Nummer 26 Montag, den 4. April Jahrgang (952 schmalen Fenstern. In Zoagli stiegen wir aus und lernten ein italienisches Nest in der heißesten Mittagsstunde kennen: Die glühenden Straßen wie ausgestorben, alle Läden geschlossen, hinter manchen vergitterten Fenstern war etwas verstummt und wartete. So, seltsam verzaubert, lag das Städtchen, von dem aus die Straße voller Entzückungen begann. Auf einem breiten, gewundenen Fahrweg kann man nach Rapallo gehen und hat dann unter sich endlos das Meer. An den Biegungen sieht man den tief einschneidenden Golf, über dem sich die Häuser hoch den Berg hinauf staffeln. Es sind häßliche, aufdringliche Kasten dabei, «der sie bedeuten wenig zwischen den grausilbernen Oliven mit der barocken Zeichnung ihrer dünnen, vieloerästelten Zweige. Sie blühten jetzt im Frühsommer, in dichten Büscheln mit winzigen gelblichweißen Blüten. Steil gleiten die Gärten ins Meer ab, als könnten sie die Fülle glänzender, glatter Blätter nicht aufhalten: Lorbeerhaine, quellend üppig, da- zwischen Bäume mit einer kleinen, orangenartig aussehenden Frucht, nespole genannt, Feigenbäume mit riesigen bizarren Blättern, deren milchig weißer süßer Saft einen die Hände verklebt. Hell und prall bieten sich schon die Früchte an i-m runden Korb der wirr ineinandergeflochtenen Zweige. Eine Magnolienart blüht noch und steckt die großen weißen Blütenkelche fremd und unberührbar zwischen die Blätter, kühl und glatt und glänzend, wie alle hier. Nur die zartgesiederten Mimosenbäume haben ein stumpfes, weißliches Grün und wehen leise und abwesend. Hoch und stell stehen die Palmen, an vielen sind die Blätter nach dem ungewöhnlich kalten Winter trocken und gelb nach abwärts geknickt, aber ander« haben herrlich geschwungene Wedel, die zu einer großartigen, unvergeßlichen Geste ausholen. Dicht unter der Krone quellen ihre Früchte in Büscheln blauer Trauben, an den Stämmen herab rieseln märchenhafte rote Blüten eine Kakteenart, die man in die Kronen pflanzt wie in eine Ampel. Unten am Meer schlagen dann die Agaven mit riesigem Schwung aus kargen Felsen und Mauern. Man begreift nicht, woher sie die Kraft nehmen, ihre Blätter — starre breite Schwerter, bläulich beschlagen, eine Waffe, die lange nicht gebraucht wurde —, wie eine Strandwacht heraufzustoßen. Erst wenn sie ururalt geworden sind, vergessen sie ihre strenge, abwehrende Haltung und überhöhen sich mit mehr als mannshohen Blütenstengeln, die, anmutig geneigt, weiße Rispenblüten tragen. Opuntien mit breiten, fleischigen Blättern blühen in einem duftigen, lockeren Gelb. Sie stehen im quellenden Teppich einer niedrigen, hauswurzartigen Kakteenart, die den Boden mit rosaroten, unendlich zarten Blüten bestickt. Wenn sie so he^abgekommen sind bis ans Meer, die wuchernden, verwirrenden Gärten, dann lassen sie sich zuletzt in der farbigen Kaskade der Rosen, die fast beängstigend über alle Zäune stürzt, in die weiß anrollende Brandung fallen. Sie hat von dem fernen gläsernen Streifen am Horizont das Grün herangetragen, es ist bis in die Oliven hinaufgestiegen und hockt dort nur trockener, verstaubter zwischen den Aesten. Am Morgen saßen wir im ©arten unter schwankem Bambusgebüsch, das in einem sirrenden Tone singt, wie hroße Insekten. Wir aßen den Honig, der nach lauter fremden Blüten schmeckte, in dem die ganze milde und farbige Süße dieses Landes war, die man so in einer wunderbaren Weise aufzunehmen glaubte in sein Blut, im geheimnisvollen Ritus jener Wandlung und Verkörperung, die Brot und Wein in eine Kraft erhöht. Das Meer war heute ganz ruhig. In den Buchten stand das Wasser klar rote Glas, daß man den Spiegel nicht erkennen konnte und tief unten fremd und fern die Wälder der Algen und Moose sah, in denen sich langsam kleine Muscheltiere bewegten. Wie schön, wenn zwischen den Felsen die bronzenen Gestalten Badender lehnten, lässig und in unnachahmlicher Anmut, mit runden Gliedern, denen trotzdem die spielende Kraft nicht fehlte. Einer rief durch die dunkle Muschel seiner Hände: „Filippo, Filippo." Er rief es mit dem runden, singenden Mund, den diese schöne, stolze Sprache ausbildet, er warf die Silben wie goldene Bälle dem Angerufenen über das Wasser hin zu. Wie schön auch, wenn in farbigen Kähnen die braunen Leiber der Fischer gegen das blaue Meer standen, roenn sie die Netze einzogen mit jener zeitlosen Bewegung, schön und voll einfacher Größe, wie die Bewegung des Pflügens, des Samenftreuens, des Mähens, alles, was die Menschen von Anbeginn tun und was ihrem Körper lelbftverständlich ist wie das Gehen. Es kam der sanfteste Abend mit einer Luft, die sich unbeschreiblich leicht atmete, die sich anfühlte wie Samt und zärtlich das Gesicht, die Arme streichelte, daß man lächelnd stillhielt unter süßester Berührung. Oft kamen schwere Wellen unbekannter Düfte, in die sich manchmal der scharfe salzige Fischgeruch des Meeres gebietend drängte. Wir gingen von Rapallo aus die breite Straße nach Santa Margherita bin die sich bald hoch über die Häuser schwingt und über üppigste Garten hin'den Blick auf das Meer hinauslockt, das in Perlmutterfarben mit dem Horizont verschwimmt, und in den mütterlich geöffneten Golf, in dem das Wasser schon nachtblau wird, jene unvergleichliche Farbe, die aus der Tiefe heraufzusteigen scheint. Nahe Pinien verdämmerten schon mit dem fernen dunstigen Umriß des Monte di Portosino, eine feine Rauchsaule entstieg ihm ihr Stamm und ihre Krone breitete sich darüber wie die dunkle Wolk« über einem Vulkan. Morgenlied. Von Paul Appel. Alle Auen haben Die Augen aufgetant Sonne und Veilchenbäche Sehen sich wieder anl Wälder heben die Wimpern, Haben grünen Glanz, Halten Schlehen in Händen, Beten den Rosenkranz! Lerchen, ins Blau geklammert. Tun, roie’s die Erde tut: Streuen ihre Lieder Wie Blumen aus dem Blut, Winden weite Kränze, Tragen Ranken aus, Streuen Festgirlanden lieber das weiße Haus. Die darinnen wohnen, Lachen lind und frei. Kinder erwachen und fragen. Wo die Mutter fei. Straße nach Santa Margherita. Von Lina Staab. Wenn man im Sommer einige Tage in dem graugelben, steinernen Florenz zugebracht hat - selbst der Arno ist gelb, rote Lehm - ertappt man fick/ plötzlich darauf, daß man immer mit leicht geöffnetem, gleichsam erwartungsvollem Munde geht, als müsse durch die heiße slimmernde Luit ein kühler Strom auf einen zukommen. Dann ist es Zeit, die «tast zst verlassen und ans Meer zu gehen, nach Santa Margherita zum Be.- Ste MlnSSi »U”"ur «— "d Stein Mte«. Immer greller wurde das Licht, die Straßen flimmerten weiß, glühend, sie brannten einen die Augen aus. Alles lag unter emer. ump, en - - schicht. Nach einer Weile begann sie hie und da zu glitzern das is i i men, verstärkte sich und sammelte sich dann in riesigen Holsten wie e angehäufter Schatz: Marmorbrüche. Die Gegend von ® e aen Brücke sind phantastische Märchengrotten, die weißen schimmern wie LchnAL,, UN- -m-" «nrrnarbrnd, t*n n»r, »« »,« «>- ste.mpi.un- --'duntelte sich «u grauen Castellen ^unb kleinen, verstummten Städtchen nut Mauern und ^Lehriürmen. Und noch lieh der Stein uns nicht los er A noch einmal ganz und gar, als der Zug bei Sp die Tunne s fuhr. In den Wagen brannte kein Licht, das d'e.Fmsternis em wemg fort schöbe, es war eine vollkommene Dunkelheit die man auf der Haut fühlte sie taa auf uns, eng, beklemmend, drohend, vofe. fuytte, sieg( brennendes leuchtendes Blau, ein so unwirkliches Blau, daß man hmemzu,liege glaubt. - Einen Augenblick nur Dann wieder dichte Stnftanw. Hatte man nicht Felsen gesehen —Eme La me . , bie gewesen —? Eine Spiegelung von innen her, Wunschbild der Augen, Die MW SÄ Ku7«16 in. 3unM - -i-d» -■ .und «*■ der —, rasch nacheinander —. Die Nacht knistert sch" Boaenausschnitt Einschlag, sie verbrennt und stürzt in sich zusammen. Em Logenausschn im Tunnel gibt das Meer frei. «■„„(»s.» in her Erregend vorbereitet durch die schmalen, blinzelnden schütze m der steinernen Wand, liegt nun draußen vor dem Zug, d . Steilküste hinfährt, ganz dicht am Wasser, das vollendete ^ld. Die un v sehbare Fläche des Meeres, von einem o funkelndenLaudatz man es nicht 3u ertragen glaubt und davor erschrickt A ganz hohen Wellen schlägt es gegen die weit vorspringenden Fe sen Durch cke ^nen,^ €5 [ich in [flnQGV v^eit uu5cicn)ü|d)cn pnt, illeßt ? > ' . schaumig zurück, in immer' gleichen Mustern und . - riefel zarter Spitzen, leicht und ipieterifcf) "b-r den Stein gebreltet.^iah hundertealtes Spitzenmotiv dieser Küste. Manchmal schl etz 3 gerundete, atmende Bucht sich auf, in der das Waffe sch_ über der ein ganz lichter, gläserner Himmel das funkelnde -blau Chiavari, Zoagli - lehnen sich hübsche kteme Kustenstadte m die Luchten. Die Häuser sind kubisch, viele mit flachen Dächern, alle 11 GiehenerZainüienbMek Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Wir fanden einen fchmalen Treppenwcg, der rascher und schöner nach Santa Margherita hinuntersührte. Auf dem lockeren bröckelnden Gestein, das unter dem Fuße fortrollt, liegen noch die hellgrünen Lazerien, regungslos, aus der Mauer gequollen wie se lsnm geformte sie schige Kakteen bis sie beim nächsten Schritt in ihren Unterschlupf zurucksahren. Ab und zu blitzt ein Funke zwischen den Büschen, kaum wahrgenommen zuerst bis die Rächt, die hier schon rascher einsallt, Schwarme großer Leuchtkäfer auffliegen läßt. Die ganze Lust beginnt zu flimmern, zu sprühen, die Hand, die die Zweige streift, der -tritt unseres Fußes lost magische grüngoldene Feuer und bläuliche Fläminchen aus dem Dunkel, wir sind begabt mit unbekannten Kräften an dieser zauberhaften Küste. Ünien in Santa Margherita schimmert sogar die breite Autostraße von dem glimmernden Phosphorlicht. Ueber dem Meere tanzen die Kaser in dichten Schwärmen, sie stecken blitzende Agraffen in iipu'6!' neuen .££Tta° menten in den schwarzblauen Samt, bis die Funken im Wasser zischend zu verlöschen scheinen. . „ ... , Nah am Meere sitzen wir unter Palmen, trinken Tee und rauchen, wun chlos, vollkommen losgelöst von allem, was uns noch vor Wochen drängte und trieb. Immer noch — es ist schon nahe an Mitternacht — ist die Luft wunderbar warm. Wir lassen es zu, daß der schwebende und durchsichtige Schlaf, wie wir ihn sonst nur im Walde kannten und wie er uns hier jede Nacht geschenkt war, jchon über uns kommt. §)alb träum- wandelnd gehen wir nach Rapallo zurück. Wir tasten uns entlang an der Lichterkette des Golfes, als ließen wir die Perlen eines Rosenkranzes innig durch die Hände gleiten. Leise schlägt das Meer an. Drüben glänzt noch einmal Santa Margherita auf, Ende unserer Straße an der Riviera die Levante, eingelegt mit den lebendigen Funken der Leuchtkäfer, kostbarstes Schloß an der wunderbaren Kette. Muntto. Zum 250. Todestage des spanischen Malers. Von Dr. Paul Landau. Bartolome Estöbcm Murillo, dessen Todestag sich am 3. April zum 250. Male jährte, ist der populärste spanische Maler und einer der bekanntesten Malern überhaupt. Jedermann kennt seine prächtigen, in ihrer Verwahrlosung so malerischen Gassenjungen, von denen die Münchener alte Pinakothek die berühmtesten Beispiele enthält, kennt feine Heiligen, die so liebend das Christkind umarmen, kennt die lieblichen Kinderbilder von Jesus und Johannes und die wundervollen Darstellungen der Purissima, der allerreinsten Madonna. Diese allgemeine Beliebtheit und Volkstümlichkeit hat aber in neuerer Zeit einen Rückschlag erfahren, indem man Murillo (1617—1682) gegen seine großen Zeitgenossen, gegen Velasquez, ja auch gegen Ribera und Zurbaran, herabsetzte. Wie die Kunst Mozarts eine Zeitlang, wie die Raffaels, ist auch die harmonisch süße, schönheits- verklärte Welt des Meisters von Sevilla der Glätte und Weichlichkeit angeklagt worden, ein Urteil, bei dem veraltete Vorurteile und vergänglicher Zeitgeschmack zusammenwirkten. Die spanische Kunst war bei der Abgeschlossenheit und Eigenart dieser phantasiegewaltigen Ration für das übrige Europa ein unentdecktes Gebiet, bevor die französischen Romantiker und in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Kunsthistoriker, bei uns vor allem Karl I u ft i, es entdeckten. Velasquez ward von einer Zeit, die in feinem unerreichbaren Naturalismus das Ideal der Kunst sah, als der „Meister schlechthin" gepriesen, und dann wollten die Expressionisten in der visionären Phantastik des Greco seinen Ueberwinder erkennen. Es war natürlich, daß man in der Begeisterung über diese neuentdeckten Künstler, über den einzigen spanischen Maler hinwegsah, der bereits seit mehr als einem Jahrhundert das allgemeine Entzücken erregt hatte. Murillo ist neben den ihm verwandten Malern Coreggio und Raffael ein Liebling des 18. Jahrhunderts, das in der zärtlichen Anmut und der schwebenden Schlankheit seiner Engel etwas Verwandtes fühlte. Raphael Mengs, einer der Hauptvertreter der Kunst um 1750s wurde während feines Aufenthaltes in Spanien fein Lobredner; feine Bilder, vor allem seine Genreszenen, wurden so begehrt, daß sie aus Spanien völlig verschwunden sind, und die Raublust der Franzosen während der napoleonischen Kriege richtete sich in erster Linie auf die Werke des Scvillaners, die von ihren ursprünglichen Standorten weggeschleppt und überallhin verstreut wurden. Der beste Ausdruck dieser Mertschätzung sind die Riesenpreise, die schon im 19. Jahrhundert für Murillo bezahlt wurden. Für die „Purissima" des Louvre zahlte Napoleon 1852 615 300 Frs., einen Preis, der damals einzigartig dastand. Franz Kugler nennt in seiner für das Urteil der Romantik bezeichnenden „Geschichte der Malerei" Murillo den „Raffael seines Jahrhundert", und so ward er stets als der „spanische Klassiker" gefeiert, bis man schließlich das wahre Spaniertum in der wilden Kraft Riberas, in dem verzückten Ueberschwang des Greco und der stolzen Gravität des Velasquez gesunden zu haben meinte. Trotzdem bleibt Murillo der „spanischste Meister", denn in ihm, dem letzten Maler der Hochblütezeit spanischer Kunst, ist wie in einem Brennpunkt aller Glanz, alle Gröhe und alle Schönheit dieser Epoche vereinigt. Seine Werke haben die naturalistische Beobachtung eines Ribera und Zurbaran ohne deren düstere Gewaltsamkeit, sie atmen die erhabene Naturwahrheit des Velasquez und seinen geheimnisvollen Farbenzauber; sie bieten zugleich das ergreifendste Bild des Uebernatiirlichen, ohne die krankhafte Steigerung in den Werken des Greco. Nirgends ist das höchste Geheimnis der spanischen Kunst, die Vereinigung von Erdenschönheit und Himmelsglanz, von Wirklichkeit und Traum, vollendeter offenbart morden als in jenen großen Kemäldezyklen, die Murillo für die Kirchen Sevillas geschaffen. Seine Schöpfungen find der natürlichste Ausdruck jenes Volkscharakters, der aus dem gleichzeitigen Schrifttum hervortritt, und in seinen zerlumpten Betteljungen erkennen wir ebenso die pfiffigen Helden der Schelmenromane wieder wie in seinen Heiligenoisionen die zauberhaft überirdischen Gesichte der heiligen Theresa und des Juan de la Cruz. Der sinnlich warme, himmlisch zarte Zauber seiner Gestalten erblüht aus der unbefangenen naiven Beobachtung einer glücklichen Menschennatur, die keiner vor ihm besessen. „Seine künstlerische Größe", sagt Jusii, der feinste Ergründer seiner Kunst, „liegt darin, daß er das eigenartige Wesen, den besonderen Zauber südspanischer Menschennatur zuerst gesehen, ihre Palette und Pinselführung angepaßt und es geroagt l)at, sie in die heiligen Bilder einzusühren. Das sind jene leichten elastischen Gestalten von biegsamer Anmut des Körpers, jene weichen Formen, die nicht für die Plastik, aber für die Malerei geschaffen sind, jenes tiefe Braun der grotzen Augen und der Haare, neben einer warmen das Licht reflektierenden Haut. Das scheint manchem nichts Besonderes; aber niemand hatte es bis auf ihn gefunden, niemand hat es ihm nachahmen können. Dies südspanische Milieu, das dem Orient noch so nahesteht, war die rechte Umwelt für die heilige Geschichte und die Legenden, die den Stoff feiner Bilder ausmachen. Die idyllische Patriarchenlust des Alten Testaments «>ebt durch seine Szenen; in ihnen wogt die glühend heiße Sonne des Südens, die alles in Goldglanz taucht und dem träumenden Hirn feenhafte Lustspiegelungen eines besseren Jenseits vortäuscht. Murillo gehört zu jenen glücklichen Genien, deren Werke mühelos hervorgezaubert zu sein scheinen und mit einer selbstverständlichen Notwendigkeit eine klassische Schönheit ausstrahlen. Ader er so menifl tme Mozart oder Heine war ein Meister von Anbeginn. Das Handwerkliche erlernte er bei feinem Lehrer Juan de Castillo, der aber ein langwelliger Akademiker war. Ein ehemaliger Mitschüler, Pedro Moya, der in Isländern und England die Kunst des Rubens und van Dyck bewundert hakte, zeigte dem nie aus seiner Provinz herausgekommenen Jüngling den Weg zu höheren Vorbildern, und wenn ihm auch die Mittel zu einer Reise nach Flandern nicht reichten, so erhielt er doch in Madrid durch seinen Landsmann, den Hofmaler des Königs, Velasquez, die Erlaubnis, die Werke der im Besitz des Königs befindlichen großen Meister zu studieren. So hak er in zwei kurzen Jahren des Studiums die Sprache gelernt, in der er dann fein Eigenstes auszudrücken verstand. Das erste große Werk, das er schuf, der Gemäldezyklus im Frcinziskanerkloster zu Sevilla, machte ihn mit einem Schlage berühmt. Die ganze Tonleiter seiner so überaus reichen Darstellungsmittel ist hier schon angeschlagene die Kraft feines Pathos, die Liebenswürdigkeit feines Humors, der Reichtum feiner Phantasie, die Inbrunst feines Glaubens. In der berühmten „Engelkück)«" des Louvre ist alles enthalten, was er dann reicher und in einer wundervollen Fülle ausgeführt hat: wie weltentrückt ist die Figur des im Licht- glanz schwebenden betenden Diego, dessen Küchenmeisteramt die Engel versehen; wie überirdisch wirken die großen Engel mit den blitzenden Flügeln; wie luftig lieblich das kleine Engelvolk! Und der Realismus kommt in den Porträts der eintretenden Herren, in dem so greifbar gegebenen Küchenrahmen zum Ausdruck. Murillo ist vor allem der unerreichte Darsteller des Kindes, in dem das Naturnahe des Werdens sich mit der ahnungsvollen Verheißung einer künftigen Entwicklung verbindet. Daher sind die Figuren [einer Visionen, wenn sie nicht wie Christus und Johannes als Kinder dargestellt werden, dem Kindlick-en angenähert, so di« Jungfrau und die Engel. In seiner sinnlich-überfinnlichen Kunst verschmelzen die Farbenwunder immer inniger mit einer alles umwogenden und überrieselnden Darstellung des Lichtes. Man hat bereits früh drei Stile im Werk Murillos abzugrenzen versucht, die die spanifchen Aesthc- tifer mit den Namen „estilo frigido, calido und vaporoso“ bezeichnet haben. Die Entwicklung feiner Technik kommt darin gut zum Ausdruck. Dom „kalten Stil", der noch hart im Ton und dunkel in der Farbe, scharf im Licht und nüchtern im Ausdruck ist, wendet er sich bald zu dem „warmen Stil", der weiche satte Farben und starke Gegensätze von Licht und Schatten liebt. Seine Höhe aber erreicht der Meister in jenem estilo vaporoso, der ganz sein persönliches Eigentum ist und die lockerste, zarteste Verbindung von Farbe und Licht erreicht. Schon zehn Jahre nach feiner Rückkehr aus Madrid in dem Bilde des hl. Antonius in der Taufkapelle zu Sevilla, dem das Jesuskind in lichter Engelwolke erscheint, ist dieser Höhepunkt erreicht, und dann feiert seine die Dinge in Licht und Lust badende Kunst ihre Triumphe in den großen Zyklen der Hospitalskirche der Caridad und der Kapuzinerkirche zu Sevilla. Murillo gehört zu jenen seligen Geistern, zu denen Goethe in seiner Geschichte der Farbenlehre Plato rechnet, und von denen er sagt, daß es ihnen beliebt, einige Zeit auf der Welt zu herbergen. „Es ist ihm nicht sowohl darum zu tun, sie kennenzulernen, weil er sie schon voraussetzt, als ihr dasjenige, was er mitbringt und war ihr so nottut, freundlich wit- zuteilen." (sein beglückendes und erhebendes Wirken in der Welt, das nun drei Jahnhunderte währt, wird noch so manches Jahrhundert ,ortbauern. Magre des Segelfirrges. Erlebnisse in Soffitten. Don Ernst Keienburg. Die Dogeimenschen. Die Düne lag und träumte. Da kam der Mensch in das unberührte Land und toarf seine Metze in das schäumende Wasser. Gr rang mit der Erde und machte sich zum Herrn der Mehrung. Einzig das Getier in den Lüsten blieb frei: die Reiher, die unter dem Himmel siedelten, die Seeadler, die sich durch die Wolken schwangen, daß ihre Schatten gleich dunklen Blitzen über die sonnige Düne huschten. Der Menschen wurden mehr. Es kamen Fischer und Bauern, Seh» haste und solche, die die Sehnsucht in die Einsamkeit trieb. 11 nb eines Tages kamen die, welche man „Dogeimenschen" nannte. Es war ein helläugiges, kühnes Geschlecht, das sich in der Wildnis Sih und Raum schuf. Dicht Wasser, nicht Erde, nicht Frucht und nicht Beute waren ihr Begehr, ihre Augen wanderten den Möven und Seeadlern nad). Wenn ihre Hände müde waren, die Axt und die Schaufel zu führen, standen sie auf der wogenden Düne und sahen die herrlichen Geschöpfe des Himmels in die Abendröte entgleiten, lind es regte sich in ihnen ein alter Menschheitstraum, und es brannte in ihnen das Verlangen, die Schwere des Körpers zu besiegen und sich dem Geiste gleich Über Meere und Wälder zu erheben. Dicht lange währte es, so Hang ihr Jubel durch die Sandberge, und ihre weihen Riesenvögel, durch die Kunstfertigkeit ihrer Hände erzeugt, erhoben sich in wilden Sprüngen gegen die Ströme des tragenden Windes. ijetu»* rang ? i« ©ehe* in fei»“ , daher hm mchi . Sicht, >lich das nun rldauern, »«ItH «. ihre e Hcih, m Mn für bit 11 in btr ■Heren> 1 bullt " Dis . redjti ’ feinet amenls ne bei n fetn= lüfjelüB n Nol- ng mit *ert!id)f Heiliger i Sian» t Halle, tn Weg r Steife feinen ns, die nbicren. ernt, in e Werk, machle überaus I feines r Phon- he" des mnnder- n Lichi- t Enge! iihenden aiismus greifbar : er unen ■ «ns sich trbinW. itus und ihcrt, |o mft vermögenden rüh drei Aesilst >i haben d. Som charf im warmen icht und m estilo zarteßk ch feinet uffopell« ist diele' md Last j lalskitcht tn, 6$ stchg 'n ’ Diefes Entdeckertum geht zunächst den Menschen an. Es sind magische Kräste zu wecken, Instinkte wieder zu entwickeln, die sicher vor Jahrtausenden schon einmal kultiviert waren, und die der kritiklose Gotzen- dienst an der Maschine im Lause der Jahrhunderte verkümmert und verschüttet hat. Welch wunderliches Erlebnis war es, als vor Jahren em Rhönslieaer bei Kassel von einer Gewitterwolke in 2500 Meter Hohe ausaesoaen und in einer phantastischen Wolkenreise bis nach Weimar entführt wurde. Wie aufwühlend der Gedanke, daß es möglich ist, mit ben Wolken zu wandern, an ihren Rändern emporzuklettern, aus ihren Rucken abzugleiten — mit 'nichts mehr ausgerüstet, als den Fittichen einer einfachen naturgegebenen Maschine, die keiner Motorkraft bedarf. Diese Auslösung neuer, ungeahnter Kräfte im Kampfe mit einer geheimnisvollen Raturkrast, die wir aus Verlegenheit „Luft"^ nennen, schafft in den ungen Leuten, die nach Rossitten eilen, eine Wandlung, eine Gläubigkeit die erschüttert. Ihr Wesen wird von aller Kleinlichkeit gereinigt Sorgen des Semesters, der Werkstube werden unbedeutend, em Bündnis'zwischen Geist und Hand vollzieht sich, durch das Tüchtige, Wagemutige Frohe wächst die Mannschaft heran, eine Einheit von Willen und Vorwärtsgeist. Rur Pionier sein wollen! Rur teilhaben an dem «ungen Lustfahrergeist, der Deutschlands Zukunst sein könnte! Und dann kommen die ernsten besinnlichen Stunden in der Werkstatt, wo die fleißige Hand aus dem edlen Material Form und Zweck entwickelt, es kommen die Tage voll Sonne und Freiheit, wo die großen Vogel in den Wind springen es kommen die gleißenden Mittage voll Muhe und Schweiß die den Schüler eine äußerste Disziplin lehren und das Verhältnis von Körper und Geist mit einem frischen Sinn erfüllen, es kommen Abende an langer Tafel, die Stunden der Geselligkeit, der Lieder, der Kameradschaft — es kommt der große Augenblick, wo der Anfänger zum Prüfling und aus dem Prüfling der junge Meister wird Run ist er nach glücklichem Probeslug gelandet und steht überwältigt da. ubergellt von dem „Kranich"-Rus, dem Gruße der Segelflieger — -w Gluckser dessen Lebensgefühl von heute ab in em neues, gehobenes Stadium geruckt ist. Karlsbader Novelle. Von Erwin Guido K o l b e n h e y e r. Copyright by Verlag Georg Müller, München. (Fortsetzung.) Goethe stand auf dem Stege still. Hier hatte «in bedeutender Aus» gleich Zeichen und Bild gewonnen, «in Ausgleich, der zu den fegens- reidtften einer ringenden Menschheit gehörte: unter der Talsohle die drängend« Dämonie der Urgewalten, heiß, inbrünstig, uberschauniend, i und ober ihr beherrschenden Ortes die gemeisterte Form der Kuchem front selbst noch voll leidenschaftlicher Zuge, aber gebunden m ihrer Bewegung, zur Harmonie entschlossen, freundlicher Ernst, dienende Eh - furcht Segen geworden. Wahrhaftig, dieser theresianische Baumeister, er erinnert sich des Namens Dienzenhofer, hat seine Kunst vermocht und gewußt Ort und Gelegenheit zu erfassen! Er hat dem kochenden Tr ebe zu Füßen seiner Kirche einen Zauberbann gesungen. In die weiten Auaen des Beobachters fiel ein Schimmer, um [eine Sippen jpielte ferne Wie wird es sein, bald, bald, nach Wochen zahlbar, wenn er der bildnerischen Gewalt eines Bramante, Raffael, Peruzzi und des riesenhaften Buonarroti gegenüberstehen werde? Still noch öaruber und heimlich! Daß kein Übles Geschick seine Hof nungen unterhöhle! I Goethes Züge wurden heiter vor seinem bangenden Herzen. War es I auch wunderlich dah ihn hier eine abergläubische Furcht Aw g? Unter ftu,en S°hlen w°Ibte eine dämonische Natur die unterirdische Kuppel, I beren Tiefe nicht zu ermessen war, deren Scheitel aber, stetig wachsend, das Flüßchen abdrängte. Und diese Gewalt sprengte den eigenen Bau, I trieb den kochenden Kraftstrahl durch die Fugen, hauchte betäubenden Atem durch die Risse. Es war verständlich, daß hier Menschen um ihren unbändigen Quell zitterten, daß sie abergläubisch und ihres Reichtums bange roQ$a fiel fein Bück auf etliche Schlächtergesellen, die ein Schwein im heißen Abflüsse brühten. Es geschah neben dem Steg im Fluhbette. Er aina ernüchtert weiter, den Springer zu begrüßen. I 8 Der Sprudelquell lag einige Ellen tiefer als der Nretterboden des I hölzernen ^Tempelchens. Eine feiner Adern lieh den Gischt durch eine I ewlzröhre steigen und mannshoch gegen das Dach des Tempelchens anspringen das durch eine offene Laterne gelüftet war. Der Dampf fand kaum Raum genug, füllte den Trichter der Decke und quoll unter deren Rand ins FrHe. Ein Gitter umzäunte die Quelle. Es war gcfchloffen. I (Soetbe verfolgte durch die grünen Latten hindurch den ansturmenden I Rbnthmus. Er beschloß noch am 216 enb seinen Doktor Becher zu besuchen, um nichts von der lange versäumten Zeit zu verlieren. Und dann schritt er üb r ben leeren Platz vor bem Sprubelfaale am Haufe des berühmten Arztes vorbei über bie Brücke mit der Johannesstatue inmitten zu den ’^iJXS durch die Fenster der Farnilien- I mohnuna erspäht Und nun empfing sie den Gast in steisgestärkten Sonn- wasröckeV über denen sich ihr Kleid bauschte, und einem blenbenbreinen I Schultertuche bas kreuzweis über die Brust gebunden war. Wahrend sie die tnisternden Falten zierlich lupfte und kmxte, füllte sie fast den engen Flurqang zwischen der Wohnungstür und der stecken Holzstiege. Und sie brachte8ihre Freude über die hohe Ehre zum Ausdrucke und die fioffnuna daß dero Exzellenz Geheimerat sich wohl befanden und dito durch die' beschwerliche Tour nicht fatigiert seien. O ja, sie wußte ihre Worte zu sehen! Das hatten sonderlich die Ehewirtinnen der Karlsbader den Herren Kammerdienern und Sekretären be^ Herrschaften abgelernt. Sodann liehe die Frau Oberftallmeisterln von Stein dero Exzellenz Ge- heOnerat ihr freundliches Kompliment bestellen und sie et auf einer aflcrnblee im Sächsischen Saal, erwarte aber Jhro Exzellenz gehabter Reisemolestie wegen auf diesen Abend nicht, freue sich desto mehr auf mDlj,Unb wo wohnt die Frau DberftaUmeifterin?" Da geschah es, daß bie Düne erwachte, aus einem Jahrtausend-- | langen 'Hindämmern und sich der Pulsenden Gegenwart dienstbar -nackte die ein neues Jahrtausend der Luftbeherrschung erfchliehen I inodyte’ durch den Trieb der Statur und den Willen des Geistes. lleberall Magie. eeaelfluq ist weihe Magie, ist Dreieinigkeit und Schönheit, Tat I jnb Deseligung. Am Anfang aller seiner Offenbarungen aber steht die K-cinut vor der Natur, ein heißes, dankbares und sehnsüchtiges Emp» I linben für die unberührte Schöpfung aus Gottes Hand, für den Rausch I Daseins, die Durchflutung des Lichtes, die Umarmung von Himmel an%5ir^toen&en den Mick zurück durch der Jahre Flucht. Ein Mensch | geht über die Düne, die in zärtliches Korallenrot eines frühen Som- mertages aus dem Schaum der Brandung, aus den Frühnebeln der I Aehrunasforste zu feierlicher Pracht erglommen ist. Wo die Sandhugel I ,ur Bastion sich türmen, da steht der Wanderer, wie festgebannt, eine I erzene Silhouette gegen den metallischen Schild des Himmels, die I Arme erhoben und die Augen in die stählerne Weite gerichtet, >n der, I unwirklich fern und doch sehnsüchtig nahe, ein ©eeablerpaar mit I regungslosen Schwingen durch den Aether segelt. Kern TLmdhauch I ft zu spüren, nicht die leiseste Luftbewegung träufelt das Wasser, und I wolkenlos, wie eine Wand aus lichtblauer Seide, ist heute auch das Firmament. Doch die Könige da oben, die Freien unter Gottes Stimmet scheinen keines bewegenden Antriebes zu bedürfen, sie gleiten I und schweben zauberhaft und körperlos durch den Weltenraum und schrauben sich beseligt in den Glast nur erahnter Regionen empor ohne Mühe, ohne den leisesten Flügelschlag, als sauge die Sonne selber I 'IC E^ tst ein Wunder geschehen, ein Mirakel, und wen es angerührt I hat den verzaubert es mit und läßt ihn nicht los. Diesen hier.der verzückt auf der Düne stand, den Betrachter eines herrlichen Schauspiels, traf das Erlebnis zutiefst und erregte ihn von Grund aus — bafi er jetzt schweigend an uns vorübergeht, fast finsteren Gesichtes i und, unseren Gruß kaum beobachtend, seinen Weg zu den Flugzeug- I schuppen nimmt. Seine Freunde kennen ihn: „ Laßt heute, sagen sie, . es hat ihn wieder mal gepackt , und sie erzahlen die seltsaiiftten I Dinge von Ferdinand Schulz, dem fliegenden Bolksschullehrer, dem I Bogelrnenfchen von mhstischer Kraft, dessen Andenken E wird, obschon ihn uns ein tückischer Zufall entriß. „Er hatte seine I Seele dem Segelfluge verschrieben und sein Schatten wandert auch I heute noch über die Düne" — raunen die Abergläubischen »ich munkeln I Don einer hohen geheimnisvollen Gestalt mit den Zugen des Ewigen, d > ihnen in der Dunenwildnis erschien, mit Augen, d'e dem Irdischen entrückt der silbernen Ferne über dem Meere verhaftet waren, wo über schneeigen Wolkengipfeln das Flugblld eines Seeadlers hing. Solcher 'Mythen find viele, sie quellen ans bem Poetischen des Segelfluges, doch das Schöne dabei ist, daß sie Nichts verdunkeln und entstellen sondern gleichsam ermunternd und freundlich in öic ®egcn I wart hineinstrahlen. Jeder Jungflieger möchte em ^din°nd Schulz werden, und immer wieder «nt£omi2.‘CtArA^b^$SfaribeT?J bie sich aus Ahnung und Sehnsucht dem Geschlecht der „ckkarioen zugesetten, die aus innerem Zwang heraus zum fliegerischen Erlebnis । lommen. * Do ist her Rastenburqcr, Oberleutnant Dinort, Führer und Vorbild einer jüngeren Generation der über 14 Stunden das Luftmeer in motorlosem Fluge durchmaß. Auch in diesem schweigsamen Ostpreußen brennt das heilige Feuer einer Begeisterung, die weit über Nur-Sportliches binau^ n die Tiefe des Kosmischen leuchtet. Man mochte wissen, was er Ä.I. s*. @«9. »»•»»b-rn«. d-° x feines nächtlichen Rekordfluges, der fernen Namen durch Mnz^uropa Dünenkette, S^7?spr7n^ ?ervor/gro^und ^ke^gig> huschte über den nächtlichen Riesenvoge! sernatinetedas^eer Bangen Überfiel die Zuschauer unten ,°u der Dime zwischen d n fwckern ben Siqnalfeuern ... doch wenn fie lausten nu t cmgejpiin’ ’ hörten sie den Klang einer menschluyen Stimme über sich M Den ft^n, sie sang und jubelte. Der neue Tag kam heraus und Srußte^n jungen, starken Lickst das Gluck °u' der DlM^ in cincm einer ungeheuren Freude, die sich nach Nossittener- g i g Hellen Kranichschrei durch die hügelatmende Landschaft schwang. D i e j u n g e M a n n s ch a f t. . Immer, wenn Magie im Menschen wirkt geschieht es, dah^das Alltägliche, Angelernte, Gewohnheitsmäßige >n uns t . mafUr jn uns Wunder des Elementaren, das die Enftremdung vonHat« in uns verschüttet hat, neu in uns ersteht. Wer diese r “ ™ ™ Sehnsucht, den seelischen Auftrieb, den wunderoaren,^wklang v°n Mengt; und Schöpfung, der die jungen Segelfliegereifüllt und bcge lten, s> ctü Ort und Stelle erlebt hat, kann sich kaum ein »*«• »>«l« "K. mäßig heroorquellenden Bewegung machen die sch .f. *L WQ5 mjt Jahren eine klassische Stätte schuf. Hier ist etwas entstanden was mu Sport im landläufigen Sinne nur wenig zusami ,, ^Kompliziertheit Durchbruch eines ungen Eroberergefttes, der ernaller Komp 0 ertye.r von Technik und maschineller Raffinesse, um Gesetz und Geheimmtze saft noch unbekannten Elementes ringt. wo hat die Frau Oberstallmeisterin Glück. Und Sie sei, da leider im Hause für dieses Jahr kein Logis frei gewesen, im .Goldenen Straußen' abgestiegen, beim Chirurgus Schorschino. _ Gut" sagte er etwas belegt. „Meint Sie, Madame Heinin, daß mich der Doktor Becher noch aus diesen Abend empfangen werde?" - Die Hauswirtin versichert«, daß es dem Doktor «ine Ehre sein werde, Ihre Exzellenz sogleich zu besuchen. Sie wolle den Schwiegervater hinuber- senden. Allein Goethe lehnte ab. Er werde selbst gehen, bitte nur, daß man ihn melde. ,, Da scholl ein klägliches Stimmchen aus der Wohnung, und Goethe fragte freundlich. Helena Heinin faßte ihre Röcke mit spitzen Fingern und sah errötend nieder. _ .. . „Ein Bub, Ihro Exzellenz, und ist mit dem Namen Ferdinand aus der Tauf gehoben." „Da wünsche ich Ihr mich aufgehoben?" r ~ , . „Belieben: im ersten Stock, auf die .Wiesen' hinaus, der Saal und di«'Kabinetten beide." ,, , t , .. c Sie ging diensteifrig die Stiege voran, und Goethe folgte ihr auf knisternden Stufen, über die er im vergangenen Jahre so oft zu Lotte gestiegen war, daß er fast traumwandlerisch auch noch in j«nen Tagen hinaufqesunden hatte und aus dem Befangen einer geliebten Gewohnheit hatte bitter erwachen müssen, als sich die stets Entgleitende schon langlt auf der Heimreise, ja schon in Weimar befand. Die Hauswirtin öffnet« die Tür und ließ den Geheimerat in das Helle dreifenstrige Zimmer vorantreten. „Es ist dasselbe", sagte er, „ich danke Ihr. „Ihre Gnaden, die Frau Oberstallmeisterin von Stein hat mit Pläsier bei "uns logiert, ich bitte gleichfalls Ihrs Exzellenz." Damit verschwand Madame Hein. Als er dann von dem Arzt« die Vorschrift der ersten Kur erhalten hatte, schlenderte er, auch jetzt noch gleichsam unbekannt und aller Achtsamkeit auf andere enthoben, flußaufwärts unter den Kastanienkronen der .Wiese'. Die ununterbrochene Häuserzeile zur rechten Seite mit ihren vielen Gardinenfenstern und den Dacherkern, den bunten Hausschildern und fleißigen Werkstätten zur ebenen Erde — vertraut kam ihm das alles! Als feien die Monate nicht gewesen, die diesen Abend von den befreiten Wochen des Vorjahres trennten! Er zog die breite Krampe feines Hutes tiefer und schloß den Mantel. Die Wolken hatten zu sprühen begonnen und es war kühl, als sende ein fernes Gewitter den Hauch feines Flügelschlages in den enggewundenen Wasserriß dieses Tales. Dort über den Wiesenhäusern hingen die Riffe des Hirschensteins. Der Granit der böhmischen Wälder hatte es ihm sonderbar angetan. Aber sein Hammer war in Weimar zurückgelassen worden: das Reich der Steine sollte ruhen, die Wochen waren voll von anderem. Nur eine Ausnahme wollte er sich gönnen, nicht hier: die Silbergruben im sächsischen Schneeberg. Sie waren im vergangenen Jahr verwehrt worden, ein Gesuch lief an das Dresdner Hofamt, und hier erwartete er den Bescheid. Es sollte auch nur mehr ein Nachholen, ein Beschließen sein. Die Grenzen der Mineralogie blieben erreicht, er hätte die Chemie meistern müssen, um tiefer einzudringen. Enge des Lebens, Klemme der Zeit! Er hätte Mut und Lust zwiefach zu leben, um das zu meistern, was ihn an gestaltforderndem Chaos bedrängte. Aber er durfte sich nicht verlieren, mußte sich begrenzen, selbst meistern, jener tiefsten Luft Herr zu werden, der Lust des einenden Blickes, der wesentlichen Schau. So mochte das Steinreich für diesen Sommer hinter verschlossenen Türen ruhen! Das Reich der Pflanzen aber hatte sich ihm in den letzten Monaten anders und sonderbar aufgetan. Hier, wo es Leben und Wachstum galt, war er des Urwesens, mit dem di« Natur in mannigfaltigen Lebensformen gleichsam spielte, wie unter einer Eingebung bewußt geworden. Kein Traum, keine Phantasie, unsäglich aber die Freude, ein ungeheueres Reich in seiner Ouellgestalt erschlossen zu sehen: die Vision der Urpflanze. Wie gut, daß der Regen die Gäste in den Sälen und Häusern hielt, jo konnte er sich recht in den Ort finden, der ihn mit jedem Schritt vertrauter, fast heimatlich umfing. Und gut, daß sie sich bei einer Assemblee zurückhielt! Vielleicht gönnte sie ihm diese Frist einer Einbettung feines Lebensgefühles. Er wollte ihr jetzt alles Zartgesinnte zutrauen. Seine Stirne verfinsterte sich, er schritt etwas weiter aus, als müsse er von trüben Gedanken loskommen. Er hatte ihr um ihres ärmsten Sohnes Ernst willen in letzter Zeit auch anderes zugemutet. Sie war Freundin und liebende Seele — mehr als Mutter. Konnte sie anders jein? Der Hof forderte Geselligkeit und verödete die Familie. Ach, er verödete auch di« Persönlichkeit! War es nicht sein Kampf und anfänglicher sieg gewesen, das Bürgergut einer freien Persönlichkeit auch dort durchzusetzen? War der Herzog nicht mit ihm yindurchgebrochen? Dann aber — es siegte immer wieder das andere, nicht laut, nicht offen, aber im Beharren einer versteinten Existenz. Der Herzog hat aufgegeöen, geht seiner Weg«. Auch er wollte das, wollte nicht nur: mußt«. Aber Lotte blieb und sie hatte in sich so viel des versteinten Gefüges! Da war er auch schon an das Knie des Tepelflusses und vor die jungen Lindenbäume gekommen, hinter denen der Äichsische Saal lag. Die Ker- ,$en waren angezündet, er hörte die Musik. In der Gesellschaft versteckt, deren Bekanntschaft der Ankömmling erst finden mußte, inied sie die allzu schnelle Begegnung. Wollte sie für diesen Abend noch frei blieben? Denn er trug Weimar an sich wie eine unlösbare Sphäre. Es faßte ihn das Verlangen, ihren Schatten an einem der Fenster des Stockwerkes zu suchen. Sie dachte gewiß an ihn, es konnte nicht anders sein. Vielleicht stand si«, von der Magie seiner Sehnsucht angezogen, an einem Fenster. Aber er raffte seinen Mantel nur fester vor der Brust. Der Regen war fühlbar geworden, er stand nicht mehr unter den Kastanien der .Wiese'. Und er verfolgte, als müsse er den Begrüßungsgang beenden, seinen Weg mit gesenkter Stirn weiter, vorbei am Böhmischen Saale, durch die Allee hochstämmiger Lindenreihen, die ganz verlassen standen, bis an den luftigen Bretterbau des Komödienhäuschens. Die Komödie mußte längst aus fein. Vielleicht war es heute wieder ein Kunstspringer gewesen oder ein Jongleur, der die Zwischenakte einet jämmerlichen Posse, eines kläglichen Lustspieles zu beleben hatte. Wie weit trieb dieses Theater von dem Göttergeschenk ab, zu dem jede Szene, auch die kleinste, berufen wäre! Nur Musik bewegte noch die Herzen. — In die verregnete Tepel-Aue oder zur Freundfchaftshöhe wollte er nicht mehr. Er kehrte um, fast eilends ging er zurück. Auch in den Stockwerken der .Wiese' brannten schon die Kronleuchter: nur die ebenerdigen Woh- nunoen der Karlsbader lagen unerhellt. Er wußte, daß die Familien unter dem Lichtzünden eine Weile ruhten, auch einander heimsuchten, um über den Tag zu sprechen, der hinter ihren Bergen rasch verschwunden war. Gewiß ging auch schon von ihm die Rede. Er wäre eingetreten, hätte den Hauswirt und die übrigen Seinen begrüßt, wenn er nicht um diese trauliche Stunde gewußt hätte, die kein Fremder stören soll. Am ersten Tage besuchte der Ankömmling die Brunnen noch nicht. Ihm war Bescheid gesagt, daß die Frau Oberstallmeisterin um zehn Uhr frisiert sein werde. Und er kam erwartungsvoller, auch befangener von dem Gedanken, daß die Vertraute aller feiner Pläne an dem wichtigsten seiner nächsten Zukunft keinen Anteil haben solle. Er fand sie nicht allein, Minchen, das er von Kochberg her, dem Steinschen Rittergute, kannte, ordnete noch den Putztisch. Charlotte streckte ihm lebhaft die Hand ent- herr- bebte gegen. „Da sind Sie, lieber, verehrter Freund!" Sie wies ihn neben sich auf das Sofa, er überreichte ihr eine rollen- artige Schachtel, die mit Buntpapier überzogen war. „Mein Versprechen, Liebste ..." „Ein Teleskop! Nein", ergänzte sie schnell, „es wäre zu leicht. Ihre Wangen waren von einer fünften Röte angeflogen, die sie verjüngte. Die gleichen großen, dunklen Augen hatten sie, und beider Bücke glänzten. Sie öffnete und schüttelte neugierig und vorsichtig ein herrliches Gesteck von Putzfedern aus der Schachtel. „So prächtig!" „Don einem indianischen Reiher", erklärte er; seine Stimme bebte leicht und war wie Samt. Sie ließ die weichen Federn durch ihre Hohl- Hand gleiten. „Ein Kaufmann ist durch Jena gereift, da ich bei Knebeln war. Ich freue mich, für Sie ein Federspiel gefunden zu haben, mit dem man auch «inen wilden Falken zurücklocken kann. Und noch mehr freut mich, daß Sie auch hier kaum einen ähnlichen Putz sehen werden; in Weimar soll er bann einzig fein." Er fühlte, daß er wortreich war, aber sie blieb lauschend geneigt, ab müsse sie erst hinter seine Sätze kommen. Ms er verstummte, sagte sie, um nachzuholen: „Kostbar und schön wie alles ... alles ...", und reichte ihm die Hand. Dann barg sie das Geschenk, gab es der Zofe und schickte sie fort. Sie senkte den Blick, neigte den Kopf unter feinen harrenden Augen, ihre Stirn zeigte eine feine Falte zwischen den Brauen. „Und ... was bringst du mir?" „Mich, Lotte, für einige Tage nur mich, Herdern, Karolinen und Gustl ziehe ich nach. Das andre — du weißt es aus den Briefen." „Ja ... das andre", sagte sie anfällig, ohne den Blick auf den Wartenden zu richten. Er stand ungeduldig auf, ging von ihr, blieb beim Fenster. „Es steht nicht gut", meinte er zurück, „Stein ist eben gekommen, wir haben auf ihn gewartet; er ist der Vater und hat zuweilen feinen eigentümlichen Willen. Wir sind darin überein, und es ist überdies der Rat des Prosesiors: das andre Bein bleibt ungeöffnet. Auch die Chirurgen wollen nichts tun, sie fürchten sich vor euren Vorwürfen. Ernst leidet sehr. Mein Wille war: Du hättest ihn nach Karlsbad mitgeführt. Die heißen Bäder mochten die böfe Materie ausgezogen haben, und Doktor Becher ist ein trefflicher Mann. Aber jetzt habe auch ich den Mut verloren. Er ist daheim in Ruhe geblieben, und das mag gut fein." Sie lag zurückgelehnt, hatte die Augen geschloffen, schwieg. So schwieg er gleichfalls und die Stutzuhr auf dem Sekretär tickte zwischen beiden Herzen hin. Charlotte von Stein hob langsam die Arme und drückte di- Handballen an die Schläfen und tastete leicht an ihr Haar. „Kopfweh wieder", fragte er und, als dürfte er unmutig sein, warf er hinzu: „Du trinkst zu viel Kaffee." Sie lächelte leist, fast in einem mütterlichen Verstehen. „Wie geht es der Herzogin? Ist bas Kinb gefunb?" „Gut ... alles gut." „Unb ber Herzog?" „Es war enblich allen eine Befreiung. Er hat ben zweiten, kräftigeren Sohn gewünscht, aber ich glaube, seine gute Art ist auch an bem Prinzeßlein froh geworden. Was er im Augenblicke will — ich weiß es nicht. Er hat von Eisenach geredet ... mit der Herzogin ... nach ben Wochen. Aber ich glaube, er hält bie Zeit bis bahin nicht stand. Ich habe ihn zuletzt nicht mehr getroffen, hab' ihm einen Abschied von Jena aus schreiben müssen. Vielleicht kommt er nach, er hat Lust zum Karlsbad-." Er war vor ihr, hastig wie seine Rede, auf und nieder gegangen. Dann stand er still, wartete und sagte auf die Kastanienwipfel der .Wiese' hinaus: „Du weißt nicht, wie geduldig Ernst ist. Ich hätte einem Kinde ... einem Kinde, bas beibe Beine nicht brauchen kann, nie solche Gebuld zugebacht. Jebe befreite Stunde macht ihn scherzen unb lachen. Sein Gemüt wäre heiterer als selbst Fritzens." „Ja", hauchte sie, war blaß unb ernst unb sah mit weiten Augen, „ba bist bu nun wieber ganz unb gar. Alles, was dein Gefühl erregt, muß ausgeschüttet sein, unerbittlich ausgeschüttet, bis auf ben letzten Tropfen. Es hat nicht jeher beine Richesst, an alles bas Aeußerste zu wenden und dann immer noch erfüllt zu bleiben. Ich habe schon drei Kinder verloren." (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: Or. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruüerei, R. Lange, Gießen.