesterrock feines seligen Vaters war so fadenscheinig geworden, daß er arg darin fror. Der junge Edelmann gewann Gefallen an ihm, und weil Heinrich kräftig war, bildete er sich ihn zum Fechtpartner heran. So blieb Heinrich gewandt und schwipp und lernte eine Kunst, die sonst von Studenten nur zu Raufhändeln angewandt wurde. Nach Ostern des Jahres 1752 zog in das gegenüberliegende Haus die Witwe eines Thüringer Predigers mit ihren zwei erwachsenen Töchtern ein. Heinrich, der bei offenem Fenster, über seine Bücher und Kolleghefte gebeugt saß, hatte bisher die Nachbarschaft wenig beachtet; doch als er eine schöne Stimme ein Liedchen fingen hörte, schaute er hinunter und sah ein hübsches Frauenzimmerchen, groß und schlank gewachsen, mit hellbraunem Haar und lieblichen braunen Augen, das zu ihm hin- aufblickte, den Kops aber alsbald senkte und errötend weiterging. Es ließ sich nicht nermeiben, daß er diesem Mädchen und ihrer Schwester mitunter auf der Straße begegnete, und da es doch nun mal die Nachbarsleute waren, war es seine Pflicht, höflich die Mütze ZU ziehen, wofür die Mädchen stets mit zierlichem Knicks dankten. Sie anzureden, hätte Heinrich niemals gewagt; jedoch denken mußte er besonders an die eine, die es ihm angetan. Bald wußte er auch ihren Namen; denn die Mutter, die bei dem wärmer werdenden Wetter die Fenster aufstehen ließ, rief den Töchtern zu, und so erfuhr er, daß sein« Angebetete Emma hieß. Satz er gedankenverloren am Schreibtisch, so kam es vor, daß sich dieser Name von selbst auf dem Papier unter seinen Fingern bildete; und fchloß er die Augen, dann sah er sie wohl vor sich in einer besonderen Stellung, die er zuvor erhascht: etwa ein Tüchlein aus dem Fenster ausftäubenb oder über die Gasse schreitend, während ihr milchweißer Hals in der Sonne leuchtete. (Fortsetzung folgt.) verantwortlich: vr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Brühl'fche Llniverfitäts-Duch» und Steindruckerei. D. Lange, Gietzen.