SiehenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <932 Montag, den 3. Oktober Nummer 77 Die Liebende schreibt... Bon I. W. v. Go « th «. Ein Blick von deinen Augen in die meinen, ein Kuh von deinem Mund »uf meinem Munde — wer davon hat, wie ich, gewisse Dunde, mag dem was andres wohl erfreulich scheinen? Entfernt von dir, entfremdet von den Meinen, führ ich stets die Gedanken in die Runde, und immer treffen sich auf jene Stunde, die einzige; — >da fang ich an zu weinen. Die Träne trocknet wieder unversehens: er liebt ja, denk ich, her in diese Stille — und solltest du nicht in die Ferne reichen? Vernimm das Lispeln dieses Liebewehens; mein einzig Glück auf Erden ist dein Wille, dein freundlicher zu mir — gib mir ein Zeichen! Der Luftballon. Ban Astrid V ä r i n g. Die Uhr schlug eins, als sie aus dem großen Warenhaus herauslam, ein schlankes Mädchen mit einem alltäglichen, sehr blassen Gefichichen, eine von den vielen, die an den Schreibmaschinen saßen und schrieben, während ihr junges Blut einen anderen heißen Rhythmus tanzte. — Er begegnete ihr in der Drehtür. Er war ein junger, gut gewachsener Mann, ebensowenig bedeutend wie sie. „vH Klas, da bist du ja!" rief sie freudig aus und wollte ihm die Hand reichen, mußte sie aber statt dessen über die Augen legen, so blendete die Sonne. Der Sommer war plötzlich ohne alle Vorbereitung gekommen, nach einem recht kalten Frühling. Gun hatte zwar wenig in ihrem Bureau von allem bemerkt, wo sie nach amerikanischem Muster mit vielen in einem großen, übersichtlichen Saal zusammensaß und in dem der Lärm alles andere übertönte. Deshalb überwältigte sie wohl die Sonne so, als sie aus dem Halbdunkel ihres Bureaus herauskam. „Rein, wie komisch, Klas", lachte sie etwas verwirrt und nervös, „ich sehe dein Gesicht nur halb, die andere Hälfte ist überhaupt nicht da. Und der Hund dahinten hat zehn Beine!" Wieder strich sie sich über die Augen. „Nun ist es wieder vorbei, Klas — du, das war aber komisch!" Der junge Mann schien die Situation weniger komisch zu finden. Aengstlich sah er das blasse Mädchen an seiner Seite an — ihre Augen leuchteten jetzt um die Wette mit der Sonne —, aber ihm gefiel dies fieberglänzende Aussehen ganz und gar nicht. „Willst du wirklich wieder kein Mittagessen, Gun?" fragte er vorsichtig. „Natürlich nicht, darauf kannst du dich verlassen", antwortete sie übermütig. „Wer bekommt es wohl fertig, sich in die heiße Kantine an so einem Tag zu fetzen, an dem man während der Mittagspause Sonne haben kann? Ich habe mir ein paar Butterbrote geben lassen, komm schnell, Klas, ehe unsere Zeit um ist!" allem... bei dem des aus- eine wie „Hör einmal, Gun, ohne Mittagessen ...", versuchte er trotz „Sei still, du, mit deiner Vernunft, kannst du wirklich Sonnenschein vernünftig bleiben?" Sie ergriff seinen Arm, und er gab es auf, den Vormund gelassenen Mädchens zu spielen. Hetzt standen sie im vollen Sonnenschein. Der Himmel war "mgestärzte Schale aus milchblauem Glas, aus dem das Lichi nii’Der- rann, die Luft war warm und klar. Gun hatte recht; man war nun Er folgte ihr mit einem ungeduldigen Seufzer. Wie gerne war« er Wit ihr in ein Restaurant gegangen und hätte ihr alles ausdenkbar Schone vorsetzen lassen — aber würde er es nur wagen, mit solchem Vorschlag zu kommen, dann wäre die Antwort: du bist wohl größenwahnsinnig, Klas, denk nur, was wir für das Geld an Vergnügen haben können abends, wenn wir miteinander tanzen gehen ... Vielleicht hatte sie recht. Ein armer Ingenieur, der froh fein mußte, eine schlecht bezahlt« Anstellung zu haben, konnte sich weiß Gott keine teueren Restaurants leisten. Und daß man etwas Farbe in das graue Einerlei des Alltags bringen mußte, konnte er auch verstehen ... einmal jung, auch wenn man arm war. Früh genug werde man alt und tauschte die Stunde Sonnenschein gegen ein gutes Mittagessen eint „Wohin wollen wir?" fragte er also. „So weit als irgend möglich", antwortete sie munter. „Komm, laß uns ein Stückchen die Straßenbahn nehmen, dann können wir auf ein Weilchen in den Park ... nein, sieh nur, Klas!!" Dicht an die Häuserwand gedrückt stand eine Frau mit bunten Ballons. Wie gewaltige exotische Früchte in unnatürlich starken Farben, roia, blau und grün hoben sie sich^von der grauen Hauswand ab, wiegten sich •an Fäden wie an langen Stielen. Es war eine Zigeunerin, die die Ballons anbot, die großen schwarzen Augen wirkten in dem mageren Gesicht wie Löcher. Stumm und gleichgültig wie das Schicksal stand sie in ihren bunten Schal gehüllt, als fröre sie mitten im Sonnenschein. „Kauf' mir einen Ballon, Klas", bat Gun. . „Was willst du denn damit?" „Wozu will man manches — wozu braucht man Sommer, Sonne und gestohlene Mittagsstunden, du gelehrter Ingenieur! Der du nur mit Zahlen umzugehen weißt! ... Weil der Ballon hübsch ist, KlasI" „Na, dann such' dir einen aus." Sie wählte lange und sorgfältig, dann nahm sie einen mattrosa, der gut zu ihrem neuen Sommerhut paßte, und trippelte froh an seiner Seite weiter. Auf dem Ballon war ein kleines Schloß gemalt in mattem Gold mit Turm und Zinnen. Er glänzte in der Sonne. Dann standen sie auf der Plattform der vollen Straßenbahn. Ditz Hitze war fast unerträglich inmitten der z u sa m m en ged rän gte n Menschen, aber Gun schnitt Grimassen und schien nichts davon zu merken. Und über ihre Schultern hinweg flatterte der Ballon wie eine große schimmernde Seifenblase, flüchtig und vergänglich. Eine plötziiche Weichheit ergriff Klas, eine unerklärliche Schwermut trotz Sonne und Wärme. Warum war heute das Leben für die Jugend so schwer? Warum konnte er trotz aller Bemühungen keine Stellung finden, die ihm eine Heirat ermöglichen würde? Warum hatte er nicht die Macht, Gun aus diesem Bureau herauszunehmen, das ihre Gesundheit untergrub? Er mochte Guns Chef nicht leiden. Aber das war wohl nur Eifersucht, wenn Gun ihm erzählte, daß der Chef sie gut leiden könne. Gun gehörte ihm, ihm, den sie wieder liebte, mit dem sie tanzen ging. Aber — ob sie ihn wirklich heiraten würde? Er hotte bisher nie gewagt, sie danach zu fragen ... Wer weiß, ob sie dann nicht jemand vorzog, der ihr mehr bieten konnte ... Gun hatten die Zeiten die Hoffnung noch nicht geraubt. Siegesbewußt und strahlend stand sie da und streckte ' waren so sehnsüchtig, mitten im Uebermut — er beugte sich rasch herunter und küßte sie. . Gun sah ihn an. Sah sich um, zufällig waren sie allein. Klas nicht traurig sein", es klang ein wenig ungeduldig. „Komm, setz 'dich her zu mir aus die Bank, es wird sich auch für uns ein Rat finden." Sie war innerlich etwas böse auf diesen unverbesserlichen Mann, den ewigen Pesimisten, der niemals den Augenblick ergreifen konnte, ohne die kommenden Unkosten zu berechnen! Manchmal bedruckte es sie sein stetes An-die-Aunkunft-denken, und sie dachte daran, wie leicht und oe- quem sie es haben könnte, wenn sie den Chef ... nein, es war unrecht, so zu denken. Niemand war so wie Klas, so sein und so lieb. „Sei nicht traurig", wiederholte sie und legte den Arm um seinen Hals. Sieh dir das Schloß auf meinem Ballon an, darin wirst du mit mir wohnen, und mir werden von goldenen Tellern essen wie im Märchen!" Sie zeigte aus den Ballon über ihnen. Solche leichte, kindische Sprache pflegte Klas gerne zu hören; oft schon hatte sie ihn damit von feinen dunklen Gedanken fortgelockt, aber heute hatte er keine Lust zu spielerischen Gesprächen. „Ja, dies ist das einzige Schloß, das ich dir jemals geben kann, Kindchen", sagte er bitter. „Ein Spielzeugschloß auf einem Ballon für zehn Pfennig!" Sie sah ihn an, und zum ersten Mal überfat) sie die Aussichtslosigkeit ihrer Lage. Sie ahnte, daß die unbekümmerten Tage vorbei waren, daß es zu irgendeiner Lösung zwischen ihnen kommen mußte, zu einem Beschluß und einer Handlung. Aber sie wollte ihre Märchenschlösser noch nicht lassen! „Was macht denn das aus, Klas", sagte sie leidenschaftlich und klammerte sich an seinen Arm, „wenn ich bei dir bin, ist jede Bank am Wege ein Heim, was kümmern mich Schlösser! Laß doch andere Menschen Villen und Autos haben, wir haben das Glück, und wir sind jung, niemand kann uns das nehmen, wenn wir uns einander nur haben können." Und ohne sich um den alten Herrn zu kümmern, der würdig an ihnen vorbeiging, zog sie seinen Kops zu sich herunter und küßte ihn. Einen Augenblick vergaßen sie ihre Umgebung im heißen Hunger ihrer Jugend. Dabei merkten sie nicht, daß der Ballon leise an idem Faden zog, wieder und wieder, bis er endlich frei war und in den blauen, unendlichen Himmel hinausschwebte. Eine Uhr schlug und riß sie brutal in die Wirklichkeit zurück. „Die Zeit ist um, Klas, wir müssen gehen." Dabei merkte sie ihren Verlust. „O, mein Ballon, mein schöner Ballon!" rief sie klagend. Aber der war unwiederbringlich verloren. Wie ein kleiner rosa Punkt schwebte er oben in dem klaren Blau, auf dem Weg zu neuen, unbekannten Schicksalen. Niedergedrückt, eigentlich ohne recht zu wissen, warum, starrten sie ihm einen Augenblick lang nach, dann liefen sie wie gejagt zur Haltestelle der Straßenbahn ... (Deutsch von Karin Reitz-Grundmann.) Max Slevogt. Von Dr. Paul Landau. Vor kurzem ist der Maler Max Slevogt gestorben, einer der großen Meister des deutschen Impressionismus, den nun, nachdem Slevogt und vor einigen Jahren Corinth dahingegangen sind, die ehrwürdige Erscheinung des greifen Liebermann in einsamer Gröhe repräsentiert. Die „unendliche Melodie" bes Ornaments ist der deutschen Kunst seit der ersten Blüte germanischen Schassens im „Völkerwanderungs-Stil" eigen. Aber die musikalische Beseelung dieser reichen und glücklichen Linienphantasie ist ihr nur in ganz wenigen Augenblicken beschieden gewesen. Ein solcher großer Moment in der Geschichte der deutschen Kunst ist die Erscheinung Max Slevog.ts, des Meisters, mit dessen Tod wir nun den Heimgang so vieler bunter Gestaltungen beklagen, die noch in diesem ewig beweglichen, unerschöpflich fruchtbaren Haupt schlummerte. Slevogts Schassens bedeutet über alle Grenzstreitigkeiten der Stile hinaus die Erweckung einer urdeutschen Gestaltenwelt, eines unendlichen Auges von Geistern und Feen, Engeln und Teufeln, Visionen und Märchen aus dem Geilte der Phantasie und des Unbewußten. Er zeigte uns den Künstler wieder einmal als den hohen Magier, der in seinen Zauberkreis alles bannt, was nie ein irdisches Auge geschaut hat. Historisch knüpfte Slevogt wieder an die Romantiker und Idealisten des 19. Jahrhunderts an, an schwind und Böck li n, aber nachdem er vorher die ganze Eroberung der Wirklichkeit, die Entdeckung des Lichtes und der Bewegung durch den Impressionismus in sich ausgenommen hatte. Er wurde so der Romantiker des deutschen Impressionismus. Er befruchtete die kühle Klarheit des deutschen Nordens mit dem üppigen Schmuckgeist, mit der lebensfrohen Sinnlichkeit und erfinderischen Beweglichkeit des deutschen Südens. Den sicheren und sesten Strich eines Menzel umrankte er mit den bunten Grabestengirlanbe n des Neu - mannschen Barocks seiner Würzburger Heimat; die helle dünne Lust der Liebermannschen Landschaft erfüllte er mit glühender Farbigkeit. Eine wimmelnde Welt von Gestalten aus Märchen und Dichtung schuf er um sich, weil in ihm wieder einmal jene begnadete Schöpferkraft des Künstlers auferstanden, von dem Dürer verlangte, daß er „inwendig voller Figur" fei. Den mainsränkischen Gauen, die der deutschen Kunst seit Riemen, s ch n e i b e r und Grünewald so viel geschenkt haben, entstammt sein Geschlecht; in Würzburg wuchs er auf unter dem Gewoge reichster Ornamentik an Häusern und auf Brücken, im Anblick jener glühend reichen Fresken mit denen Tiepolo die Residenz schmückte. In München erlernte er bei Diez bas Malen, von Trüb ner die reichere Tiefe des Tons ahnte in Paris das Wunder der befreiten Oberfläche bei Manet und Äonet, fühlte in Italien die Majestät höherer Formen, für deren Gestaltung ihm Böcklin Führer wurde. Aber zunächst wurde seine Leidenschaft von dem Naturalismus gefesselt, wie ihn damals etwa Uhde und Corinth vertraten. In der Wiedergabe des Häßlichen ist keiner weiter gegangen als dieser tolle Träumer, der später eine so überirdische Schou- heitswelt offenbaren sollte. Sein intimster Freund der Münchener Reit, der Kunsthistoriker Karl Voll, erzählt, daß man ihm damals den Beo namen der Schreckliche" verliehen hatte; ein anderer Freund sprach humoristisch von der Periode der „gerösteten Spanferkel". Der junge Meister schwelgte in dumpfen Fleischmassen und unreinen Tonen. Aber doch sind Werke wie die „Danae" und bas Triptychon „Der verlorene Sohn" bei aller Unschönheit der Modelle und Dvastik der Dar|tellung von einer hinreißenden malerischen Kraft, hingefegt mit einem alles Schwere und Dunkle überwindenden Temperament und zugleich von einer Innerlichkeit des Empfindens, die das Schema der „Armeleut-Malerei mit einem e wi g - m en sch li che n Gehalt erfüllt. Slevogts Entwicklung führt aus dem dunklen Atelierton ins Helle der Freilichtmalerei, aus der Dumpfheit inbrünstiger Leidenschaft m die leichte lebt eit eines Heninlen Spieles. Aern Sübib-entjcben bringt -ocrltn, wohin" er 1901 übersiedelt, die Befreiung. Seine Palette wird immer lichter, zarter, fein Pinselstrich nervöser, geistreicher, erregter beschwingter Die Landschaften und Stilleben, die er in dieser Zeit geschaffen, gehören zu dem Reifsten und Reinsten, das der deutsche Impressionismus hervorgebracht. Aber feine drängenden Kräfte der Vision und des inneren Erlebnisses ble bie Wiebergnbe bes reinen 9büturnusibrudtes tiid)t be- friedigt, lassen ihm keine Ruhe. Der Hang zum Abenteuerlichen und Wilden zum Grausigen, ja Grausamen, der sich in feiner „schrecklichen Zeit stofflich bekundete, findet eine Läuterung und Verklarung in der Sphäre des Scheins, der Bühne. Hinzu tritt der Geist der Mugk, der die ganze Lebensarbeit dieser von innerem Wohllaut beseelten Natur immer durchdrungen hat. Es entstehen die Don-Juan-Bilder, ganz eingetaucht in die Magie des Theaters, bas Bild der tanzenden Marietta, romantische Visionen, wie der „Ritter im Frauengemach" und der »^orselberg . Aber allmählich verschwindet dieser Ton des Rausches und der Phantastik aus den Werken, die nun hauptsächlich schöne Landschaften, treffsichere Bildnisse und zarte' Stilleben bringen. Doch steigerte sich fein Schaffen ins Monumentale in jenen genialen Gestaltungen, die von den Fresken für ein Gartenhaus über die köstlichen Malereien im Bremer Ratskeller bis zu dem Schwanengesang seines Golgatha-Bildes in der Friedens-Kirche zu Ludwigshafen führen und der höchste Ausdruck feiner malerischen Phantasie sind. Unterdessen hatte er aber in der Zeichnung, in der Illustration, in der Graphik das Feld gefunden, auf dem er zum größten Gestalter seit Dürer werden sollte. Es ist schwer zu sagen, inwieweit ein äußerer Grund, die seit mehr als 30 Jahren ihn heimsuchende Gicht, an dieser Wendung beteiligt ist. Die Krankheit hinderte ihn am Stehen an der Staffelei, an her w (amen Arbeit des Malens. Wieviel leichter tanzten Feder und Bleistift übers Papier, zauberten auf dem lithographischen Stein, auf der Radierplatte ein wimmelndes Leben hervor! Aber die Improvisation war schon von jeher seine besondere Stärke, das blitzschnelle Hinwerfen gepaart mi langem Träumen und Sinnen. So wie er sich selbst auf dem ersten Black seiner ersten graphischen Reihe, den „Schwarzen Szenen", dargestellt, erscheint er uns als Schöpfer: auf dem Sofa behaglich rauschend und in den Rauch' in gen Visionen ahnend, von einem mystischen Kätzchen umspielt, ein Visionär, ein spielendes Raubtier, das plötzlich mit einem einzigen Sprung feine Beute, das Bild, festhalten wird. Die Gesichte feiner Kmd- cheit werden in ihm wieder lebendig. Es lebt etwas vom starken und gesunden Jungen in ihm, und schon als Knabe hatte er beim Lesen seiner Indianer- und Räubergeschichten Zeichnungen entworfen. Das Wilde uns Gräßliche lockt ihn ebenso wie das Geheimnisvolle und Märchenhafte. Zu gleicher Zeit mit ben „Schwarzen Szenen", in 'denen sich diese dämonische Phantastik neben den noch großartigeren „Gesichien" am schroffsten entladet, schuf er die gemütvolle Jdyllik des „Gestiefelten Katers". Märchen und Abenteuer sind es denn auch, die er zunächst illustriert. Mit „Ali Baba" und „Sindbad" aus Tausendundeiner Nacht wechseln die Lederstrumpfgeschichten, die in der Vermählung von Mensch und Natur fein Höchstes bieten; daneben stellen sich die homerischen Helden Ach.u und Hektor, bei denen es weniger ,/indianisch" zu geht, Tenophons tapfer« Zehntausend, die von dramatischem Geschehen explodierenden Erlebnipe von Fernando Cortez und Benvenuto Cellini. Dann aber verklärt sich die Sphäre aus Blut, Mord und Wildheit zu immer erhob eueren und seelenvolleren Reichen. Wir erleben die von Mädchenleibern umblühte Insel. Wak Wak, die aus Mozarts Noten in gleichgestimmter Schöne hervorwachsende Melodiensülle der „Jauberslöte"-Bilder, die Welt Don Juans und ihren Gegenpol, die der „Passion", schließlich als Krönung die erstaunliche bildliche Neuschöpfurg von Goethes „Faust", zweiter Teil. Slevogt ist der ideale Illustrator, der unsere Illustrations-Kunst am eine unerreichte Höhe gehoben und unendlich anregenb gewirkt hat. Mag er ein Märchen oder Volkslied, eine Weltdichtung ober eine Fabel wi dem Ueberschwang seiner Phantasie begleiten, so verwandelt er siw hsi selbst in die Figuren, erfüllt sie mit einer ungeheueren Lebenskraft. 2 schafft er die Dichtung im Bilde noch einmal, bereichert und befreit, au den mystischen Quellen des Unbewußten gespeist, zu höchster, technycyr Vollendung durch unendliche Hebung gediehen, hat sich sein Talent einzig artiger Weise ausgelebt und der deutschen Kunst einen wahr. Ueberstuß an Schönheit geschenkt. wieder wolltet Frankoder auch verbrannt oder ins Wasser geworfen. Der Festtag wird weder durch einen der Kirmesburschen verkörpert, der als Popanz kleidet ist, ober durch eine künstliche Figur, einen Strohmann oder Strohpuppe. Im Kreise Homburg wird ein Bursche mit Erbsenstroh wickelt und muß im Taumeln und Hinstürzen das Krankwerüen ent- ver- eine um- und Macht es eine wird mit Dreschflegeln erschlagen oder auch ausgetanzt. Ist m der Bevorzugung von Hahn und Hammel, den Tieren der Fruchtbarkeit, bereits der Erntecharakter der Kirmes betont, so noch mehr in dem Kirmes- baum, der an den Fruchtbarkeitsbrauch des Maibaumes anknüpft. Dieser mit Kränzen, Blumen und Bändern, Eiern und Würsten geschmückte, heimlich aus dem Walde geholte Daum wird umtanzt, und die an seiner Spitze lockenden Gewinne werden im Wett klettern erobert. Wenn aller Jubel verrauscht ist, wenn das Ende des schönen Festes naht, dann wird die Kirmes in einer symbolischen Handlung begraben Ne ta di« leicht i Berlin, 'b MM! «slhMW afien, !K! jionisiras 5 innem nichi 6t’ N im) r sprach r junge en. 816er verlorene nfMurj em olles oon einer ■Malerei' Sterben der Kirmes darstellen. Als Abzeichen trägt diese symbolische Figur meistens ein Glas oder eine Flasche mit Wein oder Bier, bisweilen auch ein Stück Kuchen und bunte Spielsachen, die an die Freude des Festes erinnern. Diese Dinge werden mit begraben oder mit der Strohpuppe verbrannt. Damit aber der traurigen Schlußzeremonie die Hoffnung auf eine fröhliche Wiederkehr des Festes nicht fehle, findet sich vielfach der Brauch, daß die „vergrabene Kirmes" zu Beginn der Feier im nächsten Jahr wieder ausgegraben wird, und so knüpft sich bereits an das Ende des Festes der Hinweis auf die Freuden des künftigen. Phantasien im Bremer Ratskeller. Bon Wilhelm Hauff. (Schluß.) „Singen sie das?" rief Bacchus, „nun seht, Doktor, das freut mich, und so gar miserabel muß euer Geschlecht doch nicht geworden [ein, wenn sie so klare, schöne Lieder haben und singen." „Ach, Herrl" sprach ich bekümmert, „es gibt der Ueberschwenglichen gar viele, das sind die Pietisten in der Poesie, und wollen solch' Lied gar nicht für ein Gedicht gelten lassen, wie manchen Frömmlern das Vaterunser nicht mystisch genug zum Beten ist." „Es hat zu jeder Zeit Narren gegeben, Herrl" erwiderte mir Petrus, „und jeder fegt am besten vor seiner eigenen Türe. Aber weil wir gerade bei Seinem Geschlecht sind, erzähl' Er uns doch, wie es auf der Erde ging x nxir W -paart ffl ■ifen ®ll! mb in um|P* t E «und ü1 Wlde “J“ fch * i#t«* Mitteldeutschland jedoch wird die „Kermesse", „Kirmes", „Kirmse", „Kirms" oder, wie der Thüringer sagt, das „Planfest" noch begangen. Der Franke feiert feine „Körbe", der Alemanne feine „Kilbe", der Bayer und Oest-erreicher die „Kirda" ober „Kirta", der Böhme die „Kirwa" und der Schwabe läßt sich seine „Freß- ober Allerweltskerbe" nicht nehmen. Mit der „Kirchweih", deren Feier dem Wort (Kirmes-Kerken-M-isse, b. h. die am Kirchweihtag gelesene Messe) zugrunde liegt, hat aber bas Fest ursprünglich nichts zu tun. Es ist eine uralte germanische Herbst- wie ich gesagt." Ei ber tausend!" murmelten sie nachbenkllch, „das ist ja ganz sonder- bar'und verkehrt!" — „Und", sprach Petrus, „keinen Krieg gibt es nicht?" „Ein klein wenig, wird aber bald vollends zu Ende sein, in Griechenland gegen die Türkei." ^Hai das ist schön", rief der Paladin und fchlug mit der steinernen Faust aus den Tisch, „-hat mich schon vor vielen Jahren geärgert, daß die Christenheit so schnöde zuschaute, wie der Muselmann dies herrliche Volk in Banden hielt; das ist schön, wahrlich! Ihr lebet in einer schönen Zeit und euer Geschlecht ist edler, als ich dachte. Also die Ritter von Deutschland und Frankreich, von Italien, Spanien und England sind ausgewogen, wie einst unter Richard Löwenherz, die Ungläubigen zu bekämpfen? Die Genueser Flotte schifft im Archipel, die Tausende der Streiter überzusetzen, die Oriflamme" naht sich Stambuls Küsten, und Oesterreichs Danner weht im ersten Reihen? Ha! zu solchem Kamps: möchte ich selbst noch einmal mein Roß besteigen, mein gutes Schwert Durande ziehen und in mein Hifthorn stoßen, daß alle Helden, die da schlafen, aufstünden aus den Gräbern und mit mir zögen in die Turken- schlacht." ..... . o .. .. Ddler Ritter", antwortete ich und errötete vor meiner Zeit, „die Seiten haben sich geändert. Ihr würdet wahrscheinlich als Demagoge verhaftet werden bei sotanen Umständen und Verhältnissen, denn weder Habsburgs Banner noch die Oriflamme, weder Englands Harfe, noch Hispaniens Löwen sieht man in jenen Gefechten." „Wer ist es denn, der gegen den Halbmond schlagt, wenn es nicht diese sind?" » Die Oriflamme, eine 'fünfzipfelige Fahne, von rotem Seidenzeug, bildete im Mittelalter längere Zeit das Heerzeichen Frankreichs. im letzten Jahr!" „Wenn es die Herren und Damen interessiert" — sprach ich zögernd. Immer zu", rief Roland, „wegen meiner könntet Ihr die letzten fünfhundert Jahre erzählen, denn auf meinem Domhofe sehe ich nichts als Zigarrenmacher, Weinbrauer, Pfarrer und alte Weiber." Auch die Übrigen stimmten mit ein, ich Hub also an: „Was zuerst die deutsche Literatur betrifft —" „Halt!" rief Paulus; „was scheren wir uns um euer miserables Geschmier, um eure kleinlichen, ekelhaften Gafsenstreite und Kneipenraufe- reien, um eure Poetafter, Afterpropheten und —" Ich erschrak; wenn diesen Leuten nicht einmal unsere wunderherrliche, magnifike Literatur interessant war, was konnte ich ihnen denn sagen? Ich besann mich und fuhr fort: „Offenbar hat im letzten Jahre, was das Theater anbelangt —" „Theater? geht mir weg!" unterbrach Andreas, „was sollen wir von euren Puppenspielen, Marionettenkomödien und fonftigen Torheiten hören! Meinet Ihr etwa, uns komme viel darauf an, ob einer eurer Lustspieldichter ausgepfiffen wurde oder nicht? Habt Ihr denn dermalen gar nichts Interessantes, nichts Welthistorisches, das Ihr etwa erzählen könntet?" „Ach, daß Gott erbarm", erwiderte ich, „bei uns ist die Welthistorie ausgegangen, wir haben in diesem Fach nur noch den Bundestag in Frankfurt. Bei unjern Nachbarn höchstens gibt es noch hin und —•*v— etwas; zum Beispiel in Frankreich haben die Jesuiten wieder gewonnen und das Zepter an sich gerissen, und in Rußland sollte Revolution geben." „Ihr verwechselt die Namen, Freund!" sagte Judas, „Ihr sagen, in Rußland sind die Jesuiten wieder eingezogen, und in reich sollte es eine Revolution geben?" „Mit Nichten, Herr Judas von Jfchariot", antwortete ich, „so ist es, „Bei dö Leut is jeden Tag Kirtag!" sagt der Oesterreicher, wenn er «in "Schlaraffenleben kennzeichnen will, und schon im Mittelalter wurde das Wort Kirmes gleichbedeutend mit Fest Überhaupt gebraucht, so daß man die Kindtaussfeier „Kindleskirmes" und die Fastnacht „Narrenkirch- weih" nannte. Jubelnde Ausgelassenheit und frohes Genießen offenbaren di? Darstellungen der Kirmes vom Bauern-Bveughel bis zu Rubens, und noch heute ist die Stirmesfeier vielfach das beliebteste Fest des ganzen Jahres. In den protestantischen Ländern Niederdeutschlands ist das von Luther stark angegriffene Fest freilich fast überall ausgestorben ober zu einem bloßen Jahrmarktsrummel, einer Tanzbelustigung geworden. In Feie r. Bei den alten Germanen war nach dem Einernten der Früchte und dem Einbringen der Herden von den Weiden der Schluß des Jahres ■da, und so wurde in der -ersten Hälfte des November das große Jahres- schlußfest gefeiert, bei dem man sich nach den Mühen der Erntearbeit so recht gütlich tat. Aus diesem altdeutschen Jahresschlußfest, das mit feinen ‘ letzten Ausläufern im Weihnachtssest feine Wiederauferstehung feiert, ist 1 auch die Kirmes entstanden, bie als das Erntefest im Herbst erhalten -blieb. Die mannigfachen Lustbarkeiten, die sich den Sch mause rett' n zuge- ' sellten, mögen z. T. aus altheidnischen Opferfestlichkeiten, die mit dem germanischen Jahresschlußfest verbunden waren, entstanden sein. Man hat auch als Urbild der Kirmes die Gerichtstage unserer Vorfahren her- ; »angezogen, die im Herbst stattfanden und an denen ber ganze Gau mit Belagen und Volksspielen Anteil nahm. Jedenfalls fand das Christentum in der Herbstzeit bereits ein großes germanisches Fest vor, und dies war so fest eingewurzelt, daß die Geistlichen an eine Ausrottung nicht denken konnten. Sie setzten daher nach den Vorschriften des römi- -schen Bischofs in die ersten Tage jener Festzeit, also in den Oktober, eine Feier zum Gedächtnis der Einweihung der Kirchen, die Kirchweih, die mit besonders feierlicher Messe verbunden war. In den Städten knüpfte sich schon früh an dieses Kirchenfest der herbstliche Jahrmarkt, und das weltliche Wesen überwucherte bald wieder völlig den religiösen Anstrich, ben man ihm gegeben hatte. Die Kirmes wurde tage- ja wochenlang ausgedehnt, und die Hauptstädte der Gelage unb Gastereien war das Gotteshaus, worüber die Prediger ber Reformationszeit bewegliche Klage führen. Karl V. »erorbnete daher bei einer Strafe von 50 Gulden, baß die Kirmes nicht länger als einen Tag gefeiert werden dürfe und im 18. Jahrhundert suchte Josef II die Unsitte der vielen Kirchweihfeste dadurch aufzuheben, daß er einen festen Tag, den 3. Oktober, für die Feier anordnete. Seitdem wurde die Kirchweih noch weiter vor ins Jahr nach Michaelis hin gelegt, vielfach schon in den September, wodurch die Kirmes stark bas 'Gepräge eines Erntefestes bekommen hat. Die Kirmes ist heute nicht nur Herbst- unb Erntefeier, sondern das Ibeliebteste Gemeinde- und Familienfest ber Dauern. Da kommen von -allen Seiten Verwandte und Bekannte zum Besuch, und wer bte meisten ■Gäste im Haus hat, genießt das meiste Ansehen. Das Gesinde hat in dieser Zeit gute Tage, und auch ber Verstorbenen wirb gedacht indem man ihre Gräber besucht und sie mit Weihwasser besprengt. Große Voribereitungen werden getroffen, unb in manchen Ortschaften dreht sich alles fo um die Kirmes, daß man die Ere-ignisfe des Jahres nach ihr berechnet, -«in halbes Jahr von den Borbereitungen unb dann ein halbes Jahr von nhrem Verlauf spricht. In jeder Wohnung wird gewaschen unb geputzt, geschlachtet unb gebacken, wobei vielfach besonderes Kirmesgeback tn lBrauch ist. Kinder und Di-enstboten b-ekommen neue Kleider Die Vur- ffcheiftchcht des Dorfes wühlt besondere Festordner, die sog. P.atzbursche -ober Kerbmänner, die vor „Platzjungfern" unterstützt werden Das Recht, -die Kirmes abzuhalten, wird von ber Gemeinde an manchen Orten meist- ttüetenb versteigert; in neuester Zeit nehmen bie üßirte meiitenj. be Recht in Anspruch. Die Burschen versteigern ober verlosen auch die Mädchen untereinander, unb die so Vereinten gehören für das Fest u Nun ft/ der ersehnte Tag herangekommen. Dom Turm flattert die Zahne, unb zur Eröffnung bes Festes bewegt sich am frühen argen *in luftiger Umzug durch die Gaffen, die frisch gekehrt sind. Der Orts- -obriateit dem Dsarrer dem Lehrer werden Ständchen gebracht, ue herumzie'heniden Burschen, die sich in allerlei Tiergef^lten verkle-rbet haben Mib von Musikanten sowie vom Hanswurst und P^!chweister begleitet linb, sammeln Kuchen, Speck, (Sier unb auch andere Naturalien em. Em Icierlicher Gottesdienst gibt dem Tag bie Weihe Die Haupttrend«n ent- I ffalten sich beim Tanz, ber am Nachmittag auf dem d» großen Linde feinen Anfang nimmt unb dann mi Witt.hE । t iSttetzt wird. Die Paare, mit Kirmesstrauhen von Blumen Futterg geschmückt, ziehen in langer Reihe auf. Die ersten drei Tanze tanzen «MH-rorts so in Baden bie „Kilbeknaben" mit ihren „Kilbemadchen °Din. liebechaupt werden'mit Vorliebe die alten Volkstänze^uach^igen- ^-Mi-cheii Weisen aufgefühtt. Neben dem Tanz ist der 3 b «nuner mehr in den Vordergrund getreten, jntm fi „ ^rnrt, »"stplatz alles, was das Herz begehrt. Da werden R'Ngkampf mr galtet unb Wettrennen, Vogelschießen und Fnhnenrei . v i Rammen in bie Luft Alles mögliche wird ausgetanzt, ausgekcg. , M’iett unb ausgeschossen. Besondere beliebte Kirmesvergnug-n^nd das Hammelreiten unb das Hahnenschlagen Im fe'erl-h xnuL„pUbt und teer Herde ein Hammel herausgeholt, mit vo^n Bänder Stein von dem mit einem langen Messer versehenen Metzg und nm das Fell II geschlachtet. Der Braten wird gemeinschaftlich verzeh _. c. I des Hammels ein Wettrennen oder Wettlaufen veranstaltet. Em Hahn I „Jungfer Rose", erwiderte ihr Petrus, „zornig ist er, das ist wahr, und er hätte können auf andere Weise daoongehen: aber bedenket, daß er einst wahnsinnig war und noch ganz andere Sachen getan, als silberne Becher zerquetscht und Frauenzimmer mit Wein besudelt. Und genau beim Lichte besehen, kann ich ihm seinen Unmut auch nicht verdenken; war er doch auch einmal ein Mensch und dazu ein herrlicher Paladin des großen Kaisers, ein tapferer Ritter, der, wenn es Karl gewollt hätte, allein gegen tausend Muselmannen zu Felde gezogen wär«. Da hat er sich denn geschämt und ist unmutig geworden," „Laßt ihn laufen, den steinernen Recken!" rief Bacchus, „hat mich geniert, der Bursche, hat mich geniert. Er paßt nicht unter uns, der Lümmel von zehen Schuh, er sah immer höhnisch auf mich herab, Di« ganze Freudigkeit und mein Vergnügen hätt' er gestört. Wir wären nicht zum Tanzen gekommen, nur weil er mit seinen steifen steinernen Beinen keinen tüchtigen Hopser hätte riskieren können, ohne elend umzustülpen," „Ja, tanzen, heisa, tanzen!" riefen die Apostel; „Balthasar, spiel' auf, spiel' auf!" Judas stand auf, zog ungeheure Stülphandschuhe an, di« ihm beinahe bis zum Ellbogen reichten, trat zierlich an die Jungfrau heran und sagte: „Ehrenfeste und allerschönste Jungfer Rose; dürfte ich mir die absonderliche Ehre ausbitten, mit Ihr den ersten" — Bacchus unterbrach ihn pathetisch. ,,Jch bin es, der den Ball arrangiert hat, und ich muß ihn eröffnen, Tanze Er, mit wem er will, Meister Judas, mein Röschen tanzt mit mir. Nicht wahr, Schätzerl?" Sie machte errötend einen Knix zur Bejahung, und die Apostel lachten den Judas aus und verhöhnten ihn. Mir aber winkte der Weingott heroisch zu: „Versteht Er Musik, Doktor?" fragte er. „Ein wenig." „Taktfest?" „O ja, taktfest wohl." „Nun so nehme Er dies Fäßlein da, setze Er sich neben Balthasar Qhnegrund, unseren Kellermeister und Zinkenisten, nehme Er diese hölzernen Küperhämmer zur Hand und begleite jenen mit der Trommel." Ich staunte und bequemte mich; war aber schon meine Trommel etwas außergewöhnlich, so war Balthasars Instrument noch auffallender. Er hielt nämlich einen eisernen Hahnen von einem achtsuderigen Faß an den Mund, wie ein Klarinett. Neben mich setzten sich noch Bartholomäus und Jakobus mit Ungeheuern Weintrichtern, die sie als Trompeten handhabten, und warteten des Zeichens, der Tisch wurde auf die Seite gerückt, Rose und Bacchus stellten sich zum Tanze. Er winkte, und eine schreckliche, quiekende, mißtönende Ianitscharenmusik brach los, zu der ich im Sechsachteltakt auf mein Faß als Tambour aufschlegelte. Der Hahn, den Balthasar blies, tönt« wie «ine Nachtwächtertute und wechselte nur zwischen zwei Tönen, Grundton und abscheulich hohem Falsett, die beiden Trichtertrompeter bliesen die Backen auf und lockten aus ihren Instrumenten Angst- und Klagelaute so herzdurchschneidend, wie die Töne der Tritonen, wenn sie die Meermuscheln blasen. Der Tanz, den die beiden aufsührten, mochte wohl vor ein paar hundert Jahren üblich gewesen sein. Jungfer Rose hatte mit beiden Händen ihren Rock ergriffen und solchen an den Seiten weit ausgespannt, daß sie anzusehen war, wie ein großes, weites Faß. Sie bewegte sich nicht sehr weit von der Stelle, sondern trippelte hin und her, indem sie bald aus-, bald niedertauchte und knixte. Lebendiger war dagegen ihr Tänzer, der wie ein Kreisel um sie herfuhr, allerlei kühne Sprünge machte, mit den Fingern knallte und Heisa, Juhe! schrie. Wunderlich war es anzusehen, wie das klein« Schürzlein der Jungfer Rose, das ihm Balthasar umgetan, hin und her flatterte in der Lust, wie seine Beinchen umhcr- baumelten, wie sein dickes Gesicht lächelte vor inniger Herzenslust und Freude. Endlich schien er ermüdet, er winkte Judas und Paulus herbei und flüsterte ihnen etwas zu; sie banden ihm die Schürze ab, faßten solche an beiden Enden und zogen und zogen, so daß sie plötzlich so groß wurde, wie ein Bettuch; dann riefen sie die anderen herbei, stellten sie rings um das Tuch und ließen es anfassen. „Ha, dachte ich, jetzt wird wahrscheinlich der alte Balthasar ein wenig geprellt zu allgemeiner Ergötzung; wenn nur das Gewölbe nicht so nieder wäre, da kann er leicht den Schädel einstoßen." Da kam Judas und der starke Bartholomäus auf uns zu und faßten — mich; Balthasar Ohnegrund lachte hämisch: ich bebte, ich wehrte mich; es half nichts, Judas faßte mich fest an der Kehle und drohte mich zu erwürgen, wenn ich mich ferner sträube. Die Sinne wollten mir vergehen, als sie mich unter allgemeinem Jauchzen und Geschrei aus das Tuch legten; noch einmal raffte ich mich zusammen: „Nur nicht zu hoch, meine werten Gönner, ich renne mir sonst das Hirn ein am Gewölbe", rief ich in der Angst des Herzens, aber sie lachten und überschrien mich. Jetzt singen sie an, das Tuch hin und her zu wiegen, Balthasar blies den Trichter dazu; jetzt ging es auf- und abwärts, zuerst drei, vier, fünf „Die Griechen selbst." „Die Griechen? Ist es möglich?" rief Johannes; „und die andern Staaten, wo sind denn diese beschäftigt?" „Noch haben sie Gesandte bei der Pforte?" „Mensch, was sagst du", sprach Roland starr vor Staunen, „kann man es ignorieren, wenn ein Volk um feine Freiheit kämpft? Heilige Jungfrau, was ist dies für eine Welt! Wahrlich, das möchte einen Stein erbarmen!" Er quetschte im Zorn, während er die letzten Worte sprach, den silbernen Becher wie dünnes Zinn zusammen, daß der Wein darin hoch an die Decke spritzte," fuhr rasselnd auf vom Tisch, nahm fern« Tartjche und sein langes Schwert und schritt düster mit dröhnenden Schritten aus dem Gemach. , Ei, was ist der steinerne Roland für ein zorniger Kumpan , murmelte Rose, nachdem er die Pforte klirrend zugeworfen, indem st« etliche Weirckropfen, die sie benetzten, vom Busentuch abschüttelte"; will der steinerne Narr auf seine alten Tage noch zu Felde ziehenl Wenn er sich sehen ließe, sie steckten ihn gleich ohne Barmherzigkeit als Flügelmann unter di« Brandenburger Grenadiere, denn die Größe hak er." Schuh hoch, auf einmal schnellten sie stärker, ich flog hinauf und — wie eine Wolke tat sich die Decke des Gewölbes auseinander, ich flog immer aufwärts zum Rathausdach hinaus, höher, höher als der Turm der Domkirche, „Ha", dachte ich im Fliegen, „jetzt ist es um dich geschehen, wenn du jetzt wieder fällst, brichst du das Genick oder zum allerwenigsten ein paar Arme oder Beine! 0 Himmel, und ich weiß ja, was st« von einem Mann mit gebrochenen Gliedmaßen denkt! Ade, ade! mein Leben, meine Liebe!" e , r Jetzt hatte ich den höchsten Punkt meines Steigens erreicht, und ebenso pfeilschnell fiel ich abwärts; krach! ging es durchs Rathausdach und hinab durch die Trecke des Gewölbes, aber ich fiel nicht auf das Tuch zurück, sondern gerade auf einen Stuhl, mit dem ich rücklings über den Boden |rf>l3d) lag einige Zeit betäubt vom Fall. Ein Schmerz am Kopf« und die Kälte des Bodens weckten mich endlich. Ich wußte anfangs nicht, war ich zu Haufe aus dem Bette gefallen oder lag ich sonst wo? Endllch besann ich mich, daß ich irgendwo weit herabgestürzt sei. Ich untersuchte ängstlich meine Glieder, es war nichts gebrochen, nur das Haupt tat mir weh vorn Fall. Ich raffte mich auf, sah um mich; da war ich in einem gewölbten Zimmer, der Dag schien matt durch ein Kellerloch herab, auf dem Tische sprühte ein Licht in feinem letzten Leben, umher standen Gläser und Flaschen, und rings um di« Tafel vor jedem Stuhl ein kleines Fläschchen mit langem Zettel am Halse; — ha; jetzt fiel mir nach und nach alles wieder ein; ich war zu Bremen im Ratskeller; gestern nacht war ich hereingegangen, hatte getrunken, hatte mich einschließen lassen, da war —; voll Grauen schaute ich um mich, denn alle, alle Erinnerungen erwachten mit einem Mal. Wenn der gespenstige Balthasar nock> in der Ecke süße, wenn die Weingeister noch um mich schwebten?! Ich wagte verstohlene Blicke in die Ecken des düsteren Zimmers, es war leer. Oder wie? Hätte mir dies alles nur geträumt? Sinnend ging ich um die lange Tafel; die Probefläschchen standen, wie jeder gesessen hatte; obenan die Rose, dann Judas, Jakobus, — Johannes, sie alle an der Stelle, wo ich sie leiblich geschaut hatte diese Nacht. , Nein, so lebhaft träumt man nicht , sprach ich zu mir, „dies alles, was ich gehört, geschaut, ist wirklich geschehen!" Doch nicht lange hatte ich Zeit zu diesen Reflexionen; ich hörte Schlüssel rasseln an der Türe, sie ging langsam aus, und der alte Ratsdiener trat grüßend ein. „Sechs Uhr hat es eben geschlagen", sprach er, „und wie Sie befohlen, bin ich da. Sie heraus zu lassen. Nun" — fuhr er fort, als ich mich schweigend anschickte, ihm zu folgen, „nun, und wie haben Sie ge- schlafeii diese Nacht?" _ „So gut es sich auf einem Stuhl tun läßt, ziemlich gut." „Herr", rief er ängstlich und betrachtete mich genauer, „Ihnen ist etwas Unheimliches passiert diese Nacht. Sie sehen so verstört und bleich aus, und Ihre Stimme zittert!" „Alter, was wird mir passiert sein!" erwiderte ich, mich zum Lache» zwingend; „wenn ich bleich aussehe und verstört, so kömmt es vom langen Wachen und weil ich nicht im Bette geschlafen." „Ich sehe, was ich sehe", sagte er kopfschüttelnd; ,und der Nachtwächter war heute früh auch schon bei mir und erzählte, wie er am Kellerloch vorübergegangen zwischen zwölf und ein Uhr, habe er allerlei Gesang und Gemurmel vieler Stimmen vernommen aus dem Keller." „Einbildungen, Possen! ich habe ein wenig für mich gesungen zur Unterhaltung und vielleicht im Schlaf gesprochen, das ist alles." „Diesmal einen im Keller gelassen in solcher Nacht und von nun an nie wieder", murmelte er, indem er mich die Treppe hinauf begleitete; „Gott weiß, was der Herr Greuliches hat hören und schauen müssen! Wünsche gehorsamst guten Morgen." ♦ „Doch hat daselbst vor allen Ein« Jungfrau mir gefallen." Der Worte des fröhlichen Bacchus eingedenk und von Sehnsucht der Liebe getrieben, ging ich, nachdem ich einige Stunden geschlummert, der Holden guten Morgen zu sagen. Ader kalt und zurückhaltend empfing sie mich, und als ich ihr einige innige Worte zuflüsterte, wandte sie mir laut lachend den Rücken zu und sprach: „Gehen Sie und schlafen Sie erst fein aus, mein Herr." Ich nahm den Hut und ging, denn so schnöde war sie nie geroejen. Ein Freund, der in einer andern Eck« des Zimmers am Klavier gesessen, ging mir nach und sagte, indem er wehmütig meine Hand ergriff: „Herze nsb rüder, mit deiner Liebe ist es rein aus auf immerdar, schlage öit1 nur gleich alle Gedanken aus dem Sinne." „Soviel ungefähr konnte ich selbst merken", antwortete ich; „dec Teufel hole alle schöne Augen, jeden rosigen Mund und den törichte» Glauben an das, was Blicke sagen, was Mädchenlippen aussprechen. „Tobe nicht so arg, sie hören es oben", flüsterte er; „aber jag' mir um Gotteswillen, ist es denn wahr, daß du heut« die ganze Nacht "» Weinkeller gelegen und getrunken hast?" „Nun ja und wen kiimmert es denn?" ' j „Weiß der Himmel, wie sie es gleich erfahren hat, sie hat den ganze» Morgen geweint und nachher gesagt, vor einem solchen Trunkenbold, der ganze Nächte beim Wein sitze und aus schnöder Trinklust ganz alle,» trinke, solle sie Gott behüten: du seist ein ganz gemeiner Mensch, von dem sie nichts mehr hören wolle." ., „So?" erwiderte ich ganz gelassen und hatte einiges MitleidenMw mir selbst. „Nun gut, geliebt hat sie mich nie, sonst würde sie auch »my darüber hören; ich lasse sie schön grüßen. Lebe wohl." . Ich rannte nach Hause und packte schnell zusammen und fuhr »oa; • denselben Abend von bannen. Als ich an der Rolandsäule vorüberkam, grüßte ich den alten Recken recht freundlich und zum Entsetzen meines Postillons nickte er mir mit dem steinernen Haupt einen Abschiedsgrun Dem alten Rathaus und seinen Kellerhallen warf ich noch einen Kutz M- drückte mich dann in die Ecke meines Wagens und ließ die Phantasm dieser Nacht noch einmal vor meinem Auge vorübergleiten. 13eranttoortlicf>: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, A. Lange, Gietzen.