GichenerZamilienblimer Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang <932 Freitag, den 4. März Nummer 18 jRifornelte. Bon Theodor Storm. Blühende Myrte — Ich hoffte führ Frucht oon dir zu pflücken; Die Blüte siel; nun seh ich, daß ich irrte. Schnell welkende Winden — Di« Spur von meinen Kinderfühen sucht ich An eurem Zaun, doch könnt ich sie nicht finden. Muskathyazinthen — Ihr blutet einst in Urgroßmutters Garten; Das war ein Platz, weltfern, weit, weit dahinten. Dunkle Zypressen — Die Welt ist gar zu lustig; Es wird doch alles vergessen. Oer Abt aus Frankreich. Eine Geschichtslegende von Alfons von C z i b u l k a. Im Klostergarten der Zisterzienserabtei Kamenz in Schlesien wandelt einsam der Abt Tobias Stusche. Er füttert Amseln, die ihn auf den verschneiten Wegen umhüpfen, wirft ihnen Körner und Brotkrumen zu, die er aus der Tiefe seiner weißen Kutte holt. Aber heute sieht er die schwarzen Bügel kaum, die er sonst so liebt. Er ist in Gedanken versunken, sinnt wohl den Weltläuften nach, die in den letzten Wochen die Unruhe auch in das reiche stille Schlesien trugen, in dem man seit des Friedländers Taaen keinen rechten Krieg mehr gesehen. Der Abt wandelt und sinnt. Wie er wohl aussehen mag, dieser neue Kriegsgott aus Potsdam, Den alten Tobias Stusche plagt sonst nicht der Teufel der Neugier. Abkr dieser junge König scheint schon einer kleinen Sünde wert zu sein. , ... Auch liebt der Abt, alter Händel wegen, dies« Oesterreicher mcht sonderlich; wiewohl er doch ihrer landesfürstlichen Hoheit untersteht. Er möchte den König gern sehen. Könnte ja geschehen, daß man ihn einmal ins Kirchengebet" werde «inschließen müssen. Wenn dieses Schlesien am Ende nicht österreichisch bliebe. Was wohl sein mochte. Wie sollte sich die arme Königin von Ungarn, der niemand das Erbe ihrer Väter gönnt, des halben Europas erwehren? , , m t , Tobias Stusche ist nachdenklich. Wie doch «in so kleiner Namenstausch im Kirchengebet, ein „Fridericus", statt eines „Maria Theresia den Weltlauf Ändern könnte! Doch den Abt von Kamenz bewegen noch ander«, naherliegende Dinge. Er chat Sorge um sein Kloster. Wohl stehen zwischen der Abt«, und der mährischen Grenze schon preußische Posten, aber dennoch sind seit Kestern Panduren in der Gegend. Wilde, verwegene Gestalten in blutroten Mänteln, mit Geiernasen und schwarzem, hängenden Haar; mit Teufelsgesichtern, wie die Türken sie haben. Wie der Pater Ambrosius berichtete, der ihnen gestern begegnete und noch unter dem Eugenius Feldpater im letzten Türkenkriege war. , , .. Man härt nichts Gutes über diese kaiserlichen Rotmantel die man seit beni Morgen, Gott weiß zu welchem Zweck, durchs Neißetal streichen sieht. * Ob sie wohl auch der junge König sieht, der zur gleichen Bormittagsstunde, in der Tobias Stusche Amseln fütternd und trübe Gedanken nährend, durch den Klostergarten geht, mit zwei Adjutanten, ein chularen- piketr hinter sich, eine Stunde von Kamenz entfernt gegen Reichenau reitet? Durch das Tal der Neiße, deren eilendes Wasser, vom Glotzer Schneegebirge herkommend, unter glitzernden Eisbrücken und von den Ufern niederhängenden kleinen Schnee wachten neben der Poststrciße gurgelt und schäumt. . , Die Sonn«, die schon zwei Spannen hoch über den noch fernen L.aa)ern »on Reichenau steht, scheint aus klarem Winterhimmel den preußischen Reitern in das vom Frost gerötete Gesicht. Dem jungen ?tönig auch, über dessen Antlitz noch etwas von dem Glanze von Rheinsberg liegt und m dem noch nicht das Jagen und Gejagtwerden der sieben Jahre Graben und Falten riß. . Es ist wohl di« schmerzende Sonne schuld, daß der König aus Der weißen Schneefläche der Poststraße, auf den kaum zweimannshohen Hängen der flachen Schlucht nur schwarze tanzende Flecken und Punkte sieht in dem blendenden Licht. Nicht aber die roten, die auf Buchsen,chuß- tueite vor ihm durch die verhängten Büsche krauchen. Der König reitet. Er steht nicht den Pandiirenhauptmann der, eine Rotte seiner roten Teufel neben sich, unter verschneitem Gesträuch ^egt uno die schmale, zu einem Haken geknickte Nase Über den ^vchluchtrand schiebt. Behutsam. Denn, wenn er auch nicht weiß, daß er in diesem Augenblicke am Scheidewege der Weltgeschichte liegt, so weiß er doch, daß es einen König zu fangen gilt. Zu fangen, wohlgemerkt, und unbeschädigt über di« mährische Grenze zu bringen. Das will dem Panduren nicht in den Schädel. Er versteht es nicht, daß man seine Feinde fängt und nicht erschlägt. Aber Denken ist lästig. Mit seinen Raubvogelaugen späht er die Straße hinunter. Er sieht einen Reiter in Mauern Mantel herankommen. Hundert Schritt hinter ihm zwei Offiziere und ein Dutzend Husaren. Da stößt er den einen seiner Satansbrüder mit dem Ellbogen in die Rippen: „Das ist er!" Wie kann ein Pandur, für den ein Herrscher, seine Königin zumindest, noch ein Herrgott ist, auch anders denken als daß dieser Reiter, der in so erhabener Einsamkeit reitet, der preußische König sei? Wie kann er wissen, daß es nur der Adjutant ist, der auf der teils verwehten, teils spiegelglatten Poststraße nach dem besten Wege sucht für den jungen Kriegsgott, der hinter ihm, rechts neben dem andern Offizier vor den Husaren trabt. Der einzelne Reiter kommt an die Stelle, auf die vom Schluchtrande her, wie von einem niedrigen Hausdach aus, die Pandurenaugen zielen. Der Kroatenhauptmann weiß, warum er diesen Punkt, an dem die Straße in einer engen Schlinge hart nach Norden biegt, zum Ueberfall wählte. Er weih, das Könige immer als erste reiten. Wenigstens stellt er sich das so vor. An dieser Stelle muß er seinem Gefolge fiir eine Weile aus den Augen kommen. Auch ist hier die von steileren Schluchthängen und dichterem Buschwerk gesäumte Straße so zugeweht, daß «in Reiter dis an die Bügel im Schnee versinken muß. Was auch geschieht. Schnaubend verschwindet das Pferd des Adjutanten bis über die Sattelgurt in der Schneeflut. Fluchend treibt es der Reiter an. Da pfeift der Pandur, schnellt hoch und gleitet, gefolgt von sechs baumlangen Kerlen, den Hang hinunter. Hat Säbelhand und Zügel des Offiziers gepackt, noch «he der an feinen Degen zu greifen vermag. Ringsum wimmeln die Ufer der schmalen Neiße plötzlich von Rotmänteln. Wie der Teufel aus der Schachtel fahren sie aus Büschen und Schneelöchern hoch. Wo die preußischen Husaren reiten, stäuben Kugeln in dem sich rötenden Schnee. Die Husaren braucht man nicht heil zu fangen wie den jungen König dort vorn. * Mit zwei Sätzen ihrer Pferde waren Friedrich und fein zweiter Adjutant zwischen splitterndem Eis und hochaufspritzendem Wasser am andern Schluchtrand. Für «inen Augenblick verschwanden sie in einer Wolke von stäubendem Schnee. Dann sah man sie wieder. Kugeln pfiffen ihnen nach. Sie trafen nicht. Die Panduren kümmerten sich nicht darum. Mochten die Offiziere den Ihren melden, daß man den König gefangen! Dann würde einen halben Tag früher das große Retirieren der Preußen aus Schlesien beginnen. Ein Husarenwachtmeister hieb noch mit tollem Kreisen seines Säbels auf Pandurenköpfe ein. Dann sank auch er. Johlend sammelten sich die Rotmäntel um den blauen Reiter, dessen Pferd der Kroatenhauptmann selbst, dis an di« Brust durch die Schneewehe watend, ausidie freiere Straße zu zerren versuchte. . Als sie ihren Irrtum gewahr wurden, well der Offizier aus vollem Halse lachte über diesen Spaß, daß die Panduren ihn für Friedrich hielten und weil seine Schabracke nicht die des Königs war, die man ihnen umständlich beschrieben, sahen si« die beiden Reiter als kleine Punkte gegen das ferne Kloster von Kamenz verschwinden. Da hofften sie wieder. Wiewohl sie nicht beritten waren. Worüber sie in allen kroatischen Flüchen tobten. * Immer noch wandelte, von schweren Gedanken geplagt und frechen Amseln begleitet, der Abt Tobias über die Klosterwege. Als er wieder an die rückwärtige Gartenpforte kam, pochte es. Er meinte ein Wanderer begehre Einlaß, um sich vor dem eben anhebenden Schneetreiben zu retten. Er schob den Riegel zurück. Zwei preußische Offiziere zu Pferd hielten vor der Mauer. Grüßten höflich, baten zum Abt geführt zu werden. „ , „ . . ... . Als Tobias Stusche antwortete, das wäre er selber, neigte sich öer eine der beiden aus dem Sattel, flüsterte dem Mönch einige hastige Worte ^Ab^Tobias senkte betroffen das Haupt, blickte unschlüssig zu Boden, überlegte Dann warf er einen Blick auf den andern Offizier, verneigte sich vor ihm und ließ die beiden, die aus dem Sattel glitten, mit ihren Pferden durch die Gartenpforte treten. An den Ställen gab er dem dienenden Bruder, der die Gaule abnahm, mit leiser Stimme eine Weisung. Worauf er seine Gäste durch eine kleine Seitentüre ins Kloster führte. Niemand sah sie. Der pfeifende Schneesturm flatterte wie wirbelnde Schleier zwischen den Zellensenftern und den Gartenwegen. liegen. * t e r - Mm «m Beit' Mit W M Hügel tt M Nie M, |( eiren. Mi BOI Sertlüft ouberen ibeiW Mb bri Are !«!( taitlen getoonn hliilerg weiter «Aich bet Sii ein get taut । bt||tit i bts bla Am wir vorstehende Ausführungen entnehmen. Gibt es überhaupt so etwas wie Autosuggestion? Man hat es mit beachtenswerten Gründen bestritten und behauptet, daß der Begrisf in sich selbst widerspruchsvoll sei. Wir erkennen die Ausschaltung aller Kritik und die Hingabe an einen anderen als die Bedingung, die erfüllt werden muß, wenn anders echte Suggestion zustande kommen soll. Und man kann sich nun mit Grund fragen, ob ein Mensch auch sich selbst gegenüber solche kritiklose Hingabe ausüben könne. Wir wissen ferner, daß in jedem Falle echter Suggestion ein bewußter Mechanismus am Werke ist. Kann nun «in Mensch sich selbst in der Weise beeinflussen, daß er selbst seine freie Willensbestimmung, seine Fähigkeit zu freien Willens- und Wahlhand- llnb fiel) llnbeouf gen, aus intb. • ■ w Ais ein jn Simm Seebai Wiegt btitiff |i<) no Sie bl! P' 5e|tur Mittel »lebe, lit bi «nb e Altert nad) N» s fit® jW' \ JjbMDUb Ißeses,^r niiebet 31 iiirbiinbe ttnti unb rebele b» «ege üb I ijie 5^ I einem ° iiime 11 lunqen ausschaltet zugunsten jenes unbewußten Mechanismus, der alsdann zwangshast das Handeln des Autofuggeftors, der zugleich 2luto= suggerierter ist, beherrscht und bestimmt? Ist eine derartige seelische S eib stumfchaltung möglich? Um auf diese Frage zu einer Antwort zu gelangen, wollen wir zunächst über einige Tatsachen berichten, die herkömmlicherweise als Beispiele für die sogenannte Autosuggestion angeführt werden. Eine bekannte Anekdote erzählt: Unter Ludwig XIV. machten sich einige Höflinge den „Spaß", einen Bedienten zu verhaften. Sie führten ihn in «in Kellergewolbe, hielten eine Gerichtssitzung über ihn ab, in der sie ihn zum -lobe verurteilten. Dann wurden dem Aermsten die Augen verbunden und es wurde ihm mitcieteilt, daß er nunmehr enthauptet werde. Man entblößte seinen Hals ließ ihn niederknien und ließ aus ziemlicher Höhe ein naßes Handtuch auf feinen Hals fallen. Der arme Bediente starb sogleich, so als ob er roirJid) enthauptet worden wäre. , . , . , Man könnte versucht fein, diesen Vorgang etwa folgendermaßen zu erklären- Durch die furchtbare Angst war begreiflicherweise die ganze Seele des Bedienten aufgerüttelt, bis hinaf in ihre tiefsten unbewußten Schichten. Die Borstellung „ich werde enthauptet" blieb nicht bloß an der Oberstäche seines Bewußtseins, sondern drang hmab bis in die durch die Angst gelockerten unbewußten Borstellungskomplexe. Sie faßte dort so fest Wurzei, daß nichts anderes mehr in der Seele des Unglücklichen Platz hatte Wenn aber die gesamte bewußte und unterbewußte Vorstellungswelt eines Menschen in dieser Weise unter die Herrschaft einer leitenden Vorstellung gerät, bann wird der Inhalt dieser leitenden Vorstellung für den Betreffenden zur Wirklichkeit. In unserem Falle spielten sich daher bei dem Bedienten auch alle körperlichen Vorgänge m einer der Vorstellung des Enthauptetwerdens entsprechenden Weise ab. Er starb zufolge Autosuggestion. , v _ . , . . Wir wollen jetzt schon darauf aufmerksam machen, daß mir bei einer solchen Erklärung der Vorstellungskraft eines Menschen «ine Macht zuschreiben, die, was ihre Wirkungen auf diesen Menschen selbst anbetrifft, geradezu als unbegrenzt bezeichnet werden muß. Die Autosuggestion könnte danach geradezu (subjektive) Wirklichkeiten schaffen, st« tonnte alle körperlichen Vorgänge unter ihre Gewalt bringen, ja sie konnte sich I zur Herrin über Leben und Tod aufschwingen. Wir werden uns sicher zu einer solch weitgehenden Annahme nur bann entschließen tonnen, wenn die Tatsachen uns zu ihrer Anerkennung zwingen wenn a 0 die Annahme uns als einzige mögliche Erklärung der beobachteten Tatsachen zur Verfügung steht! , «, .. .r. Die Macht der Autosuggestion über unsere leiblichen Vorgänge ist grundsätzlich an unsere organischen Bereitschaften gebunden. Autosuggestion kann vorhandene, aber aus irgendeinem Grunde gebundene organische Kräfte sreimachen, sie kann das Spiel dieser Kräfte auslosen. Nicht vorhandene organische Kräfte schassen ober vorhandene vernichten kann sie dagegen niemals. Wir wollen diese Auslösungstheorie noch durch einige Beispiele erläutern und erhärten. ,, „ Nicht vorhandene organische Defekte, Schädigungen oder Krankheiten I können vorgetäuscht werden, genau so wie vorhandene derartige Mangel verschleiert werden können. Wenn ein Knabe, der die Schule schwänzen I möchte uns Kopfschmerzen vortäuscht und dabei das Krankheitsbild sehr gut nachahmt oder wenn umgekehrt ein besorgter Vater der seine 6a- ! mitie seine Krankheit nicht merken lassen will, geschickt Gesundheit vor- täuscht, so wird selbstverständlich kein Mensch hier von Autosuggestion reden. Es gibt nun aber Fälle, die zwischen einer solchen Vortäuschung und der Autosuggestion stehen, und gerade diese Fälle sind für unser Problem sehr lehrreich. Dem Leser wird vielleicht die organische Bereitschaft, von der hier die Rede ist etwas rätselhaft erscheinen. Und er wird kritisch einwenden, daß wir hier eine unbekannte Größe in die Denkrechnung einführten. Diese Kritik ist nicht berechUgt. Denn wir reden hier von einem Faktor, der jedem Arzt, jedem Naturwissenschaftler wohlbekannt ist. Um was es sich bei diesem Faktor handelt, erkennt man vielleicht besser an der Tatsache, daß Krankheitssymptome auf autofuggeftioem Wege zum Verschwinden gebracht werden können. Wir denken an bi« vielumstrittenen Heilungen | auf autosuggestivem Wege, wie sie von Couä und andern erzielt wurden und werden. Es würde sich hierbei in der Tat um wirkliche Wunderheilungen handeln, wenn das Symptom ohne unbewußte organische Be- I reitschast des zu Heilenden erzielt werden könnte. Uebrigens muß aus- I drücklich betont werden, daß Coue selbst ehrlicherweise energisch abgeiehnt I hat daß man seine Heilungen als Wunderheilungen bezeichne. Stets.hat er betont, daß er nur organische Kräfte zur Auswirkung bringe, die in dem zu Heilenden selbst vorhanden seien. „Ein Kind zog sich im zweiten Lebensjahr eine Augenverletzung zu. I Das Leiden war hartnäckig, denn die organische Schädigung war schwer I gewesen. Aus Anordnung des Arztes mußte das verletzte Auge viele I Monate, schließlich ein ganzes Jahr lang verbunden getragen werden. I Während dieser Zeit war das Auge also ganz außer Funkston. Die Seh- I kraft, der unbewußte organische ,Wille zum Sehen' betätigte sich nicht in ihm. Nach Ablauf eines Jahres war der organische Schaden behoben. Die ur[prüngtid)e Erkrankung des Auges .war beseitigt und das Auge tatsächlich organisch wieder völlig .gesund'. Gleichwohl blieb das Kind auf dem Auge blind, weil ... die Gewohnheit in seinem Unterbewußtsein die Uederzeugung (Imagination) gestiftet hatte, daß es nicht sehen könne. Zwanzig Jahre später kommt das Mädchen — als 23jährig« — zu Cous und ... geht schon nach der ersten Sitzung sehend nach Hause." Was war hier geschehen? War hier Coue wirklich der Zauberer, der I Blinde sehend macht? Konnte er „Wunder" verrichten, wie einst der Heiland, der den Blinden, Kranken, Toten di« Hände auslegte und sie sehend, gesund, wieder lebendig machte, lediglich durch die Gewalt seines allmächtigen göttlichen Willens? Niemand wird so etwas glauben, am wenigsten Coue selbst, der sich nie für einen Gott gehalten oder aus- gegeben hat. Coue haste erkannt, daß bei dem Mädck>en der organische Schaden behoben, es also auf dem einst verletzten Auge nicht mehr „blind war. Daß aber die Seele noch nicht mit dem Leib in die gleiche Kerbe El^e halbe'Stunde später riefen di« Glocken die Mönche ins Resekto- | rium Das war ungewöhnlich zu dieser Stunde. Es war noch nicht Mittag. ! Doch hörte man bald, ein Abt aus Frankreich wäre auf der Durchreise nach Polen zu Besuch gekommen. Er wolle schon nach zwei Stunden weiter gegen Breslau fahren. Darum gehe man heute früher zur Mahl- 3Cltj)a kam er auch schon an der Seite des alten Tobias gegen den er klein und ungewöhnlich jung erschien. Mochten wohl früh zu so hohen I Aemtern kommen, die Confratres in Frankreich! I Hinter den beiden Siebten ging gesenkten Kopfes, doch mit harten, saft soldatischen Schritten ein fremder Pater. Der französische Abt grufjte mit freundlichem Ricken die sich demütig im Spalier verneigenden Mönche. Tobias Siusche erschien ihnen heute ernster als sonst. Er lächelte nur selten während der lebhaften, aufgeräumten Gespräche des Gastes. Manchmal hob und wandte er das ergraute Haupt, als horche er durch die I Fenster ins Freie. Die Mönchen dachten, er mache sich Sorgen wegen den Panduren, die man gestern und heute gesehen. I Nach einer Weile schellte am Haupttor des Klosters ungestüm die Glocke. Geschrei, Kommandoworte waren zu hören. Lärmen im Garten, I über den nun langsam fallende Flocken sich senkten. Gepolter auf der I Treppe. Ein Laienbruder stürzte aufgeregt in >den Saal, schrie atemlos: I „Die Panduren sind da!" Scheu rückten die Patres zusammen. „ .... Der Abt Tobias erhob sich, wartete. Der Gast aus Frankreich sah unbewegt nach der Tür. Es schien, als lächle Meer eine prachtvolle Rundsicht gewährt. Tief unten schneiden die Straßen durch das weiße Häusergewirr, so eng und schmal, daß die gefürchtete Sommersonne kaum den Boden erreichen kann. Von ein paar sauber im Viereck angelegten Plätzen rauschen die Platanen herauf; oder eine Palme aus einem Innenhof hebt ihre Facherkrone bis übers Dach. Wenig Kirchen, die mit ihren rostbraunen Ziegeldächern das reine Weiß dieser Stadt beeinträchtigen könnten; keine Schlote und Kamme, die graue Rauchfahnen in den Himmel hängten. Auf den stachen Dächern breitet sich eine zweite Stadt aus. Ueberall sind noch kleine Söller und Aussichtstürmchen aufgebaut. Während man im Sommer möglichst tief in den schattigeren unteren Räumen wohnt, lebt man jetzt un Ämter lieber hoch oben unterm sonnigen Himmel. Und werden auch m dieser Jahreszeit nach die Strahlen zu heiß, schlägt man auf dem Altan das Sonnenzelt auf. Hier oben toben die Kinder über die Dächer hinweg, ganze Strahenzüge entlang; kleine Handwerker haben hier ihre Werkstatt aufgebaut; die alten Leute sitzen in ihren Schaukelstuhlen in der Sonne, Kanarienvögel und Blumentöpfe neben sich, die he aus den kalten Zimmern herausgebracht haben. In diese „Ober -Stadt bringen noch die farbigen Wäschestücke, die Überall zum Trocknen hangen, eine besonders lustige Note. Es gibt wahrscheinlich in Cadiz genau so wenig wie^ im übrigen Spanien ein Haus, worin nicht wenigstens einmal am -tage gewaschen wird. Dann wehen auf den Dächern die bunten Wimpel, knalliges Rot und blendendes Weiß, schreiendes Gelb und leuchtendes Blau werden unter diesem intensiven Sonnenlicht zu übermütigen Farben- 2ßie aus einer anderen Welt bringt aus den engen Straßenschluchten das Geschrei der Händler und. das Lärmen der Wagen herauf, eine Welt, die man hier, hoch über der Erde und ringsum nichts als Wasser und Himmel, leicht vergessen kann. Vom Turm aus erscheint die Stadt als eine vollkommene Insel. Der schmale Zugang von ber t,anb3unge aus wirb durch die Befestigungen und Wälle verdeckt; ine Küste [elbft hegt weit im Hintergrund. Auf der alten, hohen Festungsmauer, ^e birett aus dem Meere aufsteigend die Stadt umlauft, sind heute Palmenalleen angelegt, die sich manchmal zu kleinen Anlagen erweitern und das ganze weiße Häusergewirr mit einem grünen Kranz umschließen. Darüber hinaus liegen auf den letzten Felsgruppen nur noch em paar altersgraue Vorwerke, und dann gibt es nichts mehr im weiten blauen Atlantik, bas den Blick halten könnte. Stine. Roman von Theobor Fontane. (Fortsetzung.) „Laß man, Stinechen!" sagte bie Schwester. ..E-ist hübsch schmust- rin un hQ5 Schmustriqe hab ich nu mal am liebsten, un is immer m?e ’n altes schwarzes Kreppschintuch, wo man sich gleich^ emmummeln Stine; wir haben Licht genug von unten her. S eh boch bloß, ba kuckt ia der Mond grab über Sieboldten feinen Schornstein weg. Unter iolchem Geplauder hatte bie Pittelkow auf bem Sofa Watz aenommen und sagt während sie sich behaglich in die Kissen druckte: L w^s ich sagen wollte, Stine, bas Gräschen war eben mieber hier? ,',Ja, Pauline." 30ft Kind, wie dir die Backen brennen. "Ja 'sie brennen mir. Aber ich weiß elgentlichnichtwarum. Cs st Ä ÄSSm., g iki=y* L Ä*«»w Ä L!.'"»-»-. «!. ’™ ’Ä "st mch " MZst- |ä. to.r ich Ich-M, Mi» i-61 W. haft ick so was gesagt habe. Denn immer ängstlich sein, ist auch nicht gut fmb z?igt bwhb baßjnan sich nicht recht traut und daß man schwacher .st, “^TO^mtteltoro^ädiette vor sich hin und schien antworten ZU wollen Die Pltteltow lacyei , , v Mensch, ohne Falsch und «tsSää "wä LwM cs chm an' baß er wirklich dabei ist und daß ihn alles freut, was ich ba jo hinplaudere. Freilich, bu wirst mich für eitel halten und es nicht 9‘QUD roawmnid), Stine? Warum soll ich es nid) glauben? Ich glaub cs alles Aber alles hat auch seinen Grund. Un ick) kenn ihn auch ' Und ich denke mir, ich kenn ihn auch und weiß, woran es hegt. Sich, es lieg? Km er M so wenig Menschen gesehen und noch weniger Wenn man die letzten Berge, die fid) noch zwischen Sevilla und den Atlantik schieden, hinter sich hat, breitet sich zu Füßen eine Kustenland- fdiaft aus wie eine Landkarte. Die runden, weichen, sparsam bewachsenen Hügel werden immer niedriger und verlieren sich langsam in den sumpfigen Niederungen. Träge Flüsse durchziehen in großen Windungen das Land, so, als ob sie sich lange über ihre Mündung im Unklaren gewesen wären. Alles hat etwas Unentschiedenes an sich. Die Küste selbst greift bald vor weicht bald wieder zurück, um weiten Buchten Platz zu machen. Zerklüftete, niedrige Felsen lacken das Land in die See hinaus; an anderen Stellen wiederum frißt sich das Meer tief hinein ms Land, überschwemmt die Niederungen, tastet kilometerweit durch die Sumpfe und bringt weit die breiten Flußmündungen hinauf Straße und Bahn umlaufen in weiten Bogen die Bucksten, die em paar kleine Hafenstädte besetzt halten; sie überqueren auf Dämmen die dunklen Moore, in denen die Salinen wie helle spiegel leuchten und das gewonnene Salz zu meterhohen Pyramiden ^aufgeschuttet hegt Im Hintergrund und zu beiden Seiten dann der Atlantik, dessen tiefes Blau weiter dem Horizont zu immet lichter und silbriger wird, bis es sich endlich ganz mit dem Blau des wolkenlosen Himmels mischt. Ein «Mck der Küste wagt es noch, nach dieser unendlichen Seme zu greifen. Wie ein gewaltiges Sprungbrett schiebt sich ein zehn Kilometer langer u kaum ein paar hundert Meter breiter Damm in die See hinaus an dessen äußersten Ende Cädiz liegt: eine leuchtend weiße Perle inmitten des blauen Atlantik. f,ir hie Am Beginn der Landzunge, bie hier nur mit Muhe Platz für Die Straße und bie Eisenbahn bietet, steht ein altersgrauer btrfer j.urm, ber ehemals bie Wärt vom Lande aus sperrte. Halben Weges ist noch ein zweites Bcfestigungswerk zu umgehen. Dahinter dann wird der Damm schon etwas breiter; ein paar Häuserreihen begleiten bie Straße, Seebades Schiffswerkstätten und ber Stierkampfplatz Eßten^hiecher verlegt werben weil ber Raum vorne auf dem Felo^z 9 Dem Ginaana zur eigentlichen Stadt, die heute noch Seefestung ist, stellen sich nod) einmal Wälle und Graben, Borwerke Befestigungen in ben Weg bis endlich die Straße durch em enges Tor dc^ Innere erreicyi. Die Festungswerke, die es sicher schon vor drei Jahrtausenden gab, als die Phönizier bie Stabt gründeten und ihr den Jlamen -'^ade , Festung gaben, haben nicht verhindern können, daß sobald sich n Mittelmeer der Machtbereich der Völker verschoß' dieStabt^immer wieder den Herrn wechseln mußte. Nach den 3 Karthager für die Griechen das Ende der Wei Sie warStutzpunktderKarttagr und einige Zeit später lieferte sie schon 'h-^,^^, darunt» Die > Altertum sehr geschätzten Tänzerinnen, nach Rom. S,e sah die Westgoien nach Afrika ziehen und von dort d.e Araber kommen Sie würbe von Engländern geplündert und von Franzosen erob . töfebten hatte dem neuentdeckten Amerika hier ihre wertvollen Frachten löschten, yaue sie Mühe, die Piraten und Seeräuber abzuwehren .... Heute ist Cädiz eine geruhsame, °twas behab ge Pr°vmzstad gew°r den, in die nur der Hasen und die Wersten, die ^cht neben Der liegen, etwas Bewegung bringen. Man merEt e • sen Mauern daß hier einmal das spanische Parlanwnt, wah m wci liberQ[c mit einem napoleonischen Heere im$an pf 9. inäter nicht mehr Verfassung beschloß, und als der spanische mg^s h^r weit anerkennen wollte, ihn einfach gefangen letzte- ) . . ÄSJ ÄS »SBs«; SS. U.L X» S S K « Nissen gegenüber, und es wird kaum ° Bebeutendes gebem ernstlich in Unruhe brachte. Sie hcibei h ^em nicht so wichtig, baß ober eine Beamtenstelle, aber bas alles st einJ paar Bekannte man nicht zwisd-endurch einmal einen trink tfeinen Tischen vor besuchen gehen könnte. Man i'stt nachmit ag de gatten, und den Cafes, je nach ber Jahreszeit in bei Sonne od« sieht ohne Neugierbe ben ankommenbenu sna(men unb Platanen Man macht abenbs seinen Spaziergang un r schlafen. Vielleicht am Meer entlang, schließt um zehn sein Sjau» unb Ort Haden ein paar Sdjentcn am Hafen noch langer offen, aoer uu bie Eingesessenen nicht. .. bie Stabt zeigt, Trotz biefes nüchternen, etwas tragen CH /'hoch einen merkwür- toenn man burch bas Innere wandeich hat 3 c5 Don gee kom- bigen, fast märchenhaften Zauber Schon mnn n er[tonnw( liegen wend oder van der Küste über die Lucht h 9 . Märchen aus sieht, erscheint der Anblick wie eine Illustration zu oen schlage Daß also bas Mädchen nur gleichsam zufolge eines Irrtums ihres Unbewußten noch nicht sah. Coue war überzeugt, daß nach der Behebung dieses Irrtums nunmehr der unbewußte Wille ohne weiteres ben Leib «insbesondere das Auge) des Mädchens veranlassen könne und werde, wieder zu sehen. Da ja die organische Bereitschaft hierzu im Selbe bereits vorhanden war und gleichsam nur darauf wartete, von der Seele, d. h. vom unbewußten Willen her ben Anstoß zur Auswirkung erhalten. Coue rebete daher zunächst auf bas Mädchen ein, um ihr Unbewußtes auf dem Ißege über ihr Bewußtsein zu überreden. Dann aber sorgte er dafür, daß die Fremdsugqestion durch die Autosuggestion abgelöst wurde, d.h. zu einem Stück des eignen Ichs des Mädchens gemacht wurde, durch Aufnahme in ihren unbewußten Millen. Daher veranlaßte er das Mädchen, ick selbst laut einzureden: ich kann sehen, id) kann sehen ufim, mit wach- jenber Intensität bcs Geltungsbewußtseins, ber inneren Zustimmung. Unb siehe ba* Die vorhandene organische Bereitschaft wurde nun vom Unbewußten, der alleinigen Instanz allen psychischen Zwanges gezwungen, aus ihrer bisherigen Untätigkeit herauszutreten. Der Anstotz erfolgte unb ... bas Mäbchen sah! Cädiz. Das Sprungbrett über ben Atlantik. Von H. R o e f e (. kennen gelernt. In seiner Eltern Hause gab es nicht~we( davon (sie sind alle stolz und hart, und seine Mutter ist seine Stiefmutter), und dann hat er Kameraden und Vorgesetzte gehabt und hat gehört, wie seine Kameraden und seine Vorgesetzten sprechen; aber wie Menschen sprechen, das hat er nicht gehört, das weiß er nicht recht. Ich denke mir das nicht aus, ich hab es von ihm, es sind seine eigenen Worte. Ja, Pauline, daran liegt es. Das ist der Grund, daß ich armes Ding ihm gefalle; nichts weiter. Er ist unglücklich In seinem Haus und feiner Familie. Vor allem aber denke nur nicht, er fei mein Anbeter oder Liebhaber oder wie du's sonst noch nennen willst. Ich sehe wohl, daß er mich lieb hat, aber das ist doch was andre», und das kann ich dir sagen, noch ist kein Wort über seine Lippen gekommen, dessen ich mich vor Goit und Menschen oder vor mir selber zu schämen hätte." , „Glaub es", sagte die Pittelkow. „Glaub es alles. Aber, meine liebe Stine, das ist es ja eben. Ich hab es mir so gedacht, gerade so. Gleich als ich ihn das erstemal sah, als die beiden Alten mit da waren und Wanda Holofernefsen toppte, da wußt ich es. Sieh, Kind, es sind mir viele Mannsleute zu Gesichte gekommen, un wenn ich welche sehe, na, so kenn ich sie gleich durch un durch un kann sie aussuchen wie Handschuh nach der Nummer, un weiß gleich, was los is. Un mit dem jungen Grafen is nid) viel los. Er is man schwächlich, un die Schwächlichen sind immer so un richten mehr Schaden an als die Tollen." Stine sah die Schwester an. „Ja, du siehst mich an, Kind. Aber es is wahr un wahrhaftig so. Du denkst Wunder wie du mich beruhigst, wenn du sagst: ,Es is keine Liebschaft/ Ach, meine liebe Stine, damit beruhigst du mich gar nich; konträr im Gegenteil. Liebschaft, Liebschaft. Jott, Liebschaft is lange nich das Schlimmste. Heut is sie noch, un morgen is sie nich mehr, un er geht da hin, und sie geht da hin, un den dritten Tag fingen sie wieder alle beide: ,Geh du nur hin, ich hab mein Teil/ Ach, Stine, Liebschaft! Glaube mir, daran stirbt keiner, un auch nich mal, wenns schlimm geht. Was is denn groß? Na, dann läuft ’ne Olga mehr in der Welt rum, un in vierzehn Tagen kräht nich Huhn nich Hahn mehr danach. Nein, nein, Stine, Liebschaft is nich viel, Liebschaft is eigentlich gar nichts. Aber wenns hier sitzt (und sie wies aufs Herz), dann wird es was, dann wird es eklig." Stine lächelte. „Du lachst, und ich weiß auch warum. Du lachst, weil du denkst, Pauline weiß nichts davon und kann auch nichts davon wissen, denn es hat ihr nie hier gesessen. Un das hat auch seine Richtigkeit damit. Ich bin mach so drum rumgetommen. Aber, meine liebe Stine, man erlebt nich bloß an sich selbst, man erlebt auch an andern. Un ich sage dir, von so was, wie du mit dem Grafen vorhast oder der Graf mit dir, von so mas is noch nie was Gutes gekommen. Es hat nu mal jeder [einen Platz, un daran kannst du nichts ändern, un daran kann auch das Gräschen nichts ändern. Ich puste was auf die Grafen, alt oder jung, das weißt du, hast es ja oft genug gesehen. Aber ich kann so lange pusten, wie ich will, ich puste sie doch nich weg un den Unterschied auch nich; sie sind nun mal da und sind, wie sie sind, un sind anders aufgepäppelt wie wir und können aus ihrer Haut nich raus. Un wenn einer mal raus will, so leiden es die andern nich und ruhen nich eher, als bis er wieder drin steckt. Un denn kannst du hier so lang in die Sonne kucken, bis sie morgens bei Polzins oder bei der Frau Privatsekretär wieder raustommt, er kommt doch nid), er sitzt erster Klasse mit Plüsch un hat noch ein Luftkissen bei sich, un sie hat 'nen blauen Schleier an’n Hut, und so geht es heidi! nach Italien. Un das is denn, was sie Hochzeitsreise nennen.“ „Ach, Pauline, so kommt es nicht." „Ja, so kommt es, mein armes Stineken. Un wenn es nich so kommt, na, denn kommt es noch schlimmer, denn is er ein Eigensinn un will partout mit’n Kopp durch die Wand, und hast du denn den Kladderadatsch erst recht. Glaube mir, Kind, von "ne unglückliche Siebe kann sich einer noch wieder erholen un ganz gut rausmaufern, aber vons unglückliche Leben nich." Elftes Kapitel. Baron Papageno (niemanden über sich) wohnte von alter Zeit her drei Treppen hoch, teils roeib er das seiner Meinung nach erst in etwa Dachhöhe beginnende Ozon auch in seiner Berliner Abschwächung nicht missen wollte, teils weil er einen Widerwillen hatte, bei jeder über ihm ftattfinbenben Mahlzeit ein halbes Dutzend Menschen und Stühle herum- poltern zu hören. Namentlich war ihm das Hin- und Herschrammen in den Tod verhaßt, das seiner in früheren Wohnungen gemachten Erfahrung nad) überall da blühte, wo Kinder mit zu Tische saßen, Kinder, die noch nicht alt genug waren, ihren Stuhl manierlich heranzustellen und fid) deshalb aushilfsweise zum Schieben gezwungen sahen. Neben dem Griffelgequietsch auf Schiefertafeln gab es nichts, was ihn so nervös gemacht hätte wie solche Stuhl- und Rutschfahrten ihm zu Häupten. Aber freilich, seine der gesamten Wohnungsfrage geltenden Sorglich- feiten beschränkten sich nicht auf Luftschicht und Hausruhe, sondern zeigten fid) beinah mehr noch in dem Raffinement, mit dem er bei der Wahl der Stadtgegend verfahren war und Zietenplatz- und Mohrenstraße-Ecke gewählt hatte. Wie sich denken läßt, hielt er diese seine Kastell-Ecke für nicht mehr und nicht weniger als den schönsten Punkt der Stadt und lag darüber mit dem alten Grafen in einer beständigen Fehde. Dieser seinerseits zog die Behrenstrahe weit vor, unterlag aber bei den sich darüber entfpinnenben Streitigkeiten jedesmal, weil er in der üblen Lage war, mit bloßen legitimistischen Sentiments gegen Tatsachen fechten zu müssen. „Ich bitte Sie, Graf", sagte bann Papageno mit einer von vornherein überlegenen Miene, „was haben Sie, Hand aufs Herz, in der BehreN- ftrafje? Sie sehen nun schon sieben Jahre lang in das Portal der Kleinen Mauerstraße hinein, ohne je was anderes herauskommen zu sehen als eine Kutsche mit einer alten Prinzessin oder einer noch älteren Hofdame. Das ist mir aber, offen gestanden, trotzdem die Kutschen zu sind, als Point de vue nicht anziehend genug. Und nun vergleichen Sie damit meine Mohrenstraße-Ecke! Sag ich zuvtel, wenn ich behaupte, daß mir, von meinem Ausguck aus, ganz Berlin, soweit es mitspricht, zu Füßen liegt? Was ich jeden Morgen zuerst zu begrüßen in der Lage bin, ist der alte Zielen auf seinem Postament. Als er noch weiß war, war er mir freilich noch lieber, und wenn ich ihn damals fo marmorblank in der Morgensonne bastehen und leuchten sah, dacht ich mitunter, er werde reden wie der selige Memnon aus seiner Säule. Nun, das hat er schon damals unterlassen, und seitdem er erz- und olivenfarben geworden ist, ist es vollends damit vorbei — die bessern Tage liegen ihm und andern zurück. Aber besser ober nicht, der alte Zielen ist überhaupt nur Vorposten an dieser Stelle, hinter dem ich (die Menge muß es bringen) an jedem neuen Tage nach links hin die Gamaschen des alten Dessauers und nad) rechts hin die Fahnenspitze des alten Schwerin blinken sehe. Vielleicht ist es auch fein Degen. Und en arriere meiner Generäle türmen sich die Ministerien aus und Pleß und Borsig, und wenn ich mich noch weiter vorbeuge, sehe ich sogar das Gitter von Radziwill, jetzt Bismarck, und durchdringe mich mit dem patriotischen Hochgefühle: hier Preußen unter dem Alten Fritz, dort Preußen unter dem Eisernen Kanzler." So liebte Baron Papageno zu perorieren und schloß bann in bet Regel mit Zitaten aus der ersten Strophe des ,Ring des Polykraies', womit sich feine Kenntnis der Ballade, wie bei vielen andern, erschöpfte. Der Baron lag auch heute wieder im Fenster, aber nicht nach dem Zietenplatze, sondern nach der Mohrenstraße hinaus, und beobachtete die Sperlinge, die gerat» gegenüber in der Dachrinne saßen und sich unter beständigem Gepiep und Gehupf, dem bann ein abschüttelndes Flügelschlagen folgte, den Extravaganzen eines geordneten oder vielleicht auch ungeordneten Familienlebens Hingaben. Er sann eben darüber nach, ob er sich nicht aus moral-pädagogischen Gründen ein kleines Pustrohr anschaffen und durch Hinüberschiehen kleiner Lehmkugeln etwas mehr Aszese heranbilden solle, als er draußen auf dem Flur die Klingel gehen hörte. Seine Wirtin mußte, der Tagesstunde nach, eigentlich noch zu Hause sein, und so hielt er vorläufig ruhig auf seinem Beobachtungsposten aus, bis das mehrfach wiederholte Klingeln ihn veranlaßte, nachzusehen, was es sei. Baron Papageno hatte draußen den Postboten erwartet und war nicht wenig Überrascht, statt seiner den jungen Grafen vor fid) zu sehen. „Ah, Waldemar! Herzlich willkommen! Wie Zeit und Jugend sich ändern! Ich schlief immer noch um elf, und Sie sind schon auf und gestiefelt und gespornt und machen Ihre Visiten. Aber bitte, geben Sie mir Ihren Ueberzieher! Oder wenn Sie meine Dienste verschmähen, auch gut; auch das alte «Selbst ist der Mann' hat seine Vorzüge. Hier an diesen Riegel, wenn ich bitten darf. Und nun lassen Sie mich vorangehen und den Führer machen ... Soll ich das Fenster schließen?" „Ich denke", sagte der junge Graf, „wir lassen es, wie's ist." „Gut. Oder vielmehr, desto besser. Nichts über frische Luft. Ich war eben naturhistorischen Betrachtungen hingegeben, und zwar dem Liebesleben einer Sperlingsfamilie drüben in der Dachrinne. Nichts interessanter als solche Betrachtungen. Und warum? Weil wir Urnen entnehmen dürfen, baß auch bas tierweltlich Jntrikateste feine Parallelftellen in unserem eigenen Leben findet. Glauben Sie mir, Waldemar, nichts falscher als die Vorstellung, daß es mit der Gattung homo was gans Besonderes sei." Der junge Graf nickte zustimmend. Der alte Baron aber, ohne sich im geringsten um Anzweiflung oder Zustimmung zu kümmern, fuhr in dem ihm eigenen jovialen Tone fort: „Sehen Sie, Waldemar, die Sperlinge! Meine Passion! Jedes Alter hat feine Passionen, und die Sperlinge repräsentieren am Ende nicht die schlimmste. Hübsch freilich sind meine Freunde drüben nicht und auch nicht wählerisch, eigentlich in nichts, im Gegenteil, immer amüsant, und das ist für mich das Entscheidende. Denn die meisten Tiere — wiederum ganz nach höherer Analogie — sind herzlich langweilig, darunter selbst solche, die für bevorzugt gelten und, fast möcht ich sagen, den Vortritt haben. Nehmeir Sie beispielsweise den Hahn! Er denkt sich Wunder was und ist dock) eigentlid) nur ein Geck. Außer dem Amte, bas ihm obliegt und über das ich in so früher Stunde nicht gern sprechen möchte, was tut er sonst noch, das der Rede wert wäre! Nichts. Er hält sommers von drei Uhr ab seine Dienststunden. Aber das ist mir zu wenig. Und nun vergleichen Sie damit den Sperling! Immer guter Laune, gesprächig, fidel. Ueberall guckt er rein, alles will er wissen, alles will er haben — die reinen Preußen in der Weltgeschichte der Vögel... Aber ich verschwatze mich, die Sperlinge sind nun mal mein Steckenpferd, ein etwas sonderbares Bild. Und nun nehmen Sie Platz, wenn ich bitten darf... Zigaretten? Oder einen Morgenkognak?" Und er fuhr im Zimmer hin und her, um zunächst ein Kistchen Zigaretten und dann Aschbecher und Feuerzeug vor den jungen Grafen hin- zustellen. Als er aber endlich damit zur Ruhe war, nahm er selber Platz und blickte mit seinen freundlich-grauen Augen, die pfiffig und unbedeutend in die Welt hineinsahen, feinen Besucher an. „Id) komme", begann dieser, „in einer etwas diffizilen Angelegenheit ..." „Also Geldsache“, warf Papageno dazwischer. und versuchte zu lachen. Denn feine Finanzlage war nicht die beste. „Nein, nicht das, lieber Baron. Es handelt fid) vielmehr um eine Herzens- und Standessache. Rundheraus, ich habe vor, mich zu verheiraten." „Ah, scharmant. Eine Hochzeit. Wahrhaftig, ich wüßte nicht, lieber Waldemar, was Sie mir Lieberes sagen könnten. Ich hab es verpaßt und stecke nun in meinen Junggesellenpantofseln. Aber wenn ich höre, daß ein anderer es wagen will, da faßt mich immer ein heftiger Neid, und ich höre nichts als Orgel und Tanzmusik und sehe nichts als Buketts und kleine weiße Atlasschuhe Die sind auch eine Passion von mir, beinah noch mehr als die Sperlinge. Und aus allen Backöfen werden dann Sudjen gezogen, und abends steigen Raketen aus dem Park in den schwarzblauen Himmel auf, und im Kruge, was immer das Interessanteste bleibt, gibt es nichts als Friesröcke, Brustlatz und Zwickelstriimpfe.“ (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: Dr. Hans Thhriol. — Druck und Verlag: Drühl’sche Llniversitäts-Vuch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.