Montag, den Januar Jahrgang (952 Zum neuen Lahre. Von I. W. v. Goethe. Die Jahre sind allerliebste Leute: Sie brachten gestern, sie bringen heute, Und so verbringen wir Jüngern eben Das allerliebste Schlaraffenleben. Und dann fällt's den Jahren auf einmal ein, Nicht mehr, wie sonst, bequem zu sein: Wollen nicht mehr schenken, wollen nicht mehr borgen, Sie nehmen heute, sie nehmen morgen. Vergangenheit kommt an den Tag. Von Josef Ponten. Aus Josef Pontens soeben erscheinendem zweiten Band seines Epos „Volk auf dem Wege. Roman der deutschen Unruhe" entnehmen wir den folgenden Auszug. Das Buch erscheint unter dem Titel „Rhein und Wolga" (Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart). Der Wolgadeutsche Auswanderer kehrt an den Rhein, in die Heimat seiner Vorväter zurück. Rheinlandschaft, Schicksalsstunden deutscher Geschichte werden lebendig, denn eines Stammes find die Deutschen am Rhein und an der Wolga, deren Voreltern die brennende Pfalz zur Wegfackel wurde auf der Suche nach neuem Lebensraum. Als dec neue Tag kam, grau, trübe und kalt, fand er eine veränderte Welt ein eingestürztes Stadtwesen, eine pockennarbige Stadtlanchchast vor, aus der es da und dort noch schwelte und rauchte, zum Husten reizender kalter Brandschmauch aufstieg und unter bedecktem Himmel träge einherzog. Mit dem neuen Tage rückten die Pioniere ein auf die Brandstätte, um einzureiben, was sich nicht ohne weiteres der Majestät von Frankreich gefügt hatte: die stehengebliebenen Mauern der Gebäude aus totein und die wie kleine Türme aus der Brandflur noch aufragenden Kamine der Holz- und Fachwerkhäuser. Die Werksoldaten kamen mit Brech- und Stemmeisen, mit Picken, Hebeln und den fahrbaren Essen. An den Ausfallstraßen der Stadt wurden Schilder errichtet, Zuoberst in französtscher, darunter in deutscher Sprache wurde den „ehemaligen Bewohnern der gewesenen Stadt Speyer" bei Guts- und Lebensstrafe verboten das Gelände der Stadt wieder zu besiedeln und auch nur zu betreten. Denn ein königlicher Wille verordne, daß dieses Stadtgelände in Zukunft als ein verfemtes anzusehen sei, und der König wünsche nicht, aus einer neu errichteten Hütte und nicht einmal aus einem wiederbenutzten Keller Herdrauch aufsteigen zu sehen. Der Alistädtmeister und Ratssenior Christian Heinsberg, gefolgt von Leitzingen, dem Handwerksmeister Plappert, Paul Läppchen, dem Fah- schwefler, dem Käser Reiser und anderen ging an der Tasel vorüber in die Stadt, ohne das Brett und die Wache dabei eines Blickes zu würdigen. Der Posten schaute verdutzt den Leuten nach und ließ sie gehen Die Speyerer schritten ernst, wie man einen Friedhof besucht. Angekohltes Holz, das abscheulich roch, abgesprengte »teilte und die verwickelten Drähte, an denen die Lampen der Straßenbeleuchtung gehangen hatten, versperrten den Weg. Der Altstädtmeister hob einen Draht mit [einem Stabe hoch und man schlüpfte darunter durch. Eine Wolke von Dunst ausgelaufenen Weines kämpfte säuerlich riechend mit hkm Brandgeruch. Tote Hunde mit angesengtem Fell lagen im Wege. Die Pwniere rissen die Reste der Häuser ein. toie lösten von ihren Wagen die Deichseln, steckten deren eisernen Schuh in eine Mauerfuge und legten den Schaft über einen dicken Stein in der Straße: wenn dann das schäftende mit der Kraft und der Last von vier oder sechs Mann niedergewuchte.t wurde, fiel die Mauer nach innen auf die Hausstelle. In den todesstillen Gassen, wohin die Einreißer noch nicht gekommen waren, strichen Katzen um die Stätten ihrer Heime. Manchmal hielten die Speyerer sich die flache Hand vor Mund und Rase, denn es stank entsetzlich aus den Rumen. »ie beschleunigten den Schritt. Sie sahen Plünderer, »oldaten und Bauern der Nachbardörfer, verstohlen um die Ecken schleichen und in ben et leit Ruinen noch vergessenen und verschonten Werten stochern. Erschüttert von den Schritten des Dutzends Menschen fiel in der Armbrustgasse eine Mauer zusammen. Die Münner kamen aus Markt und Breite ^Llta^e, der Ort des Domes leitete ihre Schritte. GiehenerKMilienbläM Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger yQkJ/ Die werkelnden Soldaten und die ein« oder andere Straßenwache hatten die Zivilisten vorbeiziehen lassen, denn es ist schwer, gegen den Ernst, und die Würde des Unglücks aufzutreten. So kamen die Männer bis zum Domplatz. Ei schau, der Speyerbach, durch die in ihn gestürzten Haustrümmer und den Brandunrat gestaut, hat sein Bett verlassen, seinen Lauf verlegt und sich durch die Ruinen des Reichskammergerichts, durch das Gäßlein zur Hölle und die große und kleine Himmelsgasse seinen Weg quer über die Breite Straße gesucht, läßt den Dom, den er früher zu seiner Rechten hatte, zu seiner Linken und fließt durch die Ueberreste des Fischtors hinaus in den Rhein! An diesem jungen Bach stand eine Postenkette, Rücken zu den Ankömmlingen und Gesicht nach dem Dome. Die Sargwände des Langhauses, durch Minen, die in die klotzigen Pfeiler gebohrt worden waren, erschüttert, kamen soeben unter furchtbarem Krachen und Donnern zur Erde nieder. Eine Wolke von Kalkstaub stieg auf, und alle, Soldaten und Bürger, rieben sich die Augen. Als die Staubwolke sich davongehoben hatte, sahen die Soldaten die Bürger. „Marsch! Fort da, ihr deutschen Lauskerle!" riesen die Soldaten und meinten das saft gutmütig. Die Speyerer wichen ein wenig zurück. Es war aber auf Augenblicke so still in der toten Stadt, daß Heinsberg und Plappert die flüsternd geführte Unterhaltung von ein paar Soldaten hörten: „Sie haben die Gräber ausgebrochen ... Gräber? Wo» ... Im Dom ... Gräber von was? ... ihrer Kaiser ... Ei, Kaiser! Haben sie was drin gefunden? ... Alte Lumpen. Ein paar blinde Steine. Nichts von Wert ... Nicht zu verwundern. Was soll denn so ein schäbiges Volk auch seinen Kaisern mitgeben? Denkt, tot ist tot, er merkt doch nichts mehr ... Ja, ja, warum sich noch Kosten machen, wenn's schons 'ganze Leben kostet? ..." , Die Generale Melac und Monclar standen mit ihrem Stabe tm brockenbesäten Hof des Domkreuzgangs. Ihnen wurden ein paar Soldaten zugeführt. In der Nacht hatten sie sich in den Dom geschlichen und die auf der Chorempore liegenden Gräber von der Krypta her angebohrt. Die Generale blickten streng. Ein Hauptmann erklärte: „Nichts von Bedeutung gefunden. Zwei Gräber erbrochen mit diesen den Leichen beigefügten Steintäfelchen: Adolf von Nassau, Albrecht von Oesterreich *.." — „Kennen wir nicht", sagten die Generale ... — „Ein anderes: Rudolf von Habsburg ..." — „Kennen wir nicht", sagten die Generale ... — „Hier ist sein Schädel", sagte der Hauptmann. „Eine Schramme darin. Der Kaiser war vor seiner Wahl ein streitbarer Landgraf ..." — „Die Deutschen waren immer Raufbolde, schlagen sich die Köpfe ein ..." — „... Landgraf im Elsaß ..— „So? Also in Frankreich! Ein französischer Graf! Rasch, anständig wieder begraben!" — „Noch zwei Frauengräber, einer Beatrix, Kaiserin, und eines Kindes, Agnes, Frau und Tochter von Friedrich Barbarossa ..." — „Aha, kennen wir, Barberousse! ..." — „Und hier ist das Gehirn des Kindes, der Kerl da hatte es in der Tasche." Der Hauptmann reichte dem General Melac das zur Gröhe eines Aepfelchens zusammcngetrocknete und hartgewordene Gehirn. „Haben Ball damit gespielt", fügte der Hauptmann hinzu, denn ec war in Wut über die Ruchlosigkeiten. Aber Melac überhörte das, er sah zerstreut das Gehirn des Kaiserkindes an, und halb verlegen ließ er es ein paar Mal in seiner Hand tanzen. Dann gab er es eilig dem Hauptmann zurück und flüsterte beinahe: „Alles schnell wieder verscharren! Zuschütten und dann — Maul hatte,/'— Und was werde ich mit euch machen?" wandte er sich streng an die Uebeltäter. „Eine halbe Stunde in ein Loch!" verurteilte er die Grabräuber. „Wenn es aber aufkommt, was ihr gemacht habt, und Europa des Königs Majestät deswegen Stank macht, dann gibt es die Galeere! Werde also erfahren, ob ihr Maul halten könnt." Und entließ die Räuber und den Hauptmann. . „Peinliche Geschichte das!" sagte er zu seinen Stabsoffizieren. „Den Deutschen mag man's gönnen. Was ist es denn schon groß mit ihren Königen und Kaisern? Alles Bauernkaiser und Raufbolde! Schramme im Schädel! Hat man je so was gehört? Kann man sich einen französischen König mit einer Schramme im Schädel denken? Aber den Wilhelm von Oranien mag es gegen Frankreich aufbringen, unsere Majestät sürchtet ohnehin eine europäische Koalition. Und außerdem, unseres Königs legitimer Sinn könnte sich verletzt fühlen. Wenn es auch nur Deutsche waren, es waren doch Könige ... Also" — statt der Aufforderung: Schweigen! die der General nicht aussprach, legte er, sich im Kreise umsehend, den Knopf seiner Reitpeitsche an die Lippen, und der ganze Stab sichrle lächelnd den Zeigefinger an den geschlossenen Mund. Der Hauptmann kam eilig und geradezu atemlos wieder daher. ,,-Vcein General! Die Mine, die in' den Hauvtpfeiler gebohrt wird — um die Kuppel und ihre Türme — niederzulegen — die Pioniere haben eine Grabplatte gefunden mit dem Namen: Karl —..." — „Karl? Karl der Große» Liegt er nicht in Aachen begraben? Aber die verfluchten Deutschen könnten unfern Karl ihren Strauchkaisern hier an die Seite gelegt haben . . Charlemagne! Erster Kaiser der Franzosen! Sofort alle Zec- störungsarbeiten einstellen! Der Rest der Ruine mag erhalten bleiben!" Oie drei heiligen Könige. Von Richard d. Schaukal. In Mitternacht erstand ein großer Stern, hielt still erstrahlend überm Dach des Herrn. Und war sein Licht von solcher Helligkeit wie keines andern je seit aller Zeit. Weithin drang in die Welt der starke Schein und lud mit Macht ihm nachzugehen ein. So haben sich denn auch in dieser Nacht drei Könige fern auf die Fahrt gemacht. Und wußten keiner von dem andern nicht und sanden sich zusammen vor dem Licht und gingen unterm niedern Dach ins Haus: da lag der Herr, sah wie ein Kindlein aus. In einer Krippe lag es nackt und arm, der Hauch von Ochs und Esel hielt es warm. Da beugten die drei Könige das Knie, und hoch durchs Fenster sah der Stern auf sie. Schaltjahr und Schalttag. Von Albin Michel. Das Jahr 1932 ist wieder ein Schaltjahr. Gewöhnlich wird angenommen, daß der 29. Februar der Schalttag sei. Dies ist jedoch falsch. Denn der Schalttag fällt nicht auf den 29. Februar, sondern aus den 24. Februar. Davon kann sich auch jeder durch einen Einblick in den Kalender überzeugen. Der Matthiastag, der sonst auf den 24. Februar fällt, wird im Schaltjahr stets auf den 25. Februar verschoben und an dessen Stelle tritt eben der Schalttag. So lange sich die Menschen Kalender geschaffen haben, so lange gibt es bereits Schalttage. Denn genau nach dem Jahresablauf läßt sich kaum ein Kalender einrichten, und bei de» geringeren Kenntnissen in den ältesten Zeiten war dies noch weniger möglich. Die alten Aegypter z. B. hatten jedes Jahr fünf Schalttage, die den Schluß des Jahres ausmachten. Dazu mußten von Zeit zu Zeit noch einmal besondere Schalttage eingesetzt werden. Andere Völker wie die alten Inder, die Perser, Griechen und Israeliten, die nach Mond- j a h r e n zu je 354 Tagen rechneten, mußten sogar alle paar Jahre einen Schaltmonat einlegen. Im alten Indien wurde die jährlich hervortretende Zeitdifferenz von je mehr als elf Togen aus die Weise ausgeglichen, daß jedes Mal in einem Zyklus von fünf Jahren zwei Schaltmonate fielen. Die alten Perser hatten später ein Jahr von 365 Tagen, schoben aber jedesmal in einem Zyklus von 33 Jahren acht Jahre mit Schalttagen ein. Bei den alten Israeliten wurde die Zeitdisserenz, die bei dem Mondjahr von 354 Tagen entstehen mußte, so beglichen, daß jedes Mal in einem Zyklus von neunzehn Jahren sieben Jahre mit Schaltmonaten kamen. Daß der 24. Februar als Schalttag bestimmt wurde, ist noch aus den ältesten Kalender der Römer zurückzuführen. Die alten Römer hatten einen Gott Terminus, das war der Gott des Grenz- und Marksteins. Diesem Gott war ein Fest geweiht, die Terminalien, die jedes Mal aus den 23. Februar fielen. Unmittelbar nach diesem Festtag, also am 24. Februar, wurde der Schalttag eingelegt. Dies blieb auch so, als im Jahre 46 vor unserer Zeitrechnung der Kalender Julius Cäsars eingeführt war. Ebenso hat der gregorianische Kalender den 24. Februar als Schalttag beibehalten. Schaltjahr und Schalttag haben auch in alten Volkssprüchen, in Volksmeinungen und in alten Volksrechten eine gewisse Bedeutung. Eine ganz eigenartige Rechtslage hatte der Schalttag vom 11. Jahrhundert an für unverheiratete Frauen und Männer in England, Schottland, Irland und auch in Italien geschaffen. Heiratsfähige Mädchen und Witwen hatten nämlich das Recht, am Schalttag jedem unbeweibten oder noch nicht zur Ehe versprochenen Mann einen Heiratsantrag zu machen. Der Mann brauchte zwar einen solchen Antrag nicht anzunehmen, er mußte jedoch in diesem Falle dem abgewiesenen Mädchen oder der ab- gewiesenen Witwe eine Entschädigung bezahlen. Das klingt beinahe wie ein Volksmärchen. Aber noch heute läßt sich in Schottland ein Gesetz aus dem II. Jahrhundert nachweisen, in dem das skizzierte Recht der Frauen und Mädchen am Schalttag festgelegt war. In diesem Gesetz aus dem 11. Jahrhundert war auch ausgesührt, daß sich die Entschädigung, die eine abgewiesene Frau zu erhalten habe, nach den Vermögensverhält- nissen des abweisenden Mannes richte, daß sie jedoch bis aus 2000 Schillinge gehen könne, für damalige Verbältnisse eine gewaltige Summe. Aehnliche Gesetze wurden in anderen Ländern nicht mehr aufgefunden, wohl aber wurden in italienischen Städten alte Prozeßakten ermittelt, die mit absoluter Sicherheit beweisen, daß derartige Gesetze auch in Italien bestanden haben müssen. Weiter wurde in England eine behördliche Bestimmung ausgefunden, wonach die Frauen und Mädchen, die am Schalttag aus Freierssühen gehen wollen, in einer bestimmten, weiterhin sichtbaren Kleidung auf der Straße zu erscheinen haben. Aus diese Weise sollten alle Männer, die keinen Heiratsantrag anzunehmen gedachten, Gelegenheit haben, sich rasch zu entfernen. In Deutschland dürsten derartige Gesetze nicht bestanden haben, wenigstens ist noch keine daraus abzielende Bestimmung gesunden worden. Eine letzte Erinnerung an dieses alte verbriefte Recht der Frauen und Mädchen am Schalttage läßt sich noch heute in Schottland, England und Irland Nachweisen. Arn Schalttage werden nämlich in diesen Ländern noch heute überall Festlichkeiten abgehalten, bei denen die Frauen die Veranstalterinnen sind. Die Schalttagsfestlichkeiten stehen ganz unter der Oberherrschaft der Frauen. Frauen bringen bei diesen Festlichkeiten die Trinksprüche aus, sie allein bestimmen die Speise- und Weinfolge. Die Männer sind dabei immer nur die Geduldeten und die Eingeladenen. Im Volksglauben der Völker haben Schaltjahr und Schalttag eine verschiedene Ausdeutung erhalten. In Deutschland gilt das Schaltjahr nach altem Volksglauben als ein Jahr mit schlechten (Ernten. Das kommt in verschiedenen Aussprüchen zum Ausdruck, an die man zwar heute nicht mehr glaubt, die aber doch noch öfter zu hören sind. Dagegen gilt das Schaltjahr nach dem Volksglauben der Russen als ein Glücksjahr. Der Schalttag dagegen gilt bald als Glückstag, bald als ein Unglückstag. Wer hat meine Bücher? Von Dr. Eugenie Schwarzwald. Ich habe eine Bibliothek. Das heißt, ich hatte eine Bibliothek. Von jung an habe ich Bücher getauft und Bücher geschenkt bekommen. Aber jetzt sind sie weg. Leider nicht alle. Wenn man nämlich gar keine Bücher hätte, so wäre das wenigstens originell und jedensalls keine Quelle des Mergers. Wenn ober in der Weimarer Goethe-Ausgabe der Band Faust I seh», in der Beuchot-Aus- gabe von Voltaire das Philosophische Diettonaire, in der schönen Vor- friegsausgabe von Dostojewski der „Idiot", von Hamsun die „Mysterien", von Fontane die „Kinderjahre", wenn die Hebbel-Tagebücher, die so wunderschön in Wildleder gebunden waren, weg sind, so geht einem das ans Herz. Der Frank Heller aber, den man für schlaflose Rächte stehen hatte, ist zu allererst weggekommen. Was ist mit meinen Büchern geschehen? Meine Freunde, berühmte und unberühmte, halten alle auf das siebente Gebot. Aber meine Bücher sind doch fort. Auf verschiedene Arten kommen sie aus dem Haus. Entweder sind sie eines Tages spurlos verschwunden. Oder es kommt einer und fragt in fliegender Eile: „Du, darf ich mir die Gedichte von Georg Trakl auf die Elektrische mitnehmen?" Bedächtig und ordnungsliebend kommt ein anderer: „Bitte, trag in dein Vormerkbüchlein ein, daß du mir Bernhard Shaw, „Sozialismus für die Frauen" für vierzehn Tage geborgt hast". Es gibt noch viele Arten, einem Bücher auszuführen. Aber auf alle Arten kommen sie nie wieder. Der BücherejKentümer kann nichts dafür. Es versteht sich ja von selbst, daß man Bücher verborgt. Das befiehlt der Gemeinschaftssinn. Wenn schon nicht alle materiellen Dinge allen gemeinsam gehören können, müssen es wenigstens die geistigen. Der eine Freund sagt: ,Lch habe, wie du weißt, nur wenig Geld und kann mir nicht viele Bücher kaufen. Leih mir das Buch, damit ich sehe, ob es mir eine Anschaffung lohnt". Der andere: „Da ich mir gar keine Bücher kaufen kann, so ist deine Bibliothek einfach die meine*. Der dritte: „Jetzt in der Nacht kann ich mir das Buch nicht kaufen. Ich muß es aber durchaus noch heute lesen". Es gibt nur sehr wenige Menschen, die in diesen Fällen den Mut haben, nein zu jagen oder sich gar auf Grundsätze zu berufen, die ihnen das Bücher- verborgen verbieten. Zu diesen Leuten gehöre ich nicht. Die Folgen davon sind die schmerzlichen Lücken in meiner Bibliothek. Wo ist Storms „Jmmensee", das mir mein Vater zum 15. Geburtstag geschenkt hat? Auf das Vorsatzblatt hatte er ein selbst verfaßtes Gedicht geschrieben, welches mir damals wunderschön schien. Wo ist Burckhardts „Renaissance in Italien"? Dieses Buch war mein erstes Honorar für Unterricht im Mittelhochdeutschen. Ach, wie war ich stolz daraus! Und wie viele Quellen der Heiterkeit sind mir verschüttet. Wo sind die Gedichte von Friederike Kempner hingekommen, die fie mir als einem Landmädchen mit einer so schönen Widmung geschenkt hatte: „Sogar schon auf dem Lande beim Mist und bei der Kuh gedenkt man meiner Muse;' was sagt ihr Neider nu?" Und wo soll ich nun Dedekinds „Rosa" suchen, ein Trauerspiel, dessen Held ein Einjährig-Freiwilliger namens Oskar Weiß, im ersten Akt lebend, im zweiten, dritten und vierten Akt ausdrücklich als „Geist des Oskar Weiß" auftrat. Es schloß mit den Worten: „Noch nie ward solche Greueltat erhört ...", und wir vergossen Kübel voll Lachtränen. Alles ist weg. Aus den verschiedensten Quellen fließt mein Schmerz um die entschwundenen Bücher. Ich trauere um jene, die ich zu lesen versäumt habe, um manche, die ich allzu flüchtig las, um solche, denen ich durch Anregung und Freude zu bleibendem Danke verpslichtet bin, um alle, an die sich irgendwie eine Erinnerung knüpst. Und wie viele von ihnen sind auch materiell unersetzlich! Erstdrucke waren dabei, Bücher, di« nun für immer vergriffen sind, sorgsam behütete Jahrgänge verschollener Zett- schriften. Aber das schlimmste bleiben doch die in der Jugendzeit unter . Entbehrung angeschafften Gesamtausgaben, denen jetzt ein Einzelband fehlt. Wie ein ausgebrochener Zahn. Merkwürdigerweise waltet über Büchern, die einem von den Verfassern selbst, mit Widmungen versehen, geschenkt wurden, ein ganz besonderer Unstern. Je berühmter der Name des Autors und je intimer die Widmung, desto sicherer geraten fie in Verlust. Letzthin wurde mir eine schwere Zahnoperation durch ein kleines Erlebnis im Wartezimmer des Zahnarztes versüßt. Ich fand dort auf dem Tisch zwischen einem muffig riechenden Jahrgang der „Meggendorfer" und einer abgegriffenen Anpreisung van Nauheim ein schönes langvermißtes Buch wieder, mir teuer durch eine zärtliche eigenhändige Zueignung des Verfassers. „Wo haben Sie das Buch her?" fragte ich die Assistentin. „Ein dicker älterer Herr hat es einmal hier vergessen." Sie nannte mir einen unbekannten Nomen. Noch schlimmer ging es mir mit Schessauers „Wenn ich Deutscher wäre". Er hatte es mir kurz vor (einem Tode mit guten Worten zu- geeignet. Kürzlich sand ein junger Mensch das Buch im Geheimgemach eines Kaffeehauses: er sandte es mir mit einigen roten Rosen, um den Fundort vergeßen zu machen. Von den Menschen, die Bücher entlehnen, sind zwanzig vom Hundert ordentliche Leute. Die weiteren achtzig vom Hundert (diese Statistik ist so salsch wie die meisten Statistiken) sind es nicht. Viele von ihnen haben einjach kein Verhältnis zum eigenen Buch. Achtlos nehmen sie es weg, sorglos geben sie es weiter. Geistige Werte sind ihnen keine Lebensnotwendigkeit. Bei ihrem Mangel an Phantasie können sie nicht begreifen, wie sehr sie den Bücherfreund berauben. Es ist vielleicht kein Zufall, daß selten arme Leute Büchermarder sind. Menschen, denen Geldbesitz wichtig ist, scheint manchmal Buchbesitz nicht wichtig. Menschen, die in einem Hauje, das nicht das ihre ist, feine Blume aus der Vase nehmen, um sie sich ins Knopfloch zu stecken, nicht einen Bonbon vom Tablett und nicht Der Inspizient lief hin und her, schrie nach dem Techniker: der rechte Scheinwerser war zu hell. — Fleischmann mahnte den Vorhangzieher. „Vorsichtig sein, nur wenn ich rufe, ziehen Sie. Siewers stand am Vorhang und sah durch das Guckloch: „Ausoerkauftes Haus. Gleich in der ersten Reihe der Intendant des Landestheaters, neben ihm ein älterer Herr, den ich nicht kennet Konradius drängte ihn zur Seite: „Das ist der Werberq aus Dresden, und da ist ja auch der neue Intendant aus Coburg und Kleefeld vom Thalia-Theater aus Hamburg. Alles versammelt zu dem neuen Schmarren." _ , . , ,, (Bertie hatte sich gegen einen Tisch gelehnt, sie brauchte einen Halt; ihr war jämmerlich zumute, sie konnte kaum noch stehen. Sie suchte krampfhaft nach den ersten Worten, die sie sagen mußte, aber he fielen ihr nicht ein. In ihren Ohren braust es, sie horte das Rauschen und e'ne Zigarette aus der Schachtel, ohne darum gebeten zu fein, — Bücher stehlen sie doch. Denn ein Buch zwanzig Jahre lang nicht zurückgeben, heißt ja nichts anderes. Häufig erfolgt Entlehnung eines Buches aus einer Art von Assimilationstendenz an den Besitzer. Wo hat nur der Kerl seine Ueberlegenheit her? denkt man. Natürlich aus feinen Buchern. Man borgt sich deshalb das Buch, von dem er gerade spricht, aber das heißt noch durchaus nicht, zu lesen. Die Funktionstheorie von Lagrange, die man mit großer Begeisterung entführt hat — zu Hause angelangt weih man nicht recht, was man mit ihr anfangen soll. Immer weiter fchiebt man das Studium hinaus. Allmählich wird einem schon der Anblick des Buches Zuwider. Zuletzt fühlt man sich sogar dem Eigentümer entfremdet. Dieses Buch, denkt man, kann mir gestohlen werden. Und richtig: eines Tages wird es einem gestohlen. Vielfach sind es auch materielle Gründe, aus denen Bucher nicht zurückgegeben werden. Das befleckte und zerrissene Buch kommt me zu- rück. Auch weiß man nicht mehr recht, wem das Buch gehört. Oder man steht verzweifelt vor der Aufgabe, es einzupacken und zu adressieren Man hat keinen Boten zum Schicken. Es persönlich zuruckzubrmgen, fallt einem nicht ein. Denn derselbe „Zauberberg", den man vor drei Jahren in der Aktenmappe befördert hat, geht jetzt in bie Oteic^e JDlappe md)! mehr hinein. Ist die Mappe kleiner geworden? Der „Zaubeick>erg dicker. Nein nur war damals die Freude, das Buch zu lesen, mit eingcpadt, unb bie war zart, währenb bie Unlust, es zurückzugeben, wesentlich kom- Patauher geschlossenen Bücherschränken gibt es keine Hilfe gegen dieses soziale Uebel ' Ein Exlibris? Da lebt in Deutschland em Mann, der sammelt Exlibris, indem er einfach die damit versehenen Bucher nicht zurückgibt. Er ist so zu einer schonen Bibliothek gekommen, hat aber viel Mähe gehabt, da er die Bücher immerhin einzeln zusammenborgen mußte. Anders ein hoher Beamter in I, der bei Eintritt m sein letziges Amt die gesamte Bibliothek aus seiner früheren Stellung in feinen Privatsalon verpflanzte. Aber was ist das gegen de» berühmten alten Gelehrten der kürzlich feinen Erben eine kostbare Bibliothek hinterließ, in der sich Bücher befanden, die er durch Entlehnen aus einer Nationalbibliothek erworben hatte. Daß diese Art von Seelenschlamperei nicht neu ist, kann man an einer Geschichte aus der Wiener Biedermeierzeit erkennen. Wenn Freunde des alten Lustspieldichters Bauernfeld ein ihm geliehenes Buch 3Hru<*P<;*? langten so sagte er: „Mein Gott, wie kann ich wissen, wer dein Buch hat! Nimm dir einfach eines aus meiner Bibliothek". Einmal befolgte ein Freund den Rat, und als er bann das Buch zu Hause aufmachte stand darin in wunderbar verschnörkelter Handschrift: „Joseph Hellmesberg , widmet dieses köstliche Geistesprodukt seinem trauten Freunde Dr. Joses Weistel" 3n Stunden der Auflehnung fühlt man sich versucht dem alten Herrn recht zu geben, den ich einmal in einem Pariser Buchladen habe ausrufen hören: „Wer Bücher entleiht, ist ein Verbrecher . Nein, doch nicht. Die Entlehner sind keine Verbrecher. Sie stehen unter einem kosmischen Gesetz. Augenscheinlich richtet das Buch an den Beschauer die stumme W orberunq: nimm mich mit. Der darin wirkende Autor verlangt nach Beachtung. Schon zu lange hat keiner von ihm Kenntnis Jeder, der Bücher nimmt, vergißt, verliert, unter die Leute bringt Ixit die Funktion eines Windstoßes, der Samen mertertragt, barmt irgendwo eine neue Pflanze Wurzel fasse. Aber das ist kein Trost für den Verlustträger, der den schweigenden Umgang mit den hachsten Recht liebt. Denn diese Großen sind wirklich sehr lieb und tactvoll. Ma- caulan sagt von ihnen: „Plato ist nie schlecht gelaunt, Cervantes stt nie frech Demosthenes kommt nie zu ungelegener Zeit. Dante hat nicht bie •’ÄS SB SÄ; -°«. N ein g*. Um;» b-. dangen. Win frieblid) füllen doch die Bncher an den Wenden! Wie tröst- iid) ift manchmal ein Satz, absichtlich aufgesucht oder zufällig aufge- schlaqen. Schon der Anblick eines Buchdeckels kann beruhigend wirken. Da schleppt man einem das Buch fort und es ist ausem Geben ge= schwanden Manchmal verspürt man noch eine Leere. Allmählich schwindet auch diese, dann erst ist das Buch ganz weg. Man i)t armer geworden und weiß es nicht einmal. Also bitte: Wer hat meine Bucher? Ztvei wollen zum Theater. Roman von Hans-Caspar von Zabeltitz. Copyright 1930 by Carl Duncker-Verlag, Berlin. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Gertie war machtlos, wehrlos. Sie ließ alles über sich ergehen, sand nicht die Krast, das junge Volk abzuschütteln ö'e.^ das eine neue Welle von Angst in ihr aufpeitschte. ,Krick Daran hatte sie noch gar nicht gedacht. Der Literatur-Professor wurde also morgen abend ini Parkett sitzen, um bann über sie unb ibre i.erftungen »u be- richten Und nicht nur er, sondern noch sechs oder acht andere Kritiker, vielleicht noch mehr, denn es war ja eine Uraufführung, über die in den -Peilungen des ganzen Reiches berietet wurde, eine lU-auffuhrung bei Ämnnn ürSie man sich auch in Berlin, Dresden, MünchenFran^ lurt und Wien interessierte. Die Kritik — das war eine neue Angst. Alenn sie jetzt die Mädels davonjagte, erzählen es die womöglichs morgen dem Drofellor und er war dann von vornherein gegen sie eingenommen. Sie stellte sich a?fo auf und ließ sich knipsen. Es blwb naturl ch „,ch bei der einen Ausnahme, das Mädel rollte eine gan3e 0Umf^ile ab xie anderen umdrängten inzwischen die Lehrer,n, be gatten l$on muöer einen neuen Plan ausgeheckt: sie waren m We,mar, ,n Pension, sie waren mit Goethe geladen, mit Goethe überfüttert seh „ genie" bei sich, hatten an dieser klassischen Stelle^ Szenen aus chr lestn wollen; nun stürzten sie sich von neuem auf Gertie. „Sie m 11 h Sie erwachte frühzeiUg, war müde, unausgeschlafen. Wie sie über diesen Tag sortkommen sollte, wußte sie nicht. Sie wagte sich dem Hause. Wieder und wieder las sie ihre Rolle, immer törichter erschienen ihr die Worte, die Handlung. Sie begriff schließlich nicht mehr, daß sie das alles einmal gut gefunden hatte, daß sich für den Unsinn irgendein Publikum überhaupt interessieren sollte Immer klarer wurde ihr es gab einen Durchfall mit Pauken und Trompeten. Und nicht nur bas: es war auch ein Wahnsinn von ihr gewesen, überhaupt den Versuch zu machen, zur Bühne zu gehen; warum war sie Isa: Wecher nachgelaufen, warum hatte sie diesen blöden Unterricht bei Pistorius genommen, was hatte ihr Büchner beigebracht? Um sechs Uhr schlich sie zum Theater. Durch Nebenstraßen sw konnte sich nicht entschließen, über den Markt zu gehen, wo sie vielleicht Peter oder Leo Queis, der ja auch kommen wollte, in die Arme lief. Sn der Garderobe lagen die Kleider, die sie sich für den Abend batte machen lassen: ein sommerliches Sportkostüm für den ersten, ein leichtes Nachmittagsfähnchen sür den zweiten und eme große Abend ollette fur den dritten Akt. Sie hatte sie mit aller Liebe ausgesucht. Jetzt schienen sie ihr abgeschmackt, scheußlich. Besonders die Abendtoilette die brennend rot war, weil sie Isa damals bei der Premiere im Hebbel-Theater gejagt ^Ja, * damals war /te Irisch gewesen. Was nutzte ihr das Rot heute, wo sie' blaß, übernüchtigt, elend war? Die Negendank mahnte: „Sie müßen sich fertigmachen." Der Garderobier kam, der Friseur kam. Sie wollten Mut machen: „Famos sehen Sie aus, Fräulein Rose." Aber die Spiegel jagten Gertie etwas anderes. Auf der Bühne waren die Mitwirkenden des ersten Aktes schon versammelt, als Gertie tarn. Die Stimmung war lau, mehr: war kühl: Trotz- bem rief ihr Siewers zu: „Spucken Sie aus, spucken ©le Ihren Stuhl an dreimal das nutzt." Und Konradius holte Fleischmann heran: Spucken Sie die kleine Rose an, Direktor." Fleischmann war auch erregt, aber machte trotzdem sein „Toi — toi — toi" gegen Gertie. Sie konnten alle von ihrem Aberglauben nicht los, und Gertie war auch schon so m ihm befangen, daß sie dachte: „Jetzt hat er nicht einmal ordentlich gespuckt. ' ind her, schrie nach dem Techniker: der rechte — Fleischmann mahnte den Vorhangzieher: ich rufe, ziehen Sie." Siewers stand am Voraus der Iphigenie" sprechen, bitte, bitte. Es wäre zu herrlich: eine richtige Schauspielerin lieft uns in Tiefurt aus der „Iphigenie" vor! Was war zu machen? Einen Augenblick dachte Gertie: ,Lch und Iphigenie, das ist ja lächerlich". Sie hatte feit Jahren nicht mehr in sie hineingesehen, seit der Zeit, in der sie wie diese Backfische geschwärmt und die Monologe auswendig gelernt hatte. Aber da stand hinter den Mädels wie ein Gespenst der kritikschreibende Literatur-Professor, dem ie berichten würden. Alles schien ihr gar nicht si> lächerlich, wie es war, m Gegenteil: bitter ernst. „ Man drückte ihr das Buch in die Hand. Man rief: „Rem, nicht hier. Man stritt sich: ob vor „Coronas Bank", ob auf der „Theaterwiese ober auf der Terrasse am „Chinesischen Haus''. Sie wußten Bescheid, bte Möbels, wo man zu Goethes Zeiten hier Theater gespielt hatte bie Erzieherin hatte es ihnen eingetrichtert, sie sollten doch nicht umsonst in Weimar gewesen sein. , „ „ , , r. So wurde Gertie schließlich durch den halben Park gezerrt, bis sie an der Stelle stand, wo einst die göttliche Corona Schroter Iphigeniens Worte gesprochen. Alles gruppierte sich vor ihr, alle fal)en auf fie. Und sie kam fick) unglücklich und zerschlagen vor. Aber sie raffte sich doch auf, las: LL ™. . , „Heraus in eure Schatten, rege Wipfel des alten, heil'gen, dichtbelaubten Haines ... Sie brauchte kaum ins Buch zu sehen, war über sich selbst erstaunt: wirklich, die Worte hasteten nock) in ihrem Gedächtnis. Das junge Volk lauschte, als ob sie ihm eine Offenbarung brachte, es jubelte ihr Beifall, als sie den Monolog geschlossen hatte. Es ließ ihr keine Ruhe; sie mußte auch noch die große Szene aus dem vierten Akt sprechen: Ich muß ihm folgen ...‘‘unb das Parzenlied: „Es fürchten die Gotter das Men- ^^Me?er?ad “es vollen Beifall. Und bann zwangen die Mädels Gertie auch noch, mit ihnen gemeinsam den Rückweg noch Weimar anzutreten. Sie mußte reden, schwatzen, auf hundert und aber hundert Fragen antworten: Theater und immer wieder Theater. Der Marsch war eine einzige Qual. Halbtot kam Gertie in der Jenaer Straße an. Sie hatte gebeten, daß man ihr das Abendbrot aufs Zimmer stelle. Nun faß sie vor Teller und Schusseln und konnte nur noch eines: fassungslos meinen. Sie war mit ihren Nervenkraften Ne d fröstelte erst, bann fror sie. Sie klapperte mit den Zahnen, glaubte Fieber zu haben. Sie dachte: „Es ist aus morgen bm >ch krank, schwer krank: Grippe ober Lungenentzündung, ober noch Schlimmeres. So kroch sie ins Bett, aber auch ba würbe sie nicht warm. Sie versuchte, sich ihre Rolle noch einmal auszusagen, sand kein Wort. Alles war wie weggeblasen. Dafür konnte sie etwas anderes nicht loswerden, es drängte fid) immer wieder in ihr Gedächtnis: „Es furchten bte Gotter das ^M?äo?he? Parzenlieb auf ben Lippen hämmerte sie schließlich Was sein: Tisch „Anfängen!" , . Die erste Szene begann. Gertie wußte: sie wird gleich vorüber sein, dann mußt du heraus, da vorne hin, in diese Fülle von Licht, vor das schwarze Loch, in dem das Publikum sitzt, all die fremden Menschen. on" hatte sie doch zu sagen? — sie wußte es nicht mehr. Was sollte nur werden? Ihr Stichwort fiel. Sie biß die Zähne zusammen, es mußte >a sie öffnete die Kulissentür, trat hinaus. Sie sah Konradius und die Walling, die ihre Mutter gab, am sitzen, wie auf allen Proben. Und plötzlich waren die Worte da: sie sprach. Sie war selbst erstaunt, daß sie sprechen konnte. Der erste Satz war heraus, Konradius gab den Gegensatz, sie lief auf ihn zu, küßte ihn, wie vorgeschrieben, jung, kindlich, antwortete keck, frech. Raunen, das aus dem Zuschauerraum durch den Vorhang drang, dieses unbestimmte Murmeln und Knistern, das Klappen der Sitze. Fleischmann sah nach der Uhr. Er rief: „Bühne frei!" Irgend jemand schob Gertie hinter die Kulissen. Mechanisch ging sie zu der Stelle, von der sie nachher ihren Auftritt hatte: sie hörte wieder Fleischmanns Stimme: „Haus dunkel!" Das Gemurmel im Zuschauerraum wurde leiser, ein paar Sitze klappten noch. .Leichen!" Der Gong ertönte, einmal und noch einmal. „Vorhang!" Gertie hörte, wie die Gardine hinaufrauschte, sah, wie die Buhne vom Rampenlicht plötzlich doppelt hell wurde. Da hörte sie ein Geräusch, das ihr bisher ganz fremd war, von vorn auf sich zukommen: ein Raunen, ein Lachen. Sie fühlte, es galt ihr, dem Satz, den sie eben gesprochen. Er hatte gewirkt. Sie konnte gar nicht erwarten, bis sie wieder zu Wort kam, sie wußte, ihr Nächstes gab eine Pointe: die mußte sie anbringen, richtig hinsetzen, damit sie das Lachen da unten sesthielt. Die Mutter hatte ihr etwas zu sagen, sie stand da, lauschte, wartete, ließ eine Pause und warf ihren Witz wie einen Ball ins Publikum. Er schlug ein. Wieder lachte man. Stärker als zuvor. Sie begriff plötzlich: das war ja etwas ganz anderes wie die Proben, wo da vorn die Reihen leer, seelenlos gewesen. Sie fühlte, wie Wellen, Schwingungen auf sie zukamen, sie spiirte Atem, Lauschen, sie empfand Augen, die auf sie gerichtet waren. Sie hatte Kontakt mit ihren Zuschauern gewonnen. Sie merkte Wohlwollen, Sympathie, Berständnis. Alle Unruhe war fort. Konradius sagte „Bebe" zu ihr. Sie antwortete strahlend, glücklich: „Ja". Sie war Bebe, nur Bebe, sie lachte, tollte als Bebe, umarmte die Walling, als sei sie wirklich ihre Mutter, begrüßte Siewers, als sei er ihr bester, einziger Freund. Sie war besessen von jedem Wort, was sie sprach, sie fühlte sich frei, ungebunden. Restlos glücklich war sie: sie liebte die Menschen, die da unten saßen und ihr zuhörten. Sie wünschte, sie könnte immer hier auf den Brettern stehen und sprechen, sprechen. Und dabei empfand sie noch etwas als herrlich: Konradius, Siewers und die Walling waren völlig anders als auf den Proben. Ihr schien, sie taten alles so, wie sie es sich immer vorher gewünscht hat«. Sie hatte ihre ersten Szenen hinter sich, Vater und Mutter gingen ab, ein Duo mit Siewers tarn; sie freute sich, denn es brachte ihr neue Wirkungsmöglichkeiten. — Fleischmann stand hinter der Szene. Er staunte, er begriff zuerst nicht: was war in die Rose gefahren? Er horchte auf das Publikum: jede Pointe saß, wurde angenommen. Er kannte doch die Nuancen dieser Geräusche. Aber wie spielte die Kleine? Das war ja ganz eigene Note, eigener Ton, nicht gemacht, nicht gelernt, das war empfunden, kam aus ihr selbst. Er sah, wie sie die anderen mitriß. Donnerwetter, da ging ja sogar der alte Routinier Konradius aus sich heraus. Wenn sie nur durchhält. Wenn sie dies Tempo nur durchhalten kann. Jetzt kamen die Eltern hinter die Bühne. Ko'nradius trat zu Fleischmann. „Also was sagen Sie zur Rose? Ist sie nicht fabelhaft?" Fleischmann hielt ihm den Mund zu: „Seien Sie doch still. Unken Sie doch nicht rein. Das Stück hat drei Akte, das könnten Sie alter Bühnenhase eigentlich wissen." Er wandte sich auch zu den anderen. „Kinder, sagt ihr's nicht, ich flehe euch an, sagt ihr's nicht." — Gerties erster Austritt war vorüber. Sie ging ab, hinein in das Dunkel hinter der Szene, in das Gewirr aus Latten, Balken, rohen Pappwänden, aus der Rampenstimmung in die Stimmungslosigkeit. Sie war etwas außer Atem, ein wenig taumelig, sie stützte sich, schloß die Augen. Der Inspizient, die Bühnenarbeiter, sie alle, die doch etwas von der Sache verstanden, die Erfahrung von Jahren hatten, auf den Proben hatten sie die Achseln gezuckt und gelächelt, jetzt war Respekt in ihren Blicken. Fleischmann ging zu ihr. „Nett so, kleine Rose, recht nett so. Ist die erste Angst weg? Sehen Sie, es ist gar nicht so schlimm." Sie wandte ihren Kopf zu ihm. „Sind Sie zufrieden, Herr Direktor?" Er nickte. „Aber gewiß. Wollen abwarten." Bloß jetzt noch nichts sagen. Er blieb neben ihr. Sie wollte noch etwas fragen. Ab«r er winkte ab. „Pst ... nicht sprechen." Er ließ niemand an sie heran, bis sie ihren nächsten Austritt hatte. Der erste Akt ergab schon einen netten Erfolg. Das Publikum lachte hell auf, als Gertie den Aktschluß brachte. Dann fiel der Vorhang und das Klatschen setzte ein. Gertie wollte von der Szene, aber da ging der Vorhang schon wieder hoch. Nun sah sie in den erhellten Zuschauerraum: eine Fülle von Gesichtern, säst wie weiße Kreise, Bewegung, klatschende Hände. Sie mußte sich verbeugen. Der Vorhang siel, hob sich wieder. Die Kollegen kamen, verbeugten sich auch. Die Walling sagte leise zu ihr: „Famos, Kleines!" Es klang ehrlich. Nach dem fünften Steigen des Vorhangs rief Fleischmann: „Genug! Genug für den ersten Akt. Nicht mehr. Das verdirbt nur die Stimmung. Und nun los: umziehen." Wieder nahm er Gertie neben sich, schob die anderen beiseite, brachte sie bis an ihre Garderobentür. „Mehr Rot auflegen, Kindchen, Sie sind ein bissel blaß", sagte er noch. Gertie huschte hinein. Sie mußte sich beeilen, die große Pause war erst nach dein zweiten Akt. Frau Schneider, die Garderobiere, stand zur Hilfe bereit. Das hatte Fleischmann nicht bedacht. Sie schwatzte darauf los, während sie Gertie das Nachmittagskleidchen zureichte. Gottedoch, Fräulein Rose, es muß ja fabelhaft gewesen [ein. Das ganze Haus red't ja' nur noch von Ihnen. Und im Publikum ist eine Stimmung! Querholz hat doch im Parkett gesessen und erzählte es. Die Leutchen sind rein aus dem Häuschen über die Neue, und das sind doch Sie. Ich würde ja jetzt schon gratulieren, aber ich werd' mir den Schnabel verbrennen, Nee, lieber mach' ich toi — toi — toi." „Also sie sagen, ich wäre gut? Wer denn? Der Direktor auch?" „Der Direktor? Na, der doch besonders. Er soll ganz überrascht gewesen sein." Wäsche, Strümpfe und Schuhe hatte Gertie gewechselt, jetzt hob Frau Schneider das Kleid, um ihr es überzustreifen. „Nee, Sie sehen auch zu niedlich aus, Fräulein Rose. Und dann noch Talent. Das mutz ja ’ne große Karriere geben." Gertie zog sich das leichte seidene Fetzchen über.den wuscheligen Kopf. Dann setzte sie sich noch einmal vor den hohen Spiegel und nahm Kamm und Bürste in die Hand, zog den Schminkkasten heran. Nein, Rot brauchte sie nicht mehr. Die Blässe war verflogen. Ähr wurde jetzt bestätigt, was sie schon gefühlt: sie wirkte, sie gefiel. Und Fleischmann war überrascht gewesen. Nun war sie voll Sicherheit. Gut so und weiter. Die Klingel über der Tür schrillte. Man rief sie. Es war Zeit. Hinter der Szene traf sie Siewers. Sie hielt ihn fest. „Also ich krabbele nachher doch auf den Flügel. Nur damit Sie nicht erstaunt sind, wenn Sie auftreten." Er lachte sie an: „Man immer los! Ich bin jetzt auf alles gefaßt." — Gongschläge — Vorhang. Noch einen Blick warf Gertie auf die Kollegen: überall sah sie in helle, freundliche Gesichter. Da ging sie leichten Herzens hinaus ins Rampenlicht. Peter saß in der dritten Reihe im Parkett. Er hatte, als der Vorhang das erstemal fiel, geklatscht, bis ihm die Handflächen wehtaten, und dann noch weiter. Aber nicht aus dem Gefühl, helfen zu müssen, sondern aus innerster Ueberzeugung. Und aus Stolz: Gertie war ja wundervoll. Er war von Berlin her an gutes Theater gewöhnt. Was Gertie hier leistete, brauchte sich vor Berlin nicht zu verstecken. Er konnte während der Pause kaum erwarten, daß der Vorhang sich wieder höbe. Er blickte sich um, suchte: oben im Rang sand er Leo Queis. Sie winkten sich zu. Aber wichtiger war, was er um sich hörte: alles sprach von Gertie Rose, von der Neuen. Alles lobte. Die Menschen fragten sich: woher kommt sie? So — aus Berlin. Ist sie schon aufgetreten? — nein? — zum erstenmal? — ist ja kaum zu glauben. Großartige Entdeckung von Fleischmann. Ja, der versteht seine Sache. Na, die wird nicht lange in Weimar bleiben. Warum denn nicht? Sie kann hier bei uns noch viel lernen. Neben Peter saßen zwei ältere Damen, die sich besonders lebhaft an der allgemeinen Unterhaltung beteiligten. Sie schienen hier Theaterstammgaste, man hörte auf sie. Und sie waren restlos begeistert. „Gertie", dachte Peter, „meine Gertie." Aber einen kleinen Stachel hatte das Denken: daß sie dort oben stand, so vor allen Menschen. Es war ihm in der letzten Woche so allerlei durch den Kops gegangen, roas, er damit nicht ins rechte Gleichgewicht bringen konnte. Gewiß, Isa, die Schwester ging auch zur Bühne. Aber dennoch ... Sowie er Gertie auf der Bühne sah, schwanden diese Schatten, und es blieb das Freuen. Der zweite Akt setzte ernst ein. Im ersten war Lachen und Tollen gewesen. Jetzt gab es einen Konflikt zwischen Mutter und Tochter, und nun hatte Gertie ein anderes Gesicht: starr. Auch das kam von innen heraus; Peter empfand es. Im Haus, das eben noch so herzlich gelacht hatte, wurde es still. Niemand rührte sich. Der Streit der beiden Frauen spitzte sich zu. Da ging plötzlich eine Veränderung mit Gertie vor; ihr Ausdruck wurde wieder weich, kindlich. Dis Mutter sprach auf sie ein, sie entgegnete nichts, aber, ohne daß sie eine Bewegung machte, sah man ihr an, daß die Worte der Mutter wirkten. Dann brach sie unvorhergesehen in sich zusammen, weinte, klagte sich an: „Ich bin ja so schlecht. Ich bin ja so gemein." Und die Mutter hob sie auf, zog sie zu sich heran. Es war ein« ganz große Szene. Peter fühlte, es würgte ihm im Hals, und er hörte, es ging nicht nur ihm so: die Damen neben ihm hatten ihre Taschentücher gezogen, rings im Parkett hoben sich Hände, um verstohlen di« Augenwinkel zu^vischen. — Und dies Ergreifen ging ganz allein von Gerties epiel aus. Sie konnte also auch ernst sein. Ja, das begriff Peter; er wußte es, er: fi« hatte Herz; sie war nicht nur der liebe, leichte, frohe Kerl. Aber ebenso schnell, wie sie die Menschen gerührt hatte, riß sie sie wieder herum. Ihre Schlußszene kam: wie ein frecher Junge lag sie auf dem Flügel und schlenkerte mit den Beinen. Das Parkett raste vor Freude. Es gab einen spontanen Beifall auf offener Szene, in dem die letzten Worte des zweiten Aktes fast untergingen. Aber dieser und jener mutzte sie doch verstanden haben, denn es gab noch einmal herzhaftes Lachen an einzelnen Plätzen, das sich durch das ganze Haus fortpflanzte, alle ansteckte. Während der Vorhang fiel, stieg und wieder fiel, brauste erneut das Klatschen auf und hielt an. (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: vr. HansThhriot. — Druck undDerlag.Brübl'scheUniverfitäts^lLuch. undSteindru ckerei»R. Lange, Gietzen.