Eichener ZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <932 Freitag, den 2. Dezember Nummer 9H Kinder singen im Rundfunk. Von K. R. N e u b e r t. Es sang kein Star, kein Tauber, kein Bohnen. Man wagte es, etwas Neues zu bringen. Nach einem Vortrag über „Sachliches Wohnen" Fingen die Kinder an zu singen. Ein Herr rief ärgerlich: „Bitte umschalten!" Er wollte doch lieber Tanzmusik haben. Wir saßen und ließen den Kaffee erkalten. Wir lauschten den singenden Mädchen und Knaben. Sie sangen erst scheu und ein wenig beklommen. Dann wurden die Stimmen voller und heller. Dann hatten sie Farbe und Wärme bekommen. Wir lauschten und ließen das Brot auf dem Teller. Es waren verschiedene Stimmen darunter. Die würden gewiß einmal Tauber und Bohnen. Doch gehen sie sicher im Werktag unter. Wer weiß, wo die Kinder lernen und wohnen! Sie sangen jetzt zitternd in Senderäumen Und spürten die Herzen erwartungsvoll beben. Sie werden wohl später noch davon träumen, Wenn sie schon lange im Alltag leben... Miß Rosa. Von Barbra Ring. „Mutti, darf ich mal die Leimflasche haben?" Bübilein kam in die Küche gestürzt, heiß, mit brennenden Backen und leuchtenden Augen. Er hatte nicht mal Zeit, die Tür zuzumachen. Mutti hatte eine Küchenschürze um und rührte einen gelben Teig mit lauter schwarzen Fliegen drin, es sollte sicher ein Korinthenkuchen werden. „Wer braucht denn den Leim?" fragte Mutti. Mutti war ost sehr mißtrauisch. „Anning muß ihn ganz notwendig haben", antwortete Bübilein und sah angestrengt auf den Boden. — Anning hatte ihm streng eingeschärft, „nicht so dumm zu sein". m „Wozu braucht Anning denn unbedingt Leim?" fragte Mutt, mit ihrer süßesten Stimme. Sie hatte mit Annings „Bedürfnissen' schon die schlimmsten Erfahrungen gemacht. Wenn Anning irgendwas besonders bedenklich erschien, wurde Bübilein immer vorgeschickt. Bübi antwortete nicht und sah sehr begossen aus. Mutti konnte in seinem süßen Gesichtchen ganz deutlich lesen: „ich möchte es ja so gerne sagen, aber ich wage es doch nicht, denn Anning —" aber plötzlich strahlten seine Augen. Er hatte einen Ausweg gefunden: , . .Wir wollen uns auch ganz bestimmt nicht emichmieren, Mutti. Und Bübl sah Mutti sehr offen ins Gesicht. Mutti mußte em bißchen lachen. Das hatte sie ja auch nicht angenommen. Aber es war ja ganz gut, daß sie ihr aus dem Wege waren, und sich draußen amüsierten, so konnte sie doch mit dem Backen fertig sein, bevor sie Großmutti abholen mußten. Und sie ging und holte die Leimflasche. . Wie ein Blitz fuhr ein kleiner, schmutziger Zeigefinger in den Kuchenteig. Der Kuchen schmeckte eigentlich immer beffer ehe er gebacken war Fünfmal konnte Bübis Fingerchen in den Teig fahren, ehe Mutti wieder zurück war. .. . o , ,, .... „Nun macht aber auch keine Dummheiten mit der Leimflasche , mahnte „Aber nein, Mutti." Bübilein war mit einem Satz draußen auf dem Hof. Hinter dem Holzstall saß Anning mit aufgelöstem Haar aus einer Leiter. ,"Hwr"^sagte der Abgesandte und streckte ihr seinen Schatz entgegen. „Manchmal bist du doch zu gebrauchen" lobte Anning gnädig, »hol nun die Peitsche, und komm her." «>e schleiften die Letter zwischen sich her und zogen um den Stall auf die vorderste Koppel, wo der Sckwarze" festgebunden stand. Gestern waren Anning und Bubilein mit -Later im Zirkus in einem großen Zelt gewesen. ^"her war Anmngs heißester Wunsch Io zu werden wie Miß Rosa. Mß Rosa stand aus einem Bei? aus dem Pferderücken und Papier. Anning wußte ganz genau, daß ihr Wunsch e^ullt werden wurde weil sie doch abends gebetet batte: „Lieber Gott, mach doch,.daß ich eine Kunstreiterin werden kann". Und der liebe Gott war doch so gut so gut, und es war so lange her, daß sie unartig gewesen mar. er hatte doch wirklich keinen Grund, ihr diesen Wunsch "tcht »u erfüll«»- . Unb nun wollte sie mit dem Schwarzen den ersten Versuch machen. Vater Chatte ihnen erzählt, das Zirkuspferd wäre mit irgendwas eingeschmiert, damit Miß Rosa nicht herunterfallen könnte — dazu brauchte sie die Leimflasche. Es war dem Schwarzen nichts Neues, daß die Leiter gegen seinen Bauch gestellt wurde, wenn Anning reiten wollte, aber daß Anning da endlos stehen blieb, ihm etwas Kaltes über den Rücken goß und es dann mit einem Pinsel verrieb, das hatte er doch noch nicht erlebt! Er drehte den Kopf und fing an, mit dem Schwanz um sich zu schlagen. „Halt mal seinen Schwanz fest", kommandierte Anning. Und Bübilein zog den Schwanz so fest nach hinten, daß er stramm wie eine Leine war. Plötzlich bekam es Bübilein mit der Angst: „Kann er auch nicht krank werden oder sterben? Anning? Ich hab Mutti doch versprochen, daß wir keinen Unfug machen." „Dummerchen", antwortete Anning mit der ganzen Ueberlegenheit ihrer zehn Jahre dem siebenjährigen Knirps. Endlich hatte sie den Schwarzen genügend eingepinselk. Die Leimflasche war leer. Wenn Mutti nur nicht böse wurde. Aber, na, das war nicht so gefährlich, heut abend sollte Großmutti ja kommen. Dann begann die Vorstellung. Miß Rosa zog ihr Kleid aus, schnellte ihre Schuhe von sich und stieg zu Pferde. Dann gab sie der Leiter einen Tritt, daß sie ins Gras flog. Miß Rosas Reitkostüm bestand aus einem gestrickten Leibchen und einem rosa Unterrock. „Du bist also der Direktor und mußt in der Mitte stehen und kommandieren. Und wenn ich in die Höhe springe, bist du das Publikum und mußt klatschen. Und jetzt mußt du schrecklich ehrerbietig sein, Henn ich bin ja jetzt Miß Rosa. Und dann mußt du dich vor dem Publikum verbeugen." Der Direktor gab sich einen Ruck, schlug die Hacken zusammen und machte erst dem Kartosselfeld und bann bem Holzschuppen eine überaus höfliche Verbeugung. Als das erledigt war, sah er sich vor einer neuen Schwierigkeit und sagte verzweifelt: „Aber ich weiß doch nicht, wie man im Zirkus spricht!" „Du darfst norwegisch sprechen", gestattete die Primadonna huldvollst. „Der Schwarze kann die Zirkussprache ja auch nicht!" „Los", sagte der Direktor und knallte mit der Peitsche. Der Schwarze stand mucksmäuschenstill. Der Direktor mußte sich wohl ober übel bequemen, seinen Platz zu verlassen, zu bem Pferd hin zu gehen und ihm einige Klapse zu versetzen. Der Schwarze tat ein paar Schritte, dann gab er sich wieder mit Behagen der angenehmen Beschäftigung des Fressens hin. „Herr Direktor, Sie müssen ihn am Zügel nehmen und ihn im Kreis herumsühren", sagte Miß Rosa. „Und wenn ich mich erhebe und auf einem Bein stehe, mußt du das Publikum sein und klatschen und Blumen werfen." „Ich möchte auch ein bißchen Miß Rosa (ein", versuchte Bübi. „Du bist auch nie zufrieden, nun kannst du schon gleichzeitig der Direktor und Publikum fein. Außerdem bist du doch auch keine Dame.* „Ich kann doch der fein, der hinten rückwärts auf bem Pserb stand unb Unterhosen anhatte. Du willst immer bas fein, was am meisten Spaß macht..." „Nun quatsch mal nicht, Bübi!" sagte Miß Rosa. Da war der Direktor still. Er war nun mal br Sklave. Programmgemäß sollte sich Miß Rosa nun erheben. Sie machte bie merkwürdigsten Bewegungen, kam aber schließlich zu der in kläglichem Ton geäußerten Ueberzeugung: „Ich kann nicht aufstehen. Ich bin festgeklebt. Hinten bin ich festgeklebt, Bübi." Der Direktor mußte die Leiter holen, und mit vereinten Kräften gelang es ihnen. Miß Rosa los zu kriegen, aber bas Resultat war, daß der Schwarze ganz mit feinen, rosa Wollhaaren bedeckt war. Nun begann die Angelegenheit doch besorgniserregenden Charakter anzunehmen. Der Unterrock sah schauderhaft aus. Und hoffentlich bekamen sie den Schwarzen wieder in Ordnung, bis Großmutti abgeholt wurde. Aber anderseits konnten sie die Vorstellung doch nicht so plötzlich abbrechen, gerade in dem Augenblick, wo Miß Rosa springen sollte. Miß Rosa erhob sich einen Daumen breit vom Rücken des Pferdes und fragte triumphierend: „Bin ich nicht schrecklich hoch gesprungen?" Das Publikum trabte tapfer in der Sonnenhitze im Kreise herum, den widerstrebenden Schwarzen hinter sich herziehend. Der Schwarze sand es abscheulich. Wenn Anning ruhig auf seinem Rücken saß, ging es noch, aber daß sie nun anfing, aus ihm spazieren zu gehen, unb rumzuspringen, bas war wahrhaftig zu viel! Wenn bas so weiter gehen sollte, war er entschlossen zu streiken. Schließlich wollte man doch sein Futter in Ruhe und Frieden verdauen! Aus Miß Rosas Fragen antwortete das Publikum wahrheitsgemäß: „Ich hab gar nicht gesehn, daß du überhaupt gesprungen bist." Miß Rosa war aufs tiefste empört, wie eine wirkliche Primadonna, deren Kunst nicht gebührend bewundert wird. „Jetzt paß gefälligst auf. Du mußt klatschen und Blumen werfe»." Gehorsam bückte sich das Publikum und pflückte eine Hand voll Gras. Und Miß Rosa hüpfte abermals ein paar Zentimeter in die Höhe. »Warum klatscht du nicht, du Dummkopf?" „Du bist ja noch gar nicht gesprungen", antwortete das Publikum In oller Unschuld „Ich bin nicht gesprungen? Mindestens einen halben Meter hoch war ich in der Luft. Wenn du blind bist, kann ich dich nicht mal als Publikum brauchen. Da ritz dem Publikum aber die Geduld. „Ich will dich nicht mehr rumziehen. Ich tu nicht mehr mit. Da hast du deine Blumen." Und Bübi schmitz vor Wut das Gras fort, dem Schwarzen gerade in die Augen. Der sprang los, und die edle Miß Rosa streckte die Beine in die Luft und lag, ehe sie sich's versah, mit der Nase im Gras. Das Publikum klatschte wie wild. Dann setzte er sich ruhig auf die Erde und wartete darauf, datz die Primadonna wieder ausstehen sollte. Aber Mitz Rosa stand keineswegs auf. Sie lag ganz still, und als Bübi zu chr ging, wurde ihm doch bange, denn ihre Äugen waren geschlossen, und sie war schneeweitz im Gesicht. Bübi kniff sie in den Arm. Sie puffte ihn nicht mal. Dann war sie sicher krank. „Bist du tot? Anning, sag doch." Bübi hatte einen Klotz im Hals. Das kam alles davon, datz er den Schwarzen so erschreckt hatte. Wenn Anning nun tot war, dann war es seine Schuld. Und Mutti und Vater würden furchtbar böse aus ihn sein, und dann hatte er niemand mehr zum Spielen. Er setzte sich neben Miß Rosa und weinte und schluchzte und putzte seine Nase in Miß Rosas Kleid — er hatte niemals ein Taschentuch bei sich. Äber plötzlich schlug Miß Rosa die Augen auf. „Ach Bübi, ich glaube, ich bin beinah tot gewesen. Es rauscht so komisch in meinem Kopf." Bübi strahlte. „Ja, ein bißchen bist du sicher tot gewesen, Anning." Er war so glücklich. Er wollte Anning etwas Liebes sagen. „Ich will mein ganzes Leben lang Publikum sein, Anning. Und ich wollte dem schwarzen doch gar nichts in die Augen werfen. —" Nun wurde Mitz Rosa hellwach. „Na, das hab ich mir ja gedacht, datz es deine Schuld war." Bei diesen Worten fing das Publikum begreiflicherweise wieder an zu weinen. Und Anning mußte es trösten. „Wein man nicht, mein Kleiner. Du konntest ja nichts dafür. — Komm, wir wollen in die Johannisbeeren gehn." Miß Rosa machte Toilette, sie zogen in die Johannisbeeren und vergaßen die Leimflasche, den Schwarzen und Miß Rosa. Nach einer Weile erschien die Köchin im Garten und rief: „Bübi und Änning, ihr sollt schnell nach Haus kommen, es eilt." Sie fragten nicht, was eilte. Es war ihnen ganz klar, was los war. „Die Leimflasche" dachte Bübi. „Der Schwarze" dachte Anning. Und bann liefen sie, so schnell ihre Beine sie trugen. An der Gartenpforte blieben sie stehen. Sie mußten all ihren Mut zufammennehmen, denn da stand der Schwarze, und sein Rücken und feine Flanken waren ganz weiß. Wie in aller West war der so weih geworden? Per bürstete und bürstete ihn, so toll er konnte, und Vater und Mutti standen babei und sahen zu. Die beiden Sünder faßten sich ein Herz und gingen hin. „Sie können uns deswegen doch nicht totschlagen", tröstete Anning, aber ihre Knie zitterten doch ein wenig, als Vater sagte: „Nun ihr Unglücksraben, seht euch den Schwarzen an. So muh ich nun zur Bahn fahren und Großmutti abholen. Die Leute werden denken, daß wir von nun an mit Kühen fahren wollen. Vielleicht bequemt ihr euch, mir zu sagen, wer dieses Meisterstück vollbracht hat." „Wir beide", antwortete Bübi ritterlich. „Ich", sagte Anning, und stellte sich beschützend vor Bübi. „Je mehr ich bürste, desto weißer wird er", meldete Per, der Pserde- jimge. „Versuch mal mit warmem Wasser", meinte Mutti. „Nein, solche Gören!" Per warf den beiden einen wütenden Blick zu. Der Vater wandte sich zu den Sündern: „Wie seid ihr nur auf diesen Gedanken gekommen? Das Pferd ganz mit Leim zu beschmieren?" „Ja, du hast doch gestern erzählt, daß sie das Pferd mit irgendwas eingeschmiert hatten, damit sie nicht herunterfällt. Aber das war man ein Dreckzeug, Anning ist trotzdem runtergefallen. — Sie war beinah tot." „Ja, ich bin beinah gestorben, sicher eine ganze Stunde lang", sagte Anning in der Hoffnung, dadurch Muttis Herz zu rühren. Wer Mutti blieb kühl. Sie kannte Anuings Zeitrechnung. Sie selbst hatte die ganze Situation schnell ersaßt, denn sie hatte gestern eine sehr ausführliche Beschreibung von allem bekommen. Aber Vater verstand nichts. „Was ist das für ein Unsinn! Das ist das erste Mal, daß ich euch bei einer Tierquälerei erwischt habe, das. muß exemplarisch bestraft werden. Marsch, zu Bett, Anning. Bübi kann hier bleiben, er wird verhältnismäßig unschuldig fein." „Ja, aber ich kann doch keine Kunstreiterin werden, wenn ich mich nicht üben kann." Anning kämpfte mit Tränen. Und sie sollte ins Bett, ausgerechnet, wenn Großmutti ankam. Mutti sah aus, als wenn sie für sie bitten wollte, aber sie tat es dann doch nicht. Wenn es die Pferde betraf, war Vater unerbittlich. „Was sagt das Mädel? Kunstreiterin?" Vater sah Mutti an, und Mutti mußte sich plötzlich sehr umständlich die Nase putzen. Anning schlich schweren Herzens die Treppe hinauf. Und oben brach sie los. Das war gemein. Einfach gemein. Und so einen Unterschied zu machen. Dabei war es doch Bübi gewesen, der die Leimflasche geholt hatte. Jsch. Und sie schmiß die Schuhe an die eine Wand und das Kleid an die andere. Aber der Unterrock! Du liebe Zeit: der war steif wie Pappe. Den durfte Mutti heute abend nicht sehn. Sie ballte ihn zu einem harten Klumpen zusammen und schob ihn unters Bett. Das würde was geben! Anning war starr vor Entsetzen. Sie zog sich ganz schnell aus, stieg ins Bett und zog sich die Decke über den Kopf. Nun war alles einerlei. Sie konnte nie wieder froh werden. Niemand hatte sie mehr lieb. Und vielleicht brachte ihr niemand Abendbrot. Und es sollte doch Karbonade und Zuckererbsen geben, unö hinterher Erdbeeren ... uhu ... und an allem war nur die dumme Miß Ros« schuld. Sie bereute sehr, daß sie den lieben Gott gestern darum gebeten hatte. Vielleicht konnte Gott es wieder rückgängig machen? Und sie drehte sich zur Wand und betete unter Schluchzen und Tränen das Vaterunser, dann fügte sie nach einem Augenblick des Nachdenkens hinzu: „Lieber Gott, willst du bitte nicht machen, um was ich dich gestern gebeten habe. Ich will doch nicht Miß Rosa werden." Als Mutti und Großmutti das Abendbrot brachten, schlief Anning, aber auf ihrem Kopfkissen waren zwei große, nasse Flecken und auf ihrem braunen Backen hingen noch ein paar Tränen, die Mutti wegküßte. Krauenleben im alten JRom. Von Theodor Birt. Im Verlage von Quelle & Meyer in Leipzig erschien das außerordentlich interessante Buch „Frauen der Antike" von Theodor B i r t. (307 Seiten. Leinenband 4,80 Mark.) Der vielseitigen Behandlung, die das Thema erfährt: „Die Hausfrau" — „Die Kameradin" — „Idealbilder" — „Politische Frauen" entnehmen wir das nachstehende Kapitel. Von den echten Römerinnen lateinischen oder sabinischen Stammes besitzen wir so gut wie kein Zeugnis. Unsere Kenntnis setzt knapp erst mit dem 3. Jahrhundert v. Chr. ein, und da sind die städtischen Gesellschaftskreise schon stark griechisch dressiert. Ohne Zweifel war die Natur der römischen Frauen animalisch mächtiger, im tierisch Gesunden sicherer verwurzelt und unnervös, dabei aber ihr Denkkreis enger, ihre Phantasie gestaltlos arm und unergiebig. Auch über alles Grübeln um Probleme jeder Art lebten diese Frauen triebhaft hinweg und taugten also auch von Hause aus wenig zur Beschäftigung mit Dingen der Staatstunft und Führung in politischen Aktionen. Patriotismus gewiß: die Freude an Kampf und Sieg der Männer war selbstverständlich; das gründete^ sich auf ein starkes Rassengefühl. Sie waren Wölfinnen und die eherne Lupa, das Wappentier Roms, das den Rornu- lus säugte, gleichsam ihre Ahne. Daher die Raublust, die Rauflust dieses Volkes. Aber nur die Sage zeigt uns wirkliche Heldinnen wie die Cloelio, die, vom Etruskerkönig Porfenna als Geisel entführt, auf dem Roß den Tiberfluß durchschwimmend, sich nach Rom rettete. In Wirklichkeit hat diese Heldin nie existiert, und die spätere Zeit schuf solche Gestalten, ein Wunschbild dessen, was die triviale Gegenwart vermißte. Dahin gehört auch die großartige Fabel von der Veturia, die die Vaterstadt vor ihrem eigenen Sohn rettet, der zum Landesfeind überging und Rom mit Kriegsmacht bedrängte. Sie opfert ihn, auf daß Rom lebte. In Shakespeares Drama „Coriolan" ist diese antike Dichtung verewigt. Seit im zweiten punifchen Krieg Hannibal niedergeworfen war und niemand mehr Roms Tore bedrohte, war zu solchen Leistungen der Bravour und des Edelmutes kein Anlaß. Roms dominierende Stellung befestigt sich immer mehr; es gürtet sich in Allmacht; feine Familiensöhne schleppen alljährlich nach Rom aus allen Provinzen Beute herbei. Wofür sollten die lieben Frauen sich da noch opfern? Das Wertvollste, die Pflicht, für das Gemeinwohl sich einzusetzen, war völlig überflüssig geworden, und was übrig blieb, um das Leben auszufüllen, war die Genußsucht, der klotzige Familienstolz und die Intrige, wenn ein Haus das andere beneidete. Das klingt abschreckend, aber es gilt nur für die Häuser der Bevorzugten, der Kriegs- und Staatsgewinnler, so viele es auch waren, und es gab damals noch Familien anspruchsloserer Art genug, an bereit Hausmütter und Haustöchter wir unvoreingenommen und in Freundlichkeit gedenken können. Dürften wir uns nur von ihnen nach den heutigen Römerinnen eine Vorstellung machen! Dann wäre alles gut! War ihnen auch damals der starke Blick, der festlich wiegende Gang schon eigen, das stolze Sich - fremd - zeigen und rasche Sich - entzünden, die lachende Lebenslust und der Schrei der Wut? schmeichelnd und giftsprühend in prachtvoller Natürlichkeit? Der Frage fehlt die Antwort. Vorsicht im Urteil ist geboten; denn allzuviel sremde Menschenwellen haben seit der Zeit der Völkerwanderungunb schon vorher Italien überspült. Der römische-italische Menschenschlag ist dem griechischen ohne Frage sehr ähnlich gewesen; denn von einem Gegensatz im Körperlichen hören wir nie. Immerhin war im Römer alles brutaler, das Schönheitssüchtige, Feinfühlige fehlte; man war selbstsicherer, überlegen und derb, gewiß sehr unmusikalisch, aber tanzlustig wie heute zur simplen Holzmusik, Zupsmusik und Kastagnette. Daß jedoch in Rom und im lateinischen Land keine originale Dichtkunst entstand (einer Salzwüste gleich, auf der kein Halm wächst), daran trägt das weibliche Geschlecht ein gutes Teil der Schuld. Die Mutter ober bie Amme konnte lala lala fingen; bas wirb uns ausdrücklich gemeldet; aber das ist wenig. Es geschah, damit das Kind schlafe oder die Brust nehme. Wenn man an den ländlichen Festen wie bei uns auf der Kirmes in Buden und Zelten zechte und dazu fang unter Beteiligung der Weiber, so mag das ein nettes Geplärre gewesen sein; jedenfalls hören wir nie, daß jemand daran seine Freude hatte. Alles bisher Feftgestellte war leider stark negativ. Beruhigend Fber ist es zugleich, daß die jungen Mädchen nach des Horaz Zeugnis süß wie Lalage lächelten. Ein rassige Schönheit ersten Grades ist das Mädchen von Tibur mit dem Feuerblick, den Fackeln des Auges, die dem Dichter Properz das Herz versengten. Und Tanzen, das war Sache der Frauen und ihre- Passion, nicht Chortanz, auch nicht die Tarantella der heutigen Italiener zu zweien, Bursch und Dirne, sondern lediglich Solotanz. Einen Männertanz zum Dreischritt gab es nur bei den Bauern; sonst war er unter der Würde des Römers. In der eleganten Gesell- jchast tanzte dagegen die Frau des Hauses kühn und heiter zur Freude der Gäste; nicht anders das Mädchen aus bescheidenen Bürgerkreisen im engen Hof des Mietshauses mit derselben Freude und Hingabe, ^md wie der Wirbelwind und doch gewiß nicht ohne Grazie, die dem Südländer eigen. Endlich aber und vor allem fehlt der Römerin jede politische Anspielung, und das muß unter römischen Bürgern besonders auffallen und befremden. Die Politik scheint diesen Leuten meilenfern zu Nicht einmal auf bie nufregenben Beamtenwahlen, bie boch alljährlich tattfanden unb jeben angilben, mit Agitation, Strmmfüng und Be- tcchungen wirb irgendwo angefpiett. Die Familien waren ganz mit sich elbst bejchästigt, und bas ist lehrreich. In ber Mass^ bes Volkes war der Sinn für politische Betätigung gering, zumal bei ben Frauen. Der Staat ist, wie er ist, unb wie er war, mochte er für sich selber sorgen. Anders freilich bis zu einem gewissen Grabe bie Frauen aus ber No bilität Roms. Da gibt es Zusammenhalt, unb sie rotten sich zu Hausen, aber nur, wo es um ihre eigensten Angelegenheiten geht, sogar ein bestimmtes Versammlungslokal hat es anscheinend gegeben, wo sie sich fanden. Das Gesagte aber wirb bnmit, wie man sieht, nur wenig eingeschränkt. Oer Oom zu Naumburg. Von L i e s b e t Dill. Es gibt Dome, bie langsam in Vergessenheit geraten, so schön sie auch sind, ben Naumburger Dom aber trifft biefes Schicksal nicht. Sein« „steinerne Ircigöbie" soll sogar verfilmt werben. Er ist bie Schwestern- kirche des Bamberger Doms. Ein altes, sauberes Stäbtchen, ein reizender Marktplatz mit Renaifsancehäufern, hübsche Anlagen, ber „Ring", auf dem ein paar alte Herren ohne Eile unter rotbelaubten Bäumen wanbeln, ber Herbstwinb treibt bie roten Blätter vor mir her, enge Gassen mit spitzem, mittelalterlichem Pflaster, ber alte Domplatz mit bem Dom. Erhaben steht er da, würdig, grau unb still ... Nibelungenstimmung umgibt uns, eine alte Esche neigt zärtlich ihre breiten Zweige gegen bie Kirchenfenster, ringsum bie alten Häuser waren einst vom Naumburger Abel bewohnt, als hier noch ^Fürsten herrschten. Golden schwebt ber Himmel über ben Dächern ber Stabt, bem grünen Flußtal, ben Saaleufern, unb ben im herbstlichen Dust uerfchroinbenben Weinbergen mit ihren zierlichen Weinberghäuschen unb ben Villen in grünen Gärten. Eine Blumenstadt, ein „Pensionopolis". Vierzigtausenb Besucher kommen jährlich her, um ben Dom zu sehen, elegante Autos parken in Reihen vor seinem Eingang. Die schwarzen Dohlen, beren Voreltern schon vor Jahrhunderten den Dom umschwirrten, umflatterten seine grauen Türme, auf deren grünpatinierten Dächern die Herbstsonne funkelt, ein steinerner Löwe reckt" sich, bie Wasserspeier schreien vom Dach. Re- naissancehäuser umstehen ben Dom, feierlich und alt. Drinnen ist es Herbst. Die Sonne matt bunte Lichter und Kringel auf bie Gesichter ber steinernen schlafenden Bischöfe, die hier ruhen, und auf die Wappen thüringischer Rittergeschlechter. Es'ist Sonntag. Eine Besucher-Herde wird schon geführt, die andere Herde wartet am Eingang an dem goldenen Barockgitter, hinter dem der merkwürdige, uralte Christus hängt mit dem maurischen Gesicht. In seiner Leibwunde' waren einst Reliquien verborgen, jetzt ist sie leer... Schöngeschnitzte Chorwangen mit seltsamen Gestalten — ein Hase sriht ein Kaninchen —, die Sonne malt den Holzgestalten lebendige Augen und rote Wangen, sie lächeln uns an. An trüben, kalten Tagen sind sie tot und ernst, aber bie Sonne erweckt sie zum Leben, bann wirb der ganze Dom lebendig und bekommt ein anderes Gesicht... Zwei „Eckartiner", die größten Fürsten Thüringens, lebten hier, bauten sich eine Burg, heirateten schöne Frauen, der eine eine Polin, der anöere bie süße Uta, die seit Jahrhunderten die Menschen anlockt nut dem schmalen, aristokratischen Gesicht, dem Schrecken in ihren Augen den seinen, zärtlichen Händen, mit denen sie sich mit der entsetzten Geste ben Mantel vors Gesicht hält, um den Mörder ihres Gatten nicht zu sehen, der rechts in der Ecke das Schwert unterm Mantel verbirgt, etc mar eine schöne, reife junge Frau, die liebte und geliebt wurde ... unb bie ficper diese Tragöbie überlebte, an ber ihr Gatte starb. Die Eckartiner ließen eine Taube fliegen, unb wo bie sich niederließ, bauten sie den Dom. Sie sind die Stifter ber Kirche, ihre Stammbiiber sind Glanzstucke des Doms diese unheimlichen Paare auf ihren Sockeln, mantelverhullt, ausdrucksvoll "" Ueb'er'den Dom selbst unb seine Schönheiten will ich das Wort den Kunsthistorikern Überlassen, aber seine Stimmung zu erfaffen, dazu mutz bie Sonne scheinen... Einmal im Jahr, im März, in einer Stunbe, Jtreift durch einen Einschnitt in der steinernen Domwand ein Sonnenstrahl den Christus, der seine Arme über die Ture breitet, bann mirb biefer fonft traurige Kopf lebenbig, bann ist die Holzgestalt aus einmal lebendig ... die Sonne hat ihn geweckt. Die Architekten der früheren Jahrhunderte waren gleichzeitig astrologisch bewandert. Die kartenspielenden und frefsem den Affen auf einem Kapitell des Ostchors waren em Scherz, ben sie sich elta9tubünot funkelt die Sonne auf dem entzückenden goldenen Gitter mit den schmiedeeisernen Nelken und Tulpen, aus der Madonna nut den amei Engeln auf der Schulter, die auf einem Mohrenkopf und einer Mondsichel steht. Der Wurm ist schon im Holz3m Dsten ift.ber Dom grau aber er wird immer heller und weißer nach dem Westen. Der eiiniae Lettner, den es überhaupt noch gibt, steht. hier, pathetisch und romanisch Betrus und Baulus mit den -chwärd' jagte ber .ftufter Gin febr interessantes Bild des schönen Grasen Bunau hangt an der Land. Er hatte in feinem Testament 1520 bestimmt, ein Jahr nach feinem Tod, K5.S», Ä s '-»-L »ÄS' SÄÄ'LS WWMWLMMB Srau rote bie anbcrc j Hermann mit Reglindis, der das nicht, so ständen sie nicht mehr hier, denn nach bem Versailler Vertrag sollten biese wunderbaren Steingestalten „abgeliefert werben", als Beute. Da fie aber aus bem Stein der Säulen herausgearbeitet sind, hätte man ben ganzen Dom abbrechen müssen, so blieben sie ba unb brauchten bie Reise über ben Rhein nicht anzutreten. Der Barockaltar von Cranach ist mit 250 000 Mark versichert. Die Sonne sammelt sich auf dem schmalen Gesicht der süßen Uta, aus ihrem reizenden, kleinen Mund; ihre schönen Hände halten den faltigen Mantel zusammen, ängstlich, aber doch etwas neugierig, was daraus wird, aus dem „Gottesgericht" zwischen ben beiben Männern, von benen fie einen liebte unb den anderen nicht. Die Polin lacht höhnisch dazu, ein breit= slavisches Gesicht, ohne bie Feinheit der Ufa, die betörend schön ist. Ihre schlanke, ranke Gestalt umwallt ein Mantel, der ihre edlen Formen verrät. Nein, Madonnen sind das nicht, es sind Frauen, die leben und gelebt haben, unb sicher nicht immer fromm unb tugenbhaft. Der graue Stein, der sie roiebergibt, kann dieses sprühende Leben nicht bändigen. Sie lächeln uns an, bie eine spöttisch, die andere in Gedanken verloren, die schönen Hände verraten Angst um ben Geliebten ... bas Schicksal all dieser Männer war tragisch, einer wurde bei Merseburg ermordet, einer erschlagen, einer fiel im Duell mit dem Liebhaber feiner schönen Frau... Selbst die Turmspitzen dieses Doms haben ihre Geschichte. Eine ber Spitzen baute der Meister, die andere der Lehrling. Da diese schöner unb zierlicher aussiel als bie bes Meisters, stürzte ber seinen Lehrling aus Rache vom Dach. Der Mürber wurde vor dem Dom hingerichtet... Die Sonne verläßt mit mir den Dom. Nun ist der alte Bau wieder finster und grau, die Bischöfe lächeln nicht mehr, und der Gekreuzigte breitet in Todesqualen seine Arme aus... Alles sieht plötzlich verändert aus. Nur Uta lächelt, sie hält sich mit schelmischer Gebärde den Mantel halb vors Gesicht, nicht ganz, nur so, daß sie noch etwas sehen kann von bem, was geschieht, was fie heraufbeschworen hat, ohne sich etwas dabei zu denken ... Oer Säemann. ■ Von Matthias Claudius. Der Säemann säet den Samen,- die Erd' empfängt ihn, unb über ein kleines keimet die Blume herauf. Du liebtest fie, was auch dies Leben sonst für Gewinn hat, war Nein dir geachtet, und sie entschlummerte dir. Was weinest du neben dem Grabe unb hebst die Hände zur Walke bes Tabes unb der Verwesung empor? Wie Gras auf dem Felde sinb Menschen dahin, wie Blätter; nur wenige Tage gehn wir verkleidet einher. Der Adler besuchet bie Erde, doch säumt nicht, schüttelt vom Flügel ben Staub und kehret zur Sonne zurück. Oer Kriegskommissar des Königs. Roman von Friedrich F r e k s a. Copyright 1931 by August Scherl, G. nt b. H., Berlin. (Fortsetzung.) Aus Halle hafte Heinrich lange Zeit nichts gehört. Die Frau Pfar- rerin hatte ein paar Briese geschrieben, in denen sie ihren Tageslauf erzählte und noch Mitteilung machte, sie hätte einen kranken, kriegsgefangenen ungarischen Major ins Haus ausgenommen, um so in ber schweren Zeit bie Geldeinkünfte ein wenig aufzubessern. Klara schrieb unter den Bries der Mutter ein paar Worte, daß sie darauf warte, der Herr Bräutigam möge sie besuchen. Es war ein großer Unterschied zwischen diesen und Emmas Briefen. Immer stärker ward für ihn der Gegensatz der beiden Schwestern, der stillen und der lebenslustigen. Das bedrückte ihn, zumal wenn er bie Briefpaketchen aus dem Koffer zog und noch einmal all das überlas, was Emma ihm an Gutem unb Liebem mitgeteilt. Da langte mit Extrapost ein Brief Klaras an: „Mein Herzallerliebster! Wenn Du mich vor großem Unheil bewahren willst, so schick mir das Reisegeld, und ich komme sogleich! Wir wollen uns vor Gott zusammengeben lassen, und ich will mit allen Diensten zufrieden sein, die ich für Dich leisten kann. Aber laß mich nicht hier in Halle! Ich vermag dies Leben nimmer zu »erschmecken!" Genaueres vermeldete das Schreiben nicht. Es erschien Heinrich ganz wie ber Ausbruch eines Mädchens nach irgendeinem Aerger ober un glücklichen Tage. Als er noch darüber nachsann, wurde er zum Herrn von Puttkamer gerufen, der ihm immer wohlwollte. Der alte Herr saß in seinem Stuhl und fragte: „Assessor, getraut Er sich, zwölf unb fünfzehn Stunden im Sattel zu bleiben?" Heinrich bejahte. . , Nun bann kann Er Seinen Dienst hier mit einem anbern vertauschen' Der General Graf Dohna hat Befehl von Majestät, den Generalmajor von Kleist mit sechstausend Mann vor ben Schweden stehen- wla en und mit ben übrigen Truppen ben Russen, die nach Preußen hineinqekommen sind, entgegenzurücken. Er soll tätig feirr als stellvertretender Kriegskommissarius und für die Verpflegung des Heeres alle Sorge übernehmen. Den Auftrag hat Er Seiner Kenntnis im Fran, aöfifdien zu verdanken; denn es wird ein Feldzug in Polen geben, wo die Edelleute zwar Französisch, aber nicht Deutsch verstehen. Also, mach Er sich unb uns Ehre!" rief der Herr von Puttkamer, stand auf und umarmte Heinrich. Nun galt es, sich vorzubereiten für den Dienst. An Klara schrieb er, daß er ins Feld hinaus müsse und da keine Frau bei sich gebrauchen könne, zumal es gegen die wilden Russen, Baschkiren und Kosaken ginge. Es war ein Bries, den jeder vernünftige Mensch in seiner Rechtschaffenheit verstehen muhte. Am nächsten Tage meldete sich Heinrich beim Grafen Dohna, der im Hotel zum „König von England" sein Quartier aufgeschlagen hatte. Im Vorzimmer hörte er eine heftige Stimme: „Was? Einen Schreiber schicken sie mir, einen Stubengelehrten, einen Doktor? Soll die Armee Tinte saufen und Federn fressen? Herein mit dem Menschen!" Heinrich sah sich einem Mann mit großem Kopf und feurigen Augen gegenüber. Der Kopf war kahl und erinnerte so an einen Römer. Ein Barbier war beschäftigt, den rechten Schenkel, in dem große Wundnarben sichtbar waren, einzureiben, lieber den Oberkörper war ein blauer Jnterimsrock gebreitet. Die Arme, in blütenweißen Hemdsärmeln, bewegten sich heftig. Der Mund knurrte einen ellenlangen Fluch: „Himmel- herrgottsakramentmordio! Hol' Euch der und jener!" Es war wohl zu erkennen, daß dieser Mann heftige Schmerzen hatte. „Was bringt Er mir?" herrschte er Heinrich an. Den verdroß der rauhe Ton, wenn er sich der Umgänglichkeit des Feldmarschalls Schwerin erinnerte. Aber militärisch erzogen, wie er war, nahm er die Stellung des preußischen Gardegrenadiers an und berichtete. »Papperlapapp!" fuhr der Graf ihm dazwischen. „Ich will wissen, was an bespanntem Fahrzeug da ist und was an Proviant! Um mir ein Bild zu machen, ob meine Truppen zu fressen haben oder hungern und rauben müssen!" Heinrich wagte, geziemend zu bemerken, daß er am Abend erst den Auftrag erhalten und sich bisher nicht hätte unterrichten können. „Dann hätte Er auch seinen neugierigen Kopf nicht hereinzustecken brauchen! Mach' Er mir sofort Bericht! — Himmelkreuzdonnerwetter, Barbier, drück' Er nicht so!" Der Adjutant, ein Herr von Riedesel, nahm Heinrich in Empfang und entschuldigte seinen General: „Er ist viel verwundet worden. Auf dem Schlachtfeld ist er ein Heros — aber er muß es zu teuer bezahlen ... Jetzt kann er sich vor Schmerzen nicht lassen, da das Wetter wechselt: und die Tinkturen helfen nichts." Der Herr Kriegskommissar, wie Heinrich nun genannt wurde, machte sich an die Arbeit. Er stieß auf Widerstand der Kolonnenleiter, die ihn nicht anerkennen wollten, weil er keine reguläre Uniform trug. Aber der Gouverneur schaffte bald Ordnung: Ein paar der widerspenstigen Ossi- ziere wurden zu drei und vier Tagen Arrest unter strenger Bewachung, ohne Weinzugabe und Raucherlaubnis, verurteilt: und das half. In acht Tagen hatte Heinrich eine genaue Ueberficht über den Bestand ber Magazine, über die Anforderungen, die noch zu treffen waren, und über Wagen und Bespannung zur Hand. Da er sich mit den Adjutanten \ gut stand, wußte er auch, wohin die Marschdispositionen gingen, uni hatte einen Plan ausgearbeitet für eine Borbelieferung der Rastorte, wie er es bei Schwerin gelernt hatte. Zum zweitenmal empfing ihn der Graf Dohna, voll ausgerüstet in Reitstiefeln. Er ließ sich vorlesen und zeigen, was Heinrich ausgearbeitet hatte, schlug dann mit der Reitpeitsche auf den Tisch: „Monsieur ist wohl ’ einer von diesen gelehrten Stubensoldaten wie Jzilius? Da laß' Er sich nur an den Stab des Königs versetzen — da kann Er mit Seinen Buch- erfindungen prahlen!" Heinrich blieb starr stehen. Der General schnaubte weiter: „Wie kommt Er dazu, sich in die Marschdispositionen einzustehlen? Wie marschiert wird, ist meine Sache! Er hat fürs Futter zu sorgen!" Heinrich wagte zu bemerken: „Im Dienste des Feldmarschalls Grafen Schwerin--" »Ach was!" schnaubte Dohna. „Schwerin ist tot, und Er ist nicht bei Schwerin!" Heinrich fühlte sich seltsam unbehaglich und unangenehm, aber Riedesel tröstete ihn: Er sollte sich nicht darum scheren — es würde fchon nach diesen Dispositionen gearbeitet; er solle alles bereitstellen. In der Tat war es so. Am fünften Marschtag ließ Dohna den stell- vertretenden Kriegskommissarius kommen: „Ich sehe. Er ist besser anstellig, als ich geglaubt! Verhalte Er sich nur mit meinem Adjutanten gut! Arbeite Er mit dem zusammen — der weiß das Militärische — und die Dispositionen gebe Er immer an den Adjutanten! Ich werde dann alles gegenzeichnen!" Da sie nun weiter vorrückten, wurde bas Land immer ärmlicher. Es war schwierig, die Verpflegung für die Truppen zu beschaffen: die Kolonnen tarnen nicht so schnell nach, wie die Infanterie marschierte. Wo Russen gestanden hatten, war alles kahl gefressen, als sei ein Heuschreckenschwarm eingefallen. Die Dörfer waren niedergebrannt: die Einwohner hatten sich in die Wälder geflüchtet; dort lebten sie von Beeren und Kräutern. Die Soldaten hatten manchen Tag nichts anderes als das Fleisch gefallener Pferde. Suppen wurden gekocht aus Kohl, ©ros, halbreifem Getreide, oder was sich in Obftbüschen und Bäumen sand. Heinrich mußte jeden Abend antreten, und das Hevgottsdonner- wetter des Grafen Dohna ergoß sich über ihn. „An diesem vermaledeiten Feldzug ist nur dieser Federfuchser von Kriegskommissarius schuld! schrie der Graf. Heinrich ritt in diesen Tagen Meilen und Meilen, um wenigstens bestimmte Raftorte mit einem Zutrieb zu versorgen. Doch Riedesel konnte nicht mehr so genau angeben, wo ein Halt von zwei Tagen gemacht wurde. Die Proviantkolonnen mußten gesichert werden, da allenthalben Kosaken schweiften. Freilich waren das Kriegsvölker, die nur rauben und plündern wollten. Ihr Leben war ihnen zu lieb, um es in einem Gefecht ohne Rot zu opfern. Die vorrückende Armee mußte vom Lande (eben. Streifzüge wurden gemacht — nur, um etwa doch verborgene Lebensrnittel aufzufinden. So ritt Heinrich eines Morgens unter der Eskorte einer Schwadron des Malachowskyschen Husarenregiments aus, um in einem großen Dorf nach Proviant zu suchen. Da man nie vor Uebersällen der Kosaken sicher war, wurden Streifen vorausgeschickt, während di« Schwadron geschlossen über die Felder trabte. Eine Viertelstunde mochten sie noch von dem Dorf entfernt fein, als ein Husar der Vorhut im vollem Galopp zurückgejagt kam. Auf dem Sattel hielt er vor sich einen kleinen Jungen von fünf ober sechs Jahren, der nur ein Hemdchen anhatte und laut meinte und schluchzte. Das Kind war dem Husaren entgegengelaufen und hatte unter Weinen und Schluch- zen gebeten, ins Dorf zu reiten und feinen Vater zu befreien; die Kosaken prügelten ihn tot. Der Korporal, der die Vorhut befehligte, hatte den Husaren mit dem Kind zum Rittmeister zurückgesandt, um die Meldung selbst entgegenzunehmen. Der Rittmeister ließ sich den Jungen reichen, und der Kleine, der für sein Alter schon recht gescheit zu fein schien, erzählte: „Lieber Herr Offizier, viele, viele Kosaken sind auf den Pfarrhof hineingeritten gekommen. Alles haben sie zerhauen und zerschlagen, und Mutter und Vater haben so geschrien und die Martha und die Stina auch. Ich bin hinaus aus dem Bett und aus dem Fenster und dachte: Wenn nur einer kommt! Und der liebe Gott hat mir den guten Husaren geschickt!" Der Rittmeister, ein alter Offizier, drehte an dem eisgrauen Schnauzbart und schimpfte: „Den Kerlen soll die Kreuzschockschwerenot auf den Hals fahren! Wir wollen ihnen die Lust am Plündern fchon gründlich austreiben!" Und er befahl einem Kornett, mit fünfundzwanzig Husaren halb links ums Dorf zu reiten und so den Kosaken in den Rücken zu kommen; die übrige Mannschaft hätte, in zwei Treffen formiert, geradeswegs ins Dorf einzurücken. Heinrich war so voll Zorn und Ingrimm, daß er den Säbel zog, die Pistolen im Halfter lockerte und mit den Husaren ins Dors einritt. Aus den Häusern tarnen eine Menge Kosaken herausgetaumelt, die halb oder ganz betrunken waren. Sie wollten eilig auf ihre an den Zäunen angebundenen kleinen Pferde steigen, aber Gott und der Branntwein waren wider sie. Die Husarensäbel räumten auf, so daß die Kerle daoon- liefen, was sie konnten, zum anderen Ausgang des Ortes. Da aber fielen sie dem Kornett und der Korporalfchaft der Vorhut in die Hände; nur einzelnen gelang es, sich zu retten. Heinrich selbst ritt gegen das Pfarrhaus. Da tarn ihm ein baumlanger Kosak mit branntweinrotem Gesicht entgegen; ein struppiger Fuchsbart hing ihm ums Kinn. Der Kerl hatte seine Pike ergriffen und wollte damit den Preußen vom Roß herunterholen. Heinrich konnte nur noch eine Pistole auf den Kerl ab feuern Der stürzte, in die Brust getroffen, zusammen; ein dicker Blufstrahl zischte aus der Wunde. In dem Augenblick, als der Feind lag, fühlte sich Heinrich wie ein Mörder. Dann sah er, daß der Gefallene nicht tot war, sondern sich in Schmerzen streckte. Er konnt's nicht mit ansehen, sprang ab, nahm den Verwundeten, trug ihn in ein Gehöft und gab den Leuten Geld, ihn zu pflegen. 5m ganzen Dorf sah es schrecklich aus. Diese Menschen hatten nicht nur Nahrung gesucht ober Beute machen wollen — nein, sie hatten einfach alles zerschlagen, was sie nicht brauchen konnten. Das Hous des Pfarrers war von oben bis unten verwüstet, die Bibliothek zerhauen und auf den Mist geschmissen. Der Pfarrer war mit beiden Händen an die Tür gebunden; die Kosaken hatten ihn mit ihren Kantschus geschlagen, um Geld zu erpressen. Der Rittmeister war so empört, daß er die Kosaken an die Bäume binden und durchkarbatschen ließ, und als ihr Hetman empört tat, schlug er ihm mit der flachen Klinge aufs Maul; er ließ ihn auch nicht als Offizier behandeln, sondern reihte ihn unter die Gefangenen ein. Die Schwadron stieß weiter vor und erbeutete einen ansehnlichen Transport von Brotwagen und Schlachtvieh; nun konnte die Kolonne zunächst einmal verschnaufen. Heinrich sah nach dem verwundeten Ko- laten, den der Feldscher Iwan nannte. Dieser Mensch, der im Dorf wie eine Bestie erschienen war, dankte Heinrich mit Tränen in den Augen, küßte ihm die Hand und erklärte, er wolle ihm sein Leben lang dienen. Das Dorf selbst erhielt auf Befehl des Grafen Dohna Hilfe, aber es starben von den gefolterten Männern noch vier und von den Frauen acht ober neun; darunter war die Pfarrerin. Heinrich und viele Offiziere schloffen sich dem Leichenbegängnis an. Graf Dohna, dem Heinrich Bericht hatte machen müssen, zeigte sich von einer neuen Seite. Als er von dem Unglück des Pfarrers vernommen und von dem tapferen Betragen des kleinen sechsjährigen Sohnes, erklärte er sich bereit, das Kind auf seine Kosten in Königsberg erziehen zu lassen. Das war für den frauenlos gewordenen kranken Mann eine große Hilfe in der Not und seelische Erleichterung. Kurz darauf wurde Dohna abberufen, und der Generalleutnant von Wedell, den Heinrich kannte, wurde Befehlshaber der Heereskolonne. Nun war Heinrich nicht mehr abhängig von den unwirfchen Launen eines an alten Wuirden leidenden Dorgefetzten, wurde auch nicht mehr mit „Er" angcrcbet. Webell freute sich, mit ihm französisch parlieren zu können. Am 23. Juli tarn es unweit Züllichow an ber Ober zum Tressen. Aber bie Uebermacht ber Russen war zu groß; obgleich bie Infanterie dreimal mit schlagenden Trommeln vorging, konnte sie den Feind nicht vom Schlachtfeld verjagen. Doch wenn auch bei Züllichow nicht gesiegt wurde — die Russen kamen nicht vorwärts und zogen sich zurück. So konnte Generalleutnant von Wedell den Uebergang über die Oder unternehmen Heinrich blieb zurück, um hinter dem Flusse die Zusammenbringung von Lebensmitteln und die Nachsendung ins Heer zu besorgen. Es war eine schreckliche Arbeit. Oft mußte, um für die Truppen zu sorgen, den armen Bauern bie letzte Kuh aus bem Stall gezogen werben. Aber Not kennt kein Gebot — bie Armee mußte leben; wäre sie nicht vorn gewesen, würben bie Kosaken ja alles verdorben und geschändet haben! (Fortsetzung folgt.) Aerantwonttch: Dr. San« Thyriot. — Druck und Derlag: Brühl'sche Univerj itäts-Duch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.