Siehener ZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger Jahrgang (952 Montag, den 4- Juli Nummer 5t wieder vom vorhatte, gab feine jüngste bißchen hinter Abendregen. Von Gottfried Keller. Langsam und schimmernd fiel ein Regen, In den die Abendsonne schien; Der Wandrer schritt auf schmalen Wegen Mit düstrer Seele drunter hin. Er sah die großen Tropfen blinken Im Fallen durch den goldnen Strahl; Er fühlt' es kühl aufs Haupt ihm finken Und sprach mit schauernd süßer Qual: Nun weiß ich, daß ein Regenbogen Sich hoch um meine Stirne zieht. Den auf dem Pfad, so ich gezogen, Die heitre Ferne spielen sieht. Und die mir hier am nächsten stehen. Und wer mich wohl zu kennen meint. Sie können selber doch nicht sehen. Wie er versöhnend ob mir scheint. So wird, wenn and're Tage kamen, Die sonnig auf dies Heute sehn. Um meinen fernen, blaßen Namen Des Friedens heller Bogen stehn. Geschichte vom Großvater. Von Polly T i e ck. Als der Großvater eines Tages eine längere Reife es große Aufregung im Haufe. Der Großvater wollte Tochter besuchen, und seine jüngste Tochter wohnte ein , Erfurt. Das war eine weite Reise, wie man sich denken tann, und der Großvater verfehlte nicht, jedem zu erklären, daß er im Segriff war, eine weite Reise zu tun. Nun war es leider jo, daß der Großvater von lauter Menschen umgeben war, die nur da zu sein schienen, ihn an allem zu hindern, was ihm Vergnügen machte, und ihn nach allen Richtungen zu betrügen. Gewiß, wer den Großvater ganz unbefangen in seinem Leben sah, der mochte denken, daß es ihm sehr gut ging. Er wohnte bei seiner Tochter Olga, die ihn liebte, pflegte und sich aus Gründen, die auch ihr nicht klar waren, all seinen Saunen unterwarf. Er besah einen Schwiegersohn, den er zwar nicht leiden konnte, der ihn aber mit prächtigen Zigarren versorgte, und er sah auf die stattliche Anzahl oon bre Enkelkindern, die ihrerseits wieder im Begriff waren, ihm Urenkel zu schenken. Er hatte ein behagliches Zimmer, ba? er mit einem merkwürdigen Herr teilte, der ihn zeitweilig beaufsichtigte und schulmeisterte, unb von dem seine Tochter Olga behauptete, daß er ein armer entfernter Verwandter der Familie fei, dem man ein Bett lm Hcmse-nicht ab schlag en könnte. Der Großvater glaubte bas niemals trotzdem er sich selbst nicht recht erklären konnte, was der fremde ausmertsame Herr, der ihn niemals allein auf die Straße gehen ließ, eigentlich für e Amt im Hause hatte. Kurz, jeder, der den Großvater sah, hatte den Eindruck, daß biefer alte Mann behaglich im Schoß seiner Familie lebte. Dem war aber leider nicht so, wie der Großvater jedem erklärte den er sprach. Wohl sah das alles so aus, aber hinter den freundlichen Mienen der Kinder, hinter der lächelnden Außenseite der Enkel steckte Verrat, Hohn und eine Art von Befehlshaberei, die der Großvater durchaus nicht vertragen konnte. Kurz unb gut: der Großvater hatte beschlossen zu reisen. Er hatte diesen Beschluß seiner Tochter Olga mitgeteilt unb tl)r er.lart b gestatten und ihmwer - würbigerweise angetragen, ber aufmerksame Herr, ber e^ fernter Verwandter sei, solle ihn auf dieser Reise begleiten. Rieses nun hatte sich der Großvater aufs energischste: verbeten, und so war m übereingekommen, daß die Familie den Großvater in ben 3ug f ö unb die Tochter Jenny ihn kurz hinter Erfurt, bort wo> s e eben wohnt, Zuge abholen würbe. Aus bieses ebenfalls u"rourbige 2in gebot war ber Großvater schließlich eingegangen, da er einsah, daß em Mehr an Freiheit nicht zu erzielen sein werbe. Im Geheimen jeboch hatte er feine Pläne, die auszuführen er fest entschlossen war. Denn im Hinblick auf Großvaters Reise hatte der auf» merksame Herr erklärt, daß er auch verreisen werde, um andere Luft zu atmen, und da er am Abend vor Großvaters Reise abfuhr, schlief der Großvater in dieser Nacht allein. So war es möglich, endlich einmal zur Zeit zu einem Zuge zu kommen, denn das konnte der Großvater mit gutem Gewissen allen erzählen, daß seine Familie, feine Tochter Olga mit eingeschlofsen, stets so zum Bahnhof kamen, baß sie den Zug erst im letzten Augenblick erreichten. Sicherlich hatten sie die Absicht, es diesesmal mit bem Großvater ebenso zu machen. Der Zug — um nur ein Beispiel zu geben — der Zug ging um 9 Uhr 13, wie der Großvater wohl gehört und sich gemerkt hatte. Also würden sie sicher die Absicht haben, um 19 Uhr das Haus zu verlassen, und, gehetzt unb gejagt, mit fliegenden Rockschößen, unb offenen Koffern, ben Bahnsteig entlangzukeuchen. „Ohne mich, meine Sieben, ohne mich!" dachte der Großvater, während er ganz still auf dem Rücken in seinem Bett lag und die Hände über der Brust faltete, wie er das immer tat, ehe er einschlief. Bevormundet und eingesperrt wie ein kleines Kind, entrechtet unb von Mißgunst umgeben, würde es ihm wohl dieses eine Mal gelingen, durchzusetzen, was er sich buchte. Der Großvater lag still auf seinem langen, knochigen Rücken die ganze Nacht hinburch. Sange bauerte es, bis das Geräusch im Eßzimmer verstummte, Geräusch aus Gespräch, Grammophonspielen, Abräumen des Mäbchens gemacht — lange dauerte die dunkle, ruhige Nacht, in ber man sich nicht getraute, Licht zu machen oder gar aufzustehen, denn niemand durfte geweckt werben. Enblich jedoch dämmerte es hinter dem Vorhang. Ein bißchen Licht und immer wieder ein bißchen mehr Licht fiel auf das schmale Bett mit dem langen Großvater, der auf dem Rücken lag. Nun erhob sich der Großvater sehr leise, zog sich an, nahm den kleinen Koffer, in ben seine Tochter ihm am Abenb alles gelegt hatte, was er mitnehmen wollte, unb tat noch die alte Uhr oben auf, von ber feine Tochter Olga, die immer alles beffer wissen mußte, behauptete, Jenny würde sich nicht darüber freuen. Er jeboch, Gott fei Dank, er wußte, worüber seine Tochter Jenny sich freuen würde, und so nahm er die Uhr aus dem Nachttisch und tat sie obenauf. Gehen tat sie nicht, bas ist wahr, sie tickte nicht unb sie zeigte 5 Uhr. Es war eine ulkige Idee zu denken, daß es am Ende wirklich 5 Uhr fei, denn wieviel Uhr es war, wußte man nicht genau. Sicherlich jedoch war es viel später und allerhöchste Zeit. Also schlich der Großvater, allen feineren loilettenfünften mitsamt bem Waschen kühn entsagend, aber immerhin in voller Kleidung, leise aus der Tür, leise ben fast buntlen Korridor entlang zur Entreetür, die er mit unendlicher Vorsicht ausschloß. Dann, sie leise ins Schloß ziehend, blieb er aufatmenb stehen. Er war immer ein großer Mann gewesen, kleiner geworden war er eigentlich erst, seit feine Frau gestorben war. Aber jetzt war er wieder ganz groß, unb er staub auch ganz sicher auf feinen deinen. Oben in der linken Westentasche hatte er sein Bittet, und hier rechts in der Hose steckte ein Portemonnaie, bas ihm fein Schwiegersohn gestern mit Gelb gefüllt hatte. Ein Taler und noch ein Taler unb ein Fünfmarkstiick unb drei einzelne Mark. Befriedigt faßte der Großvater danach. Dann, nachdem er auf der Straße stand, unb es sich herausstellte, baß weit unb breit keine Bahn fuhr, setzte er sich langsam in Bewegung. Es war ein rounberbarer Sommermorgen. Kühl und milchig blau lag die Lust zwischen ben Bäumen, die ganz grün waren, ein paar Laternen brannten noch, unb in ben städtischen Anlagen, denen der Großvater entgegenging, sah man keinen Menschen. Der Großvater ging mit rüstigen Schritten immer vorwärts unb pfiff ein kleines Liebchen dabei. Lange hatte er nicht gepfiffen, bas fiel ihm ein, lange nicht war er jo frühlich geradeaus geschritten. Er wußte, er mußte diese Anlagen durchqueren, ein paar Straßen nach rechts gehen und in die große Hauptstraße einbiegen, so würde er gleich gegenüber das Bahnhofsgebäude liegen sehen, das er kannte. Allerdings, hätte man nur ein wenig mehr Zeit gehabt, hier wäre Grund gewesen zu verweilen. Etwa den Schwänen zuzusehen, die sich putzten und striegelten, ober einem Vogel, ber auf einer Sinbe saß unb ein wunderbares Liedchen flötete. Aber 'leider, liebes, gutes Vögelchen, leider haben wir keine Zeit. Der Zug geht bald, ber Großvater muß pünktlich fein! Also ging der Großvater fchv'tt unb fröhlich weiter, ber Koffer ist gar nicht so leicht, aber er kommt ihm sehr leicht vor, — unb da ist auch schon der Bahnhof, unb ba ist die breite Treppe, und da ist eine Blumenhalle unb bort ist ein Zigarrenkiosk. Der Großvater bleibt stehen. Sich selbst wieder einmal eine Zigarre taufen können unb sie nicht vom Schwiegersohn abbetteln unb erschmeicheln müssen, bas wäre eine ausgezeichnete Sache, würbig, einen solchen Morgen zu krönen. Also handelt ber Großvater eine Weile mit sich selbst unb bann nimmt er zwei Stück zu 15 Pfennige, unb eine zündet er sich gleich an. Dann geht er weiter, dort ist die Sperre mit einem schlaftrunkenen Beamten und da steht ein Zug und der Großvater fragt den Beamten, ob das der Zug ist, der nach dem Ort geht, der gleich hinter Erfurt liegt. Der Beamte sagt: „Da sind Sie viel zu früh! Der bleibt noch lange stehen!" Aber der Großvater verweist ihn in etwas scharfem Tone, daß er nicht gefragt habe, ob er zu früh oder zu spät sei, sondern nur, ob das der Zug sei, der nach dem Ort geht der gleich hinter Erfurt liegt. „3a!" sagt der Beamte und lacht ein bißchen höhnisch und guckt dem Großvater kopfschüttelnd nach. So, so, denkt der Großvater, kaum ist man unter Menschen, so ist man auch schon wieder von Tücke und Mißgunst umgeben. Was geht es diesen Mann an, wann ich in meinen Zug steige? Am Ende hat die liebe Familie ihn schon darüber unterrichtet, daß der Großvater heute verreisen will? Nun, der Großvater ist entschlossen, sich nicht beirren zu lassen. Ein bißchen müde ist er doch und so setzt er sich gleich in den ersten Wagen, der da steht. Der Wagen ist leer, wunderbar gepolstert, es riecht ganz sauber, sogar die Gardinen kann man zuziehen, wenn man will. Der Großvater setzt sich in die Ecke, den Koffer hält er auf dem Schoß und di« Hände faltet er darüber. Denn die Welt ist voller Diebe, leider ist es so, und nur wenig kann einem passieren, wenn man die Hände fest über dem Koffer faltet. Selbst, wenn man einfchläft, kann niemand einem den Koffer stehlen. Der Großvater lächelt, er ist sehr glücklich. Seit dem letzten Geburtstag, den er mit seiner Frau feierte, ist er nicht mehr so glücklich gewesen. Dann denkt der Großvater, daß er wohl ein bißchen Ruhe verdient hat, nach dem langen Wege, und daß er jetzt Zeit hat — und dann schläft er ein. Als sie ihn sinden, Olga und der Schwiegersohn, aufgeregt, atemlos, Olga in Tränen aufgelöst, ist es beinahe 1 Uhr mittags. Der Wagen mit dem schlafenden Großvater fteht ganz hinten auf einem Gleis zwischen zwei Güterzügen und einer Lokomotive, die Ruhetag hat. Der Zug, der nach dem Ort fuhr, der gleich hinter Erfurt liegt, ist längst schon über den Ort hinaus. Leider, leider nahm er den Wagen nicht mit, in dem der Großvater sah und schlief, er wurde abgehängt, er gehörte nicht mit zum Zuge. Erst nach vielen Fragen hatte die weinende Tochter Olga und der ungehaltene Schwiegersohn herausbekommen, wo man nach dem Großvater suchen könnte. Als sie in den Wagen hineinkamen, vom Zugführer und zwei Schaffnern verfolgt, saß der Großvater ganz ruhig in der Ecke des gepolsterten Abteils, die Vorhänge waren zugezogen und die Hände hatte er fest über dem Koffer gefaltet. Er schlief sehr tief, und als man ihn aufweckte, konnte er sich lange nicht erklären, was man eigentlich von ihm wollte. Der ungehaltene Schwiegersohn und die weinende Olga brachten ihn in eine Droschke und fuhren ihn nach Haufe. Er weigerte sich, Auskunft zu geben, stumm vor Zorn und Wut, über soviel tückischen Verrat. In der Folgezeit kam es dann, daß der aufmerksame fremde Herr, von dem die Tochter Olga behauptete, daß es ein entfernter armer Verwandter sei, sich nie mehr von Großvaters Seite rührte, nicht am Tag und auch nicht in der Nacht. Das war nicht gerade unangenehm, denn der aufmerksame Herr war sehr freundlich und begann geradezu, den Großvater zu bedienen, ihn an- und auszuziehen zum Beispiel, und ihm alle Handreichungen zu leisten. Das war gewiß sehr freundlich von ihm, aber für den Großvater war es doch sehr lästig. Großvater kam auch nie- mehr dazu, sich allein eine Zigarre zu kaufen. Er mußte abends zum Schwiegersohn gehen und ihn darum bitten. Das Leben machte keine Freude mehr. — Avila, die Stadt der Kirchen und Klöster. Von Hans Röse 1. Von Madrid kommend, klettert der Zug in endlosen Wendungen und Schleifen die Hänge des Guadarama-Gebirges hinauf, durchfährt ein paar dünne Pinienbestände und steigt dann wieder hinab in die kastilische Hochebene. In einem rasenden Tempo jagt er vorbei an kleinen, armseligen Dörfern, mageren Feldern und steinigen Hügeln, um möglichst rasch aus dieser Stein- und Sandwüste heraus nach dem grünen, saftigen Norden zu kommen. Eine Bahnstunde hinter dem Gebirge liegt auf einer Anhöhe, inmitten dieser unfruchtbaren Hochebene, Avila in einer Höhe von 1200 Metern mit feinen 10 000 Einwohnern. Heute die armselige, von der Zett vergessene Hauptstadt einer ebensolchen Provinz, vor Jahrhunderten einer der wichtigsten Plätze der spanischen Comuneros, der Stadt- und Gemeindeverbände, die gegen Karl V. zu Felde zogen, um gegen den habsburgischen Absolutismus ihre Sonderrechte zu verteidigen, eine Generation später der Ausgangspunkt der spanischen Mystik und religiösen Reformen, deren sichtbarste Auswirkungen die Inquisition und Gegenreformation waren. Ernst und verschlossen, wie ein altes römisches Kastell, liegt die Stadt auf dem Berge. Von Ost nach West, von Nord nach Süd laufen die hohen Mauern, sperren jeden Zugang und schließen den Ort in ein vollkommenes Rechteck. An jeder Front öffnet sich ein einziges, enges Tor den Straßen, die aus der Ebene kommen, 84 Wehrtürme treten als halbrunde Bastionen aus der Umwallung und drohen noch immer einem längst verschwundenen Feind. Dicke hohe Mauern, überragt nur von diesen schmucklosen, aus rohen Blöcken gefügten Türmen, unter tiefen, schweren Wolken, so zeigt sich die Stadt von allen Seiten. Und dieses Verschlossene, Undurchdringliche, das Avila nach außen in die Ebene kehrt, wiederholt sich immer wieder auch hinter den Mauern, in den Straßen selbst. Tritt man durch eines dieser niedrigen, schwer überwölbten und von zwei Doppeltürmen slankierten Tore ins Innere, spürt man zuerst nur das etwas träge, behäbige Leben einer Provinz- stad t. Vor ihren kleinen Läden warten die Kaufleute auf ihre Kunden, ein paar Soldaten langweilen sich an den Tischen der kleinen Cafes, an einem Schaufenster drängen sich Neugierige, um zwischen verstaubten Konserven und Postkarten das Kostüm zu sehen, das der Torero beim nächsten Stierkampf tragen wird; hochbeladene Esel trotten durch die engen Straßen zum Markt. Aber bald merkt man, daß die Straßenfronten fn kurzen Abständen immer wieder von hohen, fensterlosen Mauern unterbrochen werden. Es sind die Klöster, die wie kleine Bastionen in der Festung selbst sich verschanzt haben. Diese kahlen Wände schieben sich zwischen das Gewirr der kleinen Kaufläden in der Hauptstraße, säumen die engen Gassen und begrenzen die unregelmäßigen Plätze. Schweigsame, abweisende Mauern, wohin sich auch der Blick wendet. Tritt man durch di« enge Tür« in den Vorhof eines solchen Klosters, steht man meist alten, baufälligen Gebäuden mit dicht vergitterten Fenstern und einer kleinen, schmucklosen Kirche gegenüber. Es gibt wohl keinen Mönchs- oder Nonnenorden, der hier nicht ein Kloster befaß. Santo Tomas, Santo Domingo, San Jose, Santa Clara, Santa Terefa... zwanzig, dreißig Klöster breiten sich in 'dieser kleinen Stadt von wenigen tausend Einwohnern aus. Und der Platz innerhalb der Mauern hat nicht ausgereicht; mindestens ebenso viele liegen vor den Toren, am Abhang des Berges, im Tal. Gehörten die Klöster nicht zu besonders wohlhabenden Orden, sind die Häuser meist alt und brüchig. Di« Sonne scheint durch die Dächer und der Regen tropft in die Zellen. Biele mußten aufgelöst und verlassen wenden, die Kirchen sind Scheunen oder Garagen geworden, und in den Klostergärten weiden die Esel und Schafe. Die Kirchen zeigen alle die ruhigen, romanischen und frühgotischen Wölbungen oder den herben, ernsten Renaissaneestll des Escorial; wenig Schmuck, fast kein Ornament. Auch die Türme sind einfach, meist ist nur di« Fassade über das Dach hinaus erhöht, und zwischen den ausgeparten Fenstern hängen die Glocken im Winde. Dicht am Stadtwall liegt die Kathedrale. Die Apsis springt als einer der mächtigsten Berteidigungs- türme aus der Mauer. Ein doppelter Wehrgang mit Zinnenkranz läuft um das Dach; auch die Kathedrale ist eine Bastion in der Festung. An die frühere Selbständigkeit erinnern noch di« alten Adelspaläste mit den dicken, roh gefügten Mauern und hohen viereckigen Türmen, lieber den von schweren Quadern überwölbten Toren hängen di« verwitterten Wappen noch heute lebender Geschlechter. San Pedro vor dem Tore, wundervoll in seinen reinen romanischen Formen, muß man am Abend sehen, wen die sinkende Sonne den gelben Stein in leuchtendem Orange erglühen läßt. Im Tal, unter den Gewölben von Santo Tomas, liegt in einem für spanisches Gefühl etwas zu zart gearbeiteten Marmor- farkophag Don Juan, der zu früh gestorbene Sohn von Ferdinand und Isabella. Was wäre aus dem spanischen Reich geworden, wenn er sein Erbe hätte antreten können und 'damit den Habsburgern den spanischen Thron verschlossen hätte? Weit außerhalb der Stadt lag vor Jahrhunderten der Friedhos der Juden, auf dem, nach deren Vertreibung, die Santa Teresa ihr Kloster erbaute. Don liier'ging diese neue Wette religiöser Begeisterung aus, die, unterstützt von der Ernüchterung, die den ersten mißglückten Kolonisationsversuchen in der neuentdeckten Welt folgte, und der religiösen Ideenwelt Philipps II. die Gegenreformation ermöglichte. Doll Ekstase strömte damals das Volk in die Kirchen und Klöster, die nicht mehr ausreichten, all die Gläubigen zu fassen. Neue wurden gebaut, Schenkungen und Stiftungen flössen reicht^,. In wenigen Jahrzehnten wurde so Avila zu einem einzigen großen Kloster, in dem die kleinen Händler und Handwerker mehr und mehr verschwanden und das heute noch, wenn auch inzwischen etwas brüchig geworden, dieser Stadt diesen eigenartigen verschlossenen, fast feindseligen Charakter verleiht. Es sind nicht die Einzelbeiten, die in Avila den Menschen gefangen nehmen, es ist die ganze Atmosphäre, die über der Stadt liegt. Soviel« Küchen und Klöster, was ist hier gefastet, gebetet und gefleht worden! Als die Armada gegen England auslief, wurde hier wochenlang um den Sieg gefleht; di« Glocken tarnen nicht mehr zu Ruhe. Es scheint uns heute noch, als wären die dichten Wolken, die über der Stadt hängen oder von den Schneegipfeln des Gredos- und Guadaramagebirges drohen, nur die vielen unerhörten Gebete oder als sollten die Mauern und Türme eher den Teufel und die Dämonen abhalten, die, wie die Einwohner erzählen, draußen auf der Ebene die Felsblöcke schleudern. Alles hat etwas Drückendes, Schweres und Unversöhnliches: der hohe Mauerring, die herbe, unfruchtbare Ebene und der eisige Wind, der die Wolken über di« Stadt jagt. Aber das Idyll fehlt nicht ganz, es lebt nur ein gut Stück über der Erde. Auf den Glockentürmen der Kloster haben die Storche ihre Nester gebaut, ohne Rücksicht darauf, ob unter ihnen in der Kirche Mönche oder Nonnen beteten. Enttäuschungen mit Büchern. Von Dorothea Hofer-Dernburg. „Ich verabscheue zwei Dinge im Leben, den Zahnarzt und die Liebe. Beide sind so gewaltsame Naturen. Beide kann man — haben sie einen einmal in ihren Klauen — nicht auskommen. Beide gehen einem so entsetzlich auf di« Nerven. Von beiden habe ich heute übergenug gehabt. Ich fühle, es muß etwas für mich geschehen. Ich werde mich auf meine kleine, unkleidsame gelbe Couchett« setzen, von der niemand begreift, daß ich sie brauche, wie ein Stückchen Brot, trotz mangelnder Aefthetik — weil sie kein Möbel ist, sondern eine Jugendfreundin, die alle meine Tränen in ihrem gepolsterten Herzen bewahrt. — Ich werde mir einen Tee machen, golden wie Bernstein, und das Telefon in seinem Ueberfluß ertränken. Ich werde die Füße hochziehen, wie man eine Zugbrücke zur Welt hochzieht — und dann werde ich mich endlich einmal und prinzipiell wohlfühlen und lesen. — Keine Bücher, die noch nicht aufgenschnitten sind und nach Kleister riechen und nach ungeklärten Urteilen in der öffentlichen Meinung und nach Fortschritt und dergleichen — nein, ich werde an die Kinderschublade gehen und werde lesen, was ich las, als ich 18 Jahre war, als die Welt mir „gut" erschien und das Geben «ine Nummer großer." Diese schöne Rede hielt ich mir gestern abend. Und also zog ich die Füße hoch, knipste die Lampe an, schnupperte an einer Geranie, die ich vom Daikon hereingenommen hatte, fand, daß sie bitterlich schmecke o schön? dachte Katharina stickte dieser Herr noch wort auf Lusche der Seite seinen blickte etwas Bries, — hörst du, Lusche!" demütig in Tante Katharinas Gesicht. Sie sieht so von wie die weiße Ziege aus, — warum finde ich sie nur sie. Laut aber sagte sie: „Ja, Tante Katharina!" großes, verständiges Mädchen," fuhr Tante Katharina Paradies. Novelle von Ina Seidel. (Fortsetzung.) „Woher nimmt er nur den Mut?" fragte sie und zog die Augenbrauen, die mit ihren hohen, kurzen Bogen dem Gesicht seinen hochmütigen Ausdruck gaben, grübelnd zusammen. Lusche bückt« sich und begann die kleinen schwarzen Früchte der Ulmen aufzulesen, die den Weg massenhaft bedeckten. Als ihre Hände voll waren, ging sie über den Rasenstreifen ans Wasser und streute sie ganz langsam auf den Steinstrand. „Du bist ein großes, verständiges Mädchen," fuhr Tante Katharina ort, ohne sie anzusehen. „Ich habe mich eben sehr geärgert und aufgeregt. Es ist sehr unrecht von diesem Herrn, der mich ganz oberflächlich kennt, — mir Briefe zu schicken! Und ich möchte nicht, daß jemand anders, außer dir und mir, davon erfährt!" „Lusche!" rief Tante Katharina. Lusche kam zurück, indem sie ihre Hän>d« am Kleid abrieb. Tante sehr schnell und sprach: „Wenn dich dieser Mensch, — einmal anreden sollte, so sagst du, es gäbe keine Ant- Lusche antwortete wieder nichts als: „Ja, Tante Katharina!" Aber es lag mehr pathetische Hingabe in ihrem Ton als in einem langen Schwur, und Fräulein Claaßen lächelte. „So, kleine Lusche, nun wollen wir einmal sehen, wie weit du gekommen bist," sagte sie und nahm ein zerknülltes und nicht ganz sauberes Stück Zeug von der Bank, das Lüsches Handarbeit vorstellte. Sie betrachtete es, warf Lusche einen verschmitzten Blick zu und griff nach ihrer kleinen Schere, um eine Reihe Kreuzstiche wieder aufzutrennen. Lusche starrte beschämt und in einem Zustand von Bezauberung auf die zarten, gepflegten Hände, an denen die Edelsteine bei der Bewegung aufblitzten, und nahm den Streifen mit einem gemurmelten „danke" wieder entgegen. — „Sieh, so, Lusche, — aber willst du nicht viel lieber mit den anderen spielen, — oder lesen, — oder angeln, — wie?" Wieder lächelte Tante Katharina Lusche an, und Lusche saß schon neben ihr auf der Bank. ,Nein, ich sticke lieber!" sagte sie errötend und begann die Nadel leidenschaftlich zu handhaben. Sie wurde bald heiß und feucht zwischen ihren Fingern, und es gab ein kleines Quietschen, wenn sie durch den Stoff gezwungen wurde. Lusche hörte einen Augenblick auf, reckte ihre Hand, und betrachtete sie kummervoll. Hatte nicht Paul gestern wieder von ihren „Weißwurstfingern" gesprochen? Tante Katharina aber, — oh, die hatte Prinzessinnenhände, — so dachte Lusche und ahnte nicht, daß Katharina neben ihr eben an ein Gedicht dachte, in dem diese Hände „königlich" genannt wurden, — ein Gedicht, das sie vor sich sah in der Handschrift eben jenes Brieses, der mit absichtlicher Nichtachtung weggeschoben auf der Bank lag. Born See her kam das träumerische Gestampf eines unsichtbaren Dampf chiffes wie ein Brodeln der heißen Luft, das zuweilen einlchllef und dann wieder laut wurde. Lusche suchte mit den Augen das jenseitige Ufer ab — richtig, da unter dem grünen Hügel der Rottmannshohe kroch der weiße „Wittelsbach" entlang, — wie klein er schien und w,e langsam er vom Fleck rückte! Woher nur der dunkle Streifen kam mitten in der spiegelnd blanken, licht grün-blauen Wasserfläche — ob das die „Würm" war, — und warum muhte sie gerade die .Würrn" heißen? Lusche sah vorsichtig zu Tante Katharina auf, nein, die arbeitete auch nicht, sie sah mit gespanntem Ausdruck geradeaus, und das Ziel ihres Blickes schien noch jenseits der mattglanzenden Bergkette dort drüben zu liegen. Ihre Brauen waren hochgezogen und ihr Mund leicht geöffnet, es sah aus, als wollte sie gleich sprechen. Ach ja, es war zu warm, viel zu warm zum Handarbeiten! Lusche zog die Füße auf die Bank, legte das Kinn auf die Knie und umschlang ihre Beine mit den verschränkten Händen. Der See war so glatt, und dennoch liefen unablässig kleine Wellen mit geschwätzigem Plätschern gegen den Kieselstrand an und bewegten das Schilf, daß es schläfrig raschelte. Libellen, blaufunkelnd und braun, wie Pfeile eines geisterhaften Bogens, schossen darüber hin, standen bebend in der flimmernden Luft und urr- ten über den Blüten des Eisenhutes, der hier im Schatten der Ulmen düsterblau mit zornig gezacktem Blattwerk stand. Lusche folgte ihnen träge mit den Augen. An was dachte Tante Katharina? Dachte st« an den Herrn im grauen Anzug? Ob er he heiraten wollte? Gestern hatte Lusche gehört, wie Tante Lalla zu Tante Hanna gesagt hatte. „Es wird nun auch für Kätchen die höchste Zeit... und sie hatte wohl Der-. standen, was gemeint war, und hatte eingeschoben: „Bei jemand wie Tante Katharina ist es ganz wurscht, °b er verheiratet ist ober nicht Worauf die Großtanten ihr beide die Breitseiten zugewaiM und ihr kleines Geschütz durch eine ungeheure Ueberlegenheit Zum Schweigen gebracht hatten. Trotzdem war Lusche geneigt bei ihrer Ansicht zu bleiben, selbst wenn sie wahrnahm, daß Tante Katharinas Gesicht und der Uebergang von den Wangen zum Halse nicht so Fisch und zart waren wie bei Regina, — nein, unter dem dunklen, feinsadigen und sorgfältig behandelten^Haar war die Haut rötlich wie von Meeresluft gebeizt und von feinen Fältchen durchzogen. Der Herr im grauen Anzug tat Lusche so ungeheuer leib, wenn sie sich vorstellte, daß er Taute Katharina heiraten wollte, um immer bet ihr zu sein, — denn aud) fie, ßufdje mare ia so gern immer, immer bei Tante Katharina geblieben. Und er war o nett er war Lüsches Freund! Es war beklemmend, an ferne Lage ru denken - aber da sagte Tante Katharina, und ihre Stimme klang ganz wie'sonst: „Wir wollen hineingehen, Lusche, — es riecht hier so sonderbar. Und ich glaube, es ist auch Kaffeezelt. Es riecht nach Rollers!" sagte Lusche befreit und sprang auf. Be, itnb zu Tee und Melancholie paffe und griff tn den Bücherschrank neben ^Jch las eine gute Weile; aber dann merkte ich, daß irgend etwas xibei nicht ganz so war, wie es sein sollte. — Ich sah auf. — Ein Herr, ein etwas morbider Herr von 28 Jahren, mit einem müden und -inblictjen Lächeln stand im Zimmer und verbeugte sich. — Ich war verwirrt ... „Gnädige Frau entsinnen sich meiner nicht? ... Nils Lhyne ..." _ „Ja", sagte ich, „ich dachte" es mir fast. Sie kamen mir so bekannt »or... aber sagen Sie, sahen Sie nicht eigentlich früher ganz anders aus...? Ich meine viel interessanter...: Wie...?" Er lächelte ein parsivaleskes Nils-Lächeln: „Damals waren wir jung, gnädige Frau." Ich fand ihn ein wenig taktlos. — „Ich wußte ja immer," sagte ich, „daß Sie ein schonungsloser Kenner der Frauen sind... aber ich finde, Sie könnten dies anders gesagt haben.. so etwa, wie Sie mit Frau Boje gesprochen haben. Entsinnen Sie sich..." Doch er entsann sich. Er begann zu rezitieren... „So eine Mond- scheinnacht, wenn die Luft in kühlem Lichte erstarrt ist und die Wolken so lange daliegen — Tema, Blumen und Laub, sie halten ihren Duft so lange und dicht um sich fest... und alle Leute werden fern und ichwinden dann so plötzlich, weilen gar nicht... ach, ich meinte, Tema! — Tema, hast bu nie eine mondhelle Nacht durchweint... Süße ...?" Ich unterbrach ihn: „Sie müssen nicht gerade das Allerhübscheste jitieren," — sagte ich leicht gereizt, „ich weih... jawohl, Sie haben den ganzen Impressionismus erfunden... Sie waren so unbeschreiblich differenziert, aber — bitte rühren Sie nicht nervös in Ihrer Teetasse, das \ ändert nichts... Sie sind trotz allem ein bißchen — sehr — sentimental... Die haben das Feinste gesagt und zugleich das Ueberflüssigste, unb Ihre Damen, geben Sie es zu, stammen alle miteinanber noch aus der Zeit ber unbefleckten Empfängnis. Diese Angst vor sich selbst, diese Zurechtgelogenheit ihrer selbst, diese Ahnnungslosigkeit um sich selbst.... es macht ja natürlich auch wieder ihren Reiz aus — das ist richtig. Es gibt kein besseres Charakterbild der Frau von gestern, wie Frau Bcie. ober Fennimore vor und Fennimore nach dem Sündenfall — aber zwei Stunden Psychoanalyse, Mesdames...! Das fehlt Ihnen...! ! Er zupfte an feinen dünnen, langen Fingern, er machte mich nervös damit. Ich sagte: „Treiben Sie um Gottes willen mehr Sport, Herr Ühyne! Oh, und mit Ihnen bin ich tagelang im Traum herumgegangen. Ich meinte es garnicht so schlimm, ich war nur etwas gereizt... plötz- 1 (ich sagte eine Stimme: „Mit mir auch...?" Ich erschrak. Jemand stand vor mir und sah ununterbrochen gütig aus, er sagte: „Hab' <5onne im Herzen." — Es war wie eine Visitenkarte. Ich grüßte entzückt, ich schrie: ,Ave Cäsar, großer Flaischlen... wo kommst du her im Badetrikot an meine Couchette... so ein wenig mal foigne ...? Er schuf mit virtuoser Geschwindigkeit zwei Reihen Gedankenstriche und wollte sich eben wiederholen, als eine etwas näselnde Stimme ihm 'das Wort aus dem Munde nahm. „Eine Frau," sagte sie überheblich und natürlich auf mich bezug- k lich... „eine Frau errät leicht die echt menschliche (ober teuflische) aber k schwer bie göttliche Natur des Mannes, schwer seinen Wert und .leicht seine Absichten, leichter seine Farbgebung als seine Zeichnung... äcy wunderte mich bereits über nichts mehr, b. h. in diesem Falle munberte ich mich, daß Herr Jean Paul Friedrich Richter ben Mund fo schnell wieder zuklappte, nachdem er ihn einmal aufgemacht hatte, aber topit= ;ius mit dem Kürbis war ihm, altersschwach und müde der ewigen Herumschickerei, in die Hosen gefahren. Ich freute mich. Ich dachte. Deine Geschöpfe wenden sich gegen dich.. ■ diese Tiraden kann heute keine Hund mehr verdauen... Die gelbe Couchette begann zu schaukeln. Ich puffte sie in die Polster... .Halte du auch den Mund du! — Früher hatte man eben einfach keine Nerven und fast garmchts zu tu"- als auf dir herumzuliegen... man hatte Zeit, endlos Zeit, früher k n man Jean Paul lesen... und zu ihm selbst...? Man sollte Ihren Ex^ traft auf Flaschen ziehen... es ist wirklich schade um Sie, - Herr ! „Es ist schabe um bie Menschen," echote dl« Tochter. Sie hatte eine herrliche Jnbratochterkrone auf aus der Charellrevue und sprach etwas heiser. Sie zog ein gelbes Buch aus der Tasche und hielt es m t b • „Da kannst du sehen," sagte sie.....all diese Striche hast du an den Rand gemacht. Du allein Du kannst an diesen Strichen entlangwan- dern, wie an einem Zaun. Du kannst daran sehen, wie du ausgerechnet olle Gemeinplätze eingezäunt hast, bie Indra und Strindberg r 1 «liegt haben. Es stehen so viel gescheitere Sachen in dem Brich, aber du natürlich..." Ich wurde der Ouarantanemeister, ich sagte zu ihr wie Lu dem Sofa: „ ,. ,, . „Halt den Mund, ha» den Mund, halt den Mund„. unb Je mußte ihr Stichwort auswenbig. Traumspiel Seite 182 . So sagen -mei And schweigt man, so sagen sie: Sprich! Die unlenksamen Menschen! Was soll ich Ihnen erzählen, wie bieser li erarisHe Tee, Öenuj ahnungslos einberufen hatte, des weiteren verlief. -®er ■alten Lieben alles erschien... Ich hatte mir so eine altersschwache Bor Itellung gemacht von unverrückbaren Werten und „Me, .^L.ftnfcen schlecht aufgezogener Geselligkeit genügte, um sie grunblich umzuftotzem Ich würbe von allen Seifen angegriffen unb beschimpft., .^ ch 1° wütend...! Ich hätte am liebsten Dagore seinen langen weißen Bart abgerissen, unter dem er rosig errötet wäre, wie em verebte Backfisch unb hätte ihn Nils Lhyne umgehangt, der nur Jo gtattraltert tat. tuet Tochter, die mir einmal so nihilistisch "arkam, hatte ich g in ferstündchen mit Wilhelm Bendow empfohlen unb Zarathustra ^"Natürlich war ich ungerecht — heure sehe ich das wiederganz) Har. Aber es gehört eben Distanz dazu, sich von ferner, »'fta"3 3«‘ ^i3*"** Schließlich konnten alle diese Herrschaften mchts bafur, daß ich G jahrelang nicht um sie gekümmert hatte und baß ich mar, b e stG verändert hatte — unb nicht sie. Heute sehe ich bas em. kleide ich mich mit meinem reizenden Atte-Dame-Lache , uidiungen hin unb flüftre gütig: „Enttäuschungen mit Buchern.... Enttäuschung mit mir!" Hotters roch es Immer sehr ausgesprochen nach Katzen, Hunden, Irge-nL- einem unnennbaren Knaster und dem Hühnerfutter, das Pauline täglich aus den Abfällen der Herrschastsküche zusammenkochte. Die Bank stand, durch ein Gebüsch getrennt, an der Rückseite des Gärtnerhauses, Lusche liebte es, weil kaum je einer von den Gästen der Villa ,^ands- etf" sich hierher verirrte und weil sie so in dieser einen köstlichen Nachmittagsstunde Tante Katharina ganz für sich allein hatte. „Na, also auf Wiedersehn!" sagte sie, als sie an eine Ecke kamen, wo der Weg zum Hause abbog. „Ich will mal sehen, wo die andern sind..." Es war durchaus nicht nötig, daß sie mit Tante Katharina zugleich auf der Veranda erschien, nur damit Paul und Regina wieder Stoff zum Necken hätten. Sie nahm den schmalen Pfad zwischen Forellenteich und Hundezwinger, wo im tiefen, feuchten Schatten üppiges Farnkraut stand und große, moosüberzogene Steine lagen. Lusche kauerte sich hin und wälzte behutsam einen um, nachdem sie sich, durch einen Blick über die Schulter überzeugt hatte, daß Roller nicht in der Nähe war. Aber niemand sah sie als Argos, der böse Bernhardiner, der im Zwinger lag und mit der Schnauze auf den Pfoten mürrisch zu ihr hinüberblinzelte. Die plattgedrückte Erde unter dem Stein war von feinen, weißen Wurzelfasern und den Furchenspuren eines Regenwurms durchzogen, der hier seit und behaglich gelagert hatte, bis Lusche das Tageslicht so rücksichtslos auf ihn einbrechen ließ. Er machte ein paar wilde Bewegungen, um sich einzubohren, aber Lusche hatte ihn schon ergriffen und hielt in gleichmütig in der hohlen Hand, während sie mit einigem Ekel auf einen würdelos davonhastenden Dausendfuß und einige blind herumwuselnde graue Asseln blickte. Unschlüssig hockte sie noch einen Augenblick und sah auf das regungslose, schwarzgrüne Wasser des Teiches, auf dem Blätter schwammen und in dem Sonnenflecke wie durchsichtige, braungoldene Edelsteine tanzten. Mitunter wurde ein Fisch wie ein flüchtiger Schatten sichtbar, — sollte sie den Regenwurm etwa den Forellen gönnen? Sie öffnete die Hand ein wenig, betrachtete ihn und beschloß, ihn zum Angeln aufzuheben. Sodann legte sie den Stein sorgfältig in seine Mulde und schmiß einen kleineren ins Wasser, um angeregt zuzusehen, wie dies auf die Forellen wirkte, die auf einmal alle da waren und kreuz und quer herumschossen, um sich endlich wieder erschöpft unter das Brett zurückzuziehen, das ihre Zuflucht in der Mitte des Teiches bildete. Großpapa liebte diese Forellen nicht, er behauptete, sie schmeckten nach Schlamm, obgleich der Teich durch eine sinnreiche Ableitung des Baches mit fließendem Wasser gespeist wurde, Lusche ging an diesem Rinnsal entlang, das unter einer Bretterdecke verborgen durch das Gras gluckste. Hier waren Gemüse- und Erdbeerrabatten von Beerensträuchern eingefaßt, sie nahm im Vorbeigehen ein paar Johannisbeeren mit, streichelte über den alten, verrotteten Barren hin, der nahe am Weg« stand, und landete endlich hinter dem Hause. Der Platz unter den Linden war still und leer, die Kugel des Lustkegelspiels zitterte leise an ihrem Strang über den traurig hingemähten Kegeln, von denen nur noch einer seinen Platz behauptete. Lusche gab ihm in einer Aufwallung von Gerechtigkeitsgefühl einen Stoß, daß auch er hintaumelte, und holte bann hinter dem Wasserleitungsrohr, das, von einem grünbewachsenen Hügel künstlich umbaut, seinen eiskalten Strahl in einen steinernen Trog sandte, eine Blechbüchse hervor, in die sie den Regenwurm versenkte, befriedigt in das Geringei ihres Vorrats blickend. Dann spülte sie sich die Hände ab, respektvoll eine fette Kröte betrachtend, die aus der moosgrünen Tiefe des Troges goldäugig zu ihr aufglohle, strich die Hellen Haare aus dem Gesicht, warf einen bekümmerten Blick auf ihre Fingernägel und begab sich um das Haus herum, um sich in der Haltung eines pünktlichen Familienmitgliedes zum Kaffee auf der Loggia einzufinden. Aber hier war noch kein Mensch. Nur Muckl, der Dackel, braun und edel, aber von jeher ohne Berufspflichten und daher träge, lag auf den breiten Stufen in der Sonne und begrüßte Lusche mit einem schwachen Zucken seines Schwanzes. Auf der lichtblau bestickten Decke des großen Tisches stand im Streife feiner Gläser der Wasserkrug aus gelbem ©las, das wie tausendfach geborstenes Eis schimmerte, da standen, schön gebaucht und sanft glänzend, Rahmgieher und Zuckerdose sowie die kristallene Zwiebacksbüchse, und leer und erwartungsvoll harrten die btauen Meißener Tassen auf dem Tischchen am Pfeiler. Die drei Schwanenjungfrauen, deren wunderbare Geschichte die Malerei auf dem Fenster hinter dem Tisch barf teilte, vollführten, still vom Nachmittagslicht durchglüht, ungesehen ihre lautlosen, farbigen Tänze. Ein Blick in das niedere, dämmerige Speisezimmer zeigte Lusche, daß die Spiritusflammen unter den beiden blanken Wiener Kafsee- mafchinen schon brannten, im Lufthauch leis« wehend wie einsame Opfer- schalen, während unter den gewölbten Glasdeckeln der Kaffee schäumend durch das Sieb kochte, und mit dem heißen Dampf ein köstlicher Duft aus den Schnauzen quoll und sich ausbreitete. Aber weder Regina, deren Amt es war, die Entstehung des Kaffees zu überwachen, noch Tante Katharina waren zu sehen, und so zog sich Lufche seufzend wieder auf die Loggia zurück, bauerte sich neben Muckl im Schatten des Oleander- • kübels nieder und begann die ihr erreichbaren Fuchfienknofpen auf dem hochaufgefchütteten Beet zwischen Loggia und „Kinderveranda" auhu= knacken. Das gab einen so angenehmen, winzigen Knall, aber Roller durfte auch dies nicht sehen. Auf einmal hielt sie inne. Da war ja Tante Katharina! Sie faß auf einer Bank am See, dort, wo die steinerne Treppe zwifchen den beiden erzenen Löwen zum Wasser hinabführte, und sah, vom Hause abgewandt und den Arm auf die Lehne gestützt, unverwandt auf das glänzende Wasser hinaus. Lufche legte die Hände in den Schoß. Irgendeine Ahnung sagte ihr, baß Tante Katharina traurig wäre, unb bekümmert starrte sie zu ber einsamen Gestalt hinüber. „Ich wollte nicht abreifen, ohne Ihnen, Herr Geheimrat, die Grüße unseres gemeinsamen Freundes Donalt überbracht zu haben," sagte Anton Herkner errötend, nicht sowohl über diese wohlvorbereitete kleine Lüge, als darüber, daß er sich hier am Parktor plötzlich ber ganzen Familie Erthal gegenübersah, ben alten Geheimrat, auf den Krückstock Schristleitung: i. V. Dr. Fr. W. Lange, Gießen. — unb auf ben Ann feiner Frau gestützt, an ber Spitze. „Mein Name ift Doktor Herkner." Unb indem er ben Hut abnahm, strich er schnell mit ber schmalen Hand über fein unbändiges Haar unb verneigte sich vor den Damen, unter denen Katharina mit einem Gesicht stand, das n vom vorigen Jahre her nur zu gut kannte. Ach, nicht dock, dachte « verzweifelt, nun da habe ich's ja, nun kann alles wieder von vorn« an* fangen. In diesem Reueanfall hörte er kaum, was Erthal sagte, ber ihr» freundlich die Hand schüttelte. Ob Donvlt denn aus Paris zurück fei wo er feit dem Frühjahr verweile? Mein Gott, auch das noch! „Ich fa| ihn vor feiner Abreife," stammelte Herkner, „er wußte, daß ich meint Ferien hier verbringen wollte." So, — das war gerettet! „Der gute Donalt!" sagte der Geheimrat fast zärtlich. „Sie sind mit herzlich willkommen, Herr Doktor, darf ich Sie mit meinen Damen bekannt machen?" Unb wie im Traum hörte Herkner die vielen, Dielen Damen nennen, also: „Meine Frau, meine Schwägerinnen, Fräulein Claaßen —" Herkner erschrak trotz Lüsches Vorbereitung, ja, hießen auch andere so? Unb gerade diese alten Damen?! — „Meine Tochter: Frau Arnholz mit ihrem Sohn Paul, Frau Doktor Lenz mit unser» kleinen Lusche —", ach, die Freundin Lusche! Anton nickte ihr erfreut zu, „— meine Enkelin, Fräulein Regina Wirth und meine Frau unb meine liebe Nichte, Fräulein Katharina Claaßen." Ach, jetzt war bei Augenblick gekommen! Unb noch tiefer errötenb, verbeugte sich Anion Herkner noch einmal unb sagte das, was leichthin unb gewandt klingen sollte... Aber nein, noch ehe er den Mund auftat, hörte er eine andere Stimme, die diese Worte sagte, — Katharina sagte selbst: „Ich glaube, ich hatte bereits das Vergnügen im vorigen Jahr am Bubbeter Strand, Herr Doktor." Dabei nickte sie kaum merklich unb schob ihre Hand in Reginas Arm, bie neben ihr stand. Regina aber, ein wenig atemlos unb mit glänzenden Augen, streckte ihm ihre Hand entgegen unb sagte schnell: „Anton Herkner? Der Dichter? Der sinb Sie boch? Nein, wie ich mich freue!" Ein kleiner, gedämpfter Tumult entstand um Herrn Herkner herum, man sagte „Ah!" unb „Oh!" unb „Nein, wirklich?" währenddessen R«° gina immer noch strahlend seine Hand sesthielt unb nicht bemerkte, daß Katharina sich von ihr losgelöst hatte und ein einsames, verbindliches Lächeln aussetzte, bas sie immerhin notbürftig mit ber ringsum ausgebrochenen Freubenstimmung verbinden mochte. Als man sich jetzt zum Hause zurückwandte und das alte Ehepaar unb seine Töchter den Gast in ihre Mitte nahmen, ging sie mit Tante Lalla als Beschluß des Zuges und legte ihre Hand auf Lüsches Schulter, die wie ein Hündchen neben ihr hertrottete. Die alte Dame war ganz aufgeregt. „Nein, Liebste, uni» du kanntest ihn! Wie interessant! Und an unserem Bubbeier Strand! Erzähle doch!" Katharina schob ihr Kettenarmband zurück und macht« ein etwas gelangweiltes Gesicht. „Nun, wie man sich eben am Strande kennenlernt. Daß er schrieb, wußte ich, wir hielten ihn aber, offen gestanden, für nichts Besonderes. Ist er denn so berühmt, wenn ich fragen darf?" „Oh, ein so bedeutender Mensch!" Tante Lalla wiegte beziehungsvoll den Kops. „Eine Zeitlang sprach man von nichts anderem als feinem Schauspiel, unb seine Gedichte sollen — nun, einfach fabelhaft (ein. Ich, meine Liebe," Tante Lalla räusperte sich etwas trocken, „ich selbst las allerdings noch nichts von ihm, aber trotzdem schätze ich diese persönliche Begegnung als ein großes Glück." „Mit Reisebekanntschaften kann man nie vorsichtig genug sein, wer kann wissen, aus welcher Atmosphäre so ein Mensch kommt," sagte Katharina überlegen. „Das ift ein Grundsatz von mir." „ e „Vortrefflich," bestätigte bie Tante, „so entgeht man Enttäuschungen. Katharina lächelte etwas herbe. „Du verstehst nichts davon, Lusche, aber darum eben kann ich bif davon erzählen," sagte Herkner und blickte über Lusche hinweg nach der fernen Roseninsel, die wie eine dunkle Kapsel auf dem abendlich beglänzten Wasser schwamm. Lusche saß auf ber Ruderbank ihm gegenüber uni» sah ihn mit ergebenen Augen an; sie verlor keines seiner Worte, aber sie antwortete nichts, es war wohl anzunehmen, daß sie nicht verstand. Herkner tauchte [ein Tuch ins Wasser, fuhr damit über feine Augen, die trocken unb gerötet aussahen, unb stöhnte unwillig. „Du bist wie ein guter, stummer Hunb, Lusche, kleines Tier, wie bin da hockst, mit beinen Haaren in ben Augen." „Paul sagt, ich sähe aus wie ein Pavian," sagte Lusche schwermütig; unb wischte mit ber Hand erfolglos über ihre Mähne. „Pavian, Pavian, — Mandrill..." Herkner schüttelte tabelnb ben Kops unb blickte Lusche prüfenb an, — „na, jebenfalls sehr unhöflich von Paul. Du erinnerst mich irgenbwie an mich selber, kleine Lusche, unb es kann mir leib tun, zu denken, daß du eines Tages dein erstes Gedicht geschrieben haben wirst, — wenn es nicht schon geschehen ift. Nein, nein,, ich frage nicht danach, sei ganz ruhig, aber glaube mir, glücklich macht es auf die Dauer nicht! — Doch davon wollte ich ja gar nicht reden, — reden, laut und vor Menschenohren, wollte ich einmal von deiner Tante Katharina, die unter euch wandelt wie eine gefrorene Prinzessin, ja, wahrlich, wie jene Prinzessin mit dem gläsernen Herzen, das einen Sprung bekommen hatte." Er ließ sein Tuch wieder ins Wasser hängen, dieses riesige Seidentuch mit dem bunten Rand, und starrte es bekümmert an. „Wenn ich nur müßte," sprach er in die Tiefe hinab, „wenn ich nur wüßte, was diese Frau für mich so anziehend macht? Eine Frau mit müden, welkenden Wangen, eine Frau, die sich morgens verbergen sollte, weil das scharfe Licht jo grausam gegen ihr armes Gesicht ist, kurz eine alternde Frau, bie keine ar.bere Schönheit hat als ihre verhüllte Gestalt, — unb wer kann wissen, was daran echt ist?" Lusche errötete heiß, ohne zu wissen, warum. „Ich finbe Tanke Katharina überhaupt schön!" sagte sie hilflos unb starrte ihr Gegenüber vorwurfsvoll an. (Schluß folgt.) Druck und Verlag: Brühl'fche Aniversitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange in Gießen,